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Zur Geschichtspolitik des Vizepremiers Lepper – Presse
Andrzej Lepper kontra Prof. Jan M. Piskorski
In meinem offenen Brief vom 8. Mai habe ich mir erlaubt, Vizepremier Andrzej Lepper zu kritisieren, der im deutschen Wochenmagazin „Focus” behauptet hatte, Hitler habe die deutsche Wirtschaft „auf die Beine gebracht”. Ich erläuterte, dass Lepper diese These zwar schon in der Vergangenheit vertreten habe, aber damals eben noch nicht als Repräsentant der polnischen Regierung. Darüber hinaus schrieb ich, diese Meinung sei zwar im Nachkriegsdeutschland gängig gewesen, als der Nationalsozialismus noch nicht gänzlich überwunden war, heute hingegen höre man sie hauptsächlich im Milieu der Neonazis.
Auf den offenen Brief, der ein breites Echo in ausländischen Medien fand, reagierten gestern Abgeordnete der Partei „Samoobrona”, die eigens zu diesem Zweck eine Pressekonferenz in Stettin einberiefen. Der Abgeordnete Mateusz Piskorski (die Namensgleichheit ist zum Glück reiner Zufall) verkündete höflich, aber entschieden, ich solle mich für meine Äußerung entschuldigen. Geschehe das nicht, sähe sich der Vizepremier gezwungen, die Sache vor Gericht zu bringen. Er könne nicht zulassen, in ausländischen Medien neonazistischer Propaganda bezichtigt zu werden. Vizepremier Lepper habe im besagten Interview Hitlers Wirtschaftspolitik von seinen Verbrechen getrennt. Mateusz Piskorski fügte hinzu, die Verbreitung neonazistischer Propaganda sei in Polen strafbar und deswegen hätte ich in dieser Sache das Gericht anrufen sollen.
Hiermit erkläre ich, dass ich nicht den geringsten Grund sehe, mich bei Vizepremier Lepper zu entschuldigen, noch auch nur ein einziges Wort aus meinem Brief zurückzuziehen. Die Äußerung des polnischen Vizepremiers gegenüber dem deutschen Magazin ist einfach ein Skandal. Es stimmt, dass er bemüht war, die Wirtschaftspolitik Hitlers, die er bewundert, von den Naziverbrechen zu trennen. Aber diese Dinge lassen sich eben nicht voneinander trennen. Historiker und Wirtschaftswissenschaftler sind sich längst einig, dass Hitlers „Wirtschaftswunder” zunächst auf dem Raub jüdischen Besitzes basierte und später auf der Ausraubung ganz Europas. Dieses vermeintliche Wunder war nur dank intensiver Kriegsvorbereitungen möglich, die Hermann Göring persönlich leitete. Es stimmt, dass die deutsche Wirtschaft sich schneller entwickelte, zum großen Teil dank weltweit besserer Wirtschaftskonjunktur, und die Leute Arbeit bekamen. Man darf aber nicht vergessen, dass die Wirtschaft auf Kredit angekurbelt wurde, den später die besetzten Länder zahlten. Als erstes war Polen an der Reihe, das ein Fünftel der Bevölkerung verloren hat. Ich wiederhole: Man kann in diesem Fall nicht die Ziele von den Mitteln trennen, denn das eine wäre ohne das andere nicht möglich gewesen.
Folgte man dem Gedankengang des Vizepremiers Lepper sowie des Abgeordneten Mateusz Piskorski, der ihn unterstützt, müsste man sagen, ein Dieb, der jemanden beraubt und sich dadurch bereichert, sei kein Verbrecher. Er habe nur sein Vermögen vermehrt. Dass er dabei geschlagen, gestohlen und getötet hat, sollte uns nicht weiter interessieren.
Mateusz Piskorski empfehle ich, sich lieber mit seinen eigenen Ansichten zu beschäftigen als mit den meinigen. Ich habe den Eindruck, er wechselt sie allzu oft, allerdings immer im Rahmen extremistischer Bewegungen verschiedener Couleur. Er bekundete bereits seine Sympathien für die sogenannte „heidnische Bewegung”, die antichristliche Ideologie, den Rassismus. Für einen verhältnismäßig jungen Menschen ist das gar nicht so wenig.
Was aber Vizepremier Lepper anbelangt, muss man klar feststellen: Nach derartigen Äußerungen gäbe es für ihn in keiner Regierung des zivilisierten Europa mehr Platz. Das Ganze ist ein Politikum und keine Strafsache, denn meiner Meinung nach kann jeder auch noch das allerdümmste Zeug reden, vorausgesetzt allerdings, er ist nicht Vizepremier. Wie soll dieselbe Regierung von ausländischen Medien verlangen können, die falsche Begrifflichkeit zu korrigieren, derer sie sich ab und zu im Zusammenhang mit den „polnischen” Konzentrationslagern bedienen, wenn ein Regierungsmitglied die Wirtschaftspolitik Hitlers bewundert? Auf diese Weise können wir niemanden überzeugen, damit bestätigen wir höchstens antipolnische Stereotypen, was bereits geschieht.
Und zum Schluß: Ginge Vizepremier Lepper vor Gericht, so müsste er sich nicht nur gegen mich behaupten, sondern auch gegen Hunderte Wissenschaftler, die mir ihre Unterstützung zugesichert haben, ohne dass ich sie darum gebeten hätte. Unter ihnen sind nicht nur Fachleute – Historiker aus fast der ganzen Welt –, nicht nur Europaparlamentarier, sondern auch ehemalige Minister der Regierungen der Dritten Republik Polen. U.a. findet man meinen offenen Brief auf der Website von Dr. Janusz Onyszkiewicz, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Europaparlaments.
Jan M. Piskorski
(Ordentlicher Professor, Dr. hab., Historiker an der Universität Stettin, visiting professor der Universitäten in Mainz und Halle, Mitglied des Instituts für Geschichtsforschung an der Universität London, stellvertretender Vorsitzender der deutsch-polnischen Schulbuchkommission der UNESCO u.a.)
18.05.2006, Gazeta Wyborcza
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