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TRANSODRA 16, September 1997, S. 64 - 69

Dokumentation der Konferenz

"Umgang mit der Vergangenheit in Deutschland und Polen - Aufdecken oder Zudecken?"

28.-30.6.1996, Stettin

Vom 28. bis zum 30.6.1996 beschäftigten wir uns in Stettin mit dem Thema dieser Ausgabe von TRANSODRA. Etwa 100 Teilnehmer hatten sich angemeldet. Durch das große Interesse, auf das diese Konferenz in Stettin stieß, und durch die Bekanntmachung in Radio, Fernsehen und Zeitungen kamen noch weitere 60 Teilnehmer hinzu - in der Mehrheit waren es Journalisten aus dem Grenzgebiet. Die Referate waren, wie Sie sehen werden, sehr kompetent, informativ und vielseitig; die Diskussion konzentriert, scharf und kontrovers; die Atmosphäre offen und freundschaftlich; die Gastfreundschaft der Stadt überwältigend. Die Konferenz stieß in den polnischen Medien auf landesweites Interesse. Wir dokumentieren im folgenden die Referate der ersten beiden Tage und die wesentlichen Diskussionsbeiträge (vom Band übertragen und gekürzt). Da das polnische Parlament in der Zwischenzeit ein Lustrationsgesetz verabschiedet hat, fügen wir zu Ihrer Information den Text dieses Gesetzes und den kommentierenden Artikel eines an den Kommissionsarbeiten beteiligten Experten hinzu. Wir möchten uns auf diesem Wege noch einmal herzlich bei Hans Blumenthal, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Warschau und der brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung dafür bedanken, daß Sie durch ihre finanzielle Förderung des Hauptanteils der Kosten die Konferenz ermöglichten.

R.H.

Begrüßungsworte des Stettiner Stadtpräsidenten Bartomiej Sochanski

Herzlich willkommen in Stettin. Stettin ist eine Stadt mit den typischen Problemen eines Ballungsraumes, einer Hafenstadt und einer Stadt im Grenzgebiet. Stettin ist auch ein Ort der Bewährung und der Versöhnung. Dabei denke ich an die Beziehungen zu unseren deutschen Nachbarn und an die Kontakte mit den Menschen, die vor dem Zweiten Weltkrieg hier geboren wurden, hier lebten, die Stadt aufbauten und von deren Arbeit wir heute profitieren. Vielleicht wissen Sie, daß ein Stettiner und deutscher Historiker gemeinsam ein Buch über die Ereignisse der Jahre 1944 und 1945 in Stettin erarbeitet haben. Ich bin der erste Stettiner Stadtpräsident, der hier nach dem Krieg geboren wurde. In den 70er Jahren hat sich die hiesige Gesellschaft vor allem im Widerstand gegen das System des sogenannten realexistierenden Sozialismus zusammengefunden. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als 1970 das Wojewodschaftskomitee der Partei nicht weit von hier brannte oder als mein älterer Vetter im Jahr 1968 aus dem Polytechnikum kam, erregt von der dortigen Studentenbewegung. Ich erinnere mich an die Versammlungen im Stettiner Stadion, die nach den Arbeiterunruhen in Radom und Ursus stattfanden, aus eigenem Miterleben an die Streiks des Jahres 1980 und an den Kriegszustand, als bei uns die Panzer auffuhren. Ich erinnere mich an die politischen Prozesse, die ich damals als junger Jurist miterlebte, von 1981 an bis zum Ende der 80er Jahre, an die siegreichen Streiks von 1988/89, die zu den Gesprächen am "Runden Tisch" führten, dessen Ergebnis wiederum zwar nicht völlig freie, aber zumindest halbfreie Wahlen brachte. Viele Stettiner erinnern sich an diese Geschichte genauso gut wie ich. Heute haben wir es nicht nur mit denen zu tun, die damals im Widerstand gegen das Regime aktiv waren, sondern auch mit denen, die an der Macht waren bzw. diese verteidigten. Als Stadtpräsident treffe ich mit Leuten aller Art zusammen, unter anderem mit solchen, die mich noch vor zehn Jahren verhört haben. Das ist für mich nichts besonderes, so sieht eben unsere gegenwärtige Realität aus.

Ich hoffe, daß dieses Treffen hier in Stettin für uns alle, für die Politiker und Journalisten aus Deutschland und Polen interessant sein wird. Ich hoffe, daß Sie neben klugen Diskussionen und neuen Bekanntschaften auf der Konferenz auch die Möglichkeit haben werden, Stettin kennenzulernen. Stettin ist eine schöne Stadt, und um sie Ihnen zu zeigen, möchte ich Sie alle morgen abend zu einer Schiffsrundfahrt auf der Oder einladen.