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     TRANSODRA 16, September 1997, S. 64 - 69

Dokumentation der Konferenz

"Umgang mit der Vergangenheit in Deutschland und Polen - Aufdecken oder Zudecken?"

28.-30.6.1996, Stettin

Jaspers und die polnische Abrechnung mit der Geschichte

Kazimierz Wóycicki, Polnisches Kulturinstitut, Düsseldorf

Der im Jahre 1946 von dem berühmten Philosophen Karl Jaspers verfaßte Essay "Die Schuldfrage" war einer der wesentlichsten Beiträge im Prozeß der beginnenden deutschen Abrechnung mit der Vergangenheit. Nach fünfzig Jahren könnte man den Text für nicht mehr aktuell halten, wenn man annehmen würde, daß dieser sich ausschließlich auf den einzigartigen und außergewöhnlichen Fall des Dritten Reiches und seiner Verbrechen bezog. Der Essay ist aber nicht nur ein Beitrag zu der deutschen Abrechnungsdebatte, sondern er behebt auch eine schmerzhafte Lücke in der europäischen Ethik. Dadurch erhält er universelle Bedeutung und Aktualität bis heute. Diese Feststellung muß überhaupt nicht beinhalten, daß es zwischen der Abrechnung mit der Vergangenheit des Dritten Reiches und der Abrechnung mit irgendeiner anderen Form von Diktatur eine weitgehende Analogie gäbe. In der traditionellen Ethik beschäftigte man sich mit dem Verhalten des Individuums in Bezug auf sein Privatleben. Nur den Mächtigen schrieb man eventuell eine Verantwortung für den Verlauf der Geschichte zu. Dann wurden für sie besondere Traktate verfaßt, in denen man von der Annahme ausging, daß für den Mächtigen ein anderer ethischer Kodex gelte. Der Lauf der Geschichte erschien als etwas zu Großes, sich über den Köpfen gewöhnlicher Menschen hinweg vollziehendes, um das durchschnittliche Individuum mit der Verantwortung dafür zu belasten. Für den Einzelnen war der Lauf der Geschichte ein unbeherrschbares Element, er selbst war immer nur Objekt der Geschichte. Erst die Anerkennung, daß Demokratie eine Art moralischer Norm bedeutet - Allgemeingut erst seit der alptraumhaften historischen Erfahrung mit den zeitgenössischen Diktaturen -, führte zu dem Versuch, die traditionelle ethische Reflexion zu vervollständigen. Jaspers stellt ausdrücklich die Frage nach der Verantwortung jedes Einzelnen für den Verlauf großer politischer Prozesse, weil er jeden als dazu berufen betrachtet, Bürger eines demokratischen Staates zu sein. Jaspers eröffnet der ethischen Reflexion neue Horizonte, weil er die Begriffe von Diktatur und Demokratie in den Bereich der ethischen Reflexion einbezieht und auf die Frage nach der ethischen Verantwortung des Einzelnen anwendet. Jaspers stellt strenge Kriterien der Verantwortung der Einzelnen für Ereignisse auf, denen gegenüber sie - der älteren Tradition folgend - das Recht gehabt hätten, passiv zuzusehen. Die Demokratie, begriffen als moralische Norm, macht alle zu Teilnehmern der Geschichte und verunmöglicht die Rolle des unschuldigen Zeugen. In voller Übereinstimmung mit der europäischen Tradition widersetzte sich Jaspers jedoch der damaligen Neigung, von einer Kollektivschuld der Deutschen zu sprechen. Die von ihm vorgenommenen sorgfältigen und spezifischen Differenzierungen hatten die Bestimmung der Schuld der Einzelnen zum Ziel, nur mit dem Unterschied gegenüber der Tradition, daß er nicht nur nach der Verantwortung der Herrschenden, sondern nach der Verantwortung jedes einzelnen Deutschen fragte. Jaspers' ethische Reflexion in dem Essay "Die Schuldfrage" bezieht sich auf jede Gesellschaft, die eine Diktatur erlebt hat, vorausgesetzt, man stimmt mit der Annahme überein, daß die Demokratie eine Art moralischer Norm und jeder Einzelne aus moralischer Berufung ein Staatsbürger ist. In einem demokratischen Staat sollte eine solche Annahme selbstverständlich sein.

Der Essay von Jaspers steht am Anfang eines langen Prozesses, den man in Deutschland als "Bewältigung" oder auch "Verarbeitung der Geschichte" bezeichnet, wörtlich übersetzt müßte es "przezwyciezanie historii" heißen. Diese Begrifflichkeit wurde vielfach kritisiert, allein schon aus dem Grunde, weil man etwas, was einmal passiert ist, nicht bewältigen oder ändern könne. Andererseits kann das Übernehmen von Verantwortung für etwas, was in der Vergangenheit passiert ist, kein einmaliger und vollendeter Akt sein, was diese Begriffe ebenfalls suggerieren könnten. In der konkreten deutschen Situation wurden sie aber über Jahre hinweg angewandt.

In Polen nach 1989 hat man ebenfalls die Frage gestellt, wer für die Herrschaft der kommunistischen Diktatur im Lande verantwortlich gewesen sei. Vom traditionellen Standpunkt aus gesehen könnte man sagen, schuld waren die historischen Umstände und eventuell noch irgendeine Gruppe machtausübender Menschen. Wenn aber Demokratie eine moralische Norm bedeutet, betrifft die Frage alle Mitglieder der Gesellschaft und lautet so: "Inwieweit warst du Bürger - und inwieweit Helfer der Diktatur"? Leider hat man in Polen keinerlei Begrifflichkeit geschaffen, die eine sachliche Diskussion erlauben würde. Der irreführende Begriff "Lustration" (Durchleuchtung) mit seiner eingeschränkten Bedeutung hat alle anderen möglichen Begriffe, deren man sich hätte bedienen können, in den Schatten gestellt. Richtig erscheint es mir, den Begriff "Abrechnung mit der Geschichte" vorzuschlagen, der ab und zu verwendet wird. Er hat einen ähnlichen Sinngehalt wie die deutsche Begrifflichkeit, kann allerdings genau wie diese Zweifel wecken. In Polen besteht das Problem vor allem darin, daß die Notwendigkeit einer Abrechnung nicht allgemein anerkannt wurde. Man stößt auf Urteile in der Art: "Alle haben irgendwie an dem, was die Volksrepublik Polen war, teilgenommen". In der Konsequenz muß das zu Zynismus führen, da alle Taten gleich sein sollen. Urteile mit einer anderen Intention wiederum, wie z.B.: "Wer Mitglied der PVAP war, ist kompromittiert", anerkennen das Prinzip der Kollektivschuld. Viele halten jedwede Abrechnung mit der Geschichte für einen Versuch, persönlich abzurechnen, sich zu rächen oder für ein Mittel politischer Manipulation. Die Bedeutung des Begriffs "Abrechnung mit der Geschichte" steht dem genau entgegen, wenn man nur annimmt, daß er Demokratie und das Bürgersein des Einzelnen als ethische Norm beinhaltet. Eine so verstandene Abrechnung mit der Geschichte braucht jede Gesellschaft, um nach dem Übergang vom diktatorischen zum demokratischen System die politische Kultur wiederaufzubauen. Der geschichtliche Zeitabschnitt, der der Erlangung der Demokratie unmittelbar vorausging, unterliegt einer besonderen Bewertung, die die Festigung der für die Demokratie und die Bürgergesellschaft benötigten ethischen Prinzipien erleichtern sollte. Die Kategorien von Jaspers finden in diesem Fall ihre richtige Anwendung.

Da die Kategorien des Essays "Die Schuldfrage" wohl bekannt sind, und der Essay schon vor langer Zeit von Stanislaw Tyrowicz hervorragend ins Polnische übersetzt worden ist, möchte ich sie an dieser Stelle nur in Erinnerung rufen. Jaspers unterscheidet vier Arten von Schuld für die während der Zeit der Diktatur begangenen Verbrechen, obwohl man auch von vier Arten der Verantwortung für die Fortdauer der Diktatur sprechen könnte. Die Schuld kann kriminell, politisch, moralisch und metaphysisch sein. Der Sinn des Begriffs der kriminellen Schuld ist offensichtlich. Eine politische Schuld belastet diejenigen, die eine politische Wahl trafen, die Verbrechen oder Verletzungen der Menschenrechte ermöglichte. Die moralische Schuld ist umfassender und belastet all jene, die sich nicht dafür verantwortlich fühlten, die Tragödie zu verhindern. Eine metaphysische Schuld trifft diejenigen, die die Tragödie als passive Zeugen erlebt haben.

Die Schwierigkeiten bei der Anwendung der Kategorien von Jaspers auf die polnische Situation nach 1945 sind nicht unbedingt, wie manche zu meinen geneigt sind, eine Folge der offensichtlichen Unterschiede zwischen dem System der kommunistischen und der Nazidiktatur. Diese Schwierigkeiten sind vor allem mit der Tatsache verbunden, daß hier beinahe ein halbes Jahrhundert, eine gar nicht einheitliche Epoche, beurteilt werden soll, die man ganz sicher zumindest in mehrere Zeitabschnitte unterteilen sollte. Diese unterscheiden sich so sehr voneinander, daß auch der Versuch der Menschen, mit jedem dieser Zeitabschnitte umzugehen, eine andere Analyse verlangt. Die sich verändernde Situation, vor allem politisch, aber auch ökonomisch und kulturell, schafft jeweils einen ganz neuen Kontext für die Beurteilung des menschlichen Verhaltens und der Art, wie der Einzelne versuchen konnte, in einem "Anti-Bürger-System" Bürger zu sein. Nach 1989 versuchte man die ganze Zeit der Volksrepublik Polen global zu bewerten, was ständig Emotionen und Proteste hervorrief, einmal von den einen, dann von den anderen. All diese Diskussionen haben wohl nicht viel gebracht, da sie mehr Mißverständnisse schufen als Aufklärung brachten. Kein Wunder. Die Abrechnung mit der Geschichte, die eine Untermauerung der Demokratie zum Ziel hat, verträgt keine Verallgemeinerungen. Und die größte Verallgemeinerung ist in dem Versuch selbst enthalten, ein einheitliches Urteil über beinahe fünfzig Jahre Geschichte abzugeben.

Obwohl die Geschichte Volkspolens noch nicht ausreichend erarbeitet worden ist, scheint es das Bedürfnis zu geben, für den Bedarf der polnischen Abrechnungsdebatte mindestens drei grundlegende Zeitabschnitte zu unterscheiden. Der erste Zeitraum umfaßt die Jahre 1944-56, der zweite die Jahre 1956-76, der dritte die Jahre 1976-89. So wie die erste Zäsur selbstverständlich erscheint, so könnten die zweite und die dritte strittig sein. Man könnte fragen, ob man nicht die ganze Zeit nach 56 einheitlich betrachten sollte, oder ob man nicht vielleicht die Zäsuren 1970 oder 1980 ansetzen sollte. Vor allem die Zäsur des Jahres 1980 könnte hier als wesentlicher erscheinen. Auch für mich ist diese Periodisierung nicht offensichtlich, und ich wäre bereit, darüber zu diskutieren, und muß nicht unbedingt darauf bestehen. Es scheint mir, daß sich zwischen 1970 und 1980, was im wesentlichen mit dem Datum 1976 verbunden ist, sowohl die politische Situation im Lande als auch die ganze moralische Atmosphäre verändert haben. Die ersten Anzeichen organisierten bürgerlichen Ungehorsams und Widerstandes brachten für alle Mitglieder der Gesellschaft eine neue moralische Situation. Daher die Wahl des Datums 1976. Wenn man den ersten Zeitabschnitt als Stalinismus bezeichnet, den zweiten als den der kleinen Stabilisierung, und den dritten als den des anwachsenden Protestes, so suggerieren schon allein diese Bezeichnungen (die allgemein gebraucht werden) einen unterschiedlichen Kontext, in dem man das Verhalten des Einzelnen abwägen sollte.

Gegen die "Abrechnungs-Periodisierung" könnte man ein wesentliches Argument anbringen, mit dem man unbedingt fertig werden muß. Wenn die Einteilung der Geschichte Volkspolens in einzelne Zeitabschnitte uns selbstverständlich vorkommt, so ist es schon viel schwieriger, die Biographien der Einzelnen in solche Zeitabschnitte zu teilen, obwohl eben die Biographien der Bewertung unterliegen. Die Schwierigkeit scheint darin zu liegen, daß es den menschlichen Biographien über längere Zeitabschnitte hinweg meistens an Eindeutigkeit fehlt. Eine Person, die sich in dem einen Zeitabschnitt tadelnswert verhalten hatte (z.B. engagiert während des Stalinismus), konnte sich später anständig und mutig verhalten. Umgekehrt konnte der Held von gestern, wenn er, wie es scheint, das schlimmste bereits überstanden hatte, zum zynischen Karrieristen werden. Beide Situationen versuchten die kommunistischen Machthaber vor 1989 auszunutzen. Die Propagandisten der PVAP warfen vielen Oppositionellen der achtziger Jahre ihren Stalinismus vor, um in den Augen der Gesellschaft ihr Vertrauen zu untergraben. Und umgekehrt zeigte man gern früher mit der Opposition verbundene Menschen, als bekehrte Befürworter des Regimes. Jedenfalls sind diese Manipulationen menschlicher Biographien eine Warnung, wie vorsichtig man mit den Problemen der Abrechnung umgehen muß.

Es muß jedoch gesagt werden, daß vor allem die einzelnen Taten einer moralischen Bewertung unterliegen. Daß der Verbrecher versucht hat, ein Kind aus der Feuersbrunst zu retten, ändert nichts an der Beurteilung seines Verbrechens. Daß jemand früher einmal ein Held war, entschuldigt nicht die Tatsache, daß er später eine Unterschlagung beging. Der Versuch der ganzheitlichen Bewertung von jemandes Biographie kann radikal anders ausfallen als die Beurteilung einer einzelnen Tat oder eines Teils seines Verhaltens. All das ist aber keineswegs ein Argument dafür, es zu unterlassen, einzelne Taten zu beurteilen, beispielsweise weil sie von Personen begangen wurden, die aufgrund ihres sonstigen Verhaltens Respekt verdienen. Die Abrechnungsperiodisierung hat nur zum Ziel, das menschliche Verhalten in den richtigen Kontext zu stellen. Einen PVAP-Aktivisten der achtziger Jahre als einen nach dem Krieg geborenen Stalinisten zu bezeichnen, ist ein greller Mißbrauch in vielerlei Hinsicht. Schließlich muß man darauf hinweisen, daß der Versuch, menschliche Taten zu bewerten, sich nicht darauf beschränkt und nicht darauf beschränken sollte, nur negative Urteile zu fällen. Es geht genauso darum, Autoritäten kennenzulernen und positive Vorbilder aufzuzeigen. Die Suche nach solchen Vorbildern ist unumgänglich, denn nur wenn man sie findet, kann man auf überzeugende Art beweisen, daß es möglich war, bestimmte schwierige Situationen und Zeiträume würdevoll und anständig zu verleben. Nur wenn man nach Vorbildern für das moralische Handeln des Bürgers sucht, ist der Bezug auf die ganze Biographie notwendig und nützlich. Nur ein Mensch, der sich sein ganzes Leben lang an den "Anständigkeitskanon" gehalten hat, kann verdienterweise als Autorität gelten. Deshalb ist die Kenntnis der Lebensläufe solcher Menschen wie der Ossowskis, von Cieplinski, Puzak, Lutoslawski, Dabrowska, Wyszynski und Beynar (um als Beispiele Personen zu nennen, die in sehr unterschiedlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens aktiv waren), und mit Sicherheit hunderter von weniger bekannten Biographien so unbedingt notwendig für die kulturelle Orientierung der ganzen polnischen Gesellschaft. Schließlich kann uns nur die konkretisierte Überzeugung von der Existenz der "zehn Gerechten" davor schützen anzunehmen, daß die Zeit von 1945 bis 1989 die polnische Gesellschaft vollständig moralisch verwüstet hat.

Die von Jaspers geschaffenen Kriterien erlauben es, sich vor vielen Mißverständnissen zu schützen, und viele Urteile entsprechend zu nuancieren. Schauen wir es uns an einigen Beispielen genauer an. Beginnen wir mit der Frage der kriminellen Schuld. Im Falle von Verbrechen, die in der Stalinzeit begangen wurden, erweckt die Sache keine Zweifel. Die kriminelle Schuld ist mit der politischen, moralischen und natürlich der metaphysischen Schuld verbunden. Solche Schergen wie Humer, Gebarski oder Swiatlo soll man einfach strafrechtlich verfolgen und verurteilen. Und davon gibt es viele. Die polnische Justiz hat in dieser Frage nicht viel unternommen, obwohl es keine rechtlichen Hindernisse gibt, und man dafür keine zusätzlichen Lustrationsgesetze braucht. In anderen Fällen verkompliziert sich jedoch die Frage nach der kriminellen Schuld. Daß der erste Sekretär und Befehlshaber der Polnischen Volksarmee ein Verbrechen beging, als er das Kriegsrecht einführte, unterliegt keinem Zweifel. Das geltende Recht gab ihm dazu keine Befugnis und er sollte dafür verurteilt werden. Ob er durch sein Verhalten unser Land vor einer sowjetischen Intervention bewahrt hat oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Er hat das geltende Recht verletzt und in jedem Rechtsstaat sollte er dafür verurteilt werden. Ganz anders steht die Frage, wenn es um seine politische und moralische Verantwortung geht. Wenn es tatsächlich gelingen sollte zu beweisen, daß das Kriegsrecht etwas Positives gerettet hat, dann könnte man von einem verantwortlichen politischen Handeln sprechen. Dem müßte eine entsprechende moralische Bewertung folgen. Leider wird eine solche Differenzierung fast nie gemacht. Die einen möchten Jaruzelski verurteilen, weil sie ihn für einen nationalen Verräter halten, die anderen verteidigen ihn gegenüber allen Vorwürfen, weil sie in ihm den Retter sehen.

Politische Schuld tragen ganz sicher viele Mitglieder der PVAP, auch wenn sie keine kriminellen Taten begangen haben. Die aktive Teilnahme an Entscheidungen und an der Realisierung von Entscheidungen - sei es zuungunsten des eigenen Landes oder zur Aufrechterhaltung der Diktatur - ist mit politischer Schuld verbunden. Allein die Lektüre der Erinnerungen von Gierek oder Jaroszewicz erlaubt es, von ihrer Schuld zu sprechen. Es gibt die Vermutung, je höher jemand in der Hierarchie der Macht gestanden habe, desto größer sei seine potentielle politische Schuld. Das ist ziemlich gefährlich und kann sowohl zur Kollektivschuld-Theorie als auch zur Mißachtung des Bösen führen, das auf der Ebene des Kreises, der Gemeinde oder des Betriebes begangen wurde. Wer die Menschen zur 1. Mai-Demonstration antrieb, den trifft keine kriminelle, mit Sicherheit aber eine politische Schuld. Andererseits sollte man in jedem konkreten Fall abwägen, ob ein hoher Funktionär der PVAP nicht zugunsten der Demokratisierung oder der größeren Souveränität des Landes gewirkt hat. Bevor man jemandem eine Schuld zuweist, sollte man die Unschuldsvermutung erwägen.

Mit moralischer Schuld kann man die Mehrheit derer belasten, die an gefälschten Wahlen teilgenommen haben. Die allgemeine Teilnahme der Gesellschaft (obwohl sie sicher nicht so hoch war, wie angegeben) an den Pseudowahlen wurde nach 1989 niemals ernsthaft analysiert. Jemand hat doch, und zwar auf allen Ebenen, auch auf der niedrigsten, diese Wahlen gefälscht. Es gibt überhaupt keinen Grund, nicht nach den Schuldigen und Verantwortlichen zu suchen, unabhängig davon, wie schwierig das sein könnte.

Die subtilste Art der Schuld - die metaphysische - verlangt, vorsichtig behandelt zu werden. Jeder, der dem Bösen zugesehen und auf keine Weise versucht hat, es zu verhindern, und wäre es auch nur ein innerer Protest, trägt solche Schuld. Von außen läßt sich über solche Schuld nicht urteilen. Man trägt sie in sich oder findet für sich eine ausreichende Entschuldigung. Wer die Zeit des Stalinismus im Gefängnis verbracht hat, trägt keine metaphysische Schuld für das, was geschah. Vom Gefühl der metaphysischen Schuld sollte jedoch niemanden die Überzeugung befreien, daß die Polen als Volk die Prüfung, die das Leben in der Diktatur darstellte, bestanden hätten. Vom Gefühl der metaphysischen Schuld befreien einen die heldenhaftesten Taten anderer Menschen nicht, auch dann nicht, wenn man sie sehr bewunderte und sich innerlich mit ihnen solidarisierte. Mit der Frage nach der metaphysischen Schuld wirft man einen kritischen Blick auf sich selbst hinsichtlich der eigenen, individuellen Verantwortung für das Böse im öffentlichen Leben. Konfrontiert mit der Frage nach der metaphysischen Schuld zerplatzt jeder Mythos von der nationalen Stärke oder der solidarischen Haltung der Polen gegen das System. Wenn das Böse andauerte, bedeutet dies, daß es zumindest bei einer bedeutsamen Minderheit (obwohl man sich hier fragen sollte, ob es zu bestimmten Zeiten nicht die Mehrheit war) Zustimmung fand. Man sollte vermuten, daß man eine so bedeutende Minderheit nicht als eine gesellschaftliche Randerscheinung behandeln kann, was zu weiteren schwierigen Fragen nach dem kollektiven Selbstgefühl und der Wahrhaftigkeit vieler polnischer Mythen führt. Das erlaubt dem Soziologen und Historiker, den Grad der Verflechtung (und Privilegien) verschiedener Gruppen und Milieus mit dem kommunistischen Machtsystem zu erahnen. Sicher ist nur gute Literatur imstande, die Frage nach der metaphysischen Schuld des Einzelnen, natürlich des fiktiven Einzelnen, abzuwägen, das aber könnte äußerst nützlich sein für einen Einblick in das eigene Gewissen konkreter Personen. Diese Beispiele sind natürlich selektiv. Man bräuchte hunderte oder gar tausende von ihnen, um eine größere Sensibilität hinsichtlich der Abrechnungsfrage zu wecken.

Die heute fast vollständige "Verparteilichung" der Diskussion über die Geschichte Volkspolens bewirkt, daß in Polen keine Abrechnung mit der Geschichte stattfindet. Am stärksten vertreten und am lautesten hörbar sind extreme Positionen. Auf der einen Seite werden die Leistungen der Volksrepublik Polen verteidigt, bis hin zu dem Versuch, den für Polen schandhaften Jahrestag des 22. Juli zu feiern; auf der anderen Seite versucht man auf dem Wege einer antikommunistischen Säuberung die postkommunistische Formation zu schwächen, die ihre Macht in legalen und demokratischen Wahlen gewinnt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Frage der polnischen Abrechnung mit der Vergangenheit für die nächsten Jahre begraben ist. Es ist jedoch ein Irrtum zu meinen, die Frage der Abrechnung in Polen sei für immer abgeschlossen, weil sie heute nicht möglich ist. Gerade das deutsche Beispiel lehrt uns, daß es bestimmt anders kommen wird.

Jaspers selbst war von der deutschen Abrechnung mit der Geschichte tief enttäuscht und das war der Grund, warum er Deutschland verließ und sich in der Schweiz ansiedelte. Die Bundesrepublik erfüllte in der unmittelbaren Nachkriegszeit die schwierigen Kriterien, die der große Philosoph gemeint hatte, nicht. Die deutsche Abrechnung mit der Geschichte dehnte sich auf Jahrzehnte aus. Bis zum Ende der fünfziger Jahre, trug die Abrechnung mit dem Nationalsozialismus einen formalen und oberflächlichen Charakter. Die offizielle Staatsdoktrin verlangte, den Nationalsozialismus zu verurteilen. Die Gründerväter der Bundesrepublik hatten in dieser Hinsicht keinerlei Zweifel, aber die öffentliche Debatte und das allgemeine Empfinden waren anders. Man versuchte, die Vergangenheit zu vergessen und darüber zu schweigen. Unter dieser Kruste wird der Historiker das allgemeine Fehlen einer Bereitschaft zur Abrechnung entdecken. Die ersten Lagerprozesse (gegen die Schergen von Majdanek und Auschwitz) waren für die deutsche Bevölkerung - was Erstaunen hervorrufen muß - eine Überraschung. Erst 1968 gab es einen Durchbruch dar, unabhängig davon, welche extremen Erscheinungen des politischen Sektierertums es teilweise begleiteten. Seitdem ist die Nazivergangenheit Gegenstand einer nichtendenden öffentlichen Debatte, die nach immer neuen, tragischen, verbrecherischen Schlupfwinkeln der Vergangenheit greift. Die letzte Episode dieser fortwährenden Abrechnung ist der Streit um das Buch von Goldhagen "Hitlers willige Vollstrecker".

Bis heute fehlt es natürlich nicht an Stimmen, die sagen, daß nicht alles unbedingt Notwendige unternommen worden sei. In vielen Fällen muß man diesen Stimmen recht geben. Der deutsche Justizapparat hat niemals eine Selbstreinigung durchgeführt. Der "Streit" um die Verbrechen der Wehrmacht und der Versuch, ihre Ehre zu verteidigen erscheint als ein tiefes Mißverständnis. Wenn die Sensibilisierung gegenüber von vor einem halben Jahrhundert begangener Verbrechen so allgemein geworden ist, beweisen alle diese Streitigkeiten paradoxerweise, daß eine Abrechnung, wenn auch unvollkommen, stattgefunden hat, Diese Abrechnung ist in Deutschland eine immer noch lebendige Frage und einer der grundlegenden Faktoren zeitgenössischen deutschen Geschichtsbewußtseins sowie deutscher Identität. Dem verdankt Deutschland in hohem Maße sein starkes Engagement beim Aufbau des vereinigten Europa, das über die nationalen Teilungen des 19. Jahrhunderts hinauswächst.

Das deutsche Beispiel beweist, daß es für die Generation, die die Ereignisse selbst miterlebt hat, ungewöhnlich schwierig oder unmöglich ist, eine Abrechnung durchzuführen. Das polnische Beispiel, bei allen grundlegenden Unterschieden der Situation, beweist bis jetzt etwas Ähnliches. Man kann hoffen, daß es in Polen nach einer gewissen Zeit zu einer ernsthaften Abrechnungsdebatte kommen wird, nicht um mit den Kommunisten abzurechnen, sondern um über die verschiedenen Arten der Verstrickung der polnischen Gesellschaft nachzudenken. Eine solche Debatte ist notwendig als kollektive Therapie, um die polnische politische Kultur auf einen bewußten Eintritt in die europäischen Strukturen vorzubereiten.

Aus dem Polnischen: Agnieszka Grzybkowska