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TRANSODRA 17, Oktober 1997, S. 5 - 13

"Grenzlandliteratur" und das mitteleuropäische Dilemma

Stefan Chwin, Schriftsteller, Danzig

Die kürzeste Definition des Grenzlands (kresy): Ein Gebiet, das sich beide Seiten seit Jahrhunderten gegenseitig aus der Hand reißen. Wie uns die Geschichte zeigt, sind alle Grenzgebiete Gürtel kumulierten Unglücks und mehr oder weniger verdeckter Feindschaft. Eigentlich ist es schwer, sich eine Grenzregion (pogranicze) ohne Grenzstreitigkeiten vorzustellen. Grenzstreitigkeiten, die überhaupt nicht offenliegen müssen, die gewöhnlich jahrelang im Verborgenen rumoren, bereit - wenn die Zeit gekommen ist - mit aller Gewalt auszubrechen. In Musiktermini könnte man sagen, das Grenzland schreibt die Partitur zukünftiger Konflikte. Dort herrscht der Geist eines provisorischen Lebens, selbst dann, wenn die Lage als ein für allemal klargestellt gilt. Ich erinnere mich selbst noch daran, als in den sechziger Jahren die polnischen Bauern in Pommern die Dächer ihrer Höfe nicht reparierten, weil die doch früher oder später zurückkommen. Diese Angst ist übrigens auch heute nicht vollständig verschwunden. Noch vor kurzem hörte ich aus dem Mund junger Danziger: Die kommen nach und nach in die Masuren und nach Pommern zurück. Früher hatten sie Panzer, heute die D-Mark ...

Die Grenzlandmentalität (mentalnosc kresowa) ist eine andere als die der Menschen aus den zentralen Gebieten, und die polnische Literatur hat diesen Unterschied gut erfaßt. Die Bewohner der Grenzgebiete ziehen es gewöhnlich vor, sich als "Einheimische" zu begreifen. Das beschrieb in seinen Büchern eindrucksvoll Józef Mackiewicz, ein Schriftsteller, der sich als Bürger des nicht existierenden Großfürstentums Litauen verstand, eines Grenzraums, in dem Menschen verschiedener Nationalitäten und religiöser Bekenntnisse nebeneinander lebten. Der "Grenzländer" möchte vor allem nicht in die Enge getrieben werden: er möchte das Recht auf seine "unscharfe Identität" anerkannt sehen. Maria Kurecka, Freundin meiner Mutter im Gymnasium von Szymanów in den dreißiger Jahren, antwortete nie anders auf die Frage nach ihrer Nationalität als, daß sie Danzigerin sei, und das war absolut keine Ausnahme. Das ist aber nur ein Aspekt der Grenzlandmentalität.

Das Leben im östlichen oder westlichen polnischen Grenzland schuf einen besonderen Menschentyp. Einerseits war er neugierig auf das Fremde, jemandes Andersartigkeit war für ihn das Allergewöhnlichste auf der Welt. Andererseits jedoch - ich denke dabei z.B. an meinen Vater - der seine Jugend in der Gegend von Wilna verbrachte und von dort im Jahre 1944 vertrieben wurde - sind die Grenzlandbewohner geprägt durch ein dauerndes Gefühl von Instabilität, und sie neigen dazu, sich in Verteidigungshaltungen zu verhärten. Entgegen aller Erwartung brachten die multikulturellen Grenzgebiete keineswegs nur offene Persönlichkeiten hervor. Im Grenzland geboren zu werden ist auch ein direkter Weg zur Neurose. "Wäre er doch im Grenzgebiet geboren", dies könnte von manchem als Verwünschung aufgefaßt werden. Das zeigen gut die Romane "Droga do nikad" [Ein Weg nirgendwohin] und "Sprawa pulkownika Miasojedowa" [Der Fall des Obersten Miasojedow] von Mackiewicz.

Die Mentalität der Generation meines Vaters war eine Brutstätte unzähliger Ressentiments. Das ist nicht verwunderlich, denn die Erfahrungen der Polen in Pommerellen, oder im Wilnaer Raum waren so bitter, daß sie tatsächlich die Persönlichkeit für immer deformieren, in nationalistische Verhärtung treiben konnten. Und das ist eben eine der wichtigsten Veränderungen der letzten Jahre in Polen - wie zumindest das Schaffen einiger zeitgenössischer polnischer Schriftsteller beweist -: das schrittweise Sichherausbilden einer neuen Grenzlandmentalität. Allerdings geht es dabei nicht nur um eine neue Denkweise der in Schlesien, Pommern oder in den Masuren lebenden Menschen, oder um Schriftsteller, die sich mit dem Thema der polnischen Westgebiete beschäftigen. Ich meine damit auch eine wesentliche semantische Veränderung, die die Kategorie "Grenzland" selbst betrifft. Der Begriff "Grenzland" - bisher hauptsächlich als geografisch-politische Kategorie verstanden - meint nicht mehr nur grenznahe Gebiete. Nach 1989 ist für einen nicht kleinen Teil der polnischen Intelligenz das im weiteren Sinne verstandene "westliche Grenzland" ein besonderes Kulturmodell geworden. Es wird als Symbol eines postulierten Wertesystems angesehen.

Sehnsucht nach der Welt vor den Vertreibungen

Die Gründe für diese Veränderung sind komplex und paradox. Zunächst hat es etwas mit dem wachsenden Gefühl der Stabilität der Grenzen, vor allem der Westgrenze zu tun. Die Herausbildung der neuen Denkweise ist jedoch nicht nur mit dem Umbruch von 1989 verbunden, oder damit, daß eine neue Generation zu Wort kommt, die die Kriegsgreuel nicht persönlich erfahren hat, die also die Vergangenheit anders betrachten kann als die Väter. Eine wesentliche Rolle spielen in diesem Zusammenhang auch die weitreichenden Folgen von Ereignissen aus der Vergangenheit.

Die Vertreibung war ein Fluch - das beweisen sowohl die Schicksale von Polen, als auch von Deutschen oder Ukrainern. Wenn jedoch heute in Pommern fünf Millionen Deutsche neben den Polen lebten, hätten wir vielleicht - so jedenfalls eine der schwarzen Varianten - ein zweites Jugoslawien. Die Geschichte kennt keine Eindeutigkeiten. Die Vertreibungen schufen ein Meer von Unglück, aber sie brachten auch eine sehr wichtige soziokulturelle Veränderung, deren psychologische Konsequenzen sich paradoxerweise erst in den letzten Jahren zeigten. Nach 1945 wurde der multi- bzw. binationale Raum des polnisch-deutschen Grenzgebiets zum ethnisch einheitlichen nationalen Raum. Den Platz der vertriebenen Deutschen nahmen die aus den Ostgebieten der Zweiten Republik vertriebenen Polen ein. Obwohl die Deportation der ukrainischen Bevölkerung in westpommerscheš Gebiete das ethnische Bild dieser Region beeinflußte, blieb die Monokultur beherrschendes Merkmal. Diese politisch-ethnische Transformation wurde von der offiziellen polnischen Politik (und von einem nicht kleinen Teil der polnischen Gesellschaft) eindeutig positiv bewertet. Nicht nur, daß zu Polen zurückkam, was einmal slawisch war, sondern es wurde auch ethnisch einheitlich, was ethnisch differenziert gewesen war, hieß es.

Die nach 1989 sich zu Wort meldenden Schriftsteller, die ihre Kindheit in der Epoche sozialistischer, kultureller Unifizierung verbracht hatten, empfanden stärker, daß das Prinzip des ethnisch einheitlichen nationalen Staates selbst zur Verarmung des polnischen Geisteslebens geführt hatte. Auch eine der paradoxen Folgen der großen Deportationen. Es entwickelte sich eine Sehnsucht nach der multinationalen Färbung des Ortes, eine Sehnsucht nach der Welt vor den Vertreibungen und den großen ethnischen Säuberungen des 20. Jahrhunderts. Es stimmt, diese Sehnsucht war gut bekannt aus der Literatur des polnisch-östlichen Grenzlands: die häufige Rückbesinnung auf die Zeiten des multinationalen Polen der Jagiellonen, aber auch der multinationalen Zweiten Republik. Die Schriftsteller, die sich mit dem polnisch-westlichen Grenzland beschäftigen, verdanken dieser Literatur viel. Nicht weniger wichtig sind jedoch die Unterschiede. Zbigniew Zakiewicz, ein Schriftsteller, der seine Jugend in der Gegend von Wilna verbrachte, und erst nach dem Krieg in Danzig lebte, kehrt in seinem Werk immer wieder nach Wilna zurück - so wie Milosz oder Konwicki - obwohl er doch einen großen Teil seines Lebens in der "postdeutschen" (poniemieckie²), der ehemals deutschen Stadt verbrachte, in die ihn das Schicksal geworfen hatte. In diesem Sinne ist die Literatur des östlichen Grenzlands sowohl eine Rückkehr in das entfernte Land der Kindheit, als auch eine Literatur der "Nicht-Anwesenheit in der heutigen Zeit". Dieses Gefühl kann man bei vielen Menschen finden, die nach dem Krieg von Wilna oder Lemberg nach Danzig oder Breslau gekommen sind. Die ehemals deutschen Städte in Pommern oder Schlesien wurden niemals zu ihren eigenen, selbst wenn sie hier viele Jahre lang gelebt haben. Meinen Eltern zum Beispiel, die im Jahre 1946 nach Danzig kamen, ist Danzig für immer fremd geblieben.

Die neuen Schriftsteller, die sich mit dem westlichen Grenzland beschäftigen - Olga Tokarczuk, Andrzej Zawada, Kazimierz Brakoniecki, Pawel Huelle, Stefan Chwin, Pawel Jastrzebiec-Mossa-kowski, Wilhelm Dichter - entdeckten, jeder auf seine Art, daß der Ort über den sie schreiben, tatsächlich ihr Ort ist. Dadurch unterscheiden sie sich von älteren Autoren, die dieses Thema aufgegriffen hatten (wie z.B. Worcell oder Paukszta). In diesem Sinne haben sie die "Wiedergewonnenen Gebiete" (Ziemie Odzyskane) tatsächlich erst heute für die polnische Kultur "wiedergewonnen". Das ist jedoch eine sehr spezifische "Annexion" des Grenzlands, weit entfernt von den bisher verpflichtenden Stereotypen.

Die übernationale Identität des Ortes

Die neue Literatur entdeckte für sich vor allem die übernationale Identität des Ortes, d.h. die Einheit des zivilisatorischen Erbes im polnisch-deutschen Grenzland. Enthüllt wurde eine Tatsache, die das Nachkriegsleben von Millionen von Polen kennzeichnete, aber aus Zensurgründen lange keinen literarischen Ausdruck finden konnte: Leben in West- und Nordpolen ist seinem Wesen nach ein polnisches Leben in der Infrastruktur "post-deutscher" materieller Zivilisation. Polnische Städte von Stettin bis Allenstein, von Breslau bis Elbing, haben bis heute in nicht kleinem Umfang ihren deutschen Charakter behalten. Die polnische Jugend lernt noch immer in ehemals deutschen neogotischen Gymnasien, geht in ehemals deutsche Garnisonskirchen, in protestantische Kirchengemeinden, die in Kinos umgewandelt wurden, zu Banken, zu Bahnhöfen, in Büros und ehemals deutsche Ämter. Ein Netz von Straßen, Parks, Kanälen, Straßenbahnlinien - das alles hinterließen die Deutschen und es existiert weiter. Aber auch in der Sprache tönt es wie ein altes Echo: "Vielleicht möchtest Du ein Teechen trinken?" (im polnischen für Tee statt herbate "tejke") - sagte das masurische Kindermädchen aus der Gegend von Pisz zu meiner Frau. In diesem Sinn wirkt die deutsche Zivilisation - trotz Abwesenheit der Deutschen - auf das polnische Bewußtsein. Für das Leben in der "postdeutschen" Infrastruktur hatten sich polnische Schriftsteller bisher nicht interessiert. Wenn über die Westgebiete geschrieben wurde, dann vor allem über ihre politisch-wirtschaftlich-kulturelle Wiedergewinnung für das Polentum.

Diese Wiedergewinnung für das Polentum verband sich in der administrativen Praxis zuweilen ausdrücklich mit der Vernichtung deutscher Spuren. In Danzig z.B. kam es vor, daß gotische Beschriftungen an denkmalgeschützten Bauten übermalt wurden. Es wurden auch deutsche Friedhöfe liquidiert. Die Notwendigkeit städtischen Umbaus rechtfertigte die Absicht, deutsche Friedhöfe zu liquidieren, die wie Feindesspuren behandelt wurden, obwohl häufig künstlerisch sehr wertvoll. Hinzu kam eine magische Rache an den von den Deutschen hinterlassenen Gegenständen - Möbeln, Holztäfelungen, Beschlägen, Tapeten. Vieles von alldem wurde vernichtet.

Das betraf im übrigen das gesamte westliche und nördliche Polen. In der offiziellen Propaganda verpflichtete das piastische Ideal; die deutschen Epochen wurden aus der Geschichte dieser Gebiete ausradiert, das Urslawentum der Region betont und die deutsche Zeit der pommerschen und masurischen Städte als leere Zeit dargestellt, in der sich nichts Wichtiges ereignet habe.

Gleichzeitig gab es verborgenen Protest gegen diese Praxis, natürlich in beschränktem Umfang, der sich in informellen Rettungsaktionen äußerte. Als man in Wrzeszcz (früher Langfuhr) die alten Friedhöfe liquidierte, erstellte eine Gruppe von Mitarbeitern der Danziger Politechnischen Hochschule eine fotografische Dokumentation der Grabplatten und Kreuze, damit sich wenigstens diese Spur erhielte.

Eine Betonung der kulturell-zivilisatorischen Kontinuität der Geschichte von Danzig, Frauenburg, Allenstein oder Breslau, die auch die Leistungen der deutschen Bewohner einbezog, war über viele Jahre nicht gern gesehen. Die neueste polnische Literatur, oder eher das Werk der Schriftsteller, die ich erwähnt habe, könnte man als intellektuelle Aneignung dieser Kontinuität interpretieren. Die Gegenwärtigkeit des Deutschtums im Nachkriegs-Danzig beschäftigt Pawel Huelle in "Opowiadanie na czas przeprowadzki" [Erzählung für die Zeit des Umzugs]. Pawel Mossakowski schreibt einen Roman über die deutsche Vergangenheit Ostpreußens. Olga Tokarczuk erkennt das Breslau des 19. Jahrhunderts. In "Krótka historia pewnego zartu" [Kurze Geschichte eines Scherzes] und dem Roman "Hanemann"³ analysiere ich den komplexen Prozeß, wie die deutsche materielle Zivilisation auf das Bewußtsein (oder sogar das Unterbewußtsein - denn dieser Prozeß war doch sehr kompliziert und verlief gewöhnlich im Verborgenen) eines in den fünfziger Jahren in Danzig lebenden Kindes einwirkt.

Die neue Literatur entdeckte jedoch nicht nur die übernationale zivilisatorische Kontinuität des polnisch-deutschen Grenzlands, sie betrachtete auch polnische und deutsche Schicksale aus einer neuen Perspektive, während die Erfahrungen von Polen und Deutschen bisher vor allem aus der Perspektive des politischen Konflikts zwischen zwei Nationen betrachtet worden waren. Die Schriftsteller bemühen sich, sie aus einer existentiellen Perspektive, aus der des Schicksals des Einzelnen heraus, zu formulieren. Es wird nicht nur nach den Unterschieden gesucht, die die Völker trennen, sondern auch nach Ähnlichkeiten, die die Schicksale einzelner Menschen unterschiedlicher Nationalität verbinden, der Menschen, die gewöhnlich - wie ihre Erfahrungen zeigen - eher Objekt als Subjekt der Geschichte sind. So etwas Gemeinsames war eben die Erfahrung der Vertreibung, die Erfahrung der großen Deportationen, obwohl natürlich - und das soll man betonen - es nicht für alle die gleiche Erfahrung war.

Die neueste "Grenzlandliteratur" in Polen will nicht ausschließlich die bisher verschwiegene bi- oder multinationale Vergangenheit Pommerellens, Schlesiens oder Masurens rekonstruieren. Der Begriff "Grenzland" meint in der zeitgenössischen polnischen Kultur nicht nur die historischen Grenzregionen im Osten und Westen Polens. Er ist eine Metapher für das Zusammentreffen verschiedener Kulturen. Man sollte sich also nicht wundern, daß in der "Grenzliteratur", die sich mit Pommerellen, Schlesien oder den Masuren beschäftigt, die polnisch-deutsche Nachbarschaft neben der polnisch-jüdischen, der polnisch-russischen oder polnisch-ukrainischen auftaucht.

Diese Literatur ist keine ausschließlich lokale, auf die Vergangenheit gerichtete "Literatur der Verwurzelung". Eigentlich erwächst sie sowohl aus dem Wunsch, die Vergangenheit der Region zu ergründen, als auch aus einer allgemeineren Reflexion über die multikulturelle Zukunft Europas. Der Fall der Berliner Mauer, und die sich im Umbruch der 80er und 90er Jahre im Bewußtsein der polnischen Intelligenz herausbildende Vision eines Europa der offenen Grenzen bilden den entfernten aber wichtigen Hintergrund ihrer Entstehung. Man kann auch nicht übersehen, daß die dramatischen Erfahrungen des national-religiösen Krieges in Jugoslawien die Fantasie der Schriftsteller wesentlich beeinflußt haben. Eben unter diesen historischen Umständen entstand diese Literatur. Wenn man also bisher das Grenzgebiet als eine Partitur der Konflikte bezeichnen konnte, nennen wir sie heute eher eine Partitur der Aufgaben, vor denen die sich neu herausbildende europäische Identität steht.

Mit den Augen eines Fremden

Ich denke also, daß sich gerade in der Grenzlandliteratur heute die Umrisse einer Sensibilität herausbilden, die sich dem neuen Europa als nützlich erweisen kann. Daß es sich dabei um eine neue Sensibilität handelt, sieht man auch an meinen deutschen Erlebnissen. Kürzlich stellte ich auf einer Autorenlesung in Düsseldorf einen Ausschnitt meines Romans "Hanemann" vor, in dem ich die Flucht der Deutschen aus Danzig im Winter 1945 beschrieben habe. Daraufhin wurde ich von einem der anwesenden deutschen Schriftsteller sehr heftig angegriffen: "Sie haben kein Recht darüber zu schreiben! Das sind unsere Angelegenheiten! Sie dürfen darüber nicht so schreiben, wie Sie es tun!" In meinem Buch beschrieb ich die Flucht der Deutschen nicht von außen, nicht aus einem polnischen Blickwinkel heraus, sondern eben "von innen", d.h. aus der Sicht der Flüchtenden. Ich wollte in ihre Welt eintreten und diese Welt verstehen. "Sie sind Pole und deswegen haben Sie kein Recht, in dieser Weise über die Erlebnisse der Deutschen zu schreiben!"

Mein Gesprächspartner hatte, glaube ich, nicht recht. Die neue Sensibilität, die Europa vonnöten ist, sollte gerade auf dem Recht (und der Bereitschaft) beruhen, sich in den fremden Standpunkt hineinzuversetzen. Die Fähigkeit über sich selbst hinauszugehen ist einer echten Verständigung förderlich.

Die "Grenzlandliteratur" versucht, sich in den fremden Standpunkt hineinzuversetzen und respektiert das Recht auf eine unscharfe Identität, die - meine ich - den Menschen im neuen Europa vonnöten ist. Jemand, der sich nicht auf eine "scharfe" eigene Identität versteift, erzwingt gewöhnlich auch von anderen keine scharfe paßähnliche Selbstidentität. Er treibt den anderen nicht in die Enge.

Das zukünftige Europa sähe ich gern als ein Europa von Menschen, die über ihren eigenen Standpunkt, ihre eigenen Sorgen und ihre eigenen Ansprüche hinausgehen können. Ich möchte gern, daß sich in einem solchen Europa ein deutscher Schriftsteller fände, der einen Roman über meinen Vater schriebe, über einen Polen im "post-deutschen" Pommerellen, vertrieben aus Wilna. Gern sähe ich es, wenn in Polen Romane über die für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Ukrainer entstünden und in der Ukraine Romane über die Polen, die man gezwungen hat, Lemberg zu verlassen. Wie mir meine Freunde sagen, ist dieser Wunsch im Augenblick noch utopisch. In der Regel schreibt man über seine eigenen, nicht über die fremden Schmerzen. Zur Zeit sieht es nicht danach aus, als wenn jemand z.B. in Litauen den litauischen Hanemann, ein Buch über das Schicksal eines Polen, schreiben würde, der sich nach dem Krieg entschied, in dem ihm immer fremderen, elterlichen Wilna zu bleiben. Mein Hanemann erzählt von den Erlebnissen eines Deutschen, der nach dem Krieg in dem ihm immer fremderen, elterlichen Danzig blieb.

Gesegnetes Vergessen?

Aber die "Grenzlandliteratur" - oder weitergehend die "Grenzlandkultur" entstand in Polen nicht nur als Antwort auf die Veränderungen des Jahres 1989. Sie ist auch eine Antwort auf besorgniserregende Tendenzen in der zeitgenössischen Massenkultur, die sich in der letzten Zeit bemerkbar machten, und die darüberhinaus das Verhältnis der Polen zu anderen Nationen beeinflussen.

Die üblichen Erwartungen einer wahrscheinlich nicht kleinen Zahl von Leuten auf beiden Seiten der Oder gleichen sich: Es ist endlich genug mit dem Gerede über die polnisch-deutsche Vergangenheit, über die Vertreibungen, über Auschwitz und die Juden. Die Deutschen sind der dauernden Anklagen müde und wollen endlich ein bißchen aufatmen. Aber auch für die mir bekannten jungen Leute in Polen ist die Geschichte früherer Auseinandersetzungen ohne Bedeutung. Sie wollen einfach nichts mehr davon hören. Wenn im Fernsehen ein Programm über Vertreibungen oder Katyn beginnt, wechseln sie sofort den Kanal. Und interessant, daß gerade dieses Verhalten ihnen hilft, konfliktlos mit der deutschen, französischen oder amerikanischen Jugend zu verkehren. So ist gerade der Mangel an historischem Gedächtnis eine feste Grundlage der Verständigung zwischen jungen Leuten in Europa. Eine Verständigung unter Leuten, die unbeschriebenen Blättern gleichen, die gemeinsam Techno und Rock tanzen, Cornflakes und Popcorn essen, die nichts wissen und nichts wissen wollen über Vertreibung, die den Geschichtsunterricht für verlorene Zeit halten. Denn was es nicht gibt, ist auch nicht wichtig. Es lohnt sich nicht, sich damit zu beschäftigen. Wichtig ist nur das Heute und das Morgen. Sie teilen ähnliche Vorlieben, die die amerikanische Massenkultur geschaffen hat. Im Bewußtsein der polnischen Jugend besteht freilich weiterhin das Trauma des Ribbentrop-Molotow-Paktes fort: "Wenn es notwendig wird, werden die Deutschen Polen ohne mit der Wimper zu zucken an die Russen verkaufen", hörte ich unlängst von einem achtzehnjährigen Gymnasiasten, der einen Fernsehbericht über das Treffen Jelzin-Kohl ansah. Das ist allerdings keine dominierende Erscheinung. Tatsächlich verstehen sich ein junger Deutscher und ein junger Pole deshalb so leicht, weil beide Amerikaner sein möchten - und nicht Polen oder Deutsche.

Ein Paradox. Der Geist der Toleranz, die Zustimmung zur Multikulturalität, die sich die intellektuellen Eliten durch lange Jahre hindurch mit großen Mühen erarbeiteten, indem sie in der Literatur die Vision eines multinationalen Grenzlands schufen, ist heute dank Satellitenfernsehen der Massenkultur zur Selbstverständlichkeit geworden. Für viele Leute in Europa ist die Erinnerung, der sich Historiker und Schriftsteller widmen, nicht mehr die Grundlage der Verständigung. Volkstümliche Faszination durch ethnische Vielfarbigkeit - das bewirkt heute die vorherrschende Poetik der Videoclips. Sie wurde für viele Europäer eine erheblich attraktivere Grundlage des gegenseitigen Verstehens als intellektuelle - so penibel sie auch sein mögen - Revisionen der Vergangenheit. Für die Annäherung von jungen Polen und Deutschen haben Rockkapellen, in denen in einer Gruppe, nebeneinander - Schwarze, Engländer, Philippinen, Araber, Deutsche und Polen zusammen spielen, mehr erreicht als alle möglichen Konferenzen, Regierungsprogramme und Aktionen von Stiftungen. Einer meiner Bekannten sagte kürzlich: "Niemand anders als das Fernsehen MTV sollte den Friedensnobelpreis erhalten."

Das Schuldgefühl, etwas unterlassen zu haben, - als Wert

Klar, all das soll man loben, denn es brachte viel Gutes, aber ich sehe keinen Anlaß zu besonderer Begeisterung. Die Amputation des historischen Gedächtnisses, das Grundlage der Verständigung ist, macht besorgt. Und das nicht nur, weil ein Mensch ohne historisches Gedächtnis ein unvollkommener Mensch ist, sondern vor allem deshalb, weil fehlendes historisches Gedächtnis uns in Krisensituationen hilflos macht. Das Wissen über die Fehler der Vergangenheit kann bei der Lösung gegenwärtiger Probleme helfen, obwohl man zugeben muß, daß es nicht unbedingt so sein muß. Wenn ich also über eine tiefere Verständigung in Mitteleuropa nachdenken wollte, ginge es mir um eine Verständigung, die sich auf die Verteidigung der Werte authentischer Kultur stützte. Die Massenkultur kann das nicht sein, weil sie historisches Gedächtnis, Schuld- und Schamgefühl aus ihrem Horizont ausschließt.

Wer sagt, er habe mit den begangenen Fehlern seiner Ahnen nichts zu tun, - und genauso reden die jungen Leute heute, die ich kenne, und zwar nicht nur die sogenannten nicht Gebildeten, sondern auch z.B. Studenten, - ist unbewußt bereit, diese Fehler zu wiederholen, weil er ihren inneren Kern nicht verstanden hat. Er setzt voraus, er sei dazu nicht fähig, die ganze Sache betreffe ihn nicht. Die polnisch-deutsche und die polnisch-ukrainische Verständigung sollte sich vor allem auf den Willen stützen, früher begangene Fehler nicht zu wiederholen. Dieser Wille wird mächtig jedoch erst dann, wenn wir die von anderen früher begangenen Fehler so empfinden, als wären es die unsrigen gewesen.

Natürlich geht es nicht darum, daß Polen, Deutsche und Ukrainer zeitlebens deshalb Scham empfinden sollen, weil sie Polen, Deutsche oder Ukrainer sind, weil ihre Vorfahren sich Schandtaten haben zuschulden kommen lassen. Wichtiger ist etwas anderes. Ich meine vor allem ein Schuldgefühl, etwas unterlassen zu haben, ein Gefühl, daß man bestimmte Sachen in der Vergangenheit nicht verhindert hat. Es geht nicht darum, der anderen Seite auf ewig ihre Verbrechen vorzuhalten, sondern darum, daß der Satz: "Es ist uns nicht gelungen, die Umwandlung der Weimarer Republik in einen faschistischen Staat zu verhindern", oder der Satz: "Es ist uns nicht gelungen, den Pogrom von Kielce zu verhindern", eine lebendige Bedeutung auch für den zeitgenössischen Deutschen oder Polen hat, damit das Gefühl wächst, daß die von Deutschen und Polen in der Vergangenheit begangenen Fehler auch unsere Fehler hätten sein können. Eine Veränderung des Bewußtseins ist deshalb unabdingbar. Die offizielle DDR-Erziehung stützte sich auf die These, die neue deutsche Gesellschaft habe nichts mit der Schuld der Väter zu tun. Genauso verhielt es sich in der Volksrepublik Polen in Bezug auf den Antisemitismus der Zwischenkriegszeit. Aber diese Haltung wurde noch verstärkt durch einen allgemeinen psychologisch-moralischen Prozeß, durch die Unterbrechung der nationalen Kontinuität der moralischen Erfahrung. In der Gesellschaft der ehemaligen DDR verschwand nicht nur das Verständnis für solche Vorstellungen wie "Sühne", "Vergebung" oder "Wiedergutmachung". Das Gefühl, daß die Schuld der Väter zu einer abgeschlossenen Vergangenheit gehöre, die sich in gar keiner Weise mit unserem Leben verbinde, findet sich heute im Bewußtsein vieler Menschen. Die "Grenzlandliteratur" bewahrt die historische Kontinuität der moralischen Erfahrung, sie wiederholt allerdings nicht die Anklagen. Sie zeigt die multinationale Welt des Grenzlands als Ort einer unerfüllten Chance auf gute Koexistenz. Grundlage dieser Literatur ist die Utopie der Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Überzeugungen und Glaubensbekenntnisse, eine Verständigung, die uns - Polen, Deutschen Ukrainern - noch nicht gelungen ist, in die Tat umzusetzen. Das Wort "uns" ist hier das wichtigste: es beschreibt das Gefühl, daß es uns allen nicht gelungen ist, die Katastrophen zu verhindern.

Grenzland als Zukunftsmodell

Wenn man über Krisensituationen spricht, muß man deutlich sagen, daß die Massenkultur, die heute im Empfinden vieler Europäer die Grundlage der Verständigung ist und scheinbar - durch ihren Kult der ethnischen Vielfalt - die Demokratie stärkt, in Wirklichkeit keine starken Mechanismen schafft, die den die Demokratie bedrohenden Gefahren entgegenwirken. "Ob der deutsche Vulkan" - so überlegte vor kurzem Stanislaw Stomma - "noch einmal ausbrechen wird, wissen wir nicht, ebenso wie wir das zukünftige Schicksal Polens nicht voraussehen können. Es geht aber darum, daß weder bei ihnen, den Deutschen, noch bei uns gesellschaftliche Katastrophen und moralische Entartung auftreten. Das ist eine gemeinsame Angelegenheit - ihre und unsere. Man muß gemeinsam denken lernen und gemeinsame ethische Grundwerte festigen." Echte Verständigung verbindet sich mit der Verteidigung der gemeinsamen Werte einer demokratischen Gesellschaft.

Meiner Ansicht nach ist eine solche Verteidigung ohne Rückbesinnung auf die Vergangenheit nicht möglich. Diese Rückbesinnung sollte jedoch nicht Demütigung und Frustration erzeugen, sondern eher pragmatisch sein. Wenn wir schon zur Vergangenheit zurückkehren, dann vielleicht nicht so sehr zu den Erfahrungen von Auschwitz und den Vertreibungen, sondern zu den Wurzeln des Übels, d.h. zum eigentlichen Moment der Geburt des Nazismus. Gerade aus der ständigen Reflexion darüber müssen wir unser Wissen schöpfen, wie man die Demokratien vor einem Umschlagen in antidemokratische Systeme verteidigen kann. Es gibt kein zerbrechlicheres System als das demokratische. Ebene der Verständigung sollte die Reflexion über die Krisenmomente der Geschichte Polens und Deutschlands sein, gestützt auf das Schuldgefühl, etwas unterlassen zu haben, was die früheren Katastrophen hätte verhindern können.

Es reicht jedoch nicht, politischen Pluralismus und Multiethnie zu verteidigen. Die "Grenzlandliteratur" - oder besser die ganze geistige Formation des Grenzlands, die ich im Sinne habe - verteidigt mittelbar (denn oft handelt es sich gar nicht um eine bewußte Intention der Schriftsteller) die Idee eines multikulturellen Staates. Diese Idee unterstützt ganz bestimmt die demokratische Ordnung. Bedroht wird sie jedoch vom Mythos des Grenzlands als Arkadium der multikulturellen Welt, ein Mythos, der die tatsächlichen Konflikte verdeckt. Die Literatur, die das Thema der polnischen Grenzregionen aufgreift, ist sich dieser Gefahr sehr wohl bewußt. In ihr trifft eine utopische Grenzlandmentalität zusammen mit einem Bewußtsein, daß die Multikulturalität nicht nur eine Chance darstellt, sondern auch eine sehr dramatische gesellschaftliche Erfahrung beinhaltet.

In Polen ist die Multikulturalität - nach der schrecklichen Epoche der Kriege und Deportationen, die zur Beseitigung der Minderheiten geführt hat - bisher vor allem eine literarische Vision, eine Erinnerung an die Grenzland-Vergangenheit, also eher nostalgischer Mythos einer früheren Welt und vielleicht auch Vorahnung einer erst entstehenden Welt als Wirklichkeit. Diese Vision kann die Konflikte nicht aufdecken, die die multikulturelle Welt erschüttern.

Nach einer der Entwicklungsvarianten steht Mitteleuropa ein Prozeß bevor, in dem sich ethnisch einheitliche Nationen in multinationale oder multikulturelle Staaten umwandeln. Deutschland, Frankreich und England sind Mitteleuropa in dieser Hinsicht voraus. Wenn sich dieser Prozeß tatsächlich vollzieht, - denn das ist keineswegs sicher, wenn man die Erfolge von Le Pen betrachtet, der nicht nur in Frankreich Anhänger hat, - kann die kulturelle Struktur des Grenzlands zur allgemein europäischen Norm werden. Ganze Staaten, bisher ethnisch einheitlich, werden die Gestalt eines Grenzlands annehmen mit allem Glanz und allen dazugehörenden Dramen. Nicht nur die Kulturen, sondern auch die Zivilisationen werden sich vermischen. Die große Veränderung, der wir uns nähern, wirft viele Fragen auf: Wie entwickelt sich die Lage in Mitteleuropa, wo ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung aus Regionen stammen wird, in denen es niemals irgendeine demokratische Tradition gab? Als was werden sich die Kinder und Enkel der arabischen oder afrikanischen Ausländer begreifen, die gerade nach Europa kommen? Vor kurzem versuchte mich ein Bekannter zu überzeugen: "Grass hat recht, die Deutschen sterben aus. Aber die heutigen Türken werden als zukünftige Deutsche deutscher sein als es diese jemals waren. Das werden Sie noch sehen! An welchen Werten wird sich dann die deutsche Gesellschaft orientieren? Wie werden sich die neuen Deutschen außereuropäischer Herkunft gegenüber Polen oder gegenüber Mittelosteuropa verhalten? Welchen Einfluß werden sie auf die deutsche Politik nehmen? Das Problem der Zukunft liegt im Zusammentreffen Europas mit dem Islam und nicht in den lokalen polnisch-deutschen Sorgen!" Hatte mein Gesprächspartner recht, oder handelt es sich eher um eine fantastische Science-Fiction-Vision?

Die deutsche Entscheidung, die ethnisch einheitliche Nation für die Aufnahme von Ausländern zu öffnen, Deutschland also in ein großes Kulturgrenzland umzuwandeln, getroffen in einem Staat, der sich noch vor nicht allzu langer Zeit nach der Ideologie der rassischen Reinheit richtete, verdient Achtung. Allerdings kann, was aus demokratischen Idealen entstand, sich manchmal auch gegen die Demokratie richten - darin steckt eine Paradoxie der Geschichte. Die Beobachtung Deutschlands berechtigt zu allerlei Sorgen, die über innerdeutsche Angelegenheiten hinausgehen. Bekannt ist schon, daß man Ausländer nicht in Asylantenheimen unterbringen soll, - die Ereignisse in Hoyerswerda vom September 1991 haben das klar bewiesen -, sondern sie unter die einheimische Bevölkerung mischen muß. Aber viele Fragen bleiben weiterhin ohne Antwort. Was in Deutschland im Zusammenhang mit dem Asylrecht geschieht, das im Mai 1993 verschärft wurde, erhellt die ganze Dramatik, die die Transformation begleitet. Wo liegt die Grenze der Belastbarkeit der Einheimischen gegenüber der Zuwanderung von außen? Wie Wojciech Pieciak schreibt, wohnen in Deutschland bereits 6-8 Millionen Ausländer. In Westdeutschland machen allein die Türken 1,8 Millionen aus. Fast jeder 10. Deutsche ist heute farbiger Ausländer. Die Dramen der sich herausbildenden multikulturellen Gesellschaft können sehr eruptiv verlaufen. Wie soll man sich gegenüber einer Zigeunerfamilie verhalten, die in Übereinstimmung mit ihren kulturellen Normen ein Schaf an einer Teppichstange schlachtet? Vor dieser Frage stehen bereits die Deutschen, aber vor dieser Frage werden auch Polen, Tschechen und Ukrainer stehen. Es ist wahr, "Hoyerswerda ist überall". Aber sogar in deutschen Kindergärten gibt es Konflikte, die man nicht mit einfachen Losungen der "offenen Gesellschaft" lösen kann. Wie soll man in einem gemischten Kindergarten das Weihnachtsfest begehen, ohne z.B. mit den Eltern der kleinen Türken in Konflikt zu geraten, von denen nur ein Teil damit einverstanden ist, daß ihre Kinder gemeinsam mit den deutschen den Weihnachtsbaum schmücken? Als im westfälischen Ahlen die türkische Minderheit ein Minarett bauen wollte, diskutierten die Einwohner heftig darüber, ob der Gesang des Muezzin nicht die öffentliche Ordnung stören werde.

Ganz Europa wird zu einem großen Grenzland. In diesem Sinn erhalten die Erfahrungen und Reflexionen über Geschichte und Gegenwart des polnischen westlichen Grenzlands (oder wie die Deutschen sagen - der deutschen Ostgebiete), die ihren Ausdruck in der in Polen nach 1989 entstehenden Literatur finden, ihre Bedeutung auch in der Perspektive einer allgemeineuropäischen Idee des Zusammenlebens von Nationen und Kulturen.

  1. Die Bezeichnung "Westpommern" im Polnischen meint das Gebiet, das man im Deutschen früher als Hinterpommern bezeichnete, während "Pomorze" (Pommern) sich im heutigen polnischen Sprachgebrauch teils auf das ehemalige Pommerellen bezieht, teils beide Teile umfaßt. (Anm.d.Red.)
  2. In seinem Artikel Poniemieckie, Pozydowskie - Was nach den Deutschen in Polen von ihnen blieb - ein seltsam fremder Raum für die neuen Bewohner (die tageszeitung vom 27.8.1994) schreibt Leszek Szaruga zum Begriff poniemieckie: "Dieses Wort läßt sich nicht ins Deutsche übersetzen: poniemieckie - das, was nach den Deutschen blieb. Zurückgelassene deutsche Möbel, deutsche Bücher, deutsche Häuser, deutsche Straßen - das ist es, was ich ständig als Kind hörte. Ich verbrachte meine Kindheit in der kleinen Ortschaft Glebokie in der Nähe Stettins. Wenn man in den Wald ging, konnte man eine Menge interessanter Dinge mitbringen: Minen, Karabiner, Pistolen, Granaten. Das waren die Spielsachen meiner Kindheit, und es ist ein Wunder, daß diese Spiele in meinem Kreis mit nur einer einzigen abgerissenen Hand endeten. Meine Eltern dagegen sammelten die von den Deutschen hinterlassenen Güter: eine vierzigbändige vollständige Goethe-Ausgabe, die sie auf einem Bauernhof vor der Benutzung zum Feueranmachen retteten, ein Klavier, das in der Kneipe als Schanktisch diente und auf dem der Wirt seinen Gästen das kühle Blonde hinüberschob, schöne modernistische Möbel, die durch irgendein Wunder den Krieg heil überstanden hatten. Alles gehörte zum Nachlaß der Deutschen." In der vorliegenden Übersetzung wurde "poniemieckie" als "postdeutsch", "ehemals deutsch", "deutsch" oder "von den Deutschen hinterlassen" übersetzt. (Anm. d. Red.)
  3. Der Roman "Hanemann" von Stefan Chwin ist 1997 unter dem Titel "Tod in Danzig" in deutscher Sprache bei Rowohlt erschienen. (Anm. d. Red.)

Aus dem Polnischen: R.U. Henning