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      TRANSODRA 17, Oktober 1997, S. 29 - 35

Wie wird Frankfurt/Oder zu einer europäischen Grenzstadt?

Dietrich Schröder, Märkische Oderzeitung, Frankfurt/O.

Vor dem Holiday Inn, dem ersten Haus am Platze, hängen die Fahne der Bundesrepublik, die Flagge Brandenburgs und das Banner der Hotelgruppe. "Und wo ist die polnische Fahne?", fragte mich einmal ein erstaunter Besucher. Er dachte, Frankfurt sei eine Grenzstadt, die auch ihre Nachbarn als Gäste willkommen heißt. Das Thema des heutigen Stadtforums – Wie wird Frankfurt/Oder zu einer europäischen Grenzstadt? – stellt eine Verlockung dar, entweder an Beispielen, wie dem eben genannten, die uneuropäische Realität zu verspotten, oder aber große Ansprüche einzufordern. Etwa solche: Eine europäische Grenzstadt ist eine Stadt, in der man die Grenze nicht mehr spürt. Paß- und Zollkontrollen gibt es nicht mehr. Demzufolge auch keinen Schmuggel, da ja jeder soviel hin und her transportieren dürfte, wie es ihm beliebt. Deutsche junge Leute würden in gleichem Maße in Slubice lernen oder am Collegium Polonicum studieren, wie es polnische Schüler und Studenten bereits heute an deutschen Schulen und der Europa-Uni tun. Ein großer Teil der Bevölkerung beherrschte Deutsch und Polnisch gleichermaßen. Die Slubicer kämen im Sommer zum Baden an den Helene-See, während die Frankfurter die Seen von Lagów schätzten, oder auch die Inszenierungen der Stettiner und Posener Musiktheater. In der Vorweihnachtszeit wäre das nahegelegene Osno Lubuskie mit seiner Stadtmauer und dem historischen Markt ein Geheimtip. Denn dort würde nicht der übliche Tand, sondern polnische Holzschnitzarbeiten und andere geschmackvolle Folkloreartikel verkauft. Zu den polnischen Weihnachtsgänsen sowie Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau gäbe es kostenlos die besten Rezepte von den einheimischen Bauersfrauen. Und in der Jakobikirche mit der restaurierten Sauer-Orgel gäbe es an jedem zweiten Abend ein romantisches Konzert, zu denen sowohl deutsche Weihnachtslieder als auch polnische Koledy gesungen würden.

Ich will jedoch weder der Versuchung, zu spotten, noch der, zu schwärmen erliegen. Obwohl uns ja solche europäische Städte bekannt sind. War es nicht bei den ersten Besuchen in Straßburg, in Como oder in Aachen, als uns plötzlich die Frage durch den Kopf zuckte: In welchem Land befinden wir uns jetzt eigentlich? Die Realität an der Oder im Dezember 1996 ist jedoch nicht so. Als jemand, der seit nunmehr zehn Jahren in dieser Stadt lebt, will ich versuchen, die Fragen warum der Alltag so nicht ist, und wie wir ihn verändern können, zu beantworten. Zuerst drei Thesen.

Veränderung ist eine spannende Angelegenheit. In dieser Überzeugung bestärken mich immer wieder jene Viadrina-Studenten, die aus scheinbar gutsituierten Städten in Westdeutschland nach Frankfurt/Oder kommen, um festzustellen, daß ihnen das Leben hier viel interessanter vorkommt. Oft ziehen sie diese Erfahrung zwar aus solch chaotischen Erlebnissen wie Brötchenkriegen oder der Massenausweisung angeblicher polnischer Schwarzarbeiter. Gerade solche Ereignisse regen aber auch zum Nachdenken über sich und andere an.

Große politische Zielstellungen, wie etwa die "Gestaltung eines neuen Europa" äußern sich für den einzelnen in der Praxis an ganz einfachen Dingen. Etwa, wenn Bürger aus Slubice schon heute ihre Urlaubsreise bei einem Frankfurter Reisebüro buchen, weil es hier viel komfortabler ist. Oder, wenn sich Frankfurter ihre Haare in Slubice schneiden lassen, sich ihr darunterliegendes Gehirn aber weniger darüber zerbrechen, ob das Haarwasser einer EU-Norm entspricht oder nicht, sondern darüber, warum sie für so etwas Simples wie Haareschneiden an der Grenze zweimal den Ausweis vorzeigen müssen. Wenn man es abstrakt sagen wollte, lautet die Antwort auf die Frage wie Frankfurt zu einer europäischen Grenzstadt wird folgendermaßen: Indem wir hier vor Ort für normale, entspannte Verhältnisse zwischen Deutschen und Polen sorgen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In diesem Sinne würde ich das Thema des Abends auch gern ein kleines Stück erweitern. Nämlich so: Wie werden aus Frankfurt und Slubice europäische Grenzstädte? - oder besser: Wie wird aus Frankfurt und Slubice eine europäische Grenzstadt? Stellte man die Frage so, müßte man natürlich auch ein gemeinsames Stadtforum mit den Polen schaffen.

Obwohl in den Jahren seit 1990 schon eine Menge Gelegenheiten verpaßt wurden, um in Frankfurt mehr Offenheit in Geist und Handeln einziehen zu lassen, ist doch noch nicht aller Tage Abend. Denn es gibt noch so viele Kommunikationsstörungen zwischen Deutschen und Polen und vor allem Unverständnis für die Gefühlslage des jeweils anderen, daß sich gerade Grenzstädte bei der Beseitigung dieser Hürden verdient machen könnten. Diese These gilt allerdings nur mit einer Einschränkung: Wenn wir uns nicht bald besinnen, kann es sein, daß wir über kurz oder lang wirklich unsere letzten Chancen verpassen.

Nun aber zu den beiden Fragen: Warum ist der Alltag an der Grenze so, wie er ist? Und wie können wir ihn verändern? Bis zum November 1989 gab es nicht nur eine sichtbare Mauer in Berlin, sondern auch eine unsichtbare an der Oder. Um letztere zu überwinden, bedurfte es für die Ostdeutschen guter Freunde in Polen, die einem eine Einladung schicken konnten. Weil es mit Schwierigkeiten verbunden war, Fremde kennenzulernen, erstarb bei vielen Ostdeutschen jedoch die Fähigkeit, sich von den Reizen des Fremdartigen anstecken zu lassen. Außerdem mußte man mit den Einladungen immer noch zu den Meldeämtern der Volkspolizei gehen, die zu den eifrigsten Datensammlern über die DDR-Bürger zählten. Hatte man die Absicht, nach Polen zu fahren, konnte man spätestens nach der Entstehung von Solidarnosc schon mal unverblümt gefragt werden: "Was wollen Sie denn dort?" Oder man mußte weitergehende Untersuchungen über sich ergehen lassen.

Die meisten Polen, die etwa wegen des chronischen Arbeitskräftemangels in der DDR hier beschäftigt wurden, oder die nach Reisen in den Westen DDR-Mark zu extrem günstigen Bedingungen erwarben, wurden von den Ostdeutschen als lästige Konkurrenten im täglichen Kampf um die ohnehin spärlichen Konsumgüter und Lebensmittel betrachtet. Umgekehrt galten die "preußischen Sozialisten" aus der DDR vielen Polen als noch extremere Ideologen als die "sowjetischen Brüder". Dies waren wahrlich nicht die Bedingungen, unter denen unvoreingenommenes Interesse aneinander in großem Umfang entstehen konnte. Die 1945 künstlich geschaffene Oder-Neiße-Grenze blieb unter realsozialistischen Verhältnissen eine sehr harte Grenze, da die meisten Menschen an den beiden Ufern der Flüsse weder die Sprache des Nachbarn verstanden, noch über den Zugang zu dessen Empfindungen verfügten. Ausnahmen, auf die immer wieder verwiesen wird, bestätigten nur die Regel.

Bis zum Jahr 1939 lag der größte Teil des preußisch-brandenburgischen Regierungsbezirks, dessen Zentrum Frankfurt war, östlich der Oder. Die 60 Jahre danach haben in ihrer Abfolge von Kriegshetze und Krieg, Vertreibung und Abgrenzung dafür gesorgt, daß es Anfang der 90er Jahre nicht mehr die Spur einer gemeinsamen Identität der an beiden Ufern der Oder lebenden Menschen gab. Nach dem Fall der Berliner Mauer mußten die Ostdeutschen, von denen sich viele ja durch den Erhalt der D-Mark gerade erst persönlich aufgewertet fühlten, dann noch mit einer Lektion in Sachen Marktwirtschaft aus einer Richtung fertigwerden, aus der sie sie am wenigsten erwartet hatten. Im Mikrokosmos von Frankfurt/Oder und Slubice spielten sich die ersten Jahre nach der Grenzöffnung wie folgt ab. 1. Juli 1990: Die Löhne der 8000 im Frankfurter Halbleiterwerk Beschäftigten werden über Nacht 1 : 1 auf DM umgestellt. Viele Leute reiten förmlich in Polen ein, um endlich einmal mit dem "richtigen" Geld winken zu können. So, wie sie es in den Jahrzehnten zuvor bei unzähligen schmachvollen Urlaubsreisen ins Riesengebirge oder an den Balaton von Westdeutschen erlebt hatten. Die Slubicer ärgern sich zwar über manchen Krakeeler, kriegen aber schnell mit, daß ihnen da auch eine neue Einnahmequelle entsteht. Die ersten Händler, die ihre Waren auf Klappbetten ausbreiten, tauchen auf. 1. Januar 1991: Die Ost-Handelskontakte des Halbleiterwerkes sind wegen der Verteuerung der Erzeugnisse zusammengebrochen. Für die meisten der 8000 Halbleiterwerker gilt "Kurzarbeit Null", das heißt, sie brauchen de facto nicht zu arbeiten, bekommen aber trotzdem die durch Tarifangleichungen erhöhten Löhne. Viele denken: Der Kapitalismus ist der wahre Sozialismus. Der Einkaufsstrom nach Slubice wächst. Dort sind aus den Klappbetten inzwischen Holzbuden geworden. 1992: Die meisten Halbleiterwerker erhalten ein Jahr lang das wiederum erhöhte Arbeitslosengeld. Der Käsehändler aus Breslau, der als erster polnischen Emmentaler in Slubice verkaufte, baut derweil aus den Marktgewinnen ein Einfamilienhaus. 1993: Aus dem Arbeitslosengeld der Frankfurter ist Arbeitslosenhilfe geworden. Immer noch besser als nichts. In Slubice öffnet der zweite Markt. 1994: Das Halbleiterwerk zählt nur noch knapp 400 Beschäftigte. Beim Anblick der nunmehr asphaltierten Bürgersteige des einst rückständigen polnischen Grenzortes fragen sich immer mehr Frankfurter: Wie ist es möglich, daß es den Polen ständig besser, uns aber zunehmend kritischer geht? Mit vier Jahren Verspätung reift die Erkenntnis, daß in der Marktwirtschaft nicht derjenige das Geschäft macht, der sein Geld ausgibt, sondern derjenige, der es einnimmt. Soviel zu der ersten Frage, warum vieles am heutigen Alltag so ist, wie es ist.

Jetzt aber das wichtigere Problem: Wie könnte der Alltag an der Grenze verändert werden? Um, wie bereits erwähnt, nicht zu spotten oder zu schwärmen, werde ich Dinge, die es bereits gibt, auf ihre Veränderbarkeit hin untersuchen. Unmittelbar nach der deutschen Vereinigung gaben sich im Gebäude der früheren Bezirksparteischule der SED, das seit 1991 Kongreßhotel heißt, die Veranstalter von Tagungen die Klinke in die Hand. Wissenschaftliche Vereinigungen und politische Parteien aus ganz Deutschland hatten ein dringendes Bedürfnis, nach Frankfurt/Oder zu kommen und ihre Veranstaltungen mit Blick auf den Osten Europas durchzuführen. Sie hatten zuvor einfach nur auf die veränderte deutsche Landkarte geschaut und dabei festgestellt, daß der einzige größere deutsche Ort an der Grenze zu Polen fast genau in der Mitte dieser 400 Kilometer langen Grenze liegt – Frankfurt/Oder. Na, wenn es dort nicht Leute gäbe, die sich mit dem Nachbarn Polen auskennen, wo eigentlich sonst? Vor Ort folgte die Ernüchterung. Zu interessanten Debatten kam nur ein Mini-Publikum. Kontakte nach Polen gab es kaum. Dafür taten die Oderstädter das, was die meisten Ostdeutschen in dieser Zeit taten. Sie fuhren in den Westen und schwiegen in spanischen und italienischen Hotels genüßlich, wenn die dortigen Portiers als Herkunftsort der Gäste "Frankfurt" in die Bücher eintrugen und dabei dachten, es handele sich um die Mainmetropole.

Die im neuen Europa allerorten heftig entbrannte Debatte über Standortvorteile und die Rolle der Regionen hörte man an der Oder zwar. In den Imagebroschüren der Stadt war vom "Tor zum Osten" die Rede, jedoch so, als wäre Frankfurt der Ort, an dem einem die gebratenen Tauben von selbst in den Mund flögen. Ihre komfortable geographische Lage – einerseits die Nähe zur deutschen Hauptstadt, die aber schon genügend weit entfernt ist, um an der Oder ein unabhängiges Verwaltungs- und Kulturzentrum schaffen zu können, andererseits das flache Hinterland in Polen, das bis kurz vor Posen reicht und in dem sich Städte wie Gorzów oder Zielona Góra als natürliche Partner anbieten – verleitete Frankfurt statt zu Aktivität zum Nichtstun. Diese Lage wurde nicht als Verpflichtung begriffen, sich als bereits in der EU gelegene Schalt- und Denkzentrale dem Umland anzubieten, die Interessen der Nachbarn zu erforschen, und sich als Zentrale der Region zu profilieren. Erst nach Jahren erwuchsen aus formal erneuerten Freundschaftsverträgen mit Slubice und Gorzów die ersten wirklichen persönlichen Kontakte. Die traurigste Folge dieses Zögerns war, daß sich große deutsche und japanische Konzerne, die an der Grenze investieren wollten, von ihren Plänen wieder verabschiedeten. Da nur die Kombination von deutschem Know how und polnischen Arbeitslöhnen für sie von Interesse gewesen wäre, hatten sie im Frankfurter und Slubicer Rathaus unabhängig voneinander austesten wollen, wie tragfähig die Kontakte der Städte sind, um die Hindernisse der EU-Grenze aufzuweichen. Sie stellten jedoch fest, daß es zu wenig stabile Handlungsstränge zwischen den Grenzkommunen gab. Schlimmer noch: Bis vor ganz kurzer Zeit versuchten die Frankfurter und Slubicer ihre Pläne, je ein Industriegebiet an der Autobahn zu schaffen, voreinander zu verheimlichen, in der Angst, die andere Seite könnte schneller sein. Der Effekt war jedoch, daß bis zum heutigen Tag keins von beiden Gewerbegebieten entstand. Erst vor wenigen Wochen traf sich ein Wirtschaftskreis mit Frankfurter und Gorzówer Teilnehmern zum ersten Mal.

Das wirtschaftliche Verhalten der Frankfurter Behörden stellte lange Zeit eine eigenartige Mischung aus einerseits Selbstüberschätzung und andererseits Unfähigkeit, Schritt für Schritt zu handeln, dar. Zum Beispiel ist es seit 1991 erklärtes Ziel, vor den Toren der Stadt ein großes Euro-Trade-Zentrum für den Straßen- und Schienenverkehr einzurichten. Andererseits ist es bis heute nicht einmal möglich, sich als Privatreisender auf der Autobahn in Richtung Osten vor der Grenze zu Polen eine Bockwurst zu kaufen. Der Vorschlag des Stettiner Stadtpräsidenten zu einem Treffen mit dem Frankfurter Oberbürgermeister lag meines Wissens fast ein halbes Jahr im Frankfurter Rathaus, bevor man sich überhaupt zu einer Antwort herabließ. Inzwischen trifft sich Berlins Erster Bürgermeister Eberhard Diepgen häufiger mit dem Stettiner Stadtoberhaupt Bartlomiej Sochanski, als man in Frankfurt über Stettin spricht. Und dies, obwohl beide Städte an der Oder liegen.

Diese Unterlassungssünden sind umso unverständlicher, da es eigentlich bereits seit drei Jahren ein Gremium gibt, in dem die ständige Koordinierung stattfinden könnte: die Euroregion. Ihr gehören deutscherseits außer Frankfurt die Landkreise Märkisch Oderland und Oder-Spree an, polnischerseits die meisten Gemeinden der Wojewodschaft Gorzów. Leider handelt es sich nur um ein formales Bündnis. Die Politiker haben es bisher kaum vermocht, ihre Interessen zu bündeln und gemeinsam zum Ausdruck zu bringen. Da Frankfurt von diesem Bündnis die meisten Effekte hätte, steht es auch am meisten in der Verantwortung, sich um konkrete Projekte zu kümmern.

Nicht nur für Frankfurt, sondern auch für die Polenpolitik anderer deutscher Grenzkommunen ist es typisch, daß man sich für Projekte, die sich in irgendeiner Weise mit den Nachbarn beschäftigen, fast ausschließlich auf Fördergelder verläßt, die von Arbeitsämtern, vom Land, aus Bonn, Warschau oder von der EU stammen. Natürlich ist überhaupt nichts gegen die Bemühungen um Fördergelder einzuwenden, zumal man sie auch aus eigenen Mitteln kofinanzieren muß. Die Initiative des Oberbürgermeisters, der sich Anfang der Woche an den Bundeskanzler wandte, um zu erreichen, daß einige Institutionen der EU ihren Sitz in Frankfurt nehmen sollten, ist nur zu begrüßen. Daß man wirklich an den nachbarschaftlichen Beziehungen interessiert ist, würde sich meiner Meinung nach aber daran ablesen lassen, ob wenigstens einige Dinge für so bedeutsam eingeschätzt würden, daß sie völlig aus selbst erwirtschaftetem Geld finanziert würden. Das deutsch-polnische Verhältnis ist fast ein ABM-Verhältnis. Den Mitarbeitern der meisten Büros und Einrichtungen werden keine festen Arbeitsplätze angeboten. Das bedeutet nicht nur, daß viele nach einem Jahr wieder in der Luft hängen. Es bringt auch den eigenartigen Charme mit sich, daß Leute, die für die deutsch-polnischen Beziehungen arbeiten, rein theoretisch nicht einmal die Grenze überschreiten dürfen, da sie ansonsten laut deutscher ABM-Vorschriften nicht mehr versichert sind. Daß diese Vorschrift in der Praxis hundertfach umgangen wird, spricht nur für das Engagement bestimmter Leute.

Hätte ich hier vor einem halben Jahr gesprochen, dann wäre mein Urteil über Wirtschaft und Politik wahrscheinlich noch negativer ausgefallen. Inzwischen gibt es jedoch zumindestens bei privaten Firmen die spürbare Tendenz, nicht mehr nur über den Abfluß deutscher Kaufkraft auf polnische Märkte zu klagen, sondern sich immer ernsthafter auf die Interessen polnischer Käufer einzustellen. Man scheint langsam verstanden zu haben, daß für viele Polen Frankfurt die nächstgelegene größere Stadt ist. Eine polnische Studentin der Viadrina, die in einem Frankfurter Unternehmen stundenweise als Dolmetscherin arbeitet, berichtete mir, wie groß ihr Staunen darüber war, daß einige ihrer Landsleute mehrere Tausend Mark für deutsche Erzeugnisse ausgaben. Immer häufiger tauchen in Zeitungen des polnischen Grenzgebiets Anzeigen von hiesigen Unternehmen auf.

Noch etwas Spürbares geschah erst vor einigen Wochen. Bei der Aufstellung zweisprachiger Straßenschilder hatte Frankfurt endlich einmal die Nase gegenüber Slubice vorn. Die an der Aktion Beteiligten können zwar ein Lied davon singen, wie schwierig es war, Landesbehörden zu erklären, weshalb auf deutschlandweit genormten Schildern plötzlich polnische Schrift auftauchen soll. Letztlich ließen sie sich aber vom Amtsschimmel nicht unterkriegen, was einem Deutschen ja durchaus nicht angeboren ist. Die Slubicer wollen jetzt übrigens mit dreisprachigen Schildern antworten: Polnisch, Englisch, Deutsch.

Auch in den Frankfurter Telefonhäuschen der Telekom kann man sechs Jahre, nachdem die Bedienungsanweisungen zwar in den EU-Sprachen Griechisch und Spanisch ausgewiesen waren, diese nun endlich auch auf Polnisch lesen. Es gibt also erste Zeichen der Veränderung und die Viadrina-Studenten aus dem Nachbarland, deren Hilfe als Dolmetscher oder Kontaktvermittler man sich häufig bedient, haben daran keinen geringen Anteil.

Verlassen wir das Feld der Wirtschaft. Am meisten wurde bisher auf dem Gebiet der Bildung getan, von den Kindergärten bis zur Europa-Universität. Es gibt eine Frankfurter Kita und mehrere Grundschulen, deren Kinder und Schüler sich regelmäßig mit polnischen Altersgefährten treffen. Und da wird tatsächlich nicht nur auf Fördermittel gewartet. Gerade in den Klassenstufen sieben bis zehn wird es dann aber dünn mit den Kontakten. Immerhin gehen 24 polnische Oberschüler aufs Frankfurter Gymnasium und in zwei Fächern, Musik und Kunst, ist die polnische Sprache sogar für die Deutschen Unterrichtssprache. Die deutschen Schüler können sich natürlich aussuchen, ob sie in eine solche Klasse gehen oder nicht. Einer europäischen Grenzstadt würde wohl ein deutsch-polnisches Gymnasium, in dem es paritätisch zugeht, besser zu Gesicht stehen. Nach Auskunft des Leiters jenes Gymnasiums, das die Polen besuchen, gibt es dafür aber weder ein Finanzierungsmodell noch die nötigen deutschen Interessenten.

Das herausragendste Ereignis für Frankfurt/Oder seit der Wendezeit war zweifellos die Entstehung der Europa-Universität. Der Gedanke der Wiedergründung der Viadrina wurde in den Wendejahren geboren und die Unterstützung der Stadt, leider nicht immer der Bürger, für die Hochschule hielt bis heute an. Nachdem man sich jahrelang um den Aufbau der Europa-Universität bemüht hat, steht mittlerweile die Frage: Wo finden die Absolventen dieser Uni einen Arbeitsplatz in der Region?

Nach Wirtschaft, Politik und Bildung will ich etwas zu Kultur und Sport sagen. Auch da ergibt sich ein widersprüchliches Bild. So soll es trotz umfangreichen hiesigen Box-Rummels selbst den meisten Slubicern verborgen geblieben sein, was sich hinter den Namen Henry Maske und Axel Schulz verbirgt. Andererseits kam eine Frankfurter Volleyball-Stadtliga erst dann richtig ins Laufen, als man den Kontakt nach Polen suchte und dort auch genügend Mannschaften für den regelmäßigen Spielbetrieb fand. Als dann jedoch die Old Boys aus Slubice vor vier Jahren plötzlich vor dem Gewinn der Stadtmeisterschaft standen, gab es allerdings auch einige Frankfurter, die ihnen diesen Titel nicht zuerkennen wollten. Jedoch setzte sich recht schnell die Vernunft durch.

In der Kultur läuft vieles halbherzig. So wird zwar das gemeinsame Jugendorchester der Musikschulen Frankfurt und Zielona Góra bei allen möglichen Festivitäten als Vorzeigeobjekt präsentiert. Im Alltag ist jedoch das Geld so knapp, daß die jungen Leute fast nur noch getrennt proben. Als ich einmal über das Orchester schrieb, machte mich folgendes Gespräch besonders betroffen: Ein 13jähriger Frankfurter bat mich, seinen Namen in dem Beitrag nicht zu nennen. Er habe zwar viel Spaß am Musizieren und einige Freunde in Polen, aber Angst davor, bei seinen Frankfurter Mitschülern als Polenfreund zu gelten.

Das Frankfurter Theater ließ sechs Jahre nach der Wende vergehen, bis man eine Partnerschaft mit der Gorzówer Bühne wieder aufnahm. Ob es allerdings zu mehr als dem einmaligen Austausch von Inszenierungen in diesem Jahr kommt, ist bis jetzt noch unklar. Daß in Gorzów alljährlich im Sommer das einzige regelmäßige Festival der Roma-Kultur stattfindet, an dem Künstler von Spanien bis Indien teilnehmen, und daß sich jeden Juni im nahegelegenen Lagów Filmemacher aus Osteuropa treffen, hat auf Frankfurt bisher keinerlei Auswirkungen gehabt. Im Vergleich dazu haben es die Cottbuser geschafft, ein jährliches Festival des jungen osteuropäischen Films zu schaffen, daß in diesem Jahr schon zum dritten Mal stattfand. Einwohnern von Slubice wurde zwar rein theoretisch die Möglichkeit geschaffen, in der Frankfurter Konzerthalle die Eintrittskarten zum halben Preis zu kaufen. Tatsächlich gibt es auch viele Konzerte mit polnischen Künstlern. Das Staatsorchester tritt z.B. regelmäßig gemeinsam mit den Posener Sinfonikern auf und die Singakademie singt mit polnischen Chören. Unverständlich ist jedoch, warum man im Nachbarort kaum Werbung für solche Höhepunkte findet, genauso wie im Frankfurter Stadtmagazin keine Slubicer Termine auftauchen. Ich weiß, daß es in den Studentenzeitungen der Viadrina anders ist. Manchmal hängt es einfach nur an kleinen Dingen, daß die Kontakte nicht klappen. Ich erinnere mich auch, daß ein polnischer Puppenspieler, eine zeitlang dasselbe Stück für Frankfurter Kinder auf Deutsch und für Slubicer auf Polnisch spielte.

Zusammenfassend will ich noch einmal sagen, worauf es meiner Meinung nach ankäme, damit Frankfurt eine europäische Grenzstadt wird, die für die einen das Tor zum Osten und für die anderen das Tor zum Westen wäre:

  • Die Stadt muß ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen erst noch einmal gründlich und in Bezug auf ihr Umland in Deutschland und Polen definieren. Dabei würde sie feststellen, daß sie mit dem polnischen Grenzgebiet viel mehr gemeinsame Interessen hat als mit mancher deutschen Region.
  • Diese Interessen müssen in der Politik laut und vernehmlich zum Ausdruck gebracht werden. Und zwar sowohl gegenüber den eigenen Bürgern, von denen viele die Nachbarschaft zu Polen noch nicht als Chance begriffen haben, als auch gegenüber höheren politischen Entscheidungsebenen.
  • Der Grundton dieser Interessensbekundungen darf nicht Jammern über die schlechten Aussichten sein. Im Gegenteil: Die Grenzregion ist das Testfeld für eine EU-Erweiterung. Man muß Bonn, Warschau und Brüssel zeigen, daß man bereit ist, diese Rolle zu spielen, dafür natürlich aber auch der Unterstützung bedarf.
  • Im gesamten öffentlichen Leben der Stadt muß deutlicher werden, daß Polen und Osteuropäer willkommene Gäste sind, die hier Bekanntschaft mit dem Westen Europas schließen können. Die Stadt hat auch ohne große Industrie ihre Chance als Vermittlungsstelle für Kontakte und Dienstleistungen. Die BrandenburgMesse und das World–Trade–Center müssen in diesem Sinne entwickelt werden.
  • Schul- und Sportkontakte können mit relativ geringen Mitteln weiter ausgebaut werden.
  • Im kulturellen Bereich sollte sich die Kommune wenigstens für ein Gebiet entscheiden, auf dem sie im deutsch-polnischen Kulturaustausch Besonderes erreichen will.

 

Vortrag für das Frankfurter Stadtforum in Frankfurt/Oder, 12. Dezember 1996