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      TRANSODRA 17, Oktober 1997, S. 48 - 52.

Deutsche und Polen zwischen den Kriegen

Minderheitenstatus und "Volkstumskampf" im Grenzgebiet (1920-1939) - Rezension

Auf zweierlei Weise kann die Beziehung zwischen zwei Völkern historisiert werden. Entweder man betrachtet ihre Geschichte als Waffenarsenal, aus dem man sich munitioniert, um die jeweils eigene Position zu rechtfertigen. Oder man ist bemüht, zu verstehen, was einschließt, die jeweils andere Seite in ihr Recht zu setzen.

Schon vor einem Menschenalter hatten sich Martin Broszat, prominenter Historiker beim Münchner Institut für Zeitgeschichte und Marian Wojciechowski, ebenfalls renommierter Zeithistoriker, bei der Behandlung der polnisch-deutschen Minderheitenproblematik in der Zeit zwischen den Weltkriegen für den zweiten Weg entschieden. Das Projekt schien damals, als gerade die ersten Schwalben der neuen Ostpolitik am Horizont auftauchten, utopisch. Jetzt, 1997, hat es in Form zweier dickleibiger dokumentarischer Bände das Licht der Welt erblickt.

An die Stelle des verstorbenen Martin Broszat ist Rudolf Jaworski, Osteuropa-Historiker in Kiel, als Herausgeber getreten. Wojciechowski und Jaworski haben auch das Werk mit umfangreichen Aufsätzen eingeleitet. Mathias Niendorf und Przemyszlaw Hauser besorgten die Auswahl der Dokumente und versahen die einzelnen Kapitel mit Einleitungen. Der Arbeitsprozeß für beide Bände stellt ein Novum auch innerhalb der jetzt florierenden Kooperation zwischen polnischen und deutschen Historikern dar. Die Herausgeber sind mit Recht stolz darauf, daß hier nicht jeweils deutsche und polnische Forschungsergebnisse zusammengeleimt wurden, sondern, daß das, was jede Seite zu verantworten hat, von A bis Z das Ergebnis eines gemeinsamen Diskussionsprozesses ist.

Die Autoren haben für ihr Unternehmen jeweils drei Minderheitengebiete im damaligen Polen bzw. dem Deutschen Reich herausgesucht. Diese Territorien hängen entweder als Grenzgebiete auf beiden Seiten geographisch zusammen oder befinden sich jedenfalls in Grenznähe. Im Bereich Ost- bzw. Westpreußens sind dies der Landkreis Stuhm, im Berichtszeitraum dem deutschen Rest-Regierungsbezirk Westpreußen zugehörig und auf polnischer Seite der Landkreis Grudziadz in der neugebildeten Wojewodschaft Pommern (Pommerellen). Im weiter westlichen Pommern handelt es sich auf der polnischen Seite um den Landkreis Sepólno Krajenskie, dem auf deutscher Seite der Kreis Flatow gegenüberliegt. Weiter südlich, im Posener Gebiet, geht es um den Kreis Nowy Tomycl in Polen und seinem Gegenüber, dem deutschen Kreis Meseritz. Beide deutsche Kreise waren in der Weimarer Republik mit deutlicher Spitze gegen den Versailler Vertrag zur Restprovinz "Grenzmark Posen-Westpreußen" zusammengefügt worden. In Schlesien schließlich wählten die Autoren auf deutscher Seite das Oppelner Gebiet und die sich östlich anschließende Industriezone aus. Auf polnischer Sete entsprach dem derjenige Teil des Industriereviers, der nach der Abstimmung in Oberschlesien Polen zugesprochen worden war und jetzt zur Wojewodschaft Schlesien gehörte.

Aus dieser Aufzählung erschließt sich, was fehlt. Weder wurde die polnische Minderheit im Innern des Deutsches Reiches behandelt, z.B. die Polen im Ruhrgebiet oder in Berlin, noch die deutsche Minderheit im Innern des westlichen Polen oder im ehemals russischen Teilungsgebiet, z.B. in der Lódzer Industriezone. Diese Beschränkung hat ebenso historische wie systematische Gründe. Unmittelbar nach dem Versailler Friedensschluß setzte, wie Marian Wojciechowski in seinem Einleitungsbeitrag nachweist, der Exodus der deutschen Einwohner aus Städten wie Thorn/Torun oder Bromberg/Bydgoszcz ein, so daß die deutsche Bevölkerung auf bis zu 10 Prozent ihres vormaligen Umfangs zusammenschrumpfte. Die Minderheiten im Inneren beider Länder unterlagen auch nicht den spezifischen internationalen Regelungen

bzw. der internationalen Kontrolle, dem beide Teile Oberschlesiens bis 1937 unterworfen waren. In den Augen der polnischen bzw. deutschen Seite bildeten die verstreuten Minderheiten keinen Gefahrenherd, sie wurden nicht zu Objekten des "Volkstums-" bzw. "Grenzkampfs".

Um welche Art von Dokumenten handelt es sich? Es sind amtliche Berichte, Polizeimitteilungen, oft Auswertungen von Spitzel-Materialien, laufende Berichte der Landräte bis zu Einschätzungen auf Bezirks- bzw. Provinz- oder Wojewodschaftsebene an die jeweils nationalen Regierungen. Entsprechend variiert der Grad an konkreten Informationen, bzw. deren Verallgemeinerung. Vom bürokratischen Gesichtspunkt aus geht die polnische Seite zentralisierter vor. Set 1927 müssen die Starosten der Kreise einen feststehenden Nationalitäten-Kataster laufend ergänzen. In ihm ist, bis zu Namen und Adressen deutscher Aktivisten, so ziemlich alles erfaßt, was für den "Grenzkampf" von Nutzen sein könnte. Auch die Berichte auf Wojewodschaftsebene, z.B. von der Wojewodschaft Schlesien, folgen einem feststehenden Schema: Von deutschen Parteien und Organisationen über das Minderheitenschulwesen, das wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und kirchliche Leben bis hin zu Übersichten der deutschen Minderheitenpresse. Demgegenüber finden sich auf der höheren Ebene der deutschen Grenzbürokratie mehr strategische Überlegungen, mitunter auch Kritik am Unverständnis übergeordneter Instanzen, z.B. was die "Mentalität" der Oberschlesier angeht oder die mangelnde Sprachkenntnis deutscher Beamter (stellv. Oberpräsident von Schneidemühl).

Die politische Stoßrichtung ist auf deutscher und polnischer Seite identisch. Es geht um Festigung der eigenen Reihen und um die Gewinnung der "Schwankenden". Beide Seiten zeigen sich bemüht, dem eigenen Organisationsnetz möglichst große Finanzmittel zukommen zu lassen. Beide Seiten sammeln Materialien über die jeweiligen Untaten der anderen Seite. Es gilt, Verräter an der nationalen Sache auszumachen und im Kampf um die Seelen, wo nötig und möglich, auch materiell nachzuhelfen.

Dabei zeigt sich im polnisch-deutschen Verhältnis eine leicht nachvollziehbare Asymmetrie. Die Deutschen waren bis 1918 im preußischen Teilungsgebiet Staatsnation, selbst wo sie numerisch in der Minderheit blieben. Sie hatten genug Zeit, um Herrschaftstechniken zu entwickeln, die von der Anwendung nackten Zwangs bis zu verfeinerten Methoden der Assimilation einerseits, der Spaltung des polnischen nationalen Lagers andererseits reichten. Wo nicht offene Unterdrückung herrscht, arbeiten Zeit und Gewöhnung für die Fremdherrschaft. Deshalb fiel es den deutschen Behörden leichter als den polnischen, in ihrer Politik gegenüber der Minderheit an soziale Spannungen anzuknüpfen. Das traf selbst auf den ländlichen Raum zu, wo traditionelle Bindungen, z.B. an die örtlichen polnischen Großgrundbesitzer, ungebrochen fortwirkten. Während solche Konflikte in den Dokumentarbänden aufscheinen, ist generell das Verhältnis zwischen nationaler Frage und sozialen Konflikten im Berichtszeitraum dokumentarisch stark unterbelichtet. Speziell die kommunistische Agitation wird weder von polnischer noch von deutscher Seite erwähnt, obwohl gerade im gespaltenen oberschlesischen Revier sich hierfür Belege finden müßten - trotz der zahlenmäßigen Schwäche beider KPs.

Für die offizielle Politik des Deutschen Reichs galt es, trotz der Unterschrift unter "Versailles", die Grenzfrage nach Osten offenzuhalten. Der Appell an das Nationalbewußtsein war für beide Seiten konstitutiv. Die Deutschen machten massive Propaganda gegen die Emigration der deutschen Bevölkerung, deutscher Besitz dürfe freiwillig nicht aufgegeben werden, das letzte Wort sei noch nicht gesprochen. Für die polnische Seite erwies es sich als überlebenswichtig, auch formal die Loyalität der deutschen Minderheit gegenüber dem polnischen Staat einzufordern. Denn der noch ungefestigte neue Staat mußte zwangsläufig der Logik des französischen Philosophen Ernest Renan folgen, nach der über Sein oder Nicht-Sein der Nation das Plebiszit entscheidet, "das jeden Tag stattfindet". Wo immer antipolnische Reden gehalten werden, gibt es Anzeigen und Gerichtsverfahren.

Wer als Polizist oder Bürokrat beiderseits der Grenze Dienst tat, war nicht an Beispielen geglückten Zusammenlebens, an "Normalität" interessiert, von Multikulturalismus ganz zu schweigen. Konsequenterweise erscheint deshalb, was heute als erstrebenswert gilt, als Aufweichung festgefügter Fronten, mithin als Bedrohung. Überall ging es um Abgrenzung, um Belohnung der Standfesten, um Einschüchterung derer, die nicht so genau wußten, wohin sie gehören.

Voller Empörung schreibt der Oberpräsident im ostpreußischen Königsberg im Januar 1923 an den Präsidenten des Finanzamts ebendort über das Verhalten deutscher Beamter auf einem polnischen Fest im Minderheiten-Landkreis Stuhm: "Im Laufe des Abends erschienen diese Leute auf dem polnischen Fest, hielten sich längere Zeit während der polnischen Vorträge im Vorzimmer des Saales auf, und nahmen später am Tanze teil. Es ist einwandfrei beobachtet worden, daß die Beamten mit eingefleischten polnischen Leuten am Buffet Bier und Schnaps tranken, auch wurden bei dieser Gelegenheit vertrauliche Gespräche zwischen beiden Parteien geführt. Einige Beamte sprachen sogar polnisch mit den anwesenden Besitzern. Der Inhalt der Gespräche hat sich leider nicht feststellen lassen". (Bd. 1, S.194). Zum Abschluß seines Briefes fügt der Oberpräsident eine Liste der deutschen Festteilnehmer bei, die zu ergänzen er sich im "Feststellungsfall" anbietet.

Mit vergleichbarem Ingrimm äußert sich das Oberkommando der Polizei der Wojewodschaft Schlesien in Kattowitz in einem Schreiben vom März 1925 an die Kreiskommandantur über polnische Polizeibeamte, deren Ehefrauen dem deutschen Volksbund angehören. Trotz zahlreicher Befehle, nicht so viel herzumzureden und das Dienstgeheimnis einzuhalten, komme es leider zu solchen Fällen, daß Polizeibeamte vor ihren Ehefrauen über alle Polizeiangelegenheiten sprechen - obwohl sie wüßten, daß die zum deutschen "Volksbund" gehörten. Die Ehefrauen tratschten das Gehörte prompt an die Deutschen weiter. Das zeuge von wenig Nationalgefühl und wer so handle, sei nicht würdig, polnischer Bamter genannt zu werden. Das Oberkommando schlägt deshalb vor, eine Namensliste aller Polizeibeamter aufzustellen, deren Frauen dem "Volksbund" angehörten. (Bd. 2, S. 983/984)

Wie funktionierte das System der kleinen Begünstigungen und Bestrafungen? Der Starost des Kreises Sepólno beurteilt im Januar 1939 gegenüber seinem Wojewoden in Torun den Kaufmann Konrad Bracka aus Wiecbork. Offiziell bekenne sich Bracka zum Polentum. Politisch trete er nicht auf und gebe sich ganz seiner beruflichen Arbeit hin, aber seiner Mentalität nach sei er deutsch, außerdem mit einer Deutschen verheiratet. Zu Hause werde deutsch gesprochen, die Familie sei in einen polnischen und deutschen Teil gespalten. Dies war auch der Grund, warum Bracka keine Konzession für den Handel mit Alkoholika erhalten hatte, da es sich dabei "um ein gewisses Privileg handelt, das den Bürger zur stärkeren Aktivität gegenüber den laufenden gesellschaftlichen und nationalen Aufgaben verpflichtet. Aber dazu konnte oder wollte sich Bracka nicht durchringen." Allerdings zeigte der Kaufmann später offensichtlich Besserung, weshalb ihm 1939 auch eine Konzession für den Handel mit Handfeuerwaffen erteilt wurde. (Bd. 2, S. 445/446).

Die Dokumentarbände erweisen sich nicht nur als erstrangige Quelle für den Alltag des "Volkstumskampfes", sie beschreiben auch einen fast 20jährigen Prozeß. Paradoxerweise entspannte sich das Verhältnis von Polen und Deutschland nach der nazistischen "Machtergreifung", besonders nach dem polnisch-deutschen Vertrag von 1934. Die polnische Seite nutzte die taktische Entspannungspolitik seitens des NS-Regimes. Das von der Weltwirtschaftskrise arg gebeutelte Vereinsleben der polnischen Minderheit "im Reich" blühte wieder auf, gerade weil die "bluts"orientierten deutschen Nationalsozialisten zunächst auf Unterwanderungsstrategien verzichteten. Außerdem konnte kein Pole Mitglied von NS-Organisationen werden und die polnischen Organisationen zogen aus dieser Ausgrenzung Vorteile: Werde Mitglied des Polenbundes und du bist jeder lästigen Verpflichtung ledig. Kein Landjahr, kein Arbeitsdienst, keine Mitgliedschaft in der Arbeitsfront und dem Reichsluftschutzbund. (Bd. 1, S. 267) Der Aufschwung des polnischen Vereinslebens verdankte sich auch einer allmählichen Umorientierung der deutschen Katholiken, die jetzt, in Oberschlesien, die religiöse Gemeinschaft von Polen und Deutschen in den Vordergrund rückten.

In der zweiten Hälfte der 30er Jahre verschlechterte sich das polnisch-deutsche Verhältnis wieder rapide, um in der unmittelbaren Vorkriegszeit gänzlich zu vereisen. Aber auch unmittelbar vor dem deutschen Angriff geht aus den polnischen Dokumenten nicht hervor, daß den demokratisch gesinnten Teilen der deutschen Minderheit (sicher keine große Gruppe) ein Angebot im Zeichen des Antinazismus unterbreitet worden wäre. Die Judenverfolgungen "im Reich" spielen in der polnischen Propaganda keine große Rolle. So human war das Regime der Obristen in Polen eben auch nicht.

Sicher wäre es möglich, vielleicht auch wichtig gewesen, die beiden Dokumentenbände durch Briefe, Tagebücher und literarische Erzeugnisse zu ergänzen, bzw. die durchgängige Behördenoptik zu korrigieren. Aber die Konzentration auf die polizeiliche und Verwaltungsebene macht andererseits die Geschlossenheit des Unternehmens aus, fordert zu einer vergleichenden Auswertung heraus. Die beiden Bände erschließen künftigen Historikern ein weites Feld. Auch dem interessierten Zeitgenossen bieten sie Stoff zum Nachdenken - und zum Erschrecken. Wollte man an der Edition Kritik üben, so in erster Linie die, daß die jeweiligen Dokumente nur in der Originalsprache publiziert worden sind, wofür mangelnde Finanzen verantwortlich gemacht werden. Geschickterweise haben die Herausgeber dieses Manko selbst eingestanden.

Leider sind die beiden Bände so teuer, daß wir den interessierten Leser/innen empfehlen, sie in einer Bibliothek zu studieren, die sie hoffentlich angeschafft haben.

Deutsche und Polen zwischen den Kriegen. Minderheitenstatus und "Vokstumskampf" im Grenzgebiet (1920 - 1939). Polacy i Niemcy miedzy wojnami. Status mniejszocci i walka graniczna (1920 - 1939). Band 9/1 und 9/2 der Texte und Materialien zur Zeitgeschichte. Herausgegeben im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und der Generaldirektion der Polnischen Staatsarchive von Rudolf Jaworski und Marian Wojciechowski. Bearbeitet von Mathias Niendorf und Przemyslaw Hauser. Verlag K-G. Saur, München 1997.

Ruth Henning / Christian Semler