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TRANSODRA 17, Oktober 1997, S. 41 - 47

"Polen und Ukrainer"

Maciej Stasinski, Gazeta Wyborcza

Das Bereinigen (Entlügen) der Geschichte, die jahrzehntelang durch Zensur und Progaganda verfälscht wurde, ist noch nicht zu Ende. Zu diesem Thema gehören sowohl die Beziehungen zwischen Polen und Deutschen als auch die zwischen Polen und Ukrainern. Während der Berichtigungsprozeß des durch Propaganda verzerrten Bildes der deutschen Angelegenheiten ziemlich fortgeschritten ist, befindet sich das Alltagsbewußtsein zum Thema polnisch-ukrainische Beziehungen noch im Vorstadium der Wirklichkeitserkenntnis. Während einer kürzlich von der Friedrich-Ebert-Stiftung veranstalteten Konferenz in Warschau, die den historischen Beziehungen und der zeitgenössischen Versöhnung zwischen Deutschen, Ukrainern und Polen gewidmet war, bemerkte der deutsche Publizist Klaus Bachmann, wenn er die Gesichter der Teilnehmer der deutsch-polnischen Debatten der letzten Jahre nicht gesehen und ihren Akzent nicht gehört hätte, so hätte er allein aufgrund des Inhalts der Beiträge, nicht unterscheiden können, ob ein Deutscher oder ein Pole gesprochen habe. Denn die seit Jahren miteinander diskutierenden polnischen und deutschen Historiker und Publizisten sind heute in der Lage dieselbe Sprache zu sprechen. Über Polen und Ukrainer kann man das nicht behaupten. Jeder spricht über etwas anderes und eine gemeinsame Sprache gibt es nicht. Deswegen will ich versuchen über die polnisch-ukrainischen Angelegenheiten so zu sprechen, daß unklar bleibe, welcher Nationalität ich bin.

Kanten abrunden
Die ethnischen Stereotype kommen am lebhaftesten zum Vorschein in Gemeinschaften, die enge Kontakte mit den "Fremden", in diesem Fall mit "Nicht-Polen" haben, was sich deutlich in der lokalen Presse widerspiegelt. Was die Ukrainer angeht, handelt es sich dabei um die Bevölkerung - und auch die Presse - Südostpolens. So war es in mehreren polnisch-ukrainischen Konflikten der letzten Jahre: um die Karmeliterkirche in Przemycl; um die Rückgabe des Eigentums der griechisch-katholischen Kirche durch die römisch-katholische und die russisch-orthodoxe Kirche; um das ukrainische Kulturfestival in Przemycl oder um Gedenkstätten für die ukrainische Aufstandsarmee (UPA). Das "volkstümliche" polnische Stereotyp des Ukrainers ist deutlicher, sozusagen "schlimmer" als seine Widerspiegelung in den Medien. Das beweisen die Meinungsumfragen, in denen die Ukrainer in den negativen Wertungen nur von den Rumänen (Zigeunern) übertroffen werden. Eine Presseübersicht der letzten sieben Jahre weist nur ein paar Aussagen von Autoren aus, in denen mit eigener Stimme und ohne innere Zensur über Ukrainer gesprochen wird. Die Redaktionen bemühten sich eher, die scharfen Kanten der negativen Stereotype abzurunden, besonders in der überregionalen Presse. Hier dominiert der Ton der Korrektheit, der die Absicht verrät, einseitige Bewertungen und schädliche Stereotypen anzufechten, zu "dämpfen" bzw. nicht zu "reizen". Das bestätigt allerdings nur die Tatsache, daß die Vorurteile durchaus lebendig sind. Die Argumente in der Presse, die edelmütige Absichten hegt und nicht reizen will, lauten folgendermaßen: Europa vereinigt sich, gegenseitiges Unrecht, das sich die Völker zugefügt haben, muß überwunden werden, vergangene Kontroversen haben keine Bedeutung mehr, man solle lieber an die Zukunft denken, zumal die Konflikte von Dritten, d.h. von den Kommunisten und der Sowjetunion geschürt und ausgenutzt wurden. In den von der Kirche inspirierten oder von religiösen Überzeugungen diktierten Äußerungen kommt noch das Motiv der "gegenseitigen Vergebung" hinzu, oft in bewußter Nachahmung des Briefes der polnischen an die deutschen Bischöfe. Dieses Motiv nahm an Stärke zu, als sich die Anstrengungen, das ukrainische Thema von Lügen zu befreien mit dem Versuch trafen, die unierte, d.h. die griechisch-katholische Kirche institutionell wiederaufzubauen, mit der die römisch-katholische Kirche schließlich seit der Union von Brest eng verbunden ist.

Opfer ohne Henker
Anders als im Fall weit entfernter Völker, z.B. des polnischen Stereotyps des Engländers (kalter, hochmütiger Egoist), des Japaners (künstlich lächelnder workaholic), oder des Amerikaners (selbstsicherer Ignorant) ist das Stereotyp des Ukrainers verflochten mit der Geschichte der polnisch-ukrainischen Beziehungen und dem polnischen Selbstbildnis. Deshalb muß man gleichzeitig über das polnische Bild des Ukrainers und das Selbstbild der Polen sprechen. In Polen hängt das Bild des Ukrainers und seines Verhältnisses zum Polen eng zusammen mit den Problemen von Leid, Henker und Opfer, Verbrechen und Wiedergutmachung, ähnlich wie das Bild des Deutschen. Während aber heute viele Deutsche imstande sind, von dem Leid, das sie den Polen angetan haben, zu reden, es sogar als Verbrechen bezeichnen, und viele Polen imstande sind, die Rolle des Opfers deutscher Gewalt abzustreifen und anzuerkennen, daß die Vertreibung von einigen Millionen Deutscher ein Verbrechen war, für das es eine kollektive Verantwortung gibt, und daß die Gebiete, aus denen die Deutschen vertrieben wurden, keineswegs "urpolnische" Gebiete waren, die zum Vaterland zurückkehrten, so verhält es sich im Fall der Ukraine anders. Ähnlich wie Polen und Deutsche teilen auch Polen und Ukrainer sowohl Verbrechen, als auch Vertreibung. Und dennoch: gewöhnlich spricht der Pole von seinem Leid und der Ukrainer von dem seinen. Jeder tritt in der Rolle des Opfers auf, Henker ist jeweils der andere.

Die Konferenz der Ebert-Stiftung bestätigte das. Als der Chef der ukrainischen Parlamentskommission für nationale Minderheiten den Polen eine Rechnung über den Verlust von privatem und kirchlichem Besitz der aus Südostpolen in die Sowjetunion und in die ehemaligen deutschen Gebiete vertriebenen Ukrainier vorstellte, und dabei kein einziges Wort über die UPA und den antipolnischen Terror in Wolhynien verlor, waren die Zuhörer im Saal wie vom Schlag getroffen.

Politisch korrekte Geschichte
Die Publizistik der Zeitungen "Rzeczpospolita", "Gazeta Wyborcza", "Tygodnik Powszechny" oder "Polityka" lautete in den letzten Jahren ungefähr so: Es ist wahr, daß die Ukrainer während des zweiten Weltkriegs die Polen auf den einstigen Vorkriegsgebieten Polens, die während des Krieges vom Dritten Reich besetzt und nach dem Kriege von der Sowjetunion einverleibt wurden, ermordeten, dennoch dürfen nicht alle Ukrainer für die Verbrechen der Extremisten und Nationalisten von der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) verantwortlich gemacht werden. Die Feindschaft war doch gegenseitig, erinnert man. Es kam zu Aktionen der Heimatarmee (Armia Krajowa) gegen Ukrainer, obwohl nicht in gleichem Ausmaß. Darüberhinaus wurde die Feindschaft von den Deutschen manipuliert und in der letzten Kriegsperiode auch vom sowjetischen NKWD (es ist unklar welche Einheiten von der UPA oder der Heimatarmee kamen oder von verkleideten NKWD-Funktionären gebildet wurden). Außerdem sollten die Polen bedenken, daß die UPA eine nationale Armee war, die für die Unabhängigkeit der Ukraine und - obwohl konjunkturell mit den Nazis verbündet - gegen den sowjetischen Kommunismus kämpfte, und sich schließlich auch gegen das Dritte Reich wandte, das gleich nach dem Angriff auf die Sowjetunion die Sache der selbständigen Ukraine verraten hatte.

Übrigens, fahren die Befürworter dieses Geschichtsbildes fort, hatten die Ukrainer keinen Grund zu besonderer Dankbarkeit gegenüber Polen, das die Ukrainer in den 30er Jahren diskriminiert, ukrainische Dörfer pazifiziert und ukrainische Aktivisten verurteilt hatte. Und schließlich rechtfertigen die Verbrechen von Ukrainern der UPA an Polen nicht die Nachkriegsrepressionen, d.h. die Verschleppungen in die Sowjetunion und insbesondere die Umsiedlungen in die westlichen Gebiete während der "Aktion Weichsel".

Es ist symptomatisch, daß diese korrekte Publizistik sich bemüht, die Bezeichnungen für die Ukrainer abzumildern und entsprechend die für die Polen zu verschärfen. Nach der im übrigen schätzenswerten Methode "Laßt uns zuerst an die eigene Brust schlagen" wird die "Aktion Weichsel" ein Verbrechen genannt, während die Verbrechen der UPA euphemistisch als "polnisches Leid" bezeichnet werden.

Die Schlußfolgerung dieser korrekten Geschichtsversion lautet so: man soll sich gegenseitig die "schmerzhafte Vergangenheit" im Namen einer gutnachbarschaftlichen Zukunft vergeben. Als Stütze dient den Publizisten hier das Lieblingsmotiv der letzten Jahre: Bahnhof und Basare in Pzemycl, wo im polnisch-ukrainischen Handel die bessere Zukunft blüht und gedeiht.

Parolen an den Hauswänden wie gehabt
Das volkstümliche Stereotyp, das unter der korrekten Oberfläche hervorguckt und in Alltagsgesprächen zu hören ist, besteht aus lauter Beschimpfungen. Die Ukrainer waren "Nationalisten", "UPA-Anhänger", "Polenfresser", "Schlächter", "Banderisten" (nach dem Namen eines Führers der OUN, Stefan Bandera), "Faschisten", "Mörder", "Banditen", "Tollwütige". Alle diese Bezeichnungen konnte man in den letzten Jahren an den Hauswänden in Przemycl oder in den Erklärungen der Kombattantenkomitees lesen, die protestierten: gegen die Rückgabe der Karmeliterkirche an die griechisch-katholische Kirche, gegen jegliche Besitzansprüche seitens der Ukrainer oder der unierten Kirche, gegen Denkmäler für die UPA, gegen das ukrainische Kulturfestival in Przemycl.

"Landsleute!", schrieb Mitte 1995 die Unabhängigkeitsallianz über das ukrainische Kulturfestival in Przemycl, "das ist eine politische Instrumentalisierung durch die Hände der ukrainischen Nationalisten hauptsächlich aus dem Verband der Ukrainer in Polen." Das Festival ist "eine Ermutigung zu weiteren Verbrechen an unserem Volk". Die vor dem Festival von jungen Skinheads, Anhängern des Vereins zum Gedenken an "junge Helden" von Premycl verteilten Flugblätter, bezeichneten den Verband der Ukrainer als "eine Agentur der OUN in Polen". Die Parolen hießen: "Weg mit dem Hajdamaken-Festival!" und "Die Behörden von Przemycl stehen im Sold der ukrainischen Nationalisten!"

Der ehemalige stellvertretende Wojewode von Przemycl während der Zeit der Solidarnoc-Regierungen, Stanislaw Zólkiewicz, sagte 1995 einem Journalisten von Zycie Warszawy: "Wir sind fast soweit, Selbstverteidigungsgruppen zu bilden, denn die Macht in Przemycl ist nicht in polnischen Händen. Alles begann in dem Moment, als sich hier der ukrainische Bischof Jan Martyniak, der führende Schlächter in Przemycl, ansiedelte. Früher waren die Ukrainer hier mäuschenstill."

Diese Beschimpfungen drücken allgemeine Überzeugungen aus, die man ungefähr so zusammenfassen kann: Das "polnische Volk" oder das "polnische Element" erfuhr von den Ukrainern während des Krieges und danach nur Leid, das man als "Völkermord" bezeichnen kann. Die Polen haben den Ukrainern kein Leid angetan. Die Heimatarmee war eine Unabhängigkeitsarmee, bzw. Partisanen, die UPA dagegen - "Banden". Nicht zufällig gibt es hier eine Analogie zur deutschen Bezeichnung "polnische Banditen" für die Heimatarmee. Daher waren die Nachkriegsumsiedlungen in die Sowjetunion und die im Rahmen der "Aktion Weichsel" eine gerechtfertigte Vergeltung an den Ukrainern. An dieser Stelle überschneidet sich das grundsätzlich antikommunistische patriotische Kombattantenstereotyp mit der kommunistischen Propaganda, die die "Aktion Weichsel" genau so begründete. Die "Patrioten" werden dem kommunistischen General Walter nicht nachtrauern, aber den antiukrainischen Repressionen seitens des kommunistischen Regimes stimmen sie zu. "Die Aktivitäten der UPA waren, trotz heute manchmal geäußerter Auffassungen, im Grunde genommen nicht gegen das kommunistische Regime, sondern gegen Polen gerichtet. Die "Aktion Weichsel" war also eine Folge dessen, was die UPA getan hatte", schrieb "Trybuna Opolska" im Februar 1992.

Jüngere Brüder im Glauben
Das national-politische Stereotyp des Ukrainers vermischt sich mit dem religiösen. Leute, die sich ohne Bedenken als "Pole = Katholik" bekennen, haben Schwierigkeiten, den griechisch-katholischen Glauben (der für die ukrainische Identität wichtiger ist als der russisch-orthodoxe, obwohl der letztere Glaube der Mehrheit der Ukrainer ist) zu verstehen. Das ist so, obwohl die griechisch-katholische Kirche ein Kind der römisch-katholischen kraft der Union von Brest aus dem Jahre 1596 ist. Die Uniierten oder die Griechisch-Katholischen, die in Polen zum größten Teil Ukrainer sind, werden von den polnischen Katholiken bestenfalls als jüngere Brüder im Glauben angesehen. Schlimmstenfalls betrachtet man sie als "weder Fisch noch Fleisch", weder katholisch noch orthodox. Das bestätigen viele Bezeugungen der unierten Priester, z.B. des Mitraten Stefan Dziubina, der auf eine Predigt eines katholischen Pfarrers in Westpommern hinweist, in der dieser die Gläubigen dazu aufrief, sie sollten für die "Bekehrung" der Protestanten, Orthodoxen und Griechisch-Katholischen zu "unserem katholischen Glauben" beten. Priester Dziubina erinnerte in "Tygodnik Powszechny" vom 12.1.1997 daran, daß Primas Wyszinski ihm 1952 das Recht abgesprochen hatte, die Messe in beiden Riten zu halten. Priester Dziubina rechtfertigt das mit dem Druck des Sicherheitsdienstes auf den Primas. ("Der Primas war für über dreißig Millionen Katholiken und einige Hunderttausende Griechisch-Katholische verantwortlich, und mußte das kleinere Übel wählen. Wenn er uns eingeräumt hätte, was der Sicherheitsdienst verbot, hätte er der römisch-katholischen Kirche geschadet.") Ein solches Verständnis bringt er für Primas Glemp jedoch nicht auf, der ihn nach dem Tod des Kardinals Wyzszinski im Jahre 1981 seines Amtes als Generalvikar der Unierten enthob wegen einer Beschwerde Dziubinas bei dem Papst, weil man seiner Bitte um einen griechisch-katholischen Priester für die Gläubigen in Krynica nicht nachkam. Pfarrer Dziubina zählt unzählige Hindernisse und Schikanen auf, die die Unierten seitens der römisch-katholischen Priester erfuhren, und er stellt ohne Umschweife fest, daß die Konvertierung von 100.000 Ukrainern zum lateinischen Ritus zu Zeiten der Volksrepublik Polen "den Verlust der nationalen Identität bedeutete ... und sowohl den Kommunisten als auch den Römisch-Katholischen gelegen kam, weil die Pfarrer und einige Bischöfe wollten, daß wir ein Bestandteil der römisch-katholischen Kirche würden.

Es gibt eine Ähnlichkeit zwischen den Orthodoxen, für die die Union von Brest eine Schande und ein katholisches Attentat ist, und vielen katholischen Würdenträgern, die insgeheim niemals den Verdacht auf Häresie aufgaben, solange die Griechisch-Katholischen nicht das Zölibat anerkennen und ihre Liturgie nicht verwerfen. Dieser Standpunkt ist weiterhin angesehen. Die griechisch-katholische Kirche ist schon seit Jahren legalisiert, ihre Hierarchie wiederhergestellt, aber sie kann ihren Besitz, d.h. zumindest einen Teil von 250 Kirchen und Bauten, die die römisch-katholische Kirche übernommen hatte, nicht zurückbekommen.

Die Geiseln von Stalin
Heute erwächst das radikale Stereotyp aus dem Geist des polnischen Nationalismus, der sich aus der Erinnerung an die polnische Großmacht im Osten und an das Leid der jüngeren Vergangenheit nährt. Es ist ein Märtyrer-Nationalismus, der das Gefühl des Leids und die Ideologie des Opfers kultiviert. Der Ukrainer ist hier der "dritte" perfide Komplize zweier klassischer antipolnischer Großmächte: der Sowjetunion und des Dritten Reiches. Aus dieser Verbindung mit dem Nationalismus ergibt sich, daß das antiukrainische Stereotyp schärfer in derjenigen Presse zum Ausdruck kommt, die jener Strömung innerhalb des polnischen Katholizismus nahesteht, die vorbehaltlos das Schema "Pole = Katholik" für sich in Anspruch nimmt. Ein Artikel wie der mit dem Titek "Ob sich solche finden würden?" ("Slowo Katolickie" vom 17.2.1994) hätte z.B. in "Tygodnik Powszechny" oder "Znak" nicht erscheinen können. Der Autor zweifelt daran, daß man unter den Soldaten der UPA einen hätte finden können, der gegen die Deutschen gekämpft hätte oder der nicht am Völkermord (an den Polen) teilgenommen hätte. Er schreibt: "Der Führungskader wurde von den Nazis im Geist der nazistischen Ideologie geschult", "OUN-UPA waren militärische, politische und ideologische Verbündete der Hitlerschen Kriegsmaschinerie", und wenn es passiert sei, daß sie gegen die Deutschen gekämpft hätten, dann "versehentlich". Es häufen sich Formulierungen wie "blutige Auseinandersetzungen", "Gemetzel", "besessen von antipolnischem Haß", "Grausamkeit" und "Barbarei".

Kein Wort davon, daß es für die Ukrainer Jahre des Kampfes - buchstäblich - um das Überleben der Nation waren, zwischen dem sowjetischen Kommunismus, der sie vernichten wollte, dem Nazismus, der sie verraten hatte und der Tradition polnischer Herrschaft. Die Polen waren die schwächsten, und sie traf der nationalistische Terror der UPA.

Dieses Stereotyp wurde auch dadurch lebendig erhalten und verlängert, daß die aus ihren Gebieten in Südostpolen ausgesiedelten Ukrainer in etwa die gleichen ehemaligen deutschen Gebiete kamen, in denen auch die Polen aus dem östlichen Grenzland angesiedelt wurden. So wurden alle nachbarschaftlichen Traumata und Konflikte gewissermaßen konserviert und in die neuen Gebiete verlagert. Mit Sicherheit wurde dies von den kommunistischen Machthabern bewußt in die Wege geleitet: die gegenseitige ethnische Feindschaft der Ukrainer und der Polen aus dem östlichen Grenzland, überschattete, was sie hätte verbinden können: die Feindschaft gegenüber den Kommunisten, denen die einen wie die anderen ihre Entwurzelung verdankten.

So wurden Ukrainer, Polen und Deutsche zu Geiseln des Großen Geodäten Josef Wissarionowitsch, der erzwang, daß die Grenzpfähle verschoben und Millionen Menschen umgesiedelt wurden, womit er ein zusätzliches Trauma für drei Nationen schuf.

Kenne Deinen Platz
Das milde Stereotyp entspringt dagegen aus dem Protest gegen den polnischen Nationalismus. Es will die Geschichte des eigenen Volkes mit demselben Maß messen, wie die anderer Völker. Zumindest in Bezug auf die neueste Geschichte bzw. die aktuelle Politik. Interessant dabei ist, daß beide Stereotype "historisch flach" sind: sie greifen nicht in eine Vergangenheit zurück, die weiter als bis zum zweiten Weltkrieg zurückreicht (das volkstümliche Stereotyp), oder allenfalls bis zur Zweiten Republik (das Medienstereotyp). Aber man muß weiter zurückgreifen, um den Ursprung des polnischen Ukrainer-Bildes sowie des ukrainischen Polen-Bildes zu begreifen. Denn die Quellen der gegenseitigen Feindschaft befinden sich im einstigen Polen.

Daher bleibt die heutige Ideologie der Korrektheit mit ihrer Absicht, den volkstümlichen Antiukrainismus zu korrigieren, auf halber Strecke stehen und bezwingt das Stereotyp im Kern nicht. Denn sie versteht es nicht, die polnische historische Präsenz in der Ukraine zu bewerten. Anders als im Verhältnis zwischen Polen und Deutschen, empfinden die Polen gegenüber den Ukrainern keinen zivilisatorischen Minderheitskomplex. Sie haben im Gegenteil einen Überlegenheitskomplex, der aus jahrhundertelanger politischer, ökonomischer und kultureller Herrschaft der Polen in der Ukraine herrührt. Es besteht eine vernebelte Erinnerung an die Verhältnisse zwischen "Herren und Sklaven". Auf beiden Seiten. Die Polen waren und sind der Meinung, sie seien in der Ukraine "zuhause" gewesen und außerdem als Schlachta innerhalb der sozialen Hierarchie "an ihrem Platz". Die Ukrainer waren aber ebenso "zuhause", denn die polnische Schlachta fand die Bauern und Kosaken vor, als sie die Ländereien übernahm, aber sie behandelte sie vom Standpunkt des Gastgebers aus - als einen Teil des Inventars.

Also war auch der Ukrainer "an seinem Platz" - aber als Bauer. Viele nostalgische Erinnerungen der Polen aus dem östlichen Grenzland schildern "das harmonische Zusammenleben" von Polen und Ukrainern, bevor die bolschewistischen Agitatoren und Nazis kamen. Aber diese Harmonie besteht nur unter der Voraussetzung, daß der Ukrainer seinen Platz in der Hierarchie kennt. Sonst wird er zur Bedrohung. Eben die Ukraine bildet im polnischen Bewußtsein die heimische Fassung des Mythos von "Blut und Boden".

Die Polen können über die polnische Ukraine immer noch nicht in den Kategorien von Eroberung und imperialer Herrschaft der Schlachta, voller Überheblichkeit, Gewalt und Verachtung gegenüber der einheimischen bäuerlichen Bevölkerung, sprechen, obwohl sie als Nation ähnliches Unrecht erfuhren, das zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer historischen Identität wurde. Daher begreifen viele Polen immer noch nicht, daß jegliche ukrainische Emanzipation sich gegen den polnischen Besitzstand in der Ukraine richten mußte. Unter den Bedingungen des sich herausbildenden neuzeitlichen Nationalismus mußte das Ukrainertum mit dem Polentum zusammenstoßen.

Es hilft nicht, wenn man wie Professor Jerzy Holzer während der erwähnten Konferenz der Ebert-Stiftung daran erinnert, daß längst nicht alle Polen in der Ukraine Gutsbesitzer waren, die das ukrainische Volk unterdrückten, sondern daß es unter ihnen Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Juristen, Handwerker und Bauern gab. Es hilft auch nicht, wenn man darauf hinweist, daß die polnische Ukraine multikulturell war. Obwohl all dies wahr ist, löst es den Grundkonflikt nicht, in dem der Pole in der Ukraine seit Jahrhunderten "oben" und der Ukrainer "unten" war.

Den Polen sahen die Ukrainer als Herrn und Unterdrücker, und es bringt nichts, diese Tatsache infragezustellen. Dies bezeugt schon das Bild der Polen (Lachy) bei Bohdan Chmielnicki in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Fremdheit der Ukrainer manifestierte sich auf drei Ebenen: der gesellschaftlichen (Bauerntum und das "Dunkle"), der nationalen und konfessionellen (unierte Kirche, also etwas Unbestimmtes, oder was noch schlimmer war, die Orthodoxie). In dem Maße in dem die Ukraine unabhängig wurde, verwandelte sich die Fremdheit in Feindschaft.

Der längste Krieg der modernen Ukraine
Fremdheit und Feindschaft werden nur dann verschwinden, wenn die Polen imstande sein werden, von dem ukrainischen Leid zu sprechen, und die Ukrainer lernen werden, den multikulturellen Charakter der einstigen Ukraine zu schätzen. Wenn ein und dieselbe Person, sei es ein Ukrainer oder ein Pole, ohne Euphemismus von den ukrainischen Verbrechen an den Polen und den polnischen an den Ukrainern sprechen wird.

Die polnische Geschichtsschreibung ringt sich erst in den letzten Jahren zu einer Bewertung der ukrainisch-polnischen Geschichte durch, die den ukrainischen Standpunkt ernst nimmt. Darüber schrieben kürzlich u.a. Ryszard Torzecki, Wlodzimierz Medrzecki, Tadeusz Olszanski. Aber der Franzose Daniel Beauvois war bereits vor über zehn Jahren als erster imstande, die gesellschaftliche und nationale Verwicklung, in die die Ukrainer und die Polen vor Jahren hineingeraten sind, zu begreifen. Beauvois verstand es, die polnisch-ukrainische Geschichte der polnischen Ostgebiete im 19. Jahrhundert so zu beschreiben, daß die Rechtlosigkeit, Gewalt und Repressionen des zaristischen Rußland gegenüber den Polen die Rechtlosigkeit, Gewalt und Repressionen der Polen gegenüber den Ukrainern nicht verdecken. Erst dieser Historiker förderte aus den zaristischen Archiven die erschütternden Zeugnisse der Herrengewalt in den polnischen Gutshöfen in der Ukraine für das polnische Publikum zutage. Und erst bei ihm las ich, wie die polnischen Gutsbesitzerinnen, oft sehr fürsorglich gegenüber den ukrainischen Bauernkindern, die in ihren Gutshöfen aufwuchsen, sich beim Tee darüber Gedanken machten, ob die Ukrainer auch eine Seele hätten.

Die polnischen Kritiker haben die Trilogie von Beauvois, die im Literarischen Institut in Paris erschien, praktisch verschwiegen. Das zeigt, wie wenig Echo die unermüdliche Arbeit derjenigen publizistischen Strömung hervorruft, die sich seit Jahrzehnten bemüht, durch die Pariser "Kultura" und die "Zeszyty Historyczny" von Jerzy Giedroyc, das polnische Bild der Ukrainer und der Ukraine zu ändern.

Die Polen sollten sich zu einer Anstrengung durchringen, um die Ukrainer in den polnischen Ostgebieten im 19. Jahrhundert so zu betrachten, wie sie sich selbst - mutatis mutandis - und ihre Geschichte aus den Zeiten Bismarcks und des Kulturkampfes im preußischen Teilungsgebiet betrachten. Hier war doch der Widerstand der Polen ein gerechtfertigter und edelmütiger Kampf um die nationale Identität und Gleichberechtigung. Es reicht, an die TV-Serie "Der längste Krieg des modernen Europa" zu erinnern. Für die Ukrainer bedeuten die Kämpfe gegen die Polen ihren Weg zu ihrem eigenen Staat, von Chmielnicki bis zur UPA, und es ist ihr noch längerer Krieg im modernen Europa.

* Der Text ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags für die Konferenz "Polen, Ukrainer, Deutsche - sieben Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs", veranstaltet von der Friedrich-Ebert-Stiftung am 14./15.3.1997 in Warschau.

Aus dem Polnischen von Ewa & Jerzy Czerwiakowski