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TRANSODRA 17, Oktober 1997, S. 41 - 47 "Polen und Ukrainer"Maciej Stasinski, Gazeta Wyborcza Das Bereinigen (Entlügen) der Geschichte, die jahrzehntelang durch Zensur und Progaganda verfälscht wurde, ist noch nicht zu Ende. Zu diesem Thema gehören sowohl die Beziehungen zwischen Polen und Deutschen als auch die zwischen Polen und Ukrainern. Während der Berichtigungsprozeß des durch Propaganda verzerrten Bildes der deutschen Angelegenheiten ziemlich fortgeschritten ist, befindet sich das Alltagsbewußtsein zum Thema polnisch-ukrainische Beziehungen noch im Vorstadium der Wirklichkeitserkenntnis. Während einer kürzlich von der Friedrich-Ebert-Stiftung veranstalteten Konferenz in Warschau, die den historischen Beziehungen und der zeitgenössischen Versöhnung zwischen Deutschen, Ukrainern und Polen gewidmet war, bemerkte der deutsche Publizist Klaus Bachmann, wenn er die Gesichter der Teilnehmer der deutsch-polnischen Debatten der letzten Jahre nicht gesehen und ihren Akzent nicht gehört hätte, so hätte er allein aufgrund des Inhalts der Beiträge, nicht unterscheiden können, ob ein Deutscher oder ein Pole gesprochen habe. Denn die seit Jahren miteinander diskutierenden polnischen und deutschen Historiker und Publizisten sind heute in der Lage dieselbe Sprache zu sprechen. Über Polen und Ukrainer kann man das nicht behaupten. Jeder spricht über etwas anderes und eine gemeinsame Sprache gibt es nicht. Deswegen will ich versuchen über die polnisch-ukrainischen Angelegenheiten so zu sprechen, daß unklar bleibe, welcher Nationalität ich bin.
Kanten abrunden
Opfer ohne Henker Die Konferenz der Ebert-Stiftung bestätigte das. Als der Chef der ukrainischen Parlamentskommission für nationale Minderheiten den Polen eine Rechnung über den Verlust von privatem und kirchlichem Besitz der aus Südostpolen in die Sowjetunion und in die ehemaligen deutschen Gebiete vertriebenen Ukrainier vorstellte, und dabei kein einziges Wort über die UPA und den antipolnischen Terror in Wolhynien verlor, waren die Zuhörer im Saal wie vom Schlag getroffen.
Politisch korrekte Geschichte Übrigens, fahren die Befürworter dieses Geschichtsbildes fort, hatten die Ukrainer keinen Grund zu besonderer Dankbarkeit gegenüber Polen, das die Ukrainer in den 30er Jahren diskriminiert, ukrainische Dörfer pazifiziert und ukrainische Aktivisten verurteilt hatte. Und schließlich rechtfertigen die Verbrechen von Ukrainern der UPA an Polen nicht die Nachkriegsrepressionen, d.h. die Verschleppungen in die Sowjetunion und insbesondere die Umsiedlungen in die westlichen Gebiete während der "Aktion Weichsel". Es ist symptomatisch, daß diese korrekte Publizistik sich bemüht, die Bezeichnungen für die Ukrainer abzumildern und entsprechend die für die Polen zu verschärfen. Nach der im übrigen schätzenswerten Methode "Laßt uns zuerst an die eigene Brust schlagen" wird die "Aktion Weichsel" ein Verbrechen genannt, während die Verbrechen der UPA euphemistisch als "polnisches Leid" bezeichnet werden. Die Schlußfolgerung dieser korrekten Geschichtsversion lautet so: man soll sich gegenseitig die "schmerzhafte Vergangenheit" im Namen einer gutnachbarschaftlichen Zukunft vergeben. Als Stütze dient den Publizisten hier das Lieblingsmotiv der letzten Jahre: Bahnhof und Basare in Pzemycl, wo im polnisch-ukrainischen Handel die bessere Zukunft blüht und gedeiht.
Parolen an den Hauswänden wie
gehabt "Landsleute!", schrieb Mitte 1995 die Unabhängigkeitsallianz über das ukrainische Kulturfestival in Przemycl, "das ist eine politische Instrumentalisierung durch die Hände der ukrainischen Nationalisten hauptsächlich aus dem Verband der Ukrainer in Polen." Das Festival ist "eine Ermutigung zu weiteren Verbrechen an unserem Volk". Die vor dem Festival von jungen Skinheads, Anhängern des Vereins zum Gedenken an "junge Helden" von Premycl verteilten Flugblätter, bezeichneten den Verband der Ukrainer als "eine Agentur der OUN in Polen". Die Parolen hießen: "Weg mit dem Hajdamaken-Festival!" und "Die Behörden von Przemycl stehen im Sold der ukrainischen Nationalisten!" Der ehemalige stellvertretende Wojewode von Przemycl während der Zeit der Solidarnoc-Regierungen, Stanislaw Zólkiewicz, sagte 1995 einem Journalisten von Zycie Warszawy: "Wir sind fast soweit, Selbstverteidigungsgruppen zu bilden, denn die Macht in Przemycl ist nicht in polnischen Händen. Alles begann in dem Moment, als sich hier der ukrainische Bischof Jan Martyniak, der führende Schlächter in Przemycl, ansiedelte. Früher waren die Ukrainer hier mäuschenstill." Diese Beschimpfungen drücken allgemeine Überzeugungen aus, die man ungefähr so zusammenfassen kann: Das "polnische Volk" oder das "polnische Element" erfuhr von den Ukrainern während des Krieges und danach nur Leid, das man als "Völkermord" bezeichnen kann. Die Polen haben den Ukrainern kein Leid angetan. Die Heimatarmee war eine Unabhängigkeitsarmee, bzw. Partisanen, die UPA dagegen - "Banden". Nicht zufällig gibt es hier eine Analogie zur deutschen Bezeichnung "polnische Banditen" für die Heimatarmee. Daher waren die Nachkriegsumsiedlungen in die Sowjetunion und die im Rahmen der "Aktion Weichsel" eine gerechtfertigte Vergeltung an den Ukrainern. An dieser Stelle überschneidet sich das grundsätzlich antikommunistische patriotische Kombattantenstereotyp mit der kommunistischen Propaganda, die die "Aktion Weichsel" genau so begründete. Die "Patrioten" werden dem kommunistischen General Walter nicht nachtrauern, aber den antiukrainischen Repressionen seitens des kommunistischen Regimes stimmen sie zu. "Die Aktivitäten der UPA waren, trotz heute manchmal geäußerter Auffassungen, im Grunde genommen nicht gegen das kommunistische Regime, sondern gegen Polen gerichtet. Die "Aktion Weichsel" war also eine Folge dessen, was die UPA getan hatte", schrieb "Trybuna Opolska" im Februar 1992.
Jüngere Brüder im Glauben Es gibt eine Ähnlichkeit zwischen den Orthodoxen, für die die Union von Brest eine Schande und ein katholisches Attentat ist, und vielen katholischen Würdenträgern, die insgeheim niemals den Verdacht auf Häresie aufgaben, solange die Griechisch-Katholischen nicht das Zölibat anerkennen und ihre Liturgie nicht verwerfen. Dieser Standpunkt ist weiterhin angesehen. Die griechisch-katholische Kirche ist schon seit Jahren legalisiert, ihre Hierarchie wiederhergestellt, aber sie kann ihren Besitz, d.h. zumindest einen Teil von 250 Kirchen und Bauten, die die römisch-katholische Kirche übernommen hatte, nicht zurückbekommen.
Die Geiseln von Stalin Kein Wort davon, daß es für die Ukrainer Jahre des Kampfes - buchstäblich - um das Überleben der Nation waren, zwischen dem sowjetischen Kommunismus, der sie vernichten wollte, dem Nazismus, der sie verraten hatte und der Tradition polnischer Herrschaft. Die Polen waren die schwächsten, und sie traf der nationalistische Terror der UPA. Dieses Stereotyp wurde auch dadurch lebendig erhalten und verlängert, daß die aus ihren Gebieten in Südostpolen ausgesiedelten Ukrainer in etwa die gleichen ehemaligen deutschen Gebiete kamen, in denen auch die Polen aus dem östlichen Grenzland angesiedelt wurden. So wurden alle nachbarschaftlichen Traumata und Konflikte gewissermaßen konserviert und in die neuen Gebiete verlagert. Mit Sicherheit wurde dies von den kommunistischen Machthabern bewußt in die Wege geleitet: die gegenseitige ethnische Feindschaft der Ukrainer und der Polen aus dem östlichen Grenzland, überschattete, was sie hätte verbinden können: die Feindschaft gegenüber den Kommunisten, denen die einen wie die anderen ihre Entwurzelung verdankten. So wurden Ukrainer, Polen und Deutsche zu Geiseln des Großen Geodäten Josef Wissarionowitsch, der erzwang, daß die Grenzpfähle verschoben und Millionen Menschen umgesiedelt wurden, womit er ein zusätzliches Trauma für drei Nationen schuf.
Kenne Deinen Platz Daher bleibt die heutige Ideologie der Korrektheit mit ihrer Absicht, den volkstümlichen Antiukrainismus zu korrigieren, auf halber Strecke stehen und bezwingt das Stereotyp im Kern nicht. Denn sie versteht es nicht, die polnische historische Präsenz in der Ukraine zu bewerten. Anders als im Verhältnis zwischen Polen und Deutschen, empfinden die Polen gegenüber den Ukrainern keinen zivilisatorischen Minderheitskomplex. Sie haben im Gegenteil einen Überlegenheitskomplex, der aus jahrhundertelanger politischer, ökonomischer und kultureller Herrschaft der Polen in der Ukraine herrührt. Es besteht eine vernebelte Erinnerung an die Verhältnisse zwischen "Herren und Sklaven". Auf beiden Seiten. Die Polen waren und sind der Meinung, sie seien in der Ukraine "zuhause" gewesen und außerdem als Schlachta innerhalb der sozialen Hierarchie "an ihrem Platz". Die Ukrainer waren aber ebenso "zuhause", denn die polnische Schlachta fand die Bauern und Kosaken vor, als sie die Ländereien übernahm, aber sie behandelte sie vom Standpunkt des Gastgebers aus - als einen Teil des Inventars. Also war auch der Ukrainer "an seinem Platz" - aber als Bauer. Viele nostalgische Erinnerungen der Polen aus dem östlichen Grenzland schildern "das harmonische Zusammenleben" von Polen und Ukrainern, bevor die bolschewistischen Agitatoren und Nazis kamen. Aber diese Harmonie besteht nur unter der Voraussetzung, daß der Ukrainer seinen Platz in der Hierarchie kennt. Sonst wird er zur Bedrohung. Eben die Ukraine bildet im polnischen Bewußtsein die heimische Fassung des Mythos von "Blut und Boden". Die Polen können über die polnische Ukraine immer noch nicht in den Kategorien von Eroberung und imperialer Herrschaft der Schlachta, voller Überheblichkeit, Gewalt und Verachtung gegenüber der einheimischen bäuerlichen Bevölkerung, sprechen, obwohl sie als Nation ähnliches Unrecht erfuhren, das zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer historischen Identität wurde. Daher begreifen viele Polen immer noch nicht, daß jegliche ukrainische Emanzipation sich gegen den polnischen Besitzstand in der Ukraine richten mußte. Unter den Bedingungen des sich herausbildenden neuzeitlichen Nationalismus mußte das Ukrainertum mit dem Polentum zusammenstoßen. Es hilft nicht, wenn man wie Professor Jerzy Holzer während der erwähnten Konferenz der Ebert-Stiftung daran erinnert, daß längst nicht alle Polen in der Ukraine Gutsbesitzer waren, die das ukrainische Volk unterdrückten, sondern daß es unter ihnen Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Juristen, Handwerker und Bauern gab. Es hilft auch nicht, wenn man darauf hinweist, daß die polnische Ukraine multikulturell war. Obwohl all dies wahr ist, löst es den Grundkonflikt nicht, in dem der Pole in der Ukraine seit Jahrhunderten "oben" und der Ukrainer "unten" war. Den Polen sahen die Ukrainer als Herrn und Unterdrücker, und es bringt nichts, diese Tatsache infragezustellen. Dies bezeugt schon das Bild der Polen (Lachy) bei Bohdan Chmielnicki in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Fremdheit der Ukrainer manifestierte sich auf drei Ebenen: der gesellschaftlichen (Bauerntum und das "Dunkle"), der nationalen und konfessionellen (unierte Kirche, also etwas Unbestimmtes, oder was noch schlimmer war, die Orthodoxie). In dem Maße in dem die Ukraine unabhängig wurde, verwandelte sich die Fremdheit in Feindschaft.
Der längste Krieg der modernen
Ukraine Die polnische Geschichtsschreibung ringt sich erst in den letzten Jahren zu einer Bewertung der ukrainisch-polnischen Geschichte durch, die den ukrainischen Standpunkt ernst nimmt. Darüber schrieben kürzlich u.a. Ryszard Torzecki, Wlodzimierz Medrzecki, Tadeusz Olszanski. Aber der Franzose Daniel Beauvois war bereits vor über zehn Jahren als erster imstande, die gesellschaftliche und nationale Verwicklung, in die die Ukrainer und die Polen vor Jahren hineingeraten sind, zu begreifen. Beauvois verstand es, die polnisch-ukrainische Geschichte der polnischen Ostgebiete im 19. Jahrhundert so zu beschreiben, daß die Rechtlosigkeit, Gewalt und Repressionen des zaristischen Rußland gegenüber den Polen die Rechtlosigkeit, Gewalt und Repressionen der Polen gegenüber den Ukrainern nicht verdecken. Erst dieser Historiker förderte aus den zaristischen Archiven die erschütternden Zeugnisse der Herrengewalt in den polnischen Gutshöfen in der Ukraine für das polnische Publikum zutage. Und erst bei ihm las ich, wie die polnischen Gutsbesitzerinnen, oft sehr fürsorglich gegenüber den ukrainischen Bauernkindern, die in ihren Gutshöfen aufwuchsen, sich beim Tee darüber Gedanken machten, ob die Ukrainer auch eine Seele hätten. Die polnischen Kritiker haben die Trilogie von Beauvois, die im Literarischen Institut in Paris erschien, praktisch verschwiegen. Das zeigt, wie wenig Echo die unermüdliche Arbeit derjenigen publizistischen Strömung hervorruft, die sich seit Jahrzehnten bemüht, durch die Pariser "Kultura" und die "Zeszyty Historyczny" von Jerzy Giedroyc, das polnische Bild der Ukrainer und der Ukraine zu ändern. Die Polen sollten sich zu einer Anstrengung durchringen, um die Ukrainer in den polnischen Ostgebieten im 19. Jahrhundert so zu betrachten, wie sie sich selbst - mutatis mutandis - und ihre Geschichte aus den Zeiten Bismarcks und des Kulturkampfes im preußischen Teilungsgebiet betrachten. Hier war doch der Widerstand der Polen ein gerechtfertigter und edelmütiger Kampf um die nationale Identität und Gleichberechtigung. Es reicht, an die TV-Serie "Der längste Krieg des modernen Europa" zu erinnern. Für die Ukrainer bedeuten die Kämpfe gegen die Polen ihren Weg zu ihrem eigenen Staat, von Chmielnicki bis zur UPA, und es ist ihr noch längerer Krieg im modernen Europa. * Der Text ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags für die Konferenz "Polen, Ukrainer, Deutsche - sieben Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs", veranstaltet von der Friedrich-Ebert-Stiftung am 14./15.3.1997 in Warschau. Aus dem Polnischen von Ewa & Jerzy Czerwiakowski |