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TRANSODRA 17,
Oktober 1997, S. 36 - 39.
Treffen wir uns mit anderen, damit die "Anderen" nicht
die "Fremden" bleiben"
Barbara Weigl* / Beata Maliszkiewicz, Grundschule und
Gymnasium TAK in Oppeln
Erziehung besteht vor allem in der Erzeugung von
Haltungen. Aus offensichtlichen Gründen müssen die
propagierten Haltungen etwas zu tun haben mit der
Spezifik der Zeit und des Ortes, in dem die
Schulgemeinschaft lebt. Wir leben in besonderen Zeiten,
in denen viele Werte zerfallen sind und in denen das
Gefühl der nationalen Identität sowohl im Empfinden des
Einzelnen als auch in dem ganzer gesellschaftlicher
Gruppen zu einem schwierigen Problem geworden ist. In den
zeitgenössischen Erziehungskonzeptionen gibt es deutliche
universelle und auf das Individuum bezogene Perspektiven.
Signalisiert wird das Bedürfnis einer Erziehung im Gefühl
der persönlichen, individuellen Identität, die das
Kennenlernen dessen umfaßt, was am nächsten ist: die
Herausbildung eines Gefühls des Verbundenseins mit der
eigenen Familie, der Region, dem Land, der Kultur, der
Religion. Erziehung zur Persönlichkeit dient der
Akzeptanz der eigenen Identität, erlaubt eine
Identifikation mit der Gemeinschaft, aus der wir kommen.
Andererseits besteht die Notwendigkeit der Erziehung zum
Gefühl einer universellen Identität, des Akzeptierens der
Vielfältigkeit und der Multikulturalität der uns
umgebenden Welt. Beide Tendenzen bedingen sich
gegenseitig. Nur das Erleben der eigenen Identität
erlaubt ein vollständiges Teilnehmen an der
verschiedenartigen zeitgenössischen Kultur. In unserer
Schule haben wir den Versuch unternommen, beide genannten
Erziehungskonzeptionen zu verwirklichen: die Erziehung
zum Gefühl der inviduellen und der universellen
Identität. Wir betrachten sie als sich gegenseitig
ergänzend und unzertrennlich miteinander verbunden.
Auf der Suche nach der eigenen
Identität
Im ersten Schuljahr entschieden wir, daß man anfangen
muß, die eigenen Wurzeln kennenzulernen, um zu erfahren
wie die Vergangenheit der Vorfahren in die Geschichte
verwickelt ist. Dieses Programm nannten wir "Geschichte
meiner Familie". Es dauerte das ganze Schuljahr, alle
Kinder nahmen daran teil, und es tauchte in den
verschiedenen Fächern auf: in Geschichte, Geographie,
polnischer Sprache, Musik und bildender Kunst. Jedes
Kind bekam seine 15 Minuten, um in der Klasse über die
eigene Familie zu erzählen. Den Kindern wurde keine
Form vorgeschrieben. Ihre Ausflüge in die Vergangenheit
waren sehr unterschiedlich, die einen fanden die
interessantesten Persönlichkeiten in ihrer Familie,
andere beschrieben familiäre Geschichten. Die Kinder
sammelten alte Fotos, teilweise unglaublich wertvolle
Dokumente. Die Familiengeschichte enthüllte sich in
Fragmenten, so wie sich in ihnen fragmentarisch die
Geschichte des Landes zeigte. Viele Eltern entwickelten
Vorschläge. Gemeinsam mit den Kindern zeichneten sie
einen Stammbaum ihrer Ahnen, auf Karten fanden sie die
Gegend, aus der sie kommen. Sie brachten alte Alben und
zeitgenössische Fotos mit. Alles, was die Kinder im
Lauf eines Jahres sammelten, wurde ausgewertet. Jedes
Kind bekam einen eigenen Arbeitsbereich. Auf diese
Weise entstanden 80 ungewöhnlich unterschiedliche
Arbeiten. Wir machten daraus eine Ausstellung. Die
Ausstellungseröffnung war eine Feier, an der sich
Eltern, Kinder, Familien und Freunde beteiligten.
Herausbildung universeller
Identität
Die Verwirklichung des zweiten Programms als Hauptthema
kostete uns zwei Jahre. Das Programm nannten wir
"Treffen wir uns mit anderen, damit die 'Anderen' nicht
die 'Fremden' bleiben." Treffen und Kennenlernen konnte
man die Geschichte und Kultur der in Polen lebenden
Minderheiten. Die Ziele unserer Aktivitäten könnte man
folgendermaßen formulieren:
-
Vermitteln von konkretem Wissen zum Thema der
Minderheiten. Vermitteln von Kenntnissen in den
Bereichen Kultur, Literatur, Tradition, Gebräuche und
Geschichte bestimmter Nationalitäten: der jüdischen,
der der Zigeuner, der deutschen, der belorussischen,
der ukrainischen und der litauischen.
-
Zweites, entfernteres Ziel unseres Programms ist die
Herausbildung solcher Haltungen bei unseren Kindern,
wie Aufgeschlossenheit gegenüber anderen, Akzeptanz
und Toleranz gegenüber dem, was anders ist. Die Idee
war, zu zeigen, daß alle Menschen sich in den
grundlegenden, wichtigsten Eigenarten ähnlich sind
und andererseits, daß man in bestimmten ethnischen
Gruppen sehr unterschiedliche Einzelne antrifft.
Durch verschiedene Beschäftigungen (inclusive Spiele
und psychologische Spiele) versuchten wir, den
Kindern diese beiden Ideen näherzubringen.
-
Schließlich das allgemeine Ziel: Schaffen einer
universellen Identität, Herausbildung der
Bereitschaft, an der eigenen und an der universellen
Kultur teilzunehmen, fähig zu sein, seine eigene
Identität anzuerkennen und gleichzeitig offen zu sein
gegenüber der Begegnung mit anderen, sich in den
zwischenmenschlichen Beziehungen nicht von Haß und
Abneigung leiten zu lassen.
Einen großen Teil unserer Aktivitäten realisieren wir
durch die Didaktik. In der ersten Etappe (das war die
jüdische Etappe, der die - jeweils drei Monate dauernde -
Zigeuner-, deutsche, ukrainische, belorussische und
litauische folgte) ging es im Geschichtsunterricht um die
Geschichte der jüdischen Nation, auch um die Gründe,
warum sie nach Polen kam. Die Kinder lernten auch
elementare Fakten aus der jüdischen Religion und den
jüdischen Gebräuchen kennen. Im Polnischunterricht
behandelten wir Kindergeschichten von Singer,
Erzählfragmente von Chassiden, jüdische Poesie und andere
Texte - ausgewählt entsprechend dem Alter der Kinder. Im
Geographieunterricht lernten die Kinder die Verbreitung
der Minderheitengruppen (in diesem Fall der jüdischen) in
Polen kennen. Viele Unterrichtsstunden hatten
fachübergreifenden Charakter: Polnisch wurde mit Musik
verbunden, Geschichte mit bildender Kunst usw. Der
Unterricht über die Minderheiten fand auf allen
Unterrichtsebenen und in allen Schulklassen statt. Eine
andere Form der Verwirklichung unserer Absichten bestand
darin, den Kindern Gelegenheit zu geben, die jeweils
spezifische Kultur zu erfahren. Z.B. lernten die Kinder
in dem Teil, der die jüdische Kultur betraf, die
bekanntesten jüdischen Lieder wie Shalom und Hava Nagila.
Sie hörten auch Musik von Juden, die in verschiedenen
Teilen der Welt leben. Sie sahen Filme zum jüdischen
Thema (z.B. Skrzypek na dachu) und lernten jüdische
Tänze. Sie schufen Plastiken inspiriert von jüdischen
Themen. Dieses Schema wiederholte sich in bezug auf alle
Kulturen und Nationalitäten. Als besonders wichtiges
Element behandelten wir die Begegnung. Damit sie
authentisch sein konnte, erdachten wir die "Abende", die
die jeweilige Etappe beendeten. Bei diesen
Feierlichkeiten präsentierten die Kinder das, was sie
gelernt hatten. Außerdem - und das ist besonders wichtig
- strengten wir uns an, daß auch authentische Vertreter
der jeweiligen nationalen oder ethnischen Gruppe
teilnahmen. Am "jüdischen Abend" zeigten wir einen
Videofilm über eine zu diesem Zweck durchgeführte
Unterhaltung mit Warschauer Kindern und Jugendlichen
jüdischer Herkunft. Am "Zigeunerabend" nahm Andrzej
Mirga, Ethnologe und damals Präsident der Vereinigung der
polnischen Roma teil. Am "deutschen Abend" erzählte ein
Mitglied der deutschen Minderheit, Lehrer einer Oppelner
Schule, über Eichendorff. Am ukrainischen Abend nahm eine
Jugend-Folklore-Gruppe aus dem ukrainischen Lyceum in
Liegnitz teil. Sie antworteten auch auf Fragen der
Kinder. Den zweijährigen Cyklus "Treffen wir uns mit
anderen ..." beendeten wir mit einer großen öffentlichen
Veranstaltung, dem Konzert der Nationen, bei dem
über 100 Jugendliche aus dem Oppelner Gebiet und aus
sechs nationalen Minderheiten auftraten. Zum Konzert
kamen über 600 Zuschauer. Im Laufe von zwei Jahren haben
wir Erfahrungen mit diesem Programm gesammelt. Wir
beschlossen, diese Erfahrungen auszuarbeiten, ein Buch
vorzubereiten und Hilfsmaterialien für Lehrer, die die
Kenntnisse über nationale Minderheiten in ihre
Schularbeit aufnehmen wollen, zu erstellen. Die
Materialien umfassen sechs Minderheiten: die
belorussische, die Zigeuner-, die deutsche, die
litauische, die ukrainische und die jüdische und
beinhalten:
-
Eine Einleitung als Vorstellung philosophischer und
weltanschaulicher Voraussetzungen des
multikulturellen Erziehungsprogramms und
Informationen über das in der Schule "TAK"
realisierte Programm.
-
Sechs den erwähnten Nationalitäten gewidmete Teile.
-
In jedem der sechs Teile befinden sich Informationen
über Geschichte, Tradition, Kultur und Gebräuche,
Anthologien literarischer Texte, Noten ausgewählter
Werke, Kochrezepte, Karten, die die Verbreitung der
verschiedenen Nationalitäten in Polen zeigen; und
auch beispielhafte Unterrichtseinheiten zu
Geschichte, Geographie, Literatur sowie Informationen
über die Programmrealisierung in den Fächern Musik
und bildende Kunst.
-
Das Buch enthält auch zwei gekürzte
Erziehungsprogramme "Geschichte meiner Familie" - die
die Kinder in das Problem der eigenen Identität
einführen, sowie die Ausarbeitung "Multikulturelle
Elemente im Englischunterricht" - die die
multikulturelle Problematik um ferne und exotische
Kulturen ergänzt.
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Das Ganze vervollständigt ein psychologischer Teil,
der die Arten von Kooperationsspielen im Unterricht
beschreibt, die das Verhalten gegenüber den "Anderen"
beeinflussen.
-
Es gibt mehrfarbige Illustrationen, die von den
Kindern stammen, die im Fach Bildende Kunst an der
Schule "TAK" durch den Kontakt mit der Kultur und der
Kunst der besprochenen Nationalitäten inspiriert
wurden.
-
Kurz möchten wir die bisherigen Erziehungseffekte des
Programms behandeln. Mit Sicherheit bemerken wir bei
den Kindern eine veränderte Einstellung gegenüber der
Begegnung mit anderen Kulturen. Wenn jetzt im
Unterricht Themen über eine der Nationalitäten
auftauchen, wundern sie sich nicht mehr und
wiederholen nicht die verfestigten Stereotype. Sie
sind in der Lage, sich von allgemeinen Vorurteilen zu
distanzieren (z.B. zum Thema Zigeuner). Allerdings
haben wir bisher keinen Effekt gesehen, obwohl wir
das erwarteten, in einer deutlichen Veränderung der
gegenseitigen Beziehungen der Kinder untereinander,
keine Beseitigung der mit der fremden Andersartigkeit
verbundenen Probleme.
- Nachdem wir deutlich positive Einflüsse unseres
Programms feststellten, wollten wir uns nicht mit der
eigenen Intuition zufriedengeben. Deshalb wandten wir
uns an Psychologen der Oppelner Universität, um die
eingetretenen Veränderungen in den Haltungen unserer
Kinder zu untersuchen. Einige Untersuchungsergebnisse
verdienen Beachtung.
-
Erreicht wurde eine Reihe spezifischer Effekte durch
die Beeinflussung hin zur Annäherung an eine
bestimmte Kultur. Ein solcher Effekt ist die
Verbesserung des Verhältnisses zu den Juden nach der
jüdischen Etappe in allen Fragen, die gestellt
wurden. Ein solcher Effekt ist auch die positive
Veränderung des Verhältnisses zu den Zigeunern bei
vier von sechs Fragen.
-
Es wurde eine Reihe von unspezifischen Effekten
erzielt, wie die Veränderung des Verhältnisses zu
einer bestimmten Nationalität unter dem Einfluß des
Näherbringens der Kultur einer anderen Nationalität.
Dazu gehören die Veränderung des Verhältnisses zu
Zigeunern oder Deutschen unter dem Einfluß der
jüdischen Etappe, und die Veränderung des
Verhältnisses zu den Deutschen sowohl unter dem
Einfluß der jüdischen als auch der Zigeuneretappe.
-
Es wurde ein dauerhafter Effekt des ersten
(jüdischen) Programms auch noch nach der zweiten
Etappe (Zigeuner) festgestellt. Diese Effekte
verschwanden nicht und wurden nicht durch neue
ersetzt.
-
Es zeigte sich, daß sich unter dem Einfluß der
beschriebenen erzieherischen Einwirkung das
Verhältnis zu den am häufigsten und am schwersten
stigmatisierten Gruppen (Juden, Zigeuner) am
stärksten zum besseren verändert hat .
Die bisherigen Untersuchungsergebnisse weisen auf den
Erfolg unser Aktivitäten hin. Auf eine endgültige
Bestätigung muß man natürlich viele Jahre warten; wie
immer bei Erziehungstätigkeit kann man nur hoffen, daß
die Anstrengungen eine dauerhafte Spur hinterlassen.
* Barbara Weigl stellte die Schule TAK auf unserer
Konferenz "Bild und Geschichte des Nachbarn in
deutschen und polnischen Schulbüchern nach der Wende"
im Dezember 1996 in Guben und Gryfino vor. Der
vorliegende Text ist eine Kurzfassung des dort
vorgetragenen Referats.
Aus dem Polnischen: R.U. Henning
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