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TRANSODRA 10/11, April 1995, S. 104 - 109

Dokumentation der Konferenz: Grenze und Grenzbewohner.
Nachbarn und Fremde. Alte Heimat - Neue Heimat. Abschied und Ankunft. 2. - 4. Dezember 1994, Guben/Gubin

Diskussion


Sorben als Vermittler zwischen Slawen und Germanen?

Manfred Ladusch, Bautzen <Übersicht>

Es wurde gefragt, ob nicht die sorbische Minderheit in Deutschland eine Vermittlerrolle übernehmen könnte im deutsch-polnischen Verhältnis. Da ich selbst Sorbe bin, möchte ich dazu etwas sagen. Aber zunächst einige Fakten: Insgesamt gibt es etwa 60.000 Sorben, davon leben 20.000 in Brandenburg, also der Niederlausitz. 15.000 Sorben sind katholisch, die anderen evangelisch oder nicht-gläubig. Wir haben 60 Schulen, an denen die sorbische Sprache unterrichtet wird. Es gibt auch verschiedene Institutionen, die uns unterstützen. Z.B. die Stiftung für das sorbische Volk, die uns auch finanziell unterstützt, wird getragen von den Ländern Sachsen und Brandenburg sowie vom Bund. Das Verhältnis zwischen den Sorben und den nach 1945 dort Angesiedelten war nicht ganz einfach. Als ich nach 1945 in die Schule ging, waren in meiner Klasse 11 Kinder. Davon stammten 5 aus dem sorbischen Dorf und 6 waren Umsiedlerkinder. Die verstanden natürlich kein sorbisch und hegten außerdem Antipathien gegen jeden, der nicht deutsch sprach. Das ist verständlich, führte aber zu vielen Problemen. Die sorbische Intelligenz ist der Meinung, daß die Ansiedlungspolitik der sorbischen Existenz geschadet hat. Gerade die Ansiedlung wird als ein negativer Faktor im Prozeß der weiteren Entwicklung bzw. Rückentwicklung der sorbischen Minderheit nach 1945 angesehen. Insgesamt handelte es sich immerhin um 30% der Bevölkerung. Dadurch änderte sich die dörfliche Struktur und die sorbische Sprache verlor an Bedeutung. Hinzu kamen schon ab den 50er Jahren Mischehen. Die These von Frau Scholze-Irrlitz, daß der Anteil der Umsiedlerkinder an den Intelligenzberufen höher war, als es dem proportionalen Anteil an der Bevölkerung entsprochen hätte, würde ich zustimmen. Auch der Beobachtung, daß die alleinstehenden Frauen unter den Umsiedlern in der Regel schwere landwirtschaftliche Arbeit verrichteten. Zurück zu den Sorben: Wir fühlen uns historisch eingebunden in Deutschland. Sprachlich, kulturell und der Mentalität nach fühlen wir uns aber dem Osten zugehörig, d.h. der slawischen Welt. Allerdings ist das bei verschiedenen Gruppen durchaus unterschiedlich. Im katholisch-sorbischen Gebiet ist dieses Gefühl stärker. Dort gibt es eine durch die Jahrzehnte hindurch bestehende Verbindung zu Polen. Der jetzige polnische Papst besuchte als Kardinal die Sorben; er führte in Rom ein, daß der Ostergruß auch in sorbisch gesprochen wird. Anders ist das in der Niederlausitz. Dort hat die sorbische Substanz unter der preußischen Unterdrückungspolitik gelitten. Es ist nicht nur so, wie oft gesagt wird, daß sich durch die Braunkohlegruben, die Industrialisierung usw. eine starke Assimilationstendenz durchgesetzt hätte. Denn in der mittleren Lausitz z.B., in der ähnliche Bedingungen herrschen, die aber nicht diesem preußischen Einfluß unterlagen, ist das anders. Trachten, Sitten und Gebräuche haben sich viel mehr erhalten als 20 bis 30 km entfernt. Wie äußert sich unsere Eingebundenheit in den Osten, die slawische Welt? Ich bin Journalist und Historiker. Kürzlich war ich mit einem westdeutschen Kollegen unterwegs im ehemaligen Ostpreußen, um eine Reportage zu schreiben. Für mich war es vollkommen selbstverständlich, die polnischen und russischen Namen zu benutzen, der westdeutsche Kollege redete mit genau derselben Selbstverständlichkeit nur von Allenstein usw. Vielleicht könnten wir wirklich eine Brückenfunktion ausüben und sollten das noch besser nutzen.


Chojna und Königsberg

Gerhard Lemke, Chojnaer Vereinigung für ein gemeinsames Europa <Übersicht>

Hier wohne ich, in einer kleinen Stadt, die etwa 6.500 Einwohner hat und 16 km von der deutsch-polnischen Grenze entfernt ist. Zwar wurde ich heute als Vertreter der deutschen Minderheit vorgestellt, aber das entspricht nicht ganz der Wahrheit, denn ich bin als Vertreter der "Chojnaer Vereinigung für ein gemeinsames Europa" gekommen, die 1993 gegründet wurde. Als Einwohner der Grenzregion beobachte ich seit vielen Jahren (1960 kam ich als junger Lehrer in die völlig zerstörte Stadt, um in dem neugegründeten Lyceum Polnisch und Deutsch zu unterrichten) die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen in diesem Gebiet. Ich selbst komme aus einer gemischten deutsch-polnischen Familie. Geboren wurde ich nach 1945 in Deutschland, aber aufgewachsen bin ich in Polen. In Warschau studierte ich Polonistik.

Schon zu Zeiten der DDR und der VR Polen gab es viele Kontakte zwischen den Städten Chojna und Schwedt. Seit 1990 kann man eine Explosion von zahlreichen Vorhaben und Kontakten beobachten. Gemeinsame Veranstaltungen, Feste und private (auch gewerbliche) Beziehungen sind eigentlich schon Normalität. Auf die uns allen gestellte Frage, welchen Einfluß die Tatsachen von Flucht, Vertreibung und Umsiedlung auf das heutige Bewußtsein der Bewohner des Grenzgebiets haben, möchte ich eigentlich antworten, daß dieser Einfluß nur noch gering ist. Als Beispiel führe ich die Beziehungen zu den Landsmannschaften an. Wenn dieser Begriff früher in Polen fiel, dann gab es nur negative Assoziationen. Das ist heute schon völlig anders geworden. Vor 1990 war es unmöglich, direkte, persönliche oder offizielle Kontakte aufzunehmen. Wir waren auf zwei Treffen der Landsmannschaft Berlin-Brandenburg in Frankfurt/Fünfeiche und in Gorzów. Auf dem ersten Treffen wurde sehr scharf diskutiert, aber auf dem zweiten ging es schon ganz anders zu. Dort haben wir auch darüber diskutiert, daß es die gemeinsame Aufgabe der ehemaligen und der heutigen Bewohner ist, das kulturelle Erbe der vergangenen Jahrhunderte zu bewahren und zu pflegen. In Chojna z.B. hatten wir im alten Rathaus eine wunderschöne gemeinsame Ausstellung über das alte Königsberg. Viele heutige Einwohner haben dort erst entdeckt, was für eine schöne Stadt Chojna/ Königsberg war. Sie haben einen Blick in die Vergangenheit und ihre Kultur geworfen. Seit 1990 haben wir hier in Chojna mit den ehemaligen Einwohnern der Stadt eine gute Zusammenarbeit entwickelt. Es entstanden nicht nur persönliche Freundschaften, sondern auch regelmäßige Kontakte zwischen den Stadtbehörden. Deshalb bin ich der Meinung, daß die Migrationsprozesse, die sich hier in der Vergangenheit abgespielt haben (Umsiedlung, Vertreibung, Neuansiedlung usw.), keinen negativen Einfluß mehr auf die Beziehungen zwischen den Menschen in der Grenzregion haben, auch nicht auf die deutsch-polnische grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Deutsche Bürger sind ständige Gäste in unserer Stadt und unserer Region, unter ihnen viele ehemalige Einwohner der Neumark. Man hat sich daran gewöhnt. Niemand wundert sich mehr, wenn man Deutsche in den Geschäften, Restaurants, Diskotheken oder auf anderen öffentlichen Veranstaltungen sieht oder hört. Viele Menschen haben verstanden, daß man mit einem "gegeneinander" oder auch mit einem "nebeneinander" nicht viel erreichen kann, sondern daß nur friedliche Zusammenarbeit und gute nachbarschaftliche Beziehungen für alle von Nutzen sind. Als Beispiel dafür kann man den Wiederaufbau der im zweiten Weltkrieg zerstörten Marienkirche nennen. Diese gotische Kirche aus dem 13. Jahrhundert wurde im Krieg, nachdem die Front schon durch die Stadt gezogen war, zerstört. Es blieb eine Ruine. Jetzt wird sie dank deutsch-polnischer Zusammenarbeit wiederaufgebaut. Die Inititative und die Hartnäckigkeit ging von den ehemaligen Bewohnern dieser Stadt aus. Allein hätten wir eine solche große und kostspielige Aufgabe vielleicht nie in Angriff genommen. 1994 wurde die deutsch-polnische "Stiftung für den Wiederaufbau der Marienkirche" gegründet, in der Deutsche (auch ehemalige Einwohner) und Polen aktiv zusammenwirken. Die deutsch-polnische Stiftung stellte uns 11 Milliarden Zloty als Hilfe für den Wiederaufbau zur Verfügung. Im Rahmen dieses Projekts verschwindet die alte Feindschaft und immer neue Projekte und Formen der Zusammenarbeit entstehen.

So wurde z.B. eine deutsch-polnische Jugendakademie gegründet. Auf einem gemeinsamen Seminar trafen sich Jugendliche aus Hannover, Bad Freienwalde und Chojna. Sie verglichen, wie die Geschichte - in diesem Fall der Zweite Weltkrieg - in den deutschen und polnischen Schulbüchern vollkommen anders dargestellt wird. Und interessant war in diesem Zusammenhang auch, daß sich die Jugendlichen aus Hannover und Chojna untereinander wesentlich besser verstanden als mit den Jugendlichen aus Bad Freienwalde. In diesem Sommer feierten wir 750 Jahre Chojna / Königsberg. Die Feier wurde gemeinsam von ehemaligen und heutigen Einwohnern der Stadt vorbereitet. Der schon traditionelle ökumenische Gottesdienst im August jedes Jahres führt immer mehr Menschen von beiden Seiten der Oder zusammen - zu gemeinsamem Gebet, Gesang und Andacht.

Natürlich gibt es auch negative Erscheinungen. Dazu gehört vor allem die Kriminalität, die hier in der Grenzregion immer mehr zunimmt. Darin liegt eine wirkliche Bedrohung für die noch junge, erst aufblühende Koexistenz. Es gibt auch noch sehr viele Vorbehalte und Vorurteile auf beiden Seiten. Die überwindet man nur durch gemeinsame Aktivitäten, Veranstaltungen, Begegnungen, persönliche Kontakte oder durch gemeinsame wirtschaftliche Vorhaben. Wir müssen mehr voneinander wissen, über die Geschichte, Kultur, Sitten und Gewohnheiten unserer Nachbarn. Dem dient unsere Zusammenarbeit mit der Europaunion, Kreisverband Uckermark, und dem dienen die Kontakte mit den ehemaligen Einwohnern. In diesem Sinne ist der Wiederaufbau der Marienkirche in Chojna, einer Stätte der Ökumene und Versöhnung zwischen unseren Völkern, auch ein Zeichen der Hoffnung und des Friedens.

Zum Schluß möchte ich Ihnen noch zwei Überlegungen oder vielleicht besser Erfahrungen vorstellen. Wir haben gestern abend die beiden sehr interessanten Filme "DOM/Ein Haus" und "Das Andere Ufer" gesehen. Bei uns in Chojna sahen wir vor einiger Zeit einen Film von Vater und König, im Grunde zu demselben Thema. Schade, daß er nicht bekannter geworden ist. Es gab bei uns darüber sehr interessante Gespräche. Vielleicht sollte man auch erwähnen, daß die polnischen Zuschauer angesichts der Berichte deutscher Vertriebener manchmal ein Gefühl haben, das ein Zuhörer in Chojna so formulierte: "Man müßte doch noch einmal versuchen, den Deutschen klarzumachen, wie es dazu gekommen ist, daß sie ihre hiesigen Häuser verloren haben." Es fehlt eben manchmal die Relativierung, so als könnten die deutschen Vertriebenen ihr Schicksal nicht einordnen in den gesamten geschichtlichen Verlauf. Und eine zweite Überlegung: Zu all diesen Diskussionen, zu solchen Filmen usw., kommen nur alte Menschen. Es kommen keine Jugendlichen, oder nur sehr selten. Gerade dafür, daß sich die Jugendlichen treffen und kennenlernen, müssen wir mehr tun.


Polen und Deutsche sollten wissen, daß sie keineswegs Amerika neu entdecken, wenn sie gutnachbarschaftlich zusammenleben

Robert Ryss, Gazeta Chojenska <Übersicht>

Polnische und deutsche Umsiedler, in deren Leben der letzte Krieg tief und schmerzhaft eingegriffen hat, bewahren in ihrer Erinnerung konkrete Anlässe gegenseitiger Vorurteile und Ressentiments. Aber zu diesen verständlichen Erscheinungen gesellen sich andere, die von weitaus größerer Bedeutung sind. Wie Sie schon gehört haben, feierte Chojna im August seinen 750. Jahrestag. Die heutigen (also Polen) und die damaligen Einwohner (also Deutsche) feierten gemeinsam. Einige Beobachter sind sogar der Auffassung, daß es mehr deutsche als polnische Teilnehmer gab. Von polnischer Seite nahm auch ein mit vielen Orden behängter ehemaliger Soldat, Kämpfer im zweiten Weltkrieg, teil. Ich fragte ihn, wie er sich angesichts der deutschen Teilnehmer an den Feierlichkeiten seiner Stadt fühle. "Eigenartig", antwortete er. Er hatte zumindest gemischte Gefühle und erzählte mir eine schreckliche Geschichte vom Kampf um den pommerschen Wall, an dem er teilgenommen hatte. Dieser Mensch hatte Anlaß genug, sich an der Seite der Deutschen zumindest ambivalent zu fühlen. Aber dieser als ehemaliger Soldat Angesiedelte fügte dem noch etwas hinzu: "Schließlich ist doch bekannt, daß, solange die Welt existiert, Polen und Deutsche niemals Brüder waren und auch nicht sein werden." Es war tatsächlich seine Überzeugung, daß Polen und Deutsche auf ewig Feinde bleiben werden.

Und hier stoßen wir auf etwas, das man als ein Stereotyp bezeichnen könnte, hervorgegangen aus der Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte und zwar vor allem aus den tragischen Schicksalen des 20. Jahrhunderts. Ich bin kein Historiker, von der Ausbildung her bin ich Psychologe. Einige Jahrzehnte habe ich in diesem Beruf gearbeitet und ich hatte viele Gelegenheiten, zu sehen, wie ein Stereotyp oder eine Einbildung einen Menschen verurteilen, lähmen, sogar zugrunderichten kann. Als Historiker habe ich mich aus Anlaß der 750-Jahr-Feier Chojnas betätigt (ich erarbeitete eine kleine Broschüre über die Anfänge Chojnas). Dabei zeigte sich, daß eine kühle Analyse historischer Quellen und Ausarbeitungen unbarmherzig enthüllt, daß es für die noch heute Polen und Deutsche lähmenden Stereotype keine historische Grundlage gibt. Nach allgemeiner Auffassung sind die gegenwärtigen gutnachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Polen und Deutschen etwas völlig neues, von früher her nicht bekannt, empfunden als unnatürlich und dem Charakter beider Völker widersprechend. Teilweise werden sie auch als nationaler Verrat behandelt. Dadurch wird eine nur schwer zu überwindende psychologische Schranke errichtet. Eine eben aus Stereotypen und Einbildungen entstandene Schranke, die die Heilung der Wunden des letzten halben Jahrhunderts unglaublich erschwert, gerade auch bei den Umsiedlern. Die Enthüllung des wirklichen Bildes der deutsch-polnischen Beziehungen, gerade z.B. im Mittelalter, als sich der polnische und der deutsche Staat herausbildeten, darf sich nicht auf den engen Kreis der Historiker beschränken. Denn es handelt sich um Tatsachen, die für die Mehrheit sowohl der Polen als auch der Deutschen schockierend neu sind. Es ist dringend notwendig, die Vielfältigkeit und Kompliziertheit dieser Beziehungen breit bekanntzumachen, denn schließlich geht es nicht um Geschichte, sondern um das gemeinsame Heute. Polen und Deutsche sollten wissen, daß sie keineswegs Amerika neu entdecken, wenn sie versuchen, gutnachbarschaftlich zusammenzuleben, sondern an eine reiche, vom Schutt der Ideologie nur verdeckte Tradition anknüpfen.


Guben und Gubin

Eberhard Wittchen, Gubener Heimatbund <Übersicht>

Meine sehr verehrten Damen und Herren, im Gubener Heimatbund bin ich als dritter stellvertretender Vorsitzender tätig. Als gebürtiger Gubener - 500 Meter von hier bin ich geboren - wuchs ich hier bis 1945 auf, ging zur Schule. Meine Eltern und Großeltern wohnten und lebten schon hier. Mein Großvater war hier in diesem Hause beim Magistrat der Stadt Guben. Ich habe hier wirklich einen Großteil meines Lebens verbracht. Ich war 32 Jahre lang Leiter der Gasversorgung in Guben und hatte auch einen wesentlichen Anteil an der Gasversorgung für Gubin. Mit vielen guten und treuen Kollegen habe ich hier zusammengearbeitet. Erst vor kurzem habe ich den alten verehrten Leiter, mit dem zusammen ich viele, viele Jahre die Geschicke der Gasversorgung in Gubin mitgesteuert habe, hier auf dem Gubiner Friedhof zu Grabe getragen. Ich möchte all denen danken, die sich darum bemühen, daß sich ein gutes gegenseitiges Verständnis entwickelt, daß man miteinander auskommt. Die Geschichte, die unsere beiden Völker in diesem Jahrhundert miteinander erlebt haben, verpflichtet uns, sachlich und vorausschauend unsere Wege zu gehen. Wenn wir heute im ehemaligen Jugoslawien dieses ganze Desaster erleben, dann müssen wir doch endlich begreifen, das mit dem sog. Schicksal, das unsere beiden Völker in so trauriger Weise verbunden hat, endlich Schluß sein muß. Die letzten Worte, die meine beiden Vorredner gesprochen haben, gingen in die gleiche Richtung. Ich möchte die Gelegenheit dazu nutzen, einen kurzen Abriß zu geben, wie das damals hier in Guben war. Ich war 1945 acht Jahre alt. Wir hatten in den Februartagen, am 13. - das war der Tag, an dem in Dresden die Bombenwalze niederging - frühmorgens Guben verlassen, weil die Front vor den Toren der Stadt stand. Wir zogen Richtung Westen bis Cottbus und kamen erst nach den Kampfhandlungen, etwa am 4. Mai wieder hier in Guben an. Wir fanden rauchende Trümmer vor, und es begann das Aufräumen. Von Anfang Mai bis zum 20. Juni haben wir als Kinder die Trümmerberge weggeräumt - die Väter waren ja nicht da - und glaubten, das Leben würde uns jetzt endlich in Ruhe lassen. Aber weit gefehlt. Plötzlich kam polnisches Militär hier nach Guben, etwa am 30. Mai 1945. Als Kinder hatten wir eigentlich guten Kontakt mit diesen Menschen. Wir kriegten manches Stück Brot und manche Handvoll Zucker. Ich meine, selbst in dieser vergifteten Atmosphäre, die ja da war, war das für uns Kinder wohltuend. Umso enttäuschter waren wir dann, als am 20. - es war ein sehr heißer Tag - früh um halb neun einer mit einer Glocke durch die Straßen ging und uns aufforderte, innerhalb von 10 Minuten unsere Habseligkeiten zusammenzupacken, uns dann an der Straße aufzustellen und Guben zu verlassen. Wir haben für diese Strecke - eine Entfernung etwa von 1000 Metern von unserem damaligen Haus bis zur Neiße - 5 1/2 Stunden gebraucht. Es war schon fürchterlich, was sich da abspielte. Nicht so sehr, daß wir Schikanen erlebt hätten, sondern vielmehr dieses Wegtreiben erleben zu müssen. Natürlich hatten wir von den Erwachsenen mitgekriegt, daß Deutsche in diesem Krieg auch so etwas getan hatten - und so war uns überhaupt nicht wohl bei diesem Gang. Dann wurden wir gefilzt. Wir hatten Glück. Ein blutjunger Soldat ließ Mutter die Handtasche auf den Tisch kippen. Meine Mutter war froh, als er fragte, ob er die Taschenlampe behalten dürfe, was sie bejahte. Und er ließ uns ziehen. So haben wir nichts Böses erlebt. Die Jahre gingen ins Land. Als Techniker kam ich über Leipzig wieder nach Guben. Ich hatte die Aufgabe, hier im städtischen Gaswerk 1959 die Gasversorgung nach Gubin in Betrieb zu setzen. Seit dieser Zeit bekam ich einen Paß und konnte ständig nach Gubin. Auf diese Weise entwickelte sich zu den Kollegen eine echte und gute Freundschaft. Als ich 1972 in den Vorruhestand gehen durfte, machten meine polnischen Kollegen eine Sammlung und organisierten für mich in Gubin eine Abschiedsfeier. Wenn ich heute durch Gubin gehe oder fahre, treffe ich fast an jeder Ecke oder Straße ehemalige Kollegen, die mich begrüßen mit "Hallo, Eberhard". Ich will damit nur sagen, daß so, wie sich die zwischenmenschlichen Beziehungen entwickeln, wie wir uns in den gegenseitigen Kontakten benehmen, so werden wir auch die Zukunft gestalten.


So war es damals in Guben

Frau Welkisch, Heimatbund Guben  <Übersicht>

Ich möchte Ihnen am Beispiel meines eigenen Schicksals die Situation von 1945 nahebringen und Ihnen auch ein paar Gedanken mitteilen als Grenzbewohnerin. Am 9. Februar 1945 mußte meine Mutter mit den beiden Kindern - einem Transport für werdende Mütter und Kleinstkinder folgend - Guben verlassen. Ich war acht Jahre alt, mein Bruder drei Wochen. Während der wochenlangen Kampfhandlungen waren wir also nicht hier. Am 12. Mai kehrten wir nach einem Fußmarsch von etwa 70 km nach Guben zurück. Erschreckend die Bilder der verwüsteten Straßen und Häuser. Unser damaliges Haus in der jetzigen ul. Platanowa war zwar stark beschädigt, aber wir konnten darin wohnen. Vater, der noch in den letzten Tagen zum Volkssturm kam, war in Gefangenschaft. Das erfuhren wir aber erst viel später. Mutter und Großmutter fingen an, den Garten zu bestellen, obwohl die Berge, die ja jetzt Berge des Todes heißen, noch vermint waren und noch so manchen Nachbarn zerfetzten. Großvater mußte mit anderen verfügbaren Männern und Kindern in die Stadt zu Aufräumungsarbeiten. Die Russen verteilten ab und zu ein Stückchen Brot und Zucker an uns Kinder, später dann auch die Polen. Dann kam der 20. Juni. Ich stand in einer langen Schlange nach der kostbaren Milch für meinen kleinen Bruder an. Plötzlich rannten alle aufgeregt auseinander, weil jemand schrie, wir müßten alle sofort raus. Ich rannte mit leerer Kanne los, holte Mutter und Großmutter vom Berg, die nicht verstanden und mir nicht glaubten. Auf dem Hof stand dann schon ein polnischer Soldat mit Gewehr und befahl uns, sofort das Haus in Richtung Neiße zu verlassen. Nur mit Handgepäck. Wir hatten zehn Minuten Zeit, etwas zusammenzuraffen. Es war ziemlich warm, und ich bekam alles doppelt und dreifach angezogen. Da mein Bruder noch im Kinderwagen lag, durften wir etwas mehr mitnehmen, auch einen Kochtopf. Weit kamen wir damit nicht, denn bei der Kontrolle nahm man uns vieles wieder weg. Wir reihten uns in eine stundenlang wartende entsetzte, klagende Menge ein, ehe es über die Neiße in schreckliche Massenquartiere mit Strohlagerstätten ging. Keiner wußte so recht, warum. Dann machte sich das Gerücht breit, die Polen bekämen nur ein paar Tage Plünderungszeit. Die nahmen aber nie ein Ende. Meine Großeltern und auch mein Vater starben mit dem Wunsch im Herzen, nur noch einmal ihre Heimat sehen zu dürfen. Für uns Vertriebene folgten schlimme Jahre, die wir eigentlich nie mehr aufholen konnten. Hatten wir doch nichts mehr, als die Sachen auf dem eigenen Leibe. Das Wort Vertriebene durften wir nicht laut aussprechen. Wir waren fortan Umsiedler, ohne umgesiedelt worden zu sein, ohne je eine Zuwendung erhalten zu haben. Fast fünfzig Jahre mußte es dauern, daß wir endlich in aller Öffentlichkeit darüber sprechen dürfen. Gerne besuchen wir die alte Heimat und die Stätten unserer Kindheit. Natürlich mit Wehmut im Herzen über das, was nicht mehr ist. Doch ohne Haß auf die Menschen, die jetzt hier wohnen. Haben sie doch ein ähnliches Schicksal erlitten. Ich weiß von vielen ehrlichen Freundschaften zwischen deutschen und polnischen Familien, auch von vielen Aktivitäten auf beiden Seiten in einem friedlichen Miteinander. Ein großes Problem für die gegenseitigen Beziehungen sehe ich in der steigenden Kriminalität, hervorgerufen durch den grenzüberschreitenden Verkehr. Grenzstädte sind ja auch immer ein Anziehungspunkt für Kriminelle. Gut ist es, daß wir endlich daran gehen, die Geschichte aufzuarbeiten und gemeinsam darüber reden, wie wir es jetzt hier endlich tun dürfen - nachdem 50 Jahre verschwiegen und verfälscht wurde. Das wird viel zum besseren Verstehen auf beiden Seiten beitragen. Vielleicht auch zu ein bißchen Verständnis für die Heimatvertriebenen, die ja zum doppelten Verlierer des Krieges wurden - auf polnischer und auf deutscher Seite.


Kurze Geschichte der Stadt Guben/Gubin

Dr. Ryszard Pantkowsky, Gubin <Übersicht>

Die mitten durch das Zentrum von Guben entlang der Lausitzer Neiße verlaufende Staatsgrenze teilte die Stadt in zwei Hälften. Die neue politische Ordnung in Europa brachte es mit sich, daß der östliche Teil der Stadt Polen zufiel. Die Bedingungen, unter denen die polnische Verwaltung in Gubin entstand, waren wegen dieser Grenzlage sehr kompliziert. Die Situation war noch dadurch erschwert, daß - nachdem das russische Militär die Stadt auf dem rechten Neiße-Ufer eingenommen hatte - die Front noch bis Ende April an der Neiße verlief und die Stadt sich in dieser Zeit im Bereich der Kriegshandlungen befand. Nur ein Teil des ehemaligen Gebietes des Kreises Guben fiel an Polen, und lange Zeit war unklar, welches Gebiet der Kreis Gubin umfassen würde. Wie bekannt, wurde erst im Jahre 1950 durch den Görlitzer Vertrag der Grenzverlauf entlang der Oder und der Lausitzer Neiße endgültig anerkannt. Stadtkommandant war der russische Major Gurin. Dieser übertrug die Funktion des Bürgermeisters Micha>= Ratajczak, einem Mitglied der KPD, polnischer Herkunft. Der Bürgermeister gründete eine Miliz, die das von den Deutschen zurückgelassene Eigentum bewachen sollte.

Nachdem die Front weitergezogen war, kamen die Deutschen zurück, die vor der herannahenden russischen Armee aus der Stadt geflohen waren. Sie strömten in ihre Häuser, nicht wissend, daß sie ihnen nicht mehr gehören würden. Aber es kamen auch die sog. Geschäftemacher aus allen Ecken Polens.

Die verwaltungsmäßige Einordnung des neu geschaffenen Kreises Gubin war noch nicht festgelegt. Sowohl die Behörden des westpommerschen Bezirks mit Sitz in Schneidemühl als auch des niederschlesischen Bezirks mit Sitz in Liegnitz betrachteten sich als zuständig. Am 9. Mai 1945 kam eine Gruppe des Wirtschaftsausschusses des Ministerrats aus Liegnitz unter der Leitung von Andrzej Luszczynski nach Gubin. Ihre Aufgabe war die Übernahme von Wirtschaftsobjekten aus den Händen der russischen Militärbehörden und die Vorbereitung der Fabriken zur Produktionsaufnahme. Der russische Kommandant stimmte dem nicht zu und erklärte der Gruppe, daß Gubin wahrscheinlich gar nicht zu Polen gehören werde, denn die Grenze werde höchstwahrscheinlich entlang der Oder und der Bober verlaufen. Die Gruppe verließ Gubin, und am 10. Mai 1945 kam eine 27-köpfige Gruppe aus Schneidemühl unter der Leitung von Stanislaw Ciepieluch. Auch dieser Gruppe wurde die Organisierung der polnischen Verwaltung erschwert. St. Ciepieluch fuhr daraufhin nach Berlin in das Hauptquartier der russischen Militärbehörden, von wo er eine Empfehlung des Marschalls Shukow für den Stadtkommandanten von Gubin mitbrachte, den polnischen Behörden die Übernahme der Verwaltung zu ermöglichen. Am 5. Juni 1945 kam eine dritte Gruppe, wiederum aus dem niederschlesischen Bezirk, unter der Leitung von Czeslaw Zalewski und Leon Wojciechowski. Zwischen Ciepieluch und Zalewski gab es Kompetenzstreitigkeiten. Schließlich, am 7. Juli 1945, bestimmte ein Beschluß des Ministerrats, daß der Kreis Gubin zu der Wojewodschaft Posen geschlagen werden solle. Erster Gubiner Landrat (starost) wurde Czeslaw Konczak. Die örtlichen Behörden wurden unabhängig von der Bildung der Kreisbehörden aufgebaut und Bürgermeister wurde Piotr Samborski. Im Herbst 1945 wurden im Kreis Nationalräte (rady narodowe) gebildet. Die wichtigste Aufgabe der polnischen Verwaltung war die Aussiedlung der Deutschen und die Ansiedlung von polnischer Bevölkerung. Bis Ende 1945 wurden etwa 3.000 Deutsche in die sowjetische Besatzungszone ausgesiedelt. Unklar ist, wieviel Deutsche noch zurückblieben, wieviele im Krieg umkamen, wieviele vor den Russen flohen und nicht mehr zurückkamen und wieviele starben. Jedenfalls dauerten die Aussiedlungen im Jahre 1947 noch an.

Nach Gubin kamen polnische Umsiedler (Repatrianten) aus dem Osten und aus Zentralpolen, wie auch demobilisierte Armeeangehörige mit der Anweisung, sich hier in den sog. wiedergewonnenen Gebieten anzusiedeln. Viele der Ankommenden siedelten sich hier nicht für lange an, sondern kamen lediglich mit der Absicht, sich zu bereichern.

Soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Gubins 1945-1993

In dieser Entwicklung kann man verschiedene Phasen unterscheiden. Zur Zeit der schweren Kämpfe um Gubin wechselte die Stadt sieben Mal von einer Hand zur anderen. Das bewirkte eine Zerstörung der Stadt bis zu 80 oder 90%. Die Schadensbilanz: 65% bzw. 2.482 Wohngebäude; 56% bzw. 67 Industrieobjekte; 21% bzw. 147 landwirtschaftliche Objekte. In Trümmern lag die Altstadt mit dem wunderschönen Rathaus und den denkmalschutzwürdigen Wohnhäusern in der Nähe; ein Brand vernichtete die gotische Kirche aus dem 16. Jahrhundert; alle Brücken über die Neiße waren zerstört, ebenso der Damm beim Elektrizitätswerk. Abgebrannt waren Schulen, die Post, das Krankenhaus und das Kino; das Straßenpflaster war weitgehend beschädigt. Verhältnismäßig gut erhalten blieben die unterirdischen Wasserleitungen, die Kanalisation und die Gasleitungen. Ungestraft verursachten Plünderer und eine planmäßige Abrißpolitik großen materiellen Schaden. Raub und Abtransport der von den Deutschen hinterlassenen Güter in alle Teile Polens wurden zu einer allgemeinen Erscheinung: das betraf Wohnungseinrichtungen, Fabrikeinrichtungen und Maschinen. Während des Plünderns verlassener Häuser fand man zuweilen versteckte Wertsachen. Sie wurden die Beute der "glücklichen Schatzsucher". Als es nichts mehr zu plündern gab, ging man über zur Ausschlachtung beschädigter, manchmal auch vollständig erhaltener Gebäude, und schleppte sie als Baumaterialien weg. Auf diese Weise wurden viele städtische Gebäude zerstört. Das ungestrafte Ausschlachten der Stadt nahm unter der Losung "Das ganze Land baut seine Hauptstadt wieder auf" zeitweise eine legale Form an. Ziegelsteine, schmiedeeiserne Teile, Eisenbahnschienen, sogar Kopfsteinpflaster verschwanden in Richtung Warschau. Niemand behandelte die Westgebiete an Oder und Neiße als polnische Gebiete, niemand sorgte sich um sie. In der Zeit des Kalten Krieges herrschte das Gefühl vor, das alles werde nur zeitweise polnisch sein. Man war mißtrauisch und hatte Angst. Die Verwüstung Gubins hatte den Charakter einer geplanten Säuberung der Stadt. Dieses Gubin fanden aus Posen kommende Eisenbahner vor. Sie sollten den Eisenbahnverkehr wieder in Gang bringen. Sie arbeiteten in Guben mit den Deutschen zusammen.

Bereits im Jahre 1945 wurde das örtliche Gymnasium mit 39 Schülern wieder eröffnet, ebenso die Grundschule, die Bibliothek, später das Krankenhaus, die Post, die Strumpffabrik, eine Weinstube, das Sägewerk. Politische Parteien und gesellschaftliche Organisationen nahmen ihre Arbeit auf. Ende 1945 betrug die Zahl der Bevölkerung des Kreises Gubin 2.100 Personen.

1950-1955 waren Jahre der wirtschaftlichen Stagnation, hervorgerufen durch Mangel an Produktionsbetrieben, die der sich ansiedelnden Bevölkerung hätten Arbeit bieten können, verursacht durch Zentralisierung der Verwaltung und Diskriminierung der Kleinstädte besonders im Westen. Das waren vergessene Städte. Die Einführung verschärfter Bestimmungen zur Verteidigung der Staatsgrenze und von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit führten dazu, daß viele Gubiner die Stadt und Gegend verließen. Immer noch blieben die verlassenen Häuser Plünderern und Abrißkommandos überlassen, die auf Empfehlung der örtlichen Behörden handelten.

Die dritte Phase, von 1956 bis 1960, brachte eine radikale Veränderung zum Besseren im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben Gubins. Das war eine Folge des Regierungsplans zur Aktivierung der West- und der nördlichen Gebiete. Damals entstanden einige bedeutende Betriebe und neue Schulen: das Lyzeum für medizinische Pflege, die Landwirtschaftsschule und die Berufsschule. Die Stadt mit ihren inzwischen 12.000 Einwohnern belebte sich deutlich. Der individuelle, genossenschaftliche und kommunale Wohnungsbau entwickelte sich. Die Leute fühlten sich zu Hause.

1961 liquidierte die Regierung den Kreis Gubin. Für die Gubiner Bevölkerung war das ein unvorhergesehener Schlag. Ein Teil der Leute, insbesondere aus der Intelligenz, wanderte ab. Sie sahen hier keine Lebensperspektive mehr. Die Kreisbehörden wurden abgebaut, das kulturelle Leben erstarb. Gubin wurde eine periphere, vergessene Stadt, die erneute Stagnation des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens dauerte bis 1972.

Am 1. Januar 1972 bekam Gubin mit der Eröffnung des Grenzübergangs eine neue Entwicklungschance. Die Stadtverwaltung bereitete die Stadt auf den Empfang von Touristen vor, die nach Westen reisen wollten. Neue Geschäfte, Banken, Wechselstuben, Hotels, Restaurants, Bars usw. wurden eröffnet. Viele neue Arbeitsplätze entstanden. Die Stadt wurde reicher und attraktiver. Die gute Zeit dauerte bis 1980. Dann kamen keine Touristen mehr, die Wechselstuben wurden sinnlos, die Stadt war mit denselben Problemen wie ganz Polen konfrontiert.

Eine historische Wende vollzog sich. Das Jahr 1990 brachte die Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens. Die Privatisierung explodierte: immer neue Investitionen, Ausbesserung der Straßen, Plätze und städtischen Gebäude. Unternehmen und gesellschaftliche Institutionen änderten ihre Organisationsstatuten, um sich von den Überresten der Vergangenheit zu befreien. Auf eine bisher unbekannte Weise wuchs der Grenzverkehr an, entstanden Privathandel, Banken, Wechselstuben, Sportplätze: die Stadt gewann wieder an Bedeutung und füllte sich mit neuem Leben, wenn auch noch nicht in dem Maße wie auf der anderen Seite der Neiße.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Gubin und Guben

Die ältesten Einwohner Gubins erinnern sich noch an die ersten Kontakte mit den Nachbarn auf der anderen Seite des Flusses. Sie betrafen vor allem die Kommunikation: Wasser- und Elektrizitätsversorgung aus Guben für Gubin und die Benutzung des Klärwerkes in Gubin durch Guben (übrigens bis heute). Die Verständigung der Grenzbeamten erfolgte durch drei Karabinerschüsse und anschließendes Ausrufen des Problems. Die Proklamierung der "Deutschen Demokratischen Republik" im Jahre 1949 führte zu keiner Freundschaftsmanifestation an der Neiße. Die erste gemeinsame Manifestation gab es im Jahre 1950 aus Anlaß des Abschlusses des Görlitzer Abkommens, das den Verlauf der Staatsgrenze zwischen Polen und der DDR an Oder und Lausitzer Neiße anerkannte. Seit 1951 gab es Arbeitskontakte zwischen den Wasserschutzbehörden. Damals wurde eine Vereinbarung über gegenseitiges Informieren bei Hochwassergefahr und gemeinsame Gegenmaßnahmen unterschrieben. Seit 1957 bis heute bekommt Gubin sein Gas aus Guben. Anfang der 60er Jahre wurden Kontakte auf dem Gebiet von Sport und Kultur aufgenommen, und anläßlich des zehnten Jahrestages des Görlitzer Abkommens fand an der Grenzbrücke eine große gemeinsame Manifestation statt.

In der Sylvesternacht des 31.12.1971 versammelten sich an der Brücke viele Leute von beiden Seiten: der Grenzübergang wurde geöffnet. Gleich darauf abeitete man ein Programm der Zusammenarbeit aus, das alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens umfaßte. Ein eigenes Kapitel in den Kulturbeziehungen nahm das Gubiner Fest "Frühling an der Neiße" ein. Seit 1973 war die Stadt Guben Mitorganisator bei diesem Fest. Weitreichend waren die Vereinbarungen zwischen der Wojewodschaft Grünberg und den Bezirken Cottbus und Frankfurt, in deren Ergebnis polnische Frauen aus dieser Wojewodschaft in der DDR arbeiten durften. Im Jahre 1966 nahmen 110 Polinnen in Guben die Arbeit auf. Bis zum Jahre 1972 wuchs die Zahl der in der DDR arbeitenden Polinnen auf 1.000. Manche von ihnen arbeiteten in Guben 20 Jahre lang.

Nachdem im Jahre 1980 die Grenze geschlossen wurde, konnten die in Guben arbeitenden Polen weiter die Grenze überqueren. Möglich war das auch für offzielle Delegationen der Stadt bzw. Sport- oder Künstlergruppen. Die offiziellen Kontakte blieben bestehen, reduzierten sich aber, beschränkt wurden dagegen private Kontakte der Einwohner untereinander.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands nahmen die gegenseitigen Kontakte eine neue Form an. In allen Gubiner Schulen wurde Deutsch als Unterrichtsfach eingeführt. Lehrkräfte aus Guben lehren in Gubin. In Neuzelle entstand das polnisch-deutsche Lyzeum. Am 2. Juni 1993 wurde der Verein der polnischen Gemeinden der Euroregion Spree-Neiße-Bober ins Leben gerufen. Die Euroregion hat ihren Sitz in Gubin. Am 29. Oktober 1993 entstand die Stiftung "Gemeinsame Initiative Guben/Gubin (GIGG)". Ich versichere Ihnen, daß die hierherkommenden Besucher den Eindruck gewinnen, Gubin und Guben seien eine Stadt, in der Polen und Deutsche nebeneinander leben. An der Grenze zeigt man den Personalausweis - die Grenze, das ist nur ein Symbol.


Erzählrunden zur Geschichte

Dr. Wanja Ronge, Soziologe (Aktions- und Handlungsforscher), Berlin <Übersicht>

Nun möchte ich nicht darüber reden, was unter Aktions- und Handlungsforschung zu verstehen ist, aber ich möchte Ihnen schon erzählen, was ich praktisch tue. Zur Zeit richte ich an der deutsch-polnischen Grenze diesseits und jenseits der Oder sog. Erzählrunden zur Geschichte ein, die die Menschen als Zeitzeugen in diesem Gebiet erlebt haben. In vielen dieser Orte auf der anderen Seite der Oder hat die Geschichte für die Deutschen 1945 aufgehört, während sie für viele Polen 1945 erst angefangen hat. Dieses Kuriosum, diese künstliche Situation möchte ich mit den Menschen, die dort leben oder gelebt haben, untersuchen. In welchen Bildern spiegelt sich diese Situation in den Erfahrungen der Menschen wider? Nicht um meine Neugier zu befriedigen, sondern um einen Prozeß in Gang zu setzen, der von den Menschen selbst getragen wird und in dem die Auseinandersetzung um diese Fragen selbst zum Inhalt wird. Der berühmte Spruch "Wandel durch Handel" stimmt ja nicht; durch Handel wird eben nicht automatisch ein Wandel im Bewußtsein hervorgerufen. Automatisch wandelt sich im Bewußtsein sowieso gar nichts. Das Bild beider Völker voneinander in den Köpfen wird häufig als Stereotyp, Klischee, Vorurteil bezeichnet. Diese Stereotype sind meiner Meinung nach ziemlich alt. Es sieht so aus, als seien sie quasi "vererbbar". Mal sind sie vorhanden - mal nicht. Aber wann immer sie jemand braucht, sind sie abrufbar. Um diese Stereotype und Vorurteile - auch die positiven - ins öffentliche Bewußtsein zu rücken, muß man sie ansprechen und bearbeiten. D.h., wenn ich als Deutscher sage, was ich für ein Bild von den Polen im Kopf habe und umgekehrt, dann kann man diese Vorstellungen im Idealfall bearbeiten. Nicht mit dem Ziel, daß man sich am Ende liebt, aber mit dem Ziel, daß man Einsicht nimmt in die Gedanken des anderen.

1985 wandte sich die Universität Warschau an mich mit der Bitte um Zusammenarbeit. Damals war ich an der Technischen Universität Berlin beschäftigt. In Polen war innerhalb der Soziologie und der Sozialpädagogik eine Zwangspause eingetreten, nachdem die Partei in den 50er Jahren beschlossen hatte, daß alle soziologischen bzw. gesellschaftlichen Fragen von der Partei erledigt werden und nicht von der Wissenschaft. Die Kollegen in Warschau waren der Meinung, daß die so entstandene Lücke nicht einfach dadurch zu schließen sei, daß man jetzt kluge Bücher darüber lese, sondern es fehle auch Erfahrungshintergrund, und deswegen seien sie auf die Idee gekommen, mit uns zusammenzuarbeiten, sich auf die Methoden zu stützen, die wir uns in mühevoller Arbeit erarbeitet hatten. Wir kamen in die Kleinstadt Wegrów, 80 km östlich von Warschau gelegen. Ein ziemlich isoliertes kleines Städtchen, umgeben von rein landwirtschaftlichen Gebieten. Zusammen mit einem Historiker der Universität Warschau, unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, haben wir mit einem Projekt begonnen, das den Namen trug: "Die Biographie einer Kleinstadt durch die Biographie ihrer Bewohner." Wir stellten sehr schnell fest, daß das Geschichtsbewußtsein in dieser Kleinstadt enorm hoch war. Jedes Thema, das wir ansprachen, wurde sofort geschichtlich eingeordnet. Dann machten wir uns daran, diese Geschichtsprozesse in Auseinandersetzung mit den Bewohnern näher zu betrachten, ausgehend von der These, daß die offizielle Geschichte immer die Geschichte der Sieger ist. Immer. Die Alltagsgeschichte, die Geschichte der Menschen, ist für die offizielle Geschichtsschreibung uninteressant, jedenfalls solange sie sich nicht benutzen läßt. So versuchten wir, mithilfe dieser Alltagsgeschichte die Biographie der Stadt zu rekonstruieren. Nicht um Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern um die in der Stadt vorhandenen Spuren, die allerdings für die jüngere Generation nicht ohne weiteres lesbar bzw. gar nicht auffindbar waren, zu entdecken. Eigentlich waren diese Spuren nur im Gedächtnis dieser Leute aufzufinden. In dem von uns in Gang gesetzten Prozeß aktivierten sich die Menschen. Z.B. erstellten wir zusammen eine Broschüre, in der wir die Lage der Frauen während der deutschen Besatzungszeit erarbeiteten. Oder ein anderes Beispiel: Die Stadt Wegrów zählte vor dem Krieg 11.000 Einwohner, davon waren 7.000 Juden. Heutzutage zählt die Stadt erneut 11.000 Einwohner, aber es gibt keinen einzigen Juden mehr. Wir versuchten, die Spuren der Juden zu finden. Wir erstellten eine Broschüre, in der jeder ältere Mensch die Erinnerungen, die er an die Juden hatte, niederschrieb. Später gelangte diese Broschüre durch einen Zufall nach Israel. Und plötzlich bekamen wir Antworten aus der ganzen Welt: aus Caracas, New York, Südamerika, Israel. Verschollene, ehemals in dieser Stadt beheimatete Juden, antworteten uns auf diese Gedächtnisprotokolle bzw. -fragmente. Und das alles verarbeiteten wir dann wiederum in Ausstellungen und schließlich in einem gemeinsamen Buch zusammen mit den Bewohnern. Wie schon gesagt, angefangen hat die Sache 1985, aber der Prozeß ist bis heute noch nicht abgeschlossen.

Ich dachte mir, so etwas könnte man doch vielleicht auch in Deutschland machen. Während ich also an der Technischen Universität in Aachen unterrichtete, baute ich zusammen mit Studenten solche Erzählrunden auch in dem Grenzgebiet Aachen (Holland, Belgien) auf. Hieß das Unternehmen in Polen "Pogwarki wegrowskie" so nannten wir es in Aachen Erzählrunde oder Erzählcafé. Alte Menschen trafen sich und berichteten über Ereignisse, deren Zeitzeugen sie gewesen waren. Dabei wurde mir klar, daß in diesem alten Grenzgebiet etwas vorhanden ist, was es hier im Grenzgebiet an Oder und Neiße nicht gibt. Denn hier haben wir eine scharfe, wie mit dem Messer geschnittene Grenze. Es gibt nichts Gewachsenes, nichts von dem, was es zwischen Deutschland, Holland und Belgien gibt. Ich mache mir das selbst durch folgenden Vergleich klar: wenn Wiese und Wald nebeneinander liegen, dann ist gerade das Gebiet das interessanteste, wo es schon nicht mehr nur Wiese, aber auch noch nicht vollkommener Wald ist, also weder Wiese noch Wald. Hier, im deutschpolnischen Grenzgebiet, gibt es z.B. keine Legendenbildung, die sich aus dem Alltagsleben und deren Herausforderungen entwickelt hat. Erschwerend kommt hinzu, daß hier auf beiden Seiten Menschen leben, die selbst vertrieben worden sind. Die Erzählrunden an der hiesigen Grenze, die z.B. in Müncheberg, Eisenhüttenstadt, Oderberg oder in Chojna auf der polnischen Seite gegründet wurden, haben den Sinn, die Menschen dazu zu bringen, etwas miteinander anzufangen, ihre gegenseitigen Bilder im Kopf zu bearbeiten.

Görlitzer, Oberlausitzer, Niederschlesier, Sachse, Deutscher, Europäer

Dr. Quill, EBIZ, Görlitz <Übersicht>

Ich möchte mich Ihnen vorstellen - bitte verstehen Sie das mit einem Augenzwinkern. Es war ja heute schon viel die Rede von den Niederschlesiern, und ich möchte versuchen, ein wenig Licht in dieses Dunkel zu bringen. Ich bin in Görlitz geboren - also Görlitzer. Aber nicht nur Görlitzer, sondern auch Oberlausitzer. Nicht nur Oberlausitzer, sondern preußischer Oberlausitzer. Außerdem bin ich Niederschlesier. Und als Niederschlesier bin ich Sachse. Als Sachse bin ich Deutscher, und da Deutschland in der EU ist, bin ich auch Europäer. Wir haben in Görlitz einen Brunnen, der aufgestellt wurde, nachdem die Oberlausitz zu Sachsen kam. Dort steht ein Stadtwächter, der ein Schild mit dem sächsischen Wappen trägt. Hinter dem Stadtwächter steht der Görlitzer Löwe, der die Zunge genau in Richtung Böhmen herausstreckt. Wir Görlitzer sagen mit dem berühmten Augenzwinkern: "Ätsch, das habt Ihr davon". Denn als damals die Oberlausitz zu Sachsen kam, hatte sich wahrscheinlich der böhmische König oder deutsche Kaiser nicht überlegt, daß es sich eigentlich um eine reiche Region handelte. Damit möchte ich etwas von der Härte des Begriffs Niederschlesien abbauen. Wir durften diesen Begriff ja überhaupt nicht gebrauchen. Jetzt gibt es also in Görlitz tatsächlich ein paar Leute, die diesen Begriff bitter ernst nehmen. Eine kleine Gruppe, die das eben so macht. Aber die Görlitzer sind doch klug genug, um einzusehen, daß es ein Land Niederschlesien nicht geben kann. Das reichere Land ist nun einmal Sachsen und da müssen wir eben hin, weil sich ja Görlitz als Bürgerstadt immer ein bißchen nach dem Geld ausgerichtet hat, selber früher auch einmal sehr viel Geld hatte.

Zum Problem Landsmannschaft möchte ich etwas sagen: Das taucht immer auf, wenn es um das neu zu gründende Landesmuseum Schlesien geht. Ich bitte die polnischen Anwesenden darum, den Begriff "Land" nicht falsch zu verstehen. Der Begriff Landesmuseum in unserem Sinne hat etwas mit Landschaft zu tun und nichts mit einem politischen oder staatlichen Status. Wenn man das nicht richtig übersetzt, dann steckt hinter dem Begriff Landesmuseum Revanchismus. Und das wollen wir mit dem Landesmuseum gerade nicht praktizieren, ganz im Gegenteil. Das Landesmuseum ist 1987 in Hildesheim (in den alten Bundesländern) entstanden. Viele Schlesier, die keine Verwandten hatten, haben ihr Testament so gestaltet, daß die Kulturstiftung Schlesien in der alten Bundesrepublik Erbin dieser verstorbenen Schlesier wurde. Diese Institution verfügt über ein sehr großes Vermögen sowohl an Sachwerten wie auch an Geld. Man wußte nicht, was man mit diesen vielen Sachwerten machen sollte. So versuchte man, in Niedersachsen, in Hildesheim, dieses Landesmuseum zu gründen. Das ging nicht, weil die Sozialdemokraten der Meinung waren, dafür solle man kein Geld ausgeben. (Das hatte jedenfalls mit dem Landesregierungswechsel in Hannover zu tun ich will das jetzt nicht politisch bewerten.) So, und dann kam die Wende. Zum ersten Mal kommen Schlesier nach Görlitz und staunen über die 17 qkm Museum unserer Stadt. Sie stellen fest, daß wir ja noch den Schönhof haben, das älteste Renaissancegebäude in Deutschland. Jedenfalls haben wir Görlitzer sofort gesagt, wenn die nicht wissen, was sie mit ihrem Geld machen sollen, dann sollen sie es hierher bringen. Deshalb hat die Stadt, die Eigentümerin des Schönhofes, dieses Gebäude zur Verfügung gestellt. In die Instandhaltung sind bereits mehrere Millionen geflossen. Ein entsprechender Verein hat sich gegründet. Das Landesmuseum soll auch gleichzeitig Forschungsstätte werden. Wir haben die Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften mit einer Bibliothek von über 100.000 Büchern. Darüberhinaus wird das Landesmuseum sicher auch eine Begegnungsfunktion bekommen. Im vorigen Jahr gab es den Jahrestag der Heiligen Hedwig. Auch das ist schlesische Geschichte, die nicht verloren gehen, sondern erhaltenbleiben soll. Deshalb also Landesmuseum Schlesien in Görlitz.

Zum Schluß: Sicher ist der Begriff Landsmannschaft sehr anrüchig geworden durch Herrn Hupka und einige Berufsschlesier - so sehe ich das jedenfalls. Aber die Landsmannschaften sind schon wesentlich älter und keine Erfindung von Herrn Hupka. Dem Kollegen aus Königsberg/ Chojna möchte ich sagen, daß Landsmannschaft meiner Meinung nach zwei Seiten hat: eine gute und eine schlechte. Die gute Seite besteht darin, daß man in der Region viel macht; die schlechte Seite ist der kleine harte Kern, der auf Revanchismus aus ist. Und da sollte man vorsichtig sein. Einige Bedenken von der polnischen Seite sind tatsächlich nicht unbedingt von der Hand zu weisen. Der folgender Satz eines von Herrn Professor Janiszewski Befragten hat mir doch sehr zu Denken gegeben: "Das, was Hitler mit dem Krieg nicht geschafft hat, das schaffen die Deutschen heute mit der Ökonomie". Es gibt leider Bestrebungen, in Schlesien Schlösser, Burgen und Gutshöfe für 'nen Appel und 'n Ei an Deutsche zu verkaufen, und es gibt sicher auch Deutsche, die das kaufen, eben mit der Absicht, die in dem zitierten Satz zum Ausdruck kommt, und vor der ich warnen möchte. Das Landesmuseum in Görlitz soll jedenfalls das genaue Gegenteil bewirken: die Pflege gutnachbarschaftlicher Beziehungen nicht nur zu Polen, sondern auch zu Tschechien.


Görlitz / Zgorzelec, eine - geteilte - Stadt

Hanna Majewska, VIA REGIA, Zgorzelec <Übersicht>

Ich komme aus derselben geteilten Stadt wie mein Vorredner, aus Zgorzelec, und wir treffen uns auf den verschiedensten Veranstaltungen. Unsere Auffassungen unterscheiden sich in Einzelfragen. Schade, daß er nicht erzählt hat, daß es in Görlitz/Zgorzelec eine Gruppe von deutsch-polnischen Aktivisten gibt, die zusammen mit Schülern und Lehrern schon seit einigen Jahren daran arbeiten, das gegenseitige Wissen zu vertiefen. Große Probleme haben wir mit der Euroregion auf der Ebene der Verwaltung, mit all dem, was von politischen und wirtschaftlichen Strukturen abhängt. Demgegenüber erzielen wir Fortschritte, langsam und mit kleinen Schritten, sobald es sich um Menschen handelt. Im Rahmen der Europawoche nahmen auch Polen an den Veranstaltungen in Görlitz teil. Eine davon war schlesischer und polnischer Literatur gewidmet. Dort habe ich ein Buch entdeckt, daß ich Ihnen allen empfehlen möchte: "Unser Nachbar Polen", herausgegeben in Deutschland und geschrieben von dem polnischen Autor Jan Loboda aus Breslau. Dieses Buch wäre ausgezeichnet zu verwenden in deutschen Schulen im Grenzgebiet. Die Probleme, über die wir hier sprechen, sind dort sehr sachlich und allgemeinverständlich abgehandelt. Das als ein Beispiel für unsere Aktivitäten. Es gibt auch viele Treffen mit Jugendlichen. Komischerweise verstehen sich die polnischen Jugendlichen mit denen aus Hamburg, Paderborn usw. am einfachsten und schnellsten. Häufig haben wir Gäste, die neben Görlitz auch Zgorzelec besuchen möchten. Sie werden dann von einer Polin und einer Deutschen durch die Stadt geführt, sehr oft ergibt es sich, daß die Polin die Gäste durch Görlitz und die Deutsche sie durch Zgorzelec führt. Diese Leute sind alle verbunden mit dem Kulturzentrum EBIZ, der Oberlausitz'schen Gesellschaft der Wissenschaft und VIA REGIA. Wenn Ihnen das nun alles zu optimistisch vorkommt, sage ich Ihnen: Um etwas zu organisieren, muß man etwa 100 Leute einladen, von denen sagen dann zehn zu, und drei kommen auf die Veranstaltung.


Wie überwinden wir denn nun die Grenzen?

Dr. Robert Traba, Allenstein <Übersicht>

Schade, daß der interessante Beitrag von Herrn Ronge nur so knapp war. Schließlich nähern wir uns irgendwann dem Ende der Konferenz und es lohnt sich zu fragen, ob wir uns instandgesetzt haben, auf irgendeine konkrete Frage zu antworten. Wie können wir denn nun die Grenzen, nicht nur die staatlichen, sondern auch die in den Köpfen, im Denken überwinden? Professor Janiszewski sagte, 76 % der Bewohner des polnischen Grenzraums seien bereits hier geboren und fühlen sich hier zuhause. Was heißt das? Meine Erfahrungen stimmen mich eher pessimistisch. Diese Generation kennt weder die eigenen Traditionen, die eigene Vergangenheit, die der Familie und der Eltern, noch die vorgefundene fremde. Im Grunde steht bei dieser Generation die Herausbildung eines offenen Bewußtseins, das in der Lage wäre, die ostpolnische oder zentralpolnische Tradition mit der vorgefundenen, fremden zu verbinden, noch als Aufgabe vor uns. Für die Mehrheit von uns, die wir in Allenstein, Breslau oder Oppeln wohnen, ist das eine fremde Tradition. Und es ist ein großes Problem, die beiden Traditionen zusammenzubringen. Ich weiß nicht, ob die Menschen in den neuen Ländern vielleicht vergleichbare Probleme haben, wir haben darüber nichts gehört. Darüber nachzudenken, erscheint mir manchmal wichtiger, als das Zur-Kenntnis-nehmen der geschätzten soziologischen Umfrageergebnisse, die das Bild bisweilen eher verdunkeln als erhellen, noch dazu, wenn ihnen ein so kleines Sample zugrundeliegt. Das als kurzer Kommentar zu dem, was wir heute gehört haben.


Jeder Mensch - Experte seines eigenen Lebens

Dr. Wanja Ronge, Berlin <Übersicht>

Ich mußte mich kurz fassen und wollte Ihnen auch kein methodisches Referat halten. Natürlich ist der Ansatz der Erzählrunden oder auf polnisch "Pogwarki" ein ganz anderer, als derjenige einiger Wissenschaftler, die vorgeben, Sozialwissenschaft zu betreiben. Also, es ist keine Untersuchung des Bewußtseins, sondern es wird versucht, über Geschichte und Lebensgeschichten einen Prozeß der Auseinandersetzung in Gang zu bringen, eine Auseinandersetzung über Vergangenes, das auch Gegenwart einschließt. Dieser Prozeß hat selbst eine kulturbildende Funktion. Mich interessiert nicht das Bewußtsein der Menschen, ich will es nicht abfragen, weil ich es gar nicht kann, nicht mal mein eigenes. Was mich interessiert, ist, daß die Menschen auf diese Weise zueinanderfinden. Ich bin nur der Fachmann für das Organisieren dieses Prozesses. Jeder Mensch ist der Experte seines eigenen Lebens, und er hat das Recht auf seine Wahrheit. Es geht nicht darum, ihm diese Wahrheit abzusprechen, sondern darum, sie in die Öffentlichkeit zu holen, sie zu konfrontieren mit den anderen Wahrheiten. Es geht auch nicht darum, Wahrheiten aufzusetzen, weder von mir, noch von sonst jemandem. Sie werden einsehen, daß ich dies alles hier nicht näher ausführen kann, ich wollte Sie nur neugierig machen für das, was bei diesen Erzählrunden passiert. Wenn Sie begeistert sind, dann lade ich Sie alle herzlich ein, und wir gründen längs der Grenze lauter Erzählrunden.


Ursache und Wirkung

Prof. Ludwik Janiszewski, Stettin <Übersicht>

Ich möchte mich in einer bestimmten Frage auf Herrn Lemke beziehen. Wenn man A sagt, dann muß man auch B sagen. Wir verstehen die Fragen der Vertreibung, Aussiedlung usw. sowohl der Deutschen als auch der Polen nicht wirklich, wenn wir nicht das Verhältnis von Ursache und Wirkung aufklären. Wenn Hitler im Jahre 1939 nicht den Krieg begonnen hätte, dann gäbe es kein Problem. Wenn es also eins gibt, dann muß man nach den Ursachen fragen. Es scheint mir, daß die deutsche Seite und die deutschen Freunde nicht wirklich bereit sind, die Wahrheit zu akzeptieren, daß nicht die Polen für all das, was geschehen ist, verantwortlich sind. Ja, die Polen haben sich den Deutschen gegenüber brutal verhalten, aber als Reaktion auf etwas, das vorausgegangen war. Wir werden die uns gegenseitig zugefügten Leiden nicht wirklich verstehen, wenn wir nicht das Verhältnis von Ursache und Wirkung zugrundelegen. Die Deutschen hätten noch heute ihr Land und ihre Häuser in den Grenzen von 1937. Sie sollten anerkennen, daß die Ursache, die die späteren Folgen und das ganze Unglück hervorgerufen hat, auf einer der beiden Seiten liegt.