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    TRANSODRA 10/11, April 1995, S. 104 - 109

Dokumentation der Konferenz: Grenze und Grenzbewohner.
Nachbarn und Fremde. Alte Heimat - Neue Heimat. Abschied und Ankunft. 2. - 4. Dezember 1994, Guben/Gubin

Diskussion


Kommentar zu den Referaten   <zum Seitenanfang>
Dr. Robert Traba, Allenstein

Beide Referenten gingen von unterschiedlichen Gesichtspunkten aus.In ihren Ausführungen konnte man sehr deutlich zwei Traditionen und vollkommen unterschiedliche Lebenserfahrungen erkennen. Vielleicht fehlten uns vergleichbare Referate von deutscher Seite. Denn wenn wir uns schon die Frage stellen, ob das "kulturelle Erbe Hindernis oder Brücke ist", müssen wir uns darüber im klaren sein, daß diese Frage sowohl die Polen als auch die Deutschen verschiedener Generationen etwas angeht. Erst in der Gegenüberstellung verschiedener Auffassungen und Haltungen können wir gemeinsame oder im Gegenteil vollkommen unterschiedliche Wertvorstellungen herausarbeiten. Jedenfalls für mich ist klar, daß wir diesem Thema nicht ausweichen können, ob wir das wollen oder nicht. Dieses Thema verfolgt uns wie "sein Schatten den Peter Schlemihl" aus dem Roman von Louis Charles de Chamisso. Wir können höchstens so tun, als ob es ihn nicht gebe (ihn verkaufen, wie das Peter Schlemihl mit seinem Schatten tat) oder ihn unter dem Mantel des ideologischen Kampfes mit dem Revanchismus oder Konservativismus verstecken. Aber das wäre, meiner Ansicht nach, nur die Flucht in eine Scheindiskussion, denn in der Realität kann man Tradition und kulturelles Erbe nicht einfach aus dem kollektiven gesellschaftlichen Gedächtnis tilgen. Eine solche Haltung muß früher oder später zum Unverständnis nicht nur den Nachbarn gegenüber, sondern auch der eigenen Tradition gegenüber führen, ebenso wie zu einer scheinhaften Bewertung der Gegenwart. Problematisch ist die Frage, wie man über das kulturelle Erbe diskutieren soll, wie man auf der Grundlage dessen, was uns trennt und unterscheidet positive Werte für die Gegenwart und die Zukunft schaffen kann.

Bevor ich über meine eigenen Überlegungen spreche, möchte ich mich aber noch kurz auf meine Vorredner beziehen. Roman Kostynowicz hat sehr realistisch die Dilemmata der ersten Ansiedler dargestellt, die nach 1945 in die ehemals deutschen Gebiete kamen. Es war keine Reise aus freier Wahl. Die Menschen erlitten das Drama der Aussiedlung und die Konfrontation mit der fremden Kulturlandschaft, die getränkt war mit Erinnerungen des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Okkupation. Auf der Suche nach der eigenen Identität zerstörten sie manchmal unüberlegt, manchmal völlig bewußt die Spuren der fremden, deutschen Kultur. Das heute ausschließlich der Politik der kommunistischen Behörden anzulasten, ist wohl eine allzu starke Vereinfachung. Wenn wir über die Verwüstung der Kulturlandschaft sprechen, können wir nicht dazu schweigen, daß daran verschiedene Kräfte beteiligt waren (darunter auch die katholische Kirche) und daß es eine spezifische Ehe zwischen Kommunismus und polnischem Nationalismus gab. Das Verhalten gegenüber den Friedhöfen gehört in diesem Zusammenhang zu den traurigsten Beispielen. Sie wurden zerstört, weil sie fremd, deutsch und in der Mehrheit protestantisch waren. Diesen Vandalismus hätte man verhindern können und deswegen ist es heute nicht erlaubt, so einfach darüber hinwegzugehen und die ganze Schuld dem System anzulasten. Solche Verwüstungen gab es noch in den siebziger und achtziger Jahren.

Andererseits sollten wir auch nicht vergessen, daß im Laufe von 40 Jahren viele wertvolle deutsche Kulturdenkmäler restauriert wurden, allerdings häufig ohne darüber zu reden. Die Burg des Deutschen Ordens in Marienburg ist dafür das beste Beispiel. Zwar behauptete niemand, es handle sich um ein polnisches Denkmal, aber gleichzeitig fiel es offenbar schwer, darüber zu sprechen, daß es ein deutsches ist. Unterstrichen wurde dagegen seine dreihundertjährige polnische Tradition. Trotz dieses Vokabulars wurde die Burg jedenfalls restauriert.

Was könnte das "kulturelle Erbe" für heutige und zukünftige Generationen von Polen und Deutschen sein? Die Antwort auf diese Frage könnte man bei der folgenden Feststellung bewenden lassen: Laßt uns das kulturelle Erbe und die Tradition einer jeden Nation als ein Denkmal für die Menschlichkeit achten. Laßt uns in ihm dauerhafte und allgemein menschliche Werte suchen, die, obwohl sie aus einer bestimmten Nation kommen, zusammen ein Mosaik der europäischen Kultur bilden. Das trifft sowohl auf das sogenannte deutsche als auch polnische kulturelle Erbe in Mittelosteuropa zu. Ich sage sogenanntes deutsches und polnisches kulturelles Erbe, denn wer ist schon in der Lage zu definieren, was eindeutig deutsch oder polnisch sei in der Enwicklung der europäischen Kultur. Man darf auch nicht die regionalen Bedingungen und den Reichtum unterschiedlichster Einflüsse vergessen. Im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Umwälzungen in Polen hat die regionale Identifikation für die Herausbildung einer offenen Identität der Gesellschaft eine besondere Bedeutung. Wenn wir uns ohne Vorurteile mit der für unsere Väter und Großväter noch fremden Kulturlandschaft beschäftigen, befinden wir uns in der konkreten Realität. Die Zeugnisse der Zeit hören dann auf, nur Anlaß abstrakter Toleranzbeteuerungen zu sein. Sie können dann zu uns in ihrer Vielfältigkeit sprechen, uns Toleranz und Offenheit nicht nur abstrakt lehren, sondern in bezug auf konkrete Objekte und Erscheinungen. Sie können zu einem wichtigen Bestandteil des "offenen Regionalismus" (Professor Jacek Wozniakowski) werden, der auf der Suche nach den universellen und humanistischen Werten im Rahmen der regionalen Vielfalt die nationalen Traditionen nicht zurückweist. Könnte das ein attraktiver Vorschlag auch für unsere Nachbarn sein? Ich denke, ja. Obwohl für viele (vielleicht die Mehrheit) von ihnen das kulturelle Erbe aus verständlichen Gründen gleichbedeutend ist mit einer sentimentalen oder melancholischen Reise in das Land ihrer Kindheit. Für einige wird es vielleicht auch nur die formelle Realisierung des Paragraphen 96 des Vertriebenengesetzes bedeuten. Unabhängig von den Motiven ist es jedenfalls wichtig, daß man außer dem "eigenen" kulturellen Erbe auch diejenigen zur Kenntnis nimmt, die durch das Urteil der Geschichte zu Mit-Hausherren geworden sind. Eine solche Partnerschaft erwarten nicht nur die Polen von den Deutschen, sondern auch die Litauer, Weißrussen und Ukrainer von den Polen.



Wer entscheidet, was zum "kulturellen Erbe" gehört?   <zum Seitenanfang>
Ulrike Hoffmann, Berlin

Wer bestimmt eigentlich heute, was kulturelles Erbe wo und zu welchem Zeitpunkt ist? Gerade in diesem Grenzraum, in dem durch Krieg sehr viel zerstört wurde, in dem die Menschen ausgetauscht wurden. Sind die Entscheidungen, die sagen, was heute unser kulturelles Erbe ist, eigentlich repräsentativ für die Bevölkerung, die heute in den Dörfern und Städten lebt? Man kann das kulturelle Erbe nicht nur durch eine Rückschau in die Vergangenheit bestimmen. Denn die Beantwortung dieser Fragen geht doch die heutigen Gesellschaften - die im Umbruch sind - an und hat sehr viel mit der Gestaltung der Zukunft zu tun. Ich beschäftige mich mit Kulturlandschaften, d.h. mit einem System von verschiedenen Dörfern, mit einem größeren Ensemble. Das Oderbruch und das Warthebruch sind besondere Kulturlandschaftsräume. Die aktuelle Planung sieht für diesen Raum vor, daß die alte Reichsstraße, die früher von Berlin nach Königsberg führte, auf brandenburger Seite vierspurig ausgebaut werden soll. Dadurch würde das Oderbruch zerschnitten. Heute hätte die Zerschneidung durch eine solche Hauptverkehrsstraße natürlich viel weitergehende Auswirkungen als vielleicht die damalige alte Reichsstraße mit dem damaligen Verkehrsaufkommen. Es ist noch nicht endgültig entschieden, ob die neue Brücke bei Küstrin/Kostrzyn nördlich oder südlich der Oderinsel gebaut werden soll. Die südliche Variante führt direkt in das internationale Vogelschutzgebiet des Warthebruchs. Unabhängig von dem Ausbau dieser Straße, die natürlich in Westpolen ebenfalls ausgebaut wird, plant man eine Straße von Stettin nach Breslau, auch mindestens vierspurig. Auch diese Straße führt über Kostrzyn und auf Stelzen über das Warthebruch. Das bedeutet, daß beide Kulturlandschaften, sowohl das Oder- als auch das Warthebruch durch die zukünftigen Verkehrsführungen zerschnitten sein werden. Hierbei geht es nicht um die Frage, ob das nun ein deutsches oder polnisches Kulturerbe ist, sondern darum, daß sehr wertvolle Landschaftsräume verloren gehen. Warum ist denn nicht ein gemeinsames deutsch-polnisches Handeln möglich, das den tatsächlich vorhandenen Spielraum bei Entscheidungen so ausnutzt, daß die Zerstörung solcher Kulturlandschaften nicht erfolgt? Erst dann könnte man doch sagen, daß man einerseits für die Zukunft plant, andererseits aber auch etwas bewahrt, das schätzenswert und in Europa selten ist.



"Wer den Krieg erlebt hat, weiß, daß er alle demoralisiert."   <zum Seitenanfang>
Prof. Ludwik Janiszewski, Stettin

Ich muß zugeben, daß ich der Generation von Herrn Infulat Kostynowicz näher bin. Während des Krieges war ich im Konzentrationslager. Ich spreche nicht gern darüber. Aber die Erlebnisse im Konzentrationslager hinterlassen Spuren für das ganze Leben. Auch wenn ich eher zu denjenigen gehöre, die sich anstrengen, in die Zukunft zu blicken und nach vorn zu gehen. Nicht selten versuchen sowohl Deutsche als auch Polen, sich von bestimmten Verbrechen dadurch reinzuwaschen, daß man die Schuld auf andere schiebt, z.B. die Kommunisten. Man möchte keine persönliche, aber auch keine nationale Verantwortung dafür tragen. Als ich aus dem Konzentrationslager kam, war ich gebrandmarkt und geprägt durch starke antideutsche Gefühle. Das war meine Reaktion auf den tierischen Haß vonseiten der Deutschen. Der Haß, den ich auf polnischer Seite gesehen habe, war eine tragische Reaktion auf den deutschen Haß. In der Zeit, bevor die Kommunisten ihre Macht gefestigt hatten, d.h. bis 1949 gab es doch noch die Losung eines demokratischen Polen, wenn es sich auch in Richtung der Kommunisten bewegte, gab es noch viele Freiheiten. Mit meinen eigenen Augen sah ich in dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, und in dem es zwei Kirchen gab, eine katholische und eine protestantische, wie dort die Polen eine vollkommen erhaltene Kirche zerstörten. Mir erschien das wie Barbarei, Frevel. Wir waren eine kleine Gruppe und wurden bedroht, für den Fall, daß wir diese Kirche verteidigen würden. Diese Menschen waren ebenfalls von einem tierischen Haß auf alles Deutsche geleitet. Für mich als Pole war das eine Niederlage, eine Katastrophe. Ich versuche, mir das tiefer zu erklären, nicht nur soziologisch, politologisch, historisch. Der Krieg, der Zweite Weltkrieg mit all seinen Konsequenzen hat die Seele der Menschen, die Persönlichkeit der Menschen destruktiv beeinflußt. Unabhängig davon, auf welcher Seite sie im Krieg standen. Deswegen glaube ich, daß die Zerstörung bestimmter Kirchen gleich nach dem Krieg, die Zerstörung von Friedhöfen, weil sie protestantisch waren, eine große Schande ist. Das haben Katholiken getan. Ich bin auch Katholik und ich schämte und schäme mich für sie. Der Grund, die Ursache eines solchen Verhaltens liegt in der Psychologie des Krieges mit seinen destruktiven Folgen, die die Mehrheit demoralisieren. Ich habe so etwas nicht nur einmal gesehen, sondern später weitere Zerstörungen von Kirchen und Verwüstungen von Friedhöfen erlebt. Das ist eine Niederlage, eine Katastrophe für die Polen und die Katholiken. Auf diese Weise sind wir den tatsächlichen Verbrechern durch unsere Reaktionen ähnlich geworden. Bis zum heutigen Tag habe ich ein gewisses Brandmal behalten, wenn es um mein Verhältnis zu den Deutschen geht, die mich 4 Jahre unschuldig ins Konzentrationslager gebracht haben, einzig und allein deswegen, weil ich Pole bin. Obwohl mein Vater preußischer Untertan war, und aus dem Ersten Weltkrieg das eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse hatte, obwohl er vier Jahre für die Preußen vor Verdun gekämpft hatte. Die Hitler-Deutschen erkannten das nicht an. Weil er Pole und nicht Deutscher war. Es scheint mir so, als ob uns die Deutschen das Vorbild gaben, wie man bestimmte Kulturgüter zerstört. Und wir haben das abreagiert, im selben Maß, manchmal auch schlimmer. Das wirft einen Schatten sowohl auf die Deutschen als auch auf die Polen. Dieser Schatten erklärt sich durch die gesellschaftliche Psychologie, geschaffen durch Kriegsrecht, durch tierischen Haß. Deswegen bin ich nicht wirklich überzeugt, wenn man heute nur davon spricht, daß die Kommunisten schuld sind, und zu wenig darüber, daß die Katholiken in diesen Zeiten ihre Prüfung nicht bestanden haben. Vielleicht werden wir das nie bis zu Ende aufklären können, warum von polnischer Seite so gehandelt wurde. Alles, was ich Ihnen zu diesem Thema sage, ist meine persönliche Auffassung. Ich versuche das nicht zu verwissenschaftlichen, nicht zu theoretisieren. Schließen möchte ich mit der Schlußfolgerung: nie wieder Krieg. Wer den Krieg erlebt hat, weiß, daß er alle demoralisiert.

Und zur zweiten Frage, die gestern gestellt wurde: Wie kann man die alte deutsche Tradition verbinden mit dem polnischen Erbe? Wie sollte ein Pole auf diese Frage antworten? Ich antworte so: es gibt Kontinuität und Veränderung, in der Kultur wie bei den Menschen. In diesen Kategorien sollte man die Entwicklung der Menschen und der Kultur begreifen, und nationalistische, ideologische Vorurteile zurückweisen, wie sie aus dem Ethnozentrismus oder oder dem Kommunismus hervorgegangen sind.

Die Frage der Regionen, das ist schön - aber das ist eine Frage der Zukunft, einer neuen Formation. Wir sollten in europäischen Kategorien denken. Wenn wir über die grenzüberschreitende Integration sprechen, dann sollten wir uns daran erinnern, daß das ein Teil der europäischen Integration ist. Das kann man auf die Kultur übertragen. Die deutsche Kultur ist eine europäische Kultur, und ich identifiziere mich mit der einen und der anderen Kultur. Ich habe all den Schrecken erlebt - einerseits ist das erschwerend, aber andererseits vielleicht auch erleichternd.



Kulturelles Erbe und/oder eine neue Synthese?   <zum Seitenanfang>
Ruth Henning, Potsdam

Kulturelles Erbe - Brücke oder Hindernis? Kann man darauf eine eindeutige Antwort geben? Hat es sich nicht gezeigt, daß dieses Erbe zunächst einmal einfach ein Hindernis ist? Das hat so niemand gesagt, aber mir scheint, es war so, und in gewisser Hinsicht ist es auch heute noch so. Im übrigen glaube ich auch nicht, daß man in all diesen Fragen von Zerstörung des vorgefundenen kulturellen Erbes alle Schuld auf das frühere kommunistische Regime schieben kann. Vielmehr denke ich, daß viele einzelne Leute mit diesen Fragen auch einzeln konfrontiert wurden. Wie oft habe ich mir - wenn ich in Breslau war und dort spazieren ging - die Frage gestellt, was wohl jemand denkt und fühlt, der 1945 in ein solches ehemals deutsches Haus eingezogen ist. Während der Vorbereitung dieser Konferenz las ich in einigen Heften der Zeitschrift "Odra" aus Breslau. Und ich fand dort eine sehr interessante Diskussion. U.a. schrieb jemand genau darüber, wie komisch er sich gefühlt hat in einer solchen Wohnung, in einem solchen Haus, wo einfach alles deutsch war, die Bücher, die Möbel, das Kinderspielzeug auf dem Dach usw. Und er schrieb, er habe die Anwesenheit der ehemaligen deutschen Bewohner noch lange gespürt. Wenn er nachts nicht schlafen konnte z.B. Das alles war in einem sehr individuellen und bewegenden Ton vorgetragen. Ich stelle mir vor, daß nur eine solche Art, sich damit auseinanderzusetzen, jedem Einzelnen die Möglichkeit gibt, sinnvoll mit diesen 50 Jahren Geschichte und mit all der Fremdheit, mit der man konfrontiert war, umzugehen. Und noch ein letztes: es ist doch wohl so, daß all die Brückenbauer, Maciej Lagiewski, Robert Traba u.a. bei ihrer Suche nach deutschen Partnern für die Rettung des deutschen Kulturerbes in der Regel auf bestimmte Partner treffen, weil sich sonst kaum jemand dafür interessiert: auf die Vertriebenen, eben die ehemaligen Bewohner, ihre Sprecher und das bundesdeutsche Innenministerium, das ja bekanntlich das "deutsche Kulturerbe im Osten" verwaltet. Das ist unvermeidbar. Überwindbar ist es sicher nur, wenn es der jüngeren Generation, denen, die heute dort zuhause sind, gelingt, eine neue Synthese zu finden, in der ihre Städte und Landschaften mit all ihren Wurzeln, den deutschen, den Lembergern usw. aufgehoben sind. Und wenn diese Städte und Landschaften mit ihren Menschen dadurch auf eine neue und andere Weise als früher wieder interessant werden.



Regionalismus der Vergangenheit oder der Zukunft?    <zum Seitenanfang>
Dr. Michael Schwartz, Potsdam

Im Verlauf der Tagung fällt mir auf, daß die Themen zwischen den deutschen und polnischen Referenten unterschiedlich verteilt sind. Es ist wohl kein Zufall und auch kein Betriebsunfall, daß sich die deutsche Seite primär mit den Integrationserfahrungen ihrer Vertriebenen in der neuen Heimat beschäftigt, während die polnische Seite jetzt z.B. die Fragen des kulturellen Erbes behandelt. (...) Vielleicht ist es so, daß dies ein Thema ist, mit dem eher die Polen konfrontiert sind, als daß es noch viele Deutsche betreffen würde. Ich frage mich, wieweit man mit einer Vorstellung des Regionalismus, so wie er hier erwähnt wurde, denn noch kommt. Der Regionalismus der Zukunft, wenn er eine hat, wird sicher nach vorn gerichtet sein, ein sehr stark mit wirtschaftlichen Beziehungen verflochtener Regionalismus. Kulturelle Traditionen werden in diesem Zusammenhang sicher äußerst randständig bleiben und nur kleine Expertengruppen und Interessierte betreffen. Gerade wenn man auf gemeinsame Vergangenheit zielt, muß man sagen, daß es sie auf deutscher Seite immer weniger gibt, weil sie immer weniger erinnert wird. Wenn man also einen Anknüpfungspunkt im kulturellen Bereich auch für jüngere Generationen finden will, mit ihren ganz anderen Sozialisationserfahrungen, dann wäre das wohl eher die europäische Kultur als eine regionalistische. Da lassen sich dann vielleicht auch historische Erfahrungen und Traditionen einbringen, aber man müßte sie doch deutlich niedriger hängen.



Das "kulturelle Erbe" ist keineswegs ein Hindernis   <zum Seitenanfang>
Schlußwort Dr. Maciej Lagiewski

Unsere Arbeit ist geprägt durch Harmonie und ausgewogene Proportionen, sie ist nicht einseitig. Für uns ist das "kulturelle Erbe" eine Brücke und auf keinen Fall ein Hindernis. Wie zum Beispiel in meinem Fall: Deutsch habe ich gelernt durch die Grabinschriften, die Kontakte zu Sozialdemokraten und ein Stipendium der Bonner Friedrich-Ebert-Stiftung. Die ersten Kontakte knüpfte ich vor 15 Jahren. Das war die Brücke, die schließlich zu meiner Stellung im Historischen Museum führte.

Hier habe ich bewußt nur über das deutsche kulturelle Erbe gesprochen. Aber natürlich kommt in Breslau das Erbe der Menschen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten dazu. Viele von ihnen leben in Breslau, wie immer wir sie auch nennen: Vertriebene, Umsiedler oder Flüchtlinge. Sie haben ihre Organisationen, die sich in nichts von der Organisation Hupkas unterscheiden. Sie hassen die Ukrainer für deren Verbrechen; sie erzählen ständig davon, was aus ihren Friedhöfen und Kirchen geworden ist. Gerade ihnen widmen wir einen großen Teil unserer Tätigkeit. So finden parallel zu den dem deutschen Erbe gewidmeten Ausstellungen solche über Drohobycz, Krzemieniec, Jaroslaw, die Ostgebiete statt. Gestern erzählte ich beim Abendessen von einem Lemberger, der eine Flasche Wodka mitgebracht hatte und zu uns sagte: "Die trinke ich erst aus, wenn ich wieder nach Lemberg zurückkomme."

Wir müssen verstehen, daß sowohl Polen als auch Deutsche ihren Anteil an dem kulturellen Erbe haben. Wenn einer der Mitarbeiter zu mir kommt und mir die nächste Ausstellung über Lassalle, Edith Stein oder Eichendorff vorschlägt, dann antworte ich: "Nein, wir hatten gerade im letzten Monat eine ähnliche Ausstellung. Jetzt ist es an der Zeit für ein polnisches Thema oder für eine Ausstellung der Keramik aus Bunzlau (Boleslawiec), für schlesische Möbel oder zeitgenössische Kunst." Diese Ausgewogenheit halten wir ein. Mein heutiges Thema bezog sich aber auf die Frage, was wir von dem gerettet haben, das nach 1945 noch übriggeblieben war. Denn das ist auch meine Verpflichtung. 1945 ist ein Einschnitt. Nach 1945 haben wir zuviel zerstört.

Die Worte des Professors seien gerühmt. Hinzu kommt aber noch die Verschiebung der Zivilisationsgrenze. Die polnischen Teilungsgebiete bestanden im Grunde bis zum Jahre 1939 fort. Und nach 1945 kam nicht nur plötzlich der Kommunismus, sondern die Kulturgrenze wurde verschoben. Die armen Leute aus Podolien und Polesien, wo man durch Jahrhunderte keine Schuhe kannte, fanden sich plötzlich in Bunzlau (Boleslawiec) und Görlitz wieder und zerstörten die Kanalisation, legten Mühlen und Elektrizitätswerke still. Das hatte mit dem Kommunismus überhaupt nichts zu tun. Das ist eine ganz eigene Tragödie. Der eine kam als Ingenieur aus Posen und der andere aus einem Gebiet weit östlich von Lemberg, aus Kolomea oder Krzemieniec. Da stießen zwei Zivilisationen, zwei Kulturen aufeinander. So jemand aus dem Osten stieß plötzlich auf Bidet, Dusche, funktionierende Installation, die er nicht kannte und manchmal zerstörte. Es gibt solche Beispiele, wo die Leute die Dreschmaschine stillegten und selbst mit Dreschflegeln droschen, das muß man sich auch klar machen.

Wenn ich jüngere Besucher durch Breslau führe, zeige ich ihnen natürlich auch das Panorama Raclawicka mit dem riesigen Gemälde, das Szenen aus der polnischen Geschichte zeigt und mit der deutschen Geschichte überhaupt nichts zu tun hat. Es zeigt Erfolge der Kosyniere und Bauern über die zaristische Armee - Hauptheld ist unser Nationalheld Tadeusz Koszciuszko, dem der Breslauer Dichter Karl von Holtei das Drama "Der alte Feldherr" gewidmet hat. Holtei starb 100 Meter entfernt von dem Ort, wo sich heute das Panorama befindet. Das haben die Kommunisten und die Schmierfinken, die diese Kultur schon immer stiefmütterlich behandelten, natürlich vergessen. Das Denkmal stand 100 Meter entfernt vom Panorama. Diese Elemente erfreuen einen, und es darf nicht an Denkmälern für den "Alten Fritz" und andere große Deutsche fehlen. Denn das ist die Geschichte - die Geschichte darf man nicht ignorieren, denn sonst gewöhnen wir uns an Schlamperei.

In Nürnberg besuchte ich den Johannes-Friedhof, um das Grab von Veit Stoß zu besuchen. Weil ich es unter den einheitlichen, horizontal angelegten Gräbern nicht finden konnte, fragte ich eine ältere Frau, die an einem Brunnen stand: "Entschuldigen Sie bitte, wo ist das Grab von Veit Stoß?" Und sie antwortete: "Aha, der polnische Bildhauer aus Krakau! Geradeaus, dann links." Vierzig Jahre lang besuchten fast ausschließlich polnische Ausflügler aus Krakau das Grab. Er hat sich so in unser Bewußtsein eingegraben, daß er für einige fast ein polnischer Bildhauer ist, denn er lebte 14 Jahre lang in Krakau. Mit solchen Vorurteilen kämpfen wir.



Zur Verwüstung der Friedhöfe.    <zum Seitenanfang>
Schlußwort Andrzej Sowa

Ich habe die Frage der Verwüstung der Friedhöfe nicht allseitig abgehandelt. Es ist mir bewußt, daß ich einen Teil der Diskussion dadurch provoziert habe, daß ich den Hauptakzent auf die Schuld der Kommunisten gelegt habe. Ich bin ein junger Mensch und betrachte die Dinge aus meiner Perspektive. Einerseits gab es die psychologischen Elemente, über die Professor Janiszewski gesprochen hat. Aber andererseits basierten die Zerstörungsakte auch auf einem Plan. Es stimmt, auf die Friedhöfe kamen Vandalen und nahmen Rache. Ähnlich kann man es heute bei russischen Friedhöfen beobachten oder bei jüdischen. Wir wissen doch, was das für Leute sind. Über meine Vorfahren möchte ich nicht so reden wie mein Vorredner, denn meine Familie kommt selbst daher. Aber natürlich, auch in Stettin kann man solche Auftritte ehemaliger Lemberger hören, denen man eigentlich nur einen Säbel geben muß, und morgen werden sie sich nach Lemberg durchschlagen. Für mich als jungen Menschen klingt das genauso exotisch, wie manches was ich - sogar hier - gehört habe.