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TRANSODRA 10/11, April 1995

Dokumentation der Konferenz: Grenze und Grenzbewohner.
Nachbarn und Fremde. Alte Heimat - Neue Heimat. Abschied und Ankunft. 2. - 4. Dezember 1994, Guben/Gubin

Die polnische Gesellschaft an der Oder- und Neißegrenze

Prof. Ludwik Janiszewski, Institut für Soziologie, Universität Stettin

Kurze Charakteristik der polnischen Gesellschaft an der Westgrenze Polens, östlich von Oder und Neiße

Es ist eine sehr junge Gesellschaft, die nicht mehr als 50 Jahre zählt. Ihre Entstehung ist das Ergebnis weltbewegender Ereignisse im Zusammenhang mit dem Fall des III. Reiches. In Folge der Abkommen von Teheran, Jalta und insbesondere Potsdam (2.8.1945) haben die drei Großmächte, USA, Großbritannien und die Sowjetunion, Polen das ehemalige Gebiet des deutschen Staates, das sich östlich von Oder und Neiße erstreckte, zuerkannt. Gleichzeitig wurde der Besiedlung dieser Gebiete, die die "wiedergewonnenen" hießen, durch polnische Bevölkerung zugestimmt, und beschlossen, daß die auf diesen Gebieten verbliebene deutsche Bevölkerung ausgesiedelt werden soll. In der folgenden Ausführungsbestimmung vom 18.8.1945, unterschrieben von Polen und der Sowjetunion, erhielt Polen das Recht auf den ehemals deutschen Besitz. (1) Damit endete die erste Zeit der juristischen Unsicherheit in Bezug auf das zukünftige Schicksal der polnischen Ansiedlung in diesen Gebieten. Es begann eine Umsiedlungsbewegung, deren Ausmaß in der Geschichte keinen Vorläufer findet. Diese große historische Aufgabe fiel einer Generation zu, die sechs Jahre Hitler-Okkupation hatte erleben müssen und die in einem zerstörten Land lebte. Der Prozeß der Besiedlung und Bewirtschaftung der wiedergewonnenen Gebiete war weder leicht noch verlief er geregelt; die Besiedlung verlangte hohe organisatorische, wirtschaftliche und kulturelle Anstrengungen.

Man kann grob drei Phasen der Besiedlung unterscheiden. Die erste Phase von März bis Oktober 1945 hatte Pioniercharakter und verlief spontan. Es kamen vor allem einzelne Siedler oder auch Siedlergruppen aus den polnischen Nachbarwojewodschaften und Zentralpolen sowie diejenigen, die von den Deutschen zur Zwangsarbeit hierher verschleppt worden waren. Unter den Beweggründen der Ansiedler dominierten die Aussicht auf eine positive ökonomische Entwicklung und gesellschaftlichen Aufstieg. Es war eine Phase unorganisierter Besiedlung. Sie fand statt unter den Bedingungen nachlassender Kriegshandlungen, der Bedrohung der persönlichen Sicherheit, fehlender Kommunikation, mangelnder Lebensmittel und Unkenntnis des besiedelten Gebietes. Man sollte nicht verschweigen, daß mit der ersten Besiedlungswelle auch gesellschaftliche Randgruppen auftauchten, die durch Plünderung des ehemaligen deutschen Besitzes leichte und schnelle Bereicherung suchten. Zwar waren diese Gruppen nicht zahlreich, aber äußerst mobil und unternehmend.

Die zweite Phase dauerte von Oktober 1945 bis Oktober 1946, war mit einer organisierten Umsiedlungsakion verbunden und vom Staats- und Parteiapparat gelenkt. Sie ist charakterisiert durch den massenhaften Zustrom von Zwangsumsiedlern aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten (Kresy Wschodnie), üblicherweise "Repatrianten von jenseits des Bug" genannt. Zahlenmäßig war diese Gruppe erheblich größer als die Ansiedler aus Zentralpolen und als die Reemigranten, die aus den westlichen Ländern nach Polen zurückkehrten. Die Umsiedlung der Bevölkerung von jenseits des Bug erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1946. Diese Menschen wurden größtenteils durch die Sowjets dazu gezwungen, ihre bisherige Heimat zu verlassen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig als einzuwilligen, aus Angst vor Gefängnis oder Deportation nach Sibirien.

Mit dem Jahr 1947 begann die dritte Phase. Der Zustrom aus den ehemaligen Ostgebieten nahm langsam ab, hauptsächlich aufgrund der Grenzschließung durch die sowjetische Führung. Im Jahre 1948 war die Zeit der großen Migrationsbewegungen abgeschlossen. Innerhalb von drei Jahren war das Fundament der neuen demographischen Struktur in den grenznahen Gebieten an Oder und Neiße gelegt.

Das weitere Anwachsen der Bevölkerung ist 1. auf den natürlichen Zuwachs zurückzuführen, der in den wiedergewonnenen Gebieten enorm hoch war (bis 1980), (2) und 2. auf die Migration der Bevölkerung, die nach 1948 den Charakter eines normalen Austausches der Bevölkerung zwischen den neuen Gebieten und dem übrigen Teil des Landes annahm.

In der wissenschaftlichen Literatur unterscheidet man folgende Arten der Neuansiedlung: 1. die grenznahe Ansiedlung, 2. Repatriierung, 3. Familienansiedlung, 4. Militäransiedlung, 5. städtische Ansiedlung, 6. Ansiedlung im Rahmen der sog. "Aktion Weichsel", 7. Verifizierung der autochthonen polnischen Bevölkerung. (3)

Ich beschränke mich hier auf die kurze Beschreibung der beiden letzten, recht spezifischen Ansiedlungsarten. Bei der "Aktion Weichsel", die vom 30. April bis zum 25. Juli 1947 dauerte, handelte es sich um die Zwangsumsiedlung von 150.000 Personen ukrainischer Nationalität, die der Zusammenarbeit mit der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) verdächtigt wurden, aus den Wojewodschaften Rzeszów und Lublin in die wiedergewonnenen Gebiete. Die Aufsicht führte das Staatliche Repatriierungsamt. Aber die Zusammenstellung der Listen und die Begleitung der Züge fiel in die Kompetenz der Sicherheitsorgane, der Miliz und des Militärs. Zwar durften die Umgesiedelten lebendes und nicht lebendes Inventar mitnehmen, aber ihren unbeweglichen Besitz mußten sie zurücklassen. Sie wurden meistens nach Allenstein und Stettin gebracht und siedelten sich dort unter Zwang an. Ihre Situation wurde auch in soziologischen Arbeiten behandelt. (4)

Eine völlig andere Gruppe stellten die Autochthonen dar, also Polen, die vor 1939 in den wiedergewonnenen Gebieten lebten. Nach J. Ziólkowski wohnten vor dem II. Weltkrieg in Pommern und dem Lebuser Land etwa 100.000 Polen. (5) Nach dem Krieg waren es natürlich weniger, denn viele fielen in der deutschen Armee, starben während der Kriegshandlungen oder siedelten weiter ins Innere Deutschlands um. Die polnischen Behörden waren daran interessiert, dieser Bevölkerungsgruppe so schnell wie möglich die polnische Staatsbürgerschaft zurückzugeben. Von 1945 bis Mitte des Jahres 1946 dienten die Vorkriegsvorschriften als Grundlage der Verifizierung. Dann wurden rechtliche Regelungen eingeführt, nach denen derjenige die polnische Staatsbürgerschaft erhielt, der vor dem 1.1.45 ständig in den wiedergewonnenen Gebieten wohnte, seine polnische Nationalität oder seine Verbundenheit mit dem polnischen Volk vor einer Verfizierungskommission nachwies und eine Loyalitätserklärung gegenüber der polnischen Nation und dem polnischen Staat abgab. Zur Feststellung der Nationalität waren die allgemeinen Verwaltungsorgane der ersten Instanz berechtigt. Stichtag für die Abgabe des Antrags war der 1.7.1948. In den Sammelstellen des Staatlichen Repatriierungsamtes waren die Verifizierungskommissionen weiter tätig, besonders im Zusammenhang mit der Aussiedlung der Deutschen, um gewissermaßen die Zahl derer zu vergrößern, die die polnische Staatsbürgerschaft annahmen. (6) Die Angaben über die Verifizierung der Polen sind uneinheitlich und widersprüchlich. (7) Man nimmt an, daß z.B. in der Wojewodschaft Stettin etwa 20.000 Polen verifiziert wurden. Meine Zweifel wecken jedoch nicht nur die Zahlenangaben, sondern auch Art und Weise sowie Folgen der sog. Verifizierung.

Die Umsiedler und Siedler werden in der Regel nach mindestens vier verschiedenen kulturellen Typen unterschieden: die von jenseits des Bug; die aus Pommern und Großpolen; die bäuerlich geprägten aus Zentralpolen (Warschau, Lodz, Kielce, Rzeszów); die Großstädter (Warschau, Lodz, aber auch Wilna, Lemberg). Aus diesen gesellschaftlichen Gruppen hat sich in den letzten 50 Jahren die zeitgenössische Gesellschaft dieser Gebiete entwickelt (9), durch Zusammenstöße und Diffusion, durch langwierige Anpassung, Integration und Autochthonisierung. (10)

In dem westlichen Grenzgebiet, das 31.712 qkm umfaßt - ein Zehntel des gesamten Territoriums Polens, wohnen 2.646.000 Menschen, knapp ein Dreizehntel aller Bürger des Landes. (11) Diese Zahlen zeigen natürlich nur den Mengenaspekt und geben noch keine Auskunft über das reale politische, wirtschaftliche und kulturelle Potential dieser Bevölkerung.

Wie sieht also die demographische Zusammensetzung der Bevölkerung im einzelnen aus und durch welche gesellschaftlich-kulturellen Merkmale ist sie gekennzeichnet?

Erstens: durch die offensichtliche Jugendlichkeit dieser Gesellschaft, die mit der demographischen Jugend Hand in Hand geht. Fast zwei Drittel der Bevölkerung (62,5 %) sind nicht älter als 39 Jahre, d.h. auch voller Kraft, Energie und Unternehmungslust. Über ein Viertel (28,5 %) fällt in die Kategorie des mittleren Alters (40 bis 64 Jahre), d.h. sie befinden sich in der aktivsten und kreativsten Lebensphase. Nur ein Zehntel (9%) ist älter als 64 Jahre. (12)

Zweitens: die Jugendlichkeit der Bevölkerung muß man mit der Tatsache ihrer vollen Autochthonisierung im Zusammenhang sehen. Aus den statistischen Angaben geht hervor, daß über drei Viertel (76,6%) der Bevölkerung der oben genannten Wojewodschaften dort auch geboren ist. Sie fühlen sich hier verwurzelt, behandeln dieses Gebiet als ihre Heimat, als Teil ihres großen Vaterlandes.

Drittens: die Mehrheit der Vollbeschäftigten ist gebildet (74%), es gibt also ein großes intellektuelles Potential mit hoher Berufsqualifikation. (29,7% haben eine Berufsausbildung, 33,6% eine Oberschulausbildung, davon 27,7% an Berufsoberschulen, und10,7% eine Hochschulbildung (12). Über die Hälfte der Einwohner ist im arbeitsfähigen Alter: in der Industrie 37,7%, in der Landwirtschaft 9,3%, im Handel 7,1% und im Fernmeldewesen 1,3%. (13) Zwei Drittel wohnen in den Städten (66,9%). Da in den letzten Jahren viele staatliche Unternehmen aufgelöst oder Produktion und Beschäftigung eingeschränkt wurden, verloren 170.000 Menschen ihre Arbeit und wurden arbeitslos. (14) Die durchschnittliche Arbeitslosenrate betrug in den vier Grenzwojewodschaften Ende 1993 bis zu 15,2%.

Viertens: wir haben es mit vier Generationen zu tun: 1. Die Generation der Großeltern, die zur Zeit nur 9% der Gesamtheit der Bewohner ausmacht, ist eine mündige gesellschaftliche Minderheit, die in der Zeit, als sie die Mehrheit stellte, die gesamte Bürde der Beseitigung der Kriegszerstörungen, des Wiederaufbaus und der Neubewirtschaftung dieses Landesteils trug. Ein Landesteil, der ihnen - besonders denjenigen von jenseits des Bug - zumeist fremd, deutsch, jedenfalls anders als das eigene vorkam, das man ihnen im Osten weggenommen hatte. Manche sahen sich lange Zeit außerstande, dieses Gebiet als ihre neue Heimat zu akzeptieren, manchen geht es bis heute so. Aus Angaben, die ich in Fragebogenaktionen ermittelt habe, geht hervor, daß die Generation der Großeltern derzeit zu 38% aus ehemaligen Umsiedlern aus den polnischen Ostgebieten besteht, zu 60% aus Umsiedlern aus Zentralpolen, darunter fast die Hälfte (29,6%) aus den ehemaligen Grenzwojewodschaften (Pommern, Großpolen, Kattowitz) und lediglich 2% bilden die ehemaligen Reemigranten. Alle diese Menschen haben Kriegserfahrungen, manche sogar noch aus der Zeit des Ersten Weltkrieges (17,5%). Sie sind also die Träger des "nationalen Martyriums". Vor allem auf ihnen lasten die schlechten historischen Erfahrungen vergangener Generationen mit den polnisch-deutschen Beziehungen, noch aus den Zeiten der Teilungen Polens, und vor allem die eigenen Erfahrungen mit der Hitler-Okkupation. Bei ihnen zeigen sich häufig antideutsche Einstellungen, die sie auch an die junge Generation weitergeben.

2. In der Generation der Eltern gibt es meistenteils schon gemischte Ehen (82,3%), die im Zuge des gesellschaftlich-kulturellen Integrationsprozesses entstanden. Diese Generation umfaßt ein Viertel der Bevölkerung (28,5%), ist also auch eine gesellschaftliche Minderheit.

3. Die Generation der Enkel, der größte und wichtigste Teil der Gesellschaft, umfaßt 62,5% der Gesamtbevölkerung in den vier Grenzwojewodschaften. Über ein Drittel von ihnen hat bereits eigene Familien gegründet und schon eigene Kinder (27%), die die vierte Generation - die der Urenkel bilden. Die Generation der Enkel unterscheidet sich erheblich von der vorherigen gesellschaftlichen Formation; aufgrund ihres Alters, ihrer Ausbildung und beruflicher Qualifikation blickt sie in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit. Das hat auch zur Folge, daß sie sich von vielen Vorbildern, Normen und Werten abwendet, die ihnen im Sozialisierungsprozeß und durch die Erziehung der Eltern und Großeltern beigebracht wurden. Ihr Bewußtsein wird geprägt durch ihre eigenen Erfahrungen der letzten 20 Jahre und d.h. besonders durch die Systemwende, die Integration in Europa mit freundlicher Unterstützung Deutschlands. Einerseits erlauben ihnen ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihr Unternehmungsgeist, die in ihren Augen irrationalen Vorurteile, Phobien und Stereotype zu verifizieren und abzustreifen. Andererseits haben sich aber auch viele der ihnen durch zwei Generationen übertragenen Meinungen und Haltungen verfestigt und bilden ein Erbgut, das sich erst in einem längeren historischen Prozeß verändern läßt.

Die direkte Nachbarschaft mit Deutschland und das Gefühl der Bedrohung

Die folgenden Untersuchungsergebnisse basieren auf einer Umfrage unter 278 Personen (178 Einwohner aus Stettin, 100 aus Gryfice (Greifenberg) mittels Fragebogen, deren Beantwortung anonym erfolgte. Zusätzlich wurden 109 vertiefende Interviews mit den sog. Meinungsmachern beider Orte (Personen aus der Umfrage) durchgeführt.

Das Gefühl der Bedrohung oder das Gefühl der Sicherheit war bei den Polen (im Falle der Nachbarschaft zu Deutschland) schon immer mit der Westgrenze verbunden. Wenn man die tausend-jährige Vergangenheit der direkten Nachbarschaft betrachtet, so bot die Grenze häufiger ein Bild ständiger Konfrontationen, Konflikte und Kämpfe als eines der friedlichen und einträchtigen Zusammenarbeit und der Achtung eines gemeinsamen Kulturerbes in Mitteleuropa. Besonders der preußische Anteil an den Teilungen Polens, die Germanisierungstätigkeit und die Opfer des Zweiten Weltkrieges haben sich tief im Bewußtsein der Polen verankert. Als "Geschichtsnarben" bleiben sie im "historischen Gedächtnis" wie auch in der Sphäre der lebendigen Erinnerungen bei den älteren Generationen.

Durch das Grenzabkommen im Jahre 1990 wurde die Oder-Neiße-Grenze als endgültige und unantastbare Westgrenze Polens anerkannt und ein Jahr später bestätigte das noch einmal der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Die Unterzeichner der Abkommen knüpften bewußt an die Geschichte an, sie verschwiegen die schmerzlichen Ereignisse nicht und griffen zugleich die positiven Aspekte der bisherigen Zusammenarbeit auf.

Diese Abkommen bilden Grundlage und Rahmen der objektiven Seite des Prozesses. Die Veränderungen auf der subjektiven Seite, in den Einstellungen und Meinungen der Menschen, versuchen wir zu untersuchen. Die Zeit der Veränderung ist aber noch zu kurz, als daß sie sich bereits nachhaltig im Bewußtsein der Menschen hätte niederschlagen können. Außerdem haben bei den Veränderungen bisher vor allem Institutionen auf Staatsebene eine wesentliche Rolle gespielt und noch nicht so sehr die örtlichen gesellschaftlichen Gruppen, unter denen erst in den letzten Jahren eine größere Aktivität festzustellen ist, besonders im grenznahen Raum.

Aufgrund der schon genannten "historischen Belastungen" sind im Bewußtsein der Menschen Phobien, Abneigungen, Animositäten, Vorurteile und negative Stereotype zu finden, die ein deformiertes Bild des Nachbarn hervorbringen. Sie kommen auch in den Antworten auf unsere Fragen zum Ausdruck. (15) Auf die Frage: "Ist Ihrer Meinung nach die direkte Nachbarschaft zu Deutschland eine Quelle der potentiellen Bedrohung für Polen?" antworteten 8%, sie hätten dazu keine Meinung. Diese 8% repräsentierten ohne Unterschied alle Alters-, Ausbildungs- und Arbeitsplatzkategorien. Bei Menschen mit akademischer Ausbildung und meist wichtigen Funktionen im Verwaltungsapparat kann eine solche Antwort nur verwundern. Ein Drittel der Befragten (32%) sieht die Bedrohung als gegeben an. In erster Linie auf wirtschaftlichem, politischem und ethnischem Gebiet, dann erst auf militärischem oder "anderen" Gebieten. Diejenigen, die so antworteten, sind meist Personen mittleren Alters (9%) oder älter (17%), mit höherer Bildung (20%); sie sind zumeist im öffentlichen Dienst (polnisch: budøetówka), Wojewodschaftsamt oder Stadtverwaltung, beschäftigt. Viele dieser Befragten arbeiten aber auch im Handel, in der Industrie oder dem Gewerbe. Sie betonen vor allem die wirtschaftliche und politische Bedrohung: das vielfache Übergewicht der deutschen über die polnische Wirtschaft; den höheren Grad der Modernität und die ständig wachsende Expansion der deutschen Wirtschaft in Europa, besonders in Ost- und Mitteleurropa. Ihrer Meinung nach gehört Deutschland zu den reichsten Staaten der Welt und kann sich deshalb die ärmeren Staaten wirtschaftlich unterordnen. Polen ist eines dieser ärmeren Länder mit zurückgebliebener Wirtschaft, wenig effektiv und leistungsfähig, und unterliegt dem Einfluß des westlichen Nachbarn. Es ist in ihren Augen offensichtlich und entspricht den Regeln der freien Marktwirtschaft, daß die Deutschen immer übermächtigere wirtschaftliche Konkurrenten werde, nicht nur aber vor allem für Polen. Die Polen sollten nicht in der Illusion leben, daß Deutschland als Wirtschaftsmacht auf die Verwirklichung seiner natürlichen wirtschaftlichen Interessen in Ost- und Mitteleuropa verzichten würde. Sie sollten sich nicht der Illusion hingeben, daß sich die vorhandene wirtschaftliche Asymmetrie zwischen Deutschland und Polen in den nächsten Jahren verringern würde. Diese Befragten sind davon überzeugt, daß die Asymmetrie sogar eher zu- als abnehmen werde, berücksichtige man die Dynamik der deutschen Wirtschaft. Konsequenz dieser Entwicklung könnte eine deutsche Dominanz über die polnische Wirtschaft sein, zuerst in den westlichen und dann in den übrigen Gebieten. Instrument dieser Dominanz werde das deutsche Kapital sein.

Die Bedrohungen politischer Natur ergeben sich nach Meinung der Befragten vor allem aus den Folgen der wirtschaftlichen Dominanz der Deutschen in Polen. Der Zustrom des deutschen Kapitals werde dazu führen, daß in der polnischen Wirtschaft Deutsche die entscheidende Stimme haben werden. Das werde zur Mißachtung des polnischen Staatsinteresses und zur Einschränkung der Souveränität führen. Den Polen bliebe die Rolle der billigen Arbeitskräfte und bestenfalls der Vollzieher deutscher Entscheidungen. Ein beachtlicher Teil der Befragten (19%) erklärt direkt, daß das heutige Deutschland bald auf friedlichem Wege all die Ziele erreichen werde, die Hitler während des Zweiten Weltkrieges mit militärischen Mitteln nicht durchsetzen konnte: die völlige Unterordnung Polens. Deutschland und den Deutschen gegenüber solle man kein Vertrauen zeigen. Historische Erfahrungen zeigten, daß die Deutschen "immer unbedingt nach Osten wollten unter dem Vorwand, höhere Zivilisation und Kultur zu bringen". Heute stellten die Deutschen, jedenfalls im Vergleich mit Polen, eine noch größere wirtschaftliche Macht dar und verfügten zweifellos über die beste bzw. bestgedrillte Armee der Welt. Das wecke in ihnen das Gefühl der Überheblichkeit und der Verachtung für die Schwächeren, die man für schlechter halte. Das ist in den Augen der Befragten eine reale Basis für die Wiedergeburt des traditionellen preußischen Hochmutes, des deutschen Revanchismus und der Dämonen eines neofaschistischen Nationalismus. Erster Beweis sei die Existenz der Bewegungen der radikalen Rechten, der Sturmtruppen von jungen Neonazis, die Haß und Feindschaft gegenüber Ausländern zeigen, sie brutal zusammenschlagen, ihre Häuser in Brand setzen und sie sogar ermorden. Diese Bewegungen und Sturmtruppen fänden geistige und andere Unterstützung in einem Teil der deutschen Gesellschaft, wovon das Verhalten vieler Deutscher während der Straßenauseinandersetzungen mit den Asylsuchenden zeuge. U.a. in Rostock hätten diese Auseinandersetzungen ja den Beifall des Publikums gefunden. Dies sei keine Ausnahme. Deshalb müsse man in Bezug auf Deutschland besonders vorsichtig sein, denn in einem passenden Augenblick, z.B. einer europa- oder weltweiten Krise, könnten die Deutschen erneut Bewegungen unterstützen, die unter Ausnutzung des riesigen Wirtschafts- und Militärpotentials in Europa "eine neue Ordnung" schaffen würden. Daran könnte auch die EU sie nicht hindern. Die "Wehrmacht" sei die beste Armee der Welt, die die polnischen Streitkräfte noch schneller als im Jahre 1939 zerschlagen könnte. Manche Befragte unterstrichen, daß im günstigsten Fall, wenn diese Bewegungen sich nicht durchsetzen könnten und die Deutschen im Rahmen der EU blieben, diese niemals auf eine ihnen nützliche Dominierung Mittel- und Osteuropas verzichten würden. Sie würden alles tun, um die Strukturen von EU und NATO für diese Ziele auszunutzen. "Deutschland wird Polen unter dem heute modischen Motto der europäischen Integration und der Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft unter seine Dominanz bringen." Das ist wohl die, wie mir scheint, skeptischste Einstellung; sie beinhaltet eine sehr weitgehendes Mißtrauen den Deutschen als Nachbarn gegenüber, sie verdächtigt das heutige Deutschland einer besonders perfiden Verstellung.

29% der Befragten sehen in den geschichtlich geformten ethnischen Merkmalen der Deutschen eine besondere Bedrohung für Polen. In der bisherigen Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen zeigten sich in der Regel negative Züge: Arroganz, Überheblichkeit, Verachtung Fremden gegenüber, das Gefühl, etwas Besseres zu sein, der Wille, andere zu beherrschen. Bei den heutigen Deutschen seien diese Züge keineswegs verschwunden. Andere Befragte (10%) wiesen auf "andere" Bedrohungen hin, auf die deutsche Kultur und Zivilisation als Instrument "der geistigen Versklavung", etwa im Sinne der Germanisierung. Dabei handle es sich um eine subtile Sphäre der Unterordnung; am häufigsten zeige sich dies im Aufzwingen der deutschen Sprache bei deutsch-polnischen Kontakten, auch im Handel, und zwar besonders im Grenzgebiet aber nicht nur dort.

60%, d.h. eine entschiedene Mehrheit bestätigten solche Meinungen nicht. Sie lehnen grundsätzlich Auffassungen ab, die besagen, die direkte Nachbarschaft zu Deutschland sei eine Bedrohung. Sie halten solche Argumente für grundlos, unlogisch, falsch und den polnischen Interessen zuwiderlaufend. In dieser Gruppe haben die meisten eine Oberschul- und Hochschulbildung (80%). Bei dieser Gruppe sind die in der Mehrzahl, die die Industrie und das Gewerbe repräsentieren, in geringerem Ausmaß auch den Handel. Es sind also Geschäftsleute, die auf die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen und des Handelsaustausches mit den Deutschen setzen. Deutschland ist für sie vor allem ein solider Partner, mit dem man günstige Geschäfte machen kann. Die geographische Nähe ist ein zusätzlicher Vorteil, schon wegen der Reduzierung der Transportkosten. Das riesige ökonomische Potential sehen sie als eine außergewöhnliche Möglichkeit, die Polen nutzen kann. Die direkte Nähe zu Deutschland sei für die jetzige polnische Wirtschaftslage in jeder Hinsicht positiv.

Deutschland verfüge neben den USA und Japan über die entwickeltste Technologie und die modernste Organisation von Produktion, Dienstleistung und öffentlichem Sektor. Für Polen bestehe also die Möglichkeit, diese Technologie zu erwerben und diese soliden organisatorischen Vorbilder im eigenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben zu nutzen. Nicht Deutschland, sondern Polen sei sich selbst die größte Bedrohung, wenn "Land und Leute dem direkten Nachbarn den Rücken kehren." Dieser Nachbar biete Polen nach dem Jahr 1990, d.h. nach der Wiedervereinigung, die historische Chance zu gegenseitiger Annäherung und Zusammenarbeit auf allen Ebenen: politisch, wirtschaftlich, kulturell und ökologisch. Diese Chance sollte Polen nutzen. Die Zusammenarbeit mit Deutschland sollte in allen Bereichen stattfinden, mit besonderem Nachdruck im wirtschaftlichen, denn hier werde die beste und beständigste Basis für alle übrigen Formen der Zusammenarbeit gelegt.

Die Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Deutschland auf partnerschaftlicher Basis werde auch die politische Partnerschaft beeinflussen, ebenso die gutnachbarlichen Beziehungen, und letztere wiederum würden zu Vertrauen, Freundschaft und Versöhnung zwischen beiden benachbarten Völkern führen. Die Völker könnten sich näher kennenlernen und dabei nach und nach ihre gegenseitigen Vorurteile, ihre Abneigungen und ihre Feindseligkeiten loswerden, die auf Haß und Rachsucht basierten. Diese Befragten sagen, Polen und Deutsche könnten nicht zusammenleben und zusammenarbeiten, wenn sie "in ihren Köpfen und Herzen" die oben genannten destruktiven Gefühle, "besonders des blinden Hasses bis zum Tod" nicht überwinden: "Auf solchen Gefühlen können wir keine deutschpolnische Zukunft aufbauen." Eine "historische Wende" sei notwendig, ganz im Sinn des "Abkommens über gutnachbarschaftliche Beziehungen und freundschaftliche Zusammenarbeit".

Schlußfolgerungen

  1. Die heutige polnische Gesellschaft, die unmittelbar neben den deutschen Nachbarn, auf der östlichen Seite der Oder lebt, ist charakterisiert durch demographische Jugend, Autochthonie, durch großes intellektuelles und produktives Potential und durch einen hohen Grad an Industrialisierung und Urbanisierung. Das zeigen sowohl die statistischen als auch die soziologischen Daten.
  2. Diese Gesellschaft umfaßt mindestens drei Generationen: die Großeltern, die Eltern und die Enkel. Die Enkel bilden zur Zeit die entschiedene Mehrheit und umfassen zwei Drittel aller Einwohner. Sie unterscheiden sich von der früheren Gesellschaftsformation durch höhere Bildung und berufliche Qualifikationen, sie haben neue Vorbilder und Wertesysteme. Sie sind offen gegenüber Deutschland, Europa und der Welt.
  3. Diese Gesellschaft zeichnet sich aufgrund der Vielfalt von Generationen und kulturellen Hintergründen durch unterschiedliche Haltungen und Meinungen aus, die Menschen sind von unterschiedlichen "historischen Belastungen" betroffen. Dies alles spiegelt sich in den differenzierten Einstellungen der Bewohner des Grenzgebiets gegenüber den Deutschen wider. An der Quelle dieser Differenzierung steckt ein komplexes Paket von Ursachen. Die Untersuchungen zeigen, daß trotz noch vorhandener Phobien, Unwillen, Animositäten, Vorurteilen und negativen Stereotypen, die ein schräges Bild der Deutschen entwerfen, die Mehrheit der Befragten nicht der Meinung ist, daß Deutschland eine potentielle Bedrohung für Polen darstellt.
  4. Im Lichte der Beobachtungen und soziologischer Untersuchungen kann man feststellen, daß eine positive Veränderung der Einstellungen der Polen ihrem westlichen Nachbarn gegenüber stattgefunden hat. Das ist ein langsamer, aber stetig sich vollziehender Prozeß vor allem bei der jungen Generation der Polen, die mehr über Deutschland und die Deutschen wissen, Kontakte pflegen, insbesondere wirtschaftliche. Selbst das von einem Teil der Befragten artikulierte Gefühl der Bedrohung ändert sich aufgrund ihres Wissens und ihrer Kontakte von einer politischen und militärischen in eine wirtschaftliche, zivilisatorische und kulturelle. Das zeugt von einer Rationalisierung der Gefühle und Urteile, die mit der beobachteten Asymmetrie in den schon genannten Bereichen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit zu tun haben.

Anmerkungen:

  1. Siehe "Pomorze Szczecinskie 1945-1965", Gemeinschaftsarbeit unter der Redaktion von E. Dobrycki, H. Lesinski und Z. Laski, Poznan-Szczecin 1967. S. 67 und ff; J. Ziólkowski: Die Bevölkerung der Westgebiete, in: Polnische Westgebiete. Poznan 1959
  2. ebenda, S. 68
  3. ebenda, S. 83-93. In dem Referat verzichte ich auf die Benennung der achten Art der Besiedlung, der deutschen Repatriierung.
  4. U.a. A. Kwilecki: Lemkowie. Die Angelegenheiten der Migration und Assimilation. Warszawa 1974.
  5. Pomorze Szczeciñskie, S. 93
  6. ebenda
  7. ebenda
  8. ebenda
  9. ebenda, S. 95-96; Die Bildung einer neuen Gesellschaft in den Westgebieten, Gemeinschaftsarbeit. Poznan 1961
  10. J. Burszta: Kulturintegration des Kösliner Dorfes.
  11. Statistisches Jahrbuch der Wojewodschaften, Statistisches Zentralamt, Warszawa 1993, S. 2
  12. ebenda, S. 30-31
  13. ebenda, S. 150
  14. ebenda, S. 22-23