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    TRANSODRA 10/11, April 1995

Dokumentation der Konferenz: Grenze und Grenzbewohner.
Nachbarn und Fremde. Alte Heimat - Neue Heimat. Abschied und Ankunft. 2. - 4. Dezember 1994, Guben/Gubin

Das kulturelle Erbe - Hindernis oder Brücke? Am Beispiel Pommerns.

Priester Infulat Roman Kostynowicz, Stettin (1)

Da ich seit 1945 in Westpommern (Pomorze Zachodnie - so die polnische Bezeichnung für das ehemalige "Hinterpommern", natürlich ohne Stettin, das ja bekanntlich zu Vorpommern gehörte, d.Red.) wohne und seit 1959 als Diözesankonservator arbeite, betrachte ich das kulturelle Erbe aus der Perspektive der Kirchenarchitektur. Der Wiederaufbau der zerstörten Kirchen verlangt große Anstrengungen, das ist unbestritten. Aber es gab auch das Problem der Anpassung der Innenausstattungen der ehemals protestantischen Kirchen an die katholische Liturgie. Damit der zeitgenössische Bewohner Westpommerns, damit ein Katholik mit der Kultur dieses Landes umzugehen lernt, plädierte und plädiere ich für die Vertiefung des historischen Wissens und für die Achtung des Lebenswerkes früherer Generationen. Mit diesem Ziel schrieb ich auch ein Buch mit dem Titel "Schematismus", das historische Notizen über die Kirchen der Diözese Stettin/Kammin (Kamieñ Pomorski) enthält und im Jahre 1995 erscheinen wird. Mit dem gleichen Ziel initiierte ich die Gründung des Diözesanmuseums mit der Ausstellung "1000 Jahre Christentum in Pommern". Das Museum befindet sich seit 1991 auf der Südempore des St. Jakob Doms in Stettin und soll in Zukunft ein eigenes Gebäude neben dem Dom erhalten.

Nach dem zweiten Weltkrieg suchten die aus den Ostgebieten Polens ausgesiedelten Menschen, die Menschen aus dem zerstörten Warschau und aus anderen verbrannten Städten und die Überlebenden aus den Konzentrationslagern in den westlichen und nördlichen Gebieten Ruhe und Stabilität im Rahmen einer inländischen Emigration. Hier fanden sie in verlassenen und ruinierten Häusern und Höfen einen ersten Ersatz für ihre durch die Kriegsjahre verlorenen Heime. Die Dörfer und Städte Westpommerns waren menschenleer. Die Deutschen waren vor der näherkommenden Front evakuiert worden. Die hinter der Front nachkommenden Menschen, Polen und Nicht-Polen, trafen auf keine Menschen, die ihnen die neue Umgebung hätten erklären können. In dieser Zeit waren besonders die Kulturgüter gefährdet; der Ausraubung von Archiven, Bibliotheken, Museen und Kirchen stand nichts im Wege. Über die Höfe will ich gar nicht reden, denn diese wurden als erste geplündert. Es gab einen Wettlauf mit der Zeit. Auf der einen Seite schafften die sowjetischen Behörden ganze Fabriken, komplette Industrieanlagen, aber auch Kulturgüter (Bilder, Skulpturen, Altäre) heraus. Auf der anderen Seite versuchten die ersten polnischen Behörden die herrenlosen Kulturgüter in den Museen, Bibliotheken, Archiven und Kirchen vor Zerstörung und Diebstahl zu schützen. Allerdings sind noch nicht alle Kapitel dieser Geschichte geschrieben, noch nicht alles wurde aufgeklärt, obwohl seit dem Ende des Krieges 50 Jahre vergangen sind.

Die katholische Kirche berief am 15.8.1945 fünf apostolische Administrationen in den West- und Nordgebieten ein - u.a. in Landsberg a.d. Warthe (Gorzów Wlkp). Damit knüpfte sie an die alten Strukturen an, als es die Bistümer des Kamminer (Kamien Pomorski) und Lebuser (Lubuskie) Gebiets gab und ein weiterer Teil zur Prälatur in Schneidemühl (Pila) gehörte. Als erster Administrator wurde der Priester Dr. Edmund Nowicki und als Sitz Landsberg bestimmt. Der Zuständigkeitsbereich erstreckte sich von Grünberg (Zielona Góra) über Landsberg und Stettin bis Stolp (Slupsk) - zusammen ein Siebtel Polens. Es meldeten sich viele Priester, die aus den Lagern oder zerstörten Städten kamen - manche waren auch zusammen mit ihren Pfarrgemeinden aus den polnischen Ostgebieten, aus Lemberg (Lwów) oder Wilna angekommen. Einer dieser Priester war Michal Kaspruk aus der Erzdiözese Lemberg bzw. der Pfarrgemeinde Brzozdowice, der nach sechswöchiger Fahrt in Güterwaggons in Trzebiszewo bei Kammin angekommen war. Die Pfarrgemeinde hatte das "gnadenspendende Bild Christi aus Brzozdowice", den Organisten, die Küster und Liturgiebücher mit auf die weite Reise genommen. Ein paar hundert Menschen, die am Heiligen Abend 1945 ankamen, erlebten eine Messe in einer verlassenen Kirche. Erschöpft von der langen Reise besetzten sie leere, verlassene Häuser. Ich erinnere an diese Leute, denn jeder einzelne könnte der Geschichte sein eigenes Kapitel hinzufügen.

Ich komme aus einer Familie, die in Lemberg, Warschau und Posen lebte. Meine ganze Familie wurde am Anfang des Zweiten Weltkriegs nach Archangielsk und Sibirien verschleppt. Ich bin im Jahre 1921 geboren und wuchs bei meiner Mutter, Lehrerin für Zeichnen und Gesang in Tomaszów Lubelski, auf. Meine Eltern führten zwei Haushalte: der Vater in Lemberg, die Mutter in Tomaszów Lubelski. Während der deutschen Besatzung im sog. Generalgouvernement , Distrikt Zamosc, gen. Himmlerstadt, arbeitete ich in Tomaszów Lubelski in einer Mühle. Das schützte mich vor der Verschleppung zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Nachdem die sowjetischen Truppen 1944 polnisches Land einnahmen, verschwanden Menschen im meinem Alter heimlich nachts, wurden umgebracht oder Richtung Osten verschleppt. Um diesem Schicksal zu entgehen, fuhr ich nach Lublin, wo ich meinen Bruder traf, Künstler und Maler, der am Vorabend des Warschauer Aufstandes die Stadt verlassen hatte. Er war nach Lublin gekommen mit einer Tasche in der Hand. Als Kunstmaler konnte er im Büro des Verbandes wohnen - und ich mit ihm.

Nachdem am 17.1.1945 die sowjetische Armee Warschau besetzt hatte, fuhr ich schon Anfang Februar in die verbrannte, verlassene Stadt. Ich konnte sie ganz durchqueren, ohne einen einzigen Menschen zu treffen. Ich zog in die dortige Wohnung meines Bruders ein, die sich in einem zum Teil verbrannten Haus in der Smulikowskiego Str. 5, Wohnung 13, befand.

Als 1945 Stettin Polen zugesprochen wurde, kam ich Anfang September 1945 hierher, da ich es in Warschau, einer toten Stadt, nicht länger aushalten konnte. In der damaligen Zeit gab es viele ähnliche Lebensläufe. In Stettin wurde ich zu einer deutschen Familie in eine kommunale Wohnung einquartiert. Später fand ich dann Arbeit und Wohnung bei Priester Kazimierz Zarnowiecki, in der Straße der Unabhängigkeit Nr. 17. Zarnowiecki hatte Allgemeine Arbeitswerkstätten für elternlose Jugendliche eingerichtet, in denen sie Wohnung und Unterhalt fanden und damit die Möglichkeit erhielten, ihre Ausbildung abzuschließen. Ich legte am 22.7.1946 das Abitur im Gymnasium für Erwachsene ab und dachte an ein Studium an der Kunstakademie in Warschau.

Anfang September 1946 beschloß ich jedoch, Priester zu werden mit dem Ziel, später meine künstlerischen Neigungen und Fähigkeiten in die Arbeit für die Rettung der Kunstwerke in den Westgebieten einzubringen. Ich wurde im Landsberger Priesterseminar aufgenommen. Zum Studium fuhr ich nach Gnesen, später nach Posen und Landsberg, wo ich 1952 zum Priester geweiht wurde. Nach fünf Jahren Arbeit in Landsberg schickte mich der damalige Ordinarius, Prälat Zygmunt Szel(pi)zek, zum weiteren Studium nach Thorn (Torun), wo ich fünf Jahre lang Denkmalspflege an der Fakultät für bildende Künste studierte. Nach Meinung des Prälaten Szel(pi)zek sollte ich Referent für Kirchenkunst in der Kurie werden und ein Diözesanmuseum zum Schutz der gefährdeten und zugrundegehenden Denkmäler in Westpommern gründen.

Im Landsberger Administrationsbereich gab es etwa 2000 Kirchen. Noch während des Studiums wurde ich Referent für kirchliche Denkmalspflege. Ab 1959 hielt ich Vorlesungen über die Geschichte der Kirchenkunst am Priesterseminar in Landsberg, später in Paradyz und seit der Gründung der Diözese Stettin/Kammin im Jahre 1972 auch in Stettin. 1962, nach dem Studium, wurde ich Pfarrer in Kammin. Dort ließ ich mich nieder, von dort aus leitete ich als Konservator die Arbeiten in der Diözese. In Bezug auf den Kamminer Dom verhielt ich mich wie ein Konservator, ich achtete die Vergangenheit und veränderte, wenn überhaupt, nur minimal die ehemals protestantische Innenausstattung, um sie dem katholischen Ritus anzupassen. Ich kümmerte mich um die Schatzkammer, die nach dem Krieg völlig leer war, indem ich verschiedene gesammelte Objekte in vier gotischen Sälen über dem Klostergarten ausstellte. Ich renovierte die zerstörte Orgel und begann mit den Vorbereitungen zu den "Festspielen für Orgel- und Kammermusik", die in diesem Jahr zum 30. Mal stattfanden.

In der Diözese führte ich Gespräche mit den staatlichen Behörden, um die Erlaubnis für den Wiederaufbau ruinierter Kirchen zu bekommen. Auch für die Renovierung von Kirchen brauchten wir eine Erlaubnis. Im Laufe der Zeit beantragten wir auch den Anbau einer Sakristei und später - nachdem die Bevölkerungszahl stieg - den Ausbau der Kirchen. Die erste Genehmigung zum Bau neuer Kirchen erhielten wir erst im Jahre 1974. In Westpommern war der Staat bis 1972 Eigentümer aller 2000 Kirchen. Als 30 Jahre nach dem Krieg das Eigentum der Kirche übertragen wurde, war es in vielen Fällen zu spät. In diesen 30 Jahren gab es viele Fehler, über die man heute offen sprechen kann. Dazu zähle ich vor allem den staatlichen Plan, die nicht benutzten Kirchen abzureißen. Darunter befanden sich sowohl durch den Krieg teilweise zerstörte Kirchen als auch völlig intakte. Es handelte sich um einen umfassenden Plan, in dessen Folge in der Sowjetunion 20.000 Kirchen abgerissen wurden und in Westpommern einige hundert. Im Bereich der Landsberger Administration blieben von den 2000 Kirchen nur 700 übrig. Unter den abgerissenen Kirchen befanden sich romanische, gotische und neuere Bauten. Zwar kamen die Befehle aus dem Osten, aber ausgeführt wurden sie hier. In ähnlicher Weise wurden Häuser, ganze Straßen und noch gut erhaltene Gebäude abgerissen. Jener Zeit und jener Taten sollten wir uns schämen, aber wir sollten auch besser verstehen, wie es dazu kommen konnte. (2)

Gleichzeitig muß man aber auch die großen Anstrengungen sehen, die es kostete, die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchen wiederaufzubauen,. zerstört infolge der Luftangriffe und der Frontkämpfe. Der Wiederaufbau begann gleich nach dem Krieg und dauert nun schon 50 Jahre. Auch heute noch leiten wir den Wiederaufbau zerstörter Kirchen ein, wie der Marienkirche in Königsberg (Chojna) und der St. Nikolaus-Kirche in Wollin. Ein weiteres Dutzend zerstörter Kirchen, die wir vom Staat gekauft und damit vor dem Abriß gerettet haben, warten noch auf den Wiederaufbau.

Im Vergleich zu anderen Regionen gab es in Westpommern die höchste Anzahl zerstörter Kirchen und zugleich die meisten wiederaufgebauten. Wiederaufbau bedeutete für uns: Rekonstruktion des Alten. Auf diese Weise wurden zerstörte Kirchen wieder hergerichtet und in Dienst genommen. Die Tatsache der Rekonstruktion verdeutlichte man manchmal durch die Verwendung neuer Baustoffe und Techniken. Das geschah z. B. beim Wiederaufbau der St. Jakob Kirche in Stettin mit der Nordwand. 1972 wurde sie zum Dom der Stettiner/Kamminer Diözese. Die Genehmigung zum Wiederaufbau bekamen wir erst im Jahre 1971. Bis dahin stand mitten in Stettin eine erschreckende Kirchenruine, ständig vom Abriß bedroht.

Nach der Gründung der Stettiner/Kamminer Diözese wurde ein breites Programm zum Wiederaufbau in Angriff genommen, und tatsächlich wurden 100 Kirchen wieder aufgebaut. In den neuen städtischen Siedlungen fing man nach 1974 an, neue Kirchen zu bauen, oft an den Stellen, wo die alten abgerissen worden waren. Das gab eine gewisse Genugtuung und ist ein Beweis dafür, daß z.B. ein im Mittelalter errichtetes Kirchengebäude bis zum heutigen Tag nichts an Aktualität verloren hat. Die Beseitigung der Ruinen und der Wiederaufbau von Kirchen trug zur Integration der Einwohner bei, verstärkte den Gemeinschaftssinn, wirkte stabilisierend, schuf einen neuen Menschen, schuf Pommern, die die Abwesenden ersetzen und die selbst in ein neues Bewußtsein hineinwachsen.

Die Kirchen wurden in ihrer ursprünglichen, originalen Gestalt wiederaufgebaut, fehlende Elemente durch extra angefertigte Formsteine und Ziegel ersetzt. Bei der Zusammenarbeit der Konservatoren der Wojewodschaft und der Diözese stand der Bau selbst und seine Schönheit im Vordergrund.

Das Problem der Anpassung der Innenausstattung

Seit 1945 gibt es Probleme bei der Anpassung der Innenausstattung der protestantischen Kirchen an den katholischen Ritus. Man sollte verstehen, daß die polnischen Katholiken, und zwar sowohl die Pfarrgemeinden als auch die Pfarrer selbst, keinen Kontakt mit protestantischen Kirchen gehabt hatten. Daher wurde zum Teil die gesamte Innenausstattung zerstört, um sich von dem Fremden (dem deutschen oder dem protestantischen) zu befreien. In den ersten Nachkriegsjahren funktionierten die Institutionen der Denkmalspflege noch nicht gut, und die Zahl der Kirchen war groß. Mit großem Bedauern erinnere ich mich an Gespräche mit Priestern, die einer solchen Haltung anhingen. Manchmal gelang es mir, einen Altar zu retten, der nur deshalb beseitigt werden sollte, weil er neugotisch war. Häufig schätzte man eine erhaltene Innenausstattung ihres Stils, Alters oder historischen Wertes wegen und paßte sie der katholischen Liturgie an. Z.B. stellte man einfach nur das Tabernakel auf, entweder vor dem Bild des Heiligen Abendmahls bei einem mehrgeschossigen Altar oder seitlich vom Altar auf einer Säule. Probleme bereiteten die Altarkanzeln: bis zum zweiten Vatikanum wurde der Gottesdienst mit dem Rücken zu den Gläubigen abgehalten, also unter der Kanzel. Mit der Zeit wurden die Kanzeln an die Seitenwand geschoben oder ganz beseitigt. In die Mitte des Altars wurde eine Figur oder ein Bild gestellt. Nach dem zweiten Vatikanum wurde es üblich, den Gottesdienst mit dem Gesicht den Gläubigen zugewandt abzuhalten. Bis heute ist in einigen Kirchen die protestantische Inneneinrichtung erhalten geblieben, z.B. im Kamminer Dom, wo man die katholische Einrichtung sehr geschickt hinzugefügt hat.

Von der mittelalterlichen Kunst sind hier in Westpommern nur noch zehn bis zwanzig Triptychen in 700 Kirchen übriggeblieben. Dabei gab es doch Kirchen z.B. in Stettin oder Stargard mit bis zu 50 Triptychen. Diese wurden im 17. Jahrhundert beseitigt, als man die Innenausstattungen der Kirchen der protestantischen Vision anpaßte (mit einem Altar, der Kanzel als Zentrum der Andacht und einer Orgel).

Heute - nach 50 Jahren - schreit alles nach Renovierung. Man sollte die ehemaligen Kirchenstifter stärker zur Rettung von Kunstwerken heranziehen. Von einer Hilfe der ehemaligen Eigentümer bzw. Stifter bei der Rettung und Konservierung der durch die Zeit bedrohten und gefährdeten Objekte in Westpommern ist bisher nur wenig zu spüren. Heute ist eine solche Hilfe möglich, sie stößt nicht mehr auf Vorbehalte und könnte zu vielfältigen Kontakten führen. Ähnlich verhalten sich die ärmeren polnischen ehemaligen Besitzer und Familien, die ihre Kirchen, Grabmäler, Grabplatten oder Gutshöfe im Osten für die Nachwelt bewahren wollen. Das Problem der Grabmäler der ehemaligen Stifter oder Eigentümer in den Kirchen - das ist ein schwieriges Thema, bei dem das Gefühl der Scham angebracht ist. Aber sogar den Pharaonen ist es nicht gelungen, eine ewige Unantastbarkeit zu behalten. Ein schlechter Mensch reicht aus, um viel Schmerz und Scham auszulösen. (3) Seien wir also bereit, zu vergeben, aber laßt uns auch die Grabmäler in Ordnung bringen, die noch immer ausgeraubt und verwüstet sind.

1980 wurde ich vom Kamminer an den Stettiner Dom versetzt, wo ich zunächst als Pfarrer und seit 10 Jahren ausschließlich als Diözesankonservator Grabinschriften und Grabplatten vor der Zerstörung zu retten versuche. Nach, aber auch schon vor der Konservierung werden sie an den leeren Wänden des St. Jakob Doms aufgehängt. Wenn es uns gelingt, bringen wir sie wieder dort an, wo sie sich auch früher befanden. Alles hängt von dem einzelnen Priester und seiner Haltung ab: wenn er mehr über die Vergangenheit seiner Kirche weiß, bewegt er sich in ihr anders und geht mit ihr anders um. Deshalb kümmere ich mich besonders um die Vermittlung des Wissens über jede einzelne Kirche. Das Buch mit den historischen Notizen, "Schematismus", in dem auch Fotos aller Kirchen abgedruckt sein werden, habe ich mithilfe der früheren Wojewodschaftskonservatorin, Lubomira Madejska, und meinem Nachfolger, Priester Andrzej Sowa, geschrieben, der ein fünfjähriges Studium an der Akademie für katholische Theologie in der Fachrichtung Kunstgeschichte in Warschau abgeschlossen hat .

Das Buch ist nach dem Krieg die erste umfassende Ausarbeitung, die in der Hand eines Priesters oder Katecheten, der die Jugend unterrichtet, eine wertvolle Hilfe sein kann bei der Erziehung zur Achtung des kulturellen Erbes in den Dörfern, Städten und Kirchen der Gebiete, in denen wir leben.

Wie eingangs schon erwähnt, habe ich 1991 im St. Jakobs Dom in Stettin ein Diözesanmuseum eingerichtet. Es befindet sich auf der Südempore in vier aufeinanderfolgenden Sälen. Die Sammlung reicht bis in die heidnische Zeit in Westpommern zurück. Es folgt die Gründung des Erzbistums Kolberg (im Jahre 1000) und in Wollin (im Jahre 1140) nach der Mission des heiligen Otto 1124 und 1128. 30 Kamminer Bischöfe aus den Jahren 1176 bis 1534 repräsentieren die Geschichte des riesigen Bistums, das von Leba bei Danzig bis nach Landsberg an der Warthe im Süden und bis Rügen, Stralsund und Rostock im Westen reichte. Ein eigener Saal zeigt die Liquidierung der katholischen Kirche infolge der Vereinbarung von Trzebiatowski (13.12.1534) und die Zeit der protestantischen Kirchen in Westpommern bis zum Jahre 1945. Während dieser Zeit gab es kaum noch in der Diaspora lebende Katholiken. Der letzte Saal beherbergt die Sammlungen aus den letzten 50 Jahren, d.h. aus der Tätigkeit von acht Kirchenadministrationen der römisch-katholischen Kirche mit Sitz zunächst in Landsberg (ab dem 15.8.45), dann in Kammin (ab dem 28.6.72) und schließlich in Stettin (seit dem 25.3.92).

Die Ausstellung, die später in einem eigenen Gebäude neben dem Dom zu sehen sein wird, zeigt 1000 Jahre Geschichte des Christentums in Westpommern. Dabei geht es darum, die Koexistenz der Kulturen am Beispiel der Exponate romanischer, gotischer, barocker und zeitgenössischer Kunst zu zeigen. Es geht um die Kultur des Zusammenlebens, um die Achtung des Menschen im christlichen Geist, die, wenn sie verwirklicht wird, dazu beitragen kann, Vorurteile und Vorwürfe in Toleranz und Würde zu verwandeln. Diesem Ziel soll auch die seelsorgerische Arbeit der Kirche in Westpommern dienen.

1) Da Roman Kostynowicz krank war und deswegen an der Konferenz nicht teilnehmen konnte, trug Priester Andrzej Sowa dessen Vortrag vor. Einige Bemerkungen Sowas wurden interpretiert als Abwälzung der ganzen Schuld und Verantwortung für die Zerstörung von Kulturgütern und Verwüstung von Friedhöfen auf das kommunistische Regime. Aus Anlaß der Veröffentlichung der Beiträge der Konferenz schickte er uns den im Anschluß folgenden Beitrag.

Kommentar zum Referat von Roman Kostynowicz

Andrzej Sowa, Stettin

Wenn wir über das kulturelle Erbe Westpommerns sprechen, muß man die außergewöhnliche Situation dieser Gebiete nach dem Zweiten Weltkrieg berücksichtigen, die sich wesentlich unterschied z.B. von Schlesien oder Ostpommern. In Westpommern trafen die Leute auf eine totale Leere. Die Deutschen waren vor der heranziehenden Front evakuiert worden. Die Zukunft dieser Gebiete, besonders Stettin, war noch vollkommen ungeklärt, und das schuf eine große Unsicherheit für die ersten Siedler.

Die Bevölkerung war etappenweise evakuiert worden, und langsam kamen Flüchtlinge aus dem Osten nach, aus verbrannten Städten, aber auch solche, die auf der Suche nach schneller Bereicherung waren. In der Regel repräsentierten sie einen niedrigeren Zivilisationsstand als die hiesigen Pommern und das drückte sich auch in ihrer Haltung gegenüber den Kulturgütern aus. Der Haß auf die deutschen Okkupanten, die Tragödie der Vertreibung, das Unverständnis gegenüber allem Neuen, das sie vorfanden - alles dies rief Aggression hervor, den Willen zur Vernichtung des materiellen Erbes.

Der kommunistische Staat verfolgte nach Moskauer Direktiven ideologische Absichten mit der nach Westpommern umgesiedelten Bevölkerung. Das Atheisierungsprogramm, gegründet auf Entfremdung der Menschen von ihrer Tradition, der heimischen Kultur und Religion, gegründet auf Haß auf alles Deutsche, rief ein besonders schändliches Verhalten und Zerstörungswut gegenüber den Kulturgütern, vor allem den sakralen, hervor. Dorfkirchen wurden abgerissen während des Aufbaus der landwirtschaftlichen Genossenschaften (Ghettos kommunistischer Erziehung durch Arbeit). Bis heute z.B. verschweigt man die Tatsache, daß in Kolberg drei gotische Kirchen mit vollständig erhaltener Innenausstattung während der 1.Mai Feiern im Jahre 1956 gesprengt wurden. Der Stettiner Dom ist nur deswegen erhalten, weil er sich in zu großer Nähe von Wohnhäusern befand. Ein tragisches Los traf die Friedhöfe von 400 sind 40 erhalten. Die kommunistische Macht förderte die Barbarei, indem sie Haß predigte und diesen Haß als Instrument zur Polonisierung benutzte.

Die kirchliche Verwaltung existierte rechtlich in Pommern erst nach 1972. Bis dahin wuchsen die Fähigkeiten der Priester nicht immer mit den Problemen, vor denen die angesiedelte Bevölkerung stand. Außerdem hatten sie nur geringe Möglichkeiten. Die Siedler, um sich irgendwie zu Hause fühlen zu können, wandelten das gotische und barocke Aussehen der Sakralgebäude in einer Weise um, die typisch war für die Ästhetik in den Gebieten, aus denen sie gekommen waren. Sie beseitigten das Kirchengestühl der Stifter, wie auch Altarkanzeln, sie demontierten Grabplatten bzw. übermalten sie. Und obwohl das nicht zu vergleichen ist mit dem, was der protestantische Purismus der katholischen Kultur dieser Gebiete angetan hat, sind es doch Taten, für die wir uns vor der Geschichte schämen müssen.

Um der Wahrheit willen muß man jedoch zugeben, daß die katholische Kirche nach dem Krieg als erste dem sich überschlagenden Haß auf alles was fremd, deutsch war, Widerstand entgegensetzte und einen großen Anteil an der Erhaltung des kulturellen Erbes hatte. Es begann sich ein neues Bewußtsein darüber zu bilden, was zur pommerschen Kultur gehört, zu deren Gesamtbild die Kultur der pommerschen Slawen, Deutschen, Polen, Schweden und sogar Franzosen und Dänen beigetragen haben. Deshalb rettete man Kirchenruinen vor dem Abriß und entwickelte Achtung vor den kirchlichen Innenausstattungen. Das beste Beispiel ist hier Kamieñ Pomorski (Kammin) mit dem geretteten Dom, dem Archiv und der Schatzkammer und den jetzt wieder zurückgegebenen - zuvor durch den Staat ausgeraubten - zwei Kirchen und Gebäuden der sog. Bischofsstadt.

Ja, mit kleinen Schritten wurde eine Brücke gebaut zwischen dem, was war und dem, was die neue Wirklichkeit schuf. Heute wundert sich niemand mehr über eine zweisprachige Beschriftung im Kirchenmuseum, und nur in den Kirchen blieben deutschsprachige Inschriften erhalten. In Stettin fand vor kurzem etwas Unglaubliches statt: Etwa 3.000 Menschen aus Berlin pilgerten demonstrativ durch die Stadt zur Kirche Johannes des Täufers, wo am 12. November 1994 eine zweisprachige Tafel eingeweiht wurde, die an die von den Faschisten ermordeten deutschen Priester erinnerte. In der Kirche des Hl. Johannes des Täufers wird samstags eine Messe in deutscher Sprache gelesen und es gibt eine seelsorgerische Arbeit der deutschen Minderheit. Dank der Initiativen des Priesters Marian Przykucki konnte man das beschämende Problem der Grabstätte der Pommerschen Fürsten lösen: Jetzt ruhen ihre Gebeine in Würde in der erzbischöflichen Basilika.

Die Stettiner Kirche hält lebendige und freundschaftliche Kontakte zu der Diözese in Bamberg. Von dort war der Missionar Pommerns, der heilige Otto, gekommen. Beim Wiederaufbau der Kirche bekommen wir Unterstützung von der "Deutsch-Polnischen Stiftung" und der "Kirche in Not". Diese Hilfe ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber sie vereint für eine gemeinsame Sache. Junge Priester schreiben Magisterarbeiten über pommersche Fürsten, Kirchen in Pommern usw. - schon nicht mehr über Krakau oder Lódz. Sie lehren die Gläubigen Achtung für die Reste der deutschen Friedhöfe. Die Rettung und Pflege der Gräber der Toten helfen hinweg über die Tragödien der Geschichte und die menschlichen Vorurteile.

Natürlich, es gibt viel Böses, Fanatismus, Phobien, Komplexe, und am häufigsten die Dummheit der Menschen, durch die viele begonnene Brücken und Dialoge wieder zum Einsturz gebracht werden. Aber wir sollten lernen, uns gegenseitig zu verstehen. Das ist der Grundstein für zukünftige Generationen, die vielleicht durch keine Grenze mehr getrennt sein werden, und die ein gemeinsames kulturelles Erbe verbindet.