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       TRANSODRA 10/11, April 1995

Dokumentation der Konferenz: Grenze und Grenzbewohner.
Nachbarn und Fremde. Alte Heimat - Neue Heimat. Abschied und Ankunft. 2. - 4. Dezember 1994, Guben/Gubin

Schlesiens kulturelles Erbe - Hindernis oder Brücke?

Dr. Maciej Lagiewski, Direktor des Historischen Museums in Breslau


Jemand, der mich zu einer ähnlichen Konferenz eingeladen hatte, sagte mir: "Am besten wird es sein, wenn Sie uns mit Ihren Erfahrungen, Errungenschaften, Gedanken und Überlegungen bekanntmachen. Gerade Sie, zehn Jahre nach Kriegsende geboren, seit vierzig Jahren in Breslau lebend; von Beruf Jurist, aus Berufung Museumsfachmann und Denkmalspfleger, im Herzen ein Pole, der in einer alten, europäischen Heimat - Schlesien - wohnt. Ihre Sicht, Ihre Betrachtung der Vergangenheit dieses Landes und dessen Erbe ist sicher typisch für tausende junger Leute, die man nicht mit der kommunistischen Ideologie belasten kann und deren Erwachsenwerden in eine Zeit des politischen Umbruchs fiel. Sie gehören einer Generation an, die in der Lage sein wird, Brücken zwischen Deutschen und Polen zu bauen." Dieses Etikett enthält eine große Verpflichtung, umsomehr als es darauf ankommt, zugleich offen und sensibel über Dinge zu sprechen, die ungewöhnlich kompliziert sind. Meine Betrachtungsweise mag vielen Menschen immer noch fragwürdig erscheinen. In meiner Arbeit folge ich meinen persönlichen, von politisch-gesellschaftlichen Stimmungen unabhängigen Überzeugungen. Was ich sage und tue war anfangs und manchmal auch heute noch, jedenfalls bei uns, nicht gerade populär. Oft trete ich gegen eine festgefügte Ordnung der Dinge auf und werde als Bilderstürmer begriffen.

Wenn ich hier die Betrachtungsweise meiner Generation vorstellen soll, so muß ich auf einige Gemeinsamkeiten dieser Generation hinweisen. Die Mehrheit unserer Eltern waren nach diesem schrecklichen Krieg in sehr schlechter seelischer Verfassung. Jede polnische Familie verlor im Krieg viele ihrer Angehörigen, so auch meine schlesisch-posener Familie. Viele waren ermordet, ein Onkel bei lebendigem Leib verbrannt. Meine Eltern wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Spuren dieser Zeit fand ich in häuslichen Schubladen in Form des lilafarbenen Buchstaben "P". Mein Vater, der an der Technischen Hochschule in der Freien Stadt Danzig studiert hatte, zeigte mir oft ein Flugblatt, das an der Tür seiner Studentenwohnung klebte: "Pole bleibt Pole. Deutscher! Sei volksbewußt! Der Pole ist niemals Dein Kamerad!" Russen, Ukrainer, Litauer, Weißrussen und Tschechen blieben trotz ausgeprägter Auseinandersetzungen mit uns Nachbarn, dagegen waren und blieben die Deutschen im Bewußtsein vieler Polen immer Todfeinde. Das ist eins der weiterhin vorhandenen dummen Stereotype, dem ich folgende These entgegenstelle: Es ist ein glückliches Los der Geschichte, daß Polen an Deutschland grenzt und damit einen Nachbarn hat, von dem man viel lernen und mit dem man gute Geschäfte machen kann. Manches Land könnte uns deswegen beneiden und würde die gegebene Chance wahrnehmen.

Das heutige Deutschland, vor allem sein westlicher Teil, ist ein Staat, der einen Demokratisierungsprozeß (die sog. Amerikanisierung) durchgemacht hat, der es verunmöglichte, sich auf die schlechten historischen Traditionen zu berufen. Europa integriert sich und das demokratische Deutschland wird die Lokomotive sein, die auch unseren Waggon mit sich zieht. Integriertes Europa, das bedeutet Völker und Nationen, die in bestimmten Regionen leben, die ihre ganze Geschichte, ihre Kultur und Traditionen, den ganzen Reichtum ihrer Region einbringen. Die Nationalstaaten, von denen jeder eine große Gefahr darstellt, haben wir schon hinter uns. Jetzt ist die Zeit der "kleinen Heimat" (ma>=a ojczyzna) gekommen, für die das Herz des Menschen schlägt, mit der er sich tief verbunden fühlt genauso wie mit seinem Haus, seiner Straße, Stadt oder heimischen Erde. Wir sollten lernen, regional zu denken. Früher war gerade Schlesien, als Heimat vieler Völker, die in Einklang miteinander lebten, dafür das beste Beispiel. Heute, wo es bei Austausch und Begegnungen keine politischen Probleme mehr gibt, käme es darauf an, in diesem Teil Europas eine überstaatliche polnisch-deutsch-tschechische Region zu schaffen. Man muß alles dafür tun, daß die polnisch-deutsche Romanze aus den Kinderschuhen herauswächst. Das Gerede vom Ausverkauf Polens halte ich nicht nur für Unsinn, sondern auch für kurzsichtig und darüberhinaus für einen sträflichen Mangel an politischer Phantasie. Wir müssen unaufhörlich und auf allen Gebieten "Brücken" bauen und den Dialog führen. (Dialog, so lautet auch der Titel einer in Deutschland herausgegebenen deutsch-polnischen Zeitschrift.)

Was war und ist Schlesien?

Schlesien ist ein uraltes Land, das schon immer an der Grenze zweier Kulturen lag, ein Gebiet, in dem verschiedene ethnische Gruppen und später Nationen zusammenlebten.

Schlesien ist ein Land, in dem beständig die fürstliche Obrigkeit wechselte, und das dadurch zum Gegenstand ewigen Streits und Kampfes vieler Staaten wurde.

Schlesien - das ist Vaterland oder Heimat, also das schönste, was uns unsere Vorfahren vererbt haben und das wir den folgenden Generationen weitergeben wollen. Wenn wir über die Vergangenheit reden, sprechen wir von Tradition und meinen damit das Erbe, aus dem sich unser Verhältnis zur Geschichte rekrutiert, die uns wiederum zu zwei gegensätzlichen Begriffen führt: zu unseren Wurzeln und zur Gegenwart. Die Kultur eines jeden Volkes ist so lange lebendig, solange seine Vergangenheit durch die Gegenwart mit der Zukunft verbunden wird. Wir beziehen uns oft auf die Geschichte, nicht um deren Lauf aufzuhalten, sondern um uns zu orientieren und die Zukunft zu gestalten. Wir versuchen, die Vergangenheit und ihren gestaltenden Einfluß auf die Gegenwart zu verstehen - und das auch in unserer Heimat, hier in Schlesien. In gut und genau verstandener Geschichte finden wir auch eine Erklärung heutiger Probleme. Man kann diese Schwierigkeiten nicht lösen, wenn man das vergangene und gegenwärtige Schicksal dieser Heimat nicht kennt. Man muß verstehen, was Schlesien für alle die Menschen bedeutet, die es als ihre Heimat betrachten. Die Wahrheit über Schlesien, auch wenn sie manchmal unangenehm ist, müssen wir kennen, wenn wir die Vielfalt der gegenwärtigen Kultur Schlesiens verstehen wollen. Über das kulturelle Erbe Schlesiens müssen wir in voller Offenheit und ohne Vorurteile sprechen.

Die jetzige Bevölkerung Schlesiens, das sind vor allem Polen, die aus den alten polnischen Ostgebieten hierherkamen. Nach dem Krieg haben ein paar Millionen Menschen Schlesien verlassen, darunter auch solche Schlesier, die propolnisch orientiert waren. Es gibt noch eine deutsche Minderheit, vor allem in Oberschlesien, mit der man von Regierungsseite einen Dialog führt - mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Uns geht es darum, daß in den westlichen und nördlichen Landesteilen Polens ein neues historisches Bewußtsein entsteht, dessen Hauptmerkmal darin besteht, daß die polnische Tradition auch die zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften anderer Völker, die hier gelebt haben, umfaßt. Das ist auch das Ziel des von mir geleiteten Historischen Museums in Breslau. Verantwortungsbewußt und mit dem Mut zur ganzen Wahrheit wollen wir das kulturelle Erbe Schlesiens bewahren und daran erinnern. Ich hoffe, auf diese Weise dazu beitragen zu können, daß sich ein kollektives Bewußtsein gemeinsamer Tradition und eines gemeinsamen kulturellen Erbes bildet.

Durch schlesische Ausstellungen will das Historische Museum die seit Jahrzehnten existierenden Lücken in der Geschichte Breslaus und Schlesiens ausfüllen. Viele Exponate können hier zum ersten Mal gezeigt werden. Wir haben damit begonnen, Erinnerungsstücke und die mit ihnen verbundenen Menschen zu zeigen und zweisprachig zu beschriften. So entstand bereits 1989 eine Ausstellung über die assimilierte jüdische Bevölkerung: "Breslauer Juden 1850 - 1944", die die Biographien und Leistungen verdienter Breslauer Bürger zeigte. Da diese Ausstellung auf großes Interesse traf - übrigens auch in Deutschland -, beschloß ich, sie im Jahre 1994 zum 50. Jahrestag der Vernichtung der jüdischen Breslauer Gemeinde noch einmal zu zeigen. Ausgangspunkt der Ausstellung waren die schon seit zehn Jahren andauernden Renovierungsarbeiten auf dem alten jüdischen Friedhof in Breslau. Dort wurde mit Hilfe der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn, der niedersächsischen Landesregierung und der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover eine Museumsabteilung für Friedhofsarchitektur mit Steinmetzwerkstätten geschaffen. Auf diesem Friedhof leisteten auch viele polnische und deutsche Jugendgruppen zusammen Aufräumarbeiten, so z.B. Schüler aus Berlin, Alfeld, Wiesbaden und Hannover.

Im Juni 1990 hat der Stadtrat in Breslau das historische, schon 1530 geschaffene Wappen wieder angebracht. Das fünfteilige Breslauer Wappen entstand ähnlich wie andere schlesische Wappen im deutschen Kulturkreis (Habsburger Monarchie), obwohl einige Elemente offensichtlich älteren, slawischen Ursprungs sind. Die Wiedereinführung des Wappens war von symbolischer Bedeutung, krönte meine zehnjährigen Anstrengungen und zeugte von dem Willen, die ganze Geschichte der Stadt anzuerkennen, die im Laufe der Jahrhunderte mit Polen, Böhmen, der Habsburger Monarchie, dem Königtum Preußen und Deutschland verbunden war. Gegenwärtig wird die zweisprachige Ausstellung ständig in einem Saal des Rathauses gezeigt, in dem der letzte deutsche Bürgermeister Dr. W. Spielhagen amtierte, der im Januar 1945 erschossen wurde, weil er gegen den Befehl auftrat, die Stadt zur Festung zu erklären.

Die Zerstörungen der Kriegszeit wurden in der Ausstellung "Tragödie einer Stadt" gezeigt. Diese Ausstellung hatte einen riesigen Erfolg sowohl bei Deutschen als auch bei Polen, denn die meisten Fotografien zeigten Fragmente der Stadt, die nicht mehr existieren. Ein richtiger Schlager wurde 1992 die Ausstellung "Unbekanntes Porträt einer Stadt" mit Fotografien aus der Zeit der Jahrhundertwende. Auf diesen seltenen, meistenteils unveröffentlichten Fotos sah man das alte Breslau mit seinen engen Gassen, Plätzen, Gärten, Parks, Hinterhöfen, abgerissenen Gebäuden und zerstörten Denkmälern, das leider nicht mehr existiert. Die Fotos zeigen auch das alltägliche Leben der damaligen Einwohner, den unverwechselbaren Zeitgeist, nach dem wir uns sehnen. Sie waren vom Magistrat vor fast hundert Jahren zur Dokumentation der Bautätigkeit der Stadt bestellt worden. Bisher kannte man nur das zerstörte und wiederaufgebaute Breslau. Nach dem Krieg nutzte das Regime die Kriegszerstörungen, um aus dem Stadtbild alles zu entfernen, was an das alte Breslau erinnerte. Das romantische Breslau fehlte in den Museumssälen: die alten Schilder von Geschäften und Institutionen, die Gaslaternen, die schmiedeeisernen Pumpen und Zäune, das Kopfsteinpflaster. Diese Ausstellung wird jetzt zum zweiten Mal gezeigt und der Katalog neu aufgelegt.

Den größten Anklang findet sie bei ehemaligen Breslauern und bei der jungen Nachkriegsgeneration. Mein Traum war einmal ein Spaziergang durch das Breslau, das es nicht mehr gibt. Jetzt kann ich die Besucher unseres Museums zu einer solchen Reise in die Vergangenheit einladen.

Die Ausstellung über "Leben und Werk der schlesischen Schriftstellerin Friederike Kempner", bekannt auch als "schlesischer Schwan" oder "schlesische Nachtigall", möchte ich besonders hervorheben. Sie entstand durch Zusammenarbeit des Museums mit der Friederike Kempner Gesellschaft e.V. Auch die Ausstellung "Künstler aus Schlesien" ist Ergebnis einer solchen Zusammenarbeit, dieses mal mit dem "Gerhart Hauptmann Haus" in Düsseldorf. Wir zeigten den heutigen Breslauer Einwohnern Arbeiten einiger Künstler, die in Schlesien geboren wurden, hier zur Schule gingen oder bereits als kleine Kinder aufgrund neuer Grenzziehungen ihre Heimat verlassen mußten. Die Ausstellung war ein einmaliges künstlerisches Ereignis im Rahmen der deutsch-polnischen Beziehungen der Nachkriegszeit, Versöhnung durch Kunst.

Eine besondere Ausstellung widmete das Historische Museum im Jahre 1991 Edith Stein zum 100. Geburtstag, dieser großen Breslauerin, getauft in der römischkatholischen Kirche und verehrt als Theresa Benedikta vom Kreuz. Der Titel der Ausstellung lautete: "Edith Stein - Geschichte einer gewissen Familie"; einer Familie, die ein Vorbild an Toleranz war, besonders in Zeiten von Gewalt und Auseinandersetzungen. Die Mutter der späteren Karmeliterin war eine fromme Jüdin, die alleinstehend sieben Kinder aufzog und in ihrem Haus eine verständnisvolle und tolerante Atmosphäre gegenüber anderen Auffassungen und Konfessionen schuf. Unter den vielen mit Schlesien verbundenen Persönlichkeiten der Kirche ist nur Edith Stein eine geborene Breslauerin. Die Ausstellung "Edith Stein - Jüdin, Atheistin, Christin" wurde auch in Deutschland gezeigt und eröffnete einen großen Breslauer Bürgern gewidmeten Zyklus.

In letzter Zeit ehrten wir noch eine andere herausragende Frau, die Patronin Schlesiens, die heilige Hedwig. 1991 feierte man bereits den 750. Jahrestag der Schlacht bei Liegnitz. Anläßlich dieses Jahrestages wurde zum ersten Mal eine gemeinsame deutsch-polni-sche Gedenkbriefmarke herausgegeben und eine Gedenkmedaille geprägt. "Zum einen, weil es ein hervorragendes und bis in unsere Zeit reichendes Beispiel für die Waffenbruderschaft zwischen Polen und Deutschen ist, wenn es galt, in höchster Gefahr Schaden von Europa und seiner christlich-abendländischen Kultur abzuwenden ..." sagte Wolfram Freiherr von Strachwitz, ein Nachkomme der Ritter, die bei Liegnitz kämpften.

Die heilige Hedwig von Andechs in Bayern wurde die Person des Jahres 1993. Bereits im Dezember 1992 wurde ihr Antlitz - neben anderen schlesischen Patronen - auf dem neuen Buntglasfenster im Erker der ehemaligen RathausKapelle angebracht. Auch das war das Ergebnis deutsch-polnischer Zusammenarbeit.

Kurz darauf wurde die restaurierte Schatzkammer für Besucher freigegeben. Im Fürstensaal (ehemalige Kapelle) wurde eine neue Ausstellung Breslauer Goldschmiedekunst eröffnet. Dies war möglich durch finanzielle Unterstützung der Stadtverwaltung Breslau und der niedersächsischen Landesregierung.

Es wurden auch die Gewölbeschlußsteine restauriert, die man 1938 entfernt und durch Naziembleme (Hakenkreuze, SS- und SA-Initialen usw.) ersetzt hatte. Nach 1945 waren diese wieder demontiert worden, ohne daß jedoch die Originalsteine wieder angebracht worden wären. Erst jetzt wurden mithilfe der Steinmetzschule aus Königslutter die Schlußsteine aus schlesischem Sandstein, der auch vom Rathausbaumeister verwandt worden war, nach alten gotischen Rosettenmotiven rekonstruiert, ebenso wie der Steinfußboden. Zur selben Zeit wurde im Fürstensaal die restaurierte Renaissancetafel aus dem Jahre 1570 wieder angebracht, die in lateinischer und deutscher Sprache den folgenden Text trägt: "Glücklich die Stadt, welche im Frieden den Krieg fürchtet. Unglücklich die Stadt, welche im Frieden den Krieg herbeiwünscht." Weil die Tafel eine deutsche Inschrift trägt, wurde sie nach 1945 abmontiert und vor kurzem im Rathauskeller wieder aufgefunden. Diese zeitlose Wahrheit ist in unserem Jahrhundert, in dem Breslau so viele Wunden durch den Krieg erlitten hat, von besonderer Bedeutung.

Durch den Krieg hat Schlesien seine wertvollsten Schätze und Kunstwerke verloren. Was nicht im Krieg zerstört worden war, wurde gen Westen oder Osten "evakuiert". Ein großer Teil landete in den Warschauer Museen. Schon seit langem bemühen wir uns um die Rückführung der zerstreuten Fragmente des schlesischen Kulturerbes, z.B. um drei Breslauer Schutzschilder der Fußtruppen aus dem 15. Jahrhundert oder um den berühmten Reliquienschrein der heiligen Dorothea aus dem Rathaus. Zur Zeit des Krieges war die Rettung und die folgende Aufbewahrung der wertvollsten Kunstwerke in Warschau begründet. Heute könnte man jedoch erwarten, daß sie an ihren alten Ort zurückkehren. Aber die Warschauer Museumskollegen verteidigen eifersüchtig ihre Errungenschaften und möchten keinen Präzedenzfall schaffen, der andere Eigentümer der in Warschauer Museen gesammelten Einrichtungen heute entleerter Paläste, Kirchen und Museen auf dieselbe Idee bringen könnte. Nicht nur das Verlangen nach Rückgabe beweglicher Immobilien war in den letzten Jahren ein Problem, sondern auch die Rückgabe bestimmter Bauwerke, die sich immer noch in staatlichem Besitz befinden, an die Gemeinden. Erst vor zwei Jahren übertrug der Wojewode das Historische Museum mit all seinen Bauten sowie Grundstücken der Breslauer Gemeinde. Das erst eröffnete die Chance zur wirtschaftlichen Selbständigkeit. Vor allem das Rathaus mit dem in ganz Europa berühmten Schweidnitzer Keller (Piwnica Swidnicka) kam in die Hände der örtlichen Selbstverwaltungsgremien. Nach unseren Vorstellungen soll der Schweidnitzer Keller nach gründlicher Renovierung seine alte Funktion als repräsentative Stadtschänke zurückbekommen. Da die Räume zusammen mit dem Rathaus der Museumsverwaltung unterstehen, erarbeitete ich den Rekonstruktionsplan und trat für die Wiedereinführung der ehemaligen historischen Bezeichnungen der verschiedenen Räumlichkeiten wie Ratsherrenstube, Schöffenstube, Bauernkeller, Bürgerkeller, Studentenkeller usw. ein. Nach zweijährigen Renovierungsarbeiten stellten wir den westlichen Flügel des Zeughauses für ein Museumshotel und einen Seminarsaal zu Verfügung. Als nächstes bekamen Hof und Brunnen ihr ursprüngliches Gesicht zurück. Zur Zeit wird der südliche Flügel renoviert, in dem später das Bauarchiv untergebracht werden wird.

In den Sälen des Breslauer Rathauses wurde der "Kulturpreis Schlesien" an den hervorragenden Dichter und Dramatiker Tadeusz Róøewicz verliehen. Bisher wurde diese von der niedersächsischen Regierung gestiftete Auszeichnung in Hannover überreicht. Nach Unterzeichnung der Vereinbarung partnerschaftlicher Zusammenarbeit zwischen der Wojewodschaft und dem Land Niedersachsen wurde sie zum ersten Mal in Breslau feierlich übergeben.

Nach dem Krieg waren tausende Familien aus Schlesien nach Niedersachsen gekommen. Jahrelang betreute die niedersächsische Landesregierung die schlesischen Übersiedler. Unter ihnen gab es einige Künstler, deren Arbeiten noch immer mit Schlesien verbunden waren. Schlesien spielte auch bei den jungen Künstlern, die bereits in Westdeutschland geboren wurden, noch eine Rolle. Sie beriefen sich auf schlesische Inspirationen. Heute - nach der politischen Wende - wird der Preis vergeben an "diejenigen, die aus Schlesien stammen, in Schlesien wohnen oder deren Arbeiten eine Verbindung zu Schlesien haben" im Bereich von Literatur, bildender Kunst und Musik sowie an Personen, die sich um die "Bewahrung, Entwicklung und Verbreitung schlesischer Kultur verdient gemacht haben".

Die Namen der in Hannover ausgezeichneten deutschen Künstler waren in Polen wenig bekannt. Das hing vor allem mit der politischen Situation zusammen, denn bis 1989 wurde der "Kulturpreis Schlesien" als Ausdruck deutschen revanchistischen Strebens nach Wiedergewinnung der Gebiete östlich der Oder behandelt. Die Werke solcher hervorragender Preisträger wie Lipinsky-Gottersdorf, Bienek, Ossowsky und Piontek, die den deutschen Blickwinkel in Bezug auf die Geschichte Schlesiens und die deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert vorstellten, konnten wegen herrschender Zensur nicht veröffentlicht werden. Trotz weggefallener Zensur konnten in den neunziger Jahren die Wissenslücken über die Schlesien thematisierende deutsche Literatur noch nicht ausgefüllt werden. Nach und nach erscheinen diese Werke jetzt in Polen. Seit einigen Jahren sind auch Polen in der Jury vertreten und die Verleihung des Preises ist nicht mehr nur Ausdruck der Auszeichnung einzelner Künstler, sondern auch Ausdruck der Zusammenarbeit befreundeter Regionen sowie Gelegenheit zur Annäherung und zum Anknüpfen von persönlichen Kontakten und Freundschaften. Die diesjährige Preisverleihung war von einer Vielzahl von Konzerten, Ausstellungen und Theateraufführungen begleitet. Die langjährige Geschichte dieses Preises zeigt uns, wieviel sich in der Zwischenzeit in den deutsch-polnischen Beziehungen verändert hat.

Lassen Sie uns also weiter Brücken über Flüsse bauen, damit wir uns treffen können.