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    TRANSODRA 10/11, April 1995, S. 104 - 109

Dokumentation der Konferenz: Grenze und Grenzbewohner.
Nachbarn und Fremde. Alte Heimat - Neue Heimat. Abschied und Ankunft. 2. - 4. Dezember 1994, Guben/Gubin

Erfahrungen mit der Geschichte: Menschen westlich der Oder

Dr. Leonore Scholze-Irrlitz, Berlin

Gestatten Sie mir, bevor ich zu einigen konkreteren Beispielen in bezug auf die Frage "Wer lebt westlich der Oder-Neiße-Grenze" komme, eine Einführung in die Problematik. Zunächst ein Zitat von Winston Churchill: "Die nach unserem Ermessen befriedigendste und dauerhafteste Methode ist die Vertreibung. Sie wird die Vermischung von Bevölkerungen abschaffen, die zu endlosen Schwierigkeiten führt ... Man wird reinen Tisch machen. Mich beunruhigen diese großen Umsiedlungen nicht, die unter modernen Verhältnissen besser als je zuvor durchgeführt werden können." (Winston Churchill am 15.12.1944 in einer Parlamentsdebatte des Unterhauses, zitiert nach de Zayas 1977, 25)

Das ist eine Auffassung, welche die Entscheidungen der Konferenzen von Teheran (November 1943) und Jalta (Februar 1945) ermöglichte. Die Ostgrenze Polens, festgelegt entlang der Curzon-Linie, einer Demarkationslinie am Ende des Ersten Weltkrieges, und die Westgrenze an der Oder und westlichen Lausitzer Neiße zogen eine Umsiedlung von über sieben Millionen Deutschen nach sich. Daß diese Umsiedlung unter den "modernen Verhältnissen besser als je zuvor durchgeführt werden könnte", bewahrheitete sich nicht. Für die Menschen, die diese Flucht,Vertreibung und Umsiedlung erlebten, ist es ein das Leben prägendes Erlebnis geblieben. Aus diesem Grunde ist es auch wichtig, sich diesem Thema in der Forschung und auch in der öffentlichen Diskussion zuzuwenden. Denn auch in der Gegenwart kommt es zu großen Wanderungsbewegungen.

Welche Beiträge, welche Erfahrungen werden nun von der vorangegangenen Generation eingebracht, und können diese als Denkangebot für gegenwärtige Probleme und Fragen zur Verfügung gestellt werden? Es ist wichtig, bei dieser Frage auch Vergleiche mit anderen - hier zunächst europäischen Ländern anzustellen, die in ähnlicher Form von Migrationsprozessen geprägt sind. Bis solche Vergleiche in größerem Maße möglich sein werden ein erster Schritt in diese Richtung ist die heutige Tagung , ist es notwendig, das Flüchtlings- und Vertriebenenproblem erst einmal für die sowjetische Besatzungszone und spätere DDR zu untersuchen. In dem großen Defizit, das sich nicht nur auf fehlende wissenschaftliche Arbeiten zum Thema in Ostdeutschland, sondern auch auf die nicht stattgefundene Diskussion in der Öffentlichkeit in den 40 Jahren der Existenz der DDR bezieht, ist meine Wahl des Themas begründet.

Das von mir geleitete Regionalmuseum in Beeskow befindet sich im Südosten von Berlin, nicht einmal 50 km von der polnischen Grenze entfernt. In dieser Region besteht die Bevölkerung zu mehr als einem Drittel aus Umgesiedelten und deren Nachkommen. Am 31.8.1945 gab es dort bereits 14.160 Flüchtlinge und Vertriebene bei einer Stammeinwohnerzahl von 55.000; am 10.9.1945 waren es 17.475, am 20.9. - 20.180, am 20.10. - 21.255 und am 31.3.1947 - 24.138, also schon fast die Hälfte der Bevölkerung. (Brandenburgisches Landeshauptarchiv [Br LHA] Rep. 250, 867-2 und Rep. 203, 1115) Für viele andere brandenburgische Landkreise gelten gleiche Größenordnungen, im Kreis Guben oder auch im Land Mecklenburg-Vorpommern ist die Zahl der Umgesiedelten sogar noch wesentlich höher.

Für einen großen Teil der DDR-Bevölkerung war und ist die Erinnerung an diese Zeit und ihre Ereignisse ein wesentlicher Bestandteil der eigenen Geschichte. Man kann außerdem davon ausgehen, daß mit dem seit 1989 sich vollziehenden gesellschaftlichen Umbruch, mit der Infragestellung aller Werte, auch die Erlebnisse aus den Jahren 1944/45 bis 1950 wieder aufgebrochen sind. Von mir durchgeführte lebensgeschichtliche Befragungen haben diese Annahme inzwischen bestätigt. In Arbeiten der Sozialpsychologie, aber auch der Geschichte und der Ethnologie finden wir eine Vielzahl von möglichen Entwicklungen in den Verhaltensweisen von Personen und Gruppen aufgezeichnet, die ihre eigene Geschichte für von der Gesellschaft vergessen glauben bzw. die Ausgrenzung ihrer Erlebnisse aus dem offiziellen Geschichtsbild tagtäglich spüren. Es sei in diesem Zusammenhang auch an die Feststellung von Maurice Halbwachs erinnert, der formulierte, daß der einzelne sich mit öffentlichen, für die Gruppe wesentlichen Ereignissen identifiziert und einen Gutteil dessen erinnert, was er gar nicht selbst erlebt hat. Insofern besitzen die Folgen unterdrückter Erfahrung und Geschichte Relevanz auch für die Gegenwart und die Zukunft.

Xenophobie und Intoleranz, vielleicht aber auch Verständnis und Toleranz speisen sich aus eigener Erfahrung. Und so kann eine Frage, mit der wir an das Archivmaterial, aber auch an die Zeitzeugen herantreten, die nach den Integrations- und Assimilationsmöglichkeiten sein. Die Analyse von Archivmaterial und die Einbeziehung von subjektiven Erfahrungen bei der Eingliederung ist für "das Bewußtsein, für den Konsens oder den Dissens in unserer Gesellschaft von besonderem Interesse", wie von Plato/Meinicke in ihrem West/Ost-Buch formulieren. (von Plato/Meinicke 1991, 19)

Ich möchte zunächst die Integrations- und Assimilationsbedingungen für die Jahre nach 1945 in einem Teilgebiet der östlichen Region der Mark Brandenburg, der ehemaligen Kurmark, untersuchen. Zur Begrifflichkeit möchte ich vorausschicken, daß ich den Begriff des "Flüchtlings" anwende auf diejenigen, die vor der "Roten Armee" in die Gebiete westlich der Oder geflohen sind und den des "Vertriebenen" und "Umgesiedelten" auf diejenigen, die nach dem Mai 1945 ausgesiedelt wurden. Ich spreche von "Vertriebenen und Umgesiedelten", weil mir die Benutzung des Vertriebenenbegriffs wegen seiner starken politischen Besetzung durch die Vertriebenenverbände Schwierigkeiten bereitet. Es sei nur an die aktuellen Diskussionen eines Teils der Sudetendeutschen erinnert, deren Forderungen nach Rückgabe ehemaligen Besitzes zu ernsthaften Verunsicherungen der tschechischen Bevölkerung und zu einem großen Befremden der Regierung Tschechiens geführt haben. Der Begriff des "Umgesiedelten", vorgeschlagen von v. Plato/ Meinicke (v. Plato/Meinicke 1991, 23, Anm. 17) ist weniger belastet und drückt das Unfreiwillige des Prozesses aus im Gegensatz zu dem Begriff des "Umsiedlers", dessen Benutzung in der SBZ schon ab September 1945 angeordnet wurde.

Meinen Bemerkungen zu Herkunfts- und Ankunftsregionen der Flüchtlinge und Umgesiedelten aus historischer und naturräumlicher Sicht möchte ich noch folgendes vorausschicken: Im Chaos des Jahres 1945 versuchte man, die Flüchtlingsströme in bestimmte Gebiete zu lenken. So wurden z.B. in die Region um Beeskow/Storkow diejenigen eingewiesen, die aus den Kreisen südlich der Warthe bis zur Oder, also aus Züllichau, Schwiebus, Crossen und Weststernberg stammten. Es lag in der damaligen Situation begründet, daß eine vollständige Realisierung der Zuweisungspläne nicht möglich war. Aber in überwiegendem Maße sind im Beeskower/Storkower Gebiet tatsächlich Einwohner aus den angegebenen Kreisen untergekommen. Mit einem Rückblick auf Naturraum und Geschichte der beiden Gebiete der Kurmark und der Neumark möchte ich die Frage stellen nach möglicherweise darin begründeten Ursachen für die vorhandene Ablehnung der "Fremden".

1. Die naturräumliche Gliederung weist für beide Gebiete Urstromtäler, Grund- und Endmoränen auf. Die Böden sind meistenteils sandig bis sandig-lehmig, mit Ausnahme der Tonböden in Oder- und Warthenähe. Bis auf diese Ausnahmen weisen somit alle Böden eine mäßige Qualität und - damit verbunden - durchschnittliche Bodenerträge auf. Die Siedlungsformen sind in beiden Gebieten geprägt durch Straßen- und Angerdörfer bzw. die Mischform des Straßenangerdorfes. Die Häuser sind zumeist einstöckig und aus Ziegeln, die Ställe teilweise aus Fachwerk mit Lehmflechtwerk oder auch aus Ziegeln erbaut.

2. Zur geschichtlichen Entwicklung ist kurz zu erwähnen, daß sich im Rahmen der deutschen Ostkolonisation die Herrschaft der Askanier im 13. Jahrhundert auf die Mittelmark, die spätere Kurmark und die Neumark "Mark über der Oder" ausweitet. 1534 kommt es durch Vererbung zur Teilung von Kurmark und Neumark, die allerdings 1571 wieder aufgehoben wird. Jedoch bleibt eine eigene Kriegs- und Domänenkammer und der Sitz der neumärkischen Ständeverwaltung in Küstrin, der "Hauptstadt" der Neumark, bestehen. Im Resultat der Stein-Hardenbergschen Reformen wurden 1808 die Kriegs- und Domänenkammern ersetzt. Brandenburg erhielt für die Kurmark mit Sitz in Potsdam und für die Neumark mit Sitz in Frankfurt/Oder zwei Regierungen. Diese Regierungsbezirke wurden in Kreise geteilt. Diese Kreise sind Verwaltungsbezirke oberhalb der Gemeinden und unterhalb der Region oder Landschaft. (Heckmann 1991, 161) Dies mag zu den verwaltungsgeschichtlichen Hintergründen genügen.

Die naturräumlichen und verwaltungsgeschichtlichen Grundcharakteristika wollte ich voranstellen, da für mich bei den Untersuchungen und Befragungen schon überraschend war, wie es zu einer Ablehnung von Bevölkerungsgruppen kam, die aus geographisch wenig entfernten Gebieten stammten, die von der Konfession her ebenfalls Protestanten waren, eigene kleine Wirtschaften besaßen und nur das Pech hatten, daß sie ca. 30 km östlich der Oder wohnten und nicht wie die Beeskower/Storkower 30 km weiter westlich. Hinzu kommt, daß historisch verschiedenste Gebiete der Mark Brandenburg schon immer mit Wanderungsbewegungen der Bevölkerung konfrontiert waren: so gab es die Bevölkerungsbewegung, die mit den Kolonistenansiedlungen im 18. Jahrhundert verbunden war, oder die Zuwanderung vieler Menschen aus Gegenden östlich der Oder während der Industrialisierung Berlins. (Christopeit 1993, 97)

Es hat sich gezeigt, daß von einer Vielzahl äußerer Bedingungen her keine Unterschiede zwischen den Umgesiedelten und den Einheimischen bestanden. Und doch war die Realität gekennzeichnet durch starke Vorbehalte und Ausgrenzungsbestrebungen. Es zeigt sich somit, daß Bilder vom jeweils "Anderen" existieren, manchmal gespeist aus realen Erfahrungen - wie denen mit den polnischen Saisonarbeitern während der Erntezeit, die bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Landwirtschaft arbeiteten , manchmal ohne realen Hintergrund, gespeist aus überlieferten Vorstellungen oder auch Phobien. M. Augé schrieb im aktuellen Zusammenhang sehr treffend, daß es darum geht, wie die Immi-granten, also "die eingewanderte Bevölkerung zu integrieren sei (oder anders gefragt: Wie soll das Bild von ihr in die Vorstellungswelt des Umfeldes integriert werden, das sie aufnehmen soll?)." (Augé 1994, 2)

Darum ging es auch in den Jahren nach 1945, obwohl natürlich die Zahl der Ankommenden damals wesentlich höher war als in der Gegenwart. Das Bild von den Flüchtlingen, bestimmt auch durch den Zusammenbruch der Wertvorstellungen 1945, beinhaltete grobe Ausgrenzungen wie "Ihr Polacken, Spitzbubenbande, für Euch verlaustes Russenpack habe ich keine Arbeit mehr." (BrLHA, Rep. 250, WP, Nr. 255) - Eingabe einer Frau aus dem Warthegau beim Landrat der Westprignitz - und reichte bis zu allgemeiner Ablehnung der "Fremden": "Also, wie gesagt, wir sind hier nach Lindow gekommen, erst warn wa diejenigen, welche; ham'se mit'n Finger jezeigt: sind ja Umsiedler, uff die müß'n wa uffpassen, die klau'n wahrscheinlich, so war doch immer die Devise, die sind nich echt." (Interview mit H.Sch, Februar 1994, Jahrgang 1930). "Die sind nich echt" sollte heißen, daß man diesen Unbekannten, die im Gegensatz zur geschlossenen, sonst bekannten Dorfgemeinschaft aus der kleinräumigen Orientierung herausfielen, vorsichtshalber mit Mißtrauen begegnen wollte.

Den Einheimischen galten die Flüchtlinge als Menschen ohne Vergangenheit, ihnen mangelte es an gleichwertigen Bedingungen im materiellen und sozialen Bereich. Hier werden auch die Ursachen für die vielfach anzutreffende Benachteiligung und Zurücksetzung bei der Ausstattung der Quartiere der Flüchtlinge zu suchen sein. Diese Zurücksetzung herrschte über eine lange Zeit vor - und nicht nur in den ersten Wochen, in denen noch die Hoffnung bestehen konnte, daß man die "lästigen Untermieter", die nicht einmal Miete zahlten, vielleicht wieder "loswerden könnte". Allerdings ist es notwendig, die Vielfältigkeit der Schattierungen im Umgang mit den Umgesiedelten wahrzunehmen. Betrachtet man den Prozeß der Integration der Vertriebenen, läßt er sich eigentlich korrekter als Assimilation beschreiben. Denn Integration bedeutet, daß eine intakte Wirtsgesellschaft als Ausgangspunkt genommen werden kann. Und dies traf in beiden Zonen - Ost und West - nicht zu; in der SBZ noch weniger als vielleicht im späteren Westdeutschland. In diesem Assimilationsprozeß muß also unterschieden werden nach der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, Schichtenzugehörigkeit, Altersgruppen, nach dem Familienstand, der lokalen Herkunft, nach Verwandtschaftsbeziehungen, persönlichen Biographien u.ä. In der hier begrenzten Form der Darstellung will ich mich besonders auf das Verhältnis von Altersgruppenzugehörigkeit und Familienstand bei der Betrachtung der Assimilationsbedingungen und -möglichkeiten beschränken.

Wesentliche Voraussetzungen für einen Neuanfang waren die Arbeitsmöglichkeiten, die Unterkunftsbedingungen, das Finden einer eigenen Wohnung und eventuelles Eingehen von Verwandtschaftsbeziehungen zu den Einheimischen. Nach den von mir bisher durchgeführten lebensgeschichtlichen Interviews ist es notwendig, die verschiedenen Umgesiedelten danach zu unterscheiden, ob es alleinstehende Frauen mit Kindern oder ohne Nachwuchs waren, deren Männer entweder gefallen, in der Gefangenschaft oder in den Westen gegangen waren, oder auch solche Frauen, die kriegsbedingt nicht geheiratet hatten und auch nach dem Zeitpunkt ihrer Umsiedlung keine Bindung mehr eingingen. Diejenigen, die in den Monaten nach dem Mai 1945 kamen, besaßen überhaupt keine persönliche Habe mehr im Gegensatz zu denen, die im Laufe des Jahres 1946 oder auch später zuzogen. Die besonderen Bedingungen, denen diese Gruppe unterworfen war, werden bei der Betrachtung der ausgeübten Tätigkeit und den Wohnverhältnissen deutlich. So werden von einer Vielzahl von Frauen, die seit dem Krieg oder in den 50er Jahren allein lebten, bis zum Ende ihrer Berufstätigkeit Hilfsarbeiten in der Landwirtschaft ausgeführt. Eine Frau des Jahrgangs 1913, sie war 1945 also 32 Jahre alt und hatte zwei 13jährige Söhne, berichtet, daß sie nach dreimonatigem Aufenthalt in einer als Flüchtlingslager dienenden Kaserne seit Oktober 1945 für ein halbes Jahr mit dem Sohn beim Bauern war: "Von früh um fünfe bis abend um neune, zehne, was der Arbeit gebracht hat, mußten wir bleibn, nich war. Das Essen hatten wir aber frei und die Heizung im Ofen och, ... aber bloß ... Geld nicht war, nischt!" Später wurde für den dann 17jährigen Sohn ein Verdienst notwendig, und er ging nach Stalinstadt, dem in der Gegenwart besser als Eisenhüttenstadt bekannten Ort des Stahlkombinates, wo er in einer Zementfabrik Arbeit fand, in der zuerst für den Werksaufbau und später für den Bau der Stadt Zement produziert wurde. "Na ja, der war untergebracht, ich war noch beim Bauern. Na ja, mir gefiels dann ooch nich, bloß die fünfundzwanzig Mark im Monat, da bin ich zum andern Bauern gemacht, weil der konnte mehr bezahln, die Wirtschaft stand besser da ... Ja, da kriegte ich dann ... den Monat schon fünfzig Mark ... Da hab ich zweiundzwanzig Jahre gearbeitet, zweiundzwanzig Jahre ... bis 1960 die LPG kam ... ich hab noch dreizehn Jahr nach de Rente am Tag neun Stunden gearbeitet! Hab ja'n bißchen was verdient, ich hab dann noch Schichten gearbeitet, beim Kartoffelklappern, beim Knollenbuddeln und ooch bei de Ernte, beim Strohpacken, da gings von zweie bis zehne abends und von früh sechse bis zweie und ... Ich hab alles mitgemacht, was Geld brachte." (Interview mit F.W., Jahrgang 1913)

Die Frau, die aus einer eigenen großen Wirtschaft mit 10 Hektar Land und 3 Hektar Wiese kam, blieb bis zu ihrem Arbeitsende mit Hilfsarbeiten beschäftigt. Die Wohnverhältnisse waren auch sehr einfach: Nachdem sie aus einem großen Umsiedlerlager im Spreewald - eben der genannten ehemaligen Kaserne - gekommen war, hatte sie mit den beiden Söhnen in einer Stube beim Bauern gewohnt, die ca. 8 qm groß war. Hier wohnte sie 22 Jahre, anschließend verbrachte sie sieben Jahre in der ehemaligen Dorfschule: "Da war Küche und Stube, ach, 'ne schöne große Stube hatte ich und 'ne schöne Küche". Doch später sollte darin der Konsum untergebracht werden, und sie mußte ausziehen. "Und 1971 ... bin ich hierhergezogen (in zwei Stuben mit Küche in der unteren Etage eines früheren Einfamilienhauses, welches jetzt von zwei Parteien bewohnt wird - L. Sch.-Irrl.) und bin heut' noch hier." Die Frau hat damit sogar einen gewissen dörflichen Standard erreicht; schlechter untergebracht sind bis in die Gegenwart oft diejenigen, die in ehemaligen Gutshäusern wohnen, aufgeteilt in Stuben für 6 Personen oder Familien. Schon anhand dieser Wohnbedingungen läßt sich für die Generation der 1945 25- oder bis 30jährigen eine nur begrenzte Assimilation bis in die Gegenwart hinein ablesen, bedenkt man, daß auf dem Dorf die Familie meistens in einem eigenen Haus mit Hofgebäuden wohnt.

Andere Möglichkeiten hatten die damaligen Kinder und Jugendlichen. Sie versuchten, Bildungsmöglichkeiten zu nutzen und mit einem Beruf einen Platz zu finden. Wenn es für die SBZ und spätere DDR auch keine Untersuchungen über Begabung und soziale Leistungsfähigkeit der Flüchtlingskinder gab, wie dies z.B. von einem Soziologen für die Bundesrepublik untersucht wurde, läßt sich doch nach den bisher von mir durchgeführten - wenn auch nicht repräsentativen - Untersuchungen sowie denen von Niethammer/v. Plato und Wierling die Vermutung bestätigen, daß die Flüchtlingskinder einem stärkeren Druck in Bezug auf Leistung und Streben nach sozialer Anerkennung unterlagen und entsprechend intensiver reagierten als die einheimischen Kinder. (Müller 1953, Niethammer 1991) Bei denen, die in der DDR in entsprechende gesellschaftliche Organisationen und in die SED oder eine der Blockparteien eintraten, ist das Streben nach Eingliederung und persönlicher Weiterentwicklung sehr deutlich zu erkennen. Ein solches biographisches Beispiel möchte ich hier nicht zitieren, sondern das des Herrn S., der im Jahre 1945 fünfzehn Jahre alt und bei Aufrechterhaltung einer gewissen Distanz doch bereit war, immer neue berufliche Anforderungen, die an ihn herangetragen wurden, zu erfüllen. Mit Distanz meine ich z.B. die Nichtteilnahme seiner Kinder an der Jugendweihe trotz mehrmaligen Drängens durch die Schule.

Sein Beginn nach 1945 war zunächst vielleicht erleichtert durch die baldige Bekanntschaft mit einer einheimischen Bauerntochter, doch dann auch erschwert, da er später auf dem Hof arbeitete und auf die von ihm als "Almosen" bezeichneten Gaben der Schwiegereltern angewiesen war, währenddessen Gleichaltrige "richtiges Geld" verdienten. So begann er 1954 halbtags in der Maschinenausleihstation (MAS) zu arbeiten. Er arbeitete dort von 21/22 Uhr an, nachdem er am Tag bereits auf dem Feld der Schwiegereltern gearbeitet hatte. 1958 begann er ganztags als Traktorist zu arbeiten, 1959 wurde er Brigadier und 1960 Dispatcher bei der Maschinen-Traktoren-Station (MTS), übte also eine Bürotätigkeit aus. Diese MTS wurde 1961 in die LPG einbezogen und der Direktor trat an ihn mit einem "Auftrag" heran. Dieser Ausdruck, er sei "beauftragt" worden, kehrt im weiteren Gespräch dann immer wieder und kennzeichnet den jeweiligen Wechsel der Tätigkeiten. Der Direktor sagte: "Harry, Du weiß jenau, die MTS existiert nur noch dieses Jahr. Wir brauch'n 'nen Fahrlehrer." Der Angesprochene hatte zwar Bedenken, weil er wohl das praktische, aber nicht das theoretische Wissen besaß. Der Direktor beruhigte ihn, wie Herr S. sagte, mit den Worten: "Das eigneste Dir an, wenn De erst mal an der Schule bist." Schule, Schulung, Auftrag und dergleichen sind Begriffe, die bei Herrn S. immer wieder extra betont auftauchen, wie übrigens auch bei anderen Umgesiedelten. In diesem Sinne löste bei ihm ein Auftrag den anderen ab: "Geh dorthin und werde Fahrlehrer, wir müssen jetzt verantwortlich zeichnen für alle, die in der Landwirtschaft des Kreises Beeskow (arbeiten - L.Sch.-Irrl.). Dazu sind wir voll verantwortlich als Kreisbetrieb für Landtechnik. Ich sage, Gerhard, wenn Du meinst, mir ist nichts zuviel, denn geh ich uff Fahrlehrerschule nach Großenhain." Dies brachte familiäre Komplikationen mit sich, denn Großenhain liegt bei Leipzig. "Dann bin ich drei Monate auf Fahrlehrerschule nach Großenhain gegangen, bin alle acht Tage Sonnabend nach Hause gekommen und Sonntag wieder hin." Nach zwei Jahren wandte sich der Direktor erneut an ihn: "Harry, Du wirst staunen, Du mußt noch mal uff Fahrlehrerschule gehen. Ich sage: Wieso? Na Mensch, wir kriegen am 1. Januar von Ludwigsfelde 'n Fahrschul-LKW, und den mußt Du besetzen. Wir sind verantwortlich für die Klasse 5. Mensch, sag' ich (im Sinne von "schon wieder ich"-L.Sch.-Irrl.), na gut, mach' ich ooch." (Interview mit H.S., Jahrgang 1930). Dies ließe sich mit ähnlichen Beispielen noch fortsetzen. Nun könnte man ja auch annehmen, daß der interviewte Herr S. gutmütig ist und nicht nein sagen kann. Doch daß dies, wenn auch vorhanden, nicht der einzige Grund ist, wird bei solchen Bemerkungen deutlich wie "da ham wa ooch Folge geleistet". Besonders deutlich wird aber das untergründige Problem des Bemühens um Sozialprestige anhand von Bemerkungen, daß er sich als erster im Dorf ein sehr teures Simson-Suhl-Fahrrad kaufte, den ersten Fernseher im Dorf besaß und auch das erste Motorrad erwarb. Sagte er an einer früheren Stelle im Interview, daß er im Gegensatz zu seinen Eltern schon nach ein paar Monaten, nach einem Vierteljahr integriert war, ist dies wohl doch ein längerer Prozeß gewesen, da Fahrradkauf u.ä. erst in den sechziger Jahren erfolgten, immer mit der Bemerkung versehen, daß andere seine Erwerbungen bewunderten: "Na siehste, ich hab doch gleich gesagt, der Harry, der bringt es zu wat."

Mag es für den hier mit kurzen Ausschnitten aus seiner Biographie Vorgestellten, durch die Einheirat noch begünstigt, nach fünf Jahrzehnten zu einer Assimilation in die Dorfgemeinschaft gekommen sein, brechen aber gerade im Gefolge von 1989 manche Bitterkeiten wieder auf. Und zu dem Gefühl der Benachteiligung bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern gegenüber den Einwohnern Westdeutschlands kommt bei den Umgesiedelten das einer doppelten Benachteiligung, bedingt durch die Entschädigungsregelungen. Auf die direkte Frage, ob er sich als Flüchtling, Vertriebener oder Umgesiedelter fühlt, antwortet er: "Ich würde mich als gar nischt mehr bezeichnen ... (sondern) als Lindower." Frage: Das spielt keine Rolle mehr? Herr S.: "Grundsätzlich nicht. Für mich steht nur eins fest, und das habe ich bedauert bis zum geht nicht mehr, und dies bedauere ich heute noch, daß der ehemalige DDR-Bürger, der von der DDR stiften gegangen ist nach der Bundesrepublik, jede Menge, jede Menge Geld bekommen hat ... der sogenannte Lastenausgleich. Und uns wolln'se jetzt, wenn's geht, im Jahr 2010 die 4000,- Mark, die wir kriegen sollen, wenns jeht, noch streichen oder gar nicht erst zahlen, weil im Jahre 2004 so viele schon dot sind von den Alten, dann brauchen'se nicht mehr zahln."

Betrachtet man nun diesen Eingliederungsprozeß in Ostdeutschland - für den ich nur zwei typische Beispiele ausgewählt habe -, läßt sich feststellen, daß für die Generation der 1945 Erwachsenen nur begrenzt von Assimilation gesprochen werden kann. Für die damals 15- bis 20jährigen und die Kinder waren bessere Eingliederungsbedingungen gegeben. Es zeigt sich allerdings, daß bei einer erneuten Veränderung grundlegender Lebensbedingungen die Erinnerung an Benachteiligungen und Zurücksetzungen sofort wieder aufbrechen. Erst den Kindern dieser Generation ist eine vollständige Assimilation möglich.

Und hier gibt es meines Erachtens auch einen wesentlichen Unterschied zu Westdeutschland: Paul Lüttinger, der sich mit der von ihm als Mythos bezeichneten schnellen Integration in der Bundesrepublik auseinandersetzt, hebt hervor, daß man von der politischen und kulturellen Integration nicht vorschnell auf eine erfolgreiche soziale Integration schließen sollte. (Lüttinger 1986, 20 f.) Und er begründet dies mit früherem, unfreiwilligem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben, den damit verbundenen geringeren Renten und der Fortsetzung der Ungleichheiten auch in den differierenden materiellen Vererbungsmöglichkeiten im Vergleich zu Einheimischen durch geringere materielle Akkumulationsmöglichkeiten. Gleiches gilt für die Zugangsmöglichkeiten zu höheren Ausbildungsstufen in einer Zeit, als der Zugang zum Studium durch Schulgeld und Studiengebühren erschwert war. (Lehmann 1993, 67)

In der DDR galten diese Beschränkungen mit dem Beginn der 50er Jahre in wesentlich geringerem Maße, bedingt durch den vollkommenen Umbruch des gesellschaftlichen Systems, der alle Einwohner neuen und ungewohnten Bedingungen unterwarf.

"Und damit treffen sich ihre Erfahrungen mit denen der Einheimischen, die sich ähnlich fremd in der Nachkriegszeit fühlten. Die Durchmischung der Nachkriegsgesellschaft durch die Vertriebenen und Umsiedler wirkten zusammen mit den neuen Fremdheiten des SED-Staates so stark sowohl bei Einheimischen wie bei Flüchtlingen. (Die) Flüchtlinge mußten sich zwar nach Heimatverlust anders als die Einheimischen in einen neuen Ort einfügen, aber beide - Eingesessene wie Vertriebene - mußten sich in die großen Fremdheiten, Orientierungen und Anforderungen einer neuen Zeit hineinfinden." (Niethammer/v. Plato 1991, 327 f.)

Literaturangaben:

  • Augé, Marc, 1994: Krise der Identität oder Krise des Andersseins? Die Beziehungen zum anderen in Europa. Ringvorlesung im Sommersemester am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie, Manuskriptdruck.
  • Christopeit, Gerald, 1993: Die Herkunft und die Verteilung der Evakuierten, Flüchtlinge und Vertriebenen in der Provinz Mark Brandenburg und ihr Verhältnis zu der einheimischen Bevölkerung. In: Wille, Manfred / Hoffmann, Johannes / Meinicke, Wolfgang (Hg.): Sie hatten alles verloren. Flüchtlinge und Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Wiesbaden.
  • Heckmann, Hermann, 1991: Brandenburg. Historische Landeskunde Mitteldeutschlands, Würzburg.
  • Lehmann, Albrecht, 1993: Im Fremden ungewollt zuhaus. Flüchtlinge und Vertriebene in Westdeutschland 1945 - 1990, München.
  • Lüttinger, Paul, 1986: Der Mythos der schnellen Integration. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 15, Heft 1, S. 20-36.
  • Müller, Karl Valentin, 1953: Heimatvertriebene Jugend. Eine soziologische Studie zum Problem der Sozialtüchtigkeit des Nachwuchses der heimatvertriebenen Bevölkerung, Kitzingen-Main.
  • Niethammer, Lutz / v. Plato, Alexander / Wierling, Dorothee, 1991: Die volkseigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR, Berlin.
  • von Plato, Alexander / Meinicke, Wolfgang, 1992: Alte Heimat - neue Zeit. Flüchtlinge, Umgesiedelte, Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR, Berlin.
  • de Zayas, Alfred M., 1977: Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen. Vorgeschichte, Verlauf, Folgen, München.