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    TRANSODRA 10/11, April 1995, S. 26 - 39

Dokumentation der Konferenz: Grenze und Grenzbewohner.
Nachbarn und Fremde. Alte Heimat - Neue Heimat. Abschied und Ankunft. 2. - 4. Dezember 1994, Guben/Gubin

Vom 'Flüchtling' zum Neubürger.

Vertriebenenintegration als gesellschaftspolitisches Problem der deutschen Nachkriegsgesellschaften.

Dr. Michael Schwartz, Institut für Zeitgeschichte, Potsdam

I

Obwohl Flucht und Vertreibung als "uralte Probleme" der Menschheitsgeschichte angesprochen werden können, erscheint doch das 20. Jahrhundert nicht nur als das Jahrhundert der Weltkriege, der Totalitarismen, des ideologisch-politischen Weltbürgerkriegs, dessen letzte Phase - der bipolare 'Kalte Krieg' - soeben unter unseren Augen zuende ging; es erscheint in nicht geringerem Maße auch als das "Jahrhundert der Flüchtlinge", der massenhaften Zwangsvertreibungen und Zwangsumsiedlungen großer Bevölkerungsgruppen mit allen Folgeproblemen ihrer sozialen Reintegration und der sozialpsychologischen 'Verarbeitung' der Vertreibungserfahrung. Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten war die Vertreibungsgeschichte unseres Jahrhunderts nicht nur durch die unvergleichliche Quantität des Phänomens, sondern auch durch eine "zunehmende] Verengung der Fluchträume" gekennzeichnet. Dies gilt - anders als für die weitgehend 'entleerten' Gebiete östlich der Oder und Neiße, die an Polen fielen - insbesondere für das besetzte 'Restdeutschland', wo Millionen 'Vertriebene' auf Millionen alteingesessener Einwohner trafen. Die hierdurch bedingte Ressourcenverknappung, die ohnedies vor dem Hintergrund einer durch den Weltkrieg erschütterten 'Zusammenbruchsgesellschaft' erfolgte, verschärfte die im folgenden zu diskutierende Integrationsproblematik signifikant und stellte an staatliche Integrationspolitik sowie an gesellschaftliche Integrationsbereitschaft umso höhere Anforderungen.

Die deutschen Bevölkerungsverluste aufgrund des 2. Weltkrieges, die insgesamt auf etwa 6 Millionen Menschen geschätzt werden, wurden bereits durch 4,3 Millionen Menschen Bevölkerungszuwachs durch 'volksdeutsche' Zuwanderung ab 1939 sowie durch einen Geburtenüberschuß von 1,5 Millionen Menschen nahezu wieder ausgeglichen. Insofern bewirkte die kriegsbedingte einschneidende Verkleinerung des deutschen Staats und Siedlungsgebiets im Osten und die damit verbundenen "gewaltige(n) Bevölkerungsverschiebungen" nach Mittel- und Westdeutschland dort bis 1946 - verglichen mit dem Vorkriegsstand 1939 - eine Bevölkerungszunahme um 9% oder 5,2 Millionen Menschen. Dieser Zuwachs steigerte sich in der Folgezeit noch erheblich: Bis 1950 wurden insgesamt 12,3 Millionen deutsche Vertriebene im - mittlerweile geteilten - 'Restdeutschland' gezählt; dies waren 18% der dortigen Nachkriegsbevölkerung, wobei freilich nicht alle 'Vertriebenen' eine genuine 'Vertreibungserfahrung' besaßen, da auch bereits im Krieg Geflüchtete sowie erst später heimkehrende Kriegsgefangene, die ihren Vorkriegswohnsitz in den Vertreibungsgebieten hatten, zwangsläufig zu dieser Gruppe zu rechnen waren. 4,4 Millionen dieser Vertriebenen - zuerst nannte man sie 'Flüchtlinge', in der SBZ schon bald offiziell lieber 'Umsiedler' - lebten 1950 in der DDR (24% der DDR-Bevölkerung), 7,9 Mio in der damaligen Bundesrepublik (16% der BRD-Bevölkerung). Angesichts des prozentual weitaus höheren Bevölkerungsanteils der Vertriebenen in der SBZ/DDR wurde die entstehende DDR-Gesellschaft noch stärker und nachhaltiger von den Problemen der Vertriebenenintegration geprägt als ihr westliches Gegenstück.

Allerdings haben die genannten zentralstaatlichen Zahlen wiederum nur einen begrenzten Aussagewert, da die ursprüngliche - teils gelenkte, teils chaotische - Ansiedlung der Vertriebenen in allen deutschen Besatzungszonen regional ausgesprochen unausgewogen - und daß heißt konkret: zu Lasten der ländlich strukturierten Regionen - erfolgte, wo man Ernährung und Unterbringung noch am ehesten gewährleistet glaubte. Noch 1950 wiesen diese primären Siedlungsschwerpunkte - trotz mittlerweile begonnener Sekundärwanderung in Richtung Industrieregionen - unvergleichlich hohe Vertriebenenanteile auf, so etwa im Westen Schleswig-Holstein mit fast 40%, Niedersachsen mit etwa 33% und Bayern mit etwa 25% oder in der SBZ Mecklenburg-Vorpommern mit exorbitanten 44% (wohl die höchste Vertriebenenquote in allen deutschen Ländern überhaupt!), während er im hochindustrialisierten Sachsen lediglich bei 17,3% lag. Die SBZ insgesamt hatte damit gegenüber 1939 einen Bevölkerungszuwachs von 18% zu verkraften, der jedoch in Sachsen und in Brandenburg höchst unterdurchschnittlich blieb, während er in Thüringen und der Provinz Sachsen (bzw. Sachsen-Anhalt) bei oder deutlich über 25% lag, um in Mecklenburg sogar die 50%Marke zu übersteigen. Damit wurden in beiden späteren deutschen Teilstaaten gerade die ländlichen Regionen, wo jeder vierte, zuweilen fast jeder zweite Einwohner Vertriebener war, von geradezu revolutionären Strukturveränderungen erfaßt. Dies gilt in nochmals stärkerem Maße für eine SBZ-Region wie Mecklenburg als für Westzonenregionen wie Schleswig-Holstein, da im östlichen Falle die revolutionäre Veränderung der Bevölkerungsstruktur mit weiteren, politisch motivierten Strukturveränderungen wie z.B. der Bodenreform einherging und somit eine Akkumulation gesellschaftlicher Transformations-, ja Umwälzungsprozesse beobachtet werden kann.

Signifikante Unterschiede für die jeweilige Integrationssituation ergeben sich aus der sekundären Wanderung der Vertriebenen, die als Folge des wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach 1948 allmählich einsetzte. Hier sind zunächst die umfangreichen Binnenwanderungen innerhalb eines Staates zu nennen, die in der BRD etwa NRW stark betrafen und sich in der DDR Richtung Sachsen oder aber in Richtung völlig neu geschaffener Industriestandorte wie Stalin- bzw. Eisenhüttenstadt orientierten. In Ost und West verzichtete der Staat dabei zunächst keineswegs auf Möglichkeiten direkter Arbeitskräftelenkung, die instrumentell noch aus dem Arsenal der NS-Diktatur stammten. Mindestens ebenso wichtig erscheint in diesem Zusammenhang jedoch die grenzüberschreitende Ost-West-Wanderung mit ihren strukturellen Folgewirkungen, die zwischen 1950 und 1964 zu einem Wanderungsverlust der DDR-Bevölkerung von 2,4 Millionen Menschen führte und den Mauerbau von 1961 in der Tat zu einer "Existenzfrage" dieses Staates werden ließ. Nach anderen Berechnungen ist von bis zu 2,7 Mio DDR-Abwanderern auszugehen, von denen nahezu ein Drittel (950.000) frühere Vertriebene gewesen sein sollen, deren Anteil an der frühen 'Republikflucht' damit als überdurchschnittlich hoch zu veranschlagen wäre. Aufgrund dieser Abwanderung, die insbesondere von jüngeren und qualifizierteren Einwohnern primär männlichen Geschlechts getragen wurde, erhielt die DDR-Integrationsgesellschaft ein spezifisch anderes Gesicht als ihr bundesrepublikanisches Pendant: In der Bevölkerungsstruktur der DDR waren bis Anfang der 60er Jahre im Vergleich zum Westen ältere Frauen stark über- und jüngere Männer stark unterrepräsentiert. Dies dürfte gewisse Auswirkungen auf die Integrationspolitik der DDR gezeitigt haben, denn der älteren Generation angehörende Vertriebene haben sich tendenziell als schwerer integrierbar erwiesen als jüngere. Andererseits war die im Westen häufig konstatierte mangelnde Integration nichtberufstätiger "Nur-Hausfrauen" unter den Vertriebenen in der DDR nicht in diesem Maße gegeben: Die überproportional von Frauen getragene Gesellschaft der DDR mußte weit stärker und weit früher als die Bundesrepublik, die hier auf Zonenzuwanderer und später auf außerdeutsche "Gastarbeiter" zurückgreifen konnte, die Arbeitsmarktintegration von Frauen forcieren, so daß bis 1989 eine sehr viel höhere Partizipation von Frauen an der "Arbeitsgesellschaft" mit den entsprechenden sozialintegrativen Konsequenzen zu attestieren ist.

 

II

Wenn von Vertriebenenintegration nach 1945 die Rede ist, gerät man zwangsläufig in ein Dickicht konkurrierender sozialwissenschaftlicher Definitionen. Es entspricht dem grundsätzlich begrenzten Stellenwert von Politik in modernen Gesellschaften, daß auch staatliche Vertriebenenintegrations-Politik nur bestimmte Teilbereiche gesellschaftlicher Integration einigermaßen beeinflussen konnte. Folgen wir hier Frantziochs dreistufigem Integrationsmodell des 'Kommerziums', der 'Kommensalität' und des 'Konnubiums', so wird rasch deutlich, daß staatliche Politik im wesentlichen jenes als 'Kommerzium' bezeichnete "Vorstadium von Integration", nämlich die "Aufnahme rein sachlicher Beziehungen" zwischen Einheimischen und Zuwanderern in Form "der wirtschaftlichen, beruflichen und räumlichen Integration der Vertriebenen" einigermaßen zu steuern vermochte, darüberhinaus noch einen gewissen Einfluß auf die 'Kommensalität' in Form von Vereins oder Organisationsmitgliedschaften der Vertriebenen nehmen konnte. Eine wirkliche Gleichwertigkeit sozialer Beziehungen, wie sie mustergültig am Konnubium abgelesen werden kann, war auf politischem Wege jedoch nicht herbeizuführen, sondern eine Aufgabe gesellschaftlich-lebensweltlicher Selbststeuerung.

Wie man Zeitspanne und Erfolg eines Integrationsprozesses bewertet, hängt wesentlich von der zuvor gewählten Integrationsdefinition ab. So ist etwa zu erklären, daß mit einer primär auf wirtschaftliche Integration ('Kommerzium') mit den Kriterien Arbeitsplatz- und Wohnungszuweisung zielenden Minimaldefinition der betreffende Integrationsprozeß in beiden deutschen Staaten bereits in den 50er Jahren als erfolgreich abgeschlossen betrachtet werden konnte. Sobald man über besagte Minimaldefinition hinausgeht, verändert sich das Bild erheblich, etwa wenn man objektive Integrationskriterien und subjektive Integrationserfahrungen voneinander unterscheidet; die Ergebnisse sind hier freilich alles andere als eindeutig, es hat sich vielmehr gezeigt, daß die subjektive Integrationserfahrung hinter den objektiven Faktoren deutlich zurückbleibt, im Sinne von integrierter Zufriedenheit jedoch dieselben auch deutlich übertreffen kann. Insofern muß man auch bei der Historisierung subjektiver Integrationserfahrungen nach sozialer Schichtung mit den jeweils unterschiedlichen Integrations-potentialen und -chancen, aber auch nach diesbezüglich relevanten Generationsunterschieden fragen. In einer vorzüglichen Regionalstudie über den Integrationsprozeß im bayerischen Landkreis Günzburg ist z.B. deutlich herausgearbeitet worden, daß der Erfolg sozialer Eingliederung der Vertriebenen wesentlich vom Integrationsfaktor der "gemeinsame[n] Arbeitsstätte" abhing, daneben - für die junge Vertriebenengeneration - auch von der Schule. Eine etwa 10% der Befragten umfassende Restgruppe dieser Günzburger Vertriebenen, die sich noch Jahrzehnte nach 1945 subjektiv als nicht integriert einschätzte, wurde entsprechend im wesentlichen von solchen Angehörigen der älteren Vertriebenengeneration gestellt, die - gerade im Falle ehemaliger Selbständiger, besonders ehemaliger, nicht wieder angesiedelter Landwirte - ihre dauerhafte soziale Deklassierungserfahrung nicht zu akzeptieren vermochten oder - wie im Falle nichtberufstätiger Hausfrauen - die zentrale Integrationserfahrung am kollektiven Arbeitsplatz nie hatten machen können. Als am wenigsten 'nichtintegriert' schätzten sich demgegenüber ehedem heimatvertriebene Arbeiter und eben Jugendliche ein.

Daß bisher wissenschaftlich kaum eine Einigung darüber zu erzielen gewesen ist, was unter die Kriterien dieses Integrationsprozesses zu rechnen wäre, hat eine gewisse Tradition. Schon in den 50er Jahren gab es einen heftigen Streit zwischen einem 'restaurativen' (auf Restauration des Vorkriegsstatus zielenden) und einem 'progressiven' (auf die Chancen und die dauerhafte Nutzung der erzwungenen Mobilität und Elastizität setzenden) Integrationsbegriff in der damaligen Forschung, der seinerseits nur die grundlegenden sozialpolitischen Konflikte um Statusrestauration oder zukunftsgerichtete sozialpolitische Integrationshilfen widerspiegelte, wie sie sich etwa in der Lastenausgleichsdebatte manifestierten. Das Kriterium der 'beruflichen Fehlallokation' bleibt letztlich einem restaurativen Integrationsbegriff verhaftet, der den Vorkriegsstatus zum Maßstab nimmt; eine eher "progressive" Integrationsanalyse müßte demgegenüber eher nach dem Grad der "Chancengleichheit" in den sich neu entwickelnden Strukturen fragen. Das beliebte "Unterschichtungsmodell" sollte man dahingehend differenzieren, daß dieses primär in solchen ökonomischen Strukturen griff, die sich nicht (oder nur gering) modernisierten, während in neuentstehenden Wachstumsbranchen des sekundären oder tertiären Sektors nicht zwangsläufig ein solcher Prozeß unterstellt werden darf.

Sobald man sich darauf verständigt hat, daß es 'die Vertriebenen' als homogene Gruppe nie gab, sondern stets eine hochgradige Differenzierung nach Vorkriegssozialisation und -status, konkreter Vertreibungserfahrung und insbesondere nach höchst unterschiedlich verlaufender sozioökonomischer Integration in der unmittelbaren Nachkriegszeit erfolgen muß, wird man genauso das Bild von 'der' Aufnahmegesellschaft zu differenzieren haben, die sowohl nach Klassen- oder Schichtungsstratifikation, aber auch nach regionalen Unterschieden und per Stadt/Land-Gefälle deutlich differente 'Aufnahme-Situationen' bot. Darüberhinaus sind die jeweiligen lokalen Aufnahmegesellschaften im Nachkriegsdeutschland keineswegs durchgängig als statische, fest strukturierte Gesellschaften zu verstehen, sondern waren größtenteils ihrerseits "Zusammenbruchsgesellschaften" (Kleßmann), Gesellschaften im Übergang, die insofern nicht nur den hinzutretenden Vertriebenen, sondern auch den Alteingesessenen vielfältige Anpassungsleistungen an eine "neue Zeit" abverlangten. Dabei soll man freilich die unterstellten konfliktentschärfenden Wirkungen der gemeinsamen Anpassungszwänge nicht überschätzen, sondern durchaus wichtige, manchmal entscheidende "Startvorteile" der Alteingesessenen in diesem Transformationsprozeß wahrnehmen, die ihrerseits wieder je nach dem kriegsbedingten "Erschütterungsgrad" einer bestimmten lokalen oder regionalen Gesellschaftsstruktur und nach sozialer Gruppenzugehörigkeit unterschiedlich ausfielen. Wenn etwa in einer Studie zur Vertriebenenintegration in der SBZ die These aufgestellt wird, gerade der relativ bescheidene Lebensstandard sowohl bei Alteingesessenen als auch bei Vertriebenen habe nach 1945 "den gegenseitigen 'Sozialneid' in Grenzen" gehalten, wird man schon einige Fragezeichen notieren. So unbedeutend können die Unterschiede im Lebensstandard und die daraus resultierenden Verteilungskonflikte denn doch nicht gewesen sein, wenn die genannte Studie selbst an anderer Stelle "die Kluft in den Besitzverhältnissen des täglichen Lebens" vermerkt, weswegen die 'Umgesiedelten' in den Augen der Alteingesessenen "jahrelang als 'Habenichtse'" gegolten hätten. Diese Kluft zwischen Lebenslagen und Lebenschancen diverser Bevölkerungsgruppen wird noch deutlicher, wenn man zwischen der sozialen Situation in den (meist stark kriegszerstörten) größeren Städten - wo sich aufgrunddessen womöglich eher eine "Gemeinsamkeit der Not" etablieren mochte - und jener in vielen kleinstädtischen oder ländlichen Lokalgesellschaften unterscheidet, wo die meistens - nicht immer! - sehr viel stärker intakt gebliebene Aufnahmegesellschaft durch schärfere Abgrenzung und Konfliktbereitschaft auf die Neuankömmlinge reagierte. Treffend ist darauf hingewiesen worden, wie sehr als Konsequenz etwa der Bodenreform in der SBZ die sofort scharf einsetzenden Konflikte um knappe ökonomische Ressourcen ihrerseits auch die "sozialen und kulturellen Gegensätze" (etwa entlang der konfessionellen Trennlinie) zwischen alten und neuen Bevölkerungsgruppen auf dem Lande zu aktivieren vermochten. Wie wir schon gesehen haben, hatten gerade solche ländlichen Lokalgesellschaften in der frühen Nachkriegsphase die Hauptlast der primären Integration zu tragen. Gerade im Rahmen der Vertriebenenintegration wurde somit "der klassische Stadt/Land-Gegensatz [...] in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch einmal erheblich verschärft", denn es ist einleuchtend, daß sich in den am schwersten belasteten Teilen der Gesamtgesellschaft auch die Verteilungskonflikte am schärfsten entzündeten. Insofern ist es nur folgerichtig, daß neuere Studien gerade "das unmittelbare soziale Konfliktfeld" dörflicher Lokalgesellschaften in den Blick genommen haben, um in einer interessanten Forschungsperspektive die dortige "Konfliktgeschichte" der Vertriebenenintegration wiederum in übergeordnete Transformationsprozesse einzuordnen, die am Ende eine regelrechte "Revolution des Dorfes" bewirkt hätten. Vertriebenenintegration auf dem Lande trug auf diese Weise mittelfristig wiederum auch zu einer verstärkten gesamtgesellschaftlichen Integration solch ländlicher Gebiete und zu ihrer wirtschaftlichen Diversifizierung bei.

III

Integrationspolitik gegenüber den Vertriebenen war in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften wesentlich Chancengleichheitspolitik bzw. genauer: eine Politik der tendenziellen Nivellierung von recht gravierenden Unterschieden hinsichtlich gesellschaftlicher 'Lebenschancen'. Diese Politik war wohl nicht rundum erfolgreich, doch reichte dieser begrenzte Erfolg offensichtlich aus, um das brisante Integrationsproblem in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften relativ rasch und nachhaltig zu entschärfen. Diese Politik der Gleichstellung wurde von den Besatzungsmächten ziemlich frühzeitig gewünscht, setzte jedoch mangels Konzept, mangels wirtschaftlicher Tragfähigkeit und mangels wirklicher Integrationsbereitschaft bei fast allen Beteiligten erst einige Zeit nach dem Zusammenbruch des 'Dritten Reiches' effektiv ein. Sowohl die Vertriebenen als auch ihre Aufnahmegesellschaften hofften wohl in der unmittelbaren Nachkriegszeit gemeinsam auf baldige Rückkehr in die 'alte Heimat' und setzten daher eher auf Integrations-vermeidung. Die unmittelbare Politik gegenüber den Vertriebenen ab 1945 war daher in allen Besatzungszonen bestenfalls eine rudimentäre Versorgungspolitik, zu deren Gelingen lokale und insbesondere nichtstaatliche (etwa kirchliche) Hilfsinitiativen anfangs mindestens ebensoviel beitrugen wie die staatlichen Verwaltungen. Diese zeigten sich allerorten unvorbereitet und überfordert, woran gewisse behördliche Vorerfahrungen mit NS-Umsiedlungen und Evakuierungen nur sehr wenig änderten. Die zentralen, primären Versorgungsaufgaben - eine provisorische Wohnunterbringung, die in der Regel nur über behördlich erzwungene Einquartierungen mehr schlecht als recht funktionierte; eine provisorische Arbeitsvermittlung, die zunächst eher Fürsorgebelastungen zu minimieren suchte als an langfristiger wirtschaftlicher Entwicklung interessiert war; und schließlich eine meist über Spenden geregelte Versorgung mit dem nötigsten Hausrat und mit Kleidung - all diese Aufgaben wurden von den zuständigen Behörden erst allmählich, wenn überhaupt bewältigt. Ab dem Spätsommer 1945 veranlaßten zwar die Besatzungsbehörden eine Zentralisierung dieser administrativen Versorgungsaufgaben, doch auch diese Zentralbehörden gelangten erst im Laufe des Jahres 1946 zu einigermaßen standardisierter bürokratischer Praxis. Am weitesten gingen - im Unterschied zu den Westmächten, die sich auf länderbezogene Behörden beschränkten - in dieser Zentralisierungspolitik die Sowjets, die im September 1945 die Gründung einer für die gesamte SBZ zuständigen Sonderverwaltung - der "Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler" - befahlen. In den Westzonen gab es solche zoneneinheitliche Verwaltungen nicht. Spezielle Sonderverwaltungen für Vertriebene scheinen hier - in Form von Ministerien wie etwa in Niedersachsen oder in Form eines Staatskommissariats wie in Bayern - primär in jenen ländlichen Regionen eingerichtet worden zu sein, die ab 1945 zu den primären Siedlungsschwerpunkten der Vertriebenen geworden waren. Weniger betroffene Gebiete - wie etwa Nordrhein-Westfalen - verzichteten auf solche Sonderverwaltungen und ließen die Vertriebenenfrage im Rahmen allgemeiner Verwaltung, etwa vom Sozialministerium, bearbeiten. Gleichgültig, welche Form die administrative Erstausstattung der Vertriebenenpolitik im Nachkriegsdeutschland annahm, kann man davon ausgehen, daß in keinem Fall klare Zuständigkeiten existierten. Zuviele unterschiedliche Behörden waren in diese völlig neuartige Verwaltungsaufgabe eingebunden - und es wurden desto mehr, je stärker der zentrale Aspekt der wirtschaftlichen und sozialen Dauerintegration gegenüber Erstunterbringung und Sozialfürsorge in den Vordergrund des Verwaltungshandelns trat. Vertriebenen-, Arbeits-, Wirtschafts-, Landwirtschafts-, Sozial- und selbst Innenverwaltungen sahen sich genötigt, ihre diversen Tätigkeitsfelder, Zielvorstellungen und Handlungslogiken einigermaßen zu koordinieren. Hinzu traten die Differenzen zwischen den diversen Strukturebenen Zentrale, Regionen und lokalen Einheiten. Inwiefern die notwendige Kooperation in diesem administrativen Netzwerk - das seinerseits wieder mit Besatzungsverwaltungen und politischen Parteien kooperieren mußte - tatsächlich gelang, von welchen Struktur- und Gewichtsverschiebungen diese Kooperationsformen abhingen, welche gesellschaftlichen Gruppeninteressen mehr oder weniger effektiv auf Politik und Verwaltungshandeln einwirkten - all dies ist eine bislang weithin ungeklärte, allenfalls rudimentär erfaßte Forschungsaufgabe.

Die Jahre 1947/48 bilden eine gewisse Zäsur. Ab 1947 kam der massenhafte Vertriebenenzustrom einigermaßen zum Abschluß; die seither nachrückenden Menschen stellten prozentual relativ geringfügige Größen dar. Diese Entwicklung hatte - im Verein mit der unterdessen erfolgten relativen Konsolidierung des Verwaltungshandelns und mit einer nicht zuletzt durch die Landtagswahlen von 1946 intensivierten Rolle der zunächst gelähmten Parteipolitik - zur Folge, daß die Aufgabe der primären Versorgung allmählich auch faktisch von der eigentlichen Integrationsaufgabe abgelöst wurde. Ab 1947/48 entwickelte sich eine Integrationspolitik, die an der Minimaldefinition wirtschaftlicher Integration ansetzte, da sich hier der - wie geringfügig auch immer gegebene - Nutzen für den einzelnen Vertriebenen mit dem Nutzen für die Volkswirtschaft am ehesten deckte und überdies der Effekt politisch-administrativer Intervention am größten (oder besser: am wenigsten gering) zu sein schien. Ohne die Fürsorgepolitik gegenüber den zur langfristigen "Versorgungsklasse" zählenden Gruppen wie Alten, Schwerkranken oder Kriegsbeschädigten sowie elternlosen Kindern und Jugendlichen aufgeben zu können, konzentrierte sich nunmehr das Interesse des politisch-administrativen Systems auf die Erwerbsfähigen. Es ist kaum zufällig, daß diese Politik parallel zu der 1948 einsetzenden Wiederbelebung des Wirtschaftslebens und der gleichzeitig einsetzenden Sekundärwanderung vom Lande in die Industrieregionen erfolgte, welche die am säkularen Trend der 'Landflucht' gemessen zutiefst antizyklische 'Flucht aufs Land' von 1945/46 alsbald widerrief und auch der häufig damit verbundenen beruflichen Fehlallokation (in Richtung gravierenden Statusverlusts) dadurch zu entgehen versuchte, daß man durch eine gesteigerte räumliche Mobilität auch eine soziale Mobilität - entweder "zurück in die alten Berufe" oder gar darüberhinaus - zu erreichen suchte.

Allerdings bleibt festzuhalten, daß die Währungsreformen in beiden Zonen gerade die bisherigen Ansätze wirtschaftlicher Vertriebenenintegration eher schädigten, indem z.B. neuerrichtete Handwerks- und Gewerbebetriebe, insb. auch viele Produktionsgenossenschaften, ebenso in eine schwere Krise gerieten wie viele Vertriebenenarbeitnehmer in die Arbeitslosigkeit. Staatliche Integrationspolitik war seither folglich mindestens so nötig wie zuvor. In den Westzonen gab es hier nach wie vor keine zentrale Koordinierungsstelle; Landesregierungen hochindustrialisierter Gebiete wie NRW setzten ihre Aufbau- und Integrationsvorstellungen mit Rückendeckung der Besatzungsmacht auf Kosten der ländlich-agrarischen Gebiete durch. In der SBZ erfolgten stattdessen sehr viel stärker zentralisierte Steuerungsversuche, die zunächst über eine integrationspolitisch aufgewertete UmsiedlerZentralverwaltung, sodann zunehmend über diverse Hauptverwaltungen der "Deutschen Wirtschaftskommission" sowie die Innenverwaltung liefen, wobei allerdings die politische Gesamtsteuerung wesentlich dem zentralen SED-Parteiapparat zufiel. Die eigenständige Umsiedler-Zentralverwaltung der SBZ wurde im Sommer 1948 als Sonderverwaltung beseitigt; ähnliches geschah mit ihrem kooperativen Verwaltungsunterbau in Ländern, Kreisen und Gemeinden im Frühjahr 1949. Dieser Trend zur Liquidierung der Vertriebenen-Sonderverwaltungen kann allerdings nicht ohne weiteres als Spezialität der SED-Politik - etwa im Sinne einer gezielten Unterdrückung der Vertriebenenproblematik - gewertet werden; er war nämlich keineswegs auf Ostdeutschland beschränkt, sondern wurde wenig später - 1950 - beispielsweise auch in Bayern auf Landesebene zum Abschluß gebracht und gehorchte damit nicht nur einer machtpolitischen Logik im sich stalinisierenden SED-Staat, sondern auch allgemeineren Verschiebungen in den politisch-administrativen Systemen, die mit Integrationspolitik befaßt waren. Allerdings verlief dieser Trend in Westdeutschland uneinheitlicher und schwerfälliger als in der DDR: so sorgte allein schon die langfristige Abwicklungsaufgabe des Lastenausgleichs dafür, daß bestimmte Sonderverwaltungsaufgaben über Jahrzehnte fortexistierten. Diese trugen auch dazu bei, das 1949 auf der westdeutschen Zentralebene geschaffene "Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte" als Sonderressort bis 1969 zu erhalten. Die Effekte dieser Sonderverwaltungen und damit auch der Effekt ihrer Auflösung ist wissenschaftlich nicht eindeutig zu bewerten. Die Abschaffung einer Sonderverwaltung mußte, zumindest je nachdem zu welchem Zeitpunkt sie erfolgte, keineswegs zwangsläufig integrationshemmend wirken. Am Beispiel Bayerns ist argumentiert worden, daß eine Vertriebenen-Sonderverwaltung, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit als nützliche Vertreterin von Klienteninteressen der Vertriebenen zweifellos notwendig war, mit zunehmender Existenzdauer durchaus Gefahr zu laufen vermochte, den Fortgang der Integration ihrer Klientel eher zu behindern. Gleichwohl sind die wesentlichen Ursachen ihrer Liquidation nicht in sachlichen, sondern in machtpolitischen und strukturellen Konflikten zu erblicken, in denen die stets schwachen Sonderverwaltungen gegenüber Politik und allgemeiner Verwaltung früher oder später zwangsläufig unterliegen mußten. Ihre Auflösung war somit primär eine Folge des sich reetablierenden Führungsanspruches der Politik gegenüber einer Verwaltung, die in einer chaotischen, zwangsweise 'entpolitisierten' Übergangsphase zeitweilig Politikentlastung, wenn nicht Politikersatz hatte betreiben müssen und sehr bald auch betreiben wollen. In einer solchen Sicht hätte auch die Auflösung der Zentralverwaltung für Umsiedler nicht mehr die allzu eindeutige Bedeutung des Versuches der SED, "alles mit den Vertriebenen im Zusammenhang Stehende aus dem öffentlichen Leben zu beseitigen", zumal selbst die Verfechter solcher Positionen einräumen müssen, daß eine solche Unterdrückungspolitik schon aufgrund des sachlichen Problemdrucks gar nicht durchzuhalten gewesen sei. Die Umsiedler-Integrationspolitik wurde denn auch mit der Abschaffung der ZVU und dem offiziösen Fallenlassen des UmsiedlerBegriffs keineswegs beendet, wie bereits die entsprechenden Zentralsekretariatsbeschlüsse von Ende 1948 und erst recht das DDR-Förderungsgesetz 'zur Verbesserung der Lage der ehemaligen Umsiedler' vom September 1950 deutlich erkennen lassen. Die weitere Entwicklung der fünfziger Jahre in der DDR ist hier allerdings ein noch ziemlich unerforschtes Gelände.

 

IV

Die Dominanz der beruflichen Integration als "Basisintegrationsstufe zur gesellschaftlichen Eingliederung" ist für beide deutsche Nachkriegsgesellschaften evident. Überall ging es um eine mehr oder weniger staatlich gelenkte Korrelation der diesbezüglich "wichtigsten Integrationsstufen", nämlich der "Versorgung mit Wohnraum" und der "Aufnahme von Arbeit". Der enge Konnex zwischen wirtschaftlichem Wiederaufbau und Vertriebenenintegration war in beiden deutschen Staaten gegeben. Er mündete in beiden Fällen in eine starke Dominanz der abhängigen Beschäftigung: Selbständige Vertriebenenexistenzen in Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe waren nach 1945 - trotz gewisser Fördermaßnahmen des Staates - gegenüber den Alteingesessenen deutlich unterrepräsentiert. In der SBZ/DDR, wo Ende 1947 87% der in Arbeit stehenden Umsiedler unselbständig beschäftigt waren (gegenüber knapp 77% der Altbevölkerung), hatten die meisten selbständigen oder genossenschaftlichen Umsiedlerbetriebe nur eine kurze Zukunft; auch die zunächst bedingt selbständigen Neubauern wurden seit den 50er Jahren kollektiviert. Doch während in der SBZ/DDR immerhin knappe 13% der Umsiedler zumindest zeitweilig in selbständiger Tätigkeit standen (zu dieser hohen Zahl trugen wesentlich die Umsiedler-Neubauern als Begünstigte der Bodenreform, aber auch kleine Handwerksbetriebe bei), wiesen die in der BRD ansässigen Vertriebenen 1950 nur einen Selbständigenanteil von 5,2% gegenüber 16,5% bei den Alteingesessenen und gegenüber 15,4% in den Vertreibungsgebieten im Jahre 1939 auf; demgegenüber betrug der Angestelltenanteil 14,3% gegenüber 16,3% der Einheimischen und 10,3% Vorkriegsanteil im Vertreibungsgebiet. Rasant angestiegen war hingegen der Arbeiteranteil, der 1950 75% ausmachte, im Vertreibungsgebiet 1939 jedoch nur 50,2% betragen hatte und unter den Einheimischen von 1950 lediglich 46,5% erreichte. Im Laufe der 60er und frühen 70er Jahre nahm der Arbeiteranteil unter Vertriebenen bis 1974 auf 47,7% ab, während der Angestelltenanteil auf 19,4% anstieg und sogar der Selbständigenanteil auf 13,4% kletterte. Daß dieser exorbitant hohe Arbeiteranteil nicht zwangsläufig eine depravierende Unterschichtung bedeuten mußte, zeigt die gleichzeitige Abnahme der (meist in der Landwirtschaft) mithelfenden Familienangehörigen, die zwischen 1939 und 1950 von 19,6% auf 1,8% absanken. Hier kann man durch Berufswechsel bedingte Qualifikations- und soziale Aufstiegsprozesse durchaus partiell zu unterstellen.

Wesentliche Unterschiede

Erscheint das Grundmuster sozialer Integration in beiden deutschen Staaten relativ ähnlich, müssen doch auch wesentliche Unterschiede berücksichtigt werden. Hier ist zunächst die Beobachtung relevant, daß die seit den 50er Jahren in der BRD erfolgte Gastarbeiter-Zuwanderung einen neuerlichen Unterschichtungsprozeß in Gang setzte, der zu einer tendenziellen 'Emanzipation' der Vertriebenen gegenüber der Altbevölkerung führte, jedenfalls deren Integration verstärkte. In der DDR war eine vergleichbare Entwicklung nicht gegeben. Stattdessen ist hier der besondere Prozeß drastisch erhöhter sozialer Aufstiegschancen festzuhalten, der nicht zuletzt durch Vertreibung oder Abwanderung früherer gesellschaftlicher Eliten forciert wurde und die auf diese Weise zwangsmobilisierte DDR gewissermaßen zur "erste[n] moderne[n] Gesellschaft auf deutschem Boden" werden ließ, in der die "Herkunftsgesellschaft [...] ganz und gar einer - nur eben mit seltsamen Maßstäben messenden - Leistungsgesellschaft Raum gegeben" hatte. Diese Maßstäbe waren allerdings der Prämisse unbedingter politischer Konformität unterworfen. Unter Umständen entfaltete auch die langfristige "Nivellierung" des Lebensstandards in beiden deutschen Gesellschaften integrative Wirkungen; was in der Bundesrepublik auf dem stetig steigenden Niveau einer Konsumgesellschaft nivelliert wurde, hätte sich in solcher Sicht dann in der DDR eher über die sich ausbreitende Verallgemeinerung des "permanente[n] Mangel[s]" ereignet.

Lastenausgleich im Westen und Bodenreform im Osten

Darüberhinaus fallen zwei weitere, außerordentlich folgenreiche Unterschiede jeweiliger Integrationspolitik ins Auge: nämlich erstens der erfolgte Lastenausgleich im Westen und sein weitestgehendes Ausbleiben im Osten sowie zweitens die erfolgte Bodenreform im Osten und ihr weitestgehendes Ausbleiben im Westen. In beiden Fällen sind wohl die symbolischen und mentalen Folgen dieser Maßnahmen für die Vertriebenenintegration als noch wesentlicher zu bewerten denn ihre konkreten materiellen Auswirkungen. Die konkreten Entschädigungszahlungen des westdeutschen Lastenausgleichs jedenfalls, die ohnehin erst ab Ende der 50er Jahre effektiv einsetzten und damit z.T. die ursprünglich Geschädigten schon gar nicht mehr erreichten, spielten in Relation zu den weit höheren und weit eher einsetzenden sozialpolitisch motivierten finanziellen Integrationshilfen eine deutlich untergeordnete Rolle. Für die ersten fünfzehn Nachkriegsjahre waren solche sozialpolitischen Hilfen zentral, wie sie etwa in den Westzonen durch das 1948/49 umgesetzte "Soforthilfegesetz" erfolgten, in der SBZ hinwiederum bereits in den ab 1946 begonnenen einmaligen Soforthilfezahlungen gemäß SMAD-Befehl Nr. 306 greifbar waren, deren Laufzeit immer wieder verlängert wurde und erst Mitte 1949 an ein Ende kam. Bis dahin hatten sie nahezu jeden zweiten Umsiedler in der damaligen SBZ erreicht.

Wenn schon die Wirkungen des frühen Lastenausgleichs gegenüber der allgemeinen integrativen Sozialpolitik relativiert und eher im Psychologischen verortet werden müssen, wird man erst recht die Integrationswirkung der SBZ-Bodenreform in gleicher Weise einzuschätzen haben. Wie der BRD-'Lastenausgleich' hatte auch die zeitlich vorgelagerte SBZBodenreform gerade in den frühen Nachkriegsjahren, als es im Westen noch keine 'Lastenausgleichspolitik', geschweige denn eine ernsthafte Bodenreform gab, eine nicht zu unterschätzende psychologische Wirkung, die deren effektive Integrationswirkung vermutlich bei weitem übertraf. Die SED-Politik demonstrierte mit dieser Maßnahme, die letztlich aus ganz anderen Motiven resultierte, eben auch, daß man im Osten Menschen eine neue Heimat, einen neuen Anfang als kleinbäuerliche Betriebsinhaber bot. War in dieser Sicht die Umverteilung des Bodens nicht ein erster Schritt zum erhofften gesamtgesellschaftlichen "Lastenausgleich"? Konnte die SBZ-Integrationspolitik sich hier einen Vorsprung in praktisch-politischer Legitimation erarbeiten, der ihr erst nach 1950 - im Zuge der westdeutschen Lastenausgleichspolitik und des Wirtschaftswachstums - abhanden kam? Es scheint nicht zufällig, daß diese Maßnahme gerade unter Gesichtspunkten gerechterer Kriegsfolgenverteilung 1945 auch in den evangelischen Kirchen zustimmungsfähig wurde. Wie auch immer die psychologischen und politischen Folgen der Bodenreform für die Vertriebenenintegration und speziell für eine eventuelle politische Klientelbildung zwischen Umsiedlerneubauern und SED bewertet werden, wird man doch feststellen müssen, daß insgesamt nur eine relativ kleine Gruppe der Vertriebenen in den Genuß der Bodenreform gekommen ist. Angesichts dessen kann man die gewagte These, gerade die Neuansiedlung im Zuge der SBZ-Bodenreform deute daraufhin, daß schon unmittelbar nach 1945 "Absichten und Hoffnungen auf Rückkehr in die 'alte Heimat' nicht generell verhaltens-bestimmend" gewesen seien, deutlich relativieren, wenn man sie nicht als prinzipiell verfehlt bezeichnen will. Zwar waren Anfang 1950 knapp 43% aller Neubauern Vertriebene, doch machte diese starke Neubauerngruppe ihrerseits lediglich 4,5% (Ende 1947) aller in der SBZ ansässigen Vertriebenen aus; selbst im wichtigsten Bodenreformland Mecklenburg betrug dieser Anteil nicht mehr als 9,2%. Die höchst mangelhafte, teilweise fast völlig fehlende Grundausstattung dieser Neubauernhöfe, die die Umsiedler-Neubauern am härtesten betraf und zu häufi gen Betriebsaufgaben Anlaß gab, läßt die These diskutabel erscheinen, daß "viele kaum lebensfähige Neubauernwirtschaften" und damit primär etliche Umsiedler-Neubauern Anfang der 50er Jahre regelrecht ihre "Rettung im Eintritt in die LPG" gesehen hätten. In jedem Fall vermerkten sowohl die zeitgenössischen Verwaltungsberichte als auch vereinzelt die spätere DDR-Historiographie, wie stark noch Jahre nach der Ansetzung als Neubauern der Rückkehrwunsch solcher an der Bodenreform partizipierender Vertriebener gewesen ist, was sicherlich mit der prekären betriebswirtschaftlichen Situation der meisten dieser Neubauernwirtschaften zusammenhängt. Der enge Konnex von subjektiver Nicht-Integration und objektiv prekärer sozialer Lage ist hier evident.

Politische Integration

Dieser sozioökonomische Zusammenhang scheint auch wesentlich die politische Integration der Vertriebenen mitbestimmt zu haben. Eine eigene Vertriebenenpartei trat bekanntlich in Form des 'Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten' (BHE) erst ab 1950 in Westdeutschland in Erscheinung und hatte den Zenit ihrer Bedeutung bereits 1953 wieder überschritten, wenn sie auch erst in den 60er Jahren gänzlich verschwand. Auffällig ist, daß der BHE - der naturgemäß in der DDR kein Pendant hatte - seine größten Erfolge in den ländlichen, folglich ökonomisch eher integrationsschwachen Schwerpunktregionen der Vertriebenenansiedlung (Gründungsregion war bezeichnenderweise Schleswig-Holstein) erzielte, während er etwa in industriellen Wachstumsregionen eher unbedeutend blieb. Er erreichte folglich vor allem jene 'Heimatvertriebenen', die Grund sahen, sich nach wie vor als 'Entrechtete' zu begreifen. Mehrheitlich lief sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR (wo es freilich auch keine Alternative gab) die aktive und passive Integration über das Spektrum der 1945 jeweils zugelassenen 'Lizenzparteien'. Auch im Bereich der politischen Integration in den jeweiligen politischen Systemen der BRD und der DDR muß man stark nach (nicht zuletzt von den jeweiligen Strukturen der lokalen und regionalen Aufnahmegesellschaft bestimmter) unterschiedlicher sozialer Lage und den diversen Interessen von Vertriebenengruppen differenzieren. Die allein im Westen auch institutionell zu realisierende "verspätete Politisierung des 'fünften Standes'" in Form einer Klientel- und Protestpartei zeigt durch deren begrenztes, höchstens 20% der Vertriebenen erfassendes Wählerreservoir, "daß ein großer Teil der Flüchtlinge und Vertriebenen doch schon stabile Bindungen an das Lizenzparteienspektrum ausgebildet hatte". Die entsprechende Entwicklung in der SBZ/DDR ist noch völlig unerschlossen, doch mußte dortiger Vertriebenenprotest ohnehin auf dem Status von 'Stimmungen' und allenfalls von Organisations-versuchen im Untergrund verbleiben - oder aber sich per Abwanderung artikulieren.

Soziale und politische Integration eines Großteils der Vertriebenen konnte deswegen relativ rasch relativ erfolgreich sein, weil die in Westdeutschland demonstrativ postulierte, in der DDR eher als untergründige Volksstimmung entgegen der offiziellen politischen Linie artikulierte Rückkehrwilligkeit in die "alte Heimat" nie eine reale Option war. Die außenpolitische Konstellation verhinderte dies und hat 1990 auch zu einer späten gesamtdeutschen Anerkennung dieses Fait accompli geführt. Setzt man diesen außenpolitischen Rahmen voraus, erscheint das Problem der Rückkehr und der Grenzrevision innerhalb der beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften als integrationshemmend, quasi als systemischer 'Störfaktor', dessen Relevanz jedoch offenbar eng mit dem jeweiligen Grad der sozioökonomischen Integration und objektiven Integrationsfähigkeit in die Aufnahmegesellschaft und der konkreten Aufnahmegesellschaft zusammenhing. Man hat der politischen Vertriebenen-integration in der Bundesrepublik der 50er Jahre insofern eine bezeichnende Ambivalenz attestiert, als sich einerseits interessenpolitische und parteipolitische Sonderorganisationen der Vertriebenen (Vertriebenenverbände, BHE) formierten und das verbale Postulat der 'Grenzen von 1937' und des Heimatrechtes der Vertriebenen als langjährige Teilformel politischer Kultur festgeschrieben wurde, andererseits jedoch die faktische politische Integration in die Politik der 'Westbindung' und die - mit dem Niedergang des BHE deutlich demonstrierte - fortschreitende Integration in das neue westdeutsche Teilsystem zu unumstößlicher Realität wurden. In dieser Ambivalenz kommt exakt jene Dialektik 'systemischer Integration' zum Ausdruck, die einerseits Partizipationschancen für Neuintegrierte schafft, diese jedoch andererseits mit der grundlegenden "Anerkennung der politischen Spielregeln und des gesellschaftlichen Systems" verknüpfte. Je utopischer dabei die immer weiter beschworene Rückkehr wurde, desto mehr verstärkte sich - zumindest in Westdeutschland - über deren effektiven interessenpolitischen Lobbyismus die integrative Funktion der Vertriebenenverbände, deren Einfluß folgerichtig mit dem weitgehenden Erfolg solcher Interessenpolitik rapide schwand. In der SBZ/DDR wiederum, wo jede Form der Vertriebenenselbstorganisation scharf verfolgt und unterdrückt wurde (wie in den Westzonen aufgrund der Haltung der Besatzungsmächte bis 1948 auch) und alle Rückkehrhoffnungen und -forderungen frühzeitig politischer Ächtung verfielen, galten andere systemische 'Spielregeln': Die hier im Vergleich zum Westen bis in die 60er Jahre sehr viel größeren sozialen Aufstiegschancen waren im SED-Staat eben an die einzige, jedoch entscheidende 'Bedingung' geknüpft, "sich an den Veränderungen aktiv zu beteiligen und sich politisch anzupassen" - also im konkreten Fall 'bekennender' DDR-Bürger statt ein dauerhafter Vertriebener zu sein. In dieser viel stärker kontrollierten Chancengleichheitspolitik blieb Integration ohne jede rhetorische Tröstung. Die Tabuisierung von Rückkehrhoffnungen und damit verbundener Infragestellung der Oder-Neiße-Grenze mußte in der DDR umso schärfer ausfallen, als diese Grenze (anders als im Falle Westdeutschlands) tatsächlich ihre Grenze war, ihre 'Friedensgrenze' zur Stabilisierung des DDR-Systems in außen-, innen- und (über die Integration qualifizierter Vertriebener) auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht. Doch auch im Westen wandelte sich aus Sicht der dortigen Vertriebenenorganisationen ab den 60er Jahren das politisch-soziale Klima grundlegend: Seither hätten die Vertriebenen "mit Entsetzen" feststellen müssen, "daß sich die Mehrheit der Bundesbürger mit ihren Vertreibern gegen sie solidarisierte und nur eine kleine Minderheit - und auch diese nur mit Einschränkungen - bereit war, für ihr Heimatrecht und Selbstbestimmungsrecht einzutreten". Seit dieser "Zunahme der gesellschaftlichen Pression" könne jedenfalls "von einer wirklichen Integration, die von einer Unterdrückung der zu Integrierenden absieht [...] nicht mehr die Rede sein." Wenn man - trotz der recht subjektiven Wertung - eine adäquate Beschreibung unterstellt, wäre zu konstatieren, daß die bundesrepublikanische Gesellschaft mit der Verzögerung von etwa einer Generation sowie mit sehr viel subtileren Mitteln in diesem Fall exakt das nachgeholt hätte, was in der politisch totalitär strukturierten DDR von Anfang an von oben verordnet worden war: Der Zwang zur völligen Integration unter weitestgehendem Schweigen über Vertreibungserfahrung, alte Heimat und eventuell in die neue Gesellschaft einzubringende kulturelle oder sonstige Errungenschaften - von echtem "Revanchismus" in Form einer Revisionspolitik ganz zu schweigen. Damit wurden in beiden deutschen Teilsystemen grundsätzlich systemfremde Politikansätze früher oder später marginalisiert, stigmatisiert und letztlich politisch neutralisiert. Allerdings sollte man hier keinen simplen 'Unterdrückungsprozeß' unterstellen, sondern die aufgrund der diversen sozialen Lagen höchst uneinheitliche, ja geradezu grundsätzlich fluktuierende Vertriebenenidentität berücksichtigen, wie sie etwa volkskundliche Studien zur soziokulturellen 'Zwischenwelt' dieser Bevölkerungsgruppe bereits seit den 50er Jahren festhielten, um diese Alltagsrealität vom in dieser Sicht 'überholten Politfolklorismus' der Vertriebenenverbände deutlich abzuheben.

Wie ist dieser mehr oder weniger, früher oder später offenbare Assimilationsdruck der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft zu erklären? War ein solcher Druck vermeidbar oder womöglich regelrecht notwendig? Hier wird die These vertreten, daß die Aufnahmegesellschaft früher oder später eine innergesellschaftliche 'Ruhe' (sei es durch massive Unterdrückung, sei es durch sehr viel subtilere Marginalisierung) erzwang, die von ihr nicht lösbare Probleme (wie das HeimatrechtsPostulat der Vertriebenen oder zumindest ihrer sich perpetuierenden Verbandsfunktionäre) regelrecht ausblendete, zumal damit eine gesteigerte außenpolitische Zukunftsfähigkeit in einem nicht von ihr gestaltbaren Mächtesystem erzielt werden konnte; was die DDR - in dieser Hinsicht gewissermaßen "ehrlicher" als die bundesrepublikanische Politik - schon 1950 mit ihrer Anerkennung der sog. "Oder-Neiße-Friedensgrenze" umsetzte, vollzog die BRD ihrerseits 20 Jahre später mit den Ostverträgen faktisch nach. Politisch war auch Adenauer bereits in den frühen 50er Jahren klar, daß nicht nur die Sowjetunion, sondern auch die Westalliierten die Oder-Neiße-Grenze als endgültig betrachteten und sich etwaigen bundesdeutschen Revisionsbestrebungen klar widersetzen würden. Den Westmächten ging es dabei nicht nur um die endgültige Eindämmung eines potentiellen deutschen Revanchismus mit allen Konsequenzen für den brüchigen Frieden im 'Kalten Krieg', sondern ebenso sehr um die möglichst rasche wirtschaftliche Gesundung Deutschlands und Europas, für die ein deutsches "Palästinenserproblem" mit Lagern und Wartementalität alles andere als förderlich gewesen wäre. Zur langfristigen und unumkehrbaren Vertriebenenintegration hatten daher weder die beiden deutschen Aufnahmegesellschaften noch die dorthin gelangten Vertriebenen letztlich eine Wahl.

Jede dieser deutschen Teilgesellschaften ging diese Integrationsaufgabe mit den Mitteln ihres politischen und gesellschaftlichen Systems an; doch erfolgte in beiden Fällen die Integrationslösung nach 1945 bei allen Unterschieden über eine je spezifische 'Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik'. Diese Synthese brachte freilich die DDR mit dem wachsenden Auseinanderklaffen der volkswirtschaftlichen Potentiale in Ost und West seit den 50er Jahren in erhebliche Schwierigkeiten. Die Grundrichtung blieb jedoch im zentralen Bereich der sozialen Integration ziemlich identisch: Entscheidend erscheinen die langfristigen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Entwicklungslinien, die letztlich - neben der deutscherseits zu keinem Zeitpunkt grundlegend zu verändernden außenpolitischen Konstellation - zur signifikanten Basis der Legitimität der Neu-Integration wurden. Arbeitsgesellschaft und Sozialstaat dürften - in enger Wechselwirkung - die zentralen Integrationsfaktoren gewesen sein, mit denen das Vertriebenenproblem wenn nicht völlig gelöst, so doch systemisch handhabbar gemacht wurde. Insofern hat man die Vertriebenenintegrationsforschung zurecht in jene "Diskussion um die Formierung der Nachkriegsgesellschaft" eingebettet, welche wesentlich durch Wirtschaftswachstum (mit der Folge der Integration in die Arbeits-, aber auch die Konsumgesellschaft) und eine komplementäre, expandierende Sozialpolitik als "Kriegsfolgenbewältigung und Krisenmilderung" geprägt erscheint.