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       TRANSODRA 10/11, April1995, S. 62 - 68

Dokumentation der Konferenz:
Grenze und Grenzbewohner. Nachbarn und Fremde. Alte Heimat Neue Heimat. Abschied und Ankunft.
2. - 4. Dezember 1994, Guben/Gubin

Das polnische Westpommern: eine neue Heimat

Bogdan Twardochleb, Stettin

Als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs wurde das bis dahin deutsche Pommern zwischen Polen und der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (der späterenDDR) geteilt. Die Region (einst selbst ein Staat) war in ihrer Geschichte auch schon früher mehrfach geteilt worden sei es unter den Mitgliedern der herrschenden Greifendynastie, sei es infolge verschiedener Lehnsverhältnisse oder schließlich als Ergebnis von Kriegen wie dem Dreißigjährigen oder Nordischen Krieg. Diese Teilungen hatten jedoch niemals derart weitreichendeFolgen wie die letzte im Jahre 1945. Gemeint ist damit weniger die Tatsache, daß die Region politisch und administrativ zwei Staaten unterstellt wurde, sondern der völlige Bevölkerungsaustausch in dem Polen zugesprochenen Teil Pommerns, von dem lediglich die kleinen Gebiete der Kaschubei und der Slowinzenregion ausgenommen waren; ein Bevölkerungsaustausch, für den es in der bisherigen Weltgeschichte keinen Präzedenzfall gibt. Die Entscheidung war ein Ergebnis der Konferenzen von Jalta und Potsdam; die Übergabe der deutschen Ostgebiete an Polen galt als Rekompensation für jene Gebiete im Osten, die Polen an die UdSSR verloren hatte. Die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung war im Prinzip bis zum Ende des Jahres 1948 abgeschlossen (1). Der Polen zuerkannte Teil Pommerns war damitin nationaler Hinsicht fast völlig homogen (2).

Pommern dem polnischen Staat einzugliedern bedeutete für Deutschland, große Teile des früheren preußischen Staates, Gebiete mit einer angestammten Junkertradition, zu verlieren und Preußen auf Brandenburg zu reduzieren; das Rad der deutschen Geschichte wurde sozusagen symbolisch um mehr als zweihundert Jahre zurückgedreht. Der peinlich genau durchgeführte Bevölkerungsaustausch schuf freilich zwischen Deutschland und Polen eine äußerst rigorose, in gewissem Maße sogar unnatürlicheGrenze, die einem Laborversuch ähnelte und hinsichtlich des historischen Prozesses ahistorisch war; ihr fehlten die typischen Grenzgebiete, zu deren Charakteristika immer das gegenseitige Durchdringen der Kulturen, die Zweisprachigkeit und anderes mehr gehörten. Seit 1945 gibt es zwischen Polen und Deutschlandkein solches ethnisches und kulturelles Grenzland, was die Kontakte sehr erschwert. Als eigentümliches Relikt der Vergangenheit erhielt sich ein solches Grenzland im Oppelner Schlesien, das heute freilich nicht mehr an der Grenze liegt; in Pommern hingegen erinnern daran nur die Zeugnisse der materiellen Kultur. Begreiflicherweise aber versteht kaum jemand, sie zu lesen.

Die Verschiebung der polnischen Westgrenze nach Westen stand im Einklang mit den Forderungen der nach 1939 in London tätigen polnischen Exilregierung und der in Moskau residierenden kommunistischen Gruppierungen, die nach1944 die Verwaltung des neuen Polen aufbauten. In der Grenzfrage unterschieden sich die beiden Lager nur hinsichtlich des räumlichen Ausmaßes: die einen wollten Stettin, die anderen Königsberg in den Grenzen des polnischen Staates sehen. Die geforderten Änderungen kamen ebenfalls (wenn auch nicht völlig) bestimmten Vorkriegserwartungen entgegen,vor allem denen der großpolnischen Funktionäre des Verbandes zum Schutz der Westgebiete (Zwiazek Obrony Kresów Zachodnich) und des Polnischen Westbundes (Polski Zwiazek Zachodni), Organisationen, die der nationalen politischen Rechten eng verbunden waren (was sie nach demKrieg, z.B. in Pommern, ein unerwartetes Bündnis mit den Kommunisten eingehen ließ). Obwohl diese Tendenzen von der Nazi-Propaganda in Deutschland vermerkt und aufgebauscht wurden, spielten sie in der polnischenPolitik bis zum Jahre 1939 jedoch keine größere Rolle (3). In der Zwischenkriegszeit herrschte die Ansicht vor, die der konservative polnische Historiker Józef Bobrzynski sehr treffend zum Ausdruck brachte. Erstellte die Rechte Litauens auf Wilna in Abrede und schrieb dazu: "Ebenso wie Breslau und Stettin heute allzu deutsche Städte sind, die seit undenklichen Zeiten aus der deutschen Kultur erwachsen und auch zu lange von der natürlichen deutschen Ausdehnung erfaßt sind, als daß wir darauf irgendwelche, auch nur theoretischen Ansprüche erheben könnten, ist Wilna seit zu langer Zeit ein Zentrum der polnischen Kultur und eine der von großer Tradition geadelten polnischen Hauptstädte, als daß heute irgendjemand die Forderung erheben könnte, daraus plötzlicheine in nationaler Hinsicht litauische Stadt zu machen" (4).

Der Krieg hat die Haltung der politischen Eliten Polens gegenüberden Westgebieten modifiziert bzw. völlig verändert. Die Eliten wollten das Land dauerhaft vor der Bedrohung durch Deutschland schützen. Das war damals der Hauptgrund für die West-Option und die Bestrebungen, die Grenze zu verkürzen. Für die nicht-kommunistischen Gruppierungen bedeutete dies jedoch nicht, damit zugleich auch der Abtretung und der Entpolonisierung der polnischen Ostgebiete zuzustimmen. Das wollten die Kommunisten. Bis 1939 hatten sie jedoch keinen größeren politischen Einfluß, und infolge der sowjetischen Okkupation und der Massendeportationen nach Sibirien bis 1941 (und dann erneut in den Jahren 1944-1945) war man ihnen gegenüber eindeutig negativ eingestellt; die Entpolonisierung der Ostgebiete konnten sie nur mit Gewalt, nur mithilfe der UdSSR durchführen. Nachdem Ende der Kriegshandlungen wurden die Menschen, die überlebt hatten und in dem Polen zugesprochenen Teil Pommerns ansässig waren, ausgewiesenund gewaltsam enteignet. Das betraf alle: die Erben der alten Adelsgeschlechter (z.B. von Borcke, von Zitzewitz, von Thadden, von Puttkamer, von Wesel,von Krockow) ebenso wie Handwerker-, Bürger- und Bauernfamilien, die nicht selten slawische Wurzeln hatten (5). Auch Kaschuben und Slowinzen wurden ausgesiedelt, obwohl die Behörden andererseits dazu aufriefen, sie dazubehalten und falls sie Widerstand leisten würden sogar mit Gewalt an der Ausreise zu hindern. Schließlich sollten sie ein Beweis für das Slawentum dieses Landes sein, also für die polnischen, auf dem ethnischen Prinzip basierenden Territorialrechte (6).

Die Menschen, die sich in Pommern ansiedelten bzw. dort angesiedelt wurden,stammten aus Dörfern und Kleinstädten in den verschiedensten Regionen Polens. Im Gefolge der Front reisten Bürger aus Großpolen an; die einen wollten hier eine Wohnung finden, die anderen sich eine Art privater Entschädigung für die während der deutschen Okkupation erlittenenVerluste beschaffen. Plünderei war an der Tagesordnung. Selbst der Staat ließ Güter abtransportieren, von den sowjetischen Truppen ganz zu schweigen. Menschen aus Großpolen fühlten sich in Pommern am wohlsten; für sie war es eine Nachbarregion mit einer ähnlichenInfrastruktur; häufig hatten sie sich für diese Region schon vor dem Krieg interessiert und auf Reisen kennengelernt. Im Frühjahr 1945 riefen mehrere Städte in Großpolen sog. Patronate über pommersche Städte ins Leben. So kamen organisierte Gruppen von Siedlern aus Großpolen im Gefühl einer historischen Mission hierher. Viele brachten Pläne für wirtschaftliche Vorhaben mit, die sie hier in die Praxis umsetzten; sie bauten die staatlichen Institutionen auf (7).

Später trafen in Pommern Sammeltransporte mit Polen ein, die nach und nach gewaltsam aus den der UdSSR eingegliederten Gebieten ausgesiedelt worden waren. Aus ihren alten, traditionellen Wohnorten gelangten sie hierin einen völlig neuen Raum. Während des Transportes wußten sie nur eines - daß sie nach Westen fuhren. Nichts mehr. Die deutschen Ortsnamen waren ihnen völlig fremd, fremd war auch die materielle Kultur, die sie hier vorfanden. In Pommern trafen sie zwar auf Polen, doch diese stammten aus kulturell entlegenen Gebieten, mit denen sie vorher keinerlei Berührung gehabt hatten. Der Starost des Kreises Königsberg (Chojna) schrieb im September 1945, in sein Gebiet kämen Menschen "ausverschiedenen Landesteilen, aus der Region hinter dem Bug, von Czortków,Tarnopol und der Umgebung von Lemberg, aus der Wojewodschaft Wilna, teilsaus der Umgebung von Równe-Sarny, kleine Gruppen aus dem Huzulenland (am Nordhang der Ostkarpaten), außerdem aus Tschenstochau, dem Gebietum Posen und Warschau sowie aus dem Danziger Pommern". Und der Starost fügte hinzu: "Eine Bevölkerung mit verschiedenen Sitten und Gebräuchen lernt sich zur Zeit gegenseitig kennen"(8).

Die Menschen unterschieden sich in ihren Traditionen und Gebräuchen, hatten verschiedene Lebensstile und Dialekte. Nicht selten konnten sie einander aufgrund regionaler Traditionen nicht leiden, so etwa die Bürger der alten Ostgebiete die Großpolen oder die Bewohner von Wilna die Lemberger. Das grundlegende Problem aber war dieses: Pommern war für alle absolutesNeuland. Sie kannten weder die Traditionen dieses Landes noch wußten sie etwas anderes darüber (auch nichts über seine slawische Vergangenheit).Paradoxerweise sollte gerade das sie zusammenschweißen, zu einer Gemeinschaft machen, deren Schicksal die Vertreibung und die Neuansiedlung war. Davon, wie sehr sie in psychischer Hinsicht nicht nur den Krieg, sondern auch die Migration erlitten hatten, zeugen die Vermutungen mancher polnischen Ärzte;in den damaligen Prozessen sehen sie eine der Ursachen für die nachhaltigen Gesundheitsprobleme der Bewohner Westpolens (9).

In Pommern blieben schließlich auch Polen, die während desKrieges hierher zur Zwangsarbeit und in Konzentrationslager gebracht worden waren; außerdem wurden polnische Repatrianten aus Sibirien, selbst aus der Mandschurei, aus Frankreich, Deutschland und anderen Ländernhier angesiedelt; es kamen Soldaten verschiedener polnischer Partisanengruppenund verschiedener Armeen; viele suchten an der Grenze Schutz vor politischer Verfolgung. So entstand ein ungewöhnliches Bevölkerungskonglomerat von Polen mit verschiedensten Traditionen und Lebenserfahrungen, einem unterschiedlichenKultur- und Bildungsniveau, verschiedenen Gebräuchen und Einstellungen sowohl zueinander als auch den Deutschen und der deutschen Kultur gegenüber(10). Fügen wir hinzu, daß in Pommern auch Juden angesiedeltwurden (bis zum Jahre 1946 etwa 30.000 Menschen) sowie einige zehntausend Ukrainer aus der Beskidenregion, in der damals Krieg herrschte. Selbst einige Chinesen, Italiener, Litauer, Letten, Esten und Grusinier zogen damals nach Stettin.

Die Siedler aus Zentralpolen und den alten polnischen Ostgebieten stießen in Pommern nicht nur auf eine ihnen fremde Kultur und die Spuren einer fremden(z.B. nicht-katholischen) Geistlichkeit, die sie ihren Normen und ihrer Kultur anzupassen versuchten (11). Sie trafen auch auf große Gruppenvon Deutschen und der hier stationierten Truppen der sowjetischen Armee. Deshalb fragte man sich besorgt, ob dieses Gebiet dauerhaft zu Polen gehören werde. So brachen zum Beispiel Konflikte zwischen Polen und Russen aus, die einen großen Teil Pommerns über lange Zeit als eine der deutschen Besatzungszonen behandelten.

Nicht alle Siedler ertrugen damals diese komplizierten Bedingungen in Pommern, den Hunger, die sich ausbreitenden Epidemien, vor allem Typhus und Geschlechtskrankheiten. Einige Regionen versandten Bittschriften, in denen sie um materielle, aber auch um geistliche und moralische Unterstützung baten. Angesichts der schlechten Lebensbedingungen und der Ungewißheit, wie es weitergehen würde, drohten sich diese Gebiete wieder zu entvölkern. Der Starost des Kreises Gryfino (Greifenhagen) schrieb im April 1946: "Da eine ganze Reihe von Repatrianten aus dem Gebiet hinter dem Bug das Territorium unseres Kreises bereits verlassen hat, um sich in den zentralen Wojewodschaften anzusiedeln, verfüge ich, daß die Herren Bürgermeister und Schulzen dieser Erscheinung entgegenwirken" (12).

Man könnte noch lange über die polnischen Siedler in Pommern nach dem Krieg sprechen. Zu ihnen gehörten Menschen, die dem Schicksal gegenüber hilflos und viele Male in ihrem Leben all ihres Besitzes beraubt worden waren; aber es gab auch Gewinner, u.a. die Soldaten der I. und II. Volkspolnischen Armee, die vor allem im unmittelbaren Grenzgebiet angesiedelt wurden, um einen Schutz (einen sog. "Bevölkerungswall") vor der möglichen deutschen Revanche zu bilden. Überall waren Gerüchte über den nahen Ausbruch des Dritten Weltkrieges zu hören. Das weckte Ängste und ließ manch einen wie gelähmt verharren; aber es förderte auch das Gefühl, sich zu Verteidigungszwecken zusammenschließen zu müssen. Diese Stimmung wurde von der offiziellen Propaganda noch geschürt; sie war entschieden und kompromißlos antideutsch (anders konnte es nach dem Krieg nicht sein). Im westlichen Grenzgebiet schuf sie einen Verteidigungsmythos ähnlich dem in den polnischen Ostgebieten; außerdem unterstützte sie alle Handlungen, die das neue Territorium sakralisierten. Gegen Deutschland eingestellt zu sein bedeutete, eine patriotische Haltung einzunehmen; es einte die Menschen und vermittelte ihnen ein Gefühl von Sicherheit. So wurden Straßen, die in deutscher Zeit die Namen deutscher Führungspersönlichkeiten getragen hatten, nun nach polnischen Anführern benannt, in der Regel nach solchen, die sich im Kampf gegen die Deutschen Verdienste erworben hatten. Die Namensgebung in Stettin ist dafür sehr typisch: Straßen, die von der deutschen Grenze ins Stadtzentrum führen, erhielten Namen polnischer Herrscher, die als Bezwinger des Deutschtums gelten: Straße Mieszkos I., Piastenallee (13), Krzywousty (Schiefmaul)-Straße, Jagiellonenstraße. Das ist nur ein Beispiel für die öffentlich deklarierte und praktisch durchgeführte Repolonisierung Pommerns. Alte slawische Ortsnamen wurden wieder benutzt. Interessanterweise gefiel das den Siedlern nicht immer. Sie wollten nämlich einigen Ortschaften ihre eigenen, aus der Heimat mitgebrachten Namen geben. Im allgemeinen Bewußtsein setzte sich der Begriff "Pommern" für dieses Gebiet nur schwer durch. Vor 1945 nämlich gab es ein polnisches Pommern, das weiter östlich, im Gebiet der Wojewodschaften Danzig und Bromberg, lag. In amtlichen Dokumenten wurde um der Klarheit willen deshalb entweder die Bezeichnung "Westpommern" oder "Wojewodschaft Stettin" benutzt. Der Name "Westpommern" knüpfte an die historische Vision von einem polnischen Pommern von der Weichsel bis an die Oder an, hatte aber nichts mit einer eigenen pommerschen Geschichte der Gebiete an der Oder zu tun.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wurden diese Gebiete zunächst sehr verschieden bezeichnet, man sprach von "neuen Gebieten", "neu besiedelten Gebieten", "alten Gebieten", "früheren Gebieten", schließlich (sehr lange) von "wiedergewonnenen Gebieten". In der Presse und bei offiziellen Veranstaltungen war zwar von der Rückkehr dieser Gebiete zum Mutterland, zu Polen, die Rede; doch der Gegensatz zwischen den Bezeichnungen "wiedergewonnene Gebiete" und "polnische Gebiete" hielt sich lange. Wer ins Landesinnere reiste, sagte für gewöhnlich, er führe ins "Zentrum", "nach Polen", "zu sich nach Hause". Ältere Menschen drücken sich bis heute so aus, aber nur jene, die nicht aus den früheren polnischen Ostgebieten stammen. Für sie existiert das "Eigene", das "Heimatliche" nur in der Erinnerung oder, zwangsläufig, in Pommern. Auf den ersten Gräbern nach dem Krieg fanden sich mitunter charakteristische Epithaphe Appelle an die Nachkommen, künftig nicht zu vergessen, die Verstorbenen in ihre eigentliche Heimat, z.B. in das östliche Grenzland, mitzunehmen.

Pommern wurde nach dem Krieg nicht als väterlicher Besitz, nicht als Heimat betrachtet, sondern als Land, das zum polnischen Staat gehörte; Vaterland war es allenfalls in ideologischer Hinsicht. Die Heimat befand sich anderswo; dieses Land erhielt lediglich deren Eigenschaften durch die Namensgebung oder die Suche nach Landschaften, die denen in der Heimat ähnelten. Die Stettiner Schriftstellerin Katarzyna Suchodolska zum Beispiel vergleicht in ihren Erzählungen die Oder mit den Flüssen in Wolhynien, wo sie aufgewachsen war. Ein anderer Schriftsteller, Jerzy Pachlowski, spricht bis heute hartnäckig von der Notwendigkeit, in Westpommern polnische Wurzeln aufzuspüren; ständig ruft er dazu auf, die Erinerung daran zu bewahren und nicht zu verdrängen, wie es mit den Slawen im Mittelalter war, die vor den wirtschaftlich stärkeren Siedlern aus Deutschland in die Vorstädte und die Dörfer an der Peripherie zurückgewichen waren.

In ihren Arbeiten über die Geschichte Pommerns betonten polnische Historiker, Schriftsteller und Publizisten nach 1945 über lange Zeit ausschließlich die slawischen Traditionen und alles andere, das als Beweis für die ständigen Kontakte dieser Region zu Polen dienen konnte. Die übrige Geschichte existierte nicht. Die Schlösser der pommerschen Herzöge in Stettin oder Stolp wurden als Piastenschlösser bezeichnet, die Greifendynastie als Dynastie der pommerschen Piasten. Dabei berief man sich auf bestimmte Untersuchungen polnischer Historiker im 19. Jahrhundert, auf die Idee des Slawentums oder gar auf panslawistische Ideen.

Diese Prozesse kreuzten sich mit den offiziellen Absichten der Staatsmacht; sie sprach offen davon, in den sog. wiedergewonnenen Gebieten, die z.B. von der wie sie behaupteten konservativen polnischen Adelstradition frei seien, eine moderne sozialistische Gesellschaft schaffen zu wollen, die keine Verbindung mehr zu dem habe, was als längst vergangen und widernatürlich angesehen werde. In den wiedergewonnenen Gebieten sollte eine ideologisch gesunde Gesellschaft entstehen. Über lange Zeit regte sich dagegen in Pommern kein grundsätzlicher Widerspruch. Was im übrigen kein Wunder war, wenn auch nur aus dem Grund, daß all dies von der polnischen Staatsmacht, dem einzigen offiziellen Garanten der täglichen Sicherheit, verbreitet wurde. Von streng historischen Arbeiten abgesehen, wurden über viele Jahre nicht einmal herkömmliche Artikel über die deutsche Vergangenheit Pommerns veröffentlicht. Es sei denn, es war darin vom Nationalsozialismus und dem Kampf gegen ihn oder von der Befreiung im Jahre 1945 die Rede. Oder es ging in den Artikeln um Beweise für die These, daß erst die Eingliederung Pommerns in den polnischen Staat der Region wirkliche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet habe.

So vergingen die Jahre. Neue Generationen wuchsen heran, die gar keine Möglichkeit hatten, sich mit einem anderen Kulturraum als Pommern zu identifizieren. Zugegeben, unter den Jugendlichen war es sehr populär, beispielsweise in Ferienlagern und bei Ausflügen Lieder im Stil von "Wir geben Wilna nicht her, und wir geben Lemberg nicht her" zu singen; doch das zeugte eher von jugendlichem Trotz als vom Willen zur Tat. Und das umso mehr, als die alten patriotischen Lieder aus den Ostgebieten ("Roter Gürtel", "Hej, ihr Falken") mit der Zeit immer häufiger auch bei den verschiedensten touristischen und geselligen Anlässen gesungen wurden; kaum jemand kennt heute noch ihre Genese. Der Mythos der Ostgebiete hat an Kraft verloren (und nimmt immer weiter ab); doch das Gefühl, daß Pommern polnisch bleiben würde, nahm nicht in dem gleichen Maße zu. Die Unsicherheit äußerte sich in konkreten politischen Situationen, zum Beispiel als Nikita Chruschtschow, dem Generalsekretär des ZK der KPdSU und Premier der UdSSR, 1959 die polnische Ehrenbürgermedaille der Stadt Stettin verliehen wurde. Bis heute heißt es, diese Medaille habe Chruschtschow veranlaßt, Stettin bei Polen zu belassen. Ähnliche Stimmungen tauchten anläßlich der Unterzeichnung des Vertrages zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970 auf. Damals wurde in Polen die offizielle Bezeichnung für den deutschen Staat geändert. Man sagte nicht mehr "Deutsche Bundesrepublik", sondern "Bundesrepublik Deutschland"; manch einer interpretierte dies in dem Sinne, daß die polnische Staatsmacht der Existenz eines, allerdings in zwei Republiken geteilten deutschen Staates zustimmte, also die spätere Vereinigung vorwegnahm und billigte. Ganz anders hingegen verhielten sich die Menschen im Konflikt mit der DDR wegen der Pommerschen Bucht im Jahre 1988. Damals war zu hören: "Das Unsere geben wir nicht her".

Die neuen Generationen haben eine neue, eigene Tradition geschaffen. Das begann vor allem mit Ereignissen wie der Streikbewegung vom Dezember 1970, der Errichtung des Bistums Stettin 1972, den Ereignissen vom August 1980, dem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Stettin, dem Kriegsrecht, dem Systemwechsel und schließlich der Öffnung der Grenze zum vereinten Deutschland. Diese Tradition machte es möglich, mit der vergangenen deutschen Tradition in ebenbürtigen Kontakt zu treten. Schon in den siebziger Jahren sprach man beispielsweise nicht mehr vom "Schloß der Piastenherzöge", der offizielle Name lautet heute: "Schloß der Pommerschen Herzöge". Seit Ende der achtziger Jahre erscheinen sehr viele Publikationen über die deutsche Vergangenheit Pommerns. Und sie stoßen auf Interesse (14). All dies heißt jedoch nicht, daß man von der Wiederherstellung irgendeiner pommerschen Tradition in Pommern sprechen könnte. Die Bewohner dieses Landes sagen von sich nicht und werden vielleicht niemals sagen: "Ich bin aus Pommern", "Ich bin Pommer"; statt dessen sagen sie: "Ich bin aus der Wojewodschaft Stolp, Köslin", "Ich bin Stettiner" und in feierlichen Momenten: "Ich bin aus dem Stettiner Lande". Kaum jemand weiß, wie früher die Grenzen in Pommern verliefen; und wenn man von ihnen spricht, dann mit einer gewissen Exotik, einer Sondersituation dieses zum polnischen Staat gehörenden Gebietes. Niemand kennt die volkstümlichen pommerschen und deutschen Traditionen, und es gibt auch keine Möglichkeit, sie wiederzubeleben (außer in Form von Museumsexponaten). Die deutsche Sprache kennt man eher schlecht, es reicht sozusagen für den Hausgebrauch, aber das ist ziemlich verbreitet. Diese Kenntnisse werden zunehmen, schon deshalb, weil niemand mehr diese Sprache (wie nach dem Krieg) für feindlich hält. Seit dem letzten Jahr wird in einer Stettiner Kirche regelmäßig die Hl. Messe in deutscher Sprache gelesen. Das wurde ohne Begeisterung aufgenommen, aber auch ohne sichtbaren Protest. Ähnlich war es mit einer Messe, die in Stettin für die von den Nazis ermordeten deutschen katholischen Kaplane gelesen wurde. Obwohl zu der Feierlichkeit rund tausend Pilger aus Berlin anreisten, blieb die gewöhnliche Sonntagsruhe gewahrt.

Diese Erscheinungen und Prozesse zeugen davon, daß sich unter den polnischen Bewohnern Pommerns das Gefühl der "Heimatlichkeit" (swojskosc) gefestigt hat. Es ist ein nach außen heftig deklariertes, kulturell gesehen freilich junges Gefühl, sodaß man seine Tiefe schwer ermessen kann. Wichtig scheint mir auch, daß die Menschen ihre regionale Integration nicht an den Grenzen von Vorkriegspommern (Hinterpommern) festmachen, sondern an den heutigen polnischen Verwaltungsgrenzen, das heißt einfach an den Wojewodschaften. Und dieses regionale Integrationsgefühl kann durchaus stark sein; so sehnen sich z.B. Bürger in Gemeinden, die Mitte der siebziger Jahre von der Wojewodschaft Stettin abgetrennt und der Wojewodschaft Gorzów eingegliedert worden sind, nach der Wiedereingliederung in das Stettiner Gebiet

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(Übersetzung: Lisaweta von Zitzewitz. Bogdan Twardochleb verfaßted as Referat für eine Tagung der Ostsee-Akademie in Travemünde unter Leitung von Lisaweta von Zitzewitz, Anfang Februar 1995.)

Anmerkungen:

  1. T. Bialecki: Przesiedlenie ludnosci niemieckiej z Pomorza Zachodniego po II wojnie swiatowej. [Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus Westpommern nach dem 2. Weltkrieg.], Poznan 1969; über das Schicksal der Deutschen, die zur Arbeit in der Landwirtschaft bis Ende der 50er Jahre zurückgeblieben waren, schreibt z.B. A. Wróblewski in: Ludnosc niemiecka na Pomorzu Srodkowym po zakonczeniu przesiedlen poczdamskich. [Die deutsche Bevölkerung im mittleren Pommern nach Beendigung der Potsdamer Umsiedlungen.] "Zeszyty Niemcoznawcze Polskiego Instytutu Spraw Miedzynarodowych" 1991, Nr. VI.
  2. Über nationale Minderheiten schreibt Janusz Mieczkowski: Zydzi, Niemcy i Ukraincy na Pomorzu Zachodnim w latach 1945-1956. [Juden, Deutsche und Ukrainer in Westpommern in den Jahren 1945-1956.], Stettin 1994. Zur deutschen Minderheit vgl. auch: L. Janiszewski: Mniejszosc niemiecka a Polacy na Pomorzu Szczecinskim. Szkic socjologiczny. [Deutsche Minderheit und Polen, eine soziologische Skizze.], Stettin 1993.
  3. In der Zeitschrift "Polska zbrojna" erschien 1926 ein Artikel, dessen Autor die Erneuerung polnischer Forderungen in bezug auf Danzig, Ermland, Masuren, Königsberg, Stettin, Oppeln und Breslau verlangte. Die Veröffentlichung rief besonderen Widerspruch in der Posener Presse hervor. Darüber schreibt A. Romer in: Polska a Niemcy. "Nasza Przyszlosc" [Polen und Deutschland. "Unsere Zukunft"], 1930, Bd. 2, S. 90-91. Über Aussagen in der Zwischenkriegszeit in bezug auf den polnischen Charakter der Gebiete an der Oder; über deutsche Befürchtungen im Zusammenhang mit der antipolnischen Propaganda im Hitler-Deutschland vgl. P. Zaremba: Walka o polski Szczecin. [Kampf um das polnische Stettin.], Breslau 1986, S. 13-66. Zaremba zitiert nach der Zeitschrift "Arbeitsgemeinschaft für Deutsche Wehrstärkung" (München 1931, S. 3-5) folgendes Fragment der Aussage Generals Falckenberg von 1931: "Die Polen haben nicht nur das moralische Recht, sondern sogar die Pflicht, die ihnen weggenommenen Gebiete zurückzufordern. (...). Die Anfänge Polens soll man nicht nur in Gnesen, sondern auch in Stettin und im Lebuser Land suchen. (...) Man kann leicht beweisen, daß von irgendwelchen Überfällen Deutschlands auf Polen keine Rede sein kann, dagegen ist es Tatsache, daß der deutsche Osten militärisch von Polen bedroht ist". (P. Zaremba: ebenda, S. 46).
  4. J. Bobrzynski: Na drodze walki. Z dziejów odrodzenia mysli konserwatywnej w Polsce. [Auf dem Weg des Kampfes. Zur Geschichte der Wiedergeburt der konservativen Idee in Polen.], Warschau, S. 108.
  5. Vgl. die Informationen in der populären Monographie von H. Neuschäffer: Schlösser und Herrenhäuser in Hinterpommern. Leer 1994.
  6. Diese komplizierten und dramatischen Fragen können hier nicht behandelt werden. Aber in einer der Schriften des Stettiner Wojewodschaftsamtes heißt es, daß "Personen polnischer Herkunft nicht repatriiert werden können, sondern im Land bleiben müssen." (Stettiner Staatsarchiv, UWS 1102, s. 105), in einer anderen Notiz kann man jedoch lesen, daß in Deutschland ein "Verein ausgesiedelter Polen" gegründet wurde. (Stettiner Staatsarchiv, UWS 1098, s. 11).
  7. Vgl. A. Magierska: Ziemie Zachodnie i pólnocne w 1945 r. Ksztaltowanie sie podstaw polityki integracyjnej panstwa polskiego. [Die westlichen und nördlichen Gebiete im Jahre 1945. Die Herausbildung der Grundlagen einer Integrationspolitik des polnischen Staates.], Warschau 1978; B. Twardochleb: Uwagi o motywacjach powojennego osadnictwa na Pomorzu Zachodnim. [Anmerkungen zu den Motiven der Nachkriegsbesiedlung in Westpommern.] in: Polska Pomorze Zachodnie. Zwiazki historyczne. Red. Kazimierz Kozlowski. Szczecin 1990, s. 156-178.
  8. Archiwum Panstwowe w Szczecinie, [Staatsarchiv in Stettin], Starostwo Powiatowe Chojenskie 28, s. 3.
  9. Vgl. Janusz Bejnarowicz: Zmiany stanu zdrowia Polaków i jego uwarunkowania. [Gesundheitszustand der Polen, Veränderungen und Bedingungen.], "Promocja Zdrowia. Nauki Spoleczne i Medyczne". Zeszyt 1, s. 12.
  10. Einer der Beamten schrieb im Jahre 1947: "Die Leute aus den Ostgebieten betrachteten die Leute aus Posen und die Autochthonen nicht selten neiderfüllt, weil diese mit weniger Arbeit mehr Ernte erzielten und es verstünden, sich die Arbeit mithilfe von technischen Neuerungen zu erleichtern." (Stettiner Staatsarchiv, Urzad Wojewódzki 835, s. 11).
  11. Sie veränderten das Aussehen von Wohnungen und Kirchen, entweihten Friedhöfe und Heiligtümer. Für sie hatten deutsche Archivdokumente keinerlei Wert, im Gegenteil sie wurden nicht selten als Hinterlassenschaft des Feindes betrachtet, die es zu zerstören gilt. Der Stettiner Diözesankonservator Roman Kostynowicz, fragt in einem seiner Artikel: "Warum vernichteten wir Buchsammlungen und Dokumente? (...) Warum verbrannten wir Bücher? Warum haben wir in Gryfice aus Lederumschlägen von Büchern aus dem 16. Jahrhundert Pantoffeln gemacht?" (R. Kostynowicz: Koscioly w dekadencie gryfickim. "Ziemia Gryficka". Nr 4. R. 1993, s. 96.
  12. Staatsarchiv in Stettin, Gminna Rada Narodowa w Swobnicy 7, bns. Der Begriff "Repatriant" wurde in Bezug auf die Umsiedler aus den Ostgebieten aus propagandistischen Gründen benutzt. Über Fehler in der Ansiedlungspolitik schrieb man bereits im Jahre 1945. Vgl. z.B.: E. Osmanczyk: Byl rok 1945... [Es war das Jahr 1945 ...], Warschau 1985, S. 233-235.
  13. Den Namen "Piastenallee" erhielt eine Straße, die bis 1945 den typisch pommerschen Namen "Barnimstraße" trug, der zugleich an die slawischen Wurzeln der Region erinnerte.
  14. Über das Erlöschen der Verbundenheit mit den Ostgebieten und über die dauerhafte Bindung an die Stettiner Region informieren soziologische Untersuchungen der Stettiner Universität. Über das neue, zeitgenössische Verhältnis der Behörden zum historischen Erbe vgl.: "Memorial województw w sprawie ochrony dziedzictwa kulturowego Pomorza" (maszynopis powielony). [Memorandum der Wojewodschaften zu der Frage der Verteidigung des pommerschen Kulturerbes. Manuskript.]