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       TRANSODRA 10/11, April 1995, S. 69 - 72

Dokumentation der Konferenz: Grenze und Grenzbewohner. Nachbarn und Fremde. Alte Heimat - Neue Heimat. Abschied und Ankunft. 2. - 4. Dezember 1994, Guben/Gubin

Ukrainer in den Westgebieten der Republik Polen

Prof. Stefan Zabrowarny, stellv. Vorsitzender des Vereins der Ukrainer in Polen, Stettin

Die Ukrainer gehören neben den Deutschen und Weißrussen zu den zahlenmäßig größten nationalen Minderheiten in Polen. Nach pauschalen Schätzungen leben in Polen etwa 250 - 300.000 Menschen ukrainischer Nationalität. Die Mehrheit von ihnen bewohnt die Nord- und Westwojewodschaften Polens, wohin sie 1947 im Rahmen der Militäroperation unter dem Decknamen "Aktion Weichsel" zwangsweise umgesiedelt wurden. Nach offiziellen Angaben war das Ziel dieser Aktion die Liquidierung der bewaffneten ukrainischen Untergrundbewegung im südöstlichen Polen. In Wirklichkeit handelte es sich um die Fortsetzung der nationalistischen Politik der polnischen kommunistischen Behörden. Durch Zwangsumsiedlungen, Assimilierung und Polonisierung der übrigen nicht polnischen Bevölkerungsteile wollten sie einen national-homogenen Staat schaffen.

Nach der Umsiedlung von 500.000 Ukrainern in die Ukraine der damaligen Sowjetunion in den Jahren 1945 - 1946 (Zwangsdeportationen) blieben in Polen noch etwa 200.000 Ukrainer. Bereits Mitte 1946 begann man im Generalstab des Heeres mit der Ausarbeitung einer genauen Konzeption für die Umsiedlung dieser Bevölkerungsgruppe mit dem Ziel, sie in den noch nicht wieder vollständig besiedelten sog. wiedergewonnenen Gebieten anzusiedeln. Der Tod des stellvertretenden Verteidigungsministers Generaloberst Karol Cwierczewski beim Zusammenstoß mit einer Einheit der Ukrainischen Aufstandsarmee am 28. März 1947 beschleunigte die endgültige Entscheidung über die Zwangsumsiedlung der in Polen verbliebenen Ukrainer. Nach offizieller Version hatte die geplante Aktion - außer der Liquidierung der Ukrainischen Aufstandsarmee - folgendes zum Ziel: 1. die gesamte ukrainische Bevölkerung aus den südöstlichen Wojewodschaften auszusiedeln; 2. die ukrainische Bevölkerung in den neuen Siedlungsgebieten zum Zwecke schneller Assimilierung und Polonisierung zu zerstreuen; 3. die von den Ukrainern verlassenen Gebiete durch die Ansiedlung polnischer Bevölkerung zu polonisieren.

In dem Rundschreiben des Ministeriums für die wiedergewonnenen Gebiete, das den Evakuierungsplan enthielt, hieß es: "Das grundsätzliche Ziel der Umsiedlung im Rahmen der 'Aktion Weichsel' ist die Assimilation dieser Siedler in dem neuen polnischen Milieu. Alle Kräfte sind aufzuwenden, damit dieses Ziel erreicht wird. In bezug auf diese Siedler soll die Bezeichnung "Ukrainer" nicht gebraucht werden."

Die der Zusammenarbeit mit dem Untergrund Verdächtigten und im Prinzip die gesamte Intelligenz (vor allem Geistliche und Lehrer) wurden in Gefängnisse eingesperrt oder ins Konzentrationslager in Jaworzno geschickt. 3.936 Menschen waren in dem Lager (darunter Greise, Frauen und Kinder), von denen (nach unvollständigen Angaben) 150 gestorben sind. Die Ansiedler in den Westgebieten wurden nach dem Loyalitätsgrad kategorisiert und eingeteilt. Es wurde auch eine Höchstzahl der an einem Ort anzusiedelnden Personen festgelegt.

Insgesamt wurden in der Zeit vom 29.4. bis zum 12.8.1947 140.575 Menschen (nach den Angaben der Operationsgruppe "Weichsel") in die "wiedergewonnenen Gebiete" umgesiedelt. Die Umsiedlungsaktion dauerte in kleinerem Umfang jedoch bis zum Jahr 1950 an. Man kann also annehmen, daß etwa 150.000 Ukrainer in die Nord- und Westgebiete zwangsumgesiedelt wurden, mehrheitlich in die damaligen Wojewodschaften Olsztyn (Allenstein) und Szczecin (Stettin). Den Ansiedlern war es verboten, in die alte Heimat zurückzukehren oder sich auf dem neuen Gebiet frei zu bewegen. Es wurde eine rigorose Aufsicht über diese Bevölkerung eingeführt, über ihre persönlichen Kontakte und Korrespondenz. Verunmöglicht wurde auch die Pflege von kulturellen Traditionen, von Exercitien der orthodoxen Konfession sowie des muttersprachlichen Unterrichts für Kinder in der Schule. Hinzu kamen noch die Vorurteile der lokalen Behörden und des durch die Behörden manipulierten polnischen Milieus. Unter solchen Umständen betrachtete die ukrainische Bevölkerung ihre neuen Aufenthaltsorte als vorläufige. Sie versuchte zunächst nicht, hier wirklich Fuß zu fassen, weil sie erwartete, daß sie mit der Zeit in ihre Heimat zurückkehren werde. Diese Pläne wurden allerdings schon 1949 dadurch zunichte gemacht, daß der Staat durch eine Sonderverordnung in den Besitz aller Immobilien kam, die von der umgesiedelten Bevölkerung zurückgelassen worden waren. Die ehemaligen Besitzer hatten Anspruch auf eine Entschädigung in Form einer Verleihungsurkunde für Besitz in den "wiedergewonnenen Gebieten". Die Ukrainer haben sich aber lange Zeit geweigert, eine solche Verleihungsurkunde sowie jegliche Hilfe vom Staat (mit Ausnahme des ersten Jahres) in Anspruch zu nehmen, weil sie fürchteten, sich auf diese Weise den Rückweg in die alte Heimat zu versperren. Sie stellten auch keine politischen, sozialen oder kulturellen Forderungen, um die Beziehungen zu den Behörden und dem polnischen Milieu nicht zu verschlechtern. Es kam nämlich vor, daß bereits das Singen von ukrainischen Liedern auf einer Hochzeit Konflikte hervorrief.

Mit der Zeit zeigten die Ukrainer in der Öffentlichkeit immer kühner ihre Verbundenheit mit der Muttersprache, den religiösen und kulturellen Traditionen, und zwar besonders dort, wo sie in größeren Gruppen zusammenlebten. Nach dem besseren Kennenlernen des polnischen Milieus änderten sich auch die gegenseitigen Beziehungen zueinander und es kam vor, daß, trotz Verbot der Sicherheitsorgane, Ukrainer zu Schulzen und Gemeinderäten gewählt wurden. In vielen Dörfern waren es die Ukrainer, die ein kulturelles Leben organisierten. Auch die Behörden erreichten Informationen über die Belebung des gesellschaftlich-kulturellen Lebens. Diese sahen darin den Einfluß der sog. nationalistischen Elemente. Das führte zu einem geheimen Beschluß der obersten Parteigremien über die Notwendigkeit der Änderung der Politik gegenüber dem ukrainischen Milieu.

Der Beschluß des Politbüros des ZK der PVAP aus dem Jahre 1952 und insbesondere der Brief des ZK-Sekretariats der PVAP aus dem Jahr 1955 änderten das Verhältnis der lokalen Behörden zu der ukrainischen Bevölkerung und bewirkten eine weitere gesellschaftlich-kulturelle Belebung. Durch größere materielle Hilfe, besonders zur Sanierung der Bauernhöfe, die sich bereits zum Zeitpunkt der Zuteilung in einem bedauernswerten Zustand befanden, bemühte man sich, Stabilität und Anpassung der ukrainischen Bevölkerung in den neuen Gebieten zu erhöhen. In den Schulen wurden Möglichkeiten zum Erlernen der ukrainischen Sprache geschaffen. Dabei stieß man jedoch auf verschiedenartige Schwierigkeiten: die große Zerstreuung der Bevölkerung, ein Mangel an Lehrern und Schulbüchern, Ängste auf der einen und Vorurteile auf der anderen Seite. Allmählich wurde auch ukrainischsprachige Literatur aus der Ukraine eingeführt.

In der Praxis zeigte sich, daß die Behörden immer dann die größten Erfolge erzielten, wenn sie die Ukrainer selbst wirken ließen. Deshalb wurde beschlossen, einen - allerdings völlig durch die Partei und das Innenministerium gesteuerten - ukrainischen Kulturverein ins Leben zu rufen und eine Zeitschrift in ukrainischer Sprache herauszugeben. So veranstaltete man im Juni 1956 die 1. Tagung der Ukrainer, auf der der "Ukrainische Sozio-Kulturelle Verein" gegründet wurde. In der selben Zeit begann die Wochenzeitschrift "Nasze Slowo" ("Unser Wort") zu erscheinen. Der auf der Tagung anwesende Minister W.Jarosinski rechtfertigte die "Aktion Weichsel", verurteilte aber gleichzeitig die Methoden ihrer Durchführung; er äußerte sich kritisch über die Diskriminierung der Ukrainer in Polen und versprach die Wiedergutmachung der Fehler und angerichteten Schäden.

Es war aber nicht möglich, alles wiedergutzumachen. Insbesondere konnte das wichtigste Postulat, die Genehmigung der Rückkehr in die alten Wohngebiete und auf die alten Wohnsitze, nicht erfüllt werden. Um eine unkontrollierte Rückkehr und die damit verbundenen Konflikte zu vermeiden, erlaubten die Behörden, nicht ohne Widerstand, organisierte Rückkehrreisen. Zu diesem Zweck wurde ein entsprechender Ministerialausschuß ins Leben gerufen, der jedoch sehr zögernd arbeitete und die auf ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllte. Nach dem Abschlußbericht dieses Ausschusses kehrten 4.867 Familien in ihre alte Heimat zurück. Wenig wirksam war auch die materielle Hilfe, besonders wegen ihres geringen Umfangs sowie der Verteilungskriterien, die nicht immer zutrafen. Als heikel erwies sich das Problem der Wiederbelebung der griechisch-katholischen Kirche, die in der Sowjetunion delegalisiert und deswegen auch in Polen verboten war. Das hing bis zu einem gewissen Grad auch von der römisch-katholischen Kirche in Polen ab. Schließlich erlaubte man, in ausgewählten Pfarreien griechisch-katholische Gottesdienste abzuhalten. Die größten Erfolge wurden in der Entwicklung des ukrainischen Schulwesens und der Bewegung der Laienkünstler erzielt.

Den Höhepunkt in der Entwicklung des ukrainischen Schulwesens bildeten die Jahre von 1958/59 bis 1961/62, als an sechs Grundschulen und an drei Oberschulen Ukrainisch als Muttersprache unterrichtet wurde. Bis auf die allgemeinbildende Oberschule in Przemysl (oder besser gesagt die ukrainischen Klassen an dieser polnischen Schule) befanden sich alle übrigen Schulen in den Nord- und Westgebieten Polens. Später verringerte sich die Zahl der Schulen auf zwei Ober- und zwei Grundschulen. Eine wichtige Rolle bei der Ausbildung der Lehrer in ukrainischer Sprache spielten das Pädagogische Lyzeum in Bartoszyce (Bartenstein) (1956 - 1970), das Lehrerseminar in Stettin (1957 - 1963) und der Lehrstuhl für Ukrainische Philologie an der Warschauer Universität, der seit 1953 bis heute existiert. Ein nicht zu überwindendes Hindernis in der weiteren Entwicklung des ukrainischen Schulwesens bildet die schon erwähnte Zerstreuung der ukrainischen Bevölkerung, der Mangel an Lehrern, an neuen Schulbüchern und methodischer Hilfe. Auf diesen Zustand haben auch viele subjektive Faktoren einen Einfluß, wie der Mangel an Aufklärung der Eltern und die Unterschätzung des Bedürfnisses nach Unterricht in ukrainischer Sprache, Ängste vor der Reaktion des polnischen Milieus und die Tatsache, das auch weiterhin die Nationalität oft verheimlicht wird.

Die Grundformen der kulturellen Tätigkeit bildeten Aufklärungsarbeit und die Bewegung der Laienkünstler. Gesangs- und Tanzensembles tauchten überall dort auf , wo entsprechende Bedingungen vorhanden waren (ein Kulturraum, ein Dirigent oder ein Regisseur, eine größere Gruppe der ukrainischen Bevölkerung, freundliche Einstellung der lokalen Behörde). Ein wirksamer Impuls zur Gründung der Ensembles waren Gelegenheitsveranstaltungen, wie z.B. ein feierlicher Abend, der dem größten ukrainischen Dichte, Taras Szewczenko, gewidmet war, oder Lokal- und Landesfestspiele der Gesangs- und Tanzensembles. Den größten Ruhm erwarben die alle zwei Jahre veranstalteten Festspiele des ukrainischen Volksliedes in Sopot in der Waldoper, wo sich 5 bis 7.000 Zuschauer versammeln. Neben den Sopoter Festspielen haben auch der Jugendjahrmarkt in Danzig, "Watra" in Gdingen (Kultur der Lemken) und die Kinderfestspiele in Köslin und Elbing einen landesweiten Charakter. Von den Gesangs- und Tanzensembles wurden der Männerchor "¯urawie" (bekannt in Polen und im Ausland), das Ensemble "Lemkowyna" aus Bielanki und Schulensembles aus Liegnitz, Górów Ilawiecki und Bialy Bór am bekanntesten.

Die Verlagstätigkeit des Ukrainischen Gesellschaftlich-Kulturellen Vereins beschränkte sich auf die Herausgabe der Wochenzeitschrift "Nasze Slowo" mit Extrablättern wie "Nasza Kultura" und "Switanok" (für Kinder), des "ukrainischen Kalenders" ("Ukrainski Kalendarz") und kleiner Gedichtbände, deren Autoren lokale ukrainische Dichter waren. 1964 erschien eine literarische Anthologie der ukrainischen Schriftsteller in Polen unter dem Titel "Homin". In Köslin, Allenstein, Lublin und Rzeszów wurden ein- oder zweimal im Monat Sendungen in ukrainischer Sprache übertragen, und in Stettin einmal im Monat eine Sendung des Ukrainischen Gesellschaftlich-Kulturellen Vereins in polnischer Sprache.

Nach der Periode der stärksten Unterdrückung der ukrainischen Kultur, der Einschränkung der Zahl von Schulen und Unterrichtsstätten mit Ukrainisch als Muttersprache in den 80er Jahren traten mit der Erneuerung des politischen Lebens in Polen auch Veränderungen im gesellschaftlich-kulturellen Leben der Ukrainer ein. Im Februar 1990 wurde auf der Sondertagung des Ukrainischen Gesellschaftlich-Kulturellen Vereins, der "Runde-Tisch-Diskussionen" vorausgegangen waren, beschlossen, anstelle des alten Vereins eine neue Organisation zu gründen, die den neuen Bedingungen besser angepaßt wäre. Der "Verein der Ukrainer in Polen" ist eine selbstverwaltete Massenorganisation. Das Hauptziel des Vereins besteht darin, die Interessen der ukrainischen Minderheit in Polen zu vertreten, ihre politischen Rechte und Bürgerrechte zu sichern und in der Praxis wirksam werden zu lassen. Der Verein hat zwar eine zentralisierte Organisationsstruktur, aber er beabsichtigt nicht, alle Angelegenheiten der ukrainischen Minderheit zu monopolisieren (wie das der alte, vom Innenministerium gesteuerte Verein getan hat). Ganz im Gegenteil, er fördert die Gründung von weiteren Organisationen: regionale Organisationen (Lemkenverein, Verein der Ukrainer in Podlasien, "Narodnyj Dim" in Przemysl), Berufsvereine (Ukrainischer Ärzteverein, Juristenklub), Wohltätigkeitsvereine (St. Wladimir Christlicher Verein), Jugendorganisationen ("Plast"), Frauenorganisationen (Bund der ukrainischen Frauen). Manche von ihnen sind Filialen der Weltorganisationen, wie z.B. der Szewczenko-Wissenschaftsverein in Polen. Der "Verein der Ukrainer in Polen" ist auch Mitglied des "Weltkongresses der Ukrainer" und des "Ukrainischen Weltkoordinationsrates".

Eine gewisse Autonomie erreichte die griechisch-katholische Kirche dadurch, daß der Heilige Stuhl einen eigenen Bischof 1989 ernannte, der direkt dem Primas von Polen und nicht dem Vatikan untergeordnet ist , wie es bis zu dieser Zeit der Fall war. Leider besitzt die griechisch-katholische Kirche bis heute nicht den Status einer Organisation des öffentlichen Rechts, weil diese Kirche im Parlamentsgesetz vom 17.5.1989 übergangen (und als Kirche des römisch-katholischen Ritus behandelt) wurde. Dagegen besaß die autokephalische orthodoxe Kiche in Polen während der ganzen Zeit den Status einer Institution des öffentlichen Rechts.

Der Verein der Ukrainer versucht zu helfen bei der Entwicklung von offiziellen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontakten zwischen Polen und der Ukraine. Das wird erheblich dadurch erleichtert, daß die ukrainische Minderheit ihren Vetreter im Sejm hat. In der vorigen Legislaturperiode war es Dr. Wlodzimierz Mokry von der "Solidarnosc" und in der gegenwärtigen ist es Miroslaw Czech von der Union der Freiheit (UW). Indem die ukrainische Minderheit ihren Beitrag zur Herstellung gutnachbarlicher Beziehungen der beiden Nationen und Staaten leistet, bekommt sie - ähnlich wie die polnische in der Ukraine - eine positive Enwicklung auch am deutlichsten zu spüren.