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      TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 30 - 33

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Andrzej Grajewski, Bielsko-Biala

Eine Nachbarschaft ohne Reflexion - Bedingungen des polnisch-tschechischen Dialogs

In seiner heutigen Form existiert das polnisch-tschechische Grenzgebiet erst seit 1993, als an der polnischen Südgrenze infolge des Zerfalls des föderativen Staates zwei souveräne Staaten - die Tschechische und die Slowakische Republik - entstanden. Doch die Geschichte der polnisch-tschechischen Beziehungen ist viel länger, und ihre dramatischsten Seiten wurden im schlesisch- teschener Grenzgebiet geschrieben, in dem polnische, tschechische und deutsche Einwohner sowie viele Vertreter der jüdischen Diaspora miteinander lebten. Auch die Konfessionen waren in diesem Gebiet sehr unterschiedlich.

Das Problem des Olsagebietes

Die polnisch-tschechischen Beziehungen im 20. Jahrhundert wurden von der sogenannten Frage des Olsagebiets belastet, d.h. des Gebietes, das östlich des Flusses Olsa liegt. Dieser Fluß teilt heute das historische Teschener Schlesien, das nach 1919 der Tschechischen Republik zuerkannt worden war. In der tschechischen Publizistik wird dieses Gebiet Tesinsko oder Tesinske Slezko genannt. In diesem Gebiet sind nach polnischen Schätzungen etwa 200.000 Polen geblieben, 100.000 sollen es nach tschechischen Schätzungen sein. Die Frage ihrer Rechte war Gegenstand ununterbrochener Konflikte zwischen den Regierungen in Prag und Warschau. Die Situation in diesem Gebiet verschärfte sich massiv in den dreißiger Jahren, während der Wirtschaftskrise, die die polnische Minderheit besonders deutlich zu spüren bekam. Der Prozeß einer Radikalisierung der Haltungen dieser Minderheit wurde von der polnischen Regierung unterstützt. Im Jahre 1938, nach dem Münchener Abkommen, forderte die polnische Seite die Rückgabe dieser Gebiete. Im September 1938 wurde das Olsagebiet Polen eingegliedert. Bald danach kam es zur Aussiedlung von über 10.000 Tschechen aus diesem Gebiet. Nach 1945 wurde das Olsagebiet dank des Schiedsspruchs Stalins an die Tschechoslowakei angegliedert. Nach dem Krieg reduzierte sich die Anzahl der Polen im Olsagebiet schnell, sowohl infolge von objektiv stattfindenden Assimilationsprozessen als auch infolge der Politik der tschechischen Regierung.

Eine weitere wichtige Zäsur in der Geschichte der polnisch-tschechischen Beziehungen war das Jahr 1968 und die Teilnahme der polnischen Armee an der Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten. Später neigte ein Großteil der regionalen tschechischen Kreise dazu, der polnischen Bevölkerung im Olsagebiet die Schuld für den Einmarsch zu geben. Zugleich wurden sie von den offiziellen polnischen Machthabern kritisch beurteilt, die unzufrieden waren mit der Unterstützung, die die in der Tschechoslowakei lebenden Polen der Bewegung des Prager Frühlings zukommen ließen. Das Jahr 1968 vertiefte die Trennung zwischen Polen und Tschechen. Unmöglich war damals ein wirklicher Dialog über diese Probleme, und die kommunistische Propaganda versuchte, die verschiedenen nationalistischen Ressentiments auszunutzen, um ein Stereotyp des Nachbarn als Feind aufzubauen. Ähnlich war es nach 1980, als "Solidarnosc" entstand. Nach 1968 hatten die Propagandisten der polnischen Seite die Initiative übernommen, nach 1980 dagegen - die der tschechischen. Zwar bewirkte die Zusammenarbeit der antikommunistischen Opposition in den achtziger Jahren eine Veränderung vieler dieser negativen Stereotypen, doch es wäre zu optimistisch zu sagen, daß das jahrzehntelang eingeflößte gegenseitige Mißtrauen keine dauerhaften Spuren im Bewußtsein beider Nationen hinterlassen habe, vor allem bei denen, die im Grenzgebiet leben. Zur Zeit wohnen etwa 40.000 Polen in Tschechien. Ihre Vertretung ist der Polenrat, der alle polnischen Organisationen auf diesem Gebiet versammelt. Auch heute erweckt die Frage des Olsagebietes in gewissen Kreisen Emotionen, die mit dem Status der polnischen Minderheit verbunden sind. Aktivitäten zur Verbesserung der Lage dieser Gruppe werden - außer von den Regierungsorganisationen - auch von unabhängigen Organisationen unternommen: von der Polnischen Gemeinschaft, auch vom Bund der Organisationen der Ostgebiete, der u.a. ehemalige, heute in Polen lebende Einwohner des Olsagebietes versammelt. Eine wesentliche Rolle bei der Normalisierung der Situation von Polen in der Tschechoslowakei spielte auch die "Polnisch-Tschechoslowakische Solidarnosc", die in den achtziger Jahren den Kontakt zwischen den Dissidentenkreisen beider Länder aufrechterhielt. Die Vermittlung dieser Organisation trug u.a. dazu bei, daß polnische Vertreter auf die Listen des Bürgerforums kamen und ein Parlamentsmandat im Jahre 1990 erhielten.

Probleme des Schulwesens

Im Juli dieses Jahres kam es zu einer Novellierung des Schul- und Kindergartengesetzes durch das tschechische Parlament. Es sieht vor, daß die Mindestzahl der Schüler in Grundschulen im Schnitt 17 Schüler pro Klasse betragen soll; ähnliche Begrenzungen hat man auch für die Organisation von Kindergärten angenommen. Ausnahmen von dieser Regel sollen vom Bildungsministerium entschieden werden, nachdem die jeweilige lokale Bevölkerung einen entsprechenden Antrag gestellt hat. Dieses Gesetz stellt eine Bedrohung für das Schulwesen der polnischen Minderheit dar, da es das Schulwesen der Minderheit um 11 Schulen im Gebiet von Fryda und um 4 im Karwiner Kreis reduziert. Auf diese Weise werden von 29 polnischen Schulen im Olsagebiet nur 6 übrigbleiben. Dabei muß bemerkt werden, daß es das einzige Minderheitenschulwesen in Tschechien ist, wo neben den polnischen Schulen, die auf diesem Gebiet eine zweihundert Jahre alte Tradition haben, nur eine einzige slowakische Schule existiert. Zwar hat das tschechische Bildungsministerium in diesem Jahr den Widerspruch aller polnischen Schulen positiv entschieden, doch man hat eine Situation geschaffen, in der das, was die Pflicht eines Staates sein sollte, zu einem Akt guten Willens wird. Abgesehen davon stimmt die Situation nicht mit dem polnisch-tschechoslowakischen Vertrag von 1991 überein, der Garantien für die Schulbildung der nationalen Minderheiten enthält.

Das Vermögen polnischer Organisationen

Eines der mit der Abrechnung der Vergangenheit verbundenen Probleme ist die Frage der Rückgabe des Vermögens polnischer Organisationen, das ihnen nach 1945 weggenommen wurde. Dieses Vermögen wurde 1939 von der deutschen Besatzungsmacht beschlagnahmt, und später, kraft der sogenannten Benes-Dekrete als ehemaliges deutsches Vermögen nationalisiert. Seit 1990 bemühen sich die polnischen Organisationen um die Rückgabe dieses Vermögens. Die tschechische Regierung lehnt das ab und beruft sich auf die Unantastbarkeit der Benes-Dekrete. Inoffziell sagt man, daß die Rückgabe des polnischen Vermögens unmöglich sei, weil man keinen Präzedenzfall in dem Augenblick schaffen könne, wo die Sudetendeutschen mit ähnlichen Forderungen, nur in größerem Ausmaß, aufträten.

Ökologie

Eines der Elemente, die die polnische und tschechische Opposition in der Region des Teschener Schlesien verband, waren die ökologischen Probleme. In den achtziger Jahren sollte auf der tschechischen Seite im Ort Stonawa - 5 km von der polnischen Grenze entfernt - der größte Kokschemie-Betrieb Europas gebaut werden. Der Ort wurde so gewählt, daß die meisten Emissionen von den Winden auf die polnische Seite getragen worden wären. Einzigartige Naturlandschaften im umliegenden Beskidengebirge waren bedroht. Der Protest gegen diese Investition wurde auf beiden Seiten der Grenze von der "Polnisch-Tschechoslowakischen Solidarnosc" organisiert. Es kostete viel Mühe, vor allem der tschechischen Bevölkerung alle Konsequenzen bewußt zu machen, die der Bau dieses Betriebes für die Umwelt haben würde. 1990 fiel schließlich die endgültige Entscheidung, die Realisierung des Vorhabens zu stoppen. Das hatte einen bedeutenden Einfluß auf die Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen im Grenzgebiet. Trotzdem führten die ökologischen Probleme - wenn auch in geringerem Ausmaß - zu Schwierigkeiten bei den Kontakten im ganzen polnisch-tschechischen Grenzgebiet. Dabei ging es vor allem um die ökologische Absicherung von Investitionen, die mit dem Bau neuer Grenzübergänge in diesem Gebiet verbunden waren.

Abrechnung mit der Vergangenheit

Seit seiner Entstehung im Jahre 1990 bemühte sich der in der Tschechoslowakei entstandene Polenrat darum, eine Historikerkommission ins Leben zu rufen, die die Geschichte dieser Gebiete objektiv beschreiben sollte. Den Protest der polnischen Bevölkerung erweckte vor allem die oft in den tschechischen Massenmedien präsentierte These, die polnische Minderheit im Olsagebiet sei aufgrund verschiedener Migrationswellen entstanden, es handle sich also bei ihnen um Einwanderer im Unterschied zur angeblich ansässigen tschechischen Bevölkerung. In dieser Frage ist die Ignoranz der tschechischen Bevölkerung allgemein. Als Ergebnis dieser Auseinandersetzungen und der Tätigkeit der Kommission für Nationalitätenfragen beim Tschechischen Nationalrat entstand eine polnisch-tschechische Gruppe regionaler Historiker, die gemeinsam einen Abriß der Geschichte des Teschener Schlesien erarbeitet haben. Diese Ausarbeitung wurde von hervorragenden tschechischen und polnischen Historikern rezensiert und ist in beiden Sprachen erschienen. Besonders Prof. Jaroslav Valenta aus Prag hat sich bei den gemeinsamen Untersuchungen große Verdienste erworben. Seine Publikationen zum Thema der polnisch-tschechischen Beziehungen trugen viel dazu bei, das Unwissen zu überwinden und bewirkten eine Veränderung der zahlreich vorhandenen Vorurteile bei beiden Völkern. Eine Untersuchung zu diesem Thema erschien auch bei dem Institut Slezsky Ustav in Opava. Ein wichtiger Titel, herausgegeben von diesem Institut, war eine Ausarbeitung über das Martyrium der Polen aus dem Olsagebiet, die in Katyn umgekommen waren. Zwar sieht der polnisch-tschechische Vertrag eine Zusammenarbeit im Bereich Kultur vor, in der Praxis beschränkt sich eine solche Tätigkeit jedoch allein auf lokale Initiativen. In diesem Zusammenhang ist auch eine regionale Initiative der Aktivisten der "Polnisch-Tschechischen Solidarnosc" erwähnenswert, die in den Schulen des Grenzgebietes mehr Lehrmaterial zur Verfügung stellen möchte, das den Problemen des Nachbarlandes gewidmet ist. In einigen, hauptsächlich privaten, Schulen auf der polnischen Seite wird dies realisiert, doch der Versuch, regionale Programme beispielsweise für den Geschichtsunterricht zu schaffen, ist leider mißlungen. Eine Gelegenheit zum Dialog über gemeinsame Grundlagen der polnischen und tschechischen Kultur im Grenzgebiet, über die gegenseitigen Einflüsse und das gegenseitige Durchdringen, bietet das Theaterfestival "An der Grenze", das seit 1990 als eine Initiative der "Polnisch-Tschechischen Solidarnosc" im polnischen Cieszyn und im tschechischen Tesin organisiert wird.

Der polnisch-tschechische Dialog im Teschener Schlesien ist nicht eben der aktivste. In der Region des Tals von Klodzko, wo in den achtziger Jahren die "Polnisch-Tschechoslowakische Solidarnosc" aktiv war, ist er wesentlich weiterentwickelt. Zweifellos erleichtert es den Dialog, wenn es keine solchen historischen Konflikte gibt. Bis 1945 wohnte in diesem Gebiet hauptsächlich deutsche Bevölkerung, die man nach dem Zweiten Weltkrieg zwangsausgesiedelt hatte. Heute gehört die "Woche der Christlichen Kultur", die gemeinsam von den Gemeinden der polnischen und tschechischen Seite organisiert wird, zu den wichtigsten Veranstaltungen des Grenzgebietes.

Abgesehen von solchen regionalen Initiativen, spielt die Frage des Dialogs zwischen Polen und Tschechen in den polnischen politischen Diskussionen kaum eine Rolle. Obwohl die tschechische Literatur weiterhin in Mode ist, und Autoren wie Milan Kundera oder Jozef Skvorecky, um Jaroslav Hasek gar nicht zu erwähnen, weiterhin zu den in Polen gern gelesenen Autoren gehören, hat sich das Interesse für den Nachbarn aus dem Süden deutlich verringert. Es ist ein eigenartiges Paradox, daß in letzter Zeit einige ernstzunehmende Texte zum Thema der polnisch-tschechischen Nachbarschaft in der Pariser "Kultura" erschienen sind, während dieses Thema in der Presse in Polen, abgesehen von der Sonderausgabe der Monatszeitschrift "Wiez" und Veröffentlichungen in der "Gazeta Wyborcza" praktisch nicht existiert.

Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska