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       TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 40 - 42


Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Fritz Peter Habel, München

Die Vertreibungen nach dem zweiten Weltkrieg im heutigen Bewußtsein der Deutschen

Ich möchte mich der Aufgabe stellen, in fünfzehn Minuten das mir gestellte Thema abzuhandeln. Hier wird mit dem Begriff "die Deutschen" eine Einheit angesprochen, die man nur als komplex bezeichnen kann. Ich werde versuchen, sie etwas aufzufächern, damit ein Gefühl für die Realität entsteht. Zur Frage selbst: es gibt dazu keine handfesten Unterlagen. Daher werde ich versuchen, nicht aus einem vorgefertigten Manuskript vorzutragen, sondern Ihnen einfach einige Näherungsgrößen zu diesem Problem aufblättern, aus denen heraus Sie einen Überblick bekommen, wie man die Frage sehen könnte.

Lassen Sie mich mit der Frage beginnen, was man wohl unter Bewußtsein verstehen kann. Ich sehe hier einmal die Meinung, die man zu einer Frage vertritt und zum anderen das Wissen, das über diese Frage existiert. Bei der Meinung muß man wohl differenzieren zwischen formalen Meinungen, so wie sie in Meinungsumfragen fixiert sind und jener informellen Meinung, von der heute bereits verschiedentlich die Rede war: die kollektive Erinnerung, die kollektive Vorstellung, die kollektive Befürchtung. Das betrifft auch die Einstellungen zu der Vertreibung im allgemeinen. Einen Hinweis über die Richtung einer möglichen Antwort finden wir in gewissen Umfrageergebnissen, die über eine lange Zeit hinweg vorliegen.

Es wurde die Frage gestellt: Sollen sich die Deutschen mit der Oder-Neiße Linie, der Grenze zwischen Deutschland und Polen abfinden? Zu den Ergebnissen komme ich noch. Bewußtsein ist gleich Meinung plus Wissen. Wir sollten uns also auch zum Wissen über die Geschichte der Deutschen wenigstens ein Beispiel vor Augen führen, um die subjektive Meinung an objektiven Kenntnissen orientieren zu können. Mindestens ist ein Aufriß erforderlich unter Berücksichtigung des vorhandenen Materials über eine frühere Zeit, über die wir genau Bescheid wissen, und über die jetzige Zeit, die durch ganz andere Parameter gekennzeichnet zu sein scheint, eine Zeit - 1991 und die folgenden Jahre -, in der die Vorgänge im ehemaligen Jugoslawien jeden Abend in jedem Fernseher zu sehen sind. Sie prägen Meinung und Bewußtsein.

Die nächste Ebene, die wir kurz auffächern müssen, ist der Tatbestand, daß die Gesamtheit der Deutschen in zwei große Gruppen zerfällt, früher Westdeutschland (alte Bundesrepublik) und DDR, und in beiden Gruppen wiederum gibt es jene Menschen, die in Ostdeutschland - sprich den Provinzen jenseits von Oder und Neiße und dem Sudetengebiet - geboren wurden. Die Frage, vor der wir stehen, ist die Frage an alle Deutschen: Was halten Sie heute von Vertreibungen? Diese Frage ist aus den vorliegenden Unterlagen so nicht beantwortbar.

Was man beantworten kann, ist die Frage, die lange Zeit durch das renommierte Meinungsforschungsinstitut in Allensbach erhoben wurde: Soll man sich mit der Oder-Neiße-Linie abfinden? -(Ja, weiß nicht, nein.) Und die neue Formulierung dieser alten Frage lautet: War die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie richtig oder falsch? Sie werden sehen, daß sich von 1951 bis 1972 in Westdeutschland, einschließlich derjenigen, die in Ostdeutschland geboren wurden, eine völlige Umkehr der Meinung zur Anerkennung der Oder-Neiße-Linie ergab. 1951 waren nur 8 % der Meinung, daß es richtig sei, sich damit abzufinden, während 80 % der Meinung waren, es sei falsch. 21 Jahre später, im Jahre 1972, finden Sie 61%, die der Meinung sind, man solle sich damit abfinden und nur mehr 18 %, die sich damit nicht abfinden wollen. Hinter diesen wenigen Zahlen verbirgt sich ein Bewußtseinswandlungsprozeß, der direkt die westdeutsche und nunmehr gesamtdeutsche Politik bestimmte, nämlich zum Abschluß gewisser Verträge, die Ihnen bekannt sind, führten.

Heute - 1995 - ist die Situation eher durch die Frage gekennzeichnet: War diese Anerkennung richtig oder falsch? Und wiederum liegt eine Untersuchung des Allensbacher Instituts vor, die uns für meinen Geschmack etwas sehr Interessantes zeigt. Es gibt wesentliche Meinungsunterschiede zwischen den Deutschen in der ehemaligen DDR, also den neuen Bundesländern, und denen in Westdeutschland. Während nach dieser Erhebung in den neuen Bundesländern 83 % meinen, die Anerkennung sei richtig und nur 15 % sie sei falsch gewesen, ist in den alten Bundesländern ein gewisser Meinungsumschwung eingetreten. Wenn diese Untersuchung stimmt, und ich habe keinen Grund daran zu zweifeln, dann halten es in den alten Bundesländern nur mehr 34 % für richtig und 32 % für falsch. Per Saldo: wenn man zwischen den neuen und alten Bundesländern, also Gesamtdeutschlands mit der ungefähren Bevölkerungszahl gewichtet, würde man für heute sagen, daß 44 % der Bevölkerung der Deutschen die Anerkennung für richtig hält und jeweils 28% entweder für falsch, oder sie haben dazu keine Meinung oder kein Wissen.

Dieses Wissen spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Was die Deutschen über ihre eigene Geschichte wissen, möchte ich Ihnen an den Antworten auf eine Frage zeigen, die 1990 gesamtdeutsch gestellt wurde: Gab es vor der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 bei freien Wahlen für Hitler eine Mehrheit? Ja oder nein. 41 % meinten es habe eine Mehrheit gegeben, 34 % wußten nicht Bescheid, nur 25 % sagten - richtig - zu einem der wichtigsten Eckpunkte deutscher Geschichte, daß es keine Mehrheit für Hitler gegeben habe. Meinung und Wissen zusammen zu der Frage: Wie sehen die Deutschen die Vertreibungen im Jahre 1995? können uns nicht ganz weiterhelfen. Wir können nur eine Annäherung versuchen.

Ich stelle Ihnen also insgesamt acht Fragen vor, die in etwas schillernder Form deutlich machen sollen, wo wir heute stehen dürften - wir die Deutschen. Verstehen Sie die folgenden Ausführungen bitte als eine These zur Diskussion.

Der erste Fragenkomplex betrifft Vertreibungen generell, d.h. die Vorgänge in Jugoslawien nach 1991. Das ist jetzt nicht mehr Allensbach, sondern ich selbst versuche hier politische Sachverhalte so zu formulieren, wie das ein Meinungsforschungsinstitut tun würde. Gleichzeitig versuche ich ungefähr deutlich zu machen, wo meiner Meinung nach die Probleme liegen.

Die Frage an einen respräsentativen Querschnitt könnte lauten: Haben Sie in der Medienberichterstattung von 1995 über Jugoslawien von dortigen Vertreibungen erfahren? Man kann davon ausgehen, daß ein hoher Prozentsatz dem zustimmt. Ich unterstelle hier 80 % Ja-Stimmen, 10 % Nein-Stimmen und 10 % ohne Meinung.

Wenn man nun den 80 % die Frage stellt: Halten Sie diese Vertreibungen für richtig? So würde ich meinen, daß das bei fast niemandem der Fall wäre, etwa 10 bis 15 % hätten keine Meinung und ein hoher Prozentsatz würde diese Frage mit Nein beantworten.

Die Fragen, die sich daraus praktisch ergeben, sind die folgenden: Halten Sie die Wiedergutmachung materieller Verluste der Überlebenden - wir sind mitten in der Diskussion der bosnischen Friedenslösung von heute - durch z.B. Rückkehr oder Entschädigung für geboten ? Sie finden nunmehr einen relativ hohen Prozentsatz Ja-Stimmen. Wenn allerdings die Frage gestellt würde, ob auch für möglich, dann würde der Prozentsatz erheblich geringer ausfallen. Damit will ich die Diskussion anregen und fragen: Was meinen Sie denn meine Damen und Herren, wie die Stimmung unter den Deutschen heute ist?

Kehren wir nunmehr zum Ausgangsthema zurück, in aller Kürze und Schnelligkeit, zu den Vertreibungen der Deutschen in den Jahren 1945 und 1946. So könnte die Frage der Meinungsforscher lauten: Haben Sie in der Medienberichterstattung über das Ende des Zweiten Weltkrieges etwas über die Vertreibungen der Deutschen aus dem Osten in den Jahren 1945/46 erfahren? Es wird sich zeigen, daß der Prozentsatz derer, die davon erfahren haben, geringer ist als bei der entsprechenden Frage in bezug auf das ehemalige Jugoslawien. Ein ganz wichtiger Unterschied: dort handelt es sich um etwas Aktuelles, hier um etwas Vergangenes.

Halten Sie die deutschen Vertreibungen von 45/46 für richtig, gerechtfertigt?, oder wie immer Sie das ausdrücken wollen. Wiederum werden relativ wenige der Meinung sein, daß sie richtig oder gerechtfertigt waren, widersprachen sie doch den Menschenrechten. Allerdings wird ein höherer Prozentsatz keine Meinung haben, sodaß der Prozentsatz der Nein-Stimmen zwar hoch bleibt, aber nicht ganz so hoch wie im bosnischen Fall.

Und wenn wir dann die entscheidende Frage stellen - und damit sind wir auch bei einigen der Hinweise von Herrn Sabata: Halten Sie Wiedergutmachung materieller Verluste Überlebender durch z.B. Entschädigung für geboten? Dann wird der Prozentsatz unter 50 % sinken, und wenn Sie die noch schärfere Frage stellen, ob auch für möglich, dann dürfte der Prozentsatz sehr gering sein. Das soll von mir aus eine Art Prognose darstellen. Sie wäre natürlich noch zu differenzieren nach West und Ost.