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       TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 64 - 66

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Leonore Scholze-Irrlitz, Ethnologin, Humboldt-Universität Berlin

Verordnetes Schweigen ist keine Lösung

In meinem Beitrag beschränke ich mich auf einige Bemerkungen über die Gruppe der Vertriebenen und Umgesiedelten, die sich in brandenburgischen Dörfern, d.h. in der ehemaligen DDR, angesiedelt haben. Diese Menschen haben Erfahrungen mit den jeweils anderen gemacht, die sich von denen der nicht vertriebenen ost- oder westdeutschen Bevölkerung unterscheiden. Die von mir angestellten Untersuchungen über Vertriebene und Umgesiedelte widmeten sich hauptsächlich der Frage von Integrationsbedingungen und -möglichkeiten in den Ankunftsgebieten. Das Verhältnis zu den polnischen Bürgern stand mehr am Rande des Interesses. In den von mir durchgeführten lebensgeschichtlichen Interviews ergeben sich aus den Äußerungen und Einstellungen gegenüber polnischen oder tschechischen Bewohnern in den ehemaligen Geburts- und Wohnorten der geflüchteten und vertriebenen Deutschen zunächst zwei grobe zeitliche Differenzierungen. Der erste Zeitraum betrifft die Zeit nach Kriegsende, in dem die Deutschen noch in ihrem jeweiligen Wohnort, der oft als Heimat bezeichnet wird, wohnten, von dem auch die Ausweisung erfolgte. Die zweite zeitliche Periode betrifft die 70er und 80er Jahre, also die Zeit, in der ein Teil der Geflüchteten und Vertriebenen sog. Erinnerungsreisen unternahm.

Zur ersten Nachkriegszeit: Die Kontakte der deutschen Einwohner in Ostbrandenburg oder auch in Schlesien bezogen sich auf zwei unterschiedliche Gruppen von polnischen Bürgern. Einerseits gab es diejenigen, die nach dem Abzug der russischen Besatzer die Macht übernahmen, also die Vertreter der polnischen Verwaltungsorgane. Wenn man die allgemeine Stimmung zusammenfassen wollte, so könnte man vielleicht von einer gewissen Erleichterung sprechen. Mit der direkten Kriegsbesatzung durch die russische Armee waren vielfältige Probleme verbunden gewesen, besonders die Vergewaltigungen der Frauen. Demgegenüber fühlte man sich erleichtert. Aber die erste Erleichterung verschwand wieder, als die polnischen Verwaltungsorgane dann die Ausweisungen der Deutschen aus ihren Wohnungen und Häusern veranlaßten und schließlich - nach dem Potsdamer Abkommen - die endgültige Ausweisung durchführten. Das fiel zeitlich nicht immer zusammen, manchmal lagen dazwischen bis zu zwei Jahre. Die Erinnerungen daran sind bei der großen Anzahl der Befragten keine allzu guten. Die zweite Gruppe bildeten die ehemaligen polnischen oder auch ukrainischen Zwangsarbeiter, die während der Nazizeit auf deutschen Gütern oder in deutschen Haushalten gearbeitet hatten, und die nach dem Krieg zunächst, aber oft auch für immer, in diesen Gebieten blieben. Zwischen ihnen und den deutschen Einwohnern gestaltete sich das Verhältnis differenziert. Es gab nicht nur berechtigte Revanche für das persönlich erlittene Unrecht, sondern in Abhängigkeit vom jeweiligen Verhalten der Deutschen in der Nazizeit unterschiedliches Verhalten: solches, das die erlittenen Demütigungen jetzt zurückgab, als auch verständnisvolles, menschliches Verhalten den Deutschen gegenüber. Ein Beispiel. Eine Frau erzählte, wie ihr alter Vater von Viehtreibern (Armeeangehörige?) mitgenommen, dann aber von einer polnischen Frau, die eine Position in der Machthierachie hatte, zurückgeholt wurde. Sie kommentiert das so: "Gehaßt haben die uns nicht unbedingt."

Zu den sog. Erinnerungsreisen: Oft durch Kinder oder Enkelkinder, die sich für die Herkunft der Vorfahren interessierten, gedrängt, fuhr ein Teil der nach 1945 Geflüchteten, Umgesiedelten oder Vertriebenen in die sog. Heimat, hier verstanden als Ort der Geburt und der Kindheit. Alle, die dort waren, erzählten später, sie seien von den jetzigen polnischen Bewohnern gastfreundlich aufgenommen worden. Offensichtlich waren die Erwartungen ursprünglich anders, denn sonst wäre diese fast stereotype Betonung der freundlichen Aufnahme und Bewirtung nicht so allgemein und nicht so stark hervorgehoben worden. Bei den von mir befragten Personen ergaben sich allerdings keine dauerhaften Kontakte. Es handelte sich eher um eine kurze Rückkehr in einen an sich abgeschlossenen Lebensabschnitt. Keiner von den noch einmal Zurückgekehrten, wollte seinen Besitz zurückhaben oder dort etwas erwerben.

Resümierend läßt sich feststellen, daß es eine gemeinsame Erfahrungsebene der heutigen polnischen und der ehemaligen deutschen Bewohner, die in der DDR gelebt haben, gibt. Materieller Besitz erwies sich als keine dauerhafte Größe. Beide Bevölkerungsgruppen wurden in irgendeiner Weise zum Verlassen der jeweiligen Heimat gezwungen und konnten diese Tatsache nur begrenzt verarbeiten. Bei den polnischen Bewohnern blieb ein schon vorher im historischen Bewußtsein tradiertes Unsicherheitsgefühl gegenüber dem mächtigen deutschen Nachbarn vorhanden. Bei den DDR-Bürgern herrschte das verordnete Schweigen der eigenen Herkunft. Hier liegen meines Erachtens die wesentlichsten Unterschiede: für die Einwohner Westdeutschlands gab es zum einen nicht dieses verordnete Schweigen, zum anderen galt Besitz an Grund und Boden erstrebenswert, da es zu keinen grundlegenden Veränderungen in der Eigentumsstruktur kam.

Zunächst sind es die jeweiligen leidvollen persönlichen Erfahrungen, die Zeit und Beteiligte in düsterem Licht erscheinen lassen. Aus diesem Grunde ist es notwendig, das öffentliche Bewußtsein, die Nicht-Betroffenen für diese Fragen zu interessieren. Meinungen bilden sich über persönliche Erlebnisse, Traditionen und öffentliche Diskussionen heraus. Es ist notwendig, die realen Fakten aufzuzeigen und die realen Zusammenhänge aufzuarbeiten. Im Rahmen eines von mir initiierten Projekts in Beeskow befragten u.a. 16- bis 17-jährige Schüler aus einem Beeskower Gymnasium, die Angehörigen der Generation, die Krieg, Flucht und Vertreibung erlebt hatten. An den von diesen Schülern verfaßten Aufsätzen fiel auf, daß sie einfach und distanzlos die sich aus den Erfahrungen speisenden Formulierungen der Befragten wiedergaben. Sie hatten Verwandte oder Einwohner ihrer Stadt bzw ihres Dorfes befragt. Sie schrieben z.B.: "Auf der Reise sieht Irene die Häuser, die von den Russen abgefackelt wurden, um den nachfolgenden Truppen den Weg nach Berlin zu zeigen." Diese Aussage wird nicht reflektiert, sondern einfach übernommen. Oder: "Das Volk wurde von den Russen überrollt. Tod, Mord und Elend breiteten sich aus. Wenn z.B. einer eine Uhr besaß, und ein Russe kam, konnte er sicher sein, daß er seine Uhr gegen sein Leben vertauschte."

Eine Befragte: "Bisher konnte ich mich noch nicht so recht überwinden, dorthin zu fahren, weil ich Angst davor habe, mit dem konfrontiert zu werden, daß andere Leute in unserem Haus wohnen usw. Denn wenn ich es recht überlege, war es nur der Haß der tschechischen Leute auf uns Deutsche, der uns vertrieben hat. Denn der Krieg war zu der Zeit schon vorbei. Wir sind nur die Opfer der Rache geworden." An diesen Zitaten wird deutlich, daß man über Flucht und Vertreibung in der gesamt-deutschen (ehemals west- und ostdeutschen) Öffentlichkeit diskutieren muß. Wie Maurice Halbwachs sagt, identifiziert sich der Einzelne mit öffentlichen, für die Gruppe wesentlichen Ereignissen und erinnert einen guten Teil dessen, das er gar nicht selbst erlebt hat. Insofern besitzen die Folgen unterdrückter geschichtlicher Erfahrung Relevanz auch für die Gegenwart und Zukunft. Für die Entwicklung in Europa ist es notwendig, Verhältnisse und Beziehungen zwischen Volksgruppen und Völkern auf unterschiedlichen historischen Entwicklungsstufen nachzuzeichnen und zu analysieren. Enden möchte ich mit dem Zitat aus dem lebensgeschichtlichen Interview einer 89-jährigen Frau: "Na ja, wir sind arm herjekommen. Und wir blieben dann arm. Wir war'n froh, daß wir 'ne Decke überm Kopp hatten. Und wieder een kleenes Zuhause. Trotzdem: Zuhause - wir hatten ja ein Zuhause. Und daß so einen großen Teil des Landes wir haben leerjemacht, das is eben, Jott, da muß man immer wieder sagen: Was haben'se denn nu für einen Nutzen jehabt durch'n Krieg, nich?" Übrigens zeigt sich in allen Interviews, daß diese Menschen heute eine große Sensibilität für Krieg und Verfolgung von Menschen entwickeln. Das betrifft sowohl den Krieg im ehemaligen Jugoslawien als auch die Kämpfe zwischen Palästinensern und Israelis.

Man kann eigentlich nur hoffen, daß durch solche Diskussionen auch zwischen den Generationen die nachfolgenden Generationen bestimmte Erfahrungen vielleicht nicht mehr selbst machen müssen, um das Ausmaß und die Tragik solcher Ereignisse zu verstehen.