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       TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 14 - 17

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Dariusz Iwaneczko, Przemysl

Das polnisch-ukrainische Grenzland als Ort der Versöhnung?

Das polnisch-ukrainische Grenzland in seiner heutigen Ausformung war seit Jahrhunderten ein Ort, an dem sich die Kulturen, Nationalitäten und Religionen gegenseitig durchdrangen. Gerade dort trafen die mittelalterlichen Kulturkreise von Byzanz und des christlichen Westeuropa aufeinander; dort kamen Völker und ethnische Gruppen wie Ukrainer und Polen, aber auch Juden, Deutsche, Tschechen, Österreicher, Ungarn, Armenier sowie Lemken, Bojken oder Huzulen miteinander in Berührung. Und auch in religiöser Hinsicht war das polnisch-ukrainische Grenzland ein besonderer Ort, an dem sich Orthodoxie und Katholizismus ebenso begegneten wie die protestantische und die jüdische Religion. Dieses spezifische Konglomerat war im Laufe historischer Transformationen entstanden, die auf die Zeit des Mittelalters zurückgehen. Erheblichen Einfluß auf den Charakter des polnisch-ukrainischen Grenzlandes hatten sowohl das österreichische Teilungsgebiet und die Habsburgermonarchie als auch die strategische Lage von Przemysl, an der sogenannten "Pforte von Przemysl".

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die nationalen Bestrebungen zum Dreh- und Angelpunkt der polnisch-ukrainischen Beziehungen. In der Zeit des Ersten Weltkrieges erreichten sie ihren Höhepunkt. Frühere Versuche, die polnisch-ukrainische Frage friedlich zu lösen, hatten kein Resultat erbracht, und so wurde das Ende des Ersten Weltkrieges zum Anfang der bewaffneten Konfrontation zwischen Polen und Ukrainern. Der Verlauf der weiteren Ereignisse erinnert an eine schiefe Ebene. Das Unvermögen, die ukrainische Frage im unabhängigen polnischen Staat zu lösen, die blutigen Kämpfe in den Jahren 1943 bis 1947, die Umsiedlung der Bevölkerung und die sogenannte "Aktion Weichsel" - diese Ereignisse hinterließen eine dauerhafte Spur im Gedächtnis: die "nicht erloschene Vergangenheit". Durch die Jahre des Zweiten Weltkrieges und die unmittelbaren Folgejahre veränderte sich der Charakter des polnisch-ukrainischen Grenzlandes radikal: Heute leben hier neben einer kleinen ukrainischen Minderheit nur noch Polen. Schätzungen gehen davon aus, daß derzeit in Polen 150.000 bis 250.000 Ukrainer leben, wovon ein Teil der griechisch-katholischen (unierten), ein anderer der russisch-orthodoxen Konfession angehört. Infolge der Umsiedlungen lebt der größte Teil dieser Minderheit in den nördlichen und westlichen Gebieten Polens. Etwa 500.000 polnische Bürger ukrainischer Nationalität wurden nach 1945 in die Sowjetunion umgesiedelt. Demgegenüber lebt - nach Berechnungen von Funktionären der polnischen Minderheit - ungefähr eine Million Polen in der Ukraine, die jedoch infolge der kommunistischen Nationalitätenpolitik größtenteils entnationalisiert sind.

Besonders diejenigen Polen und Ukrainer, die im Grenzgebiet selbst leben, erinnern sich heute vor allem an das Unrecht, das sich beide Völker zugefügt haben. Das mündet nicht gerade immer in einem konstruktiven Dialog über die Zukunft. Der bittere Kelch des Leidens wurde in den Jahren 1943 bis 1947 gefüllt. Während die Polen die Gemetzel erinnern, die die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) in Wolhynien beging, ist für die Ukrainer die "Aktion Weichsel" mit ihren Pazifikationen und Aussiedlungen stets gegenwärtig. In der polnischen Gesellschaft hält sich das Stereotyp des Ukrainers als des "Schlächters" (rezun), in der Ukraine galt und gilt der Pole noch immer als "Herr/Herrscher" (Pan). Vereinfachend könnte man sagen, daß diese Bezeichnungen zu Herausforderungen für die Historiker geworden sind. Im Moment stehen wir vor der Frage, ob die Bemühungen um eine wahrhaftige polnisch-ukrainische Aussöhnung erfolgreich sein können. Ich behaupte, daß ja, allerdings in einem längeren Prozeß, der sich nicht nur auf spektakuläre Gesten beschränkt. Berücksichtigt man die gemeinsamen Interessen, ist Aussöhnung ganz einfach unerläßlich.

Wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses ist die gegenseitige Anerkennung der Rechte der nationalen Minderheiten. In der Wojewodschaft von Przemysl leben derzeit 10.000 bis 20.000 Ukrainer, die sich in verschiedenen Verbänden der ukrainischen Minderheit organisieren. So arbeiten dort der "Verband der Ukrainer" in Polen, das "Ukrainische Nationale Zentrum", die nach Bischof Grzegorz Lakota benannte "Wissenschaftliche Gesellschaft" in Jaroslaw, die "Gesellschaft der Unabhängigen Ukrainischen Jugend" sowie die folkloristische Gesellschaft "Dibrowa". In Przemysl gibt es neben einer Grundschule mit ukrainischer Unterrichtssprache einige Orte, an denen man ukrainisch lernen kann. Darüberhinaus gibt es seit dem Schuljahr 1995/96 ein allgemeinbildendes Gymnasium mit ukrainischer Sprache. Im gesamten Grenzgebiet haben sich zahlreiche sakrale Objekte und andere Denkmäler der ukrainischen Kultur erhalten. Eine große Anzahl von ihnen wurde mit staatlichen Mitteln restauriert. Sowohl der Wojewode von Przemysl als auch das Kulturministerium unterstützen die kulturellen und künstlerischen Aktivitäten der ukrainischen Minderheitenorganisationen finanziell. Im Sommer 1995 fand in Przemysl das ukrainische Kulturfestival statt, das früher in Sopot veranstaltet wurde.

Jene kulturellen und künstlerischen Bemühungen sind, geht es um die ukrainische Gesellschaft im Gebiet von Przemysl, gleichsam die eine Seite der Medaille. Die andere, konfliktreiche Seite, darf hier nicht unerwähnt bleiben. Da ist einmal das Problem von Vermögenswerten der Byzantinisch-Ukrainischen Kirche (griechisch-katholisch/uniert), die von den Immobilien und Objekten, die der Staat nach 1945 übernommen hatte, etwa fünfzehn Bauwerke zurückfordert. Eine stattliche Anzahl, wenn man bedenkt, daß in einigen dieser Gebäude inzwischen Schlüsselressorts der öffentlichen Verwaltung untergebracht sind. Mit der Lösung dieser Frage beschäftigt sich derzeit eine eigens berufene Verhandlungskommission aus Repräsentanten von Verwaltung und Kirche. Eine zweite nicht minder wichtige Konfliktursache sind die Denkmäler, die den Soldaten der Ukrainischen Aufstandsarmee errichtet wurden. Dabei geht es um die Frage einer grundsätzlichen historischen und politischen Einschätzung der UPA. Waren ihre Anhänger blutige Banditen, die mit dem Naziregime kollaborierten - oder heroische Kämpfer für eine unabhängige Ukraine? Oder Opfer eines tragischen Sogs der Geschichte, die das Gute wollten, aber Unheil anrichteten? wie es Adam Michnik formulierte. Die Beurteilung ist nicht einfach und wird zusätzlich dadurch erschwert, daß die ukrainische Regierung bis heute keinen eindeutigen Standpunkt in dieser Frage bezogen hat. In letzter Zeit wurden unter Umgehung polnischer Rechtsvorschriften im südöstlichen Polen einige Denkmäler zu Ehren der UPA errichtet. Damit beschäftigt sich jetzt eine Institution in Warschau (Rat zum Schutz des Gedenkens an Kampf und Märtyrertum). Es werden Verhandlungen über Modifizierungen oder auch Demontage einiger Denkmäler geführt. Ich möchte hervorheben, daß alle Organe der öffentlichen Verwaltung hier ein Maximum an guten Vorsätzen zeigen und gewillt sind, die bestehenden Schwierigkeiten einvernehmlich zu klären.

Auf den Mauern in Przemysl finden sich antipolnische und antiukrainische Parolen; einige Organisationen, Patrioten- und Veteranenverbände, stellten einen Antrag bei Gericht, den Verband der Ukrainer in Polen zu verbieten, der natürlich abgewiesen wurde. Es gab Bemühungen, das ukrainische Kulturfestival zu boykottieren; bekannt ist auch die Aktion, die darauf abzielte, den Griechisch-Katholischen (Unierten) den Zugang zu der Kirche der Karmeliter in Przemysl zu verwehren. Das sind nur einige der Beispiele, die Przemysl in Polen und im Ausland "berühmt-berüchtigt" gemacht haben. Auch in den deutschen Medien wurden diese Vorgänge ausführlich beschrieben.

Im gleichen Atemzug jedoch lassen sich die Vorgänge anführen, die für eine Normalisierung der polnisch-ukrainischen Beziehungen stehen. Ohne hier ausführlich über die geschaffenen politischen Fakten auf der offiziellen Ebene der beiden Regierungen sprechen zu wollen, möchte ich doch daran erinnern, daß Polen als erster Staat die Unabhängigkeit der Ukraine anerkannte und ein gegenseitiges Abkommen über Freundschaft und Zusammenarbeit abgeschlossen wurde. (19.05.1992). Die Wojewodschaft von Przemysl arbeitet eng mit dem Bezirk Lemberg in der Ukraine zusammen. In den Bereichen Wirtschaft und Kultur sind bereits viele Initiativen eingeleitet. Auch auf der Ebene der städtischen Verwaltungen bemüht sich Przemysl um eine Kooperation mit Lemberg. Neulich wurde Przemysl mit der sogenannten "europäischen Flagge" ausgezeichnet, die vom Europarat für besondere Verdienste um die europäische Integration verliehen wird. Es bestehen auch Partnerschaften zwischen Przemysl und der deutschen Stadt Paderborn sowie dem englischen Bezirk South Kesteven.

Doch die Frage bleibt: Ist das polnisch-ukrainische Grenzland um Przemysl ein Ort von Toleranz und Versöhnung oder eher von uralten Ressentiments und Haß? Die Geschichte läßt sich nicht umkehren - sagte Vaclav Havel über die Vertreibung der Sudetendeutschen - aber man kann die Wahrheit aussprechen. Es ist schon mühsam genug, die Wahrheit auszusprechen, noch schwieriger aber ist es, sie zu akzeptieren. In Przemysl gibt es einen Ort, den man kühn "Hügel der Völker" nennen kann, da er die tiefverwurzelte Kultur und Toleranz der Einwohner von Przemysl und der Region bezeugt. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich dort verschiedene Friedhöfe, die die reiche und komplizierte Geschichte des Landes um Przemysl erzählen: Der Friedhof der österreichisch-ungarischen Soldaten, die bei der Verteidigung der Festung von Przemysl im Ersten Weltkrieg umkamen; der Friedhof der russischen Soldaten, die auf der Gegenseite gefallen sind; weiter der Friedhof der deutschen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg sowie der für Wehrmachtssoldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Alle diese Friedhöfe wurden gemeinsam von den Behörden von Przemysl, seinen Einwohnern und denjenigen errichtet, die unmittelbar an ihrer Entstehung und Erhaltung interessiert waren. Der von mir zuletzt genannnte Friedhof für die Wehrmachtssoldaten wurde in diesem Jahr in Anwesenheit von Vertretern des deutschen diplomatischen Dienstes und des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge aus Kassel eröffnet. Es fand eine würdevolle Feier statt, an der auch Angehörige der dort begrabenen 5.383 Soldaten teilnahmen. Diese Veranstaltung war von Worten der Versöhnung und Vergebung geprägt, für die die Erklärung des Architekten Boguslaw Gebarowicz, unter dessen Federführung das Friedhofsprojekt entstanden ist, charakteristisch sein mag: Ich habe selbst noch etwas mit den Deutschen abzurechnen; sie nahmen mir Haus und Kindheit, beinahe verlor ich das Leben; ich sah die Erschießung von Juden und Polen. Als man mich um Hilfe beim Bau des Friedhofs bat, lehnte ich daher im ersten Reflex ab. Aber als ich die Dokumente sah, aus denen hervorging, daß die deutschen Soldaten unter dem Kies stark frequentierter kleiner Alleen liegen, in Gärten und Gräben, weil in Polen kein Platz für einen deutschen Kriegsfriedhof aus dem Zweiten Weltkrieg war - kam mir der Gedanke: Das gehört sich nicht... Kann Haß gegen den Okkupanten denn stärker sein als die Bande der Menschlichkeit?

"Das gehört sich nicht" - daum geht es, und trotzdem liegen unter dem Acker eines Bauern im Gebiet um Przemysl die Körper von 22 gefallenen Mitgliedern der UPA, die dort 1946 verscharrt wurden. Die Einwohner jener Ortschaft sind mit der Exhumierung und Überführung der Überreste auf einen derzeit noch geschlossenen griechisch-katholischen (unierten) Friedhof nicht einverstanden. Viele der Lebenden haben, ähnlich wie der Ingenieur Gebarowicz, "selbst etwas mit den Ukrainern abzurechnen."

Wir sollten uns fragen, warum es uns so leicht fiel, den Deutschen zu vergeben und ihnen eine angemesssene Beerdigung auszurichten, während es uns so schwer fällt, den Ukrainern zu vergeben? Die Gegner einer Aussöhnung meinen, die Deutschen hätten ein wahrhaftiges Zeugnis ihrer Taten abgelegt, während die Ukrainer einzig und allein über das Unrecht sprächen, das sie selbst erlitten haben. Vielleicht steckt ein Körnchen Wahrheit in dieser Behauptung. Ich denke, daß auch in dieser Frage ein Ausweg aus der Sackgasse gefunden werden wird, weil sie ein Teil der polnischen und der ukrainischen Staatsraison ist. Wenn auch vorerst nur zaghaft, so wird doch heute schon in Przemysl über die Notwendigkeit gesprochen, einen Friedhof für die in der ganzen Wojewodschaft verstreuten Gefallenen der UPA einzurichten. Trotz allem können wir uns freuen, daß der größte Teil der polnisch-ukrainischen Gespräche in die Zukunft gerichtet ist und somit optimistisch stimmt. Man muß in der Lage sein, die Schranken des eigenen Gedächtnisses zu überschreiten und im Feind von gestern den Bruder sehen. Einen anderen Ausweg gibt es nicht, denn nur so kann eine bessere Zukunft gestaltet werden. Es gilt, die Hoffnung zu haben, daß "alles bedeckt, verwehen wird" (so der Titel eines Buches von Wlodzimierz Odojewski, das von den "kresy" handelt ) und wir über dem Streit um die jeweilige Anzahl der Leichen auf beiden Seiten nicht verdummen.

Nach dem Zusammenbruch des polnisch-ukrainischen Bündnisses im Jahre 1920 war Marschall Josef Pilsudski couragiert genug, den ukrainischen Offizieren gegenüber mit folgenden Worten aufzutreten: Ich bitte Sie um Verzeihung, ich bitte Sie sehr um Verzeihung, meine Herren... . Werden wir uns als würdige Erben dieser Geste erweisen?


Aus dem Polnischen von Katrin Steffen