[Zurück] [www.dpg-brandenburg.de] [www.transodra-online.net]

        TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 87 - 93

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Przemyslaw Konopka, Korrespondent in Bonn

Auschwitz und Oswiecim oder die polnische und die deutsche Unterlassungssünde

Die Gedenkfeiern zum Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz-Birkenau waren eines der Elemente einer wahren europäischen Welle von Gedenkfeiern, aus Anlaß der Beendigung des 2. Weltkrieges und der Befreiung der vom III. Reich besetzten Länder vor 50 Jahren. Es gab in diesem Jahr viele wichtige Jahrestage und Orte, doch die Auschwitz-Gedenkfeierlichkeiten hatten eine besondere Bedeutung. Vor allem weil Auschwitz zugleich Ort und Symbol des am jüdischen Volk begangenen Holocaust ist. Aber auch, weil dieser fünfzigste Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers nicht nur in Polen Fragen nach dem Stand der polnisch-jüdischen Beziehungen provoziert; Fragen nach dem wahren Wert des Nachkriegsdialoges zwischen Polen, Deutschen und Juden, nach dem polnischen Antisemitismus, der deutschen Verantwortung für die Verbrechen, nach dem Verhältnis der Juden und Israels zu Deutschland und Polen.

Wenn man das Gewicht der Auschwitz-Gedenkfeierlichkeiten nach der Menge bedruckten Papiers beurteilen würde, ergäbe das eine imponierende Bilanz. In der deutschen und polnischen Presse erschienen in den letzten Januartagen dieses Jahres umfassende und detaillierte Berichte über die Feierlichkeiten, ergänzt um Kommentare von Publizisten, Politikern und Zeitzeugen. Neben der Beschreibung des Verlaufs der Feierlichkeiten gab es zahlreiche Texte mit Erinnerungen ehemaliger Häftlinge des Lagers, Interviews mit Vertretern internationaler jüdischer Organisationen, Reportagen aus dem Lagermuseum und der Stadt Oswi..cim. In dieser Hinsicht weist ein Vergleich der polnischen und deutschen Presse keine grundlegenden Unterschiede auf, vor allem keine qualitativen. Die deutschen überregionalen Tages- und Wochenzeitungen ("Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "die tageszeitung (taz)", "Spiegel", "Die Woche" und "Junge Welt") widmeten den Feierlichkeiten und der damit verbundenen Problematik mehr Platz als die hinsichtlich ihrer Bedeutung auf dem Lesermedienmarkt vergleichbaren Massenmedien in Polen. Einige entschieden sich sogar für Sonderbeilagen, die speziell dieser Thematik gewidmet waren. (Soviel ich weiß, gab in Polen nur die "Polityka" eine solche Beilage heraus; umfassendes Material veröffentlichte auch "Tygodnik Powszechny"). Das sind meine Folgerungen beim ersten, äußerlichen Blick auf die polnische und deutsche Presse. Ähnlichkeiten oder gar Parallelen gab es übrigens viel mehr, auch solche, die die Art und den Stil des Schreibens über den Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz betrafen. Für die Bedürfnisse dieses Vortrages konzentriere ich mich vor allem auf die Unterschiede in der Art der Berichterstattung und der Kommentare der polnischen und deutschen Journalisten. Ich hoffe, daß dieser Ansatz es erlaubt, die Prozesse und Tendenzen herauszufinden und aufzuzeigen, aufgrund derer eine eventuell andersartige Atmosphäre entstand.

In den ersten Januartagen dieses Jahres war die Berichterstattung der Medien von der Tatsache beherrscht, daß trotz entgegengesetzter Voraussagen keine gemeinsame Erklärung der polnischen und deutschen Bischöfe zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz veröffentlicht werden würde. Und dies, obwohl der Text einer solchen Erklärung bereits formuliert und von beiden Seiten akzeptiert worden war. Bischof Lehmann begründete den Verzicht auf eine gemeinsame Erklärung damit, ein gemeinsames Dokument könnte eine ungewollte Gleichsetzung von Opfern und Tätern der Kriegsgreuel suggerieren. Dies war eine deutliche Verbeugung des deutschen Geistlichen vor den Polen. Ähnlich äußerte sich der für die Kontakte mit der deutschen Seite verantwortliche Bischof Stanislaw Gedecki, der an der Arbeit der Kommission des polnischen Episkopats für Zusammenarbeit mit dem Judaismus beteiligt war. Seiner Meinung nach hätte eine gemeinsame Erklärung polnischer und deutscher Bischöfe den Eindruck erwecken (können), als ob Polen und Deutsche im gleichen Maße für die in Auschwitz begangenen Verbrechen verantwortlich seien. Die Entscheidung der polnischen Kirchenhierarchen wurde von den deutschen Bischöfen mit demonstrativem Verständnis aufgenommen und ohne weitergehende Kommentare von der Presse veröffentlicht. Nur sporadisch wurde die Meinung formuliert, hier sei vielleicht die Chance für eine wichtige Geste der deutsch-polnischen Versöhnung vertan worden (so z.B. im "Rheinischen Merkur", der dem deutschen Episkopat nahesteht und in der "Gazeta Wyborcza"). Viel mehr Interesse riefen dagegen beide, nun gesondert formulierte Texte der Briefe der polnischen und deutschen Bischöfe hervor. Sie überraschten die Beobachter durch ihre weitgehende Selbstkritik sowie die Betonung, daß auch die Christen für den Tod und die Verfolgung der Juden verantwortlich gewesen seien. Von der Presse beider Länder wurde in bezug auf den deutschen Brief die uneingeschränkte Bitte um Verzeihung der Schuld, die im Namen des deutschen Volkes begangen wurde, positiv gewürdigt, während in Bezug auf den polnischen Text es dagegen als "mißglückt" kritisiert wurde, daß in einem Atemzug vom Widerstand gegen Antisemitismus und Antipolonismus gesprochen wird. Später wurde der Brief der polnischen Bischöfe u.a. von amerikanischen, französischen und belgischen Tageszeitungen als Beweis der These vom polnischen Antisemitismus herangezogen ("L'express", "Liberation", "The New York Times").

Zur gleichen Zeit, d.h. in der ersten Hälfte des Januar, begann eine hitzige Diskussion über die Gestaltung der Gedenkfeierlichkeiten. In den meisten polnischen und deutschen Medien erschienen kritische Artikel, die die Ungeschicklichkeit der polnischen Organisatoren kommentierten. Am präzisesten und ohne jeden ideologischen Kontext formulierte wohl Marian Turski in der Wochenzeitung "Polityka" seine Vorwürfe gegen die Kanzlei des Staatspräsidenten Wal..sa. Zunächst stellte er die Frage: Für wen werden diese Feierlichkeiten veranstaltet? Aus vielen (polnischen und deutschen) Presseberichten ging hervor, daß man Gruppen ehemaliger Häftlinge während der zentralen Feierlichkeiten den Eintritt in das Lagergelände verweigerte, darunter einer Gruppe von Roma, die aus Ungarn gekommen waren, sowie dem offiziellen deutschen Delegierten, Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland, Michael Friedmann. Das sind Feierlichkeiten für Politiker und Diplomaten wiederholte man die Kritik ehemaliger Häftlinge in polnischen und deutschen Zeitungen.

Der zweite Vorwurf zahlreicher Kommentare, betraf die Anzahl der Auftritte von Präsident Wa.B..sa in Krakau, Auschwitz und Birkenau. Waren tatsächlich drei Reden von Wa.B..sa notwendig, angesichts der Tatsache, daß dem Vorsitzenden des Jüdischen Weltkongresses das Recht auf eine Rede verweigert worden war mit Hinweis auf den vollen Terminkalender und Zeitmangel? So lautete der grundsätzliche Vorwurf. Die Interpretationen stimmten auch dieses Mal überein: in Polen stand der Präsidentenwahlkampf vor der Tür und die Haltung von Wa.B..sa wurde als Wille zur Selbstprofilierung ausgelegt. Für manche Vertreter des jüdischen Volkes (Ignatz Bubis aus Deutschland, Baron Maurice Goldstein, auch Jean Kahn) war die Hervorhebung der Person Wa.B..sas ein Beweis für die "Polonisierung" der Auschwitz-Gedenkfeierlichkeiten, für die Tendenz zur Relativierung des Symbols Auschwitz als Symbol der Judenvernichtung.

Derselbe Vorwurf, jedoch in viel schärferer Form, wurde vor allem in den westeuropäischen, aber auch den deutschen Massenmedien gegenüber Wa.B..sas Reden erhoben. Genauer gesagt gegenüber dem, was in den Reden des polnischen Präsidenten fehlte. Präsident Walesa erwähnt den Holocaust nicht - Überschrift des Berichtes aus Auschwitz von Heiko Flottau auf der Titelseite der "Süddeutschen Zeitung"; Seelenlos - Titel des Kommentars im "Spiegel". Ähnlich im Ton waren die Kommentare der langjährigen deutschen Korrespondenten in Polen Klaus Bachmann, Edith Heller und Michael Ludwig.

In der polnischen Presse fehlten entsprechende Kommentare. Die heftigen Reaktionen der ausländischen Medien wurden sogar mit Überraschung aufgenommen und erst einen Tag später (am 28. Januar) klärte sich die Ursache dieses Sensibilitätsunterschiedes auf. Man hatte den ausländischen Journalisten die englische Version der Rede Lech Wa.B..sas in Birkenau gegeben, in der tatsächlich die Worte "Holocaust" und "Juden" nicht vorkamen. Die vom Präsidenten gehaltene Rede war noch kurz vor den Feierlichkeiten korrigiert und ein entsprechendes Fragment hinzugefügt worden.

Dieses Mißverständnis erlaubt zwei Folgerungen:

  1. es ist empörend genug, daß die Berater des polnischen Staatsoberhauptes erst im letzten Augenblick und erst als Folge entschiedenen Drucks die Unschicklichkeit dieses Vorgangs bemerkten;
  2. auch diejenigen deutschen Korrespondenten, die fließend Polnisch sprechen und die Rede von Wa.B..sa gehört hatten, wiederholten die Behauptung vom fehlenden Hinweis auf den Holocaust. Daß dies zu einer chaotischen Berichterstattung aus Polen führen konnte, beweist das Beispiel der "Süddeutschen Zeitung". Diese, eine der größten und bedeutendsten Tageszeitungen in Deutschland, eröffnet ihre Ausgabe vom 27. Januar mit der bereits zitierten Schlagzeile von Heiko Flottau: Präsident Walesa erwähnt den Holocaust nicht und fügt im Untertitel hinzu Kontroverse zwischen Polen und Juden geht weiter. Am nächsten Tag gibt Flottau (ebenfalls auf dem Titelblatt), ohne präzis zu bestimmen, um welche Rede Wa.B..sa es sich handelt, seinem Bericht den Titel: Polens Präsident Wa.B..sa erinnert während der Gedenkfeiern in Auschwitz an die Vernichtung der Juden. Der erste Satz des Artikels betont noch die Aussage des Titels: Präsident Walesa unterstrich das besondere Schicksal der Juden in Auschwitz-Birkenau. Dagegen steht auf Seite drei derselben Ausgabe wiederum ein Artikel von H. Flottau, der aber mit den Worten beginnt: Auch am zweiten Tag [der Gedenkfeiern - P.K.] hat Lech Wa.B..sa seine Chance vertan. /.../ Wieder erscheint im vorbereiteten Manuskript seiner Rede nicht das Wort "Jude". Der deutsche Leser, der über den Verlauf der Feierlichkeiten nicht genau bescheid weiß oder sich hauptsächlich an den Schlagzeilen orientiert (und es gibt doch viele solcher Leser), muß am Sinn der Feierlichkeiten oder... an der Verläßlichkeit der Zeitung zweifeln.

Eine weitere Kontroverse um Organisation und Ausgestaltung der Auschwitz-Gedenkfeierlichkeiten betrifft den Appell an die Völker der Welt der in Krakau weilenden Nobelpreisträger und Staatsmänner. Der Vorsitzende des israelischen Parlaments, der Kneset, Shewah Weiss, intervenierte am Vortag der Textveröffentlichung bei Präsident Wa.B..sa. Im Text des von der Präsidialkanzlei in Warschau vorbereiteten Appells, war nämlich überhaupt keine Rede vom Schicksal der Juden. Der Text wurde (wieder) im letzten Augenblick geändert, doch der üble Nachgeschmack blieb, ähnlich wie die eindeutig kritischen Kommentare in den ausländischen Presseberichten.

Die Art, wie die ausländischen Journalisten vom Organisationsstab behandelt wurden, bestätigte den Vorwurf des organisatorischen Chaos während der Feierlichkeiten. Die Inkompetenz der für die Korrespondenten Verantwortlichen, das Fehlen von Pressematerial und Schwierigkeiten beim Zugang zu den Politikern waren alltägliche Sünden der Organisatoren.

Die in Polen und Deutschland publizierten Texte, die mit dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau verbunden waren, könnte man in zwei grundsätzliche Gruppen einteilen. Die erste beinhaltet Berichte über die Feierlichkeiten. In den großen Zeitungen handelt es sich um eigene Berichte der jeweiligen Korrespondenten, während es in der Regionalpresse zumeist Artikel sind, die sich auf die Informationen der Presseagenturen berufen. Die zweite Gruppe enthält auch Erinnerungstexte, politische und historische Kommentare, Interviews und andere weiter ausholende Artikel.

So wie man von einer weitgehenden Ähnlichkeit in der Presse beider Länder, in Bezug auf die zweite Gruppe von Texten sprechen kann (oft wiederholen sich die Gesprächspartner der Interviews, man veröffentlicht Chroniken der Lagergeschichte und die Geschichte des Museums in Auschwitz), so ergeben sich wichtige Unterschiede bei der ersten Gruppe von Texten: in den Korrespondentenberichten, bei den Kommentaren und bei den Berichten über die Gedenkfeierlichkeiten selbst. Anders gesagt: ausgehend von denselben Voraussetzungen, historischen Materialien und Fakten kommen die polnischen und deutschen Journalisten nicht selten zu unterschiedlichen Schlußfolgerungen, zumindest interpretieren sie den Sinn der Ereignisse anders.

Meiner Ansicht nach sind die Publikationen zum Thema der Gedenkfeierlichkeiten der Befreiung des Lagers Auschwitz-Birkenau in erheblichem Umfang politisiert. Das geschieht mehr oder weniger bewußt (im zweiten Fall ist es die Folge unterbewußter Vorurteile), mehr oder weniger automatisch. Viele polnische Artikel oder eher die Art, wie auf die Ereignisse in Krakau und Auschwitz im Januar dieses Jahres reagiert wird, scheint entweder in den bevorstehenden Präsidentenwahlkampf eingespannt zu sein oder die Ereignisse werden in Übereinstimmung mit der politischen Linie der jeweiligen Zeitung ideologisch instrumentalisiert. Ein Beispiel dafür ist die Krakauer Tageszeitung "Czas". Diese konservative Zeitung veröffentlichte bereits am 28. Januar - neben Berichten von den Gedenkfeiern - eine Reihe von Auszügen aus der westeuropäischen Presse. Die ausländischen Kommentare, in denen die Kritik an der Organisation der Gedenkfeiern und ihrer "Polonisierung" dominierte, "wählte" man in der Redaktion der "Czas" als Material aus für eine Konfrontation Polens, der Polen, und des Polentums mit dem "Rest der Welt". Der Titel des erwähnten Berichts lautet: An die fremde Brust schlagen. Die Westmedien bezichtigen Polen des Antisemitismus. Die nächste Ausgabe der "Czas" brachte ein umfangreiches Interview mit Minister Andrzej Zakrzewski, in der Präsidialkanzlei zuständig für die Organisation der Gedenkfeierlichkeiten. Minister Zakrzewski kommentiert die ausländischen Berichte und wirft ihnen vor, es gebe eine erschreckend hohe Anzahl von Lügen. Den Deutschen wirft er vor - was besonders und oftmals im Interview betont wird - sie verfälschten bewußt das Bild der Gedenkfeiern. Ich möchte niemanden verdächtigen, doch mir scheint, daß die Deutschen, indem sie Polen und die Polen angreifen, versuchen, einen Mitschuldigen daran, was im KL Auschwitz geschah, zu finden. Es ist zu einer gewissen Eskalation gekommen. Zuerst wurden wir wegen schlechter Organisation angegriffen, dann wegen Polonisierung. (Ich übergehe hier Sprache und Stil dieser Aussage.) Weder der Minister noch der Journalist der "Czas" erklären, daß die meisten Angriffe gegen die Organisatoren der Auschwitz-Gedenkfeierlichkeiten gerichtet waren, und nicht "gegen Polen und die Polen". Der Minister äußert sich auch nicht zu der Frage, ob die Gedenkfeiern gut oder schlecht organisiert waren. Die Folgerung aus dieser Lektüre lautet: ganz gleich wie "die Polen" [Minister Zakrzewski] die Gedenkfeier organisiert hätten, die Welt hätte uns sowieso des Antisemitismus bezichtigt.

Laut Minister Zakrzewski zeugt die Tatsache, daß der Nobelpreisträger und ehemalige Auschwitzhäftling Eli Wiesel darum gebeten hat, in den Appell alle Völker einzubeziehen, die neben den Juden in Auschwitz umgekommen sind, davon, daß wir genauso denken. Leider scheint er damit allein zu stehen. Zur Erinnerung: Eli Wiesel verlangte vom Präsidenten Wa.B..sa vor allem, daß in dem Appell an die Völker der Welt die Juden überhaupt erwähnt werden, denn in dem von der Präsidialkanzlei (Minister Zakrzewski) vorbereiteten Text war dies nicht der Fall. Zweitens ist es zumindest ungeschickt, von anderen Völkern, die in Auschwitz umgekommen sind, zu sprechen. Eine solche Formulierung könnte, außer den Juden einzig die Roma betreffen. Drittens schließlich mußte Minister Zakrzewski, wenn er die ausländische Presse fleißig studiert hatte, auch wissen, daß Eli Wiesel lange vor den Gedenkfeierlichkeiten öffentlich gerade die Präsidialkanzlei wegen mangelhafter Organisation kritisiert hatte, schon deswegen also nicht "genauso" wie Minister Zakrzewski denken konnte. In der gleichen Ausgabe der "Czas" finden wir auch - als redaktionellen Kommentar - einen Angriff auf die Kritiker der Auschwitz-Gedenkfeierlichkeiten und die Postsolidarno.[..-Regierungen Polens, die - wenn es um die Diskussion über die Anzahl der Opfer von Auschwitz und die Außergewöhnlichkeit des Holocausts ging, den Juden recht gaben. Und weiter: Der "oben", zwischen Politikern und Intellektuellen geführte Dialog läßt sich nicht in Worte übertragen, die für die polnische Gesellschaft verständlich wären. Folgerung des Kommentators: Die [katholische] Kirche in Birkenau und das Kreuz in Auschwitz sollten an die Ermordeten erinnern. An alle. So wird in Polen der Ehre der Opfer gedacht. Willkürliche und nicht mit den örtlichen Bewohnern konsultierte Versuche, diesen Zustand zu ändern, bewirken, daß die Polen aus Oswiecim und Brzezinka sich im eigenen Haus als vergessen und beiseite geschoben fühlen."

Das Vorschnelle mancher Verhaltensweisen von Präsident Wa.B..sa in Krakau und Birkenau wurde von allen polnischen überregionalen Tageszeitungen bemerkt, wobei die dem Präsidenten näher stehende "Rzeczpospolita" schüchtern im Untertitel kommentiert: So schlecht war die Atmosphäre nicht, während "Zycie Warszawy" von einem von der polnischen Seite verschuldeten politischen Skandal spricht, und die Vernunft als das letzte Opfer von Auschwitz bezeichnet.

Viel schwieriger ist es, die Instrumentalisierung in den Berichten deutscher Journalisten aufzuzeigen. Vor allem weil sie - soweit sie auftaucht - einen weniger vorschnellen Charakter hat. Die Zeitung "Neues Deutschland" vom 28. Januar bezeichnet es als einen Fauxpas, daß man bei den Gedenkfeiern nicht berücksichtigt habe, daß 231 sowjetische Soldaten im Kampf um die Befreiung des Lagers in Auschwitz gefallen seien. Der Vorwurf ist insofern außergewöhnlich, weil, wie aus den Arbeiten von Historikern und den Erinnerungen der Häftlinge hervorgeht, die Sowjetarmee in ein von der SS bereits verlassenes Lager einmarschiert war.

Zwingend ist der Eindruck, daß die meisten deutschen Korespondenten entschieden versuchten, den Bericht über die Gedenkfeiern mit dem politischen Streit, der deren Organisation betraf, zu verbinden. Auf diese Weise kam es bei einem großen Teil der deutschen Presse - bereits bevor die Feierlichkeiten begannen - zu einer Verschiebung der Akzente vom Jahrestag selbst auf die polnisch-jüdischen Diskussionen und Kontroversen. Diese Aktualisierung und Politisierung erlaubten vor allem ein Ausweichen vor unbequemen Erinnerungen und Fragen: wer und wozu Konzentrationslager auf polnischem Territorium aufgebaut hatte. In diesem Teil der Analyse der deutschen Berichte aus Auschwitz erkennen wir den Willen zur Verdrängung des historischen Zusammenhangs. In den Kommentaren wiederholt sich monoton die These vom polnischen Antisemitismus (dem historischen und dem heutigen), ohne daß jedoch der Versuch unternommen würde, diese Erscheinung zu analysieren und zu interpretieren (eine Ausnahme bildet hier der Artikel von H. Flottau in der "SZ"). Unbedingt möchte ich in diesem Zusammenhang auch den in der Berliner "tageszeitung" veröffentlichten Artikel von Klaus Bachmann erwähnen. Der Autor unternahm den Versuch, die mit dem Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz verbundenen Mythen und die polnisch-deutschen Mißverständnisse zu erklären. Es ist der einzige mir bekannte Text in der deutschen Presse, der diese Erscheinungen sachlich analysiert und sie auf die Ebene der aktuellen Politik und der polnisch-deutsch-jüdischen Beziehungen projiziert. Am Rande bemerkt: eine umfangreichere und besser argumentierende Version des Textes von Bachmann ist in polnischer Sprache in der Tageszeitung "Rzeczpospolita" erschienen!

Es fällt mir schwer, eindeutig zu bestimmen, ob man "die Unterlassungssünde", die Professor Jan Blo.Dski und Jerzy Turowicz der polnischen Gesellschaft vorwerfen, in einer anderen Form den deutschen Kommentatoren der Auschwitz-Gedenkfeierlichkeiten vorwerfen könnte. Wenn ja, dann betrifft sie die Unterlassung, die ganze Wahrheit zu sagen und alle Aspekte dessen zu beschreiben, was man verhältnismäßig leicht als "polnischen Antisemitismus" bezeichnen kann. Vor allem dort, wo man den Kampf gegen den Antisemitismus - nicht nur in den letzten sechs Jahren - nicht erwähnt hat (oder nicht erwähnen will). Meinen Protest wecken die teilweise auftauchenden polnischen Versuche, sich Auschwitz "anzueignen". Aber ebenso manche Versuche in der deutschen Presse, sich die Diskussion über Auschwitz dadurch zu "erleichtern", daß man schweigend die These unterschreibt, in Polen wäre es am einfachsten gewesen, Shoah zu organisieren. Ein Beispiel für solche Versuche sind Reportagen aus dem heutigen Auschwitz, die nach folgendem Schema aufgebaut sind: ein Provinzstädtchen, in dem es von Alkoholikern wimmelt und von Menschen, denen die Tragödie des jüdischen Volkes vollkommen gleichgültig ist; und deren einzige Lebensperspektive darin besteht, von den Besuchstouristen des Konzentrationslagers zu leben und "Andenken" aus dem Lager zu stehlen. Zwei solcher Texte, ähnlich in der Form und beinahe identisch in der Tendenz, fand ich in der deutschen Januarpresse. Natürlich ist es nicht an sich schlecht solche Reportagen zu veröffentlichen, wenn sie der Wahrheit entsprechen, und ich habe gar keinen Grund, an der journalistischen Redlichkeit der Autoren zu zweifeln. Das Problem besteht nur darin, daß es faktisch die einzigen Texte zum Thema des heutigen Auschwitz in der deutschen Presse waren.

Paradoxerweise trug eben die deutsche Presse zur "Polonisierung" der Gedenkfeiern in Auschwitz bei. Die wohlbegründete Frage : "Wie werden nun die von der kommunistischen Ideologie befreiten Polen die Prüfung ihrer Verantwortung für die Gedenkfeierlichkeiten zur Befreiung von Auschwitz bestehen?" wurde nicht nur regelmäßig mehrere Wochen lang in den Artikeln abgehandelt, sondern verdeckte geradezu alle anderen Aspekte des Ereignisses.

Persönlich würde ich mir wünschen, daß die Polen, vor allem diejenigen, die für die Vorbereitung der Auschwitz-Gedenkfeierlichkeiten verantwortlich waren, die diesjährige "Prüfung in Auschwitz" mit einer besseren Note bestanden hätten. Genauso würde ich mir wünschen, daß manche unter den professionellen politischen Kommentatoren der deutschen Medien die Problematik des Antisemitismus oder des polnischen Nationalismus nicht auf die absurde Losung denn sie wissen nicht, was sie tun vereinfachten, indem sie schreiben für alles ist das kommunistische Regime verantwortlich, oder man muß den Polen Zeit geben, damit sie wie vernünftige Leute zu denken lernen. Ich überspitze das ganz bewußt, um zu zeigen, daß sich die Haltung von Leuten aus dem Westen Deutschlands, die von den Bewohnern Ostdeutschlands als paternalistische "Besser-Wessis" bezeichnet werden, manchmal auch in den journalistischen Texten in Deutschland findet, und das nicht nur in Artikeln über die ehemalige DDR. Auch dann, wenn die Motive besonders edel sind, wie im Kommentar von Josef Joffe in der "Süddeutschen Zeitung" vom 28.01.95: Entschuldigen läßt sich die polnische Erinnerungsverweigerung nicht, erklären aber ja. Polen, der gesamte Ostblock, war 40 Jahre lang eingefroren in der Zeit. Für den Kommunismus waren Juden - Völker und Religionen überhaupt - "reaktionäre" Begriffe, die es im Namen des "proletarischen Internationalismus" doktringemäß zu überwinden galt. Sehr bald gesellte sich der wahnhafte Antisemitismus eines Stalin dazu, der dann nahtlos in das proarabische Kalkül des Antizionismus einging. Die Stunde Null, der mögliche Beginn der Erinnerungsbereitschaft, hat erst 1989 geschlagen - 40 Jahre später als sonstwo in der Welt. Und nach diesem kurzen, obwohl geschickten Vortrag über die neueste Geschichte, fast wie aus der sowjetischen Enzyklopädie der dreißiger Jahre, fügt Joffe, die deutsche Erinnerung an Auschwitz betonend, noch hinzu: Die Erinnerung an Auschwitz konnte nicht das millionenfache Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg verhindern, das sich von Kielce, dem polnischen Pogrom 1946, über Asien und Afrika bis nach Grosny zieht.

Darauf antwortend müßte man wohl sagen: man kann die Vision eines "zeiteingefrorenen" Nachkriegslebens der Gesellschaften Mitteleuropas bis zur "Stunde Null im Jahre 1989" einfach durch das Unwissen des Autors erklären. Verzeihen aber kann man es nicht. Die Erwähnung von Kielce in einem Atemzug mit Kambodscha, Ruanda und Tschetschenien ist politischer und journalistischer Mißbrauch. In ähnlichem Geist äußerte sich Henryk Broder in "Die Woche". Dieser Text läßt sich aber nicht wie ein politischer Kommentar oder Bericht interpretieren: Broders Feuilleton Bombardiert Auschwitz beruft sich, als Feuilleton, auf das Recht der intellektuellen und politischen Provokation. Aber wie würde der Autor (als Journalist, Feuilletonist, Jude polnischer Abstammung, deutscher Staatsbürger) den Januarjahrestag kommentieren, wenn man seinen Vorschlag ernstnehmen würde?

Viele deutsche Zeitungen zitierten die Ergebnisse der im Januar durchgeführten Meinungsforschungsumfrage zum Thema Auschwitz und zum Verhältnis der Polen zu den Juden. Die Nachricht des Tages und eine erneute Bestätigung der These vom polnischen Antisemitismus war eine Zusammenstellung, die zeigte, daß 47% der Polen der Meinung sind, Auschwitz sei ein Ort des Martyriums vor allem des polnischen Volkes, während nur 8% meinen, es sei vor allem ein Ort der Vernichtung der Juden gewesen. Parallel geführte Umfragen, die die These vom polnischen Antisemitismus relativieren, wurden jedoch, soweit mir bekannt, von keiner deutschen Zeitung zitiert: 28% der Polen sagen, die Juden seien Hauptopfer der Nazis gewesen, 28% meinen, es seien Juden und Polen gewesen, 26% geben an, daß es Polen waren. Diese Untersuchungen legen darüberhinaus nahe, daß sich der Antisemitismus verhältnismäßig weit unten auf der Liste der polnischen Vorurteile und Stereotypen befindet. Auf die Frage: "Wen möchtest du nicht als Nachbarn haben?" antworten die Polen meistens: Zigeuner, Rumänen, Ukrainer, Araber. Die Juden befinden sich auf Platz 9, gleich hinter den Deutschen.

Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska