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          TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 18 - 19

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Wołodymyr Priadko, ukrainischer Korrespondent in Warschau

Die polnisch-ukrainische Grenze

An der polnisch-slowakischen und an einem Teil der polnisch-ukrainischen Grenze zählen die Einwohner zum rechten Wählerpotential. In den kürzlich durchgeführten Präsidentschaftswahlen stimmte hier die übergroße Mehrheit für Lech Walesa, ganz im Unterschied zur deutsch-polnischen Grenze, wo der Postkommunist Alexander Kwa.[niewski fast überall die Wahlen gewann. In der Wojewodschaft Nowy Sacz wurde in dieser Hinsicht sogar ein Rekord aufgestellt: Hier bekam Walesa 67,53 % der Stimmen. Eine Ausnahme bildeten lediglich drei Orte dieser Region, Uscie Gorlickie, Gładyszów und Zdynia, in denen vor allem Angehörige der Minderheit der .Aemkowie wohnen. Wie es in der Slowakei aussieht weiß ich nicht, aber auf ukrainischer Seite dominiert ebenfalls eine rechte Wählerschaft. Hier hat man vor einem Jahr bei den ukrainischen Präsidentschaftswahlen vor allem für den rechten Kandidaten Leonid Kuczma gestimmt, der im übrigen ebenfalls die Wahl verlor.

Im allgemeinen ist das Leben an der polnisch-ukrainischen Grenze nicht schlecht. In der Ukraine hört man ständig die Bezeichnung "europäisch" für alles, was aus Polen kommt. Man spricht vom europäischen Zug, weil er aus Polen kommt, vom europäischen Auto usw. Der Pole selbst ist natürlich "Europäer". Mit diesem Europa hat die Ukraine 526 km gemeinsamer Grenze mit 8 Grenzübergängen (zum Vergleich: mit der Slowakei hat Polen ebenfalls 520 km gemeinsamer Grenze und ebenfalls 8 Grenzübergänge). Im ganzen beträgt die ukrainische Staatsgrenze 8.215 km. Davon entfallen 2.484 km auf die Grenze zu Rußland. Die Grenzen zu Polen, der Slowakei, zu Ungarn und Rumänien sind "alte" Grenzen, demgegenüber sind die Grenzen zu Weißrußland, Rußland und Moldawien "neue" Grenzen und verfügen noch nicht über eine vollständige Infrastruktur.

Im Vergleich zur polnisch-slowakischen ist die polnisch-ukrainische Grenze lebendiger, aktiver. Es gibt hier zwei Euroregionen: die Euroregion Karpathen und die Euroregion Bug; eine aktive wirtschaftliche Zusammenarbeit; Städtebeziehungen zwischen Zamosc, Lublin und Chełm auf der einen und Luck auf der anderen Seite, sowie zwischen Przemysl und Rzeszów auf polnischer und Lemberg auf ukrainischer Seite; Kulturaustausch und Tourismus. In letzter Zeit kann man in ukrainischen Zeitungen auch zunehmend Anzeigen polnischer Firmen finden. Es entstehen auch polnisch-ukrainische Firmen auf beiden Seiten der Grenze. In der Ukraine gibt es davon etwa 700. In den polnischen Banken und Wechselstuben kann man die ukrainische Währung eintauschen. In Rzeszów erscheint seit einigen Monaten eine zweiwöchentliche Anzeigenzeitung in ukrainischer Sprache "Außenhandel". In Lemberg wird dagegen die Zeitung "Galizische Verträge" in polnischer Sprache herausgegeben. Darüberhinaus erscheint in Lublin eine sehr sympathische Zeitschrift mit dem Titel "Kresy" (das ist die Bezeichnung für die ehemaligen polnischen Ostgebiete, wörtlich "Rand"gebiete) und in Rzeszów gibt es eine Beilage der Zeitung "Nowin", die unter dem Titel: "Nachbarn: Polen, Ukrainer, Slowaken" erscheint.

Die Preise in der Ukraine nähen sich schrittweise den polnischen Preisen an, obwohl man in der Ukraine durchschnittlich etwa 50,- DM monatlich verdient, während es in Polen etwa 350,- DM sind. Auffallend ist, daß die Ukrainer immer weniger Waren nach Polen einführen, stattdessen hier mehr Einkäufe tätigen. Bei den Waren, die man nach wie vor aus der Ukraine einführt, handelt es sich in der Regel um Zigaretten, Alkohol, Walnüsse, Knoblauch, farbige Metalle und Benzin. In die Gegenrichtung werden vor allem Kartoffeln, Heringe, andere Lebensmittelartikel, Kleidung, Möbel und sogar Autos transportiert. Zur Zeit halten sich in Polen etwa 600.000 Ukrainer auf. Davon ist nur ein kleiner Teil Touristen, in der Mehrzahl handelt es sich um Leute, die in Polen arbeiten: Studenten, Händler, Transitreisende, oder auch Banditen. Von Polen in die Ukraine gibt es nicht viel Verkehr, ein paar Touristen und Händler. Die Ukraine setzt große Hoffnung auf die Nachbarschaft zu Polen: Tourismuseinrichtungen werden vorbereitet.

Die polnische Polizei hat große Probleme mit Gangsterbanden, die diejenigen Ukrainer erpressen, die Bargeld besitzen. Das sind in der Regel junge Leute, ohne Dokumente, die teilweise mit ihren "Fachkollegen" aus Polen zusammenarbeiten. Unter den von der Polizei in Przemysl Festgenommenen befinden sich etwa 80 % Ukrainer.

Man beginnt auch sich an Vorbildern des polnisch-deutschen Grenzgebiets z.B. im Bereich des Schulwesens zu orientieren. So konnten letztens 4 Schülerinnen aus der Gegend von Lemberg ihren Schulbesuch in einem polnischen Gymnasium in der Ortschaft Ustrzyjki-Dolne beginnen. Allerdings handelt es sich hierbei um Schülerinnen aus der Ukraine, die polnischer Herkunft sind. Das ist Vorschrift.

In der Ukraine setzen alle ihre Hoffnung in die Entwicklung des visumfreien Verkehrs zwischen Polen und der Ukraine, während sich 68 % der Polen - wie man kürzlich in der Wochenzeitung "Wprost" lesen konnte, für die Einführung der Visumspflicht für die Leute aus dem Osten aussprechen. Jeder weiß, daß die ukrainisch-russische Grenze noch immer nicht voll ausgestattet ist, und ein ukrainischer Bürger noch immer einen "ukrainisierten" ehemaligen Paß der Sowjetunion besitzt.

Die aktivste Stadt an der polnisch-ukrainischen Grenze ist zweifellos Przemysl. Hier wird sehr viel getan für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf allen Gebieten. Die Stadt wurde vom Europarat als Vorbild für Toleranz und freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarn ausgezeichnet. Aber erinnern muß man auch daran, daß es gerade in Przemysl immer wieder zu Skandalen und Aktionen kommt, die die polnisch-ukrainische Zusammenarbeit torpedieren sollen. Einer der polnischen Ukrainer kommentierte traurig die Auszeichnung durch den Europarat mit den folgenden Worten: "Die haben die Stadt ausgezeichnet, weil diese den deutschen Friedhof restauriert hat, aber uns erlauben sie nicht, den unseren anzulegen."