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          TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 36 - 39

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Jaroslaw Sabata, Brno / Brünn

Tschechen und (Sudeten-)Deutsche oder die Benes-Dekrete und die europäische Frage

Meine Bemerkungen betreffen die Frage nach dem Stellenwert der Vertreibung der Deutschen in der tschechischen und deutschen und - am Rande - auch der polnischen Gesellschaft.

Der Unterschied zwischen der tschechischen und deutschen Wahrnehmung dieser Frage ist sehr eindringlich mit dem Verhältnis zu einem Namen charakterisierbar: dem des Sprechers der Sudetendeutschen Franz Neubauer. Wenn jemand in Deutschland nach Franz Neubauer fragt, muß er zu dem Schluß kommen, es handle sich um eine ganz unwichtige Randfigur. Der tschechische Botschafter in Bonn meint, höchstens ein Prozent der deutschen Bevölkerung kenne diesen Namen. Dabei wird vielleicht etwas heruntergespielt, aber das Beispiel ist doch erhellend. Für die Mehrheit der Tschechen hingegen ist Neubauer eine bekannte Figur vom Zuschnitt eines kleinen Teufels, aus dem sich ein großer deutscher Teufel entwickeln könnte.

So hat sich die Lage bei uns vor allem in den Jahren nach dem November 1989 entwickelt. Zwar war der Name Neubauer schon vor dem November bekannt, aber erst in den letzten Jahren wurde das Phänomen der Sudetendeutschen zum Symbol einer gewissen nationalen Bedrohung. Das hängt selbstverständlich mit den sudetendeutschen Forderungen zusammen: mit dem sogenannten Recht auf Heimat, dem allgemeinen Rückkehrrecht und den damit verbundenen Vermögensfragen resp. einer bzw. einer Reihe variabler Forderungen auf Rückgabe des Vermögens. Diese Forderungen haben einen gemeinsamen Nenner in der Forderung nach der Abschaffung der Benes-Dekrete, also legislativer Akte aus dem Jahre 1945, die die entschädigungslose Enteignung und "Ausweisung" der Sudetendeutschen beinhalteten. Eben dazu möchte ich einige Bemerkungen machen.

Vor allem ist es nicht so, daß die Tschechen heute grundsätzlich nicht bereit wären, sich den Sudetendeutschen anzunähern. Dazu hat Vaclav Havel das erste Wort bereits im Jahre 1989 gesprochen. Am 17. Februar 1995 hat Havel dann in einer groß angelegten Rede im Prager Karolinum diesen ganzen Fragenkomplex noch einmal in breiterem Zusammenhang aufgenommen. Auf deutscher Seite wurde diese Rede von manchem als ein gewisser Rückschritt in Richtung einer nationalpopulistischen Einstellung bewertet. Aber in Wirklichkeit ist Havel von seiner ursprünglichen Haltung nicht abgewichen. Von neuem bekräftigte er unzweideutig seine ablehnende Haltung gegenüber der Vertreibung und seine Verurteilung der These der Kollektivschuld. Er wiederholte aber auch das, was seit den siebziger und achtziger Jahren für die demokratische Opposition selbstverständlich war: daß die Ebene moralisch-historischer Einsicht und die Ebene eventueller juristischer und politischer Folgerungen aus der Verurteilung der Vertreibung auseinandergehalten werden müssen. Am Rande: Wie könnte man eigentlich zu einer "Restitutio in integrum" (wenn auch in einer kompromißhaften Form) bei Ereignissen kommen, die sich vor fünfzig Jahren abspielten?

Gewiß - ein anständiger Tscheche weiß, daß er die massenhafte Vertreibung der Deutschen nicht rechtfertigen kann. Daß so etwas in Europa nicht geht. Daß es sich bei der Vertreibung um eine bedauernswerte nationale Schwäche des demokratischen Bewußtseins handelte. Daß es viel wünschenswerter gewesen wäre, wenn wir uns am Ende des Krieges und zu Beginn des Friedens dazu durchgerungen hätten, die sudetendeutsche Frage nicht im Geiste der Kollektivschuldthese zu lösen. Eine solche Einstellung drängt sich schrittweise in den Vordergrund des tschechischen Kollektivgedächtnisses, oder wenn Sie wollen, steht sie auch in gewissem Sinn noch immer im Hintergrund. Denn im allgemeinen ist der Begriff der Vertreibung noch immer tabuisiert, aber die Gemüter - vor allem der jüngeren Generation - ändern sich. Wenn das Thema der Verurteilung der Vertreibung noch im Hintergrund steht, dann befindet sich selbstverständlich die Wahrnehmung der Lage im Vordergrund, in der sich damals nicht nur die Tschechen, sondern alle Europäer befanden. Das Stichwort Potsdam fiel schon. Wir wissen auch, daß der Artikel 13 des Potsdamer Abkommens nicht von Vertreibung, sondern von Transfer spricht. Wir wissen auch, daß es sich um einen großen Fragenkomplex im Zusammenhang mit dem Ende beider Weltkriege handelt, der nicht nur die sudetendeutschen Vertriebenen betrifft, sondern alle Kriegsbeteiligten, vor allem und noch viel mehr die Deutschen, die in den Gebieten lebten, die jetzt zu Polen oder Rußland gehören.

In den Vordergrund des deutschen, vor allem des bayerisch-sudetendeutschen Kollektivgedächtnisses rückte dagegen die Bezeichnung der sogenannten Benes-Dekrete als Mörder-Dekrete oder Unrechts-Dekrete und damit verbunden auch die Charakterisierung Benes' als Verbrecher. Auf dem letzten Verbandstag der sudetendeutschen Landsmannschaft in München sagte Frau Minister Barbara Stamm: "Mit den Unrechtsdekreten des Herrn Benes im Gepäck kann die tschechische Republik die Grenze zu der Europäischen Union nicht überschreiten."Es geht aber nicht nur um die bayerisch-sudetendeutsche Haltung (sowohl der CSU als auch der SPD), sondern um das deutsche "Gedächtnis" überhaupt. Aus den Leitartikeln der FAZ kann man herauslesen, daß die bayerisch-sudetendeutsche Grundeinstellung in bezug auf die Vertreibung ein allgemeineres deutsches Gedankengut ist. Genauer: in der deutschen Politik setzt sich ein "innerer" Streit um die Einstellung gegenüber den Ergebnissen beider Weltkriege fort. Bleiben wir bei der FAZ, so können wir das mit einem Artikel von Götz Aly Ende September illustrieren: er kam - kurzgefaßt - zum Schluß, daß man unter Berücksichtigung der Lage Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch das "unvollständig demokratische" Verhalten des Demokraten Benes begreifen könne, so wie man es auch bei anderen Demokraten der damaligen Zeit, wie z.B. Churchill, begreifen könne.

In diesem Sinne könnte sich die Perspektive einer einvernehmlich deutsch-tschechischen Lösung der Sache der Vertreibung abzeichnen. Das ist wichtig. Vor allem im Zusammenhang mit der beabsichtigten deutsch-tschechischen Regierungs- und Parlamentserklärung, in der es darum gehen soll, einen Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Optimisten rechnen damit, daß dies noch im Dezember geschieht; andere sprechen vom Jahresanfang 1996; es gibt auch Pessimisten, die sagen, eine solche Erklärung wird überhaupt nicht zustandekommen, sie wird von München torpediert. Heute wissen wir noch nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden. In ein paar Wochen werden wir jedoch verstehen, in welche Richtung die deutsche Politik eigentlich in den neunziger Jahren gehen will.

Es kann sich nicht nur um das deutsch-tschechische Verhältnis handeln, denn es geht um eine Frage, die direkt zumindest auch Polen betrifft und indirekt alle Protagonisten der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das wird oft nicht verstanden. Dazu eine kleine Episode. Vor ein paar Tagen saß ich mit dem Pfarrer Otte von der Ackermann-Gemeinde (ein Verein der katholisch orientierten Vertriebenen in München) zusammen. Er lebt und arbeitet zeitweise in Nürnberg und zeitweise in Prag. Anwesend war auch der Bürgermeister von Furth im Wald (im Böhmerwald), ein CSU-Mann. Otte sagte, er habe mit seinen Landsleuten gesprochen und sie seien der Meinung, aus der gemeinsamen tschechisch-deutschen Erklärung werde nichts, u.a. auch darum, weil die Entschädigungsfrage sich eigentlich auch im Verhältnis zu Polen stelle. Der CSU-Politiker fragte erstaunt: "Wieso? Diese Sache ist zwischen uns und den Polen tatsächlich nicht erledigt?" Darauf Otte: "Nein, sie ist nicht erledigt. Aber im allgemeinen ist man darüber froh, daß die Polen das vergessen hatten."

Man kann ganz gut den unterschiedlichen Stellenwert der Frage der Vertreibung im polnischen aber auch im deutschen Gedächtnis begreifen. Für Polen ist das wichtigste, die Oder-Neiße-Grenze, sicher, und auf diesem Hintergrund wird alles andere unbewußt heruntergespielt. In der deutschen Politik stand die ganze Angelegenheit allzulange nicht auf der Tagesordnung. Sie war zwar präsent, aber eher unterschwellig. Castrup, der ehemalige Stellvertreter des Außenministers, antwortete im Frühjahr 1993 im Vorfeld des Nürnberger Sudetendeutschen Tages auf eine entsprechende Anfrage der Vertriebenenabgeordneten, die Bundesregierung werde nichts tun, was die Rechtsansprüche der Vertriebenen verwirken könne, also nichts, was bei Polen und Tschechen die falsche Vorstellung erwecken könnte, die Frage sei bereits erledigt. Das war zu einem Zeitpunkt, in dem sich der ganze Wiedergutmachungsprozeß im deutsch-tschechischen Verhältnis durch den Gang der Nachnovemberereignisse zugespitzt hatte. Am Anfang stand die Irritation in den Kreisen der Vertriebenen, die mit dem Restitutionsprozeß in der Tschechoslowakei zu tun hatte. Denn vom deutschen Standpunkt aus gesehen, privatisierte man eigentlich unrechtmäßig auch das ehemalige deutsche Vermögen.

Das mit der deutschen Einheit wachsende nationale Selbstbewußtsein auf der einen Seite und der Verlust der Legitimität der zerfallenden Tschechoslowakei in den Jahren 1990-1992 auf der anderen Seite führte zu einer regelrechten Offensive des bayerisch-sudetendeutschen Parts auf einem sozusagen revisionistischen Hintergrund. Auf dem Nürnberger Sudetendeutschen Tag im Mai 1993 wurde Havels moralische und intellektuelle "Inkonsequenz" mit einer solchen Wucht angeprangert, daß auf der tschechischen Seite der Konsens entstand, auf einen Klärungsprozeß im deutsch-tschechischen Verhältnis zu pochen. Havels Rede vom 17.2.1995, in der er versuchte, den Rahmen aufzuzeigen, in dem das Problem betrachtet werden sollte, könnte man als das reifste Ergebnis dieser Zielsetzung der tschechischen Politik betrachten. Und es ist signifikant, daß gerade der in Deutschland hochgeschätzte Havel, wenigstens am Anfang, so breit mißverstanden wurde. Zu sehen war das auch an der verbreiteten Deutung der Rede als Abgleiten in eine nationalpopulistische Haltung, die daraus entstand, daß Havel sich als Nachfolger der "berüchtigten" Benes und Masaryk verstand, sozusagen der Männer, die das unglückselige Gebilde namens Tschechoslowakei im Jahre 1918 ins Leben gerufen hatten. Daraus könnte man auch die Schlußfolgerung ziehen, daß es einen nicht unwichtigen Nachholbedarf im deutschen politischen Denken - oder wenn Sie so wollen - in der deutschen Gedächtniskultur mit allen daraus folgenden Konsequenzen gibt.

Zum Schluß möchte ich unterstreichen, daß kein Grund zu überspitzten antinationalistischen Reaktionen besteht. Wir wissen, daß es auch unter den Sudetendeutschen Leute gibt, die im Grunde die Sachlage gut verstehen und kann wohl damit rechnen, daß sie sich früher oder später mit allen anderen Deutschen zu einer ausgewogenen und realistischen Position durchringen werden. Zweimal wurde auf diesem Treffen schon bedauert, daß es in der Bundesrepublik keine nennenswerte protschechische Lobby gebe. Wenn ich so etwas höre - und das war hier bei weitem nicht das erste Mal - bin ich immer leicht verlegen, denn ich frage mich: Wieso? Wir haben doch die Sudetendeutschen. Das ist doch eine Lobby par excellence. Freilich leider mit einem verkehrten Vorzeichen. Denn bisher blockiert sie eigentlich recht effektiv die Frage, die wir lösen wollen. Worum geht es also? Nur um eine "Kleinigkeit", um die Loyalität der (Sudeten) Deutschen gegenüber der tschechischen Staatlichkeit. Das ist es, worauf wir uns in der Frage des sogenannten Schlußstrichs unter die Vergangenheit einigen müssen. Bis wir so weit sein werden, bis wir die Jahre 1938 und 1945 verkraftet haben werden, werden die Tschechen auch eine herausragende Lobby in der Bundesrepublik haben. Wir können gut ahnen, was das für die europäische Mitte und damit auch für Europa bedeuten könnte.

Ich lache unter dem Bart, meine Damen und Herren, dennoch, bitte, begreifen Sie diesen meinen "Schlußstrich" nicht nur als einen Witz, sondern als einen zugespitzten Appell zum Denken, das den Kopf nicht nach hinten richtet.