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TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 94 - 97

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Krzysztof Wolicki, Warschau

Schlußwort. Zur Strategie des Vergessens in der Kultur

Ich möchte auf eine Art über die Kultur sprechen, in der selten über sie gesprochen wird. Gewöhnlich redet man über Kultur im Sinne von schöpferischem Wirken. Kultur ist eine Sammlung von Werken. Die Menschen erzeugen Werke und das ist Kultur. Aber ich möchte hier auf die andere, die dunkle Seite der Kultur aufmerksam machen, darauf, daß Kultur auch Vergessen bedeutet. Die Kultur ist ein unaufhörliches Vergessen, wie sie ein ebenso unaufhörliches Erschaffen ist. Dieses Vergessen nimmt in der Geschichte des Menschen bestimmte Vergessensstrategien an. An erster Stelle steht die Strategie von Kriegen, Zerstörungen, barbarischen Überfällen, Revolutionen. Es sind das Strategien der Zerstörung bis auf den Grund. Aber gewiß haben auch sie irgendeine positive Funktion: sie räumen das Terrain auf und manchmal scheint es sogar, daß sie es erlauben, wieder von vorn anzufangen. Sicher deshalb gab es unter den kulturmüden Intellektuellen des 20. Jahrhunderts so viele Nachahmer von Naphta, die sich nach einer Kulturrevolution sehnten. Aber auch unabhängig von Kriegen, Revolutionen und Katastrophen findet in jeder Polis, in jeder menschlichen Stadt, in jeder menschlichen Siedlung ein unaufhörliches Vergessen statt. Man wirft alte Papiere und Bücher auf den Müll. Auf den Tempelruinen baut man neue Kirchen. Auf den Ruinen der Städte errichtet man neue Häuser. Ständig vergißt man etwas. Bedenken Sie bitte, daß hier diese Strategien des Vergessens, der Zerstörung, bereits eine deutlich positive Funktion erfüllen. Sie sind nämlich Strategien der Selektion, dank der eine Tradition entsteht. Sonst würde sie überhaupt nicht entstehen, denn allein schon dadurch, daß wir etwas wegwerfen, etwas vergessen und selektieren, wählen wir aus all dem, was gewesen ist, die Tradition aus. Pausenlos schneiden wir vom Stamm der Kultur Äste ab. Deswegen wächst die Kultur in die Höhe wie ein Kiefernstamm, glatt, von Ästen und Zweigen befreit, und sie erhält eine Richtung, ihr Wesen und ihren Sinn. Was verliert sie dabei? Sie verliert ihre Alternativität. Die Strategie der Zerstörung bewirkt - trotz ihrer vielen kreativen Funktionen bei der Herausbildung der Tradition - einen Verlust von potentiellen Möglichkeiten der Kultur. Sie beschneidet sich selbst in ihren Möglichkeiten. Und man möchte mit dem Renaissancedenker seufzen: wenn man doch vergessen könnte, ohne zu zerstören...

Aber man kann vergessen, ohne zu zerstören! Es gibt eine solche Strategie, nämlich die Wissenschaft. Sie entwickelte sich seit dem 16. Jahrhundert und hat unserer europäischen Kultur beigebracht, wie man vergißt ohne zu zerstören. Die Wissenschaft vergißt am geschicktesten, obwohl man sagt, sie häufe alles an. Wenn Sie irgendein wissenschaftliches Lehrbuch in die Hand nehmen, werden Sie sehen, daß - abgesehen von kurzen Einführungen - alles fehlt, was Auskunft gibt über den Weg der Wissenschaft zu dem, was sie weiß. Übrigbleibt nur das letzte Ergebnis, die letzte Theorie. Natürlich erzählen die Wissenschaftsphilosophen, daß man zuerst Aristoteles lesen müsse, um Newton zu begreifen, und später Newton, um Einstein zu verstehen, aber das erzählen die Wissenschaftsphilosophen. Die Physiker selbst lesen weder Aristoteles noch Newton, sie lesen nicht einmal Einstein, denn eine gute Auslegung der Theorie genügt ihnen völlig. Aber die Wissenschaftler werfen nichts weg, alles wird archiviert. Die Wissenschaft hat ihre Zeitschriften, die Zeitschriften haben ihre Kataloge, und durch die Computer mit ihren Datenbanken wird nichts mehr vernichtet. Man kann freizügig vergessen, es bleibt ja das Archiv. Und wenn ein Zweifel entsteht, irgendeine Chance übersehen zu haben, kann man immer darauf zurückkommen. Schließlich sind auch die Mendelschen Gesetze nicht verlorengegangen, obwohl alle seine großen Korrespondenten, mit einer Ausnahme, die Entdeckung mißachteten. So wäre also alles gut, wenn es nicht das Unglück gäbe, das man "Historiker" nennt.

Zusammen mit der Wissenschaft kam die Zeit der historischen Wissenschaften, die sich sehr üppig entwickelten und mit Leichtigkeit ihren Anfang vergaßen, die gewöhnliche alte Chronik, deren einzige Aufgabe darin bestand, zu legitimieren und zu veredeln was war, der Geschichte eine gewisse ausgewählte Tradition hinzuzufügen.

Die Geschichte verselbständigt sich, sie treibt sich selbst an. Jedwede Vergangenheit wird zum Gegenstand der Geschichte. Und dies wiederum bedeutet, daß alles, insbesondere jedes Archiv, zu einer historischen Niederschrift wird, auf das unaufhörlich Autoren und durch ihre Vermittlung auch die Bücherleser, Radiohörer, Zeitungskäufer und Fernsehzuschauer zurückgreifen. Wir sind also umgeben von historischen Niederschriften, die ununterbrochen zu uns sprechen. Und schauen Sie doch: um uns herum kreisen Tote, sie laufen durch unsere Straßen, wohnen neben uns in unseren Wohnungen, sie essen mit uns, schlafen mit uns und treiben mit uns sogar Liebe. Als Ergebnis davon entstehen in unserer Kultur Möglichkeiten, die in keiner anderen bekannt waren. Zuvor habe ich gesagt, daß diese Kultur, die die Tradition durch Selektion erschafft, wie ein Kiefernstamm ohne Äste sei. Und jetzt sieht unsere Kultur wie ein riesiges Dickicht von Büschen aus, die nach allen Seiten wachsen. Alles ist in ihr möglich, nichts ist für immer vergessen, vernichtet, sondern alles kann zurückgerufen werden. Byzanz oder Barock können zurückkehren, auch Gnosis oder Mystik. Alles ist erneut um uns herum da. Eine endlose Kultur entsteht. Jene war wie eine Kiefer sterblich, weil man doch nicht endlos nach oben wachsen kann, d.h. jene Kulturen waren sterblich, ich würde sagen - glücklicherweise sterblich. Unsere Kultur scheint frei zu sein vom Tod; sie läßt sich weder vernichten noch aufhalten, sie wächst nach allen Seiten, nach oben, nach unten. Und so wie die Richtung in ihr verlorengeht, so geht auch das reale Bewußtsein ihrer Wurzeln verloren, das nicht möglich ist bei einem Fehlen der Tradition, die wie eine rückwärts leuchtende Laterne ist. Und allem Anschein zum Trotz gibt es in ihr keine "Anwesenheit des Mythos" (Leszek Kolakowski). Es gibt überhaupt keinen Mythos, und auch kein Sacrum. Es gibt nur ununterbrochenes, beliebiges Aufrufen von Mythen und unzählige Sekten.

Jetzt zum zweiten Teil des Problems: zur Kapitulation der Sozialwissenschaften. Für meinen Privatgebrauch nenne ich das die Notwendigkeit, die Aufklärung zu verteidigen, die Verteidigung der aufgeklärten Vernunft. Es ist sicherlich leicht zu bemerken, - dazu genügt es, Zeitungen zu lesen - wie sehr uns die Sozialwissenschaften in den letzten Jahren enttäuscht haben. Ich gebe Ihnen einige Beispiele meinem Freund Krzysztof Pomian folgend, einem Kultur- und Wissenschafthistoriker am Centre National des Recherches Scientifiques in Paris. Das erste, allgemein bekannte Beispiel ist die Sowjetologie. Beachten Sie bitte, daß diese soziale Wissenschaft, die in den letzten Jahrzehnten wohl mehr Geld erhielt als alle anderen, vollkommen versagte. Sie sah nichts vorher und bemerkte nichts. Der ganze CIA hat Material für sie gesammelt, und bemerkte ebenfalls nicht, daß das Jahr 1989 kommt. Zweites Beispiel: Wer hat vorhergesehen, daß die islamische Orthodoxie kommt und dieser riesige Trieb zur Wiedergeburt der wortwörtlichen Religion, d.h. einer Religion, die die Leistung einer jahrhundertelangen historischen Textkritik, der historischen Bibelwissenschaft, verwirft, die erklärte, daß Gott doch nicht wörtlich redete. Daß es nicht sieben Tage gedauert habe und nicht so gewesen sei, wie es in der Bibel geschrieben steht, sondern - erklärte man - alles sei eine Metapher und man könne die Worte der Heiligen Bücher nicht wörtlich nehmen. Nein! Jetzt kommen solche Interpretationen, die alles wortwörtlich nehmen und zwar nicht nur im Islam. Solche Versuchungen gibt es auch in den uns nahestehenden Religionen. In Polen z.B. in der katholischen Religion, aber auch in Religionen, von denen hier bisher keine Rede war, z.B. sind die Tendenzen in der jüdischen Religion sehr stark, das Wort Gottes wörtlich zu nehmen. Wer hat das alles vorausgesehen, wer hat prophezeit, daß es einen solch großen Einfluß auf das menschliche Verhalten haben würde.

Und noch ein weiteres Beispiel: die moderne Wirtschaftswissenschaft. Man weiß, es gibt die sogenannte main stream economics.Sie beruht heute auf der monetaristischen und neoliberalen Ökonomie, erhält jedes Jahr Nobelpreise und ist bereits seit Jahrzehnten nicht imstande zu erklären, warum in der Wirtschaft der modernen entwickelten Welt die sogenannten "langen Zyklen" auftreten und woher diese kommen. Darüber schrieb einmal Kondratiew, in den zwanziger Jahren. Aber das ist lange her. Heute weiß niemand, wie es dazu kommt, wie es passieren kann, daß es beispielsweise dreißig Jahre lang keine Arbeitslosigkeit in Westeuropa gab, alles sich wunderbar entwickelte und plötzlich gab es die Arbeitslosigkeit, die blieb, sich ausdehnte und aus der man nicht wieder herauskommt. Was ist los? Die Wissenschaft ist nicht imstande, es zu erklären.

Diese Kapitulation der Sozialwissenschaften hat meiner Meinung nach eine gemeinsame Quelle, und zwar den Verzicht auf den Sinn. Bereits in einem früheren Diskussionsbeitrag ging ich darauf ein, ob sich die Geschichtswissenschaft eigentlich noch die Frage nach dem Sinn stelle, aber das gleiche kann man auch Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler fragen: Stellen wir uns die Frage nach dem Sinn noch oder sorgen wir uns nur um Erfolg, Zuwachs an Informationen und Macht? Sich die Frage nach dem Sinn zu stellen hieße, zum Ethos der Wissenschaft des großen siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zurückzukehren. Zu dieser Tradition zurückzukehren hieße, erneut den Glauben an den menschlichen Verstand wiederzugewinnen, daran, daß man die Frage nach dem Sinn stellen kann und dies auf eine sinnvolle Weise.

Und nun werde ich versuchen, diese beiden Elemente miteinander zu verknüpfen und aufzuzeigen, was passiert, wenn in weiten Bereichen der Wissenschaft, die den Kern der zeitgenössischen Kultur bildet, die Frage nach dem Sinn fehlt, wenn in der Kultur die Tradition aufhört und das Feld aller Möglichkeiten, von denen keine a priori abzulehnen ist, ungeheuer breit ist. Es entsteht Chaos. Alle hier Versammelten kennen den Ausdruck Postmoderne und allen ist, wie ich meine, bewußt, was er tatsächlich bedeutet. Er bedeutet das Verlorensein im Dickicht der Kultur, in der keine Traditionen existieren, alles möglich ist und zugleich alles fakultativ, und in dem aus dem zentralen Bereich der Kultur, aus der Wissenschaft, kein deutlicher Sinn mehr ausstrahlt. Sicherlich ist in einer solchen postmodernen Situation eine lokale Kreation von Traditionen möglich - die zwar nicht unbedingt notwendig ist, aber zumindest verhältnismäßig dauerhaft und durch eine lockere gesellschaftliche Vereinbarung garantiert - wie auch das Ablesen partikularer Sinnhaftigkeiten. Doch ein solcher lockerer lokaler und partikularer Kreationismus ist keine Angelegenheit des Einzelnen - er verlangt eine Grundlage in den zwischenmenschlichen Bindungen. Nicht unbedingt eine weitreichende Bindung (nationale, klassen-orientierte, religiöse oder gar der Gattung), jedoch eine, die als grundlegend empfunden wird. Die wohl wesentlichste Folge dieses Kulturchaos besteht darin, daß es immer schwieriger wird, dieses Gefühl zu erreichen. Wir neigen weiterhin den verschiedenen traditionellen Bindungen zu, - den nationalen, klassenmäßigen oder konfessionellen, aber zugleich sind wir uns dessen bewußt, daß die Realität sie auf verschiedene Weise in Frage stellt. Auf welche Weise sollen wir zum Beispiel Deutsche oder Polen im vereinigten Europa sein? Ist jene besondere Nähe und Bindung zwischen zwei Deutschen im Vergleich zu der Bindung zwischen zwei Europäern etwas ähnliches wie das Verhältnis von Nachbarn aus derselben Straße einer Stadt oder doch etwas mehr und etwas anderes? Oder die Katholiken in den Zeiten der Ökumene - sind sie zuerst Katholiken oder zuerst Christen, oder vielleicht zuerst Brüder in der Menschlichkeit, Gotteskinder? Und die Arbeiter in ihrer Gewerkschaft - verbindet sie noch die Klassenzugehörigkeit, wo es doch das Proletariat angeblich nicht mehr gibt - oder ausschließlich die relative Interessengemeinschaft? Und so weiter - bis hin zu den bei verschiedenen Diskussionen (über die Genetik, die Abtreibung, die Todesstrafe, die Euthanasie) zurückkehrenden Zweifeln an der Definition des Menschen an sich. Das ist bereits ein ganz anderes Thema, aber ich komme nicht umhin, zu erwähnen, daß diese Zweifel mit unserem guten Selbstgefühl als Humanisten und Verteidiger der Menschenrechte koexistieren. Das ist keine Ironie oder Kritik - sondern nur das Maß des Chaos.

An dieser Stelle kann ich endlich deutlicher den Zusammenhang zwischen meinen Bemerkungen und dem Thema unserer Konferenz formulieren. Es geht nämlich um die gefährliche Versuchung der Regression, von Menschen empfunden, die nach einer grundlegenden Bindung suchen. Einer Regression und Rückkehr zu ursprünglicheren oder sogar primitiveren Formen, die eben durch ihre Primitivität geschickter die verlorene Tradition vorgaukeln werden. Zum Beispiel zu den uniformierten Formen des Nationalismus (Skins), oder zu den orthodox-rituellen Formen der Religiosität ("verdeck dein Gesicht", "iß kein Schweinefleisch"...). Sowohl die einen als auch die anderen bieten ohne Diskussion und unmittelbar ein direktes Erkennungszeichen der Gemeinschaft an, sei es die Uniform oder das Ritual. Quelle der Regression ist also ein authentischer Mangel und ein authentisches Bedürfnis, aber das Ergebnis kann gefährlich sein.

Soviel wollte ich sagen. Und noch eine Bemerkung. Über die Martyriologie. Ich glaube nicht, daß solche Konferenzen der richtige Ort sind, sich in Martyriologien gegenseitig zu überbieten. Ich glaube, zu viele solcher Töne gehört zu haben. Professor Blonski sprach hier sehr schön und tiefgreifend vom Schicksal der Juden. Ich möchte mir erlauben, ihm zu Bedenken zu geben, daß den Juden diese Außergewöhnlichkeit, die Rolle der "leidenden Monster", nicht unbedingt entspricht. Neben der Leidenstradition gab es in Polen eine zweite Tradition, die des Warschauer Ghettoaufstandes, im übrigen hervorgegangen aus der jüdischen Arbeiterbewegung. Eine Tradition von Menschen, die, wenn man das so ausdrücken darf, die Schuld am eigenen Tod tragen, weil sie sich eben für einen solchen Tod, im Kampf, entschieden haben. Bei Juden und bei Polen, sicherlich auch bei den Deutschen, gibt es die Gewohnheit, sich in ihrem Leiden zu überbieten, wem ist das größere Leid zugefügt worden? Aber was für ein Grund zur Ehre soll das sein? Einer meiner Lieblingsdichter, Bertolt Brecht, schrieb in einem an die in den ersten Lagern Hitlerdeutschlands einsitzenden Kommunisten gerichteten Text aus dem Jahre 1934: Beschwert Euch nicht, daß sie Euch schlagen. Sie schlagen Euch nicht, weil Ihr so gut, sondern weil Ihr so schwach wart. Das sind bittere und grausame Worte. Aber sie wurden auch in einer grausamen Welt geschrieben. Kraft war die einzige Rettung. Aber auch in der heutigen Welt ist Schwäche keine Tugend.

Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska