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          TRANSODRA 14/15, September 1996 , S. 102 - 103

Dokumentation

Die Frankfurter Massenfestnahme von 250 Polen im Spiegel der deutschen und polnischen Presse, und die Auswirkungen auf das deutsch-polnische Verhältnis.
22. Juli 1995, Frankfurt/Oder

Die deutsche Presse und der Frankfurter "Zwischenfall"

Anna Rubinowicz, Gazeta Wyborcza, Warschau

Meine kurze Besprechung der Berichterstattung über die Ereignisse vom 24. Juni in der deutschen Presse will ich in zwei Abschnitte unterteilen. Zuerst bespreche ich, wie deutsche Zeitungen über die Ereignisse in Frankfurt/Oder informierten, dann wie sie sie kommentierten.

Die regionalen Zeitungen, insbesondere die "Märkische Oderzeitung" sowie Berliner Zeitungen ("Berliner Morgenpost" und "Der Tagesspiegel"), schilderten die Frankfurter Ereignisse sehr detailliert. Exakt wurde die Geschichte Uwe Elsens recherchiert, des Besitzers des Werbeblattes "Spitz" und des eigentlichen "Urhebers" des Vorfalls. Ich bin einverstanden mit Włodek Borodziej, der kritisierte, daß es an derartigen Informationen in polnischen Zeitungsberichten fehlte. Mit großem Interesse las ich, wer Herr Elsen ist, wie er nach Frankfurt gelangte, wie er sich hier zurechtfand und wie er Kontakte zu Stadtbehörden knüpfte.

Dagegen waren die Informationen in der überregionalen Presse ziemlich oberflächlich und die Berichterstattung darüber begann sehr spät. Erst nach drei bis vier Tagen, als es bereits zu Reaktionen auf diplomatischer Ebene kam, als Erwägungen darüber angestellt wurden, was die Frankfurter Vorfälle im Kontext des baldigen Besuches von Bundeskanzler Kohl in Polen bedeuten könnten. Die großen, überregionalen Tageszeitungen berichteten, dieser oder jener Beamte in irgendeinem Ministerium sei der Meinung, daß es kein Problem gebe. Offizielle Stellungnahmen und Kommuniques wurden zitiert. Man konnte den Eindruck gewinnen, daß der Vorfall bagatellisiert wurde oder man sogar versuchte, ihn nicht zur Kenntnis zu nehmen; denn sonst hätte man sich tatsächlich überlegen müssen, ob die Frankfurter Affäre einen Einfluß auf Kohls Polen-Reise und auf die deutsch-polnischen Beziehungen haben könnte.

Die Informationen über die Ereignisse in Frankfurt umfaßten Rekonstruktionen des Verlaufs der Polizeiaktion, die Geschichte und ein Porträt Uwe Elsens, Stellungnahmen der betroffenen Beamten sowie der betroffenen Polen. Einerseits wurde sehr stark betont, formell sei alles in Ordnung gewesen; andererseits hieß es dagegen in den Kommentaren, man hätte sich vielleicht nicht unbedingt krampfhaft an den Buchstaben des Gesetzes halten müssen, sondern sich stattdessen mehr politische und moralische Sensibilität leisten sollen.

Nur am Rande kommt die Meinung der Frankfurter zur Sprache: In der Dokumentation fand ich nur einen Leserbrief im "Oder-Anzeiger" sowie zwei bis drei Absätze über tief sitzende Ressentiments in einem Artikel in der "Welt", die in ihrem Tonfall an den Brief im "O-A" erinnern, allerdings nicht so extrem formuliert sind. Die Einwohner der Stadt könnten nicht gut leben und umgehen mit dem polnischen schwarzen Arbeitsmarkt, den polnischen Schwarzhändlern usw. Dies resultiere u.a. aus der Vergangenheit, als die DDR-Deutschen in Polen als "Deutsche zweiter Klasse" behandelt worden seien. Zwischen den Zeilen heißt es meiner Ansicht nach, daß die jetzige Haltung der Frankfurter als eine Art des Abreagierens zu verstehen sei.

In der deutschen Presse gab es insgesamt überraschend viele Kommentare - und zwar von Anfang an, gleich in den ersten Tagen nach den Vorfällen. Journalisten versuchten die Ereignisse einzuordnen, ihren Stellenwert zu bestimmen. Sehr früh tauchte auch die später in den Kommentaren dominierende Formulierung "korrekt, aber falsch" auf. Mit anderen Worten: Das Handeln der deutschen Behörden sei zwar legal aber dennoch falsch gewesen, denn sie hätten keine politische und moralische Sensibilität bewiesen. Der hier anwesende Christoph von Marschall schrieb im "Tagesspiegel" u.a. darüber, daß die Polen es nicht mögen, wenn die Deutschen sich krampfhaft an den Buchstaben des Gesetzes halten und damit ihr Verhalten rechtfertigen.

Deutsche Zeitungen kritisierten hysterische Überschriften polnischer Zeitungen, wie z.B. die Schlagzeile "Auschwitz an der Oder". Freilich wurde gleichzeitig angemerkt, man solle darüber nachdenken, warum die Polen sofort mit solchen Assoziationen reagierten. Es wurde auch angedeutet, daß man bei der Planung der polizeilichen Aktion die polnische "Übersensibilität" hätte wohl berücksichtigen können, um das Ziel - offenbar Abschreckung - ohne unerwünschte "Nebenwirkungen" zu erreichen.

Leitmotiv der deutschen Kommentare ist der Begriff der "Verhältnismäßigkeit der Mittel". Manche Autoren meinen, die Polen hätten z.B. darüber belehrt werden sollen, daß in Deutschland die bloße Absicht, Arbeit ohne Arbeitserlaubnis aufzunehmen, strafbar sei. Von hier aus ist es nur noch ein Schritt zu der allgemeineren Bemerkung, die eigentliche Ursache der Ereignisse in Frankfurt sowie möglicher derartiger Ereignisse in Zukunft sei das entlang der Oder verlaufende Wohlstandsgefälle. Die Oder-Neiße-Grenze sei nämlich keine "gewöhnliche Grenze", und das nicht nur aus historischen, politischen oder moralischen Gründen, sondern es sei eben auch eine ökonomische Grenze. Die Heftigkeit der Reaktionen auf beiden Seiten habe darin ihre Wurzeln.

Einige deutsche Kommentatoren sprechen auch von "Provokation" oder "Falle", was meinen Zweifel weckte. Als ich jedoch die Berichte genauer las und erfuhr, die deutschen Behörden hätten seit langem gewußt, was vor sich ging, hatte ich den Eindruck, daß in dem Begriff der "Falle für die Polen" ein Körnchen Wahrheit steckt. Allerdings meine ich nach wie vor, daß dies zu starke Worte waren.

Nach der Lektüre der gesammelten Zeitungsausschnitte habe ich den Eindruck, daß die deutschen Zeitungen sehr um Sachlichkeit bemüht waren, und eine Verschärfung des Konfliktes auf jeden Fall vermeiden wollten. Das betrifft besonders die lokalen und regionalen Zeitungen, die tagtäglich mit dem deutsch-polnischen Grenzgebiet zu tun haben. Sie waren besonders vorsichtig in der Wortwahl und milderten den Konflikt. Obwohl das von Professor Jaworski angeführte Zitat ein gewisses Wunschdenken entblößt, glaube ich alles in allem, daß die deutschen Kommentatoren weder ihre deutschen Leser darüber belehrten, wie sie sich gegenüber ihren polnischen Nachbarn verhalten sollen, noch gegenüber ihren (potentiellen) polnischen Lesern demonstrierten, daß die Deutschen im Grunde gute Absichten hätten. Aber darüber können wir ja noch weiter diskutieren. Vielen Dank.