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          TRANSODRA 14/15, September 1996 , S. 89 - 94

Dokumentation

Die Frankfurter Massenfestnahme von 250 Polen im Spiegel der deutschen und polnischen Presse, und die Auswirkungen auf das deutsch-polnische Verhältnis.
22. Juli 1995, Frankfurt/Oder

Rudolf Jaworski, Universität Kiel

Polnische Vergehen oder deutsche Übergriffe?

Die Massenfestnahme von 250 Polen in Frankfurt/Oder am 24. Juni 1995 brachte alte Klischees wieder zum Vorschein

Nationale Vorurteile und ihre stereotypisierten Ausdrucksformen scheinen mehr als nur neun Leben zu haben - diesen Eindruck kann man insbesondere mit Blick auf die letzten anderthalb Jahrhunderte deutsch-polnischer Beziehungsgeschichte bekommen. Nichts gräbt sich offensichtlich in das kollektive Gedächtnis von Völkern tiefer und nachhaltiger ein als die Unterstellung bestimmter kollektiver Nationaleigenschaften der jeweils anderen Seite, sei es nun die Unterstellung eines quasinatürlichen "deutschen Militarismus" oder einer notorisch chaotischen "polnischen Wirtschaft". Und immer wenn man glauben möchte, daß diese Klischees endlich überwunden sind und allmählich verblassen, dann genügt oftmals auch schon ein einziges, lokal und zeitlich äußerst begrenztes Ereignis wie die Frankfurter Massenfestnahme und schon sind sie auf einmal alle wieder da, die bösen Geister, von denen man vielleicht kurz zuvor noch angenommen hatte, sie restlos und endgültig in den Orkus verbannt zu haben.

Will man die Zählebigkeit solcher Stereotypen verstehen oder genauer gesagt: die leider immer wieder auftretende Chance ihrer Wiederbelebung, so ist es ratsam, sich die Funktionsweisen und Wechselwirkungen solcher stereotypen Bezugssysteme in Erinnerung zu rufen. In diesem Sinne sollen im Folgenden einige Beobachtungen und Überlegungen angestellt werden, die wenn sie auch nicht zur unmittelbaren Aufklärung der konkret strittigen Sachverhalte dieser Aktion des Bundesgrenzschutzes und des Frankfurter Arbeitsamtes beitragen können, so doch vielleicht geeignet sind, die extrem unterschiedlichen Reaktionen auf deutscher und auf polnischer Seite in größere Zusammenhänge einzuordnen und einige psychologische sowie historisch-politische Bedingungsfaktoren und Spezifika des dabei zu Tage getretenen deutsch-polnischen Reizklimas in dieser Region etwas verständlicher zu machen.

Es gehört zu den konstitutiven Merkmalen von Stereotypen, daß sie grundsätzlich ambivalent in ihren Bewertungsmustern angelegt sind, d.h. sie enthalten negative und positive Bewertungsaspekte: Die Deutschen können dergestalt gleichermaßen als tüchtig oder arbeitswütig und perfektionistisch; die Polen als freiheitsliebend oder fanatisch empfunden und dargestellt werden. Diese Doppelwertigkeit macht die erstaunliche Zählebigkeit von Stereotypen aus und die Gefährlichkeit für propagandistische Manipulationen. Je nach politischer Opportunität und Konjunkturlage kann die eine oder andere Seite hervorgehoben werden. Nur so werden beispielsweise auch die übergangslosen Wechsel von Polenschwärmerei und Polenschelte bei uns in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert überhaupt verständlich. In den angebotenen Klischeevorstellungen sind eben beide, das negative wie das positive Moment enthalten, d.h. man braucht gar nicht seine Meinung zu ändern, sondern muß nur den gerade passenden Akzent wählen. Das ist sehr bequem und vermittelt außerdem das trügerische Gefühl, seinen Ansichten treu geblieben zu sein, obwohl man doch jeweils etwas ganz anderes behauptet.

Hierin liegt auch die Schwierigkeit einer erfolgreichen Therapie bzw. Korrektur solcher komplexen Vorstellungsgeflechte, da sie zu Widersprüchliches enthalten. Janusz Tycner hat diese Widersprüchlichkeit wenige Tage nach den Frankfurter Ereignissen auf den Punkt gebracht: "An sich ist der Pole faul, aber der billige Pole, den man illegal anheuert, damit er das Bad renoviert, Tapeten klebt oder bei der Weinlese hilft, wird wegen seines unermüdlichen Einsatzes gelobt, weiterempfohlen - und von deutschen Dienststellen als Schwarzarbeiter gnadenlos verfolgt. [...] Manchen Deutschen kann man es als Pole nie recht machen."

Wie schon die wenigen zitierten Beispiele belegen, handelt es sich bei solchen Aussagen um vorurteilsbeladene und stereotypisierte Meinungen, um ungerechtfertigte Pauschalisierungen, die meist gebündelt auftreten, eben in Völkerbildern und nationalen Images, so daß es ungemein schwer ist, aus diesen Vorstellungskomplexen korrigierend auf ein einziges Stereotyp einzuwirken. Es nützt beispielsweise wenig, jemanden davon zu überzeugen, daß nicht alle Polen faul seien, wenn dieselbe Person insgeheim noch ganz andere Vorbehalte gegen die Polen als Kollektiv hegt. Wie es umgekehrt wenig bringt, einen polnischen Gesprächspartner davon zu überzeugen, daß nicht alle Deutschen rechthaberisch sind, wenn derselbe Pole bzw. dieselbe Polin zugleich davon überzeugt ist, daß die Deutschen außerdem noch rücksichtslos, überheblich usw. sind.

Dieses kombinierte Auftreten von Stereotypen wird möglich, weil für uns Gesamteindrücke generell wichtiger sind als Einzelerfahrungen. In einem solchen Gesamtbild dominieren aber Wertungen vor Informationen. Bestimmte neue Nachrichten über eine andere Nation werden nicht einfach mit schon vorhandenen Kenntnissen und Meinungen addiert im Sinne einer einfachen Wissenserweiterung, sie aktivieren viemehr ein bereits vorhandenes Bildfeld, einen vorformulierten Assoziationszusammenhang im Bewußtsein des Rezipienten. Das macht die wahrnehmungs- und verhaltenssteuernde Kraft stereotyper Systeme aus. Sind sie erst einmal konstruiert und konventionalisiert, so genügt bei jeder neuen Nachricht aus Polen oder Deutschland allein schon das Attribut ‘polnisch’ bzw. ‘deutsch’ und schon taucht gleichsam auf dem Computerschirm des betreffenden Rezipienten ein bestimmtes vorgefaßtes Bild von den Polen bzw. von den Deutschen und ihrem Land auf. D.h. die Reaktion erfolgt in diesem Fall weniger auf den konkreten Inhalt der aktuellen Einzelformation, sondern vielmehr auf ein reaktiviertes, d.h. bereits vorhandenes Polen- bzw. Deutschenbild. Der konkreten Einzelerfahrung kommt unter diesen Umständen lediglich eine Auslöser- und Signalfunktion zu. Das heißt, es wird dann nur noch wahrgenommen, was die vorgefaßte Meinung bestätigt nach dem Muster: Ein neuer Fall von deutscher Anmaßung oder von polnischer Durchtriebenheit. Gegenteilige Informationen werden einfach als die Ausnahmen interpretiert, welche die Regel bestätigen oder einfach als untypisch abgewiesen.

Meines Dafürhaltens sind auch die jüngsten Frankfurter Vorkommnisse nach einem solchen vorgefertigten Raster wahrgenommen und beurteilt worden, auf polnischer Seite sehr wortgewaltig, auf deutscher Seite eher in zurückgenommener habitualisierter Form. Erschreckend und bezeichnend zugleich war die Unangemessenheit der Reaktionsweisen in Polen und in Deutschland, die wieder den historischen Voraussetzungen in beiden Ländern entsprechend sehr unterschiedliche Formen angenommen hatte. In Polen ging ein entsetzter Aufschrei durch die Medien. Von einer "Treibjagd auf polnische Arbeiter" war die Rede, von "Auschwitz an der Oder", "Deutsche Hunde auf Polen" u.ä.m., im Sejm wurde gar von einer "Verletzung der Menschenrechte" gesprochen, das polnische Außenministerium wurde aktiv . . . Und in Deutschland überwogen zumeist auffällig knappe Kurzmeldungen, nüchterne, formaljuristisch abgesicherte Rechtfertigungskommentare der zuständigen Dienststellen und des Innenministeriums. Der deutsche Kanzler zeigte sich betont unbeeindruckt von den Vorkommnissen und wollte überhaupt keinen Zusammenhang mit seinem bevorstehenden Polenbesuch aufkommen lassen.

Fatalerweise hat nun gerade die Berufung auf die formale Rechtmäßigkeit der Frankfurter Polizeiaktion dazu beigetragen, alte polnische Vorbehalte gegenüber deutscher seelenloser Paragraphenfuchserei zu bestätigen. "Wenn alles nach Vorschrift geht, ist für Deutsche die Welt in Ordnung" kommentierte ein polnischer Journalist die amtliche Rechtfertigung der Frankfurter Polizeiaktion. Umgekehrt dürfte bei den örtlichen deutschen Dienststellen das durch manche Negativerfahrung bestätigte Klischee von den generell anarchisch veranlagten Polen, die sich um keinerlei Vorschriften und Gesetze kümmern, auch eine nicht unerhebliche Rolle bei der ganzen Aktion gespielt haben. Vorurteile, wenn sie historisch so aufeinander eingeschliffen sind wie bei Deutschen und Polen, bestätigen und verstärken sich wechselseitig. Diese Verschränkung hat aber noch tieferliegende Ursachen.

Das Problematische an der deutsch-polnischen nationalen Stereotypenbildung sind nämlich nicht so sehr die Ungeheuerlichkeiten der wechselseitigen Unterstellungen. Die sind, wie wir aus vergleichenden Studien wissen, international ziemlich austauschbar. Gravierender und spezifischer halte ich vielmehr die unterschiedliche Qualität der dahiner stehenden Emotionen und Ressentiments und die lassen sich auf polnischer Seite grob mit noch nicht überwundenen oder neu hinzugekommenen Minderwertigkeitsgefühlen umschreiben. (Betroffene bei der Massenfestnahme haben wiederholt von ‘Demütigungen’ gesprochen, die sie in erster Linie mit ihrem Polentum in Verbindung gebracht haben) und auf deutscher Seite mit einer Mischung aus Überheblichkeit und Ignoranz. Nach einer am 19. September 1994 im Spiegel veröffentlichten Umfrage über das Lebensgefühl junger Deutscher zwischen 14 und 29 Jahren, gaben 47% der Befragten an, die Deutschen seien einigen (45%) oder allen (2%) anderen Völkern überlegen. Von den 47% nannten 87% vor allem die Polen. Unsere polnischen Nachbarn rangierten damit unmißverständlich noch vor den Türken (74 %) und den Russen (63 %). Beide Einstellungsmuster sind insofern schwer korrigierbar, weil sie auf unterschiedlichen Gemütslagen basieren und damit kaum gegeneinander abzuklären sind. Im Gegenteil sind Arroganz und Minderwertigkeitskomplexe, einmal aufeinander bezogen, geeignet, ein schier unauflösliches Reizklima zu schaffen, da sie sich immer wieder gegenseitig stimulieren und bestätigen. Auch dieser unselige wechselwirksame Zusammenhang hat im Verhältnis zwischen Polen und Deutschen schon eine lange Tradition, die weit in das 19. Jahrhundert zurückreicht, und die durch die deutsche Einheit und die Umwandlung der vordem hochpolitisierten Oder-Neiße-Grenze in eine potentielle Wohlstandsgrenze erneut an Aktualität gewonnen hat.

Janusz Tycner ist zuzustimmen, wenn er die Frankfurter Ereignisse mit der Feststellung kommentierte: "Franzosen wären von den Deutschen vorsichtiger behandelt worden". Genau hier lag der Stachel für polnische Beobachter: Das nicht ausgeräumte bzw. durch solche Vorkommnisse reaktivierte Gefühl, von den deutschen Nachbarn immer noch nicht als ganz ebenbürtige Partner behandelt zu werden. Dieser Verdacht führt auf polnischer Seite mitunter zu Überreaktionen, so etwa wenn in der polnischen Öffentlichkeit das Randalieren französischer Marinesoldaten in Gdynia viel gelassener hingenommen wird als das entsprechende Fehlverhalten ihrer deutschen Kameraden. Auch die Frankfurter Ereignisse demonstrieren noch einmal schlagartig, daß es sich bei den deutsch-polnischen Beziehungen um besonders delikate und darum auch besonders störanfällige ‘special relations’ handelt, bei denen viel Psychologie mit im Spiel ist und die allen Beteiligten immer wieder ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl abverlangen.

Wie ist nun aber diesen vorurteilsbehafteten Verstrickungen im deutsch-polnischen Verhältnis wirklich beizukommen? In der alten Bundesrepublik hatte es lange Zeit den Anschein, als ob antipolnische Ressentiments kaum noch vorhanden seien - zumindest keine laut verbreiteten. Und schon wurde dies als ein erfreuliches Resultat von Aufklärungsarbeit gefeiert - in selbstgefälliger Distanzierung von den wiederkehrenden Nachrichten antipolnischer Stimmungen in der ehemaligen DDR. Doch dann kamen die Spätaussiedler, die polnischen Asylbewerber, die Polenmärkte usw. und schon feierten alte Vorurteile wieder fröhliche Urständ. Plötzlich wurde offenbar, daß es eine Sache ist, wenn eine handverlesene Schar von Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern einen deutsch-polnischen Kulturaustausch pflegt und sich wechselseitig Versöhnungsbereitschaft attestiert, und eine ganz andere Sache, wenn unkontrollierte Sozialkontakte stattfinden oder polnische Normalbürger in größerer Anzahl an deutsche Behörden geraten. Auf diesen Kontaktebenen wurden ganz andere Umgangsformen wirksam, die weniger von wohlmeinenden Gesten geleitet, sondern vom rüden Ton handfester Interessenskollisionen und ad hoc-Entscheidungen bestimmt sind.

Aufklärung allein kann hier kein Allheilmittel sein, auch wenn sie unentbehrlich ist. Vor allem müssen wir uns klar darüber werden, daß Vorurteile und Stereotypen nicht ein für allemal ausgeräumt werden können, sondern daß man sich dieser Arbeit geduldig wie dem Unkrautjäten widmen muß, weil neue Situationen und Konstellationen sofort zu einer Wiederbelebung der wechselseitig vorgetragenen Vorbehalte führen können.

Also wird es auch weiterhin die Aufgabe von Schulen, Medien und Behörden in Deutschland wie in Polen bleiben, gegen unzulässige Verallgemeinerungen auf beiden Seiten anzugehen, d.h. immer wieder geduldig darauf hinzuweisen, daß nicht jeder Pole, nicht jede Polin allein schon aufgrund ihrer Nationalität potentielle Gesetzesbrecher sind und daß umgekehrt nicht jeder Deutsche mit den tatsächlichen oder vermeintlichen Schikanen genervter Grenzbeamter gleichzusetzen ist. Doch damit allein wird es auch in Zukunft nicht getan sein.

Alle bisherigen wissenschaftlichen Überlegungen, Feldforschungen und praktischen Erfahrungen weisen diesbezüglich in ein und dieselbe Richtung: Die wirksamste Medizin gegen nationale Vorurteile und Stereotypen, gegen Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhaß ist und bleibt die direkte Kooperation, also gemischte Gemeinschaftsprojekte, weil nur in solchen konkreten Interaktionen Gemeinschaftliches und Grenzüberschreitendes entstehen kann. Erfolgversprechende Ansätze dieser Art gibt es erfreulicherweise gerade an der deutsch-polnischen Grenze nicht gerade wenige: Die 1993 gegründete Euroregion "Pro Europa Viadrina" auf politischer und wirtschaftspolitischer Ebene, die 1990 gegründete Organisation "Frankfurter Brücke" oder die 1991 wiedergegründete Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder im Bildungs- und Hochschulbereich, der seit 1993 gut funktionierende grenzüberschreitende deutsch-polnische Journalistenclub, der sich wohl nicht von ungefähr den Namen "Unter Stereotypen / Pod Stereotypami" gegeben hat. Die Arbeit dieser und anderer Organisationen und Institutionen kann gar nicht hoch genug anerkannt werden. Dennoch haben sie den hier zu Debatte stehenden Eklat nicht verhindern können und dieses Unvermögen lag mit Sicherheit nicht an mangelndem Engagement der dort Beteiligten.

So banal es auch klingen mag, so zutreffend ist es doch auch, daß die unabdingbare Voraussetzung für den Abbau von Vorurteilen und Stereotypen nur eine reale, d.h. auch materielle Gleichberechtigung und Gleichrangigkeit der kooperierenden Bevölkerungsgruppen sein kann. Solange diese nicht dauerhaft gewährleistet ist, solange Deklassierungsängste und Überheblichkeiten sich gegeneinander aufschaukeln können, so lange wird man auch weiterhin mit einer latenten oder offenen Vorurteilsbereitschaft an der deutsch-polnischen Grenze zu rechnen haben. Denn, was die Frankfurter Ereignisse ausgelöst hatte, das waren ja nicht die nationalen Vorurteile und Stereotypen, sondern ein sehr reales Ost-West-Gefälle der allgemeinen Lebensbedingungen dies- und jenseits der Oder.

Streng genommen war die Frankfurter Massenfestnahme einschließlich ihrer problematischen Begleiterscheinungen eher Ausdruck von Konflikten, die überall an Europas Grenzen passieren können. Und Polizeirazzien stehen nun einmal in dem Ruf, nicht besonders feinfühlig zu sein. Auf polnischer Seite wäre also schon viel gewonnen, wenn man derartige Konflikte in Zukunft etwas nüchterner, d.h. ohne vorschnelle Rückbindung an das historisch belastete Verhältnis zwischen Deutschen und Polen behandeln würde. Im konkreten Fall würde das bedeuten: Die sicherlich diskussionswürdigen Aktionen des Bundesgrenzschutzes eben nicht sofort mit Assoziationen aus der Zeit der NS-Okkupation im Zweiten Weltkrieg - Massenverhaftung, Selektion, Kennzeichnung, Deportation - zu belegen, sondern sich mit Fragen des Arbeitsrechtes, des Arbeitsmarktes, der Schwarzarbeit, der Lohn- und Preisunterschiede an der Grenze auseinanderzusetzen. Auf deutscher Seite müßte meines Erachtens ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung getan werden, um einen Beitrag zur Entspannung zu leisten: Hier müßte bei entsprechenden Entscheidungen doch mehr als bisher geschehen auf die spezifischen historischen Hypotheken der deutsch-polnischen Beziehungen und auf die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel geachtet werden. Ein bißchen weniger vom eigenen und ein bißchen mehr vom jeweils anderen Standpunkt käme einer angemessenen und dann vielleicht auch schon gemeinsamen Lagebeurteilung wohl am nächsten und würde mit Sicherheit den ansonsten verstellten Blick frei machen für die gemeinsamen Probleme und Notwendigkeiten dieser Region, die allesamt nur in deutsch-polnischer Zusammenarbeit zu meistern sind.

Ich bin darum strikt dagegen, die Frankfurter Ereignisse als einen "bösen Abszeß an einer leicht verletzbaren und schnell schmerzhaften Stelle des insgesamt intakten Körpers der deutsch-polnischen Beziehungen" abzustempeln und zu isolieren, wie es die Märkische Oderzeitung vom 5.7.1995 sicher gutmeinend getan hat. Ich bin deswegen dagegen, weil durch eine solche Einschätzung unterschlagen wird, daß neben den ebenso ehrenhaften wie unverbindlichen Versöhnungsformeln, wie sie auf höchster Regierungsebene und in elitären Kulturzirkeln artikuliert werden, in Polen wie in Deutschland immer wieder reaktivierbare, dumpfe Ressentiments breitester Bevölkerungsschichten koexistieren. Dieses mentale Konfliktpotential läßt sich weder wegretouchieren noch harmonistisch gesundbeten.

Wir müssen daher realistischer Weise von einer Doppelbödigkeit in den deutsch-polnischen Beziehungen ausgehen, die meiner Meinung nach so lange anhalten wird, solange man sich den konkreten Nachbarschaftsproblemen nicht offen stellt, und die existieren eben hier in Frankfurt an der Oder und nicht auf irgendwelchen deutsch-polnischen Empfängen und Symposien. Für mich stellt die angespannte Situation in Frankfurt an der Oder daher weniger ein Sonderfall dar, sondern ein Prüfstein einer gedeihlichen Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen. Wenn das aber zutrifft, dann wäre es unverantwortlich, die gesamte Last dieser Bewährung auf eine ohnehin mit Strukturproblemen überfrachtete Grenzregion abzuwälzen. Schließlich existiert hier nach wie vor eine ziemlich trennscharfe Sprach- und Konfessionsgrenze, eine verhältnismäßig junge Nachbarschaft, die bekanntlich schon zu DDR-Zeiten keinesfalls konfliktfrei gewesen ist, hier verläuft eine deutliche Wohlstandsgrenze und außerdem noch die Grenze des Schengener Abkommens. An dieser östlichen Außengrenze der Europäischen Union häufen sich ganz offensichtlich die Probleme im Verkehr, in der Verbrechensbekämpfung, die zusammen mit den regionalen Reorganisations- und Aufbaufragen von sich aus eine angespannte Lage geschaffen haben. Immerhin soll die Arbeitslosigkeit in Frankfurt/Oder fast 20 % betragen, und gleichzeitig gibt es in Słubice viele billige Arbeitskräfte. Hier ist doch der Knackpunkt zu suchen und nicht in der Frage, ob Auschwitz neuerdings an der Oder liegt!

Wenn wir alle diese Belastungen zusammennehmen, dann kann es freilich nicht verwundern, daß auf polnischer wie auf deutscher Seite die Nerven offen liegen, sich aufgestauter Frust gelegentlich in wechselseitigen Schuldzuweisungen entlädt und es dergestalt zu einer bedauerlichen Ethnisierung allgemeiner Problemkonstellationen kommt, die nur zu einem kleinen Teil hausgemacht sind und ansonsten stellvertretend für das gesamte Verhältnis zwischen Deutschland und Polen ausgehalten werden müssen. Nichts wäre darum verlogener und schädlicher als eine Stigmatisierung der Transoder-Region zu einem potentiellen oder tatsächlichen Schandfleck in den ansonsten blendenden deutsch-polnischen Beziehungen. Denn der Brückenschlag muß hier gelingen oder er bleibt ein schönes Bild in der politischen Rhetorik. Mut macht in dieser Hinsicht die Äußerung eines jungen Słubicer wenige Tage nach den Ausweisungen: "Wir haben Freunde drüben, die von den Ereignissen genauso wenig begeistert sind wie wir, deshalb dürfen wir jetzt nicht den Fehler machen und alle Deutschen über einen Kamm scheren."


Literaturhinweis

  • Henning, Ruth (Hg): Die Frankfurter Massenfestnahme von 250 Polen im Spiegel der deutschen und polnischen Presse. TRANSODRA - Spezial. Potsdam 1995.
  • Hoffmann, Johannes (Hg): Stereotypen, Vorurteile, Völkerbilder in Ost und West. Eine Bibliographie. Wiesbaden 1985 (ein zweiter Band erscheint unter demselben Titel im Frühsommer 1996)
  • Süssmuth, Hans (Hg): Deutschlandbilder in Polen und Rußland, in der Tschechoslowakei und Ungarn. Baden Baden 1993
  • Schröder, Dietrich: Deutsch-polnische Nachbarschaft. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 1’96. Bonn.
  • Transodra Nr: 4/5: Das Bild des Nachbarn in der deutsch-polnischen Presse des Grenzgebietes. Potsdam1994.
  • Transodra Nr. 10/11: Grenze und Grenzbewohner. Potsdam 1995.
  • Tycner, Janusz: Alte Vorurteile rosten nicht. Deutsche und Polen: Noch immer trennt sie ein Abgrund aus Unkenntnis, Desinteresse und gegenseitiger Abneigung. Die Zeit Nr. 27 vom 30 Juni 1995,S. 42.
  • Walas, Teresa (Hg): Narody i stereotypy. [Nationen und Vorurteile] Kraków 1995.
  • Wzdluz i w poprzek granicy. Przeglad prasy. [Kreuz und quer über die Grenze. Presseübersicht.] Herausgegeben vom Büro für Angelegenheiten der Euroregion der Stadt Stettin. Nr 4, Juli 1995.
  • Ziemer, Klaus:Können Polen und Deutsche Freunde sein? In: Trautmann, Günter (Hg): Die häßlichen Deutschen. Darmstadt 1991, S. 89-103.