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          TRANSODRA 14/15, September 1996 , S. 99 - 101

Dokumentation

Die Frankfurter Massenfestnahme von 250 Polen im Spiegel der deutschen und polnischen Presse, und die Auswirkungen auf das deutsch-polnische Verhältnis.
22. Juli 1995, Frankfurt/Oder

Die polnische Presse und der Frankfurter "Zwischenfall"

Andreas Lorenz, (ehem.) Spiegelkorrespondent in Warschau

300 Polen wurden, so meldete die ‘Gazeta Wyborcza’ zwei Tage nach jenem Ereignis, das die polnische Presse mehr als eine Woche beschäftigen sollte, zwölf Stunden in einer stickigen Halle festgehalten - ohne Essen, Getränke und Erklärung. Die deutschen Beamten verhielten sich brutal, die Festgenommenen wurden mit Stöcken geschlagen und von Hunden ohne Maulkorb bedroht. Der Bürgermeister von Słubice, Ryszard Bodziacki, erklärte, die Aktion rieche nach ‘Provokation’. Zu dieser Meinung kommt auch die ‘Rzeczpospolita’ - doch das Blatt braucht ein wenig länger, um zu dem Schluß zu kommen, in Frankfurt sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Zunächst schreibt Kollege Pomianowski unter der Überschrift: "Polen aus Deutschland ausgewiesen - wegen Schwarzarbeit" betont zurückhaltend, über den Zwischenfall gäbe es unterschiedliche Meinungen: die deutschen Behörden erklären, die Polen hätten gegen die Gesetze der Bundesrepublik verstoßen, die Ausgewiesenen betonen, sie seien nur über die Oder gekommmen, um sich zu informieren. Doch dann muß noch am selben Tag über die ehrwürdige Warschauer Zeitungsdame der Zorn hereingebrochen sein: In einer anderen Ausgabe formulierte sie eine weitaus kritischere Nachricht, ersetzte die Überschrift, und der Satz "Alle wurden aus Deutschland ausgewiesen", hieß nun: "Der Zwischenfall trägt den Charakter einer Provokation." Im übrigen sei dies schon die zweite kontroverse Aktion des Bundesgrenzschutzes in kurzer Zeit, bei der ersten hatten maskierte Grenzschützer drei polnische Bürger mit Schüssen in die Reifen gestoppt.

Provokation - das ist anfänglich der Tenor vieler polnischer Zeitungen, die rund eine Woche lang kontinuierlich über den "incydent" in Frankfurt/Oder und die diplomatischen Aktivitäten bis hin zur Annullierung der Ausweisungen berichteten. Daß die Aktion vorher sorgfältig vorbereitet war, schließt der Warschauer "Sztandar Młodych" unter anderem aus der Anwesenheit eines deutschen Fotografen.

Offen bleibt jedoch, wer hinter dieser Provokation stecken und was mit ihr beabsichtigt werden könnte. Sollte der Besuch des deutschen Bundeskanzlers sabotiert werden? Wenn ja, wieso? Der Leser hätte hier wohl eine präzisere Erklärung verdient.

Eine liefert die in Zielona Góra erscheinende ‘Gazeta Lubuska’: Es solle eine antipolnische Stimmung aufgebaut werden. Sie belegt dies noch mit einem anderen Vorgang: Polnische Händler, die vor Horten in Frankfurt Stangen von Schmuggelzigaretten verkaufen, würden weder von Polizei noch Zoll behelligt. Kollege Włodarczak zitiert Oberkommissar Magniewski von der Polizei in Słubice: Die polnischen Schwarzhändler würden nur deshalb in Ruhe gelassen, damit sich bei den deutschen Passanten beim Anblick der ‘Säufer, Schmutzfinken, Faulpelze und Betrüger’ antipolnische Gefühle aufstauten. In Anlehnung an die berühmte polnische Fernseh-Kabarettsendung titelt das Blatt: "Polnischer Zoo in Frankfurt." Kurzum: Ob die deutsche Polizei eingreift oder nicht, Finsteres steckt in jedem Fall dahinter.

Die deutsche Version des Frankfurter Geschehens haben die polnischen Zeitungen objektiv wiedergegeben, wenn auch zuweilen distanziert - so zum Beispiel der ‘Stettiner Kurier’, der am 29. Juni die Erklärungen des Bonner Innenministeriums und Kanzlers Helmut Kohl unter der Überschrift "Alles war ordnungsgemäß" zitieren, dann aber erneut vier Zeugen zu Wort kommen ließ, die das Gegenteil berichteten, Überschrift: "Wie es wirklich war."

Die meisten Zeitungen stützten sich in ihren Artikeln auf Zeugenaussagen Betroffener. Auffällig ist, daß die Warschauer Zeitungen moderatere Überschriften druckten - bis auf die ‘Zycie Warszawy’, die ihren Bericht vom Dienstag mit "Frankfurter Jagd" überschrieb. Je weiter von Warschau weg und näher am Geschehen, desto energischer und wütender auch die Titelzeilen: "Deutsche Hunde auf Polen, Ausrufezeichen", schimpfte zum Beispiel der Danziger ‘Küsten-Abend’ und der ‘Stettiner Kurier’ höhnte in einer zweisprachigen Überschrift: "Herzlich willkommen in Europa." Die ‘Lubuska-Zeitung’ formulierte schon am 26. Juni am schärfsten: "Breitbeinig stehende Beamte, Hunde ohne Maulkorb, Nummern an den Armen, laute Schreie in einer Sprache, die sich am besten für Kommandos eignet. Die betroffenen Polen sagen, das (und jetzt kommt der Satz, den die Zeitung zur Überschrift machte) war wie in Auschwitz". Das Zitat im Text ist noch schärfer: "Das war Auschwitz." Das Blatt zitiert übrigens eine junge Zeugin, die anonym bleibt und erklärt, sie kenne Auschwitz nur aus dem Kino. Dies sei nun schon der "dritte Fall der deutschen antipolnischen Hysterie", die beim besten Willen nicht als Marginalie abgetan werden könnte, meint die Zeitung. Wenn mich nicht alles täuscht, ist in der ‘Gazeta Lubuska’ bei allem berechtigten Zorn über das Geschehen noch immer die Rhetorik der Kommune zu erkennen, die den polnischen Bürgern 40 Jahre lang einimpfte, von den Westdeutschen könnten sie nichts Gutes erwarten. Der leichtfertige Auschwitz-Vergleich trägt dazu bei, diese antideutschen Gefühle wieder zu erwecken.

Ein unsichtbares Band scheint die Zeitung mit der anderen Seite des Spektrums zu verknüpfen, denn ein "Auschwitz an der Oder" machte auch die rechtskatholische Zeitung ‘Słowo’ aus, die fast wortgleich mit der ‘Lubuska-Zeitung’ die Frankfurter Ereignisse beschreibt. Auch sie ist überzeugt, es handle sich um eine ‘Provokation’ der deutschen Ordnungsbehörden, die das Ziel hatte, in Deutschland eine "antipolnische Hysterie" zu wecken. Hinter der Fassade von Versöhnungsgesten, die es beim Kohl-Besuch geben werde, dürften nicht die wirklichen Probleme der polnischen "Westwand" verschwinden.

Sachlicher dagegen die Kommentare der Rzeczpospolita, die Anfang Juli betont, daß die offiziellen, guten staatlichen Beziehungen zwischen Bonn und Warschau durch das Geschehen sicher nicht beeinträchtigt würden. Kommentatorin Katarzyna Kołodziejczyk spricht allerdings von den "psychologischen Schäden", die durch die deutschen Ordnungsbehörden hervorgerufen worden seien. Jede Seite müsse dem anderen gegenüber zuverlässig und ehrlich auftreten. Der Schaden sei um so größer, als hauptsächlich polnische Jugendliche betroffen seien, die die Sache der Versöhnung fortsetzen müßten. Das Zitat in der ‘Ziemia Gorzowska’ von zwei Absolventen des Słubicer Lyzeums, die erklären, nach dem Geschehen würden sie lieber in Stettin als an der Viadrina in Frankfurt studieren, scheint diese bittere Erkenntnis zu bestätigen.

Sehr abgewogen der Kommentar in der liberalen katholischen Wochenzeitung ‘Tygodnik Powszechny’. Wahr sei, daß deutscher Grenzschutz und Zoll nicht nur Polen, sondern auch Deutsche schlecht behandelten. Man müsse die Angelegenheit im richtigen Verhältnis sehen. Sie sei für das deutsch-polnische Verhältnis bedauerlich, weil so viele Polen betroffen seien, aber sie bleibe ein bloßer Zwischenfall. Der Vorfall in Frankfurt zeige aber einmal mehr, daß noch viel Zeit vergehen müsse, bis zwischen Deutschen und Polen alles normal werde.

Wenige Tage später berichtet die ‘Gazeta Lubuska’ über weitere Aspekte des Falls. Die "brutale Behandlung" von Polen durch den Grenzschutz und die Frankfurter Polizei ändere nicht die Tatsache, daß Tausende von Landsleuten legal auf der anderen Seite der Oder arbeiteten. Im Arbeitsamt in Gorzów seien bis Ende Juni 2.400 Saisonarbeiter registriert worden, die Zahl übertreffe mit Sicherheit den Rekord des Vorjahres.

Auch der ‘Sztandar Młodych’ schreibt über die polnischen "unerwünschten gastarbeiterzy", 140.000 Saisonarbeiter zum Beispiel verdienten 1994 in der Bundesrepublik ihr Geld, 25.000 über polnische Firmen, die entsprechende Verträge beim westlichen Nachbarn geschlossen hätten.

Die ‘Ziemia Gorzowska’ (das Gorzower Land), die unter der Überschrift "Beziehungen unterbrochen" am 6. Juli erneut ausführlich die Frankfurter Ereignisse schildert, erwähnt zwei andere Zwischenfälle, die das deutsch-polnische Verhältnis belasten: deutsche Jugendliche schlugen einen polnischen Zweit-Semester-Studenten der Viadrina zusammen und zweitens: Beamte hielten bei der Fahndung nach Zigarettenschmugglern in Kietz in der Nacht vom 29. zum 30. Juni unverhältnismäßig lang, nämlich 11 Stunden, Passagiere des Zuges Gorzów-Berlin fest. Doch auch an diesem kleinen Beispiel zeigt sich, wie schwierig es offenkundig ist, an dieser sensiblen Grenze die Wahrheit zu finden: Während deutsche Zeitungen berichten, Schmuggler hätten sich im Erste-Klasse-Waggon verschanzt, heißt es in dem Gorzower Blatt, die Passagiere seien dorthin gedrängt worden.

Eine Erkenntnis haben die Ereignisse gebracht: Den Warschauern ist bewußt geworden, wie heikel die Stimmungslage in dieser schwierigen Grenzregion ist. Diese ausführlicher zu schildern, ist eine Aufgabe für die Zeitungen beiderseits der Oder.

Wie waren die Beziehungen zu DDR-Zeiten? Wie bewältigten beide Seiten ihre lokale Vergangenheit? Wie funktioniert der Handel? Wer profitiert von wem? Wie ist die wirtschaftliche Lage in Frankfurt/Oder und Słubice? Treffen sich Jugendliche? Gibt es deutsch-polnische Ehen? Was denkt so ein Grenzpolizist? Wo kommt er her, was erlebt er, wie ist er geschult? - Dinge, über die man in Warschau zu wenig erfährt.