[Zurück] [www.dpg-brandenburg.de] [www.transodra-online.net]

      

 

TRANSODRA 14/15, September 1996 , S. 54 - 62

Was kostet die Versöhnung?
Ruth Henning / Diskussionsbeitrag auf einer Veranstaltung zur Ausstellung in Potsdam

Ulrike Treciak
Das deutsch-polnische Ausstellungsprojekt "Wach auf, mein Herz, und denke"

INITIATIVEN UND PROJEKTE

Vom Umgang mit einem Tabu.

Ulrike Treciak

Das deutsch-polnische Ausstellungsprojekt "Wach auf, mein Herz, und denke"

»zur Seitenübersicht«

Am Anfang unseres Projekts stand vor mehr als fünf Jahren ein Besuch bei polnischen Freunden in einem Gebirgsdorf im polnischen Karkonosze. Es vergingen einige Tage, bis wir - eine kleine Gruppe von Mitarbeiter/innen des Kreuz-berger Kunstamtes - realisierten, daß wir im Riesengebirge, im ehemals deutschen Niederschlesien waren. Auf einmal gab es viele Themen, über die wir mit unseren polnischen Freunden nie geredet hatten: Woher kommen die Menschen, die hier wohnen? Wie war das, in den ersten Jahren in dieser ehemals deutschen Umgebung? Welche Erfahrungen - vor allem mit den Deutschen - brachten die Leute mit? Wir wußten fast nichts darüber. Aber auch die Fragen an uns: "Wohin sind die Schlesier gegangen? Erheben sie immer noch Ansprüche auf Ihre alte Heimat? Wird die schlesische Kultur noch gepflegt?" Viel konnten wir nicht antworten. Der Vertriebenenverband fiel uns ein - und Gerhart Hauptmann: Die Weber, Schlesien!

Es entstand eine zunächst kleine Arbeitsgruppe und wir fingen an zu lesen, zu reden, polnisch zu lernen oder unsere Sprachkenntnisse zu verbessern und merkten immer mehr, daß wir bei einem Thema waren, an dem die Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschen und Polen mit ihrer ganzen Tragik in den letzten hundert Jahren aufgezeigt werden kann. Das Auffälligste in den Gesprächen und in allen Texten, die wir lasen, waren die "weißen Flecken". Jeder sprach darüber, jeder hatte sie - also sollte man sie füllen. Je weiter wir uns einarbeiteten um so stärker veränderten sich meine Gefühle. Einerseits habe ich schon lange eine Liebe zu Polen, neigte auch immer etwas zur Verklärung der Geschichte Polens. Jetzt erfuhr ich immer mehr von der deutschen Geschichte und Kultur Schlesiens und vor allem vom Ende dieser Kultur. Zu der Liebe zu Polen kam eine Trauer über etwas unwiederbringlich Verlorengegangenes. Anderen ging es ähnlich. In Gesprächen haben wir versucht, diese verschiedenen Gefühle zwischen Liebe und Trauer zusammenzubringen: ohne Revanchismus und vorwärtsgewandt wollten wir ein Projekt entwickeln, aber auch ohne Verklärung Polens.

In Berlin trugen wir unsere Idee, ein Projekt über die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen am Beispiel der Geschichte Schlesiens zu machen Freunden und Kollegen vor und bekamen schnell bestätigt, daß wir ein Tabu-Thema angefaßt hatten. Fragen wie: "Macht ihr jetzt die Arbeit des Vertriebenverbandes?" oder Hinweise wie "Die Nazis haben Schlesien verspielt und wer sich damit beschäftigt, stellt die Oder-Neiße-Grenze infrage und ist Kriegstreiber!" bekamen wir zu hören. Aber wir fanden auch Menschen, die gerade das Tabuthema reizte. Der Leiter des Kreuzberg-Museums brachte noch die Geschichte der deutsch- und polnischsprachigen Einwanderer aus Schlesien, die sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts in Berlin und Brandenburg - auch im sog. Schlesischen Viertel im Bezirk Kreuzberg - angesiedelt hatten, ein. Freunde vom Polnischen Sozialrat in Berlin erzählten uns die fast unglaublichen Familienbiographien von heute in Berlin lebenden Oberschlesiern, in denen die Volksabstimmung von 1921, die Volkslisten der Nazis und die nationale Verifizierung in den Jahren 1945/46 eine Rolle spielten. Auch verschiedene deutsch-polnische Projekte und Initiativen unterstützten uns und machten uns Mut. Die Deutsch-Polnische Gesellschaft Brandenburg half uns mit einer gemeinsam organisierten Lesungsreihe Kontakt zu in Brandenburg lebenden Zeitzeugen zu finden.

Danach vergingen zwei Jahre mit Diskussionen, Suche nach Geldgebern, zigfach überarbeiteten Arbeitspapieren, Gruppendynamik, der Suche nach einem Trägerverein (der dann als "Gesell-schaft für interregionalen Kulturaustausch e.V." speziell für das Projekt gegründet wurde) und nach einem polnischen Partner, denn daß ein solches Projekt nur von Deutschen und Polen gemeinsam durchgeführt werden konnte, lag für uns auf der Hand.

Den polnischen Partner fanden wir im Verein Schlesisches Institut / Instytut Slaski in Oppeln. In der gemeinsamen Diskussion entstand das Konzept für ein zweisprachiges Ausstellungsprojekt zur Geschichte der Beziehungen zwischen Berlin-Brandenburg und Schlesien von 1740 bis heute. Ziel sollte sein, die zitierten "weißen Flecken" in der Kenntnis der Geschichte der jeweils andern zu füllen. Im Vordergrund der Ausstellung sollten Menschen stehen - Deutsche und Polen, deren Schicksal mit der Geschichte der Regionen Berlin-Brandenburg und Schlesien verbunden ist. Im Hintergrund, Darstellungen der allgemeinen Geschichte. Den Titel der Ausstellung "Wach auf, mein Herz, und denke", ein Zitat aus dem Werk des schlesischen Barockdichters Andreas Gryphius aus der Zeit am Ende des Dreißigjährigen Krieges - fanden wir erst sehr viel später, schon fast verzweifelt, einige Tage vor der Drucklegung des Katalogs.

Das Hauptmerkmal der Zusammenarbeit zwischen uns, dem deutschen Team in Berlin und dem polnischen Team des Schlesischen Instituts in Oppeln, war die Vorsicht. Wir gingen mit den Schuldgefühlen der Nachgeborenen und dem Wissen über die Verbrechen der Deutschen an den Polen an die gemeinsame Arbeit; die polnischen Kollegen mit dem Wissen darüber, daß wir von verschiedenen Seiten vor ihnen gewarnt worden waren: Das Schlesische Institut, die ehemalige kommunistische Ideologieschmiede, die 40 Jahre lang die wissenschaftlichen Beweise dafür zu liefern hatte, daß Schlesien schon immer ureigenes polnisches Piastenland gewesen sei. So sind wir in den ersten Wochen dann doch bei der konkreten Arbeit an unserem Tabuthema den meisten Tabus ausgewichen, haben von Opole und Wroclaw, nicht von Oppeln und Breslau gesprochen, haben alle deutschen Arbeitspapiere übersetzen lassen, obwohl die polnischen Kollegen sie genauso gut deutsch hätten lesen können; haben im Konzept festgehalten, daß es besser ist, in der Ausstellung zwei - eine deutsche und eine polnische - Position darzustellen, als zwanghaft zu einer gemeinsamen zu kommen. Das änderte sich, als einer unserer polnischen Geldgeber die nachdrückliche Bitte an uns herantrug, auf den Begriff "Vertreibung" im Katalog und in der Ausstellung zu verzichten, weil dieser Begriff der deutsch-polnischen Verständigung nicht dienlich sei. Durch diese Aufforderung entzündete sich eine Diskussion, in der wir alle unsere theoretischen Vorsätze überprüfen konnten: "Wir wollen ehrlich miteinander umgehen, wir wollen nicht aufrechnen, aber dennoch die ganze Wahrheit sagen, denn nur wenn man die ganze Wahrheit sagt, ohne die Erfahrungen einer Seite zu leugnen, kann man ein Stück in Richtung Verständigung gehen". Die Diskussion endete mit einem Schreiben der Mitarbeiter des Schlesischen Instituts nach Warschau, in dem es hieß, daß die Verschiebung von Menschen in den Jahren nach 1945 von den Betroffenen sehr wohl als Vertreibung empfunden worden sei, daß diesen Menschen das Recht zugesprochen werden müsse, dies auch so zu nennen und daß die Tabuisierung des Begriffes ihm eine Weihe verleihe, die ihm nicht zustehe. Von diesem Moment an war eine vorbehaltlose Diskussion zwischen den deutschen und polnischen Mitarbeitern wirklich möglich. In der zweijährigen gemeinsamen Arbeit war es an keiner Stelle nötig, sich zunächst beim Partner für die Taten der Landsleute zu entschuldigen, um dann darüber reden zu können. Wir sagten seither auch Breslau, wenn wir deutsch und Wroclaw, wenn wir polnisch sprachen oder schrieben. Auf die Vorschläge der Schulbuchkommission mit dem Schrägstrich haben wir verzichtet. Es blieb aber trozdem bei mir und den anderen Deutschen das Gefühl als Individuum auch immer als Vertreterin der Deutschen schlechthin aufzutreten und Verantwortung für die Taten der Nazis zu tragen. Auf deutscher und polnischer Seite haben wir uns zwar gegen eine "Kollektivschuld" ausgesprochen, aber offenbar ist es schwerer, sich selbst davon zu befreien als andere.

Die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und polnischen Partnern war nicht immer leicht, das Problem war allerdings kein deutsch-polnisches. Auf der polnischen Seite arbeiteten ausschließlich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, auf der deutschen vorwiegend Ausstellungsmacher/innen und Museumsfachleute. Die einen mit dem Beharren auf dem wissenschaftlich Korrekten, die anderen mit dem Blick auf die Darstellbarkeit. Die einen schrieben lange Texte in wissenschaftlicher Sprache und suchten in Archiven nach schriftlichen Dokumenten, die anderen wollten Fotos und Exponate und strichen die Texte zusammen. Die Auseinandersetzungen waren nervenaufreibend aber doch fruchtbar, bedauert haben wir die Zusammenarbeit nie. Wichtig war besonders, daß wir mit dem Institut einen Partner mit einer gut funktionierenden Arbeits- und Infrastruktur hatten und Mitarbeiter/innen, die engagiert hinter der Idee des Projektes standen.

Mit einer zu dünnen Finanzdecke ausgestattet und in nur knapp 18 Monaten Vorbereitungszeit entstanden so ein zweisprachiges, sechshundert Seiten starkes Buch und eine zweisprachige Ausstellung mit etwa 300 Tafeln, 1000 Dokumenten und Exponaten aus mehr als 120 Archiven entliehen, Fotos, Landkarten, einer Projektion mit dreidimensionalen Dias von 1921 aus Oberschlesien und verschiedenen Installationen wie einer Inszenierung der Ankunft von schlesischen Flüchtlingen in Berlin und der Ankunft von polnischen Zwangsumsiedlern in Kattowitz-Ellguth. An der Vorbereitung waren etwa 20 deutsche und 20 polnische Projektmitarbeiter und über 50 deutsche und polnische Katalogautoren beteiligt. Einen wichtigen Beitrag lieferten auch unzählige deutsche und polnische Zeitzeugen, die ihre Lebensgeschichten und persönliche Erinnerungsstücke einbrachten. Es ist die erste Ausstellung geworden, in der in diesem Umfang ein so emotional belastetes Thema von Deutschen und Polen gemeinsam aufgegriffen wurde. Dem Publikum wird daher einiges abverlangt. Aus Gesprächen und aus den Gästebüchern wissen wir, daß Besucher bis zu acht Stunden in der Ausstellung verbracht haben oder mehrfach gekommen sind, um die Textflut bewältigen zu können. Die Ausstellung wurde im September letzten Jahres zunächst in Breslau, danach in Berlin, Potsdam und Osnabrück gezeigt. Jetzt ist sie in Görlitz (bis zum 18.8.96), danach in Beuthen und noch verschiedenen anderen deutschen und polnischen Städten zu sehen.

Während der gesamten Vorbereitungszeit des Projekts waren wir darauf vorbereitet, von verschiedenen Seiten in Deutschland und Polen angegriffen zu werden. Einwände haben wir beispielsweise von den polnischen Organisationen der ehemaligen Zwangsarbeiter, von den Pionieren des Aufbaus der polnisch gewordenen Städte und Gemeinden oder vom Vertriebenenverband oder den Landsmannschaften erwartet. Wir dachten, daß die verschiedenen Seiten ihr Schicksal zu wenig und das der anderen zu umfangreich dargestellt fänden. Offenbar hatten wir diese Gruppen unterschätzt. Gerade von der sogenann-ten Erlebnisgeneration sowohl in Polen als auch in Deutschland kam der größte Zuspruch. Aus persönlichen Gesprächen, Eintragungen in Gästebüchern oder aus Kommentaren bei einer Besucherbefragung wissen wir, daß die meisten älteren Besucher sehr wohl bereit sind, sich auch mit den Erlebnissen der Anderen auseinanderzusetzen, wenn ihr eigenes Schicksal nicht geleugnet wird. Jüngere Besucher schrieben häufig, daß die Ausstellung bei ihnen Interesse an der Geschichte ihrer Eltern und Großeltern geweckt hat. Viele schrieben, daß ihre Familien aus Schlesien bzw. aus den polnischen Ostgebieten stammen, sie aber wenig darüber wüßten. Typisch ist auch eine Gästebucheintragung aus Berlin: "Ich bin froh, daß das Tabu gebrochen wird, über schlesische Geschichte zu sprechen. Mit meiner schlesischen Großmutter konnte ich über deren Heimat sprechen, deren Kinder jedoch haben ein gebrochenes Verhältnis. Diese Ausstellung kann eine Chance für die ganz junge Generation sein."

Die Presse reagierte zunächst in Polen ganz überwiegend positiv. Die "Polityka" schrieb z.B. "Die riesige, drei Etagen des weitläufigen Breslauer Arsenals einnehmende Ausstellung beweist den Polen, daß die Geschichte schlesischer Industrie, Architektur und Kultur nicht nach 1945 begann, den Deutschen, daß sie nicht mit diesem Datum endete". Lediglich die Presse der deutschen Minderheit in Schlesien hielt sich bedeckt, wohl aus Skepsis gegenüber dem Schlesischen Institut.

Auch die deutschen Presse- und Rundfunkberichte - von der linken "Tageszeitung" bis zu den "Schlesi-chen Nachrichten" - waren überwiegend positiv - allerdings reagierten einige Zeitungen der "Mitte" trotz intensiver Bemühungen überhaupt nicht. Weil wir uns fragten, ob es vielleicht überhaupt kein "Tabu Schlesien" mehr gibt, organisierten wir im Begleitprogramm eine Veranstaltungsreihe mit u.a. einer Podiumsdiskussion zu dieser Frage. Die Besetzung des Podiums mit Dr. Herbert Hupka,... Helga Hirsch von der "Zeit", Maciej Lagiewski, dem Leiter des Historischen Museums in Breslau, Chris Schmitz, Leiter des Landesmuseums Schlesien in Görlitz, der Schriftstellerin Ursula Höntsch und Christian Semler von der "taz" als Moderator deuteten auf handfeste Auseinandersetzung hin - es überwog aber bei allen Kontroversen eher ein Schmunzeln über die nicht alltägliche Situation, um einen gemeinsamen Tisch zu sitzen.

Natürlich sind wir unbescheiden genug, unserer Arbeit einen Teil des Verdienstes zu dieser Gesprächsbereitschaft zwischen Deutschen und Polen, jungen und älteren Menschen, und über das politische Spektrum hinweg zuzusprechen. Es zeigt sich aber, daß fünfzig Jahre nach Kriegsende und sechs Jahre nach der politischen Wende in Polen und Deutschland die Zeit der Monologe vorbei ist. Die Bereitschaft, einen Dialog zu führen, ist in Deutschland wie in Polen groß und damit die Chancen für eine gutes deutsch-polnisches nachbarschaftliches Verhältnis so gut wie nie. Es ist die Frage, ob und wie diese Chancen genutzt werden.

Ein Thema der Ausstellung ist aber offensichtlich bis heute mit einem Tabu behaftet. Gemeint ist das Thema der Straf- und Internierungslager für Deutsche nach 1945 in Schlesien. Auf nur zwei Ausstellungstafeln haben wir Zeitzeugen von ihren Erlebnissen in den Lagern Heydebreck und Schwientochlowitz zu Wort kommen lassen und Hintergrundinformationen zu diesen Lagern, vor allem zum Lager Lamsdorf, gegeben. Dazu kam der härteste Widerspruch, sowohl aus Polen wie auch aus Deutschland. Daß Täter zu Opfern werden, und Opfer Täter werden können, paßt nicht ins Bild. Die Erwähnung birgt die Gefahr, die Schuld der deutschen Täter zu relativieren und Positionen infrage zu stellen. Dennoch sind diese Lager Teil der Wahrheit, und sie zu ignorieren, hieße, mit halben Wahrheiten zu leben.


Was kostet die Versöhnung?

Ruth Henning / Diskussionsbeitrag auf einer Veranstaltung zur Ausstellung in Potsdam

»zur Seitenübersicht«

Um in der Terminologie zu bleiben: Müssen wir dafür zahlen? Ja, ganz bestimmt. Aber nicht unbedingt ausschließlich in barer Münze obwohl auch in der.

Wir, d.h. die Deutsch-Polnische Gesellschaft Brandenburg, haben uns auf verschiedenen Treffen, vor allem des deutsch-polnischen Journalistenclubs "Unter Stereo-Typen / Pod Stereo-Typami" mit dem Thema, dem sich auch die Ausstellung widmet, beschäftigt. Für meinen privaten Gebrauch nenne ich das Thema "Deutsche und Polen - Nachbarn und Fremde". Denn gerade hier an der deutsch-polnischen Grenze sind sich die Nachbarn sehr fremd. Und das hat auch mit dem Thema dieser Ausstellung zu tun. Denn auf der einen Seite leben Vertriebene und auf der anderen Seite auch. Es ist kein typisches Grenzgebiet - nicht wie z.B. Oberschlesien eines war, ein Grenzgebiet, in dem Deutsche und Polen über Jahrhunderte zusammengelebt, in dem sich die Sprachen vermischt hätten. Nein, hier wohnen Menschen nebeneinander, die keine gemeinsame Geschichte hinter sich haben, wo es im Gegenteil eine äußerst scharfe und nicht nur Sprach-Grenze gibt. Andererseits hatten diese - wenigstens zum Teil - vergleichbare und schreckliche Erlebnisse. Flucht und Vertreibung oder Zwangsaus- und Zwangsumsiedlung haben viele Menschen auf dieser wie auf jener Seite der Grenze erlebt.

Gerade zu diesem Thema - woher kommen die Menschen diesseits und jenseits der Oder-Neiße-Grenze? - trafen wir uns in Guben und Gubin. Wir tagten in Gubin und übernachteten in Guben, mußten also täglich mindestens zweimal die Grenze überqueren. Das war natürlich Absicht. Denn in der Vergangenheit handelte es sich einmal um eine ungeteilte Stadt, deren Stadtkern sich auf der östlichen Seite der Oder befand. Ich komme nicht aus Brandenburg und für mich war es völlig neu, daß hier unmittelbar an der Grenze noch so viele Flüchtlinge und Vertriebene leben. In Beeskow/ Storkow und Guben sind es, wie man sagt, noch 30 % der Bevölkerung. Dann wird es in Frankfurt/Oder auch nicht viel anders sein. Zu Zeiten der DDR war diese Tatsache ein Tabu. Zunächst sprach man von Umsiedlern und dann überhaupt nicht mehr über das Thema. Lastenausgleich wie in der alten BRD gab es hier nicht (höchstens ein paar Neubauernhöfe, aber die gingen bald in den staatlichen Landwirtschaftsgütern auf oder mußten oft mangels Ausstattung aufgegeben werden). In den letzten Monaten haben in Brandenburg 260.000 Menschen Anträge auf Entschädigung gestellt. 4.000,- DM sollen sie bekommen. Es ist noch nicht untersucht, welche Rolle diese Tatsachen im heutigen Bewußtsein der deutschen Grenzbevölkerung spielen und in welcher Weise sie das Verhältnis der ostdeutschen Bevölkerung zu den Polen prägen. Klar ist aber, daß das Prinzip "Rückgabe vor Entschädigung" hier nicht wenige Menschen auf die Idee bringt, zu fragen: "Und was ist mit unserem alten Besitz?"

In Westdeutschland haben wir eine lange Zeit der Trauerarbeit hinter uns. Wenn ich wir sage, dann ist das eigentlich nicht richtig. Denn ich selbst war lange Zeit der Meinung, daß man über Flucht und Vertreibung nicht so viel sprechen sollte, weil es nur Wasser auf die Mühlen der "reaktionären und revisionistischen" Vertriebenenverbände sei. Schließlich hatte Deutschland Europa mit Krieg und Gewalt überzogen, die Menschen wahllos aus ihrer Heimat vertrieben und die europäischen Juden umgebracht. Klar, daß wir bekommen haben, was wir verdient hatten, schließlich waren die Deutschen in ihrer Mehrheit mit Hitler einverstanden gewesen. Auch heute noch spreche ich mich für einen politischen Schlußstrich unter diese Geschichte aus. Die Bundesrepublik Deutschland sollte keinerlei Revisions- oder Restitutionsansprüche stellen. Sie sollte im Gegenteil eine Erklärung gegenüber unseren Nachbarländern Polen und Tschechien abgeben, daß sie solche Ansprüche nicht stellen wird. Das ist leider nicht die Linie unserer Regierung. Außenminister Kinkel hat uns öffentlich erklärt, daß die Vermögensfragen nach wie vor ungeklärt seien, sowohl Tschechien als auch Polen gegenüber. Frühere verantwortliche Politiker haben es so ausgedrückt: die Bundesregierung wird nichts tun, was die vorhandenen Eigentumsansprüche verwirken könnte.

In Bezug auf Polen spielt diese Frage vielleicht im Moment keine so große Rolle (das kann sich aber ändern). Die Oder-Neiße-Grenze ist sicher und das ist das wichtigste. Im übrigen gibt es in Polen auch noch kein vom Parlament verabschiedetes Reprivatisierungsgesetz. Darüberhinaus ist es offensichtlich, daß Kohl die Polenpolitik zur - wie man heute sagt - Chefsache gemacht hat und in die Geschichte eingehen will, als der Politiker, der die Aussöhnung mit Polen verwirklicht hat, so wie Adenauer die Aussöhnung mit den Franzosen erreichte.

Anders sieht es dagegen mit Tschechien aus. Hier tut Kohl nichts gegen die bayerische Landesregierung und die wiederum nichts gegen ihren vierten Stamm: die Sudetendeutschen, vertreten durch die sudetendeutsche Landsmannschaft. Tschechien ist ganz im Unterschied zu Polen ein sehr kleines Land und es gibt Tendenzen in der sudetendeutschen Politik, die tschechische Staatlichkeit (die Gründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918) von Anfang an nicht anzuerkennen. Das ruft auf tschechischer Seite Verunsicherung und Angst hervor und verstärkt die dort auch vorhandenen nationalistischen Tendenzen. Politisch geht es um die Schaffung klarer und eindeutiger Verhältnisse, ohne das ist eine Versöhnung nicht möglich. Mag sein, daß ich mich irre, aber mir scheint, daß diese Frage schon einmal klarer war, als es heute erscheint.

Ein Unrecht bleibt auch dann ein Unrecht, wenn es als Reaktion auf ein vorhergegangenes Unrecht geschieht. Nicht erst seit Bosnien, aber seither besonders, zeigt sich die Aktualität dieser Fragestellung. Nur sollte man darauf verzichten, aufzurechnen. Denn diese Aufrechnung wird nie aufgehen, immer bleibt unter dem Strich etwas übrig, und der ganze Schrecken geht von vorne los. Vor allem beinhaltet die Zwangsaussiedlung individuelle Schicksale. Man soll auch darüber sprechen können. Natürlich, wer nicht betroffen ist, kann leicht sagen, laßt es uns doch besser vergessen. Es ist sogar wichtig, darüber zu sprechen. Man soll es auf gesellschaftlicher und individueller Ebene bearbeiten, sich daran abarbeiten. Emotionen aussprechen, sein Leid klagen, damit es vergehen kann. Gerade in dieser Hinsicht gibt es in den letzten Jahren viele positive Beispiele - auch hier an der deutsch-polnischen Grenze. So wurde z.B. in Goleniów auf Initiative der dortigen polnischen Gemeindeverwaltung ein Gedenkstein errichtet, in fünf verschiedenen Sprachen beschriftet, zum Andenken an die in der dortigen Erde ruhenden toten Deutschen, Juden, Polen, Russen, Tschechen. Eine tätige Selbstkritik gegenüber der Tatsache der früheren Zerstörung dort vorhandener deutscher, auch jüdischer Friedhöfe. Oder die vielen Kontakte und Kooperationen zwischen damaligen und heutigen Einwohnern ehemals deutscher und heute polnischer Städte und Gemeinden in der Neumark, in Pommern usw. (Wiederaufbau der Marienkirche in Chojna, gemeinsame Ausstellungen über das damalige und heutige Gesicht der Städte.) Das sind meistens Aktivitäten von ehemaligen Flüchtlingen und Vertriebenen, die heute - häufig z.B. in Niedersachsen - also den alten Bundesländern leben.

Zur Terminologie: Wie man aus "gewöhnlich gut unterrichteten" Kreisen hört, soll es bei der Auseinandersetzung um die bisher gescheiterte gemeinsame deutsch-tschechische Erklärung u.a. auch darum gehen, daß die deutsche Seite verlangt, überall wo das Thema angesprochen werde, solle ausschließlich der Begriff Vertreibung verwandt werden. Bei uns hat sich das seit den 50er Jahren so eingebürgert, daß der ganze Komplex immer "Flucht und Vertreibung" genannt wird. Das ist natürlich in Polen und Tschechien nicht so. Das Potsdamer Abkommen spricht - sozusagen wertneutral - von Bevölkerungstransfer. Sicher ein euphemistischer Begriff, den man nicht akzeptieren möchte. Das kommunistische Regime in Polen nannte den Vorgang der Zwangsaussiedlung der Polen aus dem ehemaligen Ostpolen z.B. Repatriierung, auch ein ziemlich irreführender Begriff. In Polen spricht man heute in der Regel von Aussiedlung oder Umsiedlung (wysiedlenie und przesiedlenie), auch dort z.B., wo es um die Vertreibung von Polen aus Posen bzw. dem Warthegau ging. Die Tschechen sprechen von Abschub (odsun). Der Begriff Vertreibung benennt die Vorgänge zwar richtig, hat aber auf deutscher Seite darüberhinaus auch eine starke emotionale Komponente (Vertreibung aus dem Paradies). 1945 waren sowohl Polen als auch Tschechen wohl mehrheitlich der Meinung, daß sie nach all dem erlebten Schrecken nicht mehr mit den Deutschen unter einem Dach leben können. Auch diejenigen, die heute die damaligen Zwangsaussiedlungen verurteilen, bestehen doch in der Regel darauf, daß es in der konkreten historischen Situation keine Alternative gab. (Zwar sei es ein Übel gewesen, aber ein notwendiges Übel.) Für Polen kommt noch die Tatsache hinzu, daß das Land im ganzen nach Westen verschoben wurde und die Polen aus dem Osten untergebracht werden mußten. Aus all diesen Gründen erscheint es unvernünftig, sich zuerst und vor allem über die Frage der Begrifflichkeit zu streiten. Zumal die Bundesregierung in beiden Nachbarschaftsverträgen den Begriff Vertreibung bereits durchgesetzt hat. Die Auseinandersetzung mit den konkreten Ereignissen ist wichtiger.

Nicht akzeptieren kann man dagegen, wenn die Verantwortung für alles Geschehene nur auf andere abgeschoben wird, seien es die Alliierten, die Russen, das kommunistische Regime. Von allen ist die Übernahme der Verantwortung für das gefordert, was er tatsächlich zu verantworten hat.

Bei allen deutsch-polnischen Diskussionen zum Thema, an denen wir bisher teilgenommen haben, zeigte sich, daß die polnischen Diskussionsteilnehmer das Gefühl haben, den Deutschen klarmachen zu müssen, daß es Flucht und Vertreibung nicht gegeben hätte, wenn das nationalsozialistische Deutschland nicht den Zweiten Weltkrieg begonnen hätte. Die historische Reihenfolge wird klargestellt. Das ist auch bei den Tschechen nicht anders. Das ganze historische Rad, an dessen Ende die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Ländern Mittel- und Osteuropas stand, hat unser Land damals selbst in Bewegung gesetzt und auch im Lauf nicht aufgehalten. Etwas anderes ist die Tatsache, daß das die Vertreibung nicht rechtfertigt. Aber nicht jeder Pole, der auf deutscher Seite ein Verantwortungsgefühl für das, was die Deutschen damals den Polen angetan haben, vermißt, verteidigt deshalb die Vertreibung. Und das ist nicht identisch mit der These der "Kollektivschuld".

Hinsichtlich der Vertreibung sind sich nicht nur die Tschechen und die Deutschen, sondern auch die Polen und die Deutschen noch nicht darüber einig, was die Wahrheit ist. Es existieren verschiedene Wahrheiten, das muß man wohl akzeptieren, nur kann man nicht darauf verzichten, ein weitgehend einheitliches Urteil darüber, was die Wahrheit ist, anzustreben. Deswegen ist es heute am besten, wenn wir die verschiedenen deutschen, polnischen, tschechischen, ukrainischen, litauischen und weißrussischen Wahrheiten miteinander konfrontieren. Nur im Dialog besteht die Chance, eine gemeinsame Wahrheit zu finden. Aber zunächst muß man erst einmal die Wahrheit des Anderen zur Kenntnis nehmen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß man dabei etwas lernt und sich vielleicht auch die "eigene Wahrheit" noch verändert.

Zum Schluß: die Organisatoren der Ausstellung und des heutigen Abends fragen, ob es in den deutsch-polnischen Beziehungen noch um Versöhnung oder schon um Normalisierung geht. In dieser Fragestellung werden gleich zwei Begriffe verwandt, an deren leichtfertiger Verwendung eine berechtigte Kritik besteht. Noch nach 50 Jahren geht es tatsächlich um die Folgen des zweiten Weltkriegs in vielerlei Hinsicht. Die Sache ist noch nicht abgeschlossen. Weizsäcker sagte jedoch einmal sehr richtig, daß von Versöhnung eigentlich nur die Opfer sprechen könnten.

Und was wäre nun im deutsch-polnischen Verhältnis als normal zu bezeichnen? Vielleicht wenn die Deutschen sich nicht mehr über- und die Polen sich nicht mehr unterlegen fühlten? Wenn es eine tatsächliche Gleichberechtigung gäbe? Oder wenn beim nächsten Auftauchen der so beliebten Phrasen des Versöhnungskitsches alle in einstimmiges Gelächter ausbrächen?