[Zurück] [www.dpg-brandenburg.de] [www.transodra-online.net]

     TRANSODRA 18, Oktober 1998, S. 49 - 94

30 Jahre März 1968 - Polen und Juden, ein nicht abgeschlossenes Kapitel

Reinhold Vetter, März 1968 im Jahre 1998
Andrzej Szczypiorski, Der März 1968 und die Polen
Stanislaw Krajewski, Auschwitz als Herausforderung
Stanislaw Musial, Die Wahrheit über das Kreuz in Auschwitz
Dariusz Szamel, Die jüdische Gemeinschaft

Polen und Juden - das ist ein schwieriges Thema. Insbesondere wenn sich Deutsche dazu äußern. Wir wollten polnische und jüdische Stimmen zu diesem Problem zu Wort kommen lassen und auch die jüdische Gemeinschaft in Polen mit ihren zunehmenden Aktivitäten, Organisationen und Zeitschriften vorstellen. Denn hierzulande ist vielleicht allzuschnell und allzu stereotyp vom polnischen Antisemitismus die Rede - den es unbestreitbar gibt und der ganz offensichtlich keine Randerscheinung ist. Andererseits werden die Anstrengungen derjenigen Polen, die den Antisemitismus benennen, analysieren, verurteilen und bekämpfen nicht mit gleicher Intensität in Deutschland vorgestellt.

In den Beiträgen von Andrzej Szczypiorski, Stanislaw Krajewski und Stanislaw Musial zeigen sich mögliche Wege zur Gewinnung von mehr Verständnis zwischen polnischen Katholiken und der jüdischen Gemeinschaft. Stanislaw Krajewski versucht sowohl den polnischen Katholiken den Kern des Nicht-Verstehens der jüdischen Position zu erklären als auch den Nicht-Polen, den Kritikern des polnischen Antisemitismus im Westen, die Haltungen in Polen verständlicher zu machen. Denn es stimmt, daß man hier nicht weiß, daß im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu Beginn vor allem Polen inhaftiert waren und gequält wurden.

Leider hat die Wirklichkeit unsere gute Absicht überholt. Als es so schien, daß eine Übereinkunft erzielt werden könnte, die zu einem Kompromiß in der Frage des Kreuzes auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube geführt hätte, bildeten selbsternannte Verteidiger des Kreuzes und des christlichen Glaubens (Ka-zimierz Switon u.a. unterstützt vom katholischen Sender Radio Maria) ein "Komitee zur Verteidigung des Kreuzes". 130 Sejm-Abgeordnete und Senatoren (109 aus der Wahlaktion Solidarnosc [AWS] und der Rest aus der Bauernpartei und der Bewegung zur Wiedergeburt Polens [ROP]) unterschrieben eine Erklärung zur Verteidigung des Kreuzes. Eine eben solche Erklärung gab der ehemalige Staatspräsident Lech Walesa ab. Die Verteidiger des Kreuzes am Ort des Geländes der ehemaligen Kiesgrube nahmen die Auseinandersetzung um das "päpstliche" Kreuz in Auschwitz-Birkenau zum Anlaß, um dort weitere (über 100) Kreuze aufzustellen. Das Ganze wirkt wie eine primitive Farce, aber nicht darin besteht das Problem, sondern darin, daß sich weder das polnische Episkopat noch die polnische Regierung, gebildet aus der Wahlaktion Solidar-nosc und der Freiheitsunion, souverän gezeigt haben, dieses Problem gemeinsam oder jeder für sich, entschieden und schnell zu lösen.

Den "Kreuz-Krieg" (Wojna krzyzowa) wollen wir hier nicht dokumentieren. Man kann ihn in der Nachrichtenchronik nachlesen. Er ist bis heute nicht beendet. Inzwischen haben sich auch Skinheads der Kreuzverteidigung a ngeschlossen. Zwar hat die Bischofskonferenz nach unendlich langem Zögern dazu aufgerufen, die "neuen" Kreuze zu entfernen, aber niemand entfernt sie. Die Regierung, die ebenfalls erst nach langem Zögern den gerichtlichen Weg beschritten hat, wartet erst einmal das Ende dieser Prozedur ab. Einige Intellektuelle haben an die Regierung appelliert, endlich einen Schlußstrich unter diese beschämende Angelegenheit zu ziehen. Bisher ist das nicht geschehen.

 

[nach oben]

Als Einleitung in das Thema "März 1968 im Jahre 1998" erinnert Reinhold Vetter an die Ereignisse vor 30 Jahren und daran, daß es sich dabei noch immer nicht um ein abgeschlossenes Kapitel handelt.

Reinhold Vetter, Warschau

Ein Gespräch zwischen Daniel Cohn-Bendit und Adam Michnik, das 1987 im Rahmen eines Sammelbandes über die studentischen Revolten veröffentlicht wurde, zeigt eindrucksvoll, wie wenig die Protagonisten der damaligen Bewegungen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs voneinander wußten. War Cohn-Bendit vor allem während des Pariser Mai aktiv, gehörte Michnik zu den Rädelsführern, als Warschauer Studenten am 30. Januar 1968 gegen die behördlich verfügte Absetzung der "Totenfeier" ("Dziady") des litauisch-polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz vom Spielplan des Nationaltheaters protestierten.
Bei den Aufführungen waren die antizaristischen Passagen des Stücks immer wieder heftig beklatscht worden, was die kommunistische Obrigkeit zu Recht als antikommunistische und antisowjetische Meinungsäußerungen interpretierte. In der Folgezeit kam es landesweit zu studentischen Protesten gegen Zensur, Unfreiheit und Moskauer Vormundschaft, die insbesondere am 8. März 1968 auf dem Warschauer Universitätsgelände brutal niedergeschlagen wurden.
Jacek Kuron und Karol Modzelewski gehörten als ehemalige Hochschulassistenten zwar zu den geistigen Vätern der Revolte, konnten aber am 8. März nicht mehr teilnehmen, weil sie frühmorgens festgenommen worden waren.
Ihr Schicksal teilten später tausende Studenten im ganzen Land. Bei den Verhaftungsaktionen wurden die Spezialeinheiten der Polizei durch knüppelschwingende "Arbeiterbrigaden" unterstützt, die der protestierenden Intelligenz drastisch klar machten, was die kommunistische Partei unter "Diktatur des Proletariats" verstand.

Trotz unterschiedlicher politischer Zielrichtungen waren sich die Studentenbewegungen in West und Ost in vielerlei Hinsicht ähnlich. Gemeinsam war der antiautoritäre Impetus, ein plebiszitäres Verständnis von Demokratie, Protestformen wie Demonstrationen, "Umfunktionieren" von Veranstaltungen, Sit-Ins und Happenings. Michnik und seine unmittelbaren Gefährten wurden "Kommandosi" (Fallschirmjäger) genannt, weil sie bei offiziellen Veranstaltungen wie Kommandos "vom Himmel fielen".
Wesentlicher Motor der Repression im Frühjahr 1968 war die innerparteiliche Fraktion der "Partisanen" um Innenminister Moczar, die auf diesem Wege der kommunistischen Führungsclique mit Parteichef Wladyslaw Gomulka an der Spitze das Wasser abgraben wollte. Moczar und seine Gesinnungsgenossen gaben ihrer Kampagne den Anstrich eines nationalen Befreiungskampfes gegen angeblich moskauhörige Juden in der Parteiführung, der dann aber vor allem auf dem Rücken der Intelligenz jüdischer Herkunft außerhalb der Partei ausgetragen wurde.
Annähernd 15.000 polnische Bürger fielen den Säuberungen in Wissenschaft, Kultur und Kunst zum Opfer, wurden ihrer Staatsbürgerschaft beraubt und mußten das Land verlassen. Ihnen nutzte es wenig, daß Moczar sein machtpolitisches Ziel weitgehend verfehlte.
Es war bereits der dritte jüdische Exodus aus Polen nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon bald nach Kriegsende hatten viele Juden, die kurz zuvor aus der Sowjetunion zurückgekehrt waren, das Land verlassen, weil ihnen antisemitischer Haß entgegenschlug. Eine zweite Welle folgte Mitte der 50er Jahre, als die "Natolin"-Fraktion innerhalb der kommunistischen Partei gegen "stalinistische Juden" mobil machte.
Die meisten derjenigen 68er, die im Land bleiben konnten oder denen die Ausreise mit allen Mitteln verweigert wurde, wurden Ende der 70er Jahre zu Protagonisten der demokratischen Opposition, halfen mit beim Aufbau der Gewerkschaft "Solidarität", und übernahmen Regierungs- oder parlamentarische Verantwortung, als 1989/90 das Ende des realen Sozialismus eingeläutet wurde.
Michnik ist seit 1989 Chefredakteur der "Gazeta Wyborcza", Polens größter Tageszeitung, und war zeitweilig Abgeordneter des Sejm. Kuron fungierte als Sozialminister und übernahm später die Leitung des Parlamentsausschusses für nationale und ethnische Minderheiten. Modzelewski, 1980/81 Pressesprecher der "Solidarität", war zeitweilig Mitglied des Senats, also der zweiten Kammer des polnischen Parlaments und Ehrenvorsitzender der sozialdemokratischen Union der Arbeit.
Kuron und Modzelewski hatten 1964 in einem "Offenen Brief an die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei" die Herrschaft der kommunistischen Nomenklatura über die Arbeiterklasse angeprangert. Wohl nicht zu Unrecht wurde dieses Dokument im Westen mit dem Etikett "trotzkistisch" versehen.
Als Polens Staatspräsident Aleksander Kwasniewski am 6. März dieses Jahres Kuron und Modzelewski für ihre damaligen Verdienste den Orden des Weißen Adlers als höchste staatliche Auszeichnung verlieh, war es Kuron, der sich zu seinen damaligen sozialistischen Idealen bekannte, aber ebenso die spätere Entwicklung seiner politischen Auffassungen verteidigte. Der politische, ökonomische und moralische Bankrott des Kommunismus, so Kuron, habe Umdenken notwendig gemacht.

Polens Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, der schon in sozialistischen Zeiten Karriere gemacht hatte und später jahrelang Chef der postkommunistischen Sozialdemokratie war, hatte den Mut, im Rahmen der Ordensverleihung am 6.3. die Beweggründe des studentischen Protestes von damals positiv zu würdigen und die Verantwortung der Kommunisten für die antijüdische Kampagne zuzugeben. Als Präsident des heute unabhängigen und demokratischen Polen, so Kwasniewski, verneige er sich vor der Klugheit, dem Patriotismus und dem Verantwortungsbewußtsein derjenigen, die 1968 die Freiheit Polens und die Menschenrechte verteidigt hätten.
Kwasniewski kündigte an, die Juden, die damals in die Emigration getrieben worden waren, auf Antrag wieder in ihre Rechte als Staatsbürger einzusetzen. Allerdings stießen die damit verbundenen Modalitäten zum Teil auf öffentliche Kritik. Nach Auffassung der Experten in der Präsidialkanzlei lasse die gegenwärtige Rechtslage nur eine Verleihung des Bürgerrechts, nicht aber eine Außerkraftsetzung der damaligen Aberkennung zu. Betroffene Juden meinten, dies sei eine verdeckte Anerkennung des damaligen Unrechts.

Überhaupt stieß die Initiative Kwasniewskis in konservativen und nationalistischen politischen Kreisen auf Kritik. Die kommunistischen Herrscher von damals, so hieß es, trügen allein die Schuld für das Schicksal der polnischen Juden.
Die Kritiker ignorieren allerdings die berechtigte Frage, ob nicht der latente Antisemitismus in der Bevölkerung das Vorgehen der "Partisanen" um Moczar erleichtert habe. In privaten Gesprächen betonen sie sogar, eigentlich sei den Juden damals ganz recht geschehen, da sie gerade im stalinistischen Sicherheitsapparat wichtige Positionen besetzt gehalten hätten. Letzteres entspricht zwar den Tatsachen, gilt aber nur für eine kleine Minderheit der Juden im Nachkriegspolen. Es waren auch viele nichtjüdische Polen an den Verbrechen des Sicherheitsapparates beteiligt.
Die dem einflußreichen katholischen Sender "Radio Maria" nahestehende Tageszeitung "Nasz Dziennik" verstieg sich sogar zu der verleumderischen Behauptung, die Verleihung der Staatsbürgerschaft an die 1968 emigrierten Juden diene nur dazu, ihnen Vorteile im Rahmen des geplanten Reprivatisierungsgesetzes zu verschaffen.

So zeigt sich, daß die öffentliche Aufarbeitung der damaligen Ereignisse beileibe nicht abgeschlossen ist.

 

[nach oben]

Der März 1968 und die Polen

Andrzej Szczypiorski, Gazeta Wyborcza, 28./29. März 1998
Aus dem Polnischen: Katrin Steffen
I

Meine Erinnerungen an das Jahr 1968 und seine Folgen sind noch sehr wach. Nicht nur, weil dieses Jahr eine entscheidende Zäsur in meiner politischen Erziehung bildete. Nach Jahren törichter Bewunderung für die Person Gomulkas und die Reformen im Oktober 1956 machte es mich zum Dissidenten. Vor allem deswegen, weil ich erst damals verstand, was in Polen radikal rechtes Denken und Handeln im öffentlichen Leben bedeutet. Form, Phraseologie und das falsche Pathos unserer Nationalisten kannte ich bis dahin nur vom Hörensagen. Mein Gedächtnis als Gedächtnis eines Vorkriegskindes bewahrte keine politischen Erinnerungen.
Im März 1968 konnte ich auch nicht vermuten, daß sich dieses neue Wissen über die radikale Rechte nach 30 Jahren als so zeitgemäß erweisen würde. Das Leben birgt immer wieder erstaunliche Rätsel in sich, wie man sieht.
Heute kann man hier und dort wieder das Märzgestammel hören, und das Dröhnen beschlagener Schuhe kahl rasierter Schläger, die ab und zu auf den Straßen unserer Städte herumziehen, das täuschend echt an jene unheilvollen Schritte der "aufgebrachten Arbeiterklasse" erinnert, die damals loszog, um mit den Studenten abzurechnen, aber auch mit jedem anderen denkenden Menschen, der ihnen unter die Knüppel kam.

II

Lange Jahre glaubte ich, daß die Märzereignisse von den Moczaristen aus dem Sicherheitsdienst und ihnen verbundenen Parteikreisen vorbereitet und kunstvoll umgesetzt wurden. Das war eine bequeme Ansicht, benannte die Schuldigen und sprach die Unschuldigen frei, was sich immer segensreich auf unseren Seelenfrieden auswirkt. Nach einem gewissen Nachdenken, das allerdings reichlich lange gedauert hat, nämlich mehrere Jahre, bin ich zu der traurigen Schlußfolgerung gekommen, daß ich ziemlich naiv war.
Indem ich General Moczar zum einzigen Verantwortlichen für diese ganze Schande erklärte, die bis heute auf dem Namen Polens lastet, erwies ich den anderen Beteiligten gegenüber eine zweideutige Toleranz. Ich erschuf eine meisterhafte Konstruktion von Rechtfertigungen, und wiederholte immer wieder beschwörend, damals habe nicht Polen, sondern Moczar und seine Anhänger, die kommunistische Gomulka-Diktatur, die polnischen Juden vertrieben.
Heute bin ich etwas anderer Ansicht, und es läßt sich nicht verheimlichen, daß sie schmerzt.

III

Die Nachkriegsgeschichte Polens war ganz und gar nicht einheitlich, wie uns das heute einige Wortführer der "Entkommunisierung" einreden wollen, denen es diese Art von Vereinfachung erlaubt, bedenkenloser mit der ganzen Vergangenheit umzugehen. Auch mit der eigenen.
Nachkriegspolen hatte unterschiedliche historische Kapitel. In jenem Staat kamen sowohl doktrinäre als auch pragmatische politische Einstellungen zu Wort, und die Regierungsmethoden unterschieden sich. Nur naive oder heuchlerische Personen können glauben, daß das Polen des Jahres 1945 das gleiche war wie 1955, und Polen im Jahr 1968 dasselbe wie 20 Jahre später.
Selbstverständlich war Polen in der gesamten Nachkriegszeit bis 1989 kein souveräner Staat. Alle Regierungen der kommunistischen Diktatur unterlagen dem Moskauer Kuratel ohne Rücksicht auf die jeweilige Phraseologie bzw. Handlungsmethoden. Aber das Schicksal des Volkes war ein anderes in den Zeiten von Bierut, Gomulka, unter den Regierungen von Gierek oder Jaruzelski. In den verschiedenen Zeiten der Nachkriegsgeschichte gab es auch Abstufungen in der Art der Abhängigkeit von der Moskauer Zentrale, bei den Kampfmethoden gegen die Opposition, in bezug auf den Umfang bürgerlicher Freiheiten, die Bedeutung der öffentlichen Meinung und die Rolle der Kirche.
Es ist schon viel über diese Zeiten geschrieben worden und die Historiker haben bereits umfassende Forschungsarbeit geleistet. Aber wir haben immer noch keine vollständige und gründliche Analyse dieses doch langen Zeitraums der nationalen Geschichte, als die Polen sich unter den schwierigen, manchmal mörderischen Bedingungen der kommunistischen Diktatur entwickelten. Und sie entwickelten sich, sie veränderten sich, wurden immer selbständiger, kritischer und entschiedener, um am Ende dieses System nicht nur mühsam zu schwächen und zu verändern, sondern es ein für alle Mal umzustürzen. Und das ist auch eine wichtige Voraussetzung meiner Bewertung der Märzereignisse. Für das Jahr 1968 ist nicht nur die Partei verantwortlich. Nichts rechtfertigt den Ausbruch der antisemitischen Phobie, ohne die Moczar das Spiel um die Macht nicht hätte führen können. Die Verantwortung nur einer bestimmten Gruppe in der Polnischen Arbeiterpartei zuzuschreiben, was ich lange Zeit selbst getan habe, ist unredlich, weil es erlaubt, so zu tun, als wenn die Gesellschaft damals überhaupt nichts zu sagen gehabt hätte.
In historischer Perspektive können wir uns mit Sicherheit von der Verantwortung für die Geschehnisse unmittelbar nach Kriegsende in Polen freisprechen. Damals hatte die Gesellschaft tatsächlich keinen Einfluß auf den Verlauf der Ereignisse. Die Entscheidungen über das Schicksal Polens trafen andere. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt herrschte im Land eine furchtbare Unterdrückung, und diejenigen, die damals entschieden, fühlten sich in nur geringem Maße mit Polen verbunden, schließlich waren sie Funktionäre des internationalen Kommunismus und Marionetten von Stalin.
Aber nach 1956 änderte sich die Situation sehr stark. An der Spitze der polnischen Armee und des polnischen Sicherheitsdienstes standen nicht mehr sowjetische Offiziere, es gab keine sowjetischen Berater in den Ministerien und den zentralen Institutionen mehr, auch kein tagtägliches sowjetisches Diktat in Politik, Wirtschaft und Kultur. Damals regierten in Polen schon Polen, und die Leute um Gomulka, vor allem aber er selbst, hatten alles Recht zu glauben, daß ihre Regierung von einer Mehrheit in der Gesellschaft anerkannt und akzeptiert wurde. Kaum jemand in unserer gesamten Geschichte konnte sich schließlich auf eine so starke Unterstützung des Volkes berufen wie Gomulka während seiner Regierungen nach der Wende vom Oktober 1956.
In diesem Sinn gehörte der März 1968 schon zu einer völlig anderen Epoche. Die Polen fühlten sich weitgehend als Herren im eigenen Land, auch wenn heute hier und dort etwas anderes erzählt wird. Die Partei setzte sich damals in überwältigender Mehrheit aus Menschen zusammen, die erst nach dem Krieg eingetreten waren. Sie traten einer Partei bei, die die Macht ausübte. Die Partei bot ihren Mitgliedern bedeutende Vorteile, nicht nur die Beteiligung an der Herrschaftsausübung, sondern auch bessere berufliche Möglichkeiten und den Zugang zu verschiedenen Privilegien.
Das erklärt einiges, soweit es die Revolte der Basis der Arbeiterpartei gegen die damalige Parteispitze betrifft, die angeblich zionistisch war. Es erlaubt auch, die antisemitische Hysterie eines Teils der Partei zu verstehen, angetrieben vom Appetit auf Posten oder Wohnungen, die den vertriebenen Juden abgenommen wurden.
Aber keine Parteigliederung, kein Apparat und kein Moczar wären in der Lage gewesen, so etwas ohne Zustimmung eines gewissen Teils der Gesellschaft durchzusetzen, ohne die Beteiligung von Menschen, die bei der Hetze mitmachten, obwohl sie selbst davon nicht profitierten. Ganz im Gegenteil, stärkte doch der März den totalitären Flügel der kommunistischen Macht, was schon damals klar auf der Hand lag. Viele Menschen waren bereit, sich dennoch Moczar und seiner wilden Hetze anzuschließen, nicht nur gegen Polen jüdischer Herkunft, sondern gegen die ganze aufgeklärte Schicht unserer Gesellschaft.
Das Jahr 1968 wurde deshalb zu einem Jahr der Schande, weil nur wenige damals die Würde des Landes retteten, viele hingegen diese Würde mit Füßen traten.

IV

Im Maße wie die Jahre verstreichen bin ich immer stärker davon überzeugt, daß unsere Gesellschaft im Unterschied zu anderen Europäern, darunter auch den Deutschen, bis heute die Tragödie der Juden nicht vollständig erfaßt hat. Das heißt auch, daß sie den Holocaust und die Bedeutung dieses Verbrechens für uns alle nicht wirklich verstanden hat.
Jahrelang hat mich die Frage gequält, woher diese Oberflächlichkeit kommt, die Banalität, Seichtheit und Flachheit unserer Erlebnisse im Angesicht jenes Dramas. Warum führte der Holocaust bei den Polen nicht zur großen geistigen Erschütterung wie in fast ganz Europa und Amerika?
Vielleicht muß man die Antwort auf diese Frage in der sehr, sehr fernen, aber auch in der ganz nahen Vergangenheit suchen?
Lange Jahrhunderte hindurch lebten Polen mit Juden unter demselben Himmel und das verhältnismäßig ordentlich. Wie überall in Europa gab es auch im alten Polen Antisemitismus, ausgehend von den christlichen Kirchen, Luther war schließlich ebenso ein Judenfeind wie die damaligen Päpste in Rom. Aber der Antisemitismus in der Adelsrepublik Polen war reichlich apathisch und launisch, eher großmäulig als aktiv gegen bestimmte Juden. Ich glaube nicht, daß die Tatsache, daß es ihnen bei uns damals besser ging als in Frankreich oder Deutschland, von einer besonderen Milde oder besonderem Verständnis des polnischen Charakters zeugt, dafür gibt es keinerlei Beweise. Die Ausdehnung des Landes war einfach gewaltig, niemand beschwerte sich über Enge und niemand mischte sich wie in Westeuropa in fremde Angelegenheiten ein. Die Regierung des damaligen Polen war schwach, die Magnaten machten, was sie wollten und die In-teressen des polnischen Adels widersprachen denen der Juden nicht.
Das änderte sich Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals wurde Polen stark antisemitisch, vielleicht antise-mitischer als andere Länder in Europa. Nun, ohne eigenen Staat, wollten die Polen solidarisch und für sich sein, jegliche Fremdartigkeit erschien ihnen als schreckliche Bedrohung für das umzingelte Polentum. Das Land war damals schon sehr arm, und in den ethnisch polnischen Gebieten gab es sehr viele Juden. Ihre ökonomische Aktivität wurde für die lebenswichtigen Interessen der polnischen Bevölkerung von Jahr zu Jahr bedrohlicher.
Damals begann die katholische Kirche bei der Verbreitung antisemitischer Vorurteile und Einstellungen eine immer größere Rolle zu spielen. Die Kirche in Polen war viel bäuerlicher als in Westeuropa und unterlag daher leicht der Versuchung der Xenophobie. Dies erschien um so selbstverständlicher, vielleicht sogar unvermeidlich, weil die katholische Kirche die Rolle einer Festung des Polentums spielte, belagert vom lutherischen Preußen und dem orthodoxen Rußland. Daher galt nur als polnisch, was auch katholisch war. Also konnte ein Jude naturgemäß nicht polnisch sein. Er wurde immer fremder und immer mehr zum Feind. Zu allem Unglück verkündete die gesamte damalige Kirche auch noch hartnäckig und haßerfüllt, daß "der Jude" sich von Gott losgesagt und Jesus Christus ermordet hätte.
Ins 20. Jahrhundert, in die Epoche des Holocaust, traten die Polen mit der Last der verzweifelten und kranken Vergangenheit ein, die eine Folge von Unfreiheit, Rückständigkeit des Volkes und doktrinärer Fehler des damaligen Katholizismus war.

V

Fünf Jahre lang wurden die Polen unaufhörlich verfolgt, gedemütigt, erniedrigt, geschlagen und gequält. Sie lebten in einer Atmosphäre großer Angst. Die Auffassung, Polen wären von den Nationalsozialisten genauso behandelt worden wie Juden, ist natürlich absurd. Die Juden waren aufgrund ihres Judentums zum Tode verurteilt und nichts konnte dies noch verhindern. Gegenüber Juden erhoben die Deutschen keinerlei Forderungen, und wenn doch, verfolgten sie ein heuchlerisches Ziel, sie versuchten gegenüber den Juden die bevorstehende, unvermeidbare Vernichtung zu verschleiern. So gesehen war die Situation der Polen völlig anders. Wir wurden verfolgt, weil die Deutschen uns Unterwerfung und Gehorsam aufzwingen wollten. Sobald ein Pole diese Rolle annahm, hatte er eine erhebliche Chance zu überleben. Planvoll ermordet wurden Polen aus der Führungsschicht der Nation, also gebildete Menschen, oder die, die gegen die Okkupanten kämpften. Die Einschätzung dieser Frage lag natürlich bei den Deutschen, so daß es ziemlich häufig vorkam, daß Menschen verfolgt wurden, die gar nicht gegen die Okkupanten vorgegangen waren.
Der Terror gegen uns hatte einen selektiven Charakter. Die Deutschen zielten nicht darauf ab, alle Polen zu ermorden, das lag nicht im deutschen Interesse. Darin genau bestand der fundamentale Unterschied zwischen dem jüdischen und dem polnischen Schicksal während des Krieges: Juden sollten ohne jegliche Aus-nahme vernichtet, Polen aber versklavt werden. Diese Konzeption hielten die Deutschen während des ganzen Krieges aufrecht.
Und genau deshalb starben Juden und Polen getrennt.
Für die Polen, die den Krieg überlebten, ihn im Gedächtnis behielten und ihn bis heute in den Knochen tragen, dauerte er fünf Jahre. Fünf Jahre unter Bedingungen von Terror, Furcht und Kampf, in einem Klima der nationalen Niederlage und ständig neuer Trauer um diejenigen, die jeden Tag verschwanden. Das Polen jener Jahre war voller Verzweiflung, Zorn, Demütigung und eines Gefühls immer schmerzlicher empfundener Verlassenheit.
Und so blieb es in der Legende bis heute.
Der Mensch ist vor allem für sein eigenes Schicksal sensibel. Wenn man um die Toten trauert, trauert man um die Nächsten. Die Polen hatten sehr viele der ihren, um die sie trauern wollten und sollten. Vielleicht reichten auch aus diesem Grund die polnischen Tränen nicht aus, auch die Opfer des Holocaust zu beweinen?
Mehr noch, in jenen Zeiten entstand ein emotionales Phänomen, das heute als etwas Krankes und schwer verständlich erscheinen mag, sich aber nach tieferem Nachdenken als gespenstisch natürlich herausstellt. Ein Zustand großer Erleichterung stellte sich ein, daß man selbst wenigstens kein Jude war, und daher auch nicht fürchten mußte, wegen der Vorhaut, der Nasenform, der Haarfarbe, des Blicks, des Akzents, einer Geste und der ganzen Staffage, aus dem sich das jüdische Schicksal damals zusammensetzte, ermordet zu werden. Ein Pole war ein Pole, bei dem in der Hose alles seine Ordnung hatte. Er konnte ruhig schlafen, solange er den Deutschen nicht gefährlich wurde, weil er Latein beherrschte oder eine Differentialrechnung lösen konnte, solange er keine Waffe bei sich trug, zu Hause keine geheimen Zeitungen las, solange er nicht allzu laut das Londoner Radio hörte und kein Mitgefühl mit den Juden zeigte. Das war ein schreckliches, erstaunliches Phänomen der Absonderung und Entfremdung, selbst am Rande des Abgrunds. Aus polnischer Sicht trug jeder Jude eine tödliche Seuche in sich, er zog den Tod nach sich, der sein Schatten war, seine unvermeidliche Vorbestimmung. Der Pole aber konnte sich erleichtert fühlen, weil er vom Äußersten verschont blieb und der Todesengel an seiner Tür vorbeiging, wenn er die Tür seines jüdischen Nachbarn mit dem Todeszeichen kennzeichnete.
Das erlebte kein Franzose und kein Holländer. Später, nach Jahren, waren sie sich der Tragödie des Holocaust bewußter geworden als dieser verletzte, geschundene Pole. Als einziger in ganz Europa lernte dieser während des Krieges das furchtbare, menschlich aber verständliche Gefühl kennen, daß auf ihm der Fluch jüdischer Fremdheit nicht lastete.
Und vielleicht hat auch das eine Rolle in späterer Zeit gespielt?

Als alles vorbei war, konnten die Menschen in Westeuropa in einer Welt der Freiheit leben, einer Welt von Demokratie und freiem Meinungsaustausch, während die Polen in einer Welt von Unfreiheit weiterlebten. Fast unmittelbar nach Kriegsende wurden die ganzen komplizierten Kriegserfahrungen zum Gegenstand politischer Manipulation seitens des sowjetischen Imperiums und der Kommunisten, die die Macht in Polen ausübten. Ganze Jahrzehnte lang dauerten die Propaganda-Scharaden. Zu einem Teil wurde über den Krieg Wahres gesagt, zu einem anderen Teil wurde die Wahrheit verschwiegen, und zu einem dritten Teil verbreitete man Lügen und zynische Fälschungen. Von freiem Meinungsaustausch konnte keine Rede sein, weil die Kriegserlebnisse Propagandamaterial im Dienste der Partei waren. Jegliche Auseinandersetzung mit dem offiziellen Standpunkt war ausgeschlossen. Jahrzehntelang ging es den Kommunisten nicht einmal für einen winzigen Moment um die historische Wahrheit zum Thema Krieg, sondern immer um Vorteile in der globalen Politik der UdSSR. In dieser Betrachtungsweise war die Ermordung der Juden niemals das, was es dem Wesen nach war: ein grundlegendes moralisches Problem der Epoche. Die Ermordung der Juden diente immer nur als Element der Manipulation in der antideutschen und auch der antikapitalistischen Kampagne. Der Holocaust wurde gewissermaßen in die polnische Kriegslandschaft eingebettet, war nur Teil des großen Freskos, auf dem das polnische Leiden und der polnische Kampf gegen die Deutschen dargestellt wurde.
In diesem Sinne hatten wir es mit einer durch und durch zynischen Fälschung des wichtigsten Ereignisses im 20. Jahrhundert zu tun. Aber sie hatte Jahrzehnte lang Bestand und heilte die Komplexe unserer verletzten und schmerzenden Seele.

VI

Und plötzlich, fast von einem Tag auf den anderen, zeigte sich im Jahr 1968, daß unser Antisemitismus noch immer gegenwärtig ist, lebendig und aggressiv. Diesen Antisemitismus demonstrierten auch Angehörige der Heimatarmee. Viele unter ihnen standen fest hinter Moczar, "unserem geliebten Partisanen - Kollegen", wie General Radoslaw schrieb, einer der legendären Anführer der Heimatarmee und Held des Warschauer Aufstandes. Es war tatsächlich schwierig damals, diese Menschen zu verstehen, die bewußt gegen die polnische intellektuelle Elite auftraten, gegen die einzigen, die die Würde des Landes verteidigten. Sie sprachen sich lärmend für die Parteidiktatur aus. Sie wandten sich gegen Schriftsteller, Künstler, Gelehrte und Studenten, gegen die gesamte demokratische Unabhängigkeitstradition der polnischen Intelligenz und verbrüderten sich bereitwillig mit Leuten aus dem Sicherheitsdienst, nur um ihre Phobien und Ressentiments auszuleben, manchmal auch nur aus simpler geistiger Borniertheit. Ich glaube, daß die banalste Erklärung dieses Phänomens der Wahrheit am nächsten kommt. Es besteht kein Zweifel, daß die Menschen aus der Heimatarmee mit Radoslaw an der Spitze Opfer des Stalinismus waren. In dem Klima, das nach den Reformen vom Oktober geherrscht hatte, suchten sie irgendeine Wiedergutmachung, die ihnen doch zustand. Moczar nutzte das geschickt aus. Menschen vom Schlag eines Radoslaw ließen sich durch das Gerede des damaligen Sicherheitsdienstes, man sei antistalinistisch, antisowjetisch und patriotisch, blenden. Im Lichte dieser scheinbar erstaunlichen Fakten gewinnt der März eine neue Bedeutung. Er wird zu einem ungewöhnlich interessanten psychologischen Fall von Versöhnung zwischen Opfer und Henker auf der Basis komplett falscher Voraussetzungen, wobei alle oder fast alle Akteure dieses Dramas wissen, daß sie an einem Lügengebilde partizipieren. Aber diese Lüge ist für sie eine Art Katharsis. Der März ist auch ein krönender Beweis, daß sich sogar einige im Kampf um Unabhängigkeit sehr erfahrene Menschen, Soldaten der Heimatarmee, Funktionäre des Untergrunds, Gefangene des Stalinismus und kämpferische Antikommunisten dennoch in verschiedenen Nachkriegsperioden an die kommunistische Macht banden. Zeitweilig sogar leidenschaftlich, weil es ihnen die Chance eröffnete, eine wie auch immer geartete Aussöhnung mit dem eigenen Schicksal, mit der eigenen Niederlage zu erreichen oder wenigstens den Augenblick eines süßen, Flügel verleihenden Betrugs zu erleben.
In diesem Sinne ist die Zeit der kommunistischen Herrschaft in Polen nicht nur politische Geschichte, sondern auch Geschichte einer bestimmten Geisteshaltung, allerdings einer ganz anderen, als derjenigen, die heute so leichthin verurteilt wird.
Man muß auch feststellen, übrigens ohne besonderes Erstaunen, daß unsere Geistlichkeit weder im März noch während vieler Jahre danach die Ereignisse verurteilt hat. Das damalige Schweigen der Bischöfe war für die Gesellschaft sehr beredt, denn es bedeutete, daß die Kirche die antisemitische Praxis der Partei akzeptierte. Kardinal Wyszynski verteidigte zwar die zusammengeschlagenen und verfolgten Studenten, aber die Antisemiten verurteilte er nicht. Heute, 30 Jahre später und nach den großen Veränderungen innerhalb der Kirche, besonders unter dem Einfluß des Pontifikates von Johannes Paul II., sollte unsere Geistlichkeit wohl in Bezug auf das damalige Schweigen nicht länger stumm bleiben.
Der März 1968 war für Polen eine Schande. Auf Schritt und Tritt konnte man damals in weiß-rotes Pathos gekleidete, angebliche Verteidiger der nationalen Ehre treffen. Eben damals begannen sie dieselben Lügen, Dummheiten und Fälschungen zu verbreiten, die sie bis heute hartnäckig wiederholen.
Es ist sehr bezeichnend, daß die Menschen von PAX (Verein der Katholiken und Laienchristen in der Volksrepublik Polen) mit Piasecki an der Spitze, aber auch ehemalige Anhänger der Nationaldemokratie wie Teofil Syga oder Klaudiusz Hrabyk eindeutig das Vorgehen von Moczar unterstützten, während Kazimierz Moczarski, der zu Stalins Zeiten in der Todeszelle saß und im Jahr 1968 ein aktiver und allgemein anerkannter Journalist war, sich mit seiner ganzen persönlichen Autorität dem antisemitischen Krawall entgegenstellte.

VII

Antisemitismus war in der Geschichte immer ein Zeugnis von Dummheit und menschlicher Ignoranz, eine Folge sozialer Frustration und Erniedrigung. Aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist er mehr: ein Beweis moralischen Verfalls.
Vor dem Krieg, also vor der Ermordung der Juden, war das Geschrei unserer radikalen, nationalen Rechten, daß man die Juden nach Madagaskar schicken sollte, ein Beweis politischer Verdummung und Unfug. Nach der Ermordung der europäischen Juden sollte der geringste Akt von Antisemitismus, jegliche Feindlichkeit gegenüber Juden als strafbare Handlung verfolgt werden.
Die Märzereignisse waren auch deshalb so eine Schande, weil uns die Welt seit jener Zeit viel strenger beurteilt und uns gegenüber rigorosere moralische und politische Anforderungen stellt. In Polen wundert man sich oder reagiert mit Empörung auf diese scheinbare Einseitigkeit und Ungerechtigkeit. Viele Polen spüren eine Abneigung gegen den Westen und sind von der Tatsache irritiert, daß man dort von uns so eine schlechte Meinung hat, daß man uns ständig als unverbesserliche Antisemiten hinstellt, daß wir immerzu irgendwelche Vorwürfe, Befürchtungen und Zweifel zu hören bekommen, während anderen ganz und gar nicht so wachsam und kritisch auf die Finger geschaut wird. Wo doch andere, vor allem die Deutschen, sich gegenüber den Juden viel mehr haben zuschulden kommen lassen.
Das ist ein scheinbar berechtigter Gedankengang und klingt ganz vernünftig. Aber er geht von falschen Voraussetzungen aus.
Wenn die öffentliche Meinung im Westen ständig Groll gegen uns hegt und verschiedene Beschuldigungen vorbringt, dann geht es ihr keineswegs darum, den Juden irgendeinen besonderen Schutz zukommen zu lassen. In der zeitgenössischen Welt geht es um viel tiefere und grundsätzlichere Fragen, um das moralische Antlitz der modernen Zivilisation. Das ist ein fundamentales Problem für Europa und Amerika.
Die Kirche spricht in letzter Zeit immer öfter Worte, die bei uns für viele wie Häresie und Provokation klingen: "Wer Jesus begegnet, begegnet dem Judaismus". Die Kirche sagt das jedoch reichlich spät und noch sehr leise. Aber genau das muß man in Polen unaufhörlich herausschreien, weil hier schließlich der größte jüdische Friedhof der Welt liegt, hier lebte die größte jüdische Diaspora-Gemeinde, hier wurden durch deutsche Hände die europäischen Juden ermordet.
Nach den Jahren, die seit Kriegsende verstrichen sind, wird es immer offensichtlicher, daß die Vernichtung der Juden eine moralische und psychologische Zäsur für das zeitgenössische Christentum darstellt. Es waren Christen, die demonstrativ ihrem Gott abschworen und versuchten, planmäßig das von Gott auserwählte Volk zu ermorden.
Christus spricht im Evangelium: "Ich wurde nach Israel gesandt". Im 20. Jahrhundert schickten Europäer mit christlicher Zivilisation das Volk Israel ins Gas.
Für Buddhisten mag die Erfahrung der Vernichtung, vom Standpunkt des religiösen Erlebnisses aus betrachtet, gleichgültig sein. Für einen Christen wird sie seit gewisser Zeit zum schmerzlichsten Glaubensdilemma und zu einer Bürde, die seitdem die ganze europäische Zivilisation tragen muß, die selbst auf dem Fundament dieses Glaubens aufgebaut wurde. In diesem Sinn bestimmt das Verhältnis zum Holocaust in hohem Maße die moderne geistige Sphäre in Europa und Amerika. Und darum geht es hauptsächlich, wenn Europa und Amerika uns heute Antisemitismus vorwerfen.
Die Ereignisse vom März 1968, aber auch die antisemitischen Tendenzen, die bei uns immer noch zum Ausdruck kommen, muß man leider als Beweis dafür anerkennen, daß wir - anders als Amerikaner, Deutsche und Holländer - die Bedeutung der Vernichtung der Juden nicht bis zu Ende verstanden haben. Wir verstehen nicht, welche Bedeutung sie im Gedächtnis Europas erlangt hat. Nicht nur für die Juden, für alle Europäer.
Es ist etwas daran, daß die Juden das Recht haben, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen, aber Christen nicht. Juden dürfen sich sogar erlauben, die Ermordung der Juden zu vergessen. Christen nicht.

VIII

Vor einigen Jahren hat mir ein österreichischer Kaplan gesagt, dies sei wohl die Strafe, die der Gott Israels über diejenigen seiner Anhänger verhängte, die als erste an Seinen Sohn glaubten, Ihm aber später abschworen, weil er Jude war. Denn es läßt sich nicht verheimlichen und verschweigen, daß Jesus direkt aus dem Ghetto mit einem Transport nach Auschwitz gefahren ist. Und dort ging er gemeinsam mit Tennenbaum, der ein Eisenwarengeschäft auf der Chlodna-Straße hatte, in die Gaskammer.
Wer das heute nicht begreift, der hat Gott nicht im Herzen.

 

[nach oben]

Auschwitz als Herausforderung

Stanislaw Krajewski, Midrasz, April 1997
Aus dem Polnischen: Claudia Kraft
[Fassung eines Kapitels aus dem Buch von S. Krajewski "Zydzi, Judaizm, Polska" ("Juden, Judaismus, Polen"), das im Verlag Vocatio erschienen ist.]

Wie soll das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz aussehen? Wie soll man gedenken? Um diese Fragen beantworten zu können, muß man die wesentliche Bedeutung des Ortes berücksichtigen. Das ist ohne Berücksichtigung der theologischen Dimension nicht möglich.

1. Ein Symbol oder mehrere Symbole?

Was bedeutet für uns das Lager Oswiecim-Brzezinka beziehungsweise eher das Lager Auschwitz-Birkenau? (Schon lange meine ich, daß es besser ist, den deutschen Namen zu benutzen, um einstmals gewöhnliche polnische Ortschaften von den entsetzlichen Orten zu unterscheiden, die die Deutschen dort schufen.) Unabhängig davon, ob wir uns an jene Zeit noch erinnern oder ob wir etliche Jahre später geboren wurden, ist Auschwitz ein Friedhof, ein Ort des Geden-kens, ein Museum und zuallererst ein Symbol. Ein Symbol wessen? Das hängt vom Betrachter ab. Überall außerhalb Polens ist es ein Symbol für die Vernichtung, für die Shoah, für den Massenmord der nationalsozialistischen Deutschen an den Juden im Rahmen der "Säuberung" der Welt von den Juden. In Polen ist diese Symbolik nur teilweise bekannt. Auschwitz ist hier vor allem ein Symbol für das Leiden der Polen unter der deutschen Besatzung. Und gerade weil Au-schwitz so ein wichtiges Symbol, ja sogar ein doppeltes Symbol darstellt, ist die Art seiner Erhaltung, des Gedenkens und der Erklärung eine so große Herausforderung.

Man könnte fragen, ob Auschwitz das angemessene Symbol für die Vernichtung ist. Es gibt etliche Argumente, die dafür sprechen. Erstens das Ausmaß: Über eine Million Menschen wurden in einem regelrechten Vernichtungskombinat umgebracht. Zweitens die perfekte Organisation, die Transporte großen Umfangs (die Priorität genossen, sogar wenn darunter andere Kriegs- und zivile Ziele litten) und die berüchtigten Verschleierungsmittel ("Duschen" in den Gaskammern). Drittens die modernen, wissenschaftlichen Methoden der Arbeitsorganisation und der technischen Innovation (darunter das Töten mittels Zyklon B, das zu einem Symbol für Auschwitz wurde). All dies bringt es mit sich, daß man diese Todesfabrik kaum mit früheren Massenmorden - auch größeren Umfangs - vergleichen kann.

Man kann jedoch die Rolle von Auschwitz als dem Hauptsymbol für die Vernichtung in Frage stellen: das Lager war zugleich ein Zwangsarbeitslager, sein "Produkt" war nicht nur der Tod, sondern auch Arbeit, vor allem in den Chemiebetrieben in Monowitz und anderswo, die zusammen das Lager Auschwitz III bildeten. Zusammen mit dem Stammlager Auschwitz I sowie mit Birkenau also Auschwitz II war dies ein riesiger, uneinheitlicher Lagerkomplex. Kann man diesen als eine Einheit betrachten? Manche haben vorgeschlagen, Birkenau als Symbol für die Ermordung der Juden, Auschwitz I hingegen für die Leiden der Polen zu behandeln. In der Tat waren in den ersten beiden Jahren in Auschwitz I hauptsächlich Polen, während sich das umgehende Töten vor allem in Birkenau abspielte. Dort standen die größten Gaskammern . und Krematorien. Doch die Juden waren überall, und während des Krieges wurden die Lager zu einer Einheit und unterlagen dem gleichen Kommando. Der Name "Auschwitz" bezieht sich auf die Gesamtheit, und die Schärfe der Konflikte rührt her aus dem unterschiedlichen Verständnis der Symbolik, die in diesem Namen enthalten ist. Keinerlei Hinweise auf Fakten kann daran etwas ändern.
Außerdem überlebten in Auschwitz verhältnismäßig viele Personen. Vielleicht wäre daher Treblinka das angemessenere Symbol für die Ermordung der Juden, da es ausschließlich ein Todeslager war, das fast genauso viele Opfer wie Auschwitz forderte und das fast niemand überlebte. Es hat keinen Sinn, solche Frage zu stellen. Symbole dieser Art entstehen nicht mit Bedacht, sondern aus sich selbst heraus. Ein Hauptgrund scheint darin zu liegen, daß verhältnismäßig viele Menschen das Lager überlebten, in dem in den letzten Monaten vor der Befreiung im Januar 1945 der Massenmord eingestellt wurde. Am Tag der Befreiung gab es dort 7.000 Häftlinge. Einige überlebten sogar den Todesmarsch nach Deutschland. Bedeutend früher, als Auschwitz noch als Straflager diente, wurden einige Häftlinge entlassen und kehrten nach Hause zurück. Nicht ohne Bedeutung ist auch die Tatsache, daß Auschwitz herausragende Schriftsteller überlebten, wie zum Beispiel Tadeusz Borowski, Primo Levi, Elie Wiesel und andere. Vielleicht ist die Tatsache, daß es unter den Berichten aus Auschwitz so viel gute Literatur gibt, der Grund dafür, daß Auschwitz zum Symbol wurde?
Welches auch immer die Gründe sind, Auschwitz ist und wird das Symbol der Vernichtung und der gesamten "Epoche der Öfen" bleiben. In solchen Ausdrücken wie "Theologie nach Auschwitz" oder in Sätzen wie "Nach Auschwitz bedeutet das Schreiben von Gedichten Barbarei" zeigt sich die Symbolik, die sich mit diesem Namen verbindet. Man muß sich damit abfinden, denn ändern läßt es sich nicht. Aus dem gleichen Grund kann man die Tatsache nicht leugnen, daß Auschwitz auch diese zweite, polnische Symbolik beinhaltet. Und dafür gibt es Gründe, denn Auschwitz spielte eine besondere Rolle in der nationalsozialistischen Politik der Unterjochung des polnischen Volkes. Schon zu Kriegszeiten bedeutete der Begriff "Auschwitz" in der Umgangssprache einen Ort des Schreckens, an den man aufgrund tatsächlicher oder angeblicher Vergehen gegen die Besatzer gelangen konnte.
Guten Willen zu demonstrieren, bedeutet, beide Symbole zu akzeptieren. Meiner Meinung nach können sie nebeneinander existieren, anstatt sich gegenseitig zu bekämpfen. Das ist eine Herausforderung, die man im Ausland eher nicht annimmt, denn dort ist das Wissen um die polnische Dimension von Auschwitz minimal. Auch in Polen wird diese Herausforderung erst in geringem Maße angenommen, da sich dort erst seit kürzerem ein Bewußtsein über die Bedeutung dieses Ortes für die Juden verbreitet.

2. War das Schicksal der Häftlinge gleich?

War der Komplex Auschwitz-Birkenau ein Konzentrationslager, in dem es zur Ermordung von Häftlingen kam oder war es ein direktes Vernichtungslager? Eine solche Frage sollte man nicht stellen. Natürlich war es sowohl das eine wie das andere. Leider resultieren viele der in Polen geäußerten Kommentare und Streitigkeiten darüber, wer ein "Recht" auf das Lager habe, aus dieser Frage sowie aus den unterschiedlichen Antworten darauf.
Oft wird konstatiert, daß das Lager "nur" ein sehr brutales, mörderisches Gefängnis war. Dann zum Beispiel, wenn eine "Begrüßungsansprache" des Lagerkommandanten zitiert wird, in der es hieß: "Juden haben das Recht, zwei Wochen zu leben, Geistliche einen Monat und die restlichen Häftlinge drei Monate." Dies soll belegen, daß Priester fast genauso verfolgt wurden wie die Juden. Und tatsächlich war das so. Den Geistlichen, die zu Märtyrern wurden, gebührt Gedenken und Ehre. Aber das bedeutet nicht, daß das Schicksal der Geistlichen während des Krieges mit dem der Juden vergleichbar war. Die Tatsache, daß man in einem polnischen oder einem anderen von den Deutschen besetzten Städtchen Priester war, bedeutete für diesen noch kein Todesurteil, für einen Juden hingegen unwiderruflich. Am wichtigsten ist die Tatsache, daß es sich bei den jüdischen Lagerhäftlingen während der längsten Zeit des Bestehens des Lagers um die wenigen Mitglieder der jüdischen Transporte handelte, die die Selektion nach der Ankunft überlebt hatten. Die Mehrzahl der Juden wurde Opfer der sofortigen Vernichtung und nicht des alptraumhaften Arbeitslagers. Dies läßt sich über die Geistlichen nicht sagen und daher führt ein solcher Vergleich in die Irre.
Ähnlich reagiert man in Polen auf die Behauptung, daß es Opfer im Kindesalter nur unter den jüdischen Kindern und im Sonderlager für Zigeuner gab. Wurden doch nach dem Ausbruch des Warschauer Aufstandes Tausende Warschauer - darunter auch Kinder - nach Auschwitz deportiert. Man erinnert an sie und zeigt damit ihr "Recht" auf Auschwitz. Noch einmal: Die Geschichte ihres Leidens, darf nicht vergessen werden und gehört zu Auschwitz als Gefängnislager, zu dem Ort der Absonderung, des Hungers und der vernichtenden Zwangsarbeit. Aber das kann man nicht mit dem Schicksal der jüdischen Kinder in Auschwitz vergleichen. Diese stellten nicht nur die überwältigende Mehrheit der Kinder, sondern sie wurden in der Regel an ihrem Ankunftstag im Lager in den Gaskammern ermordet. Sie waren keine Häftlinge, sondern Opfer von Auschwitz als Todesfabrik.
Die häufigste und schärfste Kontroverse betrifft die polnischen Häftlinge, die keine Juden waren. Viele von ihnen leben weiterhin in Polen. In ihren Erinnerungen blicken sie auf schreckliche Ereignisse zurück, auf den Tod von Kollegen, die Selektionen, in folge derer die Schwächeren und Kranken in die Krematorien gebracht wurden. Der Tod drohte zu jeder Zeit, die Häftlinge wurden unabhängig von Herkunft und Bekenntnis bedroht und ausgebeutet. Warum die Juden hervorheben? fragen sie. Wir haben das gleiche durchgemacht, wir hungerten, wir starben. Es gab keinen Unterschied zwischen uns, warum also jetzt einen solchen schaffen?
Diese Erinnerung der Häftlinge, der polnischen Christen, diese Überzeugung vom identischen Schicksal formte weitgehend die polnische Sichtweise. Eine solche Einstellung ist das Ergebnis tragischer Erlebnisse und unvergeßlicher Erfahrungen. Um nichts will ich hier den Wahrheitsgehalt dieser Erlebnisse anzweifeln. Das bedeutet jedoch nicht, daß die These von der Identität des Schicksals im Lager zutreffend ist.
Wesentlich ist dabei der unterschiedliche Hintergrund. Bei den jüdischen Häftlingen handelte es sich um die, die dem Tod am ersten Tag entgingen. In der Regel verloren sie an diesem Tage viele Angehörige, nicht selten ihre gesamte engere Familie. Das war der Beginn der Lagerhölle, nicht vergleichbar mit dem Schicksal der nichtjüdischen Häftlinge. Für "Arier" war Auschwitz "lediglich" ein zerstörerisches Arbeitslager, in dem der Tod drohte. Ihre Familien waren gewöhnlich irgendwo in Freiheit. Für die Juden war Auschwitz ein Todeslager, sehr häufig für ihre gesamte Familie. Außerhalb des Lager, in Freiheit, wartete niemand auf sie, niemand betete für sie. Selbst wenn ihre späteren Erlebnisse mit denen anderer Häftlinge vergleichbar waren, so hatten sie doch nicht das gleiche Schicksal.
Für einen Juden bedeutete die auf dem Unterarm eintätowierte Lagernummer ein glückliches Schicksal, er war dem sofortigen Tod durch Vergasen entronnen. Für einen Polen hingegen war es eine der schlimmeren Varianten des Lebens im besetzten Polen. Nur mit Mühe vergegenwärtigen sich die Polen, daß es ein Zeichen von Glück sein konnte, "eine Nummer zu werden".

Die Konsequenzen, die sich aus diesen Unterschieden ergeben, zeigten sich in all ihrer Schärfe während der Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Jahrestag der Befreiung des Lagers im Januar 1995. Die in Polen lebenden ehemaligen Häftlinge glaubten, daß dies ihre Feier würde. Viele von ihnen brachten (im Stillen) ihre Unzufriedenheit darüber zum Ausdruck, daß zu viel über die Juden und zu wenig über ihr Schicksal geredet wurde. "Wir haben doch alle gleichermaßen gelitten", führten sie als Begründung an. Für sie ist Auschwitz das Symbol eines unmenschlichen Lebens, aber dennoch des Lebens. Die größten Differenzen gab es bei der Bewertung des Besuchs der ungewöhnlich großen Anzahl von Staatsoberhäuptern. Die polnischen Häftlinge machten unmißverständlich deutlich, daß die führenden Politiker dieser Welt zu ihnen kämen, um ihrem Leiden Achtung zu erweisen.
Für die restliche Welt hingegen ist Auschwitz das Symbol für die Vernichtung der Juden. Wichtig ist, daß niemand darin bösen Willen oder das Herabsetzen von irgendjemandes Leiden erblickt. Es ist eine elementare Wahrheit, daß Konzentrationslager, Orte unmenschlicher Zwangsarbeit, die Ermordung durch Hunger und übermäßige Anstrengungen keine Ausnahme sind, sondern eine recht häufige Erscheinung an etlichen Orten der Erde und in vielen Epochen. Einige solcher Lager existierten noch vor nicht allzu langer Zeit vor unseren Augen, und wer weiß, ob sie nicht immer noch existieren. Wenn Auschwitz "nur" ein solches Lager war, wäre es nicht zu einem Symbol geworden und der Jahrestag seiner Befreiung hätte nicht etliche Staatsoberhäupter zusammengebracht. Ich möchte mich gegen niemanden wenden noch das Leiden und das Martyrium irgendeines der Opfer des Lagers schmälern. Es geht darum zu verstehen, daß die Außergewöhnlichkeit von Auschwitz, die Quelle für die Symbolik dieses Namens auf der gesamten Welt aus der Identifizierung mit der Shoah resultiert, weil das Lager eine Todesfabrik war, der Ort des massenhaften, fabrikmäßigen Mordes an den Juden - Frauen, Kindern, Männern, Alten, Jungen, Säuglingen.

3. Kontroversen

1) Das Kloster
Unter den bekannten Konflikten der letzten Jahre, die leider die Gestalt häßlicher Szenen annahmen, muß man mit dem Streit um das Kloster der Karmeliterinnen beginnen. Diese Kontroverse war unnötig, auch wenn man bezweifeln kann, ob ein realer Interessenkonflikt, wenn auch auf symbolischer Ebene, unnötig genannt werden kann; auf jeden Fall verlief er unglücklich, da durch ihn etwas in der Art eines Religionskrieges hervorgerufen wurde. Doch hatte dieser Konflikt zumindest eine positive Konsequenz: er rief sowohl in Polen als auch in der Welt ein Interesse für die Bedeutung und die Zukunft dieses Ortes hervor. Der Wirbel um das Kloster förderte wichtigere Probleme zutage als die bloße Frage nach der Anwesenheit der Kar-meliterinnen.
1984 hatte ich zunächst nichts gegen die Errichtung eines kontemplativen Klosters der Karmeliterinnen im Gebäude des sogenannten alten Theaters, das an die Umfriedung des Lagers Auschwitz I angrenzt. Man hatte die Juden nicht vor diesem Schritt konsultiert, eine solche Gewohnheit gab es nicht. Bei den polnischen Juden rief die Gegenwart des Klosters im übrigen keine Entrüstung hervor, man empfand es auch nicht als Teil irgendeiner allgemeineren Kampagne, in der die jüdische Bedeutung des Lagers herabgesetzt werden sollte. Bekräftigt wurde diese Einstellung sowie das Gefühl der Unschuld auf Seiten der polnischen Kirche durch die Tatsache, daß der Appell für den Bau einer Kapuzinerkapelle auf dem Gelände eines anderen Vernichtungslagers, nämlich in Sobibor, 1984 in der jüdischen Zeitung "Folks Sztyme" in Warschau veröffentlicht wurde. Doch unerwartet für die Kirche war die Reaktion der Juden im Ausland deutlich: man betrachtete das Kloster als einen Affront und als eine Bedrohung. Als einen Affront deswegen, weil die Kirche über Jahrhunderte hinweg den Antisemitismus propagiert hatte; weil sie damals den Juden nicht gehol-fen hatte, sollte sie sich nun nicht dort niederlassen. Als eine Bedrohung, weil damit die Geschichte und die Aussage des Lagers - nämlich die Vernichtung als Vernichtung der Juden - gefälscht würden und eine "Verchristlichung" der Vernichtung drohe. Außerhalb Polens verstand man solche Fakten wie die Verfolgung der polnischen Kirche während des Krieges (darunter auch Geistliche als Opfer des Lagers), die Repressionen im Nachkriegspolen und die polnische Symbolik von Auschwitz nicht.
Zu Beginn hatte ich drei Argumente, die für die Errichtung des Klosters sprachen. Erstens: Auschwitz war kein rein jüdisches Lager. Zweitens: Das Lager wurde zu einem Ort des Massentourismus und daher mußten dort höhere Werte präsent sein. Und schließlich: Das von dem Kloster beanspruchte Gebäude befindet sich außerhalb des Stacheldrahtzaunes (ich ging, vielleicht naiv, davon aus, daß die Gegenwart des Klosters und der katholischen Symbolik nicht auf das Gelände innerhalb des Stacheldrahtzaunes ausgeweitet würden, was auch für mich nicht annehmbar gewesen wäre). Ich kenne viele Juden, die ebenfalls nicht gegen das Kloster waren, vor allem wenn sie die Topographie des Lagers genau kannten. Ich dachte, daß man gerade bei den aufgeklärten Katholiken, die Interesse an der Gegenwart der Kirche im Lager hatten, Verbündete finden könnte im Kampf mit den wirklich wichtigen Problemen, wie der "Entjudaisierung" bzw. der Fälschung der Wahrheit bezüglich der zahlenmäßigen Dominanz der jüdischen Opfer.
Die Vehemenz des sich entwickelnden Konfliktes verbannte all diese Argumente in das Reich der Abstraktion. Auf beiden Seiten wurden viel schlechter Wille und ein Mangel an Sensibilität sichtbar. Die Intention der Proteste zielte auf den Schutz der Heiligkeit des größten jüdischen Friedhofes und das Gedenken der jüdischen Märtyrer, man wollte nicht die christlichen Opfer und das Leiden der Polen bagatellisieren oder herabsetzen. In den Augen der Polen beinhalteten diese Proteste jedoch eine andere Aussage. Die Intention derjenigen, die das Kloster verteidigten, zielte auf den Schutz der Heiligkeit und der Rechte der Kirche sowie das Gedenken der polnischen Märtyrer, man wollte nicht die Vernichtung bagatellisieren. Doch von den Juden wurde dies genau so verstanden.
Zum Glück fand man eine Kompromißlösung: Am 22. Februar 1987 unterschrieben hohe Vertreter der Kirche und der Juden in Genf ein Abkommen. Die Einmaligkeit der jüdischen Tragödie (nur die Juden starben lediglich aus dem Grund, daß sie Juden waren) wurde anerkannt und zugleich das Martyrium der Polen betont. Gerade um daran angemessen zu erinnern, wurde festgelegt, im Laufe der kommenden zwei Jahre ein Zentrum für Information, Bildung, Begegnung und Gebet in der Nähe des Lagers zu errichten, in dem auch die Karmeliterinnen beherbergt werden sollten. Während dieser zwei Jahre dauerte die Kontroverse im Verborgenen fort. Leider kam es bis zum 22. Februar 1989 in Auschwitz zu keinerlei Veränderungen. Erneut kamen Proteste auf. Verbitterung darüber machte sich breit, daß die polnische Kirche Vereinbarungen, die sie unterschrieben hatte, nicht einhielt. In der Folge kam es zu Protesten und zu einer spektakulären, aber friedlichen Demonstration des Rabbi Avi Weiss aus New York, die Kardinal Glemp einen die Ordensschwestern bedrohenden "Überfall" nannte. Daraufhin wurde er der üblen Nachrede beschuldigt. All dies verschärfte die Situation, ohne daß ein Fortschritt beim Bau des neuen Klostergebäudes erzielt wurde. Obwohl sich die polnischen Bischöfe zunächst diesem Projekt entgegengestellt hatten, gaben sie schließlich doch ihre Zustimmung, zunächst nur formal - denn der ursprüngliche Baubeginn des Zentrums wurde mehrfach verschoben - später jedoch, schon zu Zeiten der Regierung Mazowiecki, wurde ihr Wille zur Beendigung des Konfliktes deutlich und mit dem Geld westlicher Kirchen gelang es, den Bau zu realisieren. Allerdings war der Widerstand gegen die Verlegung des Klosters in polnischen Kirchenkreisen so stark, daß er nur durch eine direkte Intervention des Papstes überwunden werden konnte. Deutlich wurde ebenfalls, daß die Oberin der Karmeliterinnen keineswegs eine Verbündete war im Kampf um das "Entlügen" der Geschichte des Lagers: in einem Interview für eine auslandspolnische Zeitschrift äußerte sie offen antisemitische Einstellungen sowie die Überzeugung, daß die Gespräche auf Seiten der Kirche in Genf von Juden geführt worden wären. Schließlich übergab sie am Umzugstag (30.06.1993) das alte Gebäude einer zweifelhaften nationalistischen Vereinigung: die Stadtverwaltung ging auf dem Rechtswege dagegen vor, davon ausgehend, daß die Karmeliterinnen laut Pachtvertrag kein Recht hatten, einen neuen Mieter zu bestimmen. Noch im Jahr 1996 war dieser Streitfall nicht abgeschlossen, was Zweifel an dem vorhandenen guten Willen weckt. Ich bin froh darüber, daß diejenigen Karmeliterinnen, die einige Meter weiter in ihr neues Gebäude eingezogen sind, dort ihre Gebete in reiner Atmosphäre verrichten können. Ich möchte betonen, daß auch wenn zunächst die Einrichtung des Klosters bei mir keinen Widerspruch hervorrief, ich doch immer die Ängste und Sorgen teilte, die den jüdischen Protesten zugrunde lagen und von denen noch die Rede sein wird.

2) Das Kreuz neben dem ehemaligen Kloster
Die Kontroverse um das Karmeliterinnen-Kloster war die lautstärkste, aber nicht die einzige, die das Lager und seine Umgebung betrifft. Auch drei Jahre nach dem Umzug hatte man noch immer nicht das riesige, sieben Meter hohe Kreuz im Garten des Klosters entfernt. Laut Beschluß der Kirchenoberen sollte es zusammen mit dem Kloster umziehen. Das Fortbestehen des unklaren Rechtsstatus des Gebäudes und sicher auch die Zurückhaltung vor einer Kränkung der "Verteidiger des Kreuzes" behinderten alle weiteren Schritte. Die "Verteidiger" sagen, das Kreuz auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube erinnere an die getöteten Polen. Doch normalerweise stellt man nicht so hohe Symbole auf. Dieses wurde dort 1989 errichtet, in einer Zeit als sich der Konflikt um das Kloster verschärfte. Unter diesem Kreuz hielt Johannes Paul II. 1979 einen Gottesdienst in Auschwitz ab. Mir ist klar, daß das Kreuz absichtlich als ein weiterer Akt des "Religionskrieges" aufgestellt wurde. Kritiker meinen, es habe den Charakter des Lagers verändert, das 1979 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Aufgrund der für solche Objekte geltenden Regeln müsse das Lager unverändert bleiben.
Für mich persönlich stellte das Kreuz immer ein größeres Problem dar als das Kloster. Die Anwesenheit des Klosters konnte diskret bleiben und von den Besuchern des Lagers nicht wahrgenommen werden. Das war zunächst so, und ich rechnete damit, daß dies auch so bleiben würde. Das riesige Kreuz hingegen fällt unweigerlich ins Auge. Es herrscht über diesen Teil des Lagers, bemächtigt sich des Raumes und läßt die Besucher nicht in Ruhe, die dadurch verletzt werden; und genau aus diesem Grund wurde es dort aufgestellt.

3) Die Kirche in Birkenau
Eine ähnliche Bedeutung besitzt das Kreuz auf der Kirche in Birkenau. Diese befindet sich seit 1983 in einem ehemaligen Gebäude der SS, gegenüber dem Lager Birkenau, also Auschwitz II. Das Kreuz ist vom großen Lagergelände gut zu sehen. Allein die Anwesenheit einer Kirche ist für viele Juden unerhört und führte zu etlichen Protesten. Obwohl sich das Gebäude formal außerhalb des Lagers befindet, ist es doch Teil des gesamten Lagerkomplexes. Über Jahre hinweg befand sich hier kein Hinweis auf seine frühere Funktion. Das Verschweigen dieser Information ist Teil der von den Anwohnern unternommenen Bemühungen, zu einem normalen Leben zurückzukehren, das nicht mit dem Erbe der Kriegszeit belastet ist. Obwohl ich ohne weiteres verstehe, daß sie all die Einschränkungen, die daraus resultieren, daß die Deutschen in ihrer Nachbarschaft eine Todesfabrik errichteten, herzlich satt haben, kann ich nur schwer ihre Empörung teilen. Für Außenstehende ist allein der Anblick der exotischen und zugleich beunruhigend vertrauten Landschaft aus Stacheldraht und der Überreste etlicher Baracken - direkt neben der Kirche - so überaus aussagekräftig, daß die Annahme der Existenz eines normalen Alltagslebens an diesem Ort nichts anderes als Er-staunen hervorrufen kann. Weil dies ein ausschließlich polnisches und katholisches Leben ist (vor dem Krieg wohnten sehr viele Juden in Oswiecim), vertieft dieser Wille, das an das Lager angrenzende Gebiet für die Normalität wiederzugewinnen die Kränkung der Juden. Wie schon in all den vorangegangenen Jahren wird damit nämlich die jüdische Spezifik des Lagers verborgen. Obwohl ich weiß, daß es heute in Polen bei den Behörden und den Mitarbeitern des Museums von Auschwitz-Birkenau unvergleichlich viel mehr Verständnis und Achtung für diese Spezifik gibt, bin ich dennoch nicht davon überzeugt, daß die Anwohner und die dortigen Selbstverwaltungsbehörden dieses Problem tatsächlich verstehen.

4) Die Kreuze in Birkenau
Die Frage weiterer Kreuze auf dem Gelände des Lagers wurde von Elie Wiesel vom 7. Juli 1996 angesprochen, als der 50. Jahrestag des Pogroms in Kielce begangen wurde. Der Zeitpunkt war ausgesprochen unglücklich gewählt, da der Streit um die Kreuze die Tatsache des Pogroms und die damit verbundene moralische Herausforderung verdeckte. Wie dem auch sei, Wiesel protestierte gegen die Anwesenheit "religiöser Symbole" auf dem Gräberfeld von Birkenau. Die dort errichteten Kreuze nannte er eine "Beleidigung", obwohl er nicht in Abrede stellte, daß sie sich dort als Ergebnis einer gutgemeinten Handlung befinden könnten. Die Mehrzahl der Zuhörer hatte nicht verstanden, daß er nicht nur die Entfernung der Kreuze, sondern auch der ähnlich großen hölzernen Davidsterne forderte. Diese Symbole befanden sich dort schon seit 10 Jahren (!), nachdem das Lagergelände von einer Gruppe Jugendlicher aus Warschau in Ordnung gebracht worden war. Die Leitung des Museums hatte den ca. ein Dutzend provisorisch errichteten Kreuzen und Davidsternen de facto zugestimmt, was insoweit verwunderlich ist, als man zuvor immer konsequent das Aufstellen privater Erinnerungssymbole verboten hatte. Eine Zeitlang gab es dort auch Kreuze mit einem "gekreuzigten" Davidstern. Unabhängig von der Absicht, mit der dieses unklare Symbol errichtet wurde, ruft es ungewollte Assoziationen hervor: Die Juden als Erlösungsopfer, das Kreuz als Marterpfahl der Juden. Diese miteinander verknüpften Symbole wurden ziemlich rasch wieder entfernt.
Die Gräberfelder, von denen hier die Rede ist, sind weit vom Eingang des Lagers Birkenau entfernt, wo selten Besucher hinkommen. Dort befindet sich die Asche verbrannter Opfer, vor allem ungarischer Juden, die 1944 ermordet und auf Scheiterhaufen verbrannt wurden, weil das Leistungsvermögen der Krematorien nicht ausreichte. Diese technischen Besonderheiten klingen kühl, doch für Wiesel geht es um einen Ort voller Emotionen, um die Ruhestätte seiner Angehörigen. Selbst wenn sich dort nicht ausschließlich die Asche von Juden befindet, so ist sie doch überall verbreitet und stammt in der Mehrzahl von jüdischen Opfern. Daher haben Kreuze dort nichts zu suchen. Sie fälschen die Wahrheit dieses Ortes, die Toten hätten sie nicht gewollt und deren Familien wollen sie auch heute nicht. Weil aber dort die Asche nicht nur von Juden verstreut ist, sind dort sowohl jüdische als auch alle anderen religiösen Symbole fehl am Platz, argumentiert Wiesel und mit ihm wohl die überwältigende Mehrheit der Juden.

5) Der "Grabstein" von Edith Stein
Einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt, aber für mich mindestens genauso empörend, sind die Aufschriften auf dem übriggebliebenen Fundament des sogenannten "Weißen Häuschens" auf diesem Gräberfeld, das ebenfalls als Ort der Folter diente. Diese Aufschriften, die an Edith Stein erinnern, sind ein weiterer Beitrag zur Ikonographie des Lagers, aus mir unerfindlichen Gründen wiederum auf der Grundlage einer Ausnahme zugelassen. Sie stellen den einzigen Fall dar, in dem in Birkenau einer konkreten Person gedacht wird. Dies ist nicht nur im Hinblick auf die Person verletzend, sondern auch generell wegen der Ausnahme. Entweder gedenkt man aller Opfer namentlich oder keinem. Andernfalls herrscht Willkür, die unvermeidlich ein zufälliges oder zumindest ein einseitiges Geschichtsbild erzeugt.

6) Der Supermarkt
Im Frühjahr 1996 stand die Frage des "Supermarktes in Auschwitz" im Vordergrund. Nach Artikeln in der polnischen Lokalpresse kam es in aller Welt zu einem Aufschrei der Empörung über das Vorhaben einer deutsch-polnischen Aktiengesellschaft, unweit des Eingangs zum Lager ein Einkaufszentrum zu errichten. Es war der Versuch, die Anwesenheit der vielen Auschwitz-Besucher für geschäftliche Zwecke zu nutzen. Die Aktiengesellschaft kaufte dort ein Grundstück und errichtete zudem ihr Büro in dem Gebäude des ehemaligen Klosters auf der Grundlage des Vertrages mit der Organisation, die es von den Ordensschwestern gemietet hatte. Dies alles klingt tatsächlich ziemlich empörend. Zweifellos wäre es am besten, wenn das Gelände rund um das Lager leer wäre und keine unpassenden Aktivitäten den Ernst des Ortes stören würden.
Doch das Museum in Auschwitz stellte sich diesen Plänen nicht entgegen und hatte seine Gründe dafür. Erstens ist das Gelände in der Nähe des ehemaligen Klosters und der strittigen Investitionsfläche nicht leer, denn dort befinden sich viele Geschäfte, Großhandlungen und Firmen sowohl in Gebäuden aus der Vorkriegszeit wie auch in lange nach dem Krieg errichteten ärmlichen Baracken. Zweitens paßte sich der neue Bau im Prinzip an das vorhandene Gebäude an und erweiterte dies, so daß optisch keine Verschlechterung eingetreten wäre. Drittens gibt es schon seit langem Kioske und einen Imbißstand direkt am Lagereingang und sogar im Lager selbst. Das neue Gebäude sollte deren Funktion übernehmen und somit die Entfernung der Bar und der Geschäfte sowie eines Teils des Parkplatzes ermöglichen. All dies sollte die Situation verbessern.

Die Angelegenheit war meiner Meinung vor allem das Ergebnis eines Mißverständnisses: alle, die das Gelände rund um das Lager nicht kannten, stellten sich vor, daß auf freier Fläche ein Bauwerk entstünde, das den Ernst des Ortes zerstören würde. Die Affäre war solcher Emotionen nicht wert. Sie erinnerte jedoch an das tatsächliche Problem: das das Lager umgebende Gelände kann man nicht in das normale Leben eingliedern, auch wenn das die lokalen Behörden anders sehen. Mir scheint, daß diese nicht wirklich verstehen, mit welcher Aufmerksamkeit die ganze Welt, und nicht nur die Juden, diesen Ort betrachtet. Die polnische Regierung begriff den Ernst der Angelegenheit. Sie unterbrach den Bau und erklärte, das gesamte Gelände rund um das Lager unterstehe der direkten Obhut der Zentralbehörden in Warschau. In diesem Fall führte die anfänglich diffuse Auseinandersetzung zu einer konstruktiven Lösung.

4. Nicht nur jüdische Sorgen

Unabhängig von der kritischen Bewertung einiger jüdischer Proteste und deren Form, habe ich immer die grundlegenden Sorgen und Einstellungen geteilt, aus welchen sie entstanden. Protest rufen hervor: die "Entjudaisierung", die Banalisierung der Verbrechen, die Anonymität der Opfer und die Tendenz zur Christianisierung. Das waren und bleiben auch weiterhin tatsächliche und wichtige Herausforderungen.

1) Die "Entjudaisierung"
Am leichtesten ist die propagandistische "Entjudaisierung" von Auschwitz zu überwinden. Über Jahrzehnte hinweg wurde verschwiegen, daß die Mehrheit der Opfer Juden waren und vor allem, daß sie Opfer waren, weil sie Juden waren. Im Museum von Auschwitz, in den gedruckten Führern und in Schulbüchern war die Rede von Opfern aus 28 Nationen, deren alphabetische Liste mit Australien begann und ... bei den Juden endete. In dieser Darstellung wurde völlig außer acht gelassen, daß die Mehrheit bzw. zeitweise fast alle Opfer, die aus unterschiedlichen Ländern nach Auschwitz gebracht wurden, Juden waren. Das ist eine empörende Fälschung. Hinter ihr stand das gesamte System kommunistischer Propaganda, und die Kritik an dieser Fälschung wäre gleichbedeutend mit einem Angriff auf die Regierenden gewesen. Es ist daher nicht weiter erstaunlich, obwohl ich mich damit schwer abfinden kann, daß es keine Proteste aus dem Ausland gab, als diese Lüge verbreitet wurde. Nach 1989 gab es zum Glück einen bedeutenden Fortschritt: die Ausstellung wurde neu gestaltet, so daß in ihr von Anfang an von den Juden die Rede ist, in den Führern werden sie ebenfalls erwähnt, der Kommentar zu den Dokumentarfilmen, die den Besuchern vorgeführt werden, wurde geändert. Auch trugen die nun in der Freiheit möglich gewordenen Proteste erheblich zur Verbreitung der Wahrheit bei.

Die 1989 beim Kulturministerium entstandene Kommission, die nach 1990 in einen Internationalen Rat beim Museum Auschwitz-Birkenau umgebildet wurde, beschäftigte sich von Beginn an auch mit dieser Frage. Sie bewirkte zum Beispiel die rasche Schließung einiger der sogenannten nationalen Pavillons, die von Beraterstäben anderer Länder vor etlichen Jahren eingerichtet worden waren; darunter waren die Pavillons von Bulgarien und der DDR, in denen hauptsächlich die Geschichte der dortigen kommunistischen Parteien ausgestellt wurde. Die heutigen Mitarbeiter des Museums haben Kontakte zum Westen und zu Israel. Ihren guten Willen kennend, glaube ich, daß es kein Verschweigen mehr geben wird. Doch betrifft dies nicht die tiefere Ebene des Problems.

Die kommunistischen Machthaber sind für das Verheimlichen der jüdischen Spezifik von Auschwitz ebenso verantwortlich wie die einst von Kommunisten dominierten Verbände der ehemaligen Häftlinge. Die Kirche, die Gegenstand allgemeiner Kritik im Verlauf der jüngsten Kontroversen war, trägt daran keine Schuld. Aber wurde diese kommunistische Fälschung nicht gerne von allen anderen akzeptiert? Erleichtert sie nicht die Betonung des polnischen Charakters von Auschwitz, waren doch nach den Juden die Polen, das heißt die polnischen Christen, die größte Opfergruppe?

Die Oberin des Karmeliterinnen-Klosters betonte in einem Interview für die Presse der Auslandspolen nachdrücklich, daß die Opfer aus 28 Ländern kamen und die Juden demnach das Gefühl ihrer besonderen Beziehung zu diesem Ort übertreiben. Die schon erwähnten Erlebnisberichte polnischer Christen - ehemaliger Häftlinge des Lagers - geben ebenfalls die Einstellung wieder, daß die jüdische Spezifik nicht so ausgeprägt sei. Als ich als Junge mit einem Schulausflug dort war, erfuhr ich, daß dies ein Ort des polnischen Martyriums sei, von den Juden hingegen war nicht die Rede. Der für die Polen typische Wettbewerb (mit den Juden) im Leiden könnte dadurch schwieriger werden. In Polen wurde und wird weiterhin das Gedenken an die Juden in der Regel unterdrückt. Es ist unbequem. Dabei werden - wie Henryk Grynberg zutreffend konstatiert hat - die Opfer am liebsten von denen posthum polonisiert, die ihnen zu Lebzeiten das Recht auf ihr Polentum abgesprochen haben.

2) Die Zahl der Opfer
Die Aufstellung der Gesamtzahl der Opfer konnte redlich erst nach dem Jahr 1989 erfolgen. Davor war die Zahl von 4 Millionen verpflichtend, die eine sowjetische Kommission nach der Befreiung des Lagers auf der Grundlage von Schätzungen aufgestellt hatte. Niemand wagte bzw. wünschte es, diese Zahl in Frage zu stellen. Jahrelang wurde sie ohne Kritik in Führern, Schulbüchern und Artikeln in der ganzen Welt wiedergegeben. Man fand sie auch auf dem zentralen Denkmal in Birkenau wieder, wo auf verschiedenen Tafeln in 19 Sprachen die Rede von "4 Millionen Opfern der nationalsozialistischen Mörder" war.

Für Fachleute war seit langem klar, daß die Zahl von 4 Millionen bei weitem überhöht war. Im Westen und in Israel begann man erst seit den siebziger Jahren mit wissenschaftlichen Untersuchungen, in denen versucht wurde, aufgrund von Quellenstudien eine genaue Zahl festzulegen. Ergebnis: die Zahl der Opfer betrug eine bis anderthalb Millionen. Davon waren 90 % Juden. Diese neue Erkenntnis war schwer zu akzeptieren. Viele scheinen zu glauben, daß die niedrigere Zahl von Opfern die Bedeutung von Auschwitz und das Leiden der Ermordeten herabsetze. A ber es ist gerade die fälschliche Erhöhung der Opferzahlen, die der gesamten Arbeit, mit der versucht wird, das Gedenken an die Tragödie zu erhalten, die Glaubwürdigkeit raubt. Die gefälschten Zahlen unterstützen die im Westen marginal und in den arabischen Ländern offiziell vertretenen Thesen, in denen die sogenannten Revisionisten die Existenz der Gaskammern und generell den Massenmord an den Juden leugnen. Darüber hinaus bedeutet die Rede von einigen Millionen Opfern, daß außer den - sagen wir - anderthalb Millionen Juden dort mehrere Millionen nichtjüdischer Häftlinge starben, vor allem vermutlich Polen und sowjetische Kriegsgefangene. Wäre dies wahr, stellten die Polen die Mehrzahl der Opfer. Daher vielleicht haben sich viele an diese höhere, falsche Zahl gewöhnt.

3) Die Anonymität der Opfer
Das Denkmal für die Opfer des Faschismus wurde 1967 in Birkenau enthüllt. Das Denkmal war für mich immer ein größeres Problem und eine größere Beleidigung als das Kloster, das die Aufmerksamkeit so vieler Menschen auf sich zog. Es war auf dem Terrain des Krematoriums in Birkenau errichtet, aber es erinnerte in nichts an die Juden und enthielt kein einziges jüdisches Motiv! Das Denkmal erwähnte die Opfer (4 Millionen), beließ sie aber in völliger Anonymität. Die Vermeidung des Wortes "Jude" könnte man vernachlässigen, wenn diese Auslassung nicht aus bösem Willen geschehen wäre, aber bei dieser Gelegenheit wird ein tieferes und schwerer zu vernachlässigendes Problem offenbar. Es ist leicht, über eine Million Opfer zu sprechen, aber schwer, sich diese Opfer vorzustellen. Die Überwindung der Anonymität der Opfer in unserem Gedenken ist aber ein moralisches Gebot, eine der wichtigsten Herausforderungen, vor die uns Auschwitz stellt. Die Opfer stellen eine namenlose Masse dar, wir hingegen sollten ihnen als Menschen gedenken, die eigene, unvergleichliche Gesichter besaßen. Beschäftigt man sich mit der Geschichte des Lagers, ist es einfach, sich einige aus Strafgründen erhängte Personen vorzustellen, doch wie stellt man sich viele hunderttausend vergaste Menschen vor? Paradoxerweise erinnert man sich sehr viel persönlicher an den Lagerkommandanten Höss als an seine Opfer.

Das beleidigendste Element des Denkmals war für mich immer der auf der größten Tafel angebrachte Text. Kaum jemand auf der Welt beachtete ihn, vielleicht weil er nur auf polnisch niedergeschrieben ist. Dort ist die Rede davon, daß der "Staatsrat der Volksrepublik Polen den Helden von Auschwitz, die hier bei ihrem Kampf um Freiheit und Menschenwürde, um Frieden und um Völkerverbrüderung gegen den nationalsozialistischen Völkermord den Tod fanden, den Orden des Kreuzes "Grunwald Erster Klasse" verleiht. Erneut bleiben die Opfer anonym, während die namentliche Nennung und der Ruhm einer schon nicht mehr existierenden staatlichen Institution zukommt. Das ist geschmacklos. Ein Orden paßt in keiner Weise zu der Tragödie der Gaskammern. Sinnvoll ist er nur, wenn man davon ausgeht, daß nicht von den Vergasten bzw. allen Opfern die Rede ist, sondern ausschließlich von den Mitgliedern der Widerstandsbewegung im Lager. Nur dann erhalten auch die Worte vom "Kampf um Würde und Freiheit" einen gewissen Sinn. In Bezug auf die Gesamtheit des Phänomens Auschwitz klingen sie peinlich: die Häftlinge kämpften um ihre Würde, manchmal auch um die Würde der anderen, aber häufiger kämpften sie ums bloße Überleben. Noch wichtiger ist, daß die Opfer der Gaskammern um nichts kämpften, nicht einmal ums Überleben, sie hatten in der Regel keine Chance zu einem Kampf. Die Aufschrift auf dem Denkmal übergeht sie völlig, und dadurch fällt ihre Tragödie dem Vergessen anheim. Aber gerade ihrer, dieser ungezählten Menge von Juden sollte auf den Ruinen der Krematorien gedacht werden. Natürlich meine ich, daß die Teilnehmer an der Widerstandsbewegung im Lager, an den Fluchten und an den Aufstandsversuchen geehrt und an sie erinnert werden sollte. Der Opfer, die aufgrund dieser Taten den Tod fanden, sollte gesondert gedacht werden. Doch die überwältigende Mehrheit der Opfer waren unschuldige, wehrlose Menschen, keine Kämpfer. Das größte Denkmal muß sich auf sie beziehen.

4) Die Banalisierung
Wie sollte man das Lager darstellen? Ich erinnere mich, daß ich nach dem Besuch des Lagers mit meiner Schulklasse ein Gefühl des Grauens, aber zugleich auch der Unwirklichkeit hatte. Es war wie nach dem Besuch eines Museums für Folterinstrumente. Unterscheidet sich Auschwitz nur durch das Ausmaß und die zeitliche Nähe von den Ausstellungen der Folterwerkzeuge in mittelalterlichen Schlössern? Wenn wir glauben, daß es so nicht ist, stehen wir vor der Aufgabe, dies der Jugend klar zu machen. Dieser Ort und seine Botschaft darf nicht banalisiert werden. Zur Banalisierung kann es durch unser Verhalten kommen, durch Gespräche, touristische Dienstleistungen und sogar durch unsere Ausstellungen. Das vermittelte Bild kann aussagen, daß die Ermordung von Millionen von Menschen leicht ist; daß dazu die entsprechende Organisation und Technik genügt. Was bleibt, ist das Gefühl der Schwäche moralischer Grundsätze, der Ratlosigkeit und der Wut. Aber muß das so sein?
Ich weiß, daß bei Besuchen israelischer Jugendlicher Gefühle wie Wut und Haß gegenüber den Tätern keine Ausdrucksmöglichkeit finden. Wenn die Führer solcher Gruppen unsensibel sind, resultiert aus dem Besuch von Auschwitz ein Groll gegenüber der Welt, Europa und der Kirche. Dieser Groll kann sich leicht von jenen Abstrakta auf deren konkrete, nächste Vertreter richten - auf die Polen.

5. Die "Christianisierung"

Die Leiden der Polen während der Okkupationszeit waren so schwer, daß sie für die, die sie durchmachten, und für deren Familien in den Vordergrund treten. Zwei Jahre lang war Auschwitz ein Lager für "politische" Häftlinge, vor allem für Polen. Wenn darunter auch Juden waren, dann nicht aus dem Grund, daß sie Juden waren. Dazu kam es erst später. Die polnische Symbolik von Auschwitz, von der schon die Rede war, ist das Ergebnis realer, tragischer Erfahrungen. Die Unkenntnis dieser Fakten im Ausland erzeugt in Polen Verbitterung. All diese Umstände bewirken, daß die Probleme, die Auschwitz aufwirft und symbolisiert, von den Polen nur schwer auf dem Hintergrund der christlich-jüdischen Beziehungen betrachtet werden können. In Polen - und das betrifft in gewissem Maße auch die polnischen Juden - sieht man Auschwitz auf dem Hintergrund der polnisch-deutschen Beziehungen.

Im Grunde sehen die polnischen Christen, die über den Krieg nachdenken, eher das ihnen mit den Juden gemeinsame Leiden als die ihnen mit den Deutschen gemeinsame Kirche. Obwohl diese Gemeinsamkeit des Leidens oft in der guten Absicht angesprochen wird, das Leiden der Juden zu würdigen, existierte in den Erfahrungen der Juden diese Gemeinsamkeit nicht. Obwohl es eine solche Gemeinsamkeit zu Beginn der Okkupation gab, nahm die Verfolgung der Juden rasch unvergleichliche Ausmaße an. Ohne die Tragödie herabzumindern, die alle Polen traf, kann man daran erinnern, daß ihre Möglichkeiten zu überleben unvergleichlich viel größer waren.

Ein jüdisches Kind hatte praktisch keine Überlebenschance, ein nichtjüdisches besaß hingegen trotz realer Bedrohung eine große Chance, sogar in Warschau. In Polen wird die Vernichtung der Juden als ein Teil des Leidens des polnischen Volkes wahrgenommen. Deshalb ist es in Polen schwer, die Herausforderung zu erkennen, die die Shoah für das Christentum darstellt. Das resultiert nicht nur aus den polnischen Erfahrungen, sondern auch aus der besonderen polnischen Tradition des Messianismus nach der polnische Volk als "Christus der Völker" in besonderer Weise leidet. Das Leiden anderer kann daher nicht größer bzw. beachtenswerter sein. Da der jüdische Archetyp solchen Denkens auch sehr lebendig ist, kann die Hartnäckigkeit des "Wettbewerbs im Leiden" nicht verwundern.

Dieser breitere historische Kontext erschwert uns die Betrachtung von Auschwitz als Herausforderung für das Christentum beträchtlich. Worin besteht diese Herausforderung tatsächlich? In der plakativsten Form könnte man sie beschreiben als Notwendigkeit, das Lager als einen Ort wahrzunehmen, an dem Christen Juden ermordeten. Dieser Auffassung liegt aber ein Mißverständnis zugrunde. Die Mörder waren doch lediglich nominell Christen, und Geistliche gehörten zu den Opfern und nicht zu den Aufsehern. Es starben viele Christen und sogar Antisemiten. Ich denke daher, daß eine direkte Belastung des Christentums verfehlt ist. Auch wenn diese durch Verzweiflung und Wut begründet wird, ist sie unzulässig.

Man kann jedoch danach fragen, welche Rolle der Antisemitismus von Christen bzw. allgemeiner der christliche Antisemitismus bei der Formung der Mentalität der Lagerwärter und bei der Bereitung des Bodens für die Vernichtung spielte. Man kann weiterhin fragen, wie das auch viele Juden tun, warum die Kirchen, denen die Täter in den Vernichtungslagern nominell angehörten, diesen niemals mit der Exkommunikation drohten. Solche Fragen sind berechtigt als Auslegungen der Herausforderung, die Auschwitz für das Christentum darstellt. Sie sollten im Museum des Lagers ihren Ausdruck finden.

Es gibt einige jüdische Bedenken, die sich im Widerspruch zur christlichen Herangehensweise befinden können. Wenn ich von speziellen jüdischen Bedenken spreche, möchte ich keineswegs damit sagen, daß Nicht-Juden diese nicht teilen können. Ganz im Gegenteil, es gibt Christen, die sie hervorragend verstehen und genauso empfinden, genau wie es Juden gibt, die die Bedürfnisse der Christen verstehen. Ich verstehe den Wunsch, daß die Kirche in Auschwitz gegenwärtig sein soll. Ich glaube, daß die Suche nach einer Ausdrucksform der Wahrheit über Auschwitz eine gemeinsame Aufgabe ist. Die Juden können Verbündete unter den Christen haben und sie haben sie tatsächlich. Für die Verschleierung der jüdischen Spezifik von Auschwitz war nicht die Kirche, sondern der Kommunismus verantwortlich. Trotz alledem denke ich, daß die "Christianisierung" eine Bedrohung darstellt.

Die Perspektive der "Christianisierung" des Erscheinungsbildes von Auschwitz und des Gedenkens an diesen Ort resultiert nicht aus dem bösen Willen der Kirche. Manche Juden behaupten dies, doch das Problem liegt woanders. Selbst wenn kein böser Wille vorhanden ist, bleibt diese Schwierigkeit bestehen, denn die Art und Weise des christlichen Gedenkens der Tragödie ruft den Widerspruch der Juden hervor.

Eine traditionelle Reaktion der Christen besteht darin, am Ort der Tragödie ein Kreuz oder Kreuze und eventuell Heiligenbilder aufzustellen. Die Intention kann sowohl die Ehrung der ermordeten Christen sein, aber auch Ausdruck der Achtung für die sterblichen Überreste der anderen Opfer. Ich achte dies um so mehr, da ich weiß, daß diese Intentionen ganz rein sein können. Wenn dies jedoch an einem Ort geschieht, der die Asche unzähliger Juden birgt, ruft dies Widerspruch hervor. Jeder kann beten. Auch christliche Gebete stellen an einem solchen Ort kein Problem dar (jüdische Gäste waren während vieler unterschiedlicher Gelegenheiten bei solchen Gebeten zugegen). Bei einem entsprechenden Maß an gutem Willen kann man während einer solchen christlichen Zeremonie Verständnis für die Empfindlichkeit der Juden ausdrücken und dem Judentum der jüdischen Opfer seine Ehrerbietung ausdrücken, was gewiß auf Dankbarkeit stoßen wird. Das Aufstellen von Kreuzen oder anderen religiösen Symbolen empfinde ich jedoch als eine Annexion des Ortes. Darin wird der Expansionsdrang des Christentums offenbar. Obwohl diesem Drang der Kirche in der gegenwärtigen Epoche Einhalt geboten wurde, ist dennoch das historische Erbe deutlich: über Jahrhunderte hinweg bedeutete die Gegenwart des Kreuzes die Macht der Kirche. Und damit auch die Diskriminierung der Juden.

Wir Juden haben kein besonderes Bedürfnis, Davidsterne oder andere Symbole zu errichten. Wiesel hat dies in seiner Rede 1996 in Kielce ausgedrückt, indem er sich gegen jegliche religiösen Symbole auf den Gräberfeldern von Birkenau aussprach. Der Ort allein sei ein genügend aussagekräftiges Symbol. Das Fehlen jeglicher Symbole ist für die Juden sehr viel annehmbarer als der Anblick von einem Gemisch aus christlichen und jüdischen Symbolen. Wenn man konsequent wäre, müßte man schließlich auch rote Sterne für die überzeugten Kommunisten aufstellen sowie eine Reihe anderer Symbole. Wenn dies der angemessene Weg des Gedenkens sein soll, würde dies sorgfältige, weitgehende Beratungen mit allen Interessierten erfordern, in denen festzulegen wäre, welche Symbole, in welcher Anzahl und an welchem Ort aufzustellen sind. Dabei wäre das Verhältnis der jeweiligen Opferzahlen zu berücksichtigen, man müßte sich darüber einigen, ob das Modell eines Militärfriedhofes angemessen ist, auf dem Gräber und Symbole nebeneinanderstehen; oder ob es vor allem ein jüdischer Friedhof ist (wie es die Mehrheit der Juden zu sehen scheint) oder ob man generell in Auschwitz keine friedhofsähnlichen Anlagen errichten soll. So oder so bleibt es ein schwieriges Problem, und vielleicht ist es am einfachsten, sich auf einen Kompromiß zu einigen und überhaupt keine Symbole, sondern ausschließlich religiös neutrale Informationen anzubringen.

Das eigenmächtige Aufstellen von Kreuzen in der Überzeugung, das Kreuz sei ein universelles Symbol, das die Gefühle und Hoffnungen aller Opfer ausdrücke, ist verfehlt. Denn es ist das Symbol des christlichen Triumphalismus. Ich kann den Wunsch der Christen verstehen, daß das Kreuz für alle das Symbol der höchsten Werte sein möge. Aber das ist nicht der Fall. Für die Juden ist es ein kränkendes Symbol, das für sie traditionell ein Zeichen der Bedrohung darstellt. Verständnis für diese Haltung zeigt ein bemerkenswerter Teil der Erklärung des Komitees für den Dialog mit dem Judaismus beim Rat des Polnischen Episkopats vom Juli 1996, die von Bischof Stanislaw Gadecki unterzeichnet ist. Ein anderes Mitglied dieses Komitees, Priester Ryszard Rubinkiewicz, erinnerte sogar an alte jüdische Überlieferungen, die den Tod am Kreuz als besonders schändlich und als ein Zeichen der Zurückweisung durch Gott empfanden. Zwar gibt es in der heutigen jüdischen Tradition keine derartige Vorstellung, doch kann man langanhaltende Nachwirkungen früherer religiöser Einstellungen nicht ausschließen. Es scheint jedoch, daß für die heutigen Juden die Erinnerung an ihre Verfolger, die sich des Symbols des Kreuzes bedienten, viel bedeutender ist. Natürlich haben viele Juden heute keine besonders eindeutigen Emotionen gegenüber dem Kreuz und erkennen dessen Bedeutung für die Christen an. Doch solange ein Symbol nicht als Symbol der Versöhnung gesehen wird, kann diese Bedeutung der anderen Seite nicht eingeredet werden.

Das Problem der Christianisierung reicht tiefer als die Gefahr der Dominanz christlicher Symbole. Es tritt auch in der Möglichkeit der Dominanz christlicher, d.h. eigentlich katholischer Heiliger zu Tage.
Die Kirche hat das schon erwähnte Problem der Anonymität der Opfer zum Thema gemacht. Sie tat das in der ihr eigenen Weise, indem sie zwei Personen, Opfer des Lagers, heilig sprach: Pater Maximilian Kolbe und Schwester Theresa bzw. Edith Stein. Ich stelle keineswegs das Recht der Kirche zu diesem Schritt in Frage. Natürlich teile ich nicht den katholischen Heiligenkult, doch verspüre ich Bewunderung, daß damit der einzig gelungene Versuch zur Überwindung der Anonymität der Opfer unternommen wurde. Ich habe nichts dagegen, daß die katholische Kirche diese beiden Opfer ehrt. Beides waren herausragende Menschen, der heldenhafte Tod Maximilian Kolbes wie auch die imponierende Persönlichkeit Edith Steins verdienen tiefe Achtung. Doch das Ergebnis des kirchlichen Vorgehens ist ausgesprochen beunruhigend: gerade diese Personen werden zu Stellvertretern aller Opfer des Lagers. Aber gerade sie sind keine typischen Opfer! Katholische Heilige sind keine Vertreter von Opfern, die überwiegend Juden waren. Der Priester und die getaufte Jüdin leihen ihre Gesichter Menschen, die eine andere Identität hatten. Dies wäre sogar dann verletzend, wenn man nicht einen der beiden Namen mit antisemitischen Publikationen assoziierte bzw. den anderen nicht mit dem Abfall vom jüdischen Glauben. Edith Stein war eine große Frau, die Ordensschwester wurde, aber als Jüdin starb. Man könnte meinen, daß sie alle Opfer symbolisiert. Für uns ist das aber nicht so: sie erinnert an die Konversion von Juden zum Katholizismus, das aber ist eine schmerzhafte Erscheinung, besonders bedrückend im Kontext von Auschwitz.

Gibt es einen Ausweg? Es ist unmöglich, entsprechende jüdische Personen zu benennen, deren Bilder man an Kiosken verkaufen und auf Altären aufstellen könnte. Denn es gibt keine solche Tradition. Die informelle Erinnerung an einzelne jüdische Opfer ist zwar möglich, aber das ändert nichts wesentliches an der Dominanz dieser beiden Heiligen. Ich kann mir nur wünschen, daß diejenigen, die den Kult um den heiligen Maximilian mittragen, sich selbst und ihre Zuhörer immer auch an die anderen, ihm unähnlichen Opfer von Ausch-witz erinnern.

Neben der Dominanz christlicher Heiliger existiert noch eine subtilere Gefahr der "Christianisierung", die Dominanz tieferer christlicher Symbolik. Dabei geht es mir um die Auffassung vom Sinn des Leidens und damit vom Sinn des Lagers. Sinn oder Sinnlosigkeit? In christlicher Perspektive drängt sich sofort die Erlösung als Sinn des Leidens auf. In der jüdischen Tradition ist dieser Zusammenhang nicht selbstverständlich und sicher. In den Augen wohlwollender Christen wird die Shoah leicht mit dem Leiden Jesu vergleichbar und damit als eine Art von Opfer verstanden, das man auf dem Altar darbringt. Dies aber nobilitiert die Täter dieser Opferung. Man kommt nicht umhin zu fragen: Von wem wurden diese Opfer denn dargebracht? Darauf kann es keine befriedigende Antwort geben. Fast jede Antwort beleidigt. Die christliche Interpretation gibt somit dem Martyrium in den Gaskammern mehr Sinn, als das der Mehrheit der Juden möglich ist.

Ähnliche Einwände werden sogar bei indirekten Interpretationen deutlich. Einige französische Juden warfen Andrzej Wajda vor, in dem Film "Korczak" konstruiere er ein Ende, das den Sieg über den Tod suggeriere. Sie empfanden dies als eine Mißachtung der in Treblinka getöteten Kinder und sogar als Ausdruck eines versteckten Antisemitismus. Ich denke, diese Vorwürfe waren nicht redlich, da sie den Film eher als einen Anlaß nahmen, statt ihn als einen Gegenstand der Kritik zu behandeln. Doch tatsächlich empfinden viele Juden den "christlichen" Optimismus als ungerechtfertigt, wie auch manche den "zionistischen" Optimismus in Frage stellen. Sogar Johannes Paul II., dessen Sensibilität für das Schicksal der Juden keinem Zweifel unterliegt, sprach im Zusammenhang mit der Vernichtung davon, daß ein so großes Leiden auch große Früchte tragen müsse. Diese Aussage ist nicht an und für sich schlecht, aber in Bezug auf die Shoah erschließt sie für meinen Geschmack allzu leicht den erlösenden Sinn. Auschwitz besitzt nicht dieses erlösende Element der Buße, das wir gemeinhin mit der Vorstellung vom Märtyrertod für den Glauben verbinden. Auschwitz ist der endgültige, ausweglose Schrecken, denn die Juden wurden verurteilt, unabhängig von ihrer Bereitschaft zur Verteidigung des Glaubens und unabhängig von jedwedem Verhalten.

Eine subtile Form der "Christianisierung" ist der Versuch, die Vernichtung zu instrumentalisieren. Daran sind auch einige Juden beteiligt, die verschiedene andere, nichtchristliche Versionen der Opferungsidee vorbringen. Demnach mußten die Juden sterben, um Erlösung von der Sünde des Zionismus zu erlangen oder um für die Unvollkommenheit des Zionismus oder anderer "ungebührlicher" Ideologien zu büßen. Ich habe jedoch den Eindruck, daß für die Mehrheit der Juden das Postulieren irgendeines Sinns des Leidens und des Martyriums anderer nicht akzeptabel ist. Daraus resultiert nämlich unmerklich eine Rechtfertigung der Täter und eine Herabwürdigung der Opfer.

6. Theologie wider Willen

In den ersten Jahren nach der Befreiung war das Lager zunächst ein Krankenhaus und später eine Haftanstalt für politische Gefangene, Deutsche und Schlesier. 1947 entstand hier ein von ehemaligen Häftlingen geleitetes Museum. Alles war bekannt und erweckte eher Erinnerungen an einen Alptraum als metaphysische Furcht. Die Verbrechen waren offenbar. Die Sicherung von Beweisen für die Verbrechen sowie die Erhaltung von Einzelheiten hatten keine Priorität. Einen Teil der Lagerbaracken hatten Armee und Anwohner schon zu Brennholz verarbeitet. Den Gründern des Museums ging es um die Darstellung des Ortes, der Leiden und Erlebnisse der Häftlinge. Für eine theologische Analyse war noch keine Zeit, sogar im Westen nicht. Auch eine politische Instrumentalisierung fand statt. Für die Kommunisten, die einen großen Teil der Widerstandsbewegung im Lager ausgemacht hatten, war Auschwitz das Symbol für die Verbrechen des Faschismus und sollte nun die Vorteile des "fortschrittlichen Lagers" demonstrieren. Die heutigen Mitarbeiter des Museums kennen in ihrer Mehrheit Auschwitz ebenso wie die Kommentatoren der Tragödie und die Besucher nur noch aus Erzählungen. Bald wird es keine Augenzeugen mehr geben. Im Westen gibt es immer mehr Menschen, die generell die Existenz der Gaskammern leugnen. Den Besuchern von Auschwitz, die sich zumeist als Pilger verstehen, muß ein angemessenes Bild und ein vertieftes Verständnis nahegebracht werden. Auschwitz muß heute einen Sinn haben, in fünfzig Jahren und - wie ich meine - auch noch in 500 Jahren.

Wenn es um das Aussehen von Auschwitz geht, existieren zwei grundlegende Ansichten über die Zukunft des Lagers: die Gestaltung einer Informations- und Erziehungsausstellung unter Einsatz von Computertechnik usw. oder das Belassen des ganzen Ortes in einem unberührten Zustand. Ich bin sicher, daß in der Realität beide Entwürfe berücksichtigt werden müssen. Informationsvermittlung ist unerläßlich, warum sollte man daher nicht moderne Methoden einsetzen? Je größer der zeitliche Abstand wird, um so stärker tritt die Notwendigkeit zu Tage, den Ort "so wie er war" zu belassen. Doch dies ist ein Mythos. Auch wenn es wünschenswert wäre, ist es im wörtlichen Sinne doch unmöglich. Trotz des Schreckens, den es hervorruft, sieht das Lager Birkenau nicht aus wie damals. Bäume und Grasflächen sind gewachsen, die damals von Tausenden von Füßen niedergetrampelt wurden, das Lager sieht heute fast idyllisch aus. Ohne Konservierung wären viele Bauten schon vor langer Zeit verfallen. Den Stacheldraht mußte man auswechseln, und sogar die Ruinen der Krematorien wurden durch Zementeinspritzungen verstärkt, da sie sonst nicht mehr so wie früher ausgesehen hätten. Es ist auch notwendig, die verschiedenen Objekte, die sich aus der Lagerzeit erhalten haben, zu bewahren. Die berühmte Sammlung der Haare, die man den Ermordeten abgeschnitten hatte und die nicht in die Fabriken geschickt worden waren, wo sie als Rohstoffe dienten, erfordern eine komplizierte Behandlung zu ihrer Konservierung. Kürzlich wurden in einigen Baracken Zentralheizungen angebracht, was der Authentizität widerspricht, aber unvermeidlich ist, will man die überkommenen Objekte erhalten. Die Gelder für diese zusätzlichen Arbeiten kommen zu einem großen Teil aus Deutschland - wieder aus Deutschland. Der Bedarf übersteigt die zur Verfügung stehenden Mittel. Darüber hinaus bleibt die Frage bestehen, in welcher Weise das Museum funktionieren soll.

Ist das Beten auf dem Lagergelände angemessen? Alle Christen und die Mehrheit der Juden zweifeln daran nicht. Es lohnt jedoch, sich den Standpunkt der Gegenseite zu vergegenwärtigen. Recht häufig hört man von Juden das Argument, das Gelände von Auschwitz solle leer bleiben, dort solle Schweigen bewahrt werden. Dieses Schweigen solle auch die Gebete ersetzen. Es soll ein Äquivalent sein zum fehlenden Eingreifen Gottes, der zuließ, daß der Schrecken Wirklichkeit wurde - in Form einer banalen Fabrik des fließbandmäßigen Mordens. Die Rede von der Unangemessenheit religiöser Zeremonien und vom Schweigen, das dem Schweigen Gottes entspreche, mögen als Spitzfindigkeiten jüdischer Atheisten erscheinen, die sowieso alle Religion ablehnen. Doch die Sache ist nicht so einfach.

Eine umfassendere religiöse Argumentation stellte der ehemalige oberste Rabbi Frankreichs, Ren Samuel Sirat, vor. Er ist ein sehr traditioneller Jude, dabei aber dialogbereit. Er bezog sich auf ein Zitat des Propheten Jeremias: "Und sie haben die Höhen des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter zu verbrennen, was ich nie geboten habe und mir nie in den Sinn gekommen ist. Darum siehe, es wird kommen die Zeit, spricht der Herr, daß man es nicht mehr nennen wird Tofet und Tal Ben-Hinnom, sondern Würgetal" (Jer. 7, 31-32). Das Würgetal ist heute Auschwitz, mehr noch als Tofet oder Ben-Hinnom, wo die Kinder dem Moloch geopfert wurden. Daher, so schlußfolgert Sirat, ist das Hersagen eines Gebetes in Auschwitz die Anknüpfung an den "scheußlichsten Götzendienst".

Unabhängig davon aber, welchen Wert der Aufruf zu "einer absoluten Stille, ohne Gebet und ohne Gespräch" hat, ist es doch eine Tatsache, daß fast alle Juden, auch solche, die im Alltag keinen Bezug zur Religion haben, nach Auschwitz kommen, um dort Gebete zu sprechen. Das Sprechen des Kaddisch ist es, worauf es ihnen ankommt. Anfänglich dachte ich, daß der Widerstand der Juden, die keine generellen Gegner der Religion sind, gegen jegliche Art von Gebeten vor allem der rationale Ausdruck eines spontanen Unwillens gegenüber katholischen Zeremonien war. Doch einige reagieren spontan mit Unwillen auf die traditionellen Gebete. Ich traf einen ehemaligen jüdischen Häftling des Lagers, der zu mir sagte: "Ich habe gesehen, wie meine Angehörigen dort ermordet wurden, aber wenn ich dort bin, kann ich den Kaddisch nicht sprechen."

Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers kann keine Stille herrschen, schon allein deswegen nicht, weil sich dort große Mengen von Touristen aufhalten. Ich bin der Meinung, daß alle touristischen Dienstleistungen wie Gastronomie, sanitäre Anlagen und Läden außerhalb des Lagers eingerichtet werden sollten. Vielleicht sollte man bestimmte Regeln bezüglich des Verhaltens auf dem Lagergelände einführen, vielleicht sogar bezüglich der Kleidung, obwohl das Verhängen solcher Regeln sehr schwierig ist. Es geht mir jedoch nicht darum, mich über die Besucher zu beschweren. Im Gegenteil: Das Interesse für diesen Ort ist keine lästige Erscheinung, sondern eine Herausforderung.

Immer mehr Menschen aus dem Ausland werden diesen Ort besuchen. Ob wir wollten oder nicht, er ist zu einer der größten Touristenattraktionen Polens geworden, wahrscheinlich zu dem Ort Polens, der im Ausland am bekanntesten ist. Die Bewohner von Oswiecim profitieren schon davon, obwohl sie sich gleichzeitig über die Beeinträchtigung ihres Alltagslebens beschweren. Oswiecim hat die Möglichkeit zu einem bedeutenden Zentrum der Besinnung im sich umgestaltenden und vereinigenden Europa zu werden. Dieser Ort zieht jeden an. Die ungeschickt organisierten Feierlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag der Befreiung des Lagers waren trotzdem gelungen, da eine Vielzahl wichtiger Staatsmänner, darunter auch gekrönte Häupter, dort zusammenkam.

Dieser Ort zieht an, weil er uns mit den tiefsten, den niedrigsten oder höchsten Ausprägungen der menschlichen Existenz konfrontiert. Diese sind schwer zu fassen, noch schwerer zu beschreiben, aber eines ist sicher: auf diese Erscheinungen beziehen sich alle Religionen. Um ihnen Ausdruck zu verleihen und sich gleichzeitig der Banalisierung entgegenzustellen, muß man den religiösen Aspekt berücksichtigen. Ich denke, daß dieser Wunsch der Grund für das Bemühen der katholischen Kirche um das Recht auf Anwesenheit an diesem Ort war. Unabhängig von der Form der Verwirklichung dieser Pläne ist diese Motivation meiner Meinung nach berechtigt und verdient Anerkennung und Unterstützung. Ich empfinde dieser Motivation gegenüber Sympathie, die aber nicht die Vorbehalte, die aus der Furcht vor einer "Christianisierung" resultieren, beseitigt. Im übrigen scheint die Mehrheit der Juden die individuellen Gebete in Auschwitz zu akzeptieren, im Gegensatz zu den "institutionalisierten" Gebeten, wie sie durch das Kloster ihren Ausdruck fanden. Eine solche Auffassung wurde in den Erklärungen vertreten, die aus den jüdisch-katholischen Gesprächen über das Kloster in Genf 1986 und 1987 hervorgingen. Das Problem herausgehobener religiöser Kultorte bleibt jedoch weiter bestehen. Im Block Nr. 10 befindet sich in einer der Todeszellen eine Kapelle für Pater Kolbe.

Der jüdische Pavillon ist ein Ort der Besinnung. Einige Juden sprachen sich dafür aus, einen Gegenstand aufzustellen, der sozusagen einen zentralen jüdischen Ort schaffen würde. Aus Sicht der jüdischen Tradition wäre eine Tafel mit einem Gebetstext für die Verstorbenen die natürlichste Lösung. Beide erwähnten Orte des Gebets befinden sich im Inneren von Gebäuden. Vielleicht erregten sie daher keinen offenkundigen Widerspruch. Vielleicht kann man mehr solcher spezieller Gegenstände in den einzelnen Gebäuden unterbringen. Es gibt Pläne, private Tafeln und Erinnerungsobjekte im Gebäude der sogenannten Sauna in Birkenau auszustellen. Erlaubt man jedoch konsequent die weitere Einrichtung solcher Orte, entsteht die Gefahr der Konkurrenz darum, wer die meisten solcher Orte besitzt.

Ich denke, der beste Weg, den religiösen Aspekt in einer allgemein anerkannten Art und Weise zu etablieren, wäre die Verwendung von Zitaten aus der hebräischen Bibel. Dieser Plan war Gegenstand langer Auseinandersetzungen im Internationalen Rat für die Gedenkstätte und das Museum Auschwitz-Birkenau, der vom Kulturminister als Beratungsorgan berufen wurde. Nebenbei bemerkt ist jener Name für das ehemalige Lagergelände von dem Rat anstatt der bislang verwendeten Bezeichnung "Staatliches Museum Oswiecim-Brzezinka" eingeführt worden. Der neue Name stellte niemanden zufrieden, obwohl er nach langen Diskussionen 1990 im ersten Amtsjahr des Rates verabschiedet wurde. Die offizielle Verwendung des Namens wurde aber erst 1996 beschlossen. Dies zeigt sowohl die Schwierigkeiten, einen gemeinsamen Standpunkt selbst in einer einfachen Angelegenheit zu finden, wie auch die Dauer der Umsetzung getroffener Entscheidungen.

Die kritisierten Aufschriften auf dem Denkmal in Birkenau wollte der Rat durch passendere ersetzen. Ich schlug ein Zitat vor, daß schon auf anderen Denkmälern der Vernichtung zu lesen war, einen Vers aus dem Buch Hiob (16, 18): "Ach Erde, bedecke mein Blut nicht, und mein Schreien finde keine Ruhestatt." Die Vorzüge dieses Textes sind offenbar. Erstens ist er sehr ausdrucksvoll und paßt genau zur Situation. Die hebräische Bibel ist für die Juden ebenso wichtig wie für die Christen. Das Zitat aus der Bibel schafft automatisch eine höhere Ebene, die für alle verständlich ist. Gleichzeitig ist es nüchtern genug, um niemanden zu verletzen. Darüber hinaus enthält gerade das Buch Hiob Betrachtungen aus atheistischer Sicht - die Tatsache des Leidens Unschuldiger. Das Original ist hebräisch, so daß die Anbringung dieses Textes an exponierter Stelle sogleich den jüdischen Aspekt in einer natürlichen, keinen Widerspruch hervorrufenden Art und Weise betont. Dazu kommen theologische Feinheiten: im Original erscheint das Wort "Blut" im Plural, was alte rabbinische Kommentare mit dem Bezug auf das Blut Unschuldiger oder zukünftiger Generationen erklären, die aufgrund des Tötens nicht geboren werden konnten. Dies trifft überaus passend auf Auschwitz zu.

Die überwältigende Mehrheit der Ratsmitglieder, sowohl Juden als auch Christen, waren für die Anbringung dieses Zitates. Wir waren erstaunt, als die größte Vereinigung ehemaliger Lagerhäftlinge Widerspruch anmeldete. Deren Vorsitzender, Baron Maurice Goldstein aus Brüssel, widersprach sehr energisch. Er wollte, daß auf der Tafel eine getreuere Darstellung der Geschichte des Lagers und des Wesens der Verbrechen gegeben würde. Alle erkannten die Notwendigkeit einer genauen historischen Beschreibung an, doch müßte diese erstens ausreichend lang sein, wozu nicht genügend Platz vorhanden war, und zweitens wäre es schwierig gewesen, in einem solchen Text die höhere Ebene zu verdeutlichen, die bislang so sehr gefehlt hatte. Im Zuge informeller Diskussionen drückte er seine tiefste Überzeugung aus: "Damals war Gott nicht anwesend, daher wollen wir nichts aus der Bibel."

Die Verhandlungen dauerten lange. Den Repräsentanten der ehemaligen Häftlinge gebührt eine wesentliche Stimme. Es wurde ein Kompromiß erzielt: auf kleinen Tafeln wurde in 20 Sprachen eine kurze historische Beschreibung gegeben, auf einer großen Tafel erschien das Zitat aus dem Buch Hiob im Original, auf polnisch und in der Sprache der Sinti und Roma sowie auf englisch, russisch und französisch. Man berief ein Redaktionskomitee. Es zeigte sich, wie überaus schwierig es ist, einen nicht banalen Text zu entwerfen, der alle zufrieden stellt. Auch deshalb sind Bibelzitate so wertvoll: niemand ist versucht, sie zu redigieren.

Schließlich wurde auf den kleinen Tafeln folgender Text angebracht: "Dieser Ort, an dem die Nationalsozialisten ungefähr anderthalb Millionen Menschen ermordeten, Männer, Frauen und Kinder, vor allem Juden aus allen Ländern Europas, sei für Jahrhunderte Verzweiflungsschrei und Warnung für die Menschheit. Auschwitz-Birkenau 1940-1945." Dieser angemessene, aber einfache Text wurde sechs Jahre nachdem die Tafeln mit der Information über die 4 Millionen Opfer entfernt worden waren, angebracht. Auch 1996 war die Haupttafel mit der Aufschrift über die Verleihung des Ordens an die "für Freiheit und Würde Kämpfenden" unverändert.

Die Bedeutung von Auschwitz kann man ebenso wie die Bedeutung der Vernichtung ohne ein Quentchen Religion nicht verstehen. Die Kontroverse um die Tafeltexte machte deutlich, daß man schwer Fragen wie diese vermeiden kann: "Wo war Gott?" "Hat die Tatsache, daß die Juden das erwählte Volk Gottes sind, was sowohl die jüdische Überlieferung als auch die Lehre der Kirche verkündet, einen Einfluß auf unser Bild der Tragödie?"

Die Besucher haben die Neigung, sich mit den Opfern des Lagers zu identifizieren. Dies ist nicht nur bei Juden, Polen, Amerikanern oder Hindus der Fall, sondern in gewissem Grade auch bei den Deutschen. Im österreichischen Pavillon ist von den Österreichern ausschließlich als von Opfern des Nationalsozialismus die Rede. Aber Hitler wurde doch von so vielen Österreichern unterstützt, und darüber hinaus waren viele Mitglieder der Wachmannschaften im Lager Österreicher. Man spricht über die slowakischen Opfer, doch die damaligen slowakischen Machthaber organisierten selbst die Deportation ihrer Juden nach Auschwitz. Wie kann man dieses Problem ohne Demagogie, aber auch ohne Tabu darstellen? Wie kann man vereinfachende Antworten auf die Frage nach der Schuld vermeiden?

Natürlich trägt Hitler die Hauptschuld, seine Mitarbeiter, die Organisatoren der Lager sowie das Wachpersonal. Es ist jedoch eine Illusion zu glauben, daß eine Antwort ohne tiefere Analysen ausreiche. In gewissem Sinne waren auch manche Deutsche, die man zu dieser "Arbeit" abkommandierte, Opfer des National-sozialismus. Daher werden die schwierigsten Fragen auf der rein menschlichen Ebene offenbar, jenseits der Unterscheidungen Juden - Christen, Polen - Deutsche und so weiter. Im Prinzip sind wir die gleichen Menschen wie die Verbrecher und die Helden von Auschwitz. Den nächsten Generationen junger Menschen müssen wir die Frage stellen: was hätte ich getan, wenn ich damals dort gewesen wäre? Als Häftling? Als Wachmann? Haben wir das moralische Recht solche Fragen zu stellen? Oder haben wir das Recht, sie nicht zu stellen?

 

[nach oben]

Die Wahrheit über das Kreuz in Auschwitz

Stanislaw Musial, Gazeta Wyborcza, 22.4.1998
Aus dem Polnischen: Katrin Steffen

Das Kreuz im Konzentrationslager Auschwitz wurde 1989 auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube unmittelbar neben dem Gebäude des sogenannten Alten Theaters aufgestellt. Noch bevor 1942 im nahen Birkenau die eigentliche Todesfabrik, die in erster Linie der Ermordung von Juden diente, errichtet wurde, wurden hier in einer ersten Phase der Lagergeschichte, der sogenannten Zeit des polnischen Lagers, sporadisch Gefangene erschossen. Vor allem Polen, aber auch Juden polnischer Staatsbürgerschaft. Nach Kriegsende blieb dieser Platz 44 Jahre lang leer, von Gras überwuchert.

Wer hatte die Initiative ergriffen, das Kreuz aufzustellen ? War es vielleicht die Kirche in Gestalt des Krakauer Metropoliten, Kardinal Franciszek Macharski, dem Auschwitz damals juristisch unterstand? Nein. Die Leitung des Museums Auschwitz? Ebenfalls nicht. Der Verband ehemaliger Auschwitz-Häftlinge? Auch nicht. Veteranenverbände oder andere gesellschaftliche Organisationen? Auch sie haben die Initiative nicht ergriffen.

Wurde der Krakauer Metropolit wenigstens um das Einverständnis der kirchlichen Seite ersucht, an dieser Stelle ein Kreuz zu errichten? Er wurde nicht. Wurde die Aufstellung denn zumindest mit der Museumsleitung und denjenigen gesellschaftlichen Organisationen abgestimmt, die hier etwas zu sagen haben? Sie wurden nicht nach ihrer Meinung gefragt.
Fand nach der Aufstellung des Kreuzes eine Eröffnungsfeier für das neue "Erinnerungsmahnmal" statt, bei der die Geistlichkeit, die Museumsverwaltung, Repräsentanten von interessierten Organisationen, Vertretern der Stadt- und Kirchenverwaltung einbezogen worden wären? Es gab keinerlei Feier oder Zeremonie.

Das Kreuz wurde heimlich, nicht bei Tageslicht, in großer Eile und der klassischen konspirativen Sabotagemethode folgend aufgestellt. Die öffentliche Meinung wurde mit einer vollendeten Tatsache konfrontiert.
Mit welchem Ziel wurde das Kreuz auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube errichtet? Man könnte glauben, vor allem um das Andenken der dort ermordeten Personen zu ehren. Wenn sich die Initiatoren des Unternehmens jedoch diesem Ziel verschrieben hätten, warum konsultierten sie dann nicht die Organisationen, die das Andenken an die Opfer pflegen? Warum wurde nur an Polen gedacht und nicht auch an Juden?

Ebenfalls denkbar ist, das Kreuz sei aufgebaut worden, um Christus zu ehren, der in unserem christlichen Glauben in besonderer Weise in jedem leidenden Menschen gegenwärtig ist. Wenn dies zutrifft, stellt sich die Frage, warum die Kirchenverwaltung übergangen wurde, die als einzige verbindlich feststellen kann, ob Gott an einem solchen Unternehmen Gefallen findet oder auch nicht.

Die Namen der Personen, die eigenmächtig über die Aufstellung des Kreuzes auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube in Auschwitz entschieden haben, sind bekannt, vor allem in den kirchlichen Kreisen vor Ort. Es ist nicht meine Aufgabe, sie hier aufzuführen. Ich will nur so viel sagen, daß es sich um Menschen aus der Umgebung der sogenannten Verteidiger des Karmeliterinnenklosters handelt, die zahlreiche Anstrengungen unternommen haben, um den Umzug der Schwestern in ein anderes Kloster zu vereiteln, das nur 500 Meter entfernt von dem Alten Theater, das die Schwestern bewohnen, entstehen soll. Katholiken und Juden hatten diesen Umzug im Frühjahr 1987 gemeinsam während eines Treffens in Genf beschlossen.

Weil ich an diesem Treffen teilgenommen habe, möchte ich einige unzutreffende Einschätzungen zu diesem Thema korrigieren. 1987 in Genf gab es weder Sieger noch Besiegte. Die jüdische Seite akzeptierte die Präsenz des Karmeliterinnenklosters in unmittelbarer Nähe des Lagers (aber außerhalb des Schutzstreifens). Weiter war sie einverstanden, daß direkt neben dem Kloster ein Zentrum des Dialogs aufgebaut werden sollte (nach katholischer Vorstellung sollte das Karmel-Kloster dessen geistiges Zentrum sein). Die katholische Seite stimmte dem Umzug der Schwestern aus dem Alten Theater in ein neues Kloster zu. Diese Entscheidungen fielen beiden Seiten nicht leicht. Die Genfer Verständigung war - am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts - ein seltenes Beispiel dafür, wie Dialog, Vernunft und Toleranz siegen können in Fragen, die unlösbar scheinen - wie es ja häufig vorkommt, wenn religiöse und geistige Symbole und Werte miteinander in Kollision geraten.

Mit der Aufstellung des Kreuzes auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube und im Lager Auschwitz verfolgten die Initiatoren und Betreiber des Projektes die Absicht, diesem Stückchen Erde und dem zugehörigen Kloster einen Status sakraler Unberührbarkeit zu verleihen. Zu kommunistischen Zeiten wurde diese Methode viele Jahre lang angewandt, um kirchliche Güter zu schützen. Im allgemeinen akzeptierten die Kommunisten solche ausgewiesenen Plätze - manchmal aus Achtung für die religiösen Überzeugungen der Gläubigen, zuweilen sogar aus abergläubischer Furcht vor dem Heiligen, meistens jedoch einfach des "lieben Friedens" wegen.

Woher stammt nun das Kreuz, das gegenwärtig auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube steht? Es ist das Kreuz, vor dem Johannes Paul II. in Birkenau während seiner ersten Pilgerreise nach Polen im Jahr 1979 ein Abendmahl zelebrierte. Die damaligen Anforderungen rechtfertigten so ein monumentales Kreuz. Denn zu der Feier in Birkenau kamen riesige Menschenmengen, und das Kreuz war der einzige Orientierungspunkt, der den Teilnehmern ermöglichte, Altar und Standort des Papstes zu lokalisieren. Natürlich vermittelte das Kreuz als inhaltlicher "Wert" den allerbesten "Kommentar" zu dem Ort und der liturgischen Zelebrierung. Nach den Feierlichkeiten wurde es entfernt und in einer der Pfarrgemeinden von Auschwitz deponiert.

In einigen Publikationen trifft man auf die Formulierung "päpstliches Kreuz". Dies ist keine korrekte Bezeichnung. Von einem päpstlichen Kreuz könnte man nur dann sprechen, wenn es speziell vom Papst geweiht und für das Gelände der ehemaligen Kiesgrube vorgesehen worden wäre. So war es jedoch nicht. Und auch die Information der Presse, der Papst habe bei dem Kreuz auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube eine heilige Messe abgehalten, muß berichtigt werden. Johannes Paul II. hat niemals eine heilige Messe auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube zelebriert.

Seit vielen Wochen vermehren sich die Initiativen zur Verteidigung des Kreuzes in Auschwitz. Alle Anzeichen von Haß, Intoleranz und auch Antisemitismus, die bei diesen Gelegenheiten zum Vorschein kommen, müssen kategorisch verurteilt werden. Gleichzeitig muß man die Protestierenden verstehen, von denen die Mehrheit im besten Glauben handelt. Sie sind fest davon überzeugt, daß sie das Kreuz vor Entweihung schützen und das Andenken an die Ermordeten bewahren. Sie protestieren nicht aus Fanatismus, sondern aus einem Gefühl der Bedrohung heraus, einer Bedrohung dessen, was für sie und für alle Gläubigen das wertvollste sein sollte: die Liebe zu Christus und die Ehrerbietung für die Nächsten, denen brutal das Leben genommen wurde.

Den Hintergrund für diese Proteste bilden Unwissenheit und mangelnde Kenntnis der Realität. Das Problem des Auschwitzer Kreuzes ist demnach nicht das Problem der Protestierenden, sondern all derer, die den Protestierenden Klarheit vermitteln sollten, dies aber unterlassen. Hier würde ich drei Kategorien von Personen unterscheiden. Zur ersten Kategorie gehören diejenigen, die selbst nicht viel über das Kreuz wissen. Sie sind nicht informiert, äußern sich aber trotzdem und schlagen dabei hohe theologisch-vaterländische Töne an: Glauben an Christus, Patriotismus, Ehre für die Opfer. Sie lösen in den Seelen der Gläubigen die edelsten Reflexe aus, rufen aber in ihren Herzen auch Dämonen hervor (natürlich nicht in allen).

Die aus der zweiten Kategorie kennen die ganze Wahrheit über das Kreuz - aber sie verdrehen sie. Sie wissen, aber desinformieren. Es steht mir nicht an zu beurteilen, ob sie bewußt oder unbewußt vorgehen. Wenn sie bewußt handeln, sollten sie sich an die Botschaft von Christus erinnern.
Zur dritten Kategorie schließlich gehören die, die alles wissen, aber schweigen. Sie reagieren nicht und geben vor, es sei nicht ihre Angelegenheit. Sie irren sich, weil die Proteste aus ganz Polen kommen und nicht nur aus bestimmten Regionen. Die Schuld von Personen der zweiten und dritten Kategorie besteht darin, daß sie den Hilfsbedürftigen keine Hilfe zuteil werden lassen. Helfen könnten sie, indem sie die Wahrheit über das Kreuz in Auschwitz sagen und durch zutreffende moralische und theologische Informationen das Gewissen formen und aufklären.

Die Verlegung des Kreuzes vom ehemaligen Gelände der Kiesgrube an einen anderen würdigen Platz - auf das Land bei der Kirche neben dem neuen Karmel-Kloster - bedeutete keineswegs eine Entweihung dieses religiösen Symbols oder fehlende Achtung für Christus, den das Kreuz symbolisiert. Während seiner Pilgerfahrt nach Polen hat der Papst vor vielen Kreuzen eucharistische Feiern abgehalten. Keines von ihnen verblieb an seinem ursprünglichen Ort. Einige wurden verlegt, andere demontiert. Niemand sprach damals von einer Entweihung dieser Kreuze.

Es ist verständlich, daß das Kreuz, das neben dem Kloster aufgestellt wurde, das Kloster an seinen neuen Ort begleiten sollte. Eine Verlegung des Kreuzes wäre nicht gleichbedeutend damit, daß das Gelände der ehemaligen Kiesgrube erneut von einer dicken Schicht des Vergessens bedeckt werden würde wie in den Jahren 1945 bis 1989.

Alle sind sich darin einig, daß an das Martyrium der Menschen, die hier ermordet wurden, in angemessener Form erinnert werden soll. Die konkrete Form des Gedenkens sollte mit allen Seiten abgesprochen werden - auch mit jüdischen Vertretern. Wenn auch nur ein einziger Jude an diesem Ort ermordet wurde, müssen Juden in diese Konsultation einbezogen werden.

Der grundsätzliche Vorbehalt, den Juden gegen die heutige Form des Gedenkens an diesem Ort vorbringen, betrifft nicht so sehr das Kreuz selbst (das wird akzeptiert), sondern seine Monumentalität. In der Presse wurde dieses Thema völlig zu Unrecht ironisiert. Das Kreuz ist vom Inneren des Lagers zu sehen, auch wenn man vor dem Todesblock steht. Und das kann den geistigen Frieden von Juden, die das Lager besuchen, wirklich stören. Um die Empfindungen von anderen zu verstehen, muß man kein Psychologe sein. Ein bißchen menschliches Herz reicht aus.

Wird die Eskalation der katholischen Proteste noch größer werden und soll das Leiden der Juden unendlich andauern? Die Lösung des gegenwärtigen Problems von Auschwitz, das einen Teil der polnischen Katholiken und Juden entzweit, kann derzeit nur ein kleiner Raum auf dem Lagerterrain bringen: die Todeszelle von Pater Kolbe (für uns Katholiken der heilige Maximilian).

Brauchen wir Christen und - gemeinsam mit uns, erlaube ich mir demütig zu sagen - Menschen guten Willens ein anderes Denkmal im Lager von Auschwitz? Wenn jemand materielle religiöse Symbole braucht, so findet er sie in ausreichender Anzahl in der Zelle von Pater Kolbe (Block 10 im Lager, im sogenannten Todesblock). Die Zelle von Pater Kolbe zeigt uns allen einen Weg, eine Welt ohne Todeszellen aufzubauen, ohne Haß, im Geist von Liebe und Dialog, im Geist von Demut angesichts der enormen Schwierigkeit, die Welt zu interpretieren (alle müssen wir hier demütig sein, Gläubige wie Nichtgläubige), im Angesicht von Leiden, das die Menschheit peinigt und des Bösen, das so oft zur Herrschaft drängt. Denkmalstreitereien sollten wir beiseite legen. Die ersten Christen hatten fast 150 Jahre lang nach Christi Tod keine Kreuze, Heiligenbilder, Gotteshäuser, Grabsteine und Denkmäler. Sie wußten eines - daß sie die neuen Geschöpfe in Christus sind - und das reichte ihnen, um Gott und die Nächsten zu lieben.

Das Christentum braucht keine Monumente - die sind von Natur aus heidnisch und dienen dazu, zu verblüffen, zu erdrücken und andere zu demütigen. Christus fand und findet keinen Gefallen an "Monumentalitäten" - er wurde in einem Stall geboren und starb den Tod der römischen Sklaven an einem Holzkreuz. Wollen wir, Christen, besser sein als unser Meister ?

Priester Stanislaw Musial (60 Jahre) - Jesuit, in den Jahren 1986 bis 1995 Sekretär der Kommission des polnischen Episkopates für den Dialog mit dem Judentum. 1987 in Genf spielte er eine entscheidende Rolle beim Abschluß der Verständigung mit jüdischen Organisationen im Streit um den zukünftigen Ort des Karmeliterinnenklosters in Auschwitz. Bis 1991 redigierte er die Wochenzeitschrift "Tygodnik Powszechny" mit.

 

[nach oben]

Die jüdische Gemeinschaft*

Dariusz Szamel
Aus dem Polnischen: Katrin Steffen

In jüdischen Kreisen nimmt man an, daß in Polen etwa 6.000 bis 15.000 Menschen jüdischer Herkunft leben. Sie wohnen hauptsächlich in Städten in Zentralpolen (Warschau, Lodz), Kleinpolen (Krakau), Ober - und Niederschlesien sowie Pommern. Einige charakteristische Merkmale unterscheiden diese Gemeinschaft von den anderen Gruppen, die in diesem Band vorgestellt werden. Hier sind vor allem die Folgen des Holocaust zu nennen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden nicht nur annähernd 90 Prozent der polnischen Juden ermordet, gleichzeitig wurde auch eine jahrhundertlange Kontinuität jüdischen religiösen, sozialen und kulturellen Lebens ausgelöscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Aktivitäten dieser Gemeinschaft, wie auch die anderer Minderheiten, zunächst künstlich gestoppt, bevor sie ab 1949/1950 von der Regierung auf jeweils eine einzige Organisation eingeschränkt wurden - die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen (Towarzystwo Spoleczno-Kulturalnego Zydów w Polsce [TSKZ]). Seit 1945/1946 reiste die Mehrheit derjenigen, die den Holocaust überlebt hatten, in mehreren Emigrationswellen aus.

Eine sehr wichtige Zäsur bildete für die jüdischen Kreisen das Jahr 1968. Die jüdische Frage wurde damals für die Machtkämpfe an der Regierungsspitze instrumentalisiert. Die Mehrheit der noch in Polen verbliebenen, bereits assimilierten Juden wurde in einer demütigenden Atmosphäre zur Emigration gezwungen. Diese Ereignisse Ende der sechziger Jahre spalteten das jüdische Milieu in Polen. Diejenigen, die nicht ausreisten, erlagen einer tiefgehenden Polonisierung oder stimmten weiteren, schmerzhaften Kompromissen gegenüber der Regierung zu.

Gleichzeitig begann in den siebziger Jahren ein Prozeß der Rückkehr von Personen aus assimilierten Familien zu den jüdischen Wurzeln. Dieser Prozeß ist bis heute nicht abgeschlossen und beeinflußt die Gestalt des jüdischen Milieus in Polen maßgeblich. Neben einigen wenigen Vertretern der ältesten Generation von polnischen Juden, denen es gelungen ist, ihre jüdische Identität während der gesamten Zeit der Volksrepublik zu bewahren, wird derzeit die mittlere Generation immer aktiver und zahlreicher. Sie stammt oft aus assimilierten Familien, in denen eine Entscheidung über die Identität im Erwachsenenalter getroffen wurde. Über die Zukunft der Gemeinschaft polnischer Juden wird die jüngste Generation entscheiden, die jüdische Jugend, die ihre Identität ebenfalls bewußt wählt.

Nach Meinung vieler aktiver Funktionäre in den jüdischen Organisationen läßt sich die jüdische Gemeinschaft nicht als nationale Minderheit definieren. Stanislaw Krajewski beispielsweise meint, die Juden "was immer sie auch sind, ganz bestimmt sind sie keine nationale Minderheit wie zum Beispiel die ukrainische Minderheit (...). Die jüdische Minderheit ist so weitgehend etwas ganz eigenes, daß alle Schemata, wie sie beispielsweise in dem Gesetz über nationale, ethnische oder religiöse Minderheiten vorkommen, nicht zutreffen." Jüdische Aktivisten heben gemeinhin ihre enge Verbindung mit dem polnischen Volk hervor, ihre Bindung an jüdische Tradition verschmilzt mit polnischem Patriotismus (So schrieb Konstanty Gebert, aktives Mitglied der jüdischen Gemeinschaft in Polen, im Jahre 1996: "Polen ist unser Vaterland (...) in Polen, bei mir zu Hause fühle ich mich als Hausherr). Wie einer der führenden jüdischen Jugendlichen bemerkte, ist "die Mehrheit derjenigen, die Polen nicht für ihren Staat halten, bereits ausgereist." Seiner Ansicht nach ist die jüdische Jugend trotz solcher Ereignisse wie der faschistischen Kundgebung in Auschwitz im April 1996 "sehr patriotisch und fühlt, daß das unser Land ist, unser Vaterland, seit Jahrhunderten waren wir hier und werden wir hier sein". Viele dieser Jugendlichen kommen aus polnisch-jüdischen oder polonisierten Familien, in denen jüdische Traditionen seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt wurden. Hier läßt sich von einer, dieses Milieu kennzeichnenden, doppelten Identität sprechen: einer jüdischen und einer polnischen Identität.

Hervorhebenswert ist auch die Vielfalt polnisch-jüdischer Initiativen für einen Dialog und für besseres Verständnis. Die ersten Kontakte dieser Art entstanden bereits Anfang der siebziger Jahre als Reaktion auf die antisemitische Kampagne der Regierung (1968). Begegnungsorte von Juden und Polen entstanden unter anderem in katholischen Institutionen und Kreisen (das Zweite Vatikanische Konzil bewirkte eine Veränderung in der Einstellung vieler Christen den Juden gegenüber). Zu solchen gemein-samen Aktivitäten gehörte die informelle Woche der Jüdischen Kultur, die 1973 von jungen Mitgliedern des Warschauer Klubs der katholischen Intelligenz initiiert wurde, in der man zugleich Aufräumungsarbeiten auf dem jüdischen Friedhof an der Okopowa-Straße durchführte. Einige katholische Zeitungen und Verlage veröffentlichten Arbeiten, die sich der jüdischen Kultur näherten oder sie selbst mitgestaltet hatten. Auch außerhalb katholischer Kreise wurden, besonders nach dem Jahr 1980, entsprechende Werke veröffentlicht.

Nach 1989 nahmen ähnliche Aktivitäten offizielle und institutionelle Formen an. Es entstanden Initiativen von staatlicher Seite (so der in den Jahren von 1991 bis 1995 existierende Rat für die Polnisch-Jüdischen Beziehungen beim Präsidenten der Republik Polen), von der katholischen Kirche (die Kommision des Episkopates für den Dialog mit dem Judentum, das Institut für den Katholisch-Judaistischen Dialog bei der Akademie für Katholische Theologie in Warschau ) oder auch von Privatpersonen (der Polnische Rat von Christen und Juden, die Polnisch-Israelische Freundschaftsgesellschaft, die Edith-Stein-Gesellschaft). Unter diesen Initiativen ragt besonders das Festival Jüdischer Kultur positiv heraus, das in Krakau von Polen organisiert wurde, die von dieser Kultur fasziniert waren.1997 fand das Festival zum siebten Mal statt. Die Organisatoren des Festivals bemühen sich sowohl um ein hohes künstlerisches Niveau als auch um eine Wirksamkeit in die Breite. Wissenschaftliche Institutionen an der Krakauer und Warschauer Universität erforschen die Vergangenheit der Juden in Polen und machen sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

Obwohl viele dieser aufgeführten Unternehmungen elitären Charakter haben, führen sie doch dazu, daß sich die polnisch-jüdischen Beziehungen günstiger entwickeln als beispielsweise die polnisch-litauischen oder polnisch-ukrainischen Beziehungen.

Die jüdischen Organisationen in Polen und ihre kulturellen Aktivitäten

In Polen gibt es keine Organisation, die für die ganze jüdische Gemeinschaft repräsentativ wäre. Etwas vereinfachend könnte man sagen, daß jede Generation polnischer Juden innerhalb anderer Strukturen handelt. Davon unabhängig werden jedoch beispielsweise die jüdischen Feiertage gemeinsam begangen.
Die älteste jüdische Generation, die Überlebenden des Holocaust, engagiert sich in der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Polen, im Verein Jüdisches Historisches Institut und im Verband Jüdischer Veteranen und Opfer der Verfolgungen während des Zweiten Weltkriegs.

Die 1950 entstandene Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen (TSKZ) ist die größte jüdische Organisation. Den 16 Regionalgesellschaften (Bielsko-Biala, Dzierzoniów, Beuthen, Danzig, Gleiwitz, Kattowitz, Tschenstochau, Krakau, Stettin, Liegnitz, Lublin, Lódz, Waldenburg, Breslau, Sorau, Warschau) gehören etwa 3.000 Personen an. In den Räumen der Zweigstellen treten Schauspieler des jüdischen Theaters auf, es gibt Vorträge und Lesungen. In einigen Vertretungen werden Jiddisch-Kurse angeboten wie derzeit in Danzig. Die jüdischen Feiertage und der Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstandes werden feierlich begangen. In einem Zentrum der Gesellschaft in Sródborów bei Otwock finden Veranstaltungen zur Bildungs- und Kulturarbeit statt. Im Sommer 1996 nahmen dort etwa 200 Kinder und Jugendliche an einem Ferienlager teil. Die Gesellschaft gibt die alle zwei Wochen erscheinende Zeitung "Dos Jidisze Wort - Slowo Zydowskie" [Das jüdische Wort] heraus. Die TSKZ ist im Jüdischen Weltkongreß und im Europäischen Kongreß der Juden vertreten. Auf der letzten Versammlung der Organisation im März 1996 wurde erneut Szymon Szurmej zum Vorsitzenden gewählt.

Das Staatliche Jüdische Esther Rachel Kaminska -Theater in Warschau und die Amerikanisch-Polnisch-Israelische Stiftung zur Förderung der Polnisch-Jüdischen Kultur "Shalom" sind mit der TSKZ verbunden. Das jüdische Theater, das seit 1970 von Szymon Szurmiej geleitet wird, entstand 1950 aus der Zusammenlegung zweier jiddischsprachiger Theater in Breslau und Lódz. Die Stiftung "Shalom" wurde 1991 mit dem Ziel gegründet, die polnisch-jüdische Kultur in Polen und der Welt zu fördern. Sie organisierte 1995 einen Wettbewerb zur Einschickung von Fotos über das jüdische Leben in Polen und stellte sie anschließend im Warschauer Museum aus. 1996 erschien ein Bildband von dieser Ausstellung mit dem Titel "I ciagle widze ich twarze" [Immer wieder sehe ich ihre Gesichter]. Gemeinsam mit der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Polen und dem israelischen Bildungsministerium organisierte die Stiftung auch mehrfach einen Wettbewerb zur "Geschichte und Kultur der polnischen Juden", an dem sich Jugendliche der Oberschulen beteiligen konnten und beteiligten. Geleitet wird die Stiftung von Golda Tencer.

Für viele Juden bleibt die wichtigste organisatorische Struktur auch weiterhin die Jüdische Gemeinde. Ihre Funktion erschöpft sich nicht in religiösen Aktivitäten, denn traditionell gehört zu den grundlegenden Aufgaben der Gemeinde eine breite edukative, karitative und kulturelle Arbeit, wie sie auch für die hier bereits angeführten Organisationen typisch ist (mehr zum Verband der Jüdischen Kultusgemeinden in der Republik Polen im Abschnitt über Religion).

Der 1947 entstandene Verein Jüdisches Histori-sches Institut (ZIH) ist die älteste jüdische Organisation in Polen. Bis 1994 war das Jüdische Historische Institut als wissenschaftliches Zentrum dem Verein angegliedert. In diesem Jahr wurde es in das selbständige staatliche wissenschaftliche Zentrum Jüdisches Historisches Institut - Wissenschaftliches Forschungsinstitut (ZIH-INB) umgestaltet. Der Verein ZIH blieb sowohl Eigentümer des Gebäudes als auch der Bibliotheksbestände und der Museums- und Archivsammlungen und arbeitet mit dem ZIH-INB zusammen, um die Bestände zu konservieren und zugänglich zu machen. Neben der rein wissenschaftlichen Tätigkeit ist das Institut auch darum bemüht, die Erkenntnisse aus der Forschung einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Die Mitarbeiter organisieren Kurse für Lehrer über die Geschichte der Juden in Polen und geben populärwissenschaftliche Ausarbeitungen und Quellensammlungen in der Editionsserie des Jüdischen Historischen Instituts heraus. Vierteljährlich erscheint die wissenschaftliche Zeitschrift "Bulletin des Jüdischen Historischen Instituts" (Biuletyn ZIH). Direktor des ZIH-INB ist Prof. Dr. Feliks Tych.

Der Verein ZIH arbeitet derzeit hauptsächlich daran, ein Museum für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau aufzubauen. Das Museum soll das Andenken an die tausendjährige Geschichte der Juden in der polnischen Republik bewahren. Alle Aspekte jüdischen Lebens - die Religion, die Kultur, die Gebräuche, das wirtschaftliche und soziale Leben und der jüdische Beitrag zur Geschichte Polens sollen möglichst vollständig dokumentiert werden. Das Museum für die Geschichte der polnischen Juden, konzipiert als ein modernes, erzählendes Museum, kann eine außergewöhnlich wichtige erzieherische Funktion sowohl für Polen als auch für Juden erfüllen. Unterstützt wird das Projekt von so bekannten Personen wie dem ehemaligen Staatspräsidenten Israels, Chaim Herzog (er wurde Vorsitzender des internationalen Ehrenkomitees für den Museumsbau), dem derzeitigen deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog und Prof. Zbigniew Brzezinski. Vorsitzender der internationalen Programmkommission, die die Einzelheiten der Museumskonzeption ausarbeitet, ist Jeshajahu Weinberg, der das Holocaust-Museum in Washington und das Diaspora-Museum in Tel Aviv konzipiert hat. In einigen Ländern wurden Gesellschaften und Freundschaftskomitees für das Museum ins Leben gerufen (an der Spitze des Warschauer Komitees steht der Stadtpräsident von Warschau Marcin Swiecicki). Das Museum für die Geschichte der polnischen Juden soll auf dem Platz neben dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos gebaut werden. Der Rat der Gemeinde Warschau-Zentrum hat bereits ein 13.000 qm großes Grundstück auf der Basis eines kostenlosen Nutzungsrechtes angewiesen. Vorstandsvorsitzender des Vereins ZIH ist Prof. Michal Friedman, Direktorin Dr. Grazyna Pawlak.

Nach 1990 entstanden zwei neue Organisationen für Personen, die den Holocaust überlebt haben: Der "Verband der Jüdischen Veteranen und Opfer der Verfolgungen während des Zweiten Weltkrieges" und der Verein "Kinder des Holocaust". Der Veteranenverband zählt etwa 1.200 Mitglieder, die sich auf dreizehn Regionalverbände aufteilen. In dem Regionalverband in Warschau gründete sich eine historische Kommission, die unter anderem Berichte und Erinnerungen aus der Zeit der Vernichtung der Juden sammelte. Diese Erinnerungen wurden 1996 publiziert. Der Verband kümmert sich auch um das Andenken an die während des Zweiten Weltkriegs gefallenen polnischen Soldaten jüdischer Herkunft (unter anderem in Katyn) und setzt sich dafür ein, ihre Gräber kenntlich zu machen. Die Funktionäre des Verbandes nehmen auch an den Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Arbeit des "Rates zur Judenhilfe" (Zegota) teil und bemühen sich darum, daß denjenigen Polen, die während des Zweiten Weltkrieges Juden gerettet haben, Veteranenprivilegien zuerkannt werden. Der Verband J üdischer Veteranen und Opfer von Verfolgungen während des Zweiten Weltkrieges ist Mitglied in der weltweiten Föderation Jüdischer Veteranen mit Sitz in Israel. Geleitet wird der Verband von Arnold Mostowicz.

Der Gesellschaft "Kinder des Holocaust" gehören Personen an, deren Kindheit in die Zeit des Zweiten Weltkrieges fiel und die wegen ihrer Herkunft von den Deutschen zur Ausrottung bestimmt waren. Die Gesellschaft wurde im September 1991 registriert, sie hat etwa 500 Mitglieder. 1993 wurde im Verlag der Gesellschaft das Buch "Kinder des Holocaust sprechen" (Dzieci Holocaustu mówia) veröffentlicht, in dem die Lebensläufe von 63 Mitgliedern der Gesellschaft rekonstruiert werden. Das nächste Buch mit Erinnerungen aus der Zeit der Vernichtung kam 1996 heraus. Darin sind Berichte von Zeugen des Holocaust veröffentlicht, Polen wie Juden, die auf einen Aufruf der Gesellschaft und der Wochenzeitung "Polityka" hin eingeschickt wurden. Die Gesellschaft gibt unregelmäßig ein Bulletin heraus und arbeitet sowohl im Bildungssektor als auch auf dem Gebiet der Selbsthilfe. Vorstandsvorsitzender ist Prof. Dr. Jakub Gutenbaum.

Die Mehrheit der Mitglieder der jüdischen Organisationen, bzw. der Personen, die mit ihnen in Kontakt stehen, befinden sich bereits im fortgeschrittenen Alter. Vielen von ihnen gelang es, den Krieg unter dramatischen Umständen zu überleben. Der karitativen Arbeit für diese Gruppe hat sich die Zentrale Jüdische Karitative Kommission angenommen, die im Rahmen des Verbandes der Jüdischen Kultusgemeinden tätig ist und von Feliks Lipman geleitet wird. Der Kommission gehören Vertreter verschiedener jüdischer Organisationen und Gesellschaften an.

Neben den bereits angeführten jüdischen Organisationen, die in erster Linie die ältesten Mitglieder dieser Gemeinschaft vereinigen, sollen hier auch die Initiativen der mittleren Generation vorgestellt werden. Nach 1990 gründeten sie die Stiftung "Jüdisches Forum" (Forum Zydowskie). Den Vorsitz im Vorstand dieser Stiftung hat Dr. Stanislaw Krajewski inne, der gleichzeitig informeller Kopf dieses Milieus ist. Grazyna Pawlak gründete und leitet den Sportverein "Maccabi". Eine interessante und charakteristische Initiative des "Jüdischen Forums" ist das 1996 ins Leben gerufene "jüdische Vertrauen-stelefon".

Integrationszentren für die jüngste Generation polnischer Juden sind die Polnische Union Jüdischer Studenten (Polska Unia Studentów Zydowskich [PUSZ]) und die Redaktion der Zeitschrift "Jidele". Die Polnische Union Jüdischer Studenten existiert seit etwa fünf Jahren, wurde offiziell aber erst im Frühjahr 1995 registriert. Die Studentenunion ist eine Jugendorganisation, die sich weder als religiös noch politisch versteht und etwa 100 Mitglieder in einigen großen polnischen Städten zählt (Warschau, Breslau, Stettin, Lódz, Danzig, Kattowitz). Die Union organisiert für ihre Mitglieder Seminare, Vorträge und gesellschaftliche Treffen, insgesamt etwa drei bis vier Veranstaltungen im Jahr (zum Beispiel ein Feuer am Tag Israels oder ein Jugendlager in Verbindung mit Aufräumungsarbeiten auf dem örtlichen jüdischen Friedhof). Die Studentenunion konzentriert sich zur Zeit auf die interne Arbeit für ihre Mitglieder, obwohl sie in Ausnahmesituationen auch Forderungen an die Regierung erhebt. Vorsitzender von PUSZ ist Jerzy Filipowicz.

In Krakau arbeiten jüdische Jugendliche an der Gründung eines Jugendforums der Nationalen Minderheiten "Für uns und andere" ("Sobie i innym") mit. In Breslau entstand 1991 die "Hawurah Le Limud Jahadut" - Gesellschaft zum Kennenlernen des Judaismus. Diese Gesellschaft leitet Jerzy Kichler. Eines seiner Ziele ist, die jüdischen Kulturdenkmäler in Niederschlesien zu erhalten.

Die Mehrheit der jüdischen Organisationen in Polen ist in der Koordinierungskommission der Jüdischen Organsiationen in Polen vereinigt. Diese Kommission ist ein Diskussionsforum und ein Ort, an dem gemeinsame Standpunkte der einzelnen Vertreter der verschiedenen jüdischen Kreise in Polen erarbeitet werden. Der Vorsitzende wird halbjährlich aus den Reihen der Vorsitzenden jener Organisationen gewählt, die in der Kommission vertreten sind.
Mit Kindern und Jugendlichen jüdischer Herkunft arbeitet die in Polen seit Ende der achtziger Jahre tätige Ronald S. Lauder Foundation. Diese Stiftung verfolgt das Ziel, das erwachende sozial-kulturelle jüdische Leben in Ostmitteleuropa zu unterstützen. In Polen konzentriert sich die Lauder Foundation auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen jüdischer Herkunft, wobei sich die meisten von ihr unterstützten Initiativen in Warschau befinden. Dort finanziert sie die seit 1989 existierende jüdische Vorschule sowie die 1994 gegründete private Grundschule Lauder-Morascha-School, unterstützt die Arbeit der Polnischen Union Jüdischer Studenten, den Sportverein Maccabi und die Herausgabe der Zeitschriften "Midrasz" und "Jidele". In Jugendklubs in Warschau, Breslau, Lódz, Krakau und Danzig organisiert die Stiftung Unterricht in jüdischer Religion und Kultur. Demselben Ziel dienen Kurse in Sommer- und Winterlagern in Rychwald in den Beskiden. Die Schulungen in den Jugendklubs und den Ferienkursen beeinhalten unter anderem Hebräisch-Unterricht, Vorträge über die Bibel und den Talmud, jüdische Musik und die jüdischen Feiertage. Etwa 2.000 Personen stehen in Kontakt mit der Stiftung, deren Arbeit Rabbi Michael Schudrich koordiniert.

Das seit 1992 in Warschau tätige Bildungs- und Informationszentrum für Jüdische Kultur nimmt eine Servicefunktion gegenüber anderen jüdischen Organisationen wahr, indem es Bildungsmaterialien zur jüdischen Kultur zur Verfügung stellt und Schulungen für das Führungspersonal dieser Gemeinschaft organisiert. An den Seminaren des Zentrums nehmen Vertreter der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Polen, der Lauder Foundation, der Polnischen Union Jüdischer Studenten, der Gesellschaft "Kinder des Holocaust" und des Jüdischen Forums teil. Die Arbeiten des Zentrums leitet Helena Datner.

Kontakte mit Vertretern der Regierung

Parlament

Im Rahmen der Treffen der Sejmkommission für Nationale und Ethnische Minderheiten mit den Minderheitenorganisationen kommt es auch zu Zusammenkünften mit Repräsentanten der jüdischen Organisationen (eines dieser Treffen fand am 11.10.1994 statt). Die Vertreter des Verbandes der Jüdischen Kultusgemeinden beteiligten sich auch an der Arbeit der Sejmkommission, die sich dem Gesetz zur Regelung des Rechtsstatus der jüdischen Religion widmete.

Organe der Exekutive

Es gibt keine Institution, die sich mit der Gesamtheit der polnisch-jüdischen Beziehungen beschäftigte und somit ein entsprechender Partner für die j üdische Gemeinschaft in Polen wäre. In den Jahren 1991-1995 gab es einen Rat für Polnisch-Jüdische Beziehungen bei dem Präsidenten der Republik Polen. Mit dem Ende der Präsidentschaft von Lech Walesa stellte auch dieser Rat seine Arbeit ein. In der Kanzlei von Aleksander Kwasniewski beschäftigt sich die für politische Strategie zuständige Gruppe mit den polnisch-jüdischen Beziehungen.

Für diese Beziehungen sind mehrere staatliche Ämter zuständig: Die Kanzlei des Ministerpräsidenten, das Ministerium für Inneres und Verwaltung, das Außenministerium (in diesem Ministerium gibt es einen Bevollmächtigten für die Kontakte mit der jüdischen Diaspora, den Botschafter Krzysztof Sliwinski), das Ministerium für Kultur und Kunst (hier arbeitet ein Büro für die Kultur der nationalen Minderheiten, das für die Bezuschussung von kulturellen und herausgeberischen Initiativen der nationalen Minderheiten verantwortlich ist) und das Bildungsministerium.

Die einzelnen Kontakte der Regierung mit Repräsentanten jüdischer Organisationen drehen sich in erster Linie um die Regelung von zwei Fragen: den Status des Konzentrationslagers von Auschwitz-Birkenau und den Rechtsstatus der jüdischen Kultusgemeinden. Charakteristisch für die jüdische Gemeinschaft in Polen ist, daß sich internationale jüdische Organisationen gleichfalls für die Regelung dieser Problemeverantwortlich fühlen und sie in Gesprächen mit der polnischen Regierung aufgreifen. So wurden sie unter anderem im April 1996 während eines Treffens von Präsident Aleksander Kwasniewski mit Vertretern der Koordinierungskommission der Jüdischen Organisationen in Polen und des Europäischen Kongresses der Juden diskutiert.

Öffentliche Zuwendungen für die jüdischen Organisationen

Zuwendungen für die Kulturarbeit der jüdischen Organisationen kommen hauptsächlich aus dem Haushalt des Ministeriums für Kultur und Kunst und werden durch das Büro für die Kultur der Nationalen Minderheiten zuerkannt (bis 1995 durch das Büro für Nationale Minderheiten des Ministeriums für Kunst und Kultur). Von diesem Fonds profitierte fast ausschließlich die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen, die 1996 180.000 Zloty erhielt. Zu-sätzlich wurden 9.000 Zloty für die Zeitschrift "Jidele" bereitgestellt. Insgesamt erhielten jüdische Organisationen 1996 also 189.000 Zloty. Der größte Teil der Zuwendung für die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen ist für die Herausgabe der Zeitschrift "Slowo Zydowskie" vorgesehen, die verbleibende eher niedrige Summe wird für die kulturelle Tätigkeit der regionalen Vertretungen der Gesellschaft eingesetzt.

1995 überwies das Bildungsministerium im Rahmen einer Zuwendung für verschiedene Bildungsverbände eine Summe von 20.000 Zloty für den von der TSKZ organisierten Wettbewerb "Geschichte und Kultur der polnischen Juden". Aus dem Staatshaushalt wird auch die Tätigkeit des Staatlichen Jüdischen Theaters in Warschau finanziert. Finanzielle Unterstützung für die kulturelle und religiöse Tätigkeit der polnischen Juden kommt auch von dem American Jewish Joint Distribution Committee.

Massenmedien

Der Verband der jüdischen Kultusgemeinden bereitet religiöse Programme für das Polnische Radio vor. Sie werden am Vortag der wichtigsten jüdischen Feiertage im Radio BIS gesendet, das zu der Aktiengesellschaft Polskie Radio S.A. (Polnisches Radio) gehört. 1996 wurden vier solcher Sendungen aufgezeichnet (am Vorabend der Feiertage Pessach, Schawuot, Rosh Ha Schana und Jom Kipur). Sporadisch thematisieren auch andere Radio- und Fernsehprgramme jüdische Fragen.

Die älteste jüdische Zeitung ist "Dos Jidisze Wort - Slowo Zydowskie". Diese Zeitschrift ist die Fortsetzung der in den Jahren 1946 bis 1991 erschienenen "Folks-Sztyme". "Slowo Zydowskie" ist eine zweiwöchig erscheinende, zweisprachige Zeitung (polnisch und jiddisch) in einer Auflage von etwa 1.100 Exemplaren (drei Viertel der Auflage geht an Empfänger im Ausland!). Die Zeitung wird von der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Polen unter der Chefredaktion von Adam Rok herausgegeben.

Unregelmäßig erscheint seit 1992 die Zeitschrift "Jidele." Diese von der jüngsten Generation polnischer Juden hergestellte Zeitung erscheint ausschließlich in polnischer Sprache. Während "Slowo Zydowskie" nur strikt jüdische Themen anspricht, erscheinen in "Jidele" auch Texte allgemeineren Charakters (zum Beispiel zur Nationalitätenpolitik Polens). Die Redakteure von "Jidele" wollen die Zeitung zu einem Begegnungsort von Juden, Polen und anderen Nationalitäten machen. Seit der ersten Nummer arbeitet Bogna Pawlisz als Chefredakteur von "Jidele".
"Midrasz", eine neue jüdische Monatsschrift, die seit April 1997 in einer Auflage von 3.200 erscheint, und deren Chefredakteur Konstanty Gebert ist, könnte bald zur wichtigsten Zeitschrift der polnischen Juden werden. Sie richtet sich auch an polnische Leser.

Schulwesen

Seit dem Zusammenbruch des gesellschaftlichen Lebens der polnischen Juden nach 1968 gab es keine offizielle Bildungsarbeit mit jüdischen Kindern mehr. In kleinerem Maß nahmen sich einige regionale Verbände der TSKZ dieser Aufgabe an (in den achtziger Jahre beispielsweise in Warschau). Ende der achtziger Jahre wurde diese Arbeit von der Lauder Foundation finanziell unterstützt und erheblich ausgeweitet. Seit 1989 finanziert die Stiftung in Warschau eine jüdische Vorschule, die die einzige Vorschule dieser Art in Polen ist und im Schuljahr 1995/1996 von dreißig Kindern besucht wurde.
Im September 1994 entstand in Warschau die erste jüdische Grundschule nach über einem Vierteljahrhundert, die Lauder - Morasha-School. Diese private Schule wird ebenfalls von der Lauder Foundation finanziert. Das Lehrprogramm umfaßt Unterricht in Hebräisch und Einführung in die jüdische Kultur. Im Schuljahr 1996/1997 gingen etwa 60 Kinder in die fünf ersten Klassen der Schule. Sowohl die Vorschule als auch die Schule stehen allen Interessenten offen, unabhängig von ihrer Nationalität oder dem religiösen Bekenntnis. Ein wachsender Bedarf für Schulen ähnlichen Charakters ist auch in Breslau und Krakau vorhanden.

Religionsausübung

Die religiösen polnischen Juden werden von dem Verband der Jüdischen Kultusgemeinden in der Republik Polen (Zwiazek Gmin Wyznaniowych Zydowskich w RP) repräsentiert (bis 1992 nannte sich diese Organisation Religiöser Verband Mosaischen Glaubens (Zwiazek Religijny Wyznania Mojzeszowego). Der Verband der Jüdischen Kultusgemeinden ist der Nachfolgeverband der Jüdischen Gemeinden aus der Vorkriegszeit (die jüdische Gemeinschaft war damals die größte nicht-christliche religiöse Gemeinschaft in Polen). Zu dem Verband gehören neun Kultusgemeinden in den folgenden Städten: Kattowitz (mit Filialen in Beuthen, Tschenstochau, Gleiwitz und Posen), Krakau, Liegnitz, Lódz, Stettin (mit einer Filiale in Kolberg), Warschau (mit Filialen in Lublin und Bialystok), Breslau (mit Filialen in Dzierzoniów, Waldenburg und in Sorau bei Zagan), Danzig und Bielsko-Biala. In jeder dieser Gemeinden werden Gottesdienste in Synagogen, Bethäusern oder in dafür hergerichteten Räumen abgehalten. Die Häufigkeit der Gottesdienste hängt unter anderem von der Anzahl der Gläubigen in den einzelnen Gemeinden ab. Neben der Religionsausübung bemühen sich einzelne Gemeinden um karitative (die überwiegende Mehrheit ihrer Mitglieder sind Menschen in sehr fortgeschrittenem Alter) und Bildungsarbeit. Gebrechliche und schwerkranke Gemeindemitglieder werden von den Gemeinden gepflegt. Acht koschere Kantinen gaben 1995 mehr als 70.000 Essen aus. Am Sitz des Verbandes in Warschau gibt es auch eine Apotheke, die Bestellungen aus ganz Polen entgegennimmt. In den Synagogen finden Vorträge und Konzerte jüdischer Musik statt. Jedes Jahr gibt der Verband der Jüdischen Kultusgemeinden einen illustrierten Kalender heraus, den "Jüdischen Almanach", und beteiligt sich an der Herausgabe eines polnisch-hebräischen Gebetbuches. Seit Mai 1997 ist Jerzy Kichler Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Kultusgemeinden. Zu den jüdischen Gemeinden in Polen gehören etwa 2.000 Personen.

Rabbi Pinchas Menachem Joskowicz erfüllt seit 1989 die Aufgaben eines Obberrabiners von Polen und Rabbiners von Warschau. Neben ihm und dem bereits erwähnten Rabbi Michael Schudrich von der Lauder Foundation arbeiten in Polen noch Rabbi Morejno in Lódz und Rabbi Sa'sa Pecaric in Krakau.

Probleme

Zu den am häufigsten von jüdischer Seite angesprochenen Problemen in Polen gehören der Rechtsstatus der Jüdischen Gemeinden und die Lösung der materiellen Fragen, die mit dem Erbe der früheren Gemeinden zusammenhängt. Ähnlich wie im Fall anderer Kultusgemeinschaften in Polen wird der rechtliche Status der jüdischen Religion durch ein Gesetz über die Beziehung des Staates zu den Jüdischen Kultusgemeinden geregelt, das den Sejm am 20. Februar 1997 passierte. An diesem Gesetz wurde zwei Jahre lang gearbeitet und es ist ein Kompromiß zwischen den Vertretern des Verbandes der Jüdischen Kultusgemeinden und der Abteilung für Religion im damaligen Amt des Ministerrates. Der Gesetzestext wurde darüberhinaus auf den Sitzungen des Koordinierungskomitees der Jüdischen Organisationen mit weiteren jüdischen Institutionen beraten.

Das Gesetz regelt die Ausübung der Religion, den Religionsunterricht, die Arbeit der karitativen, Bildungs- und Fürsorgeinstitutionen, die Gesundheitspflege sowie den Zugang zu den Massenmedien. Weiter ist das Recht auf Befreiung von der Arbeit oder dem Schulunterricht an jüdischen religiösen Feiertagen festgeschrieben. Auch die Vermögensangelegenheiten der jüdischen Gemeinden werden in dem Gesetz geregelt, indem ein Eigentumsrecht an allen Immobilien garantiert wird, die derzeit im Besitz der jüdischen Gemeinden sind. Geht es um das Eigentum der Gemeinden vor dem Zweiten Weltkrieg, so gibt das Gesetz den Verwaltungsweg vor, auf dem die Gemeinden die Rückgabe konkreter Immobilien beantragen können. Diese Anträge werden von einer speziellen Kommission behandelt, die sich aus Vertretern der Jüdischen Gemeinden und der staatlichen Verwaltung zusammensetzt. Analog ist die Situation anderer Religionsgemeinschaften in Gesetzen geregelt.

Die Forderung nach Rückgabe einiger Vorkriegsimmobilien, die im Besitz der jüdischen Gemeinden waren, wurde - ganz unabhängig von ihrem Verhältnis zur Religion - von verschiedenen jüdischen Kreisen in der Überzeugung erhoben, daß die jüdischen Gemeinden genauso behandelt werden sollten wie andere Bekenntnisse.

Alle jüdischen Organisationen gehen gegen antisemitische Äußerungen vor. Betont wird die Tatsache, daß in Polen antisemitische Handlungen nicht bestraft werden, und Personen, die trotz des bestehenden Verbotes Haß gegen andere Nationalitäten verbreiten, straffrei bleiben. Die Zeitung "Slowo Zydowskie" registriert jegliche Anzeichen von antisemitischen Vorurteilen. Auch einzelne jüdische Organisationen reagieren auf Auftritte dieser Art. Zu Beginn ihres Bestehens protestierte die Polnische Union Jüdischer Studenten gemeinsam mit einigen polnischen Organisationen gegen die Verbreitung von faschistischen und antisemitischen Druckerzeugnissen auf dem Gelände der Universität Warschau. Diesem Protest wurde Rechnung getragen und der Verkauf solcher Erzeugnisse auf dem Gelände der Universität verboten. Widerstand rufen auch antisemitische Auftritte öffentlicher Personen hervor. Nach der durch die Medien verbreiteten Predigt von Priester Henryk Jankowski im Juni 1995, die allgemein als antisemitisch eingeschätzt und verurteilt wurde, erstattete ein Mitglied der Polnischen Union Jüdischer Studenten Anzeige gegen Jankowski beim Breslauer Staatsanwalt (im März 1997 stellte der Staatsanwalt das Verfahren ein).

Zu Wahlkampfzeiten häufen sich antisemitische Auftritte und Publikationen, angefangen mit den Wahlen im Juni 1989. Auch während des Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahlen in der zweiten Jahreshälfte 1995 kam es zu antisemitischen Äu-ßerungen. Die Koordinierungskommission der Jüdischen Organisationen erstattete damals Anzeige gegen die Autoren antisemitischer Erzeugnisse.

Die jüdischen Organisationen forderten, in die neue Verfassung einen Paragraphen aufzunehmen, der antisemitische Auftritte verbietet. Die Polnische Union Jüdischer Studenten richtete 1995 gemeinsam mit einer Antifaschistischen Gruppierung einen Appell an die Verfassungskommission, in den Entwurf der neuen Verfassung ein "Verbot von rassistischer und Nazi-Propaganda" aufzunehmen. Allerdings wird auch gesehen, daß sich die gesellschaftliche Mentalität allein durch Verbote nicht ändert, sondern daß dazu auch gut vorbereitete Bildungsprogramme notwendig sind.

Die Regelung des speziellen Status für das Museum in Auschwitz und dessen Umgebung.

Das Lagergelände, der größte Friedhof des jüdischen Volkes, hat für die Juden eine besondere Bedeutung. Es ist das Symbol für den Holocaust während des Zweiten Weltkriegs. Nach Kriegsende wurde nicht nur die Tatsache verschwiegen, daß die Mehrheit der Opfer in Auschwitz Juden waren, sondern es kam auch zu Vorgängen, die von jüdischen Kreisen als Versuch der "Christianisierung" und Polonisierung des Lagers eingeschätzt wurden. In den achtziger Jahren führte das Karmeliterinnen-Kloster auf dem ehemaligen Lagergelände zu Konflikten. In den neunziger Jahren führte die Kundgebung, die von jungen Nationalisten um Boleslaw Tejkowski im Frühjahr 1996 auf dem Lagergelände organisiert wurde, ebenso zu Auseinandersetzungen wie die christlichen Symbole in dem ehemaligen Lager Auschwitz-Birkenau und der Versuch, in unmittelbarer Nähe des Lagers, einen Supermarkt zu errichten.

In einem Brief an den damaligen Premierminister Cimoszewicz vom 9.4.1996 forderten die Polnische Union Jüdischer Studenten und die Antifaschistische Gruppe im Zusammenhang mit den Auftritten faschistischer Organisationen in Auschwitz die sofortige Entlassung des Bielsker Wojewoden, der diese Demonstrationen genehmigt hatte.

Die Unterstüztung für die kulturellen, karitativen und gesellschaftlichen Aktivitäten der jüdischen Organisationen vonseiten der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung.
Die jüdischen Organisationen in Polen werden in nur geringem Maß aus dem Staatshaushalt gefördert. Sie fordern höhere Zuwendungen, zum Beispiel für karitative und soziale Projekte, die der Verband der Jüdischen Kultusgemeinden in der Republik Polen durchführt.

Für den geplanten Bau des Museums für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau ist eine weitere Hilfe von staatlichen Stellen und der Stadtverwaltung Warschaus notwendig. Auch eine weitere offizielle Unterstützung seitens des polnischen Staatspräsidenten und anderer hoher Regierungsstellen für das Projekt ist für das Ansehen des Projektes von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Die Bildungsarbeit unter Kindern und Jugendlichen jüdischer Herkunft erfährt keine staatliche Förderung. Die Lauder Foundation, die die private jüdische Grundschule in Warschau in einer angemieteten Wohnung unterhält, bemüht sich bei der Stadtverwaltung um ein Baugrundstück. Die jedoch hat ihre anfänglichen Versprechen, ein Baugrundstück zur Verfügung zu stellen, bisher nicht wahrgemacht.

Forderungen im Bildungsbereich.

Von vielen jüdischen Gruppen wird die Notwendigkeit betont, Bildungsprogramme auszuarbeiten, um die Mentalität der Menschen zu ändern. Dazu gehören Lehrpläne zur Geschichte Polens, die die Multikulturalität und Multiethnizität des polnischen Staates in der Vergangenheit aufzeigen, ebenso wie die schnelle Umsetzung der Empfehlungen der polnisch-israelischen historischen Kommission.

Dialog zum Thema der gemeinsamen Geschichte von Polen und Juden.

Vertreter von jüdischen Gruppen verlangen eine würdevolle Ehrung derjenigen Polen, die während des Zweiten Weltkriegs Juden gerettet haben und fordern, ihnen Veteranenprivilegien zuzuerkennen. Betont wird auch die Notwendigkeit, die Nachkriegsgeschichte gerecht zu beurteilen - sowohl die tragischen Ereignisse nach Kriegsende (Pogrom in Kielce 1946 und Mordfälle an Juden in anderen Städten, der Antisemitismus eines Teils des polnischen Untergrunds) als auch beispielsweise die antisemitische Kampagne in den Jahren 1967 bis 1968. Gerade zu diesen Themen meldet sich der Verband Jüdischer Veteranen und Opfer der Verfolgungen während des Zweiten Weltkriegs häufig zu Wort. Nach 1990 protestierte diese Organisation gegen den Versuch, die Nationalen Streitkräfte (Narodowe Sily Zbrojne - NSZ) und einige andere Abteilungen des polnischen Untergrunds (zum Beispiel die Abteilung von Józef Kuras - "Ognia" (Feuer) zu rehabilitieren.

Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen fordert regelmäßige Sendungen im öffentlichen Fernsehen und Radio (zum Beispiel 30 Minuten einmal im Monat) über das Leben der jüdischen Gemeinschaft in Polen.
Die jüdischen Institutionen verlangen weiter, koschere Lebensmittel, die von den jüdischen Gemeinden oder jüdischen religiösen Stiftungen aus dem Ausland eingeführt werden, von Zöllen zu befreien. Das Recht religiöser Juden auf ein Leben in Einklang mit den Vorschriften ihrer Religion ist in Polen durch den schwierigen Zugang zu koscheren Lebensmitteln stark eingeschränkt. In Polen kann man praktisch keine koscheren Lebensmittel kaufen, und der Zoll für die eingeführte Lebensmittel aus dem Ausland ist ebenso hoch wie für alle anderen Lebensmittel. Trotz der Bemühungen der jüdischen Seite wurde ein Recht auf zollfreie Einführung einer bestimmten Menge von koscheren Lebensmitteln nicht in den Gesetzentwurf aufgenommen, das die Situation der jüdischen Religion regelt.

Im Zusammenhang mit der Arbeit der Sejmkommission für Nationale und Ethnische Minderheiten an dem Gesetz über nationale Minderheiten halten es einige jüdische Vertreter für notwendig, einen eigenen Abgeordneten in den Sejm zu entsenden (im Rahmen der Wahlordnung für die Minderheiten). Diese Ansicht kann jedoch nicht als offizieller Standpunkt der jüdischen Seite gelten, sondern wird von Einzelpersonen vertreten. Daher wurde sie auch nicht auf den Sitzungen des Koordinationskomitees der Jüdischen Organisationen in Polen diskutiert.

Zusammenfassung

Das Museum Auschwitz-Birkenau

Beeinflußt von den Konflikten um das Lager wurde unter der Leitung des Wojewoden von Bielsko-Biala und des Präsidenten von Auschwitz ein "Auschwitz-Programm" erarbeitet, das eine "Umgestaltung der Stadt in ein internationales Kongreß,- Seminar- und Bildungszentrum" vorsieht. Dieses Programm wurde mit Repräsentanten jüdischer Organisationen in den USA besprochen und auch die Selbstverwaltungsgremien aus der Umgebung von Auschwitz und die Vereinigung der Roma in Polen konnten ihre Vorstellungen einbringen. Obwohl die programmatischen Arbeiten noch nicht ganz beendet sind, beschloß die Regierung im Oktober 1996, einige der Vorhaben bereits zu realisieren. Am 8. Oktober 1996 wurde ein sogenanntes Strategisches Regierungsprogramm für Auschwitz angenommen, das vorsieht, bis zum Jahr 2007 in Auschwitz ein Internationales Kongreß- und Seminarzentrum aufzubauen. In einer ersten Phase (bis 2001) soll der Schutzstreifen um das Museum bearbeitet werden, wozu auch die Modernisierung des Kommunikationssystems gehört. Seit Ende 1997 arbeitet der Wojewode von Bielsko-Biala, Andrzej Sikora, als Bevollmächtigter der Regierung für die Realisierung des Programms. Ein eigenes Gesetz über das Lager Auschwitz-Birkenau, das das Ministerium für Kunst und Kultur vorbereitet, soll die Erhaltung des Lagergeländes und die Grenzen des Schutzstreifens um das Lager regeln.

Offensichtlich ist es notwendig, daß neben den rechtlichen Bestimmungen, die den einmaligen Charakter des Lagers berücksichtigen, auch eine aktivere Haltung der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltungsgremien der Wojewodschaft Bielsko-Biala und von Auschwitz notwendig ist, um solche Konflikte wie 1996 (zum Beispiel die Kundgebung faschistischer Organisationen auf dem Lagergelände) zu verhindern. Unabdingbar ist eine breite Information über die Bedeutung von Auschwitz für Polen und für Juden. Schließlich war Auschwitz in der offiziellen Geschichtsschreibung der Volksrepublik Polen in erster Linie ein Ort, an dem Polen gelitten haben, während es für die jüdische Gemeinschaft eben der größte Friedhof dieses Volkes ist. Viele Polen haben auch Schwierigkeiten zu akzeptieren, daß jüdische Gruppen gegen die religiösen Symbole auf dem Lagergelände eintreten. Ohne einen breiten Dialog und gegenseitige Zugeständnisse, an deren Ende die Akzeptanz von unterschiedlichen Sensibilitäten steht, kommen beide Seiten nicht weiter. Die Sitzungen des internationalen und interreligiösen Museumsrates Auschwitz sind bereits jetzt ein gutes Forum für die Anerkennung und das Verständnis dieser Sensibilitäten.

Das Problem des Antisemitismus

Ausmaß und Charakter des sog. polnischen Antisemitismus gehören zu den umstrittensten Problemen in den polnisch-jüdischen Beziehungen. Im Januar 1997 veröffentlichte Untersuchungen zeigen, daß Unwissen und stereotype Einschätzungen über die Rolle der Juden in der polnischen Geschichte weiterhin verbreitet sind. Der Prozentsatz derjenigen, die nicht einmal über Grundkenntnisse der Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen verfügen, ist sehr hoch. Andererseits kommen Aktionen offener Feindschaft (wie der Versuch, im Februar 1997 die Warschauer Synagoge abzubrennen) eher selten vor. Es wurde versäumt, die aufeinander folgenden feierlich begangenen historischen Jahrestage (50. Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstandes, der Befreiung von Auschwitz-Birkenau, des Pogroms in Kielce) zu nutzen, um verschiedene Aspekte der gemeinsamen Geschichte in der Öffentlichkeit bekannter zu machen: Der Mangel an gut durchdachten Bildungsprogrammen in diesem Bereich ist weiterhin offensichtlich.

Zweifellos hat die Haltung der katholischen Geistlichkeit einen großen, allerdings nur schwer präzise zu beschreibenden Einfluß auf eine Veränderung der Einstellung von Polen gegenüber Juden. 1991 veröffentlichte das polnische Episkopat ein grundlegendes Dokument, den "Brief der polnischen Bischöfe". Darin betonten die Bischöfe, daß die Gläubigen beider Religionen viel miteinander verbinde, und daß jegliche Form von Antisemitismus im Widerspruch zum Geist des Evangeliums stehe. In dem "Brief" werden die Juden gebeten, denjenigen Polen zu verzeihen, die während des Zweiten Weltkrieges Juden die Hilfe verweigerten, obwohl sie dazu in der Lage gewesen wären. Hier sollte auch noch angemerkt werden, daß der erwähnte Auftritt von Priester Henryk Jankowski, der die öffentliche Meinung aufwühlte, vom polnischen Episkopat verurteilt wurde (wie auch der Versuch, die Warschauer Synagoge in Brand zu stecken).

Polnische staatliche und lokale Institutionen haben ebenso wie Nicht-Regierungsorganisationen zweifellos die Aufgabe, die Spuren der Vergangenheit und die Erinnerung an das jüdische Volk und seine Geschichte auf polnischem Boden zu bewahren. In diesem Kontext sollte man - sowohl in dokumentarischer wie auch erzieherischer Hinsicht - die große Bedeutung betonen, die dem geplanten Museum für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau zukommt. Darüberhinaus besteht aber auch die Notwendigkeit, die Ausstellungen zur Stadtgeschichte der meisten regionalen Museen Polens um die Geschichte der Juden zu ergänzen.

Hilfe für die jüdischen Organisationen

Neben den rechtlichen Regelungen hat die Hilfe, die den jüdischen Organisationen durch die staatliche Verwaltung und die Selbstverwaltungsgremien zukommt, einen wesentlichen Stellenwert. Die öffentlichen Zuwendungen decken nur einen kleinen Teil des Bedarfs der jüdischen Gruppen. Aktiv beteiligen sich internationale jüdische Organisatione daran, die bestehenden Probleme zu lösen und die polnischen Juden finanziell zu unterstützen. Diese Tatsache sollte jedoch den Umfang von staatlichen Hilfen für die jüdischen Gesellschaften in Polen nicht negativ beeinflußen.

Die jüdische Gemeinschaft in Polen ist nicht sehr groß. Noch kleiner ist der Kreis derer, die in traditionellen jüdischen Familien aufgewachsen sind und "schon immer" Juden waren. Allmählich verschwindet die Generation, die den Holocaust unmittelbar erlebt hat. Die jüngste Veränderung auf dem Posten des Vorsitzenden des Verbandes der Jüdischen Kultusgemeinden, den nun Jerzy Kichler innehat, ist ein symbolischer Akt: die Verantwortung für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Polen wird von einer neuen Generation übernommen.

Vor den jüdischen Kreisen steht heute das Problem der eigenen Identitätsfindung. Damit verbindet sich ein fortschreitender Prozeß, in dessen Verlauf es zu einer Integration der jüdischen Kreise kommen wird. Vielleicht führt dieser Prozeß dazu, daß eine repräsentative Struktur für die gesamte jüdische Gemeinschaft in Polen entsteht. Jedoch wird dieser Integrationsprozeß erschwert, weil es an eindeutigen Führungskräften mangelt und die bestehenden Organisationen eher schwach sind. Und nicht zuletzt wird die Integration auch dadurch behindert, daß zur Identifizierung mit der jüdischen Gemeinschaft in Polen manchmal noch immer großer Mut aufgebracht werden muß.

[nach oben]

* Dieser Artikel erschien zuerst in polnischer Sprache in: Mniejszosci narodowe w Polsce. Praktyka po 1989 roku. [Nationale Minderheiten in Polen. Die Praxis nach 1989], Warszawa 1989.