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TRANSODRA 18, Oktober 1998, S. 175 - 191

Polnische Beschäftigung mit den Lagern für Deutsche nach 1945

Wojciech Pieciak, Die unterbrochene Kindheit des Gerhard Gruschka

 

Nachdem es in Polen schon fast selbstverständlich geworden ist, sich mit dem . Thema der Vertreibung der Deutschen nach 1945 kritisch zu beschäftigen, beginnt . man jetzt - noch zögernd - sich auch an die Lager für Deutsche nach Ende des Krieges 1945 zu erinnern. Die Zeitung "Tygodnik Powszechny" behandelte dieses Thema, indem sie einen langen Artikel über Gerhard Gruschka veröffentlichte, dessen Buch über das Lager in Zgoda- Schwientochlowitz (ehemalige Außenstelle des Konzentrationslagers Auschwitz) inzwischen auch ins Polnische übersetzt wurde. Einige Ausgaben vorher veröffentlichte sie eine Rezension des Buchs von Helga Hirsch über Deutsche in polnischen Lagern 1944 - 1950, die allerdings von einem deutschen Korresponden.en in Warschau verfaßt worden war. (Vielleicht . traute sich in Polen noch niemand an dieses Thema heran?) Helga Hirsch beschäftigt sich in ihrem Buch vor allem mit Bydgoszcz (Bromberg), Potulice (Potulitz) und Schwientochlowitz (Swietochlowice). Bereits im Dezember 1994 hatte sie in der "Zeit" (Nr. 49, 2.12.94) Recherchen über das Lager in Schwientochlowitz-Zgoda in einem Dossier "Die Rache des Kommandanten" (Solomon Morel) geleistet. Wie sie selbst schreibt, entstand ihr Interesse an diesem Thema als Reaktion auf die kontroverse Debatte über die Frage der Veröffentlichung des Buchs von John Sack "Auge um Auge", das schließlich vom Verlag eingestampft, . später jedoch von einem anderen (kleineren) veröffentlich wurde. Bei den Recherchen für ihr im Januar 1998 erschienenes Buch war Helga Hirsch in Polen auf große Schwierigkeiten gestoßen. Jede Akte, die sie (im Staatlichen Archiv in Warschau) zu sehen bekam, sei vorher vom Archivdirektor oder seinem Stellvertreter geprüft und dann unvollständig ausgehändigt worden. Das Vorgehen in den polnischen Archiven sei nicht von Regeln, sondern von Willkür geprägt gewesen. Insofern habe sie auch keinen detaillierten Überblick über sämtliche Lager geben können, sondern sich auf Erlebnisberichte ihrer Zeugen gestützt und das Buch bewußt vor allem aus der Sicht der Betroffenen geschrieben. Der Hauptteil ihres Buches beschäftigt sich mit dem Lager in Potulitz. In Potulitz, 20 km westlich von Bromberg gelegen, befand sich während des Krieges eine Außenstelle des Konzentrationslagers Stutthof, in dem die SS polnische Zivilisten, ukrainische und jüdische Kinder interniert hatte. 1945 hatte der polnische Sicherheitsdienst das Lager übernommen und dort Deutsche interniert. Am 5. September 1998 wurde jetzt am Ort des früheren Lagers in Potulitz eine Gedenktafel angebracht, deren Inschrift auch an die deutschen Opfer des Lagers erinnert. 3.500 Deutsche waren in den Jahren 1945 bis 1950 in diesem Lager umgekommen. Stanislaw Gapinski, Pensionär und Vorsitzender der Polnischen Vereinigung ehemaliger politischer Gefangener in Nazi-Gefängnissen und Konzentrationslagern und der pensionierte deutsche Arzt Gustav Bekker hatten diese Initiative ergriffen und ein gemeinsames Gedenken polnischer und deutscher Opfer ermöglicht. "Beide waren sie 9 Jahre alt, als sie interniert wurden - der eine im Januar 1942, der andere im Sommer 1946. Beide saßen sie in der Kinderbaracke, die die Nummer 28 trug. ... Potulice war das letzte Internierungslager für Deutsche, es wurde 1950 aufgelöst. Hier saßen 35.000, in allen Lagern zusammengenommen 120.000 Deutsche. Mindestens 20.000 von ihnen dürften umgekommen sein." (Helga Hirsch in Die Zeit, Nr. 37, 3.9.98) Die private Initiative von Gustav Bekker und Stanislaw Gapinski stieß auf . öffentliche Unterstützung - die Wojewodin von Bromberg nahm an der Gedenkfeier teil.

In der Berliner Zeitung (12./13.9.1998) berichtet H. Hirsch über ein Gespräch mit Witold Kulesza, seit April 1998 neuer Direktor der "Hauptkommission zur Untersuchung der Verbrechen am polnischen Volk". Kulesza habe auf eine Regelung von 1991 zurückgegriffen, nach der die Hauptkommission auch bei Bürgern nicht polnischer Nationalität tätig werden kann, wenn Verbrechen auf polnischem Boden begangen wurden. In sieben Fällen habe die Hauptkommission Ermittlungen aufgenommen: bei Deutschen, die aus ihrer schlesischen Heimat vertrieben werden sollten; bei Mitgliedern der deutschen Minderheit in Polen, die enteignet, zur Zwangsarbeit verpflichtet und in Lagern interniert wurden und bei deutschen Kriegsgefangenen, die auf dem Weg zurück in die Heimat aufgegriffen worden waren. In zwei Fällen wird wegen Mordes ermittelt. Die Hauptkommission ist zur Führung von Prozessen auf die Staatsanwaltschaft angewiesen. Das Oppelner Wojewodschaftsgericht hat jetzt Zeugenaussagen von der Staatsanwaltschaft Hagen angefordert, um wegen jener 48 Todesfälle zu ermitteln, um die es in einem bereits im Jahre 1977 eingeleiteten Verfahren gegen Czeslaw Geborski (Kommandant des Lagers in Lamsdorf) gegangen war.
Sie finden im folgenden den Artikel über Gerhard Gruschka, den wir aus dem Tygodnik Powszechny übersetzt haben und fügen für eventuell Interessierte einige Literaturhinweise zum Thema an.

Literaturverzeichnis:

Gerhard Gruschka,
Zgoda - Ein Ort des Schreckens,
Neuried 1996 (in polnischer Übersetzung erschien das Buch von Gruschka im Frühjahr 1998 in einem Gleiwitzer Verlag)
Helga Hirsch,
Die Rache der Opfer,
Deutsche in polnischen Lagern 1944-1950, Berlin 1998

Die Rache des Kommandanten,
Zeit-Dossier, Die Zeit, Nr. 49, 2.12.1994

Rache ist eine Krankheit,
Die Zeit, Nr. 37, 3.9.1998

Der Fall von Lamsdorf,
Berliner Zeitung, 12./13.9.1998
John Sack,
Auge um Auge,
Die Geschichte von Juden, die Rache für den Holocaust suchten, Hamburg 1995

Oko za Oko,
Przemilczania historia Zydow, ktorzy w 1945 mScili sie na Niemcach, Gliwice 1995
Edmund Nowak,
Der Schatten von Lambinowice,
Oppeln 1994

Cien Lambinowic,
Proba rekonstrukcji dziejow Obozu Pracy w Lambinowicach 1945-1946, Oppeln 1991

Klaus Bachmann,
Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten des heutigen Polen im Spiegel der Geschichtsschreibung und der öffentlichen Meinung in Polen,
Transodra Nr. 12/13, September 1996 (insbes. S. 51 ff.)
Piotr Madajczyk,
Przylaczenie Slaska opolskiego do Polski, 1945-1948,
Warszawa 1996

Tygodnik Powszechny, 14.7.1996
Zygmunt Woznicka,
Z gornego Slaska do sowieckich Lagrow,
Kattowitz 1996


 

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Die unterbrochene Kindheit des Gerhard Gruschka

Wojciech Pieciak, Tygodnik Powszechny, Nr. 17, 26.4.1998
Aus dem Polnischen: Kai Struve

Was kann ein dreijähriges Kind verstehen? Sicher nicht viel. Es erfaßt die Atmosphäre und Gefühle. Es empfindet, ob die Welt sicher ist. Auf diese Art erlebte Gerhard Gruschka zum ersten Mal in seinem Leben das, was er Jahre später "Vertreibung aus dem Paradies" nannte.
Zum kindlichen Paradies gehörte ein Löschwasserteich an der Grenze zum Haus der Gruschkas im Gleiwitzer Stadtteil Petersdorf. Gerhard, der dort zusammen mit Kindern aus der Nachbarschaft badete, erschien der Teich wie ein grenzenloses Meer. Aber am wichtigsten war die Wohnung. In den Bildern, die Gerhard in Erinnerung behielt, ist sie groß, sonnig und voller Schlupfwinkel. Und sie hatte auch ein Bad. Solche modernen Wohnungen baute die Bezirkseisenbahndirektion, bei der sein Vater, Heinrich Gruschka, als Bahnbeamter arbeitete. In dieser Wohnung an der Johannisstraße kam Gerhard im Jahre 1930 zur Welt.

Aber damit endete für Gerhard die Welt noch nicht. In ihr war auch Platz für den Park, das heißt für den gefährlichen Wald, in den man nur zusammen mit der Mutter gehen durfte, und für die St. Bartholomäus-Kirche, in die die Mutter, Anna Gruschka, Gerhard oft mitnahm. Er, der jüngste in der Familie (die zwei älteren Brüder gingen schon zur Schule), liebte diese Expeditionen. Besonders jedoch liebte er die Einkäufe in der Bäckerei, bei denen er immer auf einen "Amerikaner", wie die runden, mit Zuckerguß bestrichenen Kuchen genannt wurden, rechnen konnte.

Vielleicht bewahrte Gerhard die Erinnerung an dieses Paradies deshalb so gut, weil eines Tages alles endete. Allerdings ist der Ausdruck "eines Tages" nicht präzise, da das Ende langsam kam, jedoch unabwendbar. Zuerst bemerkte er, daß die Stimmung zu Hause, die gewöhnlich laut und fröhlich gewesen war, gedrückt wurde. Es änderte sich auch der Tagesablauf: der Vater, der jetzt angespannt und ungeduldig war, ging morgens nicht mehr zur Arbeit. Und dann tauchte die Angst auf. In Gerhards Erinnerung hat sie das Aussehen einer Gestalt mit brauner Hose, Hemd und Mütze. Der braune Riese steht an der Schwelle und schreit die Mutter an, immer lauter und lauter, und Gerhard unter dem Tisch wundert sich, wozu der Riese so viele Riemen und Bänder hat.

Kurze Zeit später zogen die Gruschkas in den Stadtteil Hutnicza um, der aus Mietshäusern bestand, die Gerhard ewig schmutzig zu sein schienen. Dort, an der Kanalstraße, mieteten die Gruschkas ein Zimmer mit einer dunklen Innenküche, einem Waschbecken mit kaltem Wasser und einer Gemein-schaftstoilette im Treppenhaus.

Teil 1: Gerhard Gruschka trifft eine Wahl
Es dauerte lange, bis er erfuhr, wem er die "Vertreibung aus dem Paradies" zu verdanken hatte. Er war vielleicht dreizehn Jahre alt, als er ein Schreiben fand, das auf das Jahr 1933 datiert war. Die Eisenbahndirektion in Gleiwitz informierte Heinrich Gruschka, daß er entlassen werde und die Dienstwohnung ohne Anspruch auf eine Ersatzwohnung zu verlassen habe. Grund: Tätigkeit in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Denn sein Vater, der mit den Kindern über so ernste Themen nicht sprach, war nicht nur Reichsbahnbeamter, sondern auch aktives SPD-Mitglied. Außerdem war er Schöffe am Gleiwitzer Landgericht und Mitglied im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, einer Kampforganisation, die von der SPD zum Schutz von Versammlungen vor Angriffen nazistischer und kommunistischer Schlägertrupps gegründet worden war. Anna Gruschka, die sehr fromm war, stimmte jedoch immer - solange es Wahlen gab - für das katholische Zentrum. Und sie fürchtete um ihren Mann, der bei Auftritten auf SPD-Versammlungen nicht sehr wählerisch in seinen Worten war, wenn er, gegen die Nazis agitierend, erklärte: "Hitler bedeutet Krieg". Die Unterwürfigkeit, mit der das deutsche Volk sich dem Führer unterordnete, war die erste große politische Enttäuschung für Heinrich Gruschka. Gerhard hat ein Bild seines Vaters am Küchentisch in Erinnerung behalten: sein Vater liest eine Nazi-Zeitung (andere gab es nicht), legt sie ab, bedeckt das Gesicht mit den Händen und seufzt: "Blödes Volk" ... Es ist das Jahr 1934. Der arbeitslose Heinrich Gruschka verfällt in Depressionen und beginnt, sich unvorsichtig zu benehmen: er antwortet nicht auf den Gruß "Heil Hitler"; er hängt auch nie - solange die Familie in Petersdorf wohnt - die Hakenkreuzflagge heraus. Aber da sich die staatlichen Feiertage vermehren, kommen oft SA-Männer in die Wohnung. Dann spricht die Mutter mit ihnen: Laßt meinen Mann in Ruhe, sagt sie, er versteht nichts, er wurde bei Verdun schwer am Kopf verletzt (was der Wahrheit entsprach).

Anna Gruschka konnte hart sein. Sie hatte Angst, aber sie kämpfte. Und kämpfen mußte sie, da die Wohnung schon einem neuen Mieter, einem SA-Mitglied, zugeteilt worden war.
Gerhard erinnert sich heute: - Mutter versuchte verschiedene Tricks, damit wir möglichst lange bleiben konnten. Dieser SA-Mann kam und erregte sich, warum die Wohnung noch nicht leer sei. Dann nahm sie sofort die Gardinen ab, um zu zeigen, daß sie etwas tut ...

Die Kanalstraße war ein Arbeiterbezirk und lag an der Grenze zu Polen: am Ende der Straße war schon der Grenzübergang sichtbar. Der letztgenannte Umstand störte die Gruschkas nun nicht gerade. Mit dem Polentum hatten sie, trotz des Namens nichts zu tun, obgleich in der Gegend von Ratibor (Raciborz), Stolmütz (Tlustomosty) und Rakau (Rakow), aus der Anna und Heinrich stammten, sich niemand mit der nationalen Herkunft beschäftigte. Gerhard erinnerte sich lange an die Empörung seiner Großmutter über die Frage des kleinen Jungen, ob sie Deutsche oder Polin sei, da sie lieber polnisch spreche.

Für Gerhard war also die Nationalität kein Problem. Er wußte, daß eine Grenze existiert, da die Mutter von den Kontrollen erzählte, wenn sie ihre Schwester besuchen ging, die 1921 auf der polnischen Seite geblieben war. Er hörte von den Aufständen, die die Eltern in Gleiwitz erlebt hatten. In diesen Erzählungen kam die Angst vor den Kugeln vor. Es gab jedoch nicht die "guten" Deutschen und "bösen" Polen - was Gerhard sich erst viele Jahre später bewußt machte.

*

Währenddessen beginnt bei den Gruschkas die Not. Seine Mutter sorgt für den Unterhalt der Familie, sie näht und wäscht. Heinrich Gruschka erhält erst 1935 eine schlecht bezahlte Stelle als Arbeiter. Zur Arbeit ist es weit. Der Vater geht früh aus dem Haus, wenn Gerhard noch schläft, und kehrt erst in der Nacht zurück, wenn Gerhard schon eingeschlafen ist. Wenig später verschwindet er endgültig aus der Welt des Jungen. Er erhält einen Befehl zum Arbeitseinsatz in Sachsen, später dann in den Steinbrüchen bei Magdeburg.
Heinrich Gruschka verschwindet somit aus der Kanalstraße. Er wohnt irgendwo weit weg, in Baracken kaserniert. Diese Kasernen sind nicht von Wachen umgeben, aber ohne Erlaubnis entfernen darf man sich nicht. Die Familie kann er einmal im Jahr besuchen; der Urlaub dauert zwei Wochen. Heinrich Gruschka bemüht sich deshalb, Urlaub zu bekommen, wenn der halbwüchsige Gerhard Ferien hat (die zwei älteren Brüder sind schon in der Wehrmacht). Diese seltenen Zeiten verbringen Vater und Sohn bei Verwandten in Rakau. Dort ist es wunderbar: Wiesen, Felder und ein Fluß. Raum und Freiheit.

*

Die erste bewußte Wahl traf Gerhard, als er noch nicht zwölf Jahre alt war. Im Jahre 1940 beendete er die Grundschule, und als einziger Junge aus der Kanalstraße ging er aufs Gymnasium. Er war zehn Jahre alt. Das ist das Alter, in dem der Staat sich an den Menschen erinnert: von zehn bis 14 Jahren ist man im "Deutschen Jungvolk", den sogenannten "Pimpfen", um mit 14 Jahren in die "Hitlerjugend" überzutreten.
Gerhard erhält eine Aufforderung, bei welcher Jungenschaft er sich einzuschreiben habe. Aber hier entsteht ein Problem. Die Versammlungen des Jungvolks finden am Sonntagvormittag statt. Das ist die Zeit der Messe für Kinder. Die Sonntagsappelle werden somit zu einem Problem für Gerhard, ja zu einem Drama - er möchte zur Kirche gehen. Zu Gerhards Pflichten gehört die Verteilung der Tätigkeiten unter den Ministranten. Und er macht das gern, da er ein frommer Junge ist.

Aber bei den Sonntagsappellen überprüfen die Hordenführer die Anwesenheit besonders genau. Es beginnen Schwierigkeiten. Sie dauern zwei Jahre. Schließlich hetzen die Führer (Gerhards Altersgenossen) die Pimpfe auf. Gerhard wird verprügelt. Anschließend organisieren sie ein "Gericht", das befindet, er sei nicht würdig, Mitglied des Deutschen Jungvolks zu sein. In der Begründung, in einer krakeligen Kinderschrift verfaßt, stellt das "Gericht" fest, daß Gerhard "den Dienst am Altar dem Dienst für den Führer vorzieht".
Womit sollte sich Gerhard beschäftigen? Schließlich plant er, Theologie zu studieren. Er liest viel. Seine Welt sind Karl May und die Kirchengemeinde: an den Freitagen eilt Gerhard zum Gottesdienst in die Herz-Jesu-Kirche, an den Dienstagen in die St. Antonius-Kirche und an den Sonntagen zusätzlich zum Vespergottesdienst. Und außerdem zur täglichen Messe, bei der er vor der Schule ministriert.

Zum Beginn des Schuljahres füllen die Schüler einen Fragebogen aus. In die Rubrik "Zu welcher Organisation gehörst Du?" trägt Gerhard ein: "Zu keiner". Er erhält eine Aufforderung, zur Direktion zu kommen. Vor dem Direktor, einem NSDAP-Mitglied, liegt Gerhards Fragebogen. Als Deutscher mußt du organisiert sein, sagt der Direktor. Nach den Ferien gibt es wieder einen Fragebogen. In die Rubrik "Zu welcher Organisation ...?" trägt Gerhard ein: "Zu keiner".
Er erinnert sich: - Diesmal sagte der Direktor, wenn ich nicht organisiert sei, könne ich nicht auf dem Gymnasium bleiben. Ich begann zu weinen. Dann fragte er, ob ich singen könne. Bevor ich antworten konnte, daß ich kein musikalisches Gehör habe, befahl er mir, zum Gesangslehrer zu gehen und ihm zu sagen, daß er mich auf Anweisung der Direktion in den Chor des "Jungvolks" aufnehmen solle. Ich konnte auf der Schule bleiben.

*

Der Krieg dauert an. Die Brüder Johannes und Georg sind in der Wehrmacht (beide überleben). Für den kleinen Gerhard ist der Krieg jedoch nur die Ansammlung einiger Bilder.
Das erste Bild zeigt den 1. September 1939 und die Mutter, die Gerhard frühmorgens weckt; Worte, die das verschlafene Kind kaum erreichen (man müsse fliehen, polnische Aufständische hätten die Radiostation angegriffen und es sei Krieg); ein gepanzerter Wagen auf der Straße; der Durchmarsch von Soldaten; der Knall von Schüssen von der Seite der Kohlengrube; wieder Soldaten, aber nun in anderen Uniformen und ohne Waffen ... Einige Jahre später erinnert sich Gerhard an diesen Tag, als der Lehrer im Gymnasium sagt, daß die Wehrmacht 1939 nur auf einen polnischen Überfall geantwortet habe. Obgleich Gerhard von Politik nichts verstand, stimmten die Worte des Lehrers doch nicht mit dem überein, was er erinnerte.

Er behielt auch die sich wiederholende, seltsame Bezeichnung "Konzertlager". So sagte man: "Konzert-" statt "Konzentrationslager". Einige erzählten heimlich, daß es in jedem Lager ein aus Häftlingen bestehendes Orchester gebe. Aber vielleicht ging es auch darum, das angstmachende Wort vertrauter zu machen? Gerhard verstand nur, daß es nichts Gutes bedeutete.
Unverständlich war Gerhard auch ein anderes Ereignis, als er eines Tages wie immer "zu Barasch" gehen wollte. Das muß gewesen sein, als sein Vater keine Arbeit hatte und die Mutter, findig wie immer, einen billigen Laden entdeckt hatte. Der Eigentümer hieß Barasch.

Er erinnert sich: - Mama bat mich, einkaufen zu gehen. Ich sagte, dann gehe ich zu Barasch. Aber Mama antwortete: Nein, Barasch gibt es nicht mehr, er war Jude.
Aber am stärksten blieb Gerhard im Gedächtnis, was er an einem Januartag im Jahre 1945 sah. Er erzählt: - Auf dem Heimweg von der Schule traf ich eine Kolonne von Menschen in gestreifter Häftlingskleidung, die von SS-Männern getrieben wurde. Sie fielen nieder, und die SS-Männer schlugen wie im Rausch auf sie ein und schossen auf die Liegenden.
Die Russen betrachtete Gerhard als Befreier. Auch der Vater, der aus Magdeburg zurückgekommen war, sagte, daß es schlechter als unter Hitler nicht mehr kommen könne. Heinrich Gruschka glaubte, daß nun ein neues, demokratisches Deutschland entstehe. Ähnlich dachten auch andere SPD-Aktivisten, die begannen, sich bei Gruschkas in der Kanalstraße zu treffen. Aber obgleich die Front schnell über Gleiwitz hinwegging, begann das Schlimmste erst, als die sowjetischen Einheiten aus dem Hinterland eintrafen. Die Soldaten kamen auch zu den Gruschkas: sie nahmen sich die Koffer, warfen hinein, was ihnen unter die Hände kam und zogen weiter.

Gruschka: - Wir hatten Glück, um uns herum geschahen schlimmere Dinge. In unserem Haus vergewaltigten die Sowjets junge Mädchen. Im Nachbarhaus wohnte eine Freundin von mir, sie war 17 Jahre alt und sehr schön ... Ich kannte sie aus der Kirche. Sie widersetzte sich der Vergewaltigung, daraufhin haben sie sie erschossen.
Das, was sich nach dem Durchzug der Front und der Ankunft der Polen ereignete, war die zweite große politische Enttäuschung Heinrich Gruschkas. Gerhard hörte später, wie sein Vater, über den Küchentisch gebeugt, sagte: "Mein Gott, dafür habe ich die ganze Zeit gekämpft?"

Teil 2: Gerhard Gruschka lernt das Horst-Wessel-Lied
Nie werden wir erfahren, warum an jenem Apriltag des Jahres 1945 in die Kanalstraße Soldaten des NKWD kamen und Gerhard verhafteten. Einer der Nachbarn erzählte der Mutter später, daß die NKWDler zuerst eine Etage höher gegangen seien. Angeblich hätten sie einen Nachbarn, einen bekannten Aktivisten der Hitlerjugend, mitnehmen wollen. Es hieß auch, dessen Mutter hätte einen Zettel mit der Aufschrift "Typhus" an die Tür gehängt und den Russen erzählt, eine Etage tiefer wohne einer, der auch in der HJ gewesen sei. Und da die Russen Angst vor Typhus gehabt hätten, hätten sie Gerhard mitgenommen. So sagte man ... Auf jeden Fall war Anna Gruschka bis zu ihrem Tode davon überzeugt, daß es so gewesen ist.

Gerhard brachte in Erfahrung, daß er verdächtigt wurde, als HJ-Mitglied auf sowjetische Soldaten geschossen zu haben. Beweise hatte der NKWD jedoch nicht und überstellte den Häftling dem polnischen Sicherheitsdienst (UB). Die Ereignisse, die darauf folgten, beschreibt Gerhard Gruschka ein halbes Jahrhundert später in einer Aussage, die er vor einem Gericht in der Bundesrepublik Deutschland auf Bitten der Kattowitzer Abteilung der Hauptkommission zur Untersuchung von Verbrechen gegen das polnische Volk machte.

Aus der Aussage Gerhard Gruschkas: "Die sowjetischen Untersuchungsbeamten (...) überstellten mich der polnischen Miliz, deren Sitz sich in der ehemaligen Polizeikommandantur in Gleiwitz befand. Gleich am ersten Tag in der Zelle sah ich die Folterung eines meiner Mithäftlinge durch einen Milizoffizier. Ich kenne den Namen nicht, ich erinnere mich nur, daß er damals und auch später, als er auch mich folterte, wiederholte, daß er diese Methoden von der SS in Groß-Rosen gelernt habe. Ich stellte fest, daß im Unterschied zu den Sowjets die polnischen Untersuchungsbeamten an der Frage meiner Schuld überhaupt nicht interessiert waren. Die schmerzhaftesten Schläge bekam ich, als ich in Übereinstimmung mit der Wahrheit erklärte, ich sei 1942 aus dem Jungvolk geworfen worden und hätte im Zusammenhang damit Ärger in der Schule gehabt. (...) Während des Verhörs fand der Milizionär bei mir einen Rosenkranz, den mir meine Mutter bei der Verhaftung gegeben hatte und den die Russen mir erlaubt hatten zu behalten. Der Milizionär fragte mich, welcher Konfession ich angehöre, und als ich römisch-katholisch antwortete, warf er den Rosenkranz auf den Boden, zertrat ihn und schrie: "nix römisch-katholisch, du berlinski-katholisch".

In der zweiten Aprilhälfte 1945 wurde ich zusammen mit einer Gruppe von Verhafteten mit der Straßenbahn nach Swietochlowice gebracht, und von dort aus zu Fuß ins Lager Zgoda. (...) Die noch deutschen Aufschriften "Vorsicht, Hochspannung, Lebensgefahr" wiesen auf die tatsächlichen Erbauer hin. Aber wer von uns Häftlingen aus der "zweiten Generation" dieses Konzentrationslagers war schon fähig, diesen Zusammenhang wahrzunehmen, da wir nach dem Schock kaum wieder zu uns kommen konnten. (...)

Ich wurde dem sog. braunen Block zugeteilt. Dort fand die "Begrüßung" statt, die darin bestand, daß wir uns auf einen Hocker legen mußten und danach jedem die "Frage" gestellt wurde, wie oft er den Gummiknüppel erhalten möchte. Die Praxis war ziemlich willkürlich. Wenn jemand "zwanzig" sagte, konnte es sein, daß er zwanzig Hiebe erhielt. Aber es konnte auch sein, daß er zehn bekam - oder dreißig. Für den schlagenden Milizionär war wichtig, daß der Häftling die Schläge zählte und nicht zu laut schrie. (...)

In der Nacht folgte der erste "Überfall" mit Schlägen. Solche "Überfälle", während derer wir das Stöhnen, die Schreie und die Bitten um Gnade der gefolterten Mithäftlinge anhören mußten, fanden regelmäßig statt. Der Kommandant Morel [Salomon Morel, im Jahr 1945 Kommandant des Lagers Zgoda] führte sie mit seinen Leuten durch. (...) Morel mag damals 25 - 30 Jahre alt gewesen sein, von kräftiger Gestalt. Uns Häftlingen gegenüber schäumte er vor Haß. Wenn er auf irgendeinen Häftling aufmerksam wurde, bedeutete das meistens das Todesurteil. Seine "Spezialität" war das Schlagen mit einem Holzhocker, der noch aus deutschen Zeiten stammte. Er ergriff den Hocker an einem Bein und schlug den Häftling mit ganzer Kraft mit der massiven Sitzfläche. (...) Nie werde ich das Flehen der Geschlagenen vergessen. Aber Gnade gab es niemals. Und dabei waren die Geschlagenen und Getöteten in der Mehrheit einfache Männer und Jungen aus Oberschlesien. Auch wenn unsere Baracke die "braune" genannt wurde, so hatte ich trotzdem den Eindruck, daß es in ihr nicht einen "dicken Nazi-Fisch" gab. Denn wer im Dritten Reich irgendeine politische Funktion besessen oder etwas auf dem Gewissen hatte, der war vor der Front geflohen. (...)

Von vielen grausamen und unmenschlichen Situationen erinnere ich mich an eine besonders deutlich. Sie wiederholte sich oft und war gleichermaßen grotesk wie gespenstisch. Während seiner nächtlichen "Besuche" in der Baracke befahl der Kommandant Morel oft einer Gruppe von Häftlingen, für die er vorgab, eine besondere Schwäche zu haben, aus den Reihen herauszutreten. Es ging um die, wie er sagte, "HJ-cziks" [Mitglieder der Hitlerjugend]. Regelmäßig kam dann der Befehl: "Singt mir das Horst-Wessel-Lied, aber schnell" [das Horst-Wessel-Lied war die Hymne der Nazi-Bewegung]. Und wenn wir dann sangen, schlugen uns Morel und die Milizionäre mit Knüppeln. Wie ich schon erwähnt hatte, konnte es tödlich sein, im Lager aufzufallen, besonders bei Morel. Während des ersten solchen Überfalls, als ich mit den anderen singen mußte, bekam ich besonders viele Schläge, da ich die zweite und dritte Strophe dieses Liedes nicht kannte. Ich konnte aber die erste, da diese oft während verschiedener Feierlichkeiten gesungen worden war. Am Morgen nach dieser Nacht lernte ich daher schnell die beiden weiteren Strophen. Das war drei Monate nach Beendigung der Nazi-Herrschaft in Oberschlesien!

Die Zeit der Folterungen im Lager endete mit dem Ausbruch einer Typhusepidemie im Juli 1945, als Morel und seine Leute aus Angst vor Ansteckung nicht mehr ins sog. innere Lager kamen.
Ich war 14 Jahre alt, und es fällt mir schwer, aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren, wie viele Häftlinge durch das Lager gingen und wie viele hier den Tod gefunden haben mögen. (...) Schon vor der Epidemie war die Zahl derjenigen hoch, die als Ergebnis der Folterungen umkamen oder an Krankheiten oder Entkräftung starben. Zu essen bekamen wir die tägliche "Wassersuppe" und einen Laib Brot für - abhängig von der Situation - acht, zehn oder zwölf Leute. (...) Der Wagen mit Leichen, der täglich morgens das Lager, von Häftlingen gezogen, verließ, war meistens überladen. (...)

Im Oktober 1945 tagte in der Baracke der Kommandantur eine Kommission von Richtern (oder Staatsanwälten), die alle Häftlinge verhörte. Viele wurden freigelassen. Ich befand mich jedoch nicht unter diesen Glückspilzen, obwohl ich der jüngste im Lager war. (...) Ich blieb im Lager Zgoda bis zu seiner Auflösung im November 1945. Zusammen mit den übrigen noch verbliebenen Häftlingen wurde ich ins Lager in Jaworzno überstellt".

*

Nicht alles, was Gerhard Gruschka in Zgoda erlebt hatte, beschrieb er in der Aussage und in seinen Erinnerungen, die in Deutschland im Jahre 1996 erschienen sind. Einen Teil verschwieg er. Was?
Schweigen: - Nein ... Ich will nicht darüber sprechen.
Nach einer Weile: - Einige Szenen waren noch brutaler ...
Nach einigem Überlegen: - Nun, vielleicht ... Einmal fragte Morel, wer Landwirt sei. Etliche meldeten sich. Er wählte einen aus und sagte: du kommst 'raus, wenn du eine Kuh für das Lager besorgst. Der Bauer freute sich, fuhr mit den Wachleuten weg, sie kamen mit einer Kuh zurück. ... Beim folgenden Appell zog Morel diesen Menschen aus der Reihe heraus und schlug ihn tot. Warum? Vielleicht wollte er zeigen, daß er sein Wort nicht halten muß? Ich habe das nicht beschrieben, weil ich weiß, daß es unglaubwürdig klingt ... Jemand könnte denken, daß ich mir alles ausgedacht habe.

Auch die Selbstmörder hat er nicht beschrieben, die er aufgehängt in der Latrine fand. Er beschrieb nicht, wie die Milizionäre störrische Häftlinge in den Bunker sperrten. Der Bunker war voller Wasser, und durch die dicken Mauern waren die ertrinkenden Unglücklichen zu hören: zuerst Schreie, dann Stille.

Wie viele Menschen sind in Zgoda umgekommen? Schätzungen, die von deutschen Quellen angegeben werden, die der Vertriebenenpresse nahestehen, sprechen von 7.000 bis 8.000; gemäßigte deutsche Quellen von 3.000. Von polnischer Seite schrieb 1993 Krzysztof Karwat, ein Journalist, der sich auf das Thema Schlesien spezialisiert hat, im Dziennik Zachodni, im Standesamt in Swietochlowice gebe es 1.800 Todesurkunden aus dem Lager, die die Unterschrift Morels trügen. Die endgültige Zahl ist schwer festzustellen - sowohl die Deutschen als auch Karwat halten es für möglich, daß die Lagerbehörden nicht alle Todesfälle gemeldet haben. Es bleiben Spekulationen. Um so mehr, als die Familien die Leichname nicht erhielten.

Gruschka: - Sie wurden in Sammelgräbern vergraben. Ich habe das selbst gesehen, als ich einer Gruppe von Häftlingen zugeteilt war, die die Gräber aushob. Wir gruben eine schmale, tiefe Grube, in die viele Körper hineingelegt wurden. Nach dem Zuschütten schien es so, als ob dort nur eine Person liege.

*

Der Winter 1945/46 war hart. Eines Tages verbreitete sich in Jaworzno dieNachricht, eine Gruppe von Freiwilligen zum Schneeräumen auf den Straßen Krakaus solle gebildet werden. Gerhard meldete sich und kam so ins Krakauer Gefängnis. Schnee räumte er jedoch nicht. Stattdessen verbrachte er dreieinhalb Monate in einer Zelle in der Gesellschaft von Polen: Soldaten der AK, Kollaborateure, ein Blockältester aus Auschwitz ... Diese Monate waren monoton, aber es gab weder Schläge noch Hunger. Bis der 16. März 1946 kam.
Er sagt: - Ich wurde zur Tür gerufen und hörte zwei Wörter, die seitdem die schönsten Wörter in polnischer Sprache für mich sind: "Do domu!" [Nach Hause!]

In seinen Erinnerungen schrieb er: "Ich erhielt eine Bescheinigung über die Entlassung. Ich hatte jedoch keinen Groschen und konnte nur wenig polnisch. Mit Dankbarkeit denke ich heute an den polnischen Eisenbahner, der mich auf den Bahnsteig des Krakauer Bahnhofs ließ, an den Schaffner des Zuges nach Kattowitz, der mir, obwohl ich keine Fahrkarte besaß, gute Reise wünschte, und an die Schaffnerinnen in den Straßenbahnen in Kattowitz und Gleiwitz, denen meine Bestätigung aus dem Gefängnis genügte".
So erreichte er wieder die Kanalstraße, die nun ul. Franciszkanska hieß.

Teil 3: Gerhard Gruschka richtet sich sein Leben ein
Es ist nicht bekannt, wie lange Gerhard noch im Gefängnis gesessen hätte, wenn nicht seine Eltern gewesen wären: um den Sohn zu retten, nahmen sie die vorläufige polnische Staatsbürgerschaft an. Sobald sie in ihrem Besitz waren, wandten sie sich an einen polnischen Rechtsanwalt. Seinen Bemühungen verdankte Gerhard die Freiheit. Es gab nur eine Bedingung: auch er mußte einen Antrag stellen. Aber als im September 1946 die Zeit der endgültigen Entscheidung kam, verweigerten Heinrich, Anna und Gerhard Gruschka die Annahme der Staatsbürgerschaft. Solch eine Wahl bedeutete die Aussiedlung in die sowjetische Besatzungszone (Transporte in den Westen gab es schon nicht mehr).
Hätten sie sich anders entscheiden können? Sie fühlten sich als Deutsche. Und der Raum, wo sie das Recht hatten, sich so zu fühlen, wurde immer kleiner. Zu Hause waren sie schon nicht einmal mehr in der Kirche, die für Gerhard bisher ein Rückhalt gewesen war und in der er nun als sechzehnjähriger Kirchendiener arbeitete.

Denn die polnischen Priester hatten kein Verständnis für die deutschen Gläubigen. Aber konnte das anders sein, fragt sich heute Gerhard Gruschka, wenn Pater Wojciech in die Herz-Jesu-Gemeinde, die jetzt Serca Jezusowego heißen sollte, aus Dachau kam? Pater Wojciech, ein Franziskaner, traf eines Tages in Gleiwitz ein, und ohne irgendwelche Dokumente der kirchlichen Behörden zu zeigen, setzte er den deutschen Kurator (Administrator) der Gemeinde, Pater Hyazint, ebenfalls ein Franziskaner, vor die Tür.
Die Gruschkas hatten zumindest insofern Glück, als es im Herbst 1946 die sog. wilden Vertreibungen wie im Jahr 1945 schon nicht mehr gab, als die Ausgesiedelten eine halbe Stunde hatten, um ihre Sachen zu packen. Den Termin erfuhren sie frühzeitig. Es war Oktober 1946. Die realistische Mutter entschied, daß sie wenig Sachen, aber viel zu essen mitnehmen sollten. Sie behielt recht: die Reise über die Neiße dauerte zwei Wochen. Auf dem Weg nahmen die Milizionäre den Gruschkas einen Wecker, Gerhards Schultasche, eine Speckseite und die bessere Kleidung ab.

Aus Görlitz wurde Heinrich Gruschka mit seiner Familie nach Leipzig geschickt - die dortigen Eisenbahnbetriebe brauchten Arbeiter. Dort ging Gerhard nach Neujahr zur Schule.
Er erinnert sich: - Schnell bemerkte ich, daß der Unterricht unter dem Einfluß der kommunistischen Ideologie stand. Diese Tendenz war schon erkennbar.
Nach einigen Monaten ging er dann zum Gemeindepfarrer, der die Familie schon kennengelernt hatte (Gerhard diente auch hier in der Messe). Der Pfarrer versprach, ihm einen Platz in einer katholischen Schule mit Internat im Westen zu besorgen. Und er tat es: in Riedlingen in Württemberg. Das war die französische Zone. Um dorthin zu gelangen, mußte Gerhard illegal über die Zonengrenze gehen. Beim ersten Mal fingen ihn die Amerikaner, beim zweiten Mal die Russen (und schickten ihn nach Hause) ... Erst der dritte Versuch gelang.

*

Das Gymnasium beendete Gerhard 1952 - und trat dann in ein Priesterseminar ein. Als sich die Nachricht verbreitete, daß Kleriker gesucht würden, die bereit wären nach Erfurt überzusiedeln (dort entstand das einzige Priesterseminar in der DDR), meldete Gerhard sich - er wollte nahe bei seinen Eltern sein.
Im Seminar legte er alle Prüfungen ab. Aber ein halbes Jahr vor der Weihe trat er aus. - Mutter war sehr enttäuscht ... - bekennt er.

Es war das Jahr 1956 und Gerhard überlegte, was er machen könnte. Er beschloß, wieder nach Westen zu flüchten und zu studieren. Er war schon dabei, sich vom Leiter des Seminars zu verabschieden.
- Ich gab zu, daß ich flüchten wollte - erinnert er sich. - Aber der Leiter sagte, daß es in Ungarn eine Revolution gebe, unsere Behörden verschreckt seien und daß ich um die Zustimmung zur legalen Ausreise bitten sollte. Und wenn das nicht gelänge, könne man immer noch flüchten.

Gerhard stellte einen Antrag. Und er erhielt nicht nur die Erlaubnis zur Ausreise, sondern einen sog. "Zonenpaß", der zum zweimaligen Grenzübertritt berechtigte. Er konnte sich in der Bundesrepublik eine Arbeit (als Erzieher in einem katholischen Internat) und einen Studienplatz suchen, zurückkehren und endgültig ausreisen sowie seinen Besitz (Bücher und ein Moped) mitnehmen. Aber ein DDR-Bürger, der legal mit seiner Habe ausreiste, war für die westdeutschen Beamten ein seltener Anblick. Und ein verdächtiger. Schon an der Grenze sagten die westlichen Grenzer Gerhard direkt, daß es Probleme geben werde. Tatsächlich: als er im Internat erschien, hörte er, daß die "Herren von der Gegenaufklärung" schon dort gewesen waren ...
Wenig später wurde Gerhard zum Sitz der CIA in Nürnberg gebeten. Die höflichen Amerikaner sagten ihm, daß sie ihn der Spionage verdächtigen. - Sie glaubten nicht, daß ich legal ausgereist war - erinnert er sich. - Vielleicht haben sie mich überprüft? Einige Monate später erhielt ich die Staatsbürgerschaft der Bundesrepublik.

Ein Jahr später - Weihnachten 1957 näherte sich - beschloß Gerhard Gruschka, seine Eltern in der DDR zu besuchen. Seine Mutter schrieb, er werde ein Visum erhalten, nur müsse er sich nach der Ankunft im Rathaus melden. Im Leipziger Rathaus zeigte sich, daß unter der angegebenen Zimmernummer die Abteilung für Innere Angelegenheiten saß. In dem Zimmer erwarteten Gerhard mehrere Beamte.
- Sie befragten mich, wie es mir gehe, und dann fingen sie an zu erzählen, was sie alles über mich wußten, wieviel ich verdiene, was ich studiere - erinnert er sich. - Sie wußten sogar, daß wir mit den Schülern des Internats einen amerikanischen Flugplatz besucht hatten. Ich war erstaunt. Zum Schluß sagte einer, daß ich jung sei und mir leicht die Registrationsnummern der Panzer und der Armeefahrzeuge merken könne. Und da ich so viel erlebt hätte, sei ich sicher für den Frieden und sollte etwas dafür tun. Ich antwortete, daß ich das bereits tue, indem ich die Schüler lehre, was Krieg bedeutet. Sie antworteten darauf, das sei zu wenig. Ich antwortete, ein Spion würde ich nicht. Darauf erklärten sie, daß ich die Eltern nie wiedersehen werde.
Er sah sie sechs Jahre später wieder: sie emigrierten über das Rote Kreuz in die Bundesrepublik.

Warum interessierte sich der DDR-Nachrichtendienst für den abgebrochenen Priester und zukünftigen Lehrer? Paradoxerweise verstanden diese Leute wohl, daß in einer Demokratie jeder Karriere machen kann. Oder sich zumindest in der Nähe von Leuten befinden konnte, die sie machten. Wie Gerhard, der einige Jahre später die Schwester des Direktors der Bundestagskanzlei heiratete. - Manchmal erzählte mein Schwager uns verschiedene Geschichten ... - bekennt er heute lächelnd. - Nun, wiederholen kann ich sie nicht ...

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Als Gerhard Gruschka noch Student war, las er viel über die NS-Zeit. Er besuchte auch Prozesse gegen NS-Verbrecher. - Ich machte mich von Lehrveranstaltungen frei, um bei den Verhandlungen dabei zu sein - sagt er. - Ich ging für mich selbst dorthin. Mich interessierte das Verhältnis dieser Menschen zu den Tatsachen. Das war wichtig, weil ich bei Morel festgestellt hatte, daß ein Mensch in solchen Situationen kein Schuldgefühl hat.
Er konnte nicht verstehen, warum die Prozesse gewöhnlich mit milden Urteilen endeten. Später las er, daß die Richter oft selbst Mitglieder der NSDAP gewesen waren.

Lehrer wurde er 1960. Er unterrichtete Religion und Deutsch sowie (wegen eines Mangels an Fachlehrern) auch Sport. Politisch engagierte er sich nicht ("Nach dem, was ich erlebt habe, stand ich Politik und Ideologie distanziert gegenüber"). Er trat auch dem Vertriebenenverband nicht bei, da ihm die Politik des Verbandes nicht gefiel. Manchmal nur schrieb er einen Brief an die Redaktion der Schlesischen Nachrichten (eine gemäßigte Zeitschrift der Schlesischen Landsmannschaft). Als im Jahre 1970 Bundeskanzler Brandt den Vertrag mit der Volksrepublik Polen über die Anerkennung der Grenze unterschrieb, war das für ihn kein Schock wie für viele Vetriebene, die geglaubt hatten, daß sie eines Tages zurückkehren würden.

- Für mich war klar, daß das Rad der Geschichte sich nicht zurückdrehen wird - sagt er.
Und so fand Gerhard Gruschka schließlich sein privates Glück. Er ließ sich in der Kleinstadt Balve östlich des Ruhrgebiets nieder. Er fand eine Ehefrau. Und mit ihrer Hilfe befreite er sich von den Alpträumen, die ihn quälten, seitdem er Zgoda verlassen hatte.
- Erst damals fing ich an, besser zu schlafen -- bekennt er. - Wir haben uns viel unterhalten ...
Vielleicht war das Lager auch schuld daran, daß Gerhard das Priesterseminar verlassen hatte.
Er sagt: - Das war nicht der einzige Grund, aber nach dem Lager konnte ich mein Verhältnis zum Herrgott nicht in Ordnung bringen ... Ich konnte mich nicht aussöhnen. ... Die Polen hatte ich mir nach den Erzählungen meiner Mutter als Katholiken vorgestellt. Aber in Zgoda gab es morgens zum Appell den Befehl "Do modlitwy" [Zum Gebet]. Und wir sangen "Kiedy ranne wstaja zorze", und abends "Wszystkie nasze dzienne sprawy". Ich kannte diese Lieder nicht, aber ich lernte sie schnell; wenn jemand sie nicht konnte, wurde er geschlagen.

Außer seiner Frau wußte nur sein Sohn von Zgoda ("Bevor ich ihm davon erzählte, haben wir viel über das Dritte Reich gesprochen"). Das erste Mal sprach er mit ihm darüber, als sein Sohn zum Gymnasium ging.
Er sagt: - Einmal kam mein Sohn aus der Schule verweint zurück. Ich quetschte aus ihm heraus, daß über KZs gesprochen worden war. Und Martin, ein spontaner Junge, schoß heraus, daß sein Vater in einem Nebenlager von Auschwitz gewesen war. Darauf sagte die junge Lehrerin aus der 68er-Generation, das sei ja phantastisch, sicher sei er in der Widerstandsbewegung gewesen. Mein Sohn erklärte aber, daß ich nach dem Krieg gesessen hätte. Und sie sagte dann, daß sein Vater es dann wohl verdient haben müsse ...

Danach sprach Gerhard Gruschka außer mit seiner Frau und seinem Sohn bis zu den 90er Jahren mit niemandem über Zgoda. Und ein wenig litt er darunter, daß das Thema der Lager für Deutsche in der Bundesrepublik ein Tabu war. - Über die Vertreibungen wurde gesprochen, aber nicht über die Lager, - erinnert er sich.

Einmal sah er im Fernsehen einen Film über Ravensbrück.
- Der Film bewegte mich, - sagt er. - Ich entdeckte Ähnlichkeiten ... Menschlich, psychologisch ... Ich schrieb an das Fernsehen, warum nicht über den späteren Zeitraum gesprochen werde. Ich erhielt die Antwort, daß "einige Dinge politisch nicht möglich sind". Und ich verstand das ... Das Fernsehen muß sich die Frage stellen, wie die Millionen Zuschauer z.B. auf einen Film über Zgoda reagieren würden? Würden sie das nicht als eine Relativierung von Auschwitz verstehen? Und das wäre das letzte, was ich wollte ...

In seinem Unterricht behandelte Gerhard Gruschka oft die Geschichte Deutschlands.
Er sagt: - Ich sprach mit den Schülern über die neueste Geschichte, über Auschwitz. Ich nahm, sogar in Abweichung vom Lehrplan, als Lektüre die Tagebücher der Anne Frank. Wir besprachen sie, die Schüler waren bewegt, die Mädchen weinten. Einige Lehrer, die mit Nazi-Vergangenheit, schauten mich schief an.

Teil IV: Gerhard Gruschka wird eine öffentliche Person
Anfang 1993 fand Gerhard Gruschka in den Schlesischen Nachrichten einen Artikel über Zgoda. Darin waren Ungenauigkeiten. Also schrieb er einen Brief an die Redaktion. Die Zeitung brachte ihn mit dem Autoren des Textes in Kontakt. Und der gab die Adresse Gruschkas an John Sack weiter. So kam Sack - ein amerikanischer Journalist, Autor von Reportagen aus den Kriegen in Korea, Vietnam und dem Irak - nach Balve und machte ein Interview mit Gruschka. Sack sammelte Material für ein Buch über Lager für Deutsche in Polen. Genauer: über Lager, in denen Juden Wächter waren, die sich für das erlittene Unrecht rächten.

Als wenig später das Buch "Auge um Auge" in den USA erschien, brach ein Skandal aus. Man glaubte dem Autor nicht. Sack verteidigte sich damit, daß er Zeugen habe.
Gruschka erinnert sich: - Im Sommer 1993 meldete sich bei mir das amerikanische Fernsehen CBS. Später erfuhr ich, daß sie sich mit dem Thema beschäftigten, weil man Sack nicht glaubte, obgleich er selbst jüdischer Herkunft ist und liberale Ansichten hat. Als die CBS nach Balve kam, gewann ich den Eindruck, daß sie mir etwas unterstellen wollten, und durch mich auch Sack. Tatsächlich sagte der Produzent zum Schluß, er sei Jude und habe nicht geglaubt, daß Juden so etwas wie Morel tun könnten, ich hätte ihn aber überzeugt. Ich antwortete, für mich sei der Schock gewesen, daß Christen so etwas tun.

Den Film der CBS sahen in den USA 35 Millionen Menschen, und Gerhard Gruschka wurde bekannt. Er erinnert sich: - Nach diesem Film waren Journalisten aus den USA, England, Holland, nun, und auch aus Deutschland bei mir. Zeitungen, Radio, Fernsehen ... Sogar von der "New York Times" waren welche da. Ich muß sagen, daß sie sehr anständig waren. Ich befürchtete, sie würden mich kritisch behandeln. Aber sie behandelten mich ernsthaft und sachlich.

Gruschka leidet heute nicht mehr. Er sagt: - Nach 1989 wurde vieles dokumentiert, was vorher tabu war. Warum jetzt? Vielleicht hat man nach 1990 in Deutschland wahrgenommen, daß man in Polen nun beginnt, offen über unbequeme Themen zu sprechen ... Und da ihr redet, ist es auch bei uns möglich? Denn heute kann man sich mit Polen unterhalten und wird nicht als jemand verurteilt, der ihr Leiden relativieren will. Vor einigen Jahren habe ich davon nicht einmal geträumt... Und vor kurzem bin ich im Kattowitzer Fernsehen aufgetreten und habe, vor dem früheren Lagertor stehend, über Zgoda gesprochen ...

Der Besuch Sacks bewirkte auch, daß er seine Erinnerungen niederschrieb. Tatsächlich brachte er das zu Papier, was er schon seit Jahren im Kopf hatte. Zeit dafür fand sich erst, als er 1992 in Pension ging.
- Es gab noch einen anderen Grund - sagt er heute. - Ich sah, wie viel Unsinn eschrieben wird. Ich las einige Artikel in den Zeitungen der Landsmannschaften und begann zu befürchten, daß jemand unser Leiden instrumentalisiert.
Lange suchte er einen Verleger. Es war die Zeit, als das Echo des Streits um das Buch Sacks die Bundesrepublik erreichte. Auch die Mehrheit der deutschen Medien kritisierte es - der Piper-Verlag stampfte eine schon gedruckte Auflage ein. Schließlich erschien "Auge um Auge" in einem wenig bekannten Verlag. Und in solch einem Moment kam Gruschka mit seinem Manuskript.

- Ich war naiv - erinnert er sich. - Ich dachte, das Thema interessiere die schlesischen Verlage. So nennen wir einige Firmen, die Nachfolger von Verlagen aus Schlesien von vor 1945 sind. Aber alle lehnten ab. Einer der Verleger sagte mir, das sei ein verfängliches Thema ...
Endlich akzeptierte der bayerische Verlag "ars una" das Manuskript. Die Erinnerungen erschienen 1996. Ein Jahr später wurde eine zweite Auflage gedruckt*. Zahlreiche Zeitungen veröffentlichten Rezensionen, darunter die angesehenen Tageszeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung sowie auch Radio und Fernsehen. Der Schlesier, eine Zeitung der Landsmannschaften, lehnte den Abdruck einer Rezension dagegen ab. Mit der Begründung, die Erinnerungen seien den Polen zu wohlgesonnen. Auch von einigen Mithäftlingen wurde Gruschka vorgeworfen, das Buch sei zu versöhnlich.

Er erinnert sich: - Jahrelang hatte ich keinen Kontakt mit anderen Häftlingen. Erst Sack gab mir einige Adressen. Ich lud Leute zu mir ein, wir schrieben uns Briefe. Als die Erinnerungen erschienen, wandte ein Teil sich von mir ab. Zwei hörten auf, Briefe zu beantworten. Drei andere warfen mir vor, daß ich verschiedene Geschichten mit Morel verschwiegen habe. Jemand sagte, die Beschreibung der Reise von Krakau nach Hause, wie mir geholfen wurde, sei eine Lobeshymne auf die Polen.
Tatsächlich schrieb Gerhard Gruschka, er verstehe das Vorgehen der polnischen Wachleute, von Leuten, die selbst Häftlinge gewesen waren. Das mochte im Vertriebenenmilieu nicht gefallen.
Er sagt: - Als mir vorgeworfen wurde, daß ich mit Verständnis über die Polen geschrieben habe, die uns schlugen, da kam mir die Kolonne von Menschen in gestreifter Häftlingskleidung in Erinnerung ... Ich wußte nicht viel. Aber ich fühlte, daß das, was die Polen in Zgoda machten, die Rache für irgendwelche schrecklichen Dinge war ... Ja, sie haben an uns Verbrechen begangen. Aber ... vielleicht mag das wie eine Beschönigung klingen, aber vielleicht hatte ich dank der Erlebnisse meiner Familie ... jedenfalls ein Bewußtsein der Reihenfolge ...

*

Erst 1992 kam Gerhard Gruschka zum ersten Mal seit der Aussiedlung wieder nach Polen.
Er erinnert sich: - Ich fuhr mit dem Auto, mit meiner Frau. Zuerst nach Rakau zu Verwandten, die nach dem Krieg geblieben waren. Von dort nach Gleiwitz. Mit dem Zug. Die Strecke Gleiwitz - Rakau bin ich als Kind so viele Male gefahren ... Ich fuhr ohne meine Frau. Ich wollte allein sein. Zuerst ging ich zu dem Haus, in dem ich geboren wurde. Und zur St. Bartholomäus-Kirche. Alles steht noch ... Und dann in die frühere Kanalstraße. Aber ich wagte nicht zu klopfen. Ich hatte gehört, daß die Polen gastfreundlich sind und nichts dagegen haben, wenn man hereinschaut. Ich stand vor der Tür, auf dem Flur, aber ich traute mich nicht.

Am nächsten Tag fuhr er nach Zgoda. Lange suchte er. Schließlich fand er es. - Von dem Lager gibt es heute keine einzige Spur mehr - sagt er. - Es sind nur zwei Ziegel-Torpfosten geblieben. Dort, wo die Baracken waren, sind heute Schrebergärten. Ich bin herumgegangen und habe irgend etwas gesucht. Ich habe nichts gefunden. Es war still, sehr still.
Noch am selben Tag hat er Auschwitz besucht.
Gerhard Gruschka, etwas verlegen: - Vielleicht klingt das pathetisch. ... Aber ich glaubte, da ich in Zgoda gewesen bin, sollte ich auch nach Auschwitz fahren. Für mich ist das eine mit dem anderen verbunden. Wenn es Auschwitz nicht gegeben hätte, dann hätte es auch kein Lager für Deutsche in Zgoda gegeben.
Nach einer Weile, schon sicherer: - Ich glaube, es ist wichtig, sich so zu erinnern. Damit auf der einen Seite Zgoda nicht vergessen wird. Aber auch auf der anderen Seite ... Da es bei uns in Deutschland auch solche gibt, die sich so verhalten, als ob die Lager im Jahre 1945 begonnen hätten ...

Ein zweites Mal kam er im Jahr 1994.
Während seiner ersten Reise hatte er festgestellt, daß die St. Nikolaus-Kirche bei Rakau keinen Turmhelm hatte, da er 1945 von einem russischen Geschoß getroffen worden war. Aber es ist eine schöne Barockkirche, die Kirche seiner Eltern, in der auch er bei der Messe gedient hatte ... Also organisierte er nach seiner Rückkehr nach Deutschland eine Geldsammlung. Zu seiner Überraschung brachte er schnell 20.000 DM zusammen. Den Entwurf für den neuen Helm machte ein polnischer Architekt, der aus den polnischen Ostgebieten stammt. Bekannte aus Gleiwitz kauften billig Kupfer und ein Vetter aus Rakau Holz für das Gerüst. Ein Kran kam und montierte den Helm. Gerhard Gruschka war bei der Einweihung.

Danach fuhr er nach Zgoda. Mit Hilfe örtlicher Bekannter brachte er am Ziegeltor des Lagers einen Stein mit einer Christusfigur und dem Datum "1945" an.
Er erzählt: - Als wir das erste Mal dort gewesen waren, sagte meine Frau nachher, daß irgendein Denkmal gut wäre. Irgend etwas, das erinnern würde ... Später fand ich im Urlaub einen flachen Stein in einem Gebirgsbach. Ein Steinmetz brachte die Christusfigur an und prägte die Ziffer ein, ohne Aufschrift ... Diese Aktion, ihn an das Tor anzubringen, war illegal ... Als wir sie einmauerten, kamen drei Männer. Es zeigte sich, daß sie für die Gärten verantwortlich waren. Sie waren erregt. Aber als sie erfuhren, was wir machen, änderten sie schnell den Ton. Sie kamen zu mir, gaben mir die Hand und sagten, daß wir weiterarbeiten sollen ... Und sie brachten sogar eine Hacke und einen Spaten, um den Zement anzurühren ...

Das dritte Mal war Gruschka 1995 in Polen. Auf dem Friedhof in Ruda nahm er an der Weihung des Kreuzes und der Grabplatte mit der zweisprachigen Aufschrift "Den Opfern des Lagers Zgoda-Swietochlowice 1945" teil. Später kam er das vierte, fünfte und sechste Mal schon als Lehrer, um unbezahlt Deutsch zu unterrichten in Kursen für die schlesischen Deutschen. Er half auch bei der Anknüpfung einer Zusammenarbeit zwischen einer Schule in dem Dorf Torkow/Torkau und einer Schule in Balve.
Jedesmal besuchte er Zgoda. Er sah nach. Heute muß er schon nicht mehr nachsehen: die Behörden von Ruda legalisierten die Tafel, die er in das frühere Lagertor eingemauert hat.

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Als Gerhard Gruschka einen Verleger für seine Erinnerungen suchte, bekam er ein bestimmtes Angebot.
Er sagt: - Ein bestimmter Verlag war bereit, das Buch zu drucken. Aber nach dem ersten Briefkontakt wurde mir klar, daß das irgendwelche Rechtsradikalen sind.
Also nahm er das Angebot nicht an.
Denn wenn man über solche Lager oder auch über Deutsche als Opfer schreibt, gerät man leicht in schlechte Gesellschaft. Wie Sepp Jendryschik, dessen Vater in Zgoda umkam.
Das Buch Jendryschiks veröffentlichte 1997 ein "Verlag für ganzheitliche Forschungen". Dieser Verlag gibt keine Adresse an, sondern nur die Nummer eines Postfaches in Viöl, einer kleinen Ortschaft an der Grenze zu Dänemark. Das Buch gibt es nicht im Computerkatalog, an das die deutschen Buchläden angeschlossen sind. Sein Untertitel lautet: "Dokumentation über eines der Konzentrationslager in Polen, die seit Winter 1944 mit dem Ziel gegründet wurden, die deutsche Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten zu vernichten".

Das ist eine Sprache und sind intellektuelle Bestrebungen, deren Ziel darin besteht - wie die rechtsradikalen Publizisten schreiben - "der Linken das Begriffsmonopol zu nehmen". Bestimmte Wörter haben in der Bundesrepublik einen konkret zugeschriebenen Inhalt, wie "Vernichtung" oder "Todesmarsch". Auch in diesem Buch geht es also darum, diesen Wörtern ihre Bedeutung zu nehmen. So ist es, wenn Jendryschik von der "Vernichtung der deutschen Bevölkerung", den "schlesischen Todesmärschen" oder der "Gründung [von Lagern durch Polen] seit Winter 1944" schreibt. Daraus soll hervorgehen, die Polen hätten ein geplantes System zur Vernichtung von Deutschen geschaffen, das mit dem Nazi-System vergleichbar war.

Das Buch Jendryschiks enthält nicht nur Berichte der Häftlinge von Zgoda. Der Autor sowie Roland Bohlinger, Chef des Verlags aus Viöl, haben es mit einem Kommentar versehen. Der Leser erfährt, daß die schlesischen Deutschen von den germanischen Vandalen abstammten und die polnische Bevölkerung erst im 19. Jahrhundert als Arbeitskräfte zugewandert sei, die man zivilisieren mußte. Daß Hitler bis zum 31. August 1939 Frieden, aber "die Polen ihren Krieg haben wollten" und ihn mit Grenzprovokationen begannen, so daß Deutschland sich verteidigen mußte. Daß in Polen in Konzentrationslagern für Deutsche wahrscheinlich "fast 300.000" von ihnen starben. Daß die deutschen Kriegsverluste 9-11 Millionen betrugen, von denen die "Mehrheit erst nach dem Krieg umkam". Und auch daß "Deutschland heute kein freies Land ist", sondern ein Staat "gesteuert durch die Siegermächte und der von ihnen aufgezwungenen führenden Klasse".

Gerhard Gruschka sagt: - Ich habe das Buch durchgesehen, und die Haare standen mir zu Berge. Die Geschichte des Lagers wurde für die Ziele der radikalen Rechten manipuliert. Und das ist das Schlimmste für die Erinnerung an Zgoda. Außerdem habe ich Jendryschik die Verwendung meiner Aussagen untersagt. Und was hat er gemacht? Er hat sie jemand anderem zugeschrieben.

Für den Verlag aus Viöl interessiert sich seit Jahren der Verfassungsschutz des Landes Schleswig-Holstein. Im allgemein zugänglichen Verfassungsschutzbericht für das Jahr 1996 heißt es: "Im Angebot des Roland-Bohlinger-Verlags fallen Bücher mit antisemitischen und revisionistischen Inhalten auf sowie Publikationen, die typische Weltverschwörungstheorien enthalten. Es werden auch Propagandaschriften herausgegeben, die zuerst im Nationalsozialismus erschienen sind".

*

Zu Zgoda wurde Gerhard Gruschka 1994 durch ein Gericht in Dortmund verhört (auf Bitten aus Kattowitz) und 1997 durch ein Gericht in Düsseldorf (auf Bitten der Generalstaatsanwaltschaft in Warschau).
Er überlegt: - Ich möchte, daß jene Ereignisse dokumentiert werden. Aber ein Prozeß? Ich fürchte, er würde durch die falschen Leute ausgenutzt ... Mir liegt nichts an einer Verurteilung Morels. Ich weiß, daß einige das möchten und daß es in Polen eine Untersuchung gibt, obwohl Morel 1994 von Kattowitz nach Israel ausgereist ist.

Er sagt: - Woran mir am meisten läge ... das ist, wenn Morel einfach sagen würde: Wissen Sie, was ich gemacht habe, das war schlecht, heute sehe ich das anders. Das würde genügen.
Er betont: - Ich könnte meinen Mithäftlingen sagen: Hört zu, mein Kommandant hat zugegeben, daß das schlecht war. Vielleicht könnte das ihre Haltung etwas aufbrechen ...

Gerhard Gruschka hat in dieser Sache an Salomon Morel geschrieben, als dieser noch in Kattowitz wohnte. Er bemühte sich darum, den Brief nicht emotional werden zu lassen. Er schrieb, er möchte nur wissen, was Morel heute über das denkt, was er vor fünfzig Jahren gemacht hat. Aber eine Antwort gab es nicht.

1996 bekam Gruschka Morels Telefonnummer in Israel in die Hände.
Er rief an.
Er erinnert sich: - Seine Tochter, bei der er wohnte, nahm ab. Sie fragte, wer dort sei. Ich antwortete, ein Deutscher, der in Zgoda war. Sie hat ohne ein Wort aufgelegt.

Epilog
Wenn Gerhard Gruschka heute mit dem Auto nach Rakau fahren muß, dann nimmt er immer einen längeren Umweg, über Baborow.
Er kennt ihn auswendig. Bis 1946 ging er ihn schließlich Dutzende Male. Denn Baborow war die Endstation der Eisenbahn, und weiter nach Rakau mußte man zu Fuß gehen. Er ging also, manchmal allein, manchmal mit seinem Vater. Der Weg wand sich auf eine Anhöhe, und wenn sie sich dem Gipfel näherten, hob sich am Horizont der Turmhelm der St. Nikolaus-Kirche ab. Daher hatte er eine besondere Zuneigung zu dem Turm: das war seine erste Begegnung mit seiner "Ferienheimat", wie er sagt.

Heute, da der Helm auf den Turm zurückgekehrt ist, bemüht er sich um Geld für die Erneuerung der Kirchenfassade. Er möchte auch Mittel für Heiligenfiguren sammeln, die einstmals im Giebeldreieck standen.
Aber vor allem möchte er hierher zurückkehren.
Er möchte ein Haus kaufen und sich ansiedeln. Vielleicht in Rakau, wo Verwandte wohnen, die der Aussiedlung entgingen? Oder vielleicht in Stolmütz/Tlustomosty, wo seine Mutter geboren wurde? Er würde morgens über die Auen und an die Psyna gehen und sonntags zur Kirche, in der er viele Male bei der Messe gedient hat.

Die Menschen sind hier offener: sie feiern gemeinsam und besuchen sich ohne Komplikationen. Gerhard Gruschka stört, daß in Deutschland die zwischenmenschlichen Beziehungen erkaltet sind, daß die Mehrheit in ihren vier Wänden lebt. Ansonsten würde er dasselbe machen wie in Deutschland: er würde seine Korrespondenz führen, schreiben ("Ich schreibe für mich selbst, nur für die Schublade"), reisen ("Meine Frau und ich haben Europa, die USA, Kanada und Südafrika bereist, in Nepal haben wir Trekking gemacht").
Aber bisher überlegt er noch. Und er sorgt sich etwas, daß er kein Polnisch spricht. Aber sogleich tröstet er sich, daß man sich irgendwie schon verständigt ("Niemals bin ich auf irgendeine Antipathie gestoßen" - unterstreicht er). Er sorgt sich auch, daß die medizinische Versorgung in Polen, wie man sagt, nicht auf solch einem Niveau wie in Deutschland sei. Als älterer Mensch achtet er darauf. Um so mehr als er seit der Zeit der Appelle in Zgoda regelmäßig die Nieren kontrollieren muß.

- Für mich wäre es kein Problem, Deutschland zu verlassen. Ich bin dort nicht verwurzelt - sagt er.
Manchmal, wenn er in Schlesien ist, setzt sich Gerhard Gruschka hinters Steuer, fährt über die Dörfer und beobachtet die Veränderungen. Manchmal hält er auch das Auto an, steigt aus und zieht gierig die Luft ein. Dann sagt Gerhard, der Träumer: - Das ist das Paradies meiner Kindheit!
Aber wenig später fügt Gerhard, der Rationalist, hinzu: - Nein, ich betrachte das nicht als "Kindheitsparadies". Das Paradies auf Erden gibt es schließlich nicht.
- Aber - überlegt er weiter - danach, nachdem ich vertrieben wurde, habe ich mich nie wieder so gefühlt wie hier. Dann versöhnt er den Träumer mit dem Rationalisten und stellt fest: - Je älter ich werde, desto größere Sehnsucht habe ich.

Im Haus der Gruschkas in Deutschland steht Horst Bieneks Buch "Reise in die Kindheit" im Regal. Bienek, ein schlesischer Deutscher, stammte ebenfalls aus Gleiwitz. Nach dem Krieg ausgesiedelt, wagte er erst nach 42 Jahren, die Vaterstadt wieder zu besuchen.
In seinem zerlesenen Exemplar hat Gerhard Gruschka folgenden Auszug unterstrichen: "Nein, man kann nicht in das Land der Kindheit zurückkehren. Aber wir können uns diese Kindheit vorstellen. Wir können sie beschreiben und auf diese Weise festhalten. Ein verlorenes Paradies ist das wirkliche Paradies, schrieb Marcel Proust. Die verlorene Kindheit ist die tatsächliche Kindheit. Sie besteht und wird bestehen, solange wir sie erinnern".