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TRANSODRA 18, Oktober
1998, S. 31 - 34
Initiativen und Projekte
MTM - Maritime and
Touristic Management
Polnischer Verein und
Zeitschrift "NIE WIEDER" - "NIGDY WIECEJ"
(K)ein "großer Bahnhof" in
Lichtenberg
MTM - Maritime and Touristic Management / Stettin
und Nord-West-Polen
Ihre Nachbarn sollten Sie kennenlernen ...
unter
diesem Motto arbeitet seit etwa sechs Jahren eine
kleine Touristikagentur in Stettin. MTM, so ihr
Name, hat sich auf die Reiseregion Pommern und
das polnisch-deutsche Grenzgebiet spezialisiert.
Im Gegensatz zu den meisten polnischen
Reiseveranstaltern, die Polenrundreisen und/oder
Heimat-touristische Programme anbieten, will MTM
das Grenzland erlebbar machen. Die Initiatoren,
wie auch die freien Mitarbeiter, stellen ihr
Fachwissen zur Verfügung und vermitteln
Gesprächspartner und Kontakte.
Konferenzen, Seminare, Radreisen,
Behindertenreisen, Wandern, Reiten gehören ebenso
zu den Angeboten, wie die Organisation
ausgefallener Ereignisse. Der diesjährige
erstmalige Besuch des deutschen kohlebefeuerten
Dampfeisbrechers STETTIN im polnischen Szczecin
geht auf die Initiative dieser Agentur zurück. Im
vergangenen Jahr fuhr z.B. eine Gruppe polnischer
Journalisten mit MTM auf die Insel Usedom.
Peenemünde war das Schlagwort für eine
Studienreise auf diese Insel mit zwei Enden.
Einer Gruppe von Finanzbeamten des DEPB
Tecklenburg ermöglichte MTM im Rahmen einer
Seminarfahrt nach Stettin einen Einblick in das
polnische Finanzsystem, die Situation von
Joint-Venture-Firmen im Grenzgebiet und die
Euroregion Pomerania. Für die Europaakademie
Waren organisierte die Agentur erstmals ein
Treffen deutscher und polnischer wehrpflichtiger
Soldaten. Das gegenseitige Kennenlernen, das
Vergleichen der jeweiligen Situation in beiden
Ländern steht im Vordergrund polnisch-deutscher
MTM-Programme.
Die Agentur engagiert sich aber auch auf anderen
Gebieten. Gemeinsam mit der Stiftung Odermündung
e.V. erarbeitet sie derzeit ein Reiseheft
Odermündung. Dieses Heft soll Reisenden erstmals
ermöglichen, die Region grenzüberschreitend
kombiniert mit Bahn, Bus, Rad und
Ausflugsschiffen zu bereisen. Auf fünf
verschiedenen Radwanderungen von 4 bis 8 Tagen
Dauer schlägt MTM Gruppen (ab 10 Personen) vor,
die Region zu erkunden. Gemeinsam mit
Tourismusinstitutionen in Deutschland werden neue
Wege gesucht, die Grenzregion erlebbar zu machen.
An der Erarbeitung von Tourismuskonzeptionen für
Gemeinden und Landkreise ist die Agentur genauso
beteiligt, wie an der Organisation von
Konferenzen und Tagungen.
Die DPG Brandenburg und der Deutsch-Polnische
Journalistenclub "Unter Stereo-Typen" arbeiten
seit zwei Jahren erfolgreich mit MTM zusammen:
zum Beispiel bei der Organisierung der Konferenz
"Umgang mit der Vergangenheit in Deutschland und
Polen - Aufdecken oder Zudecken?" in Stettin oder
bei der Organisierung einer 5-tägigen
Studienseminarfahrt für deutsche und polnische
Journalisten auf der Oder (von Stettin nach
Frankfurt/Oder) "Oder - Ökonomie oder Ökologie?".
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MTM - Maritime & Touristic Management, ul.
Czorstynska 14, PL 71-163 Szczecin
Telefon und Fax 0048 - 91 - 487 23 89, e-mail
mtm@inet.com.pl
Internet Home Page http://www.inet.com.pl/mtm
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Polnischer Verein und Zeitschrift "NIE WIEDER" -
"NIGDY WIECEJ"
Wir haben uns im Jahre 1996 als Reaktion auf die
wachsende Welle des Rassismus und Antisemitismus im
postkommunistischen Polen gegründet. Wir setzen uns
für die Einhaltung der Menschenrechte und für
multikulturelles Verständnis ein und wir wollen zum
Aufbau einer demokratischen, zivilen Gesellschaft
in Polen beitragen. "Nie Wieder" beschäftigt sich
mit dem Problem der Erziehung gegen rassische und
ethnische Vorurteile unter den Jugendlichen. "Nie
Wieder" ist eine unabhängige, an keine Partei
gebundene Organisation.
Seit 1994 erscheint unsere Zeitschrift regelmäßig
mit genauen Informationen über die verschiedenen
extremen und rassistischen Gruppierungen, die in
Polen und im restlichen Europa agieren. Wir
arbeiten mit internationalen Organisationen wie der
Londoner antifaschistischen Zeitschrift
"Searchlight", dem europäischen antirassistischen
Netzwerk "United" für Interkulturelle Aktion und
auch anderen osteuropäischen Partnern zusammen.
Viele unserer Autoren sind anerkannte Experten auf
dem Gebiet des Ultranationalismus in Osteuropa. Zur
Zeit bringen wir unsere Zeitschrift "Nie wieder" 4
x im Jahr heraus.
Unser Verein informiert Journalisten und
Institutionen, die an den Problemen von Rassismus
und Fremdenfeindlichkeit interessiert sind, direkt.
Unser Archiv enthält eine fast vollständige
Dokumentation aller rassistischen, antisemitischen
und neofaschistischen Publikationen, die in Polen
seit 1989 erschienen sind. "Nie Wieder" wurde bei
zahlreichen Fernsehprogrammen konsultiert und wir
haben bei der Herstellung von Artikeln z.B. für
Gazeta Wyborcza, die größte polnische Tageszeitung,
assistiert. Für den Parlamentsausschuß für
Nationale und Ethnische Minderheiten erstellten wir
ein Gutachten. Wir möchten dazu beitragen, daß sich
das Bewußtsein für die Notwendigkeit vertiefter
ethnischer und religiöser Toleranz in einer
demokratischen Gesellschaft schärft.
Wir beteiligen uns an der Koordination aller
antirassistischen Aktivitäten in Polen. Wir
arbeiten mit anderen antirassistischen und
antifaschistischen Gruppen und mit Organisationen
der Minderheiten im ganzen Land zusammen.
Von 1995 - 1997 organisierten wir zusammen mit dem
Polnischen Verband Jüdischer Studenten eine
erfolgreiche Kampagne dafür, daß in die neue
polnische Verfassung ein Verbot neonazistischer,
faschistischer und rassistischer Organisationen
aufgenommen wird. Während dieser Kampagne
arbeiteten wir mit Vertretern aller größeren
Parteien zusammen. Wir berieten Mitglieder der
parlamentarischen Verfassungskommission,
informierten die Medien und mobilisierten die
öffentliche Meinung durch Unterschriftensammlungen
und Organisierung von Briefen an das Parlament, in
denen die Kampagne unterstützt wurde.
Zur Zeit konzentrieren wir uns auf zwei Kampagnen
unter Jugendlichen:
-
"Musik gegen Rassismus" - unter diesem Slogan
organisieren wir Konzerte und werden dabei
unterstützt von Top-Rock-Musikern wie Kazik,
Kult, Big Cyc, T. Love und vielen anderen.
-
"Kicken wir den Rassismus raus aus dem Fußball"
- zielt darauf, rassistischen und
chauvinistischen Haltungen unter den Sportfans
entgegenzutreten. Wir propagieren Antirassismus
auf dem Fußballfeld in Zusammenarbeit mit
Journalisten, Spielern und gesellschaftlichen
Organisationen. Wir unterstützen alle
anitrassistischen Initiativen von den Fans
selbst.
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Wenn Sie mit uns Kontakt aufnehmen wollen schreiben
Sie an uns per Post oder E-Mail:
Stowarzyszenie "Nigdy Wiecej", PO Box 6, 03-700
Warszawa 4 oder:
PO Box 99, 85-791 Bydgoszcz 32. Rafal Pankowski,
rafalpan@zigzag.pl
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30.6.1998: (K)ein "großer Bahnhof" in Lichtenberg
Waltraud Schwab
Vom Medienrummel überrascht wurden Roch Czartoryski,
Werkvertragsarbeiter aus Polen und Maria
Brzeczyszczykiewicz, Pendelmigrantin, die wochentags in
Berlin putzt und am Wochenende zurück zu ihren
schulpflichtigen Kindern und ihrer Mutter in die
Masuren fährt, als sie gestern am Bahnhof Lichtenberg
ankamen. Als zig-Millionste (und zig-Millionste + 1)
ausländische Arbeitskräfte nämlich wurden sie vom
Polnischen Sozialrat und Aktion Sühnezeichen feierlich
begrüßt. Herrn Czartoryski wurde als Geschenk ein
gelber Tretroller überreicht, Frau Brzeczyszczykiewicz
erhielt als Dankeschön für ihren unermüdlichen Einsatz
einen Warengeschenkkorb mit Aldi-Produkten. Wie vor 34
Jahren, als der einmillionste "Gastarbeiter" - der
Portugiese Armando Sá Rodrigues - von der
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber auf dem
Bahnhof Köln-Deutz mit einem Moped und einer Urkunde
empfangen wurde, waren auch die gerade aus Polen
kommenden Arbeitswilligen, durch Los als zig-Millionste
bestimmt worden. Damit aber enden bereits die
Parallelen und aus dem Spiel wird Ernst. Denn wo
Bauarbeiter "gegen den völlig ungeregelten Zustrom
ausländischer Billiglohnanbieter" demonstrieren, wie
letzte Woche in Berlin geschehen, tut Aufklärung not,
fanden die Initiatoren und Initiatorinnen dieser
Aktion.
Vor 35 Jahren wurde den einreisenden Arbeitnehmern der
Hof gemacht. Heute werden sie gebraucht, aber nicht
geschützt. Wie Ausländer und Ausländerinnen in
Deutschland behandelt werden, ist, so die
Einschätzungen vom Polnischen Sozialrat, eine Frage der
Politik und der Berichterstattung. Bekannt ist, daß die
derzeitige Bauwut in Berlin ohne billigste
Arbeitskräfte aus ost- und westeuropäischen Ländern -
nicht zu bewerkstelligen wäre. Die Baustelle kann
nämlich nicht ins Ausland verlagert werden. Hartnäckig
hält sich ohnehin dabei das Gerücht, daß es in Berlin
keine einzige Baustelle gibt, auch nicht das
Bundespräsidentenschloß Bellevue, auf der nicht
illegale Arbeiter beschäftigt sind oder waren. Anders
nämlich ist das Preisdumping in der Branche gar nicht
mehr zu leisten. Wo aber Bauarbeiter von überallher
über Subsubsubunternehmen, die vielfach selbst nicht
mehr in Deutschland als Firmen eingetragen sind,
angeworben werden, greift keine deutsche
arbeitsrechtliche oder soziale Absicherung mehr. Zudem
- so die Analyse des Polnischen Sozialrates - werde
Einwanderung und Migration nicht als Folge der
weltweiten ökonomischen Umstrukturierungen dargestellt,
wo Bewohner und Bewohnerinnen ganzer Regionen gezwungen
sind, ihre familiäre und soziale Sicherheit aufzugeben,
um über Grenzen hinweg der Arbeit nachzureisen.
Stattdessen werde die Verursachung der Misere
individualisiert. Jedem Nichtdeutschen, der in
Deutschland arbeiten will, werden egoistische und
moralisch verwerfliche Motive unterstellt.
"Der Glanz der Metropolen wird auf dem Rücken von
Migranten und Migrantinnen hergestellt", sagt Hilde
Hellbernd von Zapo, einem Projekt des Polnischen
Sozialrats, die insbesondere Osteuropäerinnen betreut.
An Frauen werde besonders deutlich, daß das
Verursacherprinzip in Deutschland keine Rolle spielt.
Es gibt hier eine Nachfrage, sei es nach Putzen, sei es
nach Sex. Geschieht dies mit ungeschütztem
Aufenthaltsstatus, sind die Frauen jeglicher Willkür
ausgesetzt. Billigste Dienstleistungen im privaten
Sektor sind mittlerweile ein wirtschaftlicher Faktor,
der Kürzungen in der staatlichen Kinderbetreuung und
Gesundheitsversorgung wettmache. Werden die Putzfrauen,
Kindermädchen, Bauarbeiter oder privaten Krankenpfleger
jedoch selbst krank oder bedürftig, werden sie in ihre
Herkunftsländer zurückgeschoben.
Roch C. lächelt freundlich; sein Paß lugt aus der
Hemdentasche hervor; er raucht. Maria B. sieht
irritiert und übermüdet aus. Sie versteht die
Empfangsreden nicht, verlangt nach einer Übersetzung.
Auf ihren abgetretenen Turnschuhen steht nur ein
einziges Wort: "Adventure".
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