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     TRANSODRA 18, Oktober 1998, S. 127 - 157

Gibt es eine schlesische Nationalität?

Adam Szostkiewicz, Zweifel an der schlesischen Nationalitßt
Jerzy Turowicz, War Korfanty Pole?
Leserbriefe zum Thema in Tygodnik Powszechny
Janusz A. Majcherek, Welcher Nationalitßt ist der Enkel von Korfanty?
Alfons Nossol, Das Recht auf das Anderssein
Dagmir Dlugosz, Gibt es eine schlesische Nation?
Das Oberste Gericht in Warschau: Es gibt keine schlesische Nationalitßt

Jan Lissowski, Kann man sich sein Vaterland aussuchen?
Piotr Olszowka, Der Streit um das Schlesiertum./ Ein Kommentar

 

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Zweifel an der "schlesischen Nationalität"

Adam Szostkiewicz (Tygodnik Powszechny, Nr. 40, 1997)

Das Appellationsgericht in Kattowitz hob das Urteil des dortigen Woiwodschaftsgerichts auf, das den "Verband der Bevölkerung Schlesischer Nationalität" registriert hatte.
Ich habe längere Zeit im Kohlerevier in Schlesien gewohnt, in Zabrze, jener "polnischsten aller polnischen Städte" (Charles de Gaulle), und aus eigener Erfahrung weiß ich, wie kompliziert das ethnisch-kulturelle Mosaik dieser Region aussieht. Auf das Urteil des Appellationsgerichts reagierte ich mit gemischten Gefühlen. Meine Zweifel wurden noch größer, als ich die mit diesem Ereignis verbundenen Pressereaktionen und Kommentare las. Zwar sind die Schlesier keine Nation wie z.B. Polen, Deutsche, Litauer oder Ukrainer, aber Hunderttausende von ihnen besitzen ein starkes Gruppenbewußtsein und sie fühlen sich weder als Deutsche noch als Polen.

Man kann die Zurückhaltung der Richter verstehen, die es nicht eilig haben, im Namen des Gesetzes eine neue nationale Minderheit ins Leben zu rufen. Ist es aber sinnvoll, über ein so schwieriges und heikles Problem wie die nationale Identität ausschließlich Juristen entscheiden zu lassen? Es trifft zu, daß die rechtliche Anerkennung der schlesischen Nationalität einen Präzedenzfall schaffen würde, der weitere Anträge ähnlicher Art nach sich ziehen könnte, die mit der ethnischen Realität in Polen viel weniger zu tun hätten als die Initiative des Verbands der Schlesier. Wenn sie eine Nationalität bilden, wieso dann nicht auch die Goralen, Masuren, Kaschuben oder Roma? Der Nationalitätenstatus gewährt darüberhinaus das Recht, die 5% Klausel bei den Sejmwahlen zu umgehen, und einen besonderen Schutz seitens des polnischen Staates, der ja viele ernstzunehmende internationale Abkommen unterzeichnet hat, in denen den ethnischen Minderheiten eine freie Entwicklung garantiert wird. Auch der politische Kontext darf nicht außer acht gelassen werden: bis heute wird von manchen Politikern und Aktivisten in Deutschland infragegestellt, daß Schlesien polnisch ist.

Alle diese Argumente sind es wert, ernsthaft diskutiert zu werden. Das ändert aber nichts daran, daß die Initiative für die "schlesische Nationalität" in der Region selbst auf fruchtbaren Boden gefallen ist und das Selbstverständnis der Schlesier ausschlaggebendes Kriterium sein sollte. Durch einen administrativen Riegel kann man diese Bewegung vielleicht bremsen, aber nicht abblocken. Darüberhinaus setzt man sich damit Vorwürfen aus, daß Menschenrechte und europäische demokratische Standards nicht eingehalten werden. Ein hartes "Nein" der Republik Polen verdiente erst der Separatismus.

 

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War Korfanty Pole?

Jerzy Turowicz (Tygodnik Powszechny, Nr. 42, 1997)

Das Appellationsgericht hob das Urteil des Woiwodschaftsgerichts in Kattowitz auf, das den Verband der Bevölkerung schlesischer Nationalität zugelassen hatte. Diese Entscheidung stellte Adam Szostkiewicz, mein Redaktionskollege, in Frage. Mit der Auffassung Szostkiewiczs kann ich mich keinesfalls einverstanden erklären. Das Urteil des Woiwodschaftsgerichts bedeutete die Anerkennung der Existenz einer schlesischen Nationalität. Es ist aber mindestens einer Diskussion wert, ob eine solche Nationalität in Wirklichkeit existiert. Vor allem aber fällt es nicht in die Kompetenz des Gerichts, diesen Streit zu entscheiden. Deswegen halte ich das Urteil des Appellationsgerichts für richtig und hoffe, daß es vom Obersten Gerichtshof bestätigt wird.

Fakt ist, daß die schlesische Region innerhalb der polnischen Nation infolge ihrer komplizierten Geschichte durch deutliche kulturelle Eigenständigkeit gekennzeichnet ist. Die Schlesier haben ein starkes Regionalbewußtsein und sie haben das Recht, sich als Schlesier zu fühlen - was sie aber nicht daran hindert, gleichzeitig Polen zu sein. Wahr ist auch, daß die von der Volksrepublik geerbte zentralistische Verwaltung die ökonomischen Interessen dieser Region nicht genügend berücksichtigt. Dies trifft im übrigen auch für die Goralen oder Kaschuben zu. Es war Hitler, der sich bemühte, den Goralen einzureden, sie seien ein eigenständiges "Goralenvolk", diese lehnten das aber entschieden ab. Die Existenz von ethnischen Kulturregionen und Sprachunterschieden ist normales Charakteristikum gesunder nationaler Organismen, bzw. staatlicher Strukturen. Bretonen oder Bayern hören nicht auf, Franzosen oder Deutsche zu sein, denn es handelt sich bei ihnen nicht um Nationen, sondern um unterschiedliche Teile eines gemeinsamen nationalen Organismus.

Freilich verdient diese regionale Vielfalt bestimmte Garantien und institutionelle Formen. In der Zwischenkriegszeit besaß Schlesien eine weitgehende Autonomie, der schlesische Sejm entschied über wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten sowie über Steuern und lokale Gebühren und es gab ein eigenes schlesisches Finanzvermögen (Skarb Slaski). Schlesien im Rahmen der Reform der staatlichen Verwaltung eine solche Autonomie zurückzugeben ist möglich. Aber das bedeutet nicht, daß die Schlesier als eine selbständige Nation behandelt werden. Man ist Schlesier, Gorale oder Kaschube und gleichzeitig Pole.
Wir begehen gerade das 75jährige Jubiläum der Rückkehr Schlesiens zum Mutterland. Um die Zugehörigkeit Schlesiens zu Polen haben die Schlesier in drei Aufständen gekämpft und in der Volksabstimmung dafür plädiert.

War Wojciech Korfanty, der große Sohn Schlesiens, schlesischer Nationalität oder war er einfach Pole?

Autonomie - auch eine weitgehende - ja.
Nationalität - nein.

 

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Leserbriefe in Tygodnik Powszechny
(Nr. 44, 2.11.1997)

Den Schlesiern eine Chance geben

Andrzej Pisowicz (Krakow)

Im Zusammenhang mit dem Artikel von Jerzy Turowicz: "War Korfanty Pole?" möchte ich die Position von Adam Szostkiewicz unterstützen, der die Entscheidung des Appellationsgerichts, die Zulassung des Verbandes der Bevölkerung schlesischer Nationalität aufzuheben, in Frage stellte. Es ist offenkundig, daß die Existenz einer Nationalität nicht von einem Gerichtsurteil abhängig gemacht werden kann. Wir alle sind uns darüber einig. Entscheidend kann aber dabei auch nicht die Meinung der "Anderen" sein, in diesem Fall also die der Polen aus Warschau, Krakau oder Posen. Man darf sich nicht über den Standpunkt der Betroffenen hinwegsetzen. In der Großen Allgemeinen Enzyklopädie (Wielka Encyklopedia Powszechna) wird Nation definiert als "ein Kollektiv, das ein gemeinsames Nationalbewußtsein" besitzt. In Schlesien war und ist das Problem des Nationalbewußtseins der einheimischen Bevölkerung kompliziert. Der Unterschied zu den anderen Regionen ist augenfällig. Während die Einheimischen aus Krakau oder Posen ihre polnische Volkszugehörigkeit nie in Frage stellen würden, ist eine solche Haltung in Schlesien verhältnismäßig häufig anzutreffen. Ein Teil der Schlesier hält sich für Polen (und zu ihnen gehörte auch Korfanty), ein Teil für Deutsche (manchmal erst seit jüngster Zeit) und ein Teil nur für Schlesier. Die Anzahl der letzteren beläuft sich nach den diesjährigen Schätzungen von Prof. Dorota Simonides auf ca.15%, wobei wir allerdings nicht wirklich wissen, wie die Ergebnisse genauerer Untersuchungen ausfallen würden, mit denen sich Soziologen und Ethnographen beschäftigen sollten.

Aus eigener Erfahrung (ich habe in Schlesien in verschiedenen Orten sechs Jahre lang gewohnt) weiß ich, daß die Zahl der Schlesier, die sich nicht der polnischen Nation zugehörig fühlen, relativ groß ist. In der Zeit der Volksrepublik Polen wurde das ehemals deutsche Schlesien nur teilweise repolonisiert (hauptsächlich infolge der Einführung der polnischen Sprache in Schule und Verwaltung). Die realsozialistische Wirklichkeit hat viele Schlesier vom Polentum abgestoßen.

Unter dem Stichwort "Nation" lesen wir in der Enzyklopädie weiter: "Der Prozeß der Nationsbildung nimmt seinen Anfang in der Regel bei einer zahlenmäßig kleinen Elite." Die Zukunft wird lehren, ob die Aktivisten, die die Zulassung des Verbandes der Bevölkerung schlesischer Nationalität beantragt haben, eine solche Elite bilden, oder ob sich die Mehrheit der Schlesier vorbehaltlos als Teil der polnischen Nation verstehen wird. Unabhängig davon darf man, meiner Meinung nach, die Tätigkeit der Aktivisten, die die schlesische nationale Idee gestalten wollen, nicht verbieten. Im 7. Jh. hat es ja keine Polen, Russen oder Tschechen gegeben, sie sind erst in späteren Jahrhunderten aus der slawischen Gemeinschaft hervorgegangen. Genausogut kann eine neue Nationalität im 21. Jahrhundert entstehen.

Im 7. Jh. gab es auch noch keine polnische Sprache. In jeder Mundart stecken potentiell die Möglichkeiten, Hochsprache zu werden. Heutzutage kann man sich Rundfunknachrichten auf Schlesisch kaum vorstellen, aber im Lauf der Zeit, unter günstigen Bedingungen, könnte dieser Dialekt einen höheren Rang gewinnen. Seine Position ist auch zur Zeit relativ hoch, weil er auch in den Städten gesprochen wird. Die Frage der Sprache ist übrigens nicht ausschlaggebend. Es kommt vor, daß Nationen ihre Sprache mit den Nachbarn teilen.

Wenn ich mich für ein autonomes Schlesien ausspreche und dafür, den Schlesiern eine Chance zu geben, falls sie es wollen und können, eine Nation zu werden (aufgrund ihres eigenständigen historischen Schicksals), so möchte ich zugeben, daß ich zu dieser Überzeugung erst nach langjährigen Überlegungen und nicht ohne innerliches Zögern gekommen bin. Meine Kindheit, die ich in Schlesien verbrachte (in den Jahren 1947-1953) hinterließ viele traurige Erinnerungen: meine Schulkameraden trugen oft supergermanische Vornamen und in den Kindergesprächen konnte man nationalsozialistische Sympathien spüren, die in den Familien weitergepflegt wurden. Als ein aus der Krakauer Gegend stammender Pole war ich für sie nicht ein Kollege aus einer anderen Region desselben Landes, sondern eher ein Ausländer, den man mit der Eroberung des deutschen Vaterlandes durch die Rote Armee und mit der Armut, die die Nachkriegszeit mit sich gebracht hat, assoziierte. Meine damalige Situation wurde nur dadurch verbessert, daß ich den schlesischen Dialekt gelernt hatte.

Der zu Beginn meines Briefes erwähnten Entscheidung des Appellationsgerichts möchte ich noch eine Kleinigkeit hinzufügen. Die Richterin argumentierte bei der Begründung des Urteils inkorrekt, indem sie den Terminus "Minderheit" falsch interpretierte. Sie erklärte, man könne von einer schlesischen Minderheit in Polen nicht sprechen, weil es keine im Ausland lebende schlesische "Mehrheit" gäbe. Das ist ein Mißverständnis. Schlagen wir in der Enzyklopädie nach: "Minderheiten" werden darin folgendermaßen definiert: "Bevölkerungsgruppen, die auf einem Gebiet (vor allem eines Staates) ständig leben und die sich von der Mehrheit seiner Einwohner (oder von der die politische Macht besitzenden gesellschaftlichen Gruppe) durch eine oder mehrere Eigenschaften unterscheiden, die verursachen, daß diese Gruppen im Kollektivbewußtsein als andersartig wahrgenommen werden, was manchmal zu ihrer Diskriminierung in der Gesellschaft führen kann. Zu Eigenschaften dieser Art gehören beispielsweise: Religion, Sprache, Nationalbewußtsein, Kultur."

So bilden z.B. die Ungarn in der Slowakei oder in Rumänien eine nationale Minderheit nicht deswegen, weil es einen ungarischen Staat gibt, in dem die "Mehrheit" der Ungarn lebt, sondern deswegen, weil ihre Zahl in der Slowakei bzw. Rumänien kleiner ist als die der Slowaken oder Rumänen. In diesem Zusammenhang lohnt es sich noch das Beispiel der Sorben anzuführen, die in der Enzyklopädie als Nationalität definiert werden, obwohl es außerhalb Deutschlands weder einen sorbischen Staat noch größere Gruppen von Sorben gibt. Ich möchte unterstreichen, daß man - nach der oben zitierten Definition - von einer Minderheit sprechen kann, wenn eine Gruppe Nationalbewußtsein besitzt.

Antwort von Jerzy Turowicz

Ich bin größtenteils mit den Argumenten von Herrn Pisowicz einverstanden. Der Schlußfolgerung, die er zieht, wenn er die Richtigkeit des negativen Urteils des Appellationsgerichtes anzweifelt, kann ich mich aber nicht anschließen. Ich bestreite nicht, daß sich in Zukunft, vielleicht im 21. Jahrhundert - wie Pisowicz vermutet - eine eigenständige schlesische Nationalität herausbildet. Niemand hat übrigens vor, die Tätigkeit von Organisationen, die diesem Ziel dienen, zu verbieten. Ich bin aber nach wie vor der Auffassung, daß es derzeit keine eigenständige schlesische Nationalität gibt und daß das Urteil des Woiwodschaftsgerichts im doppelten Sinn ungerechtfertigt war. Erstens war es gleichbedeutend mit der Feststellung, daß es eine schlesische Nation gibt, zweitens wurde die Entscheidung in einer Sache getroffen, für die - was Herr Pisowicz auch zugibt - ein Gericht nicht zuständig ist.

Nicht so viel Lärm um die Sache machen

Czeslaw Rymer (Kattowitz)
Aus dem Polnischen: Maria Gierlak


Adam Szostkiewicz reagierte auf das Urteil des Appellationsgerichtes mit gemischten Gefühlen, weil er wisse, wie kompliziert das ethnisch-kulturelle Mosaik in Schlesien sei. Sein Wissen schöpfe er daraus, daß er längere Zeit in Zabrze gewohnt habe. Sein Bild trifft allerdings nicht auf ganz Schlesien zu und ist unvollständig.
Mosaikartig ist das ganze Gebiet Polens. Anders sieht es aber in Kleinpolen, anders in Großpolen, Pommern, Masowien, Podlesien oder noch weiteren Teilen des Landes aus.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Mosaiken sind erheblich, was aber ihre Eigenständigkeit im nationalen Sinne nicht suggerieren darf. Dies gilt auch für Schlesien. Wir bilden eine polnische Nation, wir haben ein Vaterland und einen integralen polnischen Staat, in dem die nationalen Minderheiten einen geringen Prozentsatz ausmachen.
Ich kann mich gut daran erinnern, daß in der Zeit der siegreichen Aufstände und während der Abstimmungsaktion in Schlesien eine Gruppe von Menschen tätig war (angeführt von Kustos und noch einem anderen, dessen Name mir leider entfallen ist), die separatistische Losungen verbreitete: "Nicht Polen, nicht Deutsche, sondern Schlesier" oder "Schlesien für die Schlesier" usw. Diese Propaganda wurde eifrig von den Deutschen unterstützt, weil sie darin ein Mittel erblickten, das polnische Element bei der Abstimmung zu schwächen. Nachdem Schlesien an Polen angeschlossen worden war, verschwand diese Gruppierung von der politischen Bühne. Die Öffentlichkeit interessierte sich nicht mehr dafür und so starb diese Initiative eines natürlichen Todes.

Heutzutage werden Losungen von separatistischen Grüppchen in den Medien publik gemacht, und auf diese Weise wird umsonst für sie geworben, was übrigens ihren Zielen entspricht, weil sie dadurch populär werden.
Ich bin der Meinung, daß man nicht so viel Lärm um diese Sachen machen darf, sonst entstehen in der polnischen Gesellschaft Verwirrung und falsche Vorstellungen, was die nationale Situation in Schlesien anbetrifft. Viele meinen, das polnische Element sei dort von Minderheiten dominiert, was offensichtlich falsch ist. Verschiedene Grüppchen in der Art des "Verbandes der Bevölkerung schlesischer Nationalität" bilden nur einen Bruchteil der Gesellschaft. Wenn es so weitergeht, wird man sich rechtfertigen müssen, wenn man so wie ich ein Pole ist, dessen Vorfahren seit mehreren Generationen in Schlesien lebten. Die Probleme Schlesiens sind selbstverständlich kompliziert. Zurückzuführen ist das auf seine 600 Jahre dauernde Trennung von Polen, wobei es sich lediglich um eine Trennung im physischen Sinne handelte. Die geistige Verbindung zu Polen bestand ununterbrochen, und daraus erwuchs das (polnische) Nationalgefühl um die Jahrhundertwende. Erwähnt werden müssen darüber hinaus die verbreitete Enttäuschung in der Zwischenkriegszeit, die Okkupation, die Zwangseinberufungen zur Wehrmacht vergleichbar mit denen zur Roten Armee in den Ostgebieten, der Zwang, die Volksliste zu unterschreiben, eine übermäßige wirtschaftliche Ausbeutung und die soziale Deklassierung der Einheimischen durch die Zuwanderer usw.. Jedes dieser Phänomene bedürfte getrennt einer eingehenden Untersuchung.

Ich habe den Eindruck, daß das, was jetzt vor sich geht, von manchen Kreisen in der polnischen Gesellschaft gebilligt wird. Es steht aber im krassen Widerspruch zu unserer polnischen Staatsräson.
Vielleicht irre ich mich. Möge es so geschehen.

PS:

Nachdem wir 1941 von den Deutschen aus Kattowitz ausgesiedelt worden waren, wohnten wir in Krakau, wo ich nach dem Krieg an der Jagiellonenuniversität mein in der Vorkriegszeit in Posen begonnenes Jurastudium fortsetzte. Ich möchte noch eine kurze Information zur Biographie meines Vaters geben (nach der Allgemeinen Enzyklopädie): Rymer Jozef (1882-1922), nationaler Kämpfer und polnischer Aktivist im Ausland, seit 1902 in der Polnischen Beruflichen Vereinigung (Zjednoczenie Zawodowe Polskie) in Westfalen aktiv, tätig in den Volksräten, stellvertretender Vorsitzender der Nationalen Arbeiterpartei (Narodowe Stronnictwo Robotnicze), Teilnahme an der Vorbereitung der Volksabstimmung und am Dritten Schlesischen Aufstand, 1922 erster Woiwode in Schlesien.

 

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Welcher Nationalität ist der Enkel von Korfanty?

Janusz A. Majcherek, Tygodnik Powszechny, Nr. 44, 1997
Aus dem Polnischen: Maria Gierlak

Nach dem neulich durch das Appellationsgericht gefällten Urteil, mit dem die Zulassung des Verbandes der Bevölkerung schlesischer Nationalität aufgehoben wurde, kam es im 'Tygodnik Powszechny' zu einer Kontroverse zwischen Adam Szostkiewicz, der das Urteil kritisierte und Jerzy Turowicz. In dem mit einer rhetorischen Frage: "War Korfanty Pole?" betitelten Text bemerkt Turowicz zu Recht, daß die Entscheidung darüber, ob es eine schlesische Nationalität gebe, nicht in die Kompetenz des Gerichts falle. Er provoziert damit allerdings eine andere Frage: Wer entscheidet denn über die Existenz konkreter Nationen und die nationale Zugehörigkeit konkreter Personen und aufgrund welcher Kriterien? Es ist offenkundig, daß dies nicht zu klären ist, ohne den Begriff der Nation zu definieren. Und darin liegt die eigentliche Schwierigkeit, die Quelle der Kontroverse.

Fatalismus der Geburt

Das Wort "Nation" (narod) kommt von "geboren werden" (narodzic sie) und ist eine Lehnübersetzung des in vielen anderen Sprachen auftretenden Begriffs "nation", das dem lateinischen "natus" entstammt. In seiner ursprünglichen Bedeutung ließ dieses Wort also keine Beliebigkeit zu, die Nationalität erbte man von den Eltern und man besaß sie von Geburt an.
Einem solchen naturalistischen Nationalitätsverständnis haftete aber ein ernsthafter Makel an, denn man stützte sich dabei auf biologische, also objektive Tatsachen und Kategorien, ohne allerdings ihre konkreten Eigenschaften identifizieren zu können, weil sich weder in der menschlichen Physiologie noch im Genmaterial spezifisch nationale Merkmale unterscheiden lassen. Einerseits wurde also eine biologische Definition der Nation - in Analogie zur biologischen Gattung - entwickelt, und die Beziehungen zwischen den Nationen demzufolge darwinistisch als Kampf ums Dasein aufgefaßt. Andererseits konnte man selbstverständlich keine natürlichen Grundlagen dieses Phänomens, physiologische Eigenschaften der Nation oder Kriterien der nationalen Zugehörigkeit aufzeigen. Intensive Versuche, solche zu finden, führten allenfalls zur Hervorhebung der Rassenmerkmale, letztendlich also zur Gleichsetzung von Nationalismus und Rassismus. Das hatte furchtbare Konsequenzen und kompromittierte die naturalistische Auffassung von Nationalität. Heutzutage werden zum Verständnis des Begriffs Nation biologische Kategorien nicht mehr herangezogen, sie werden nicht einmal mehr in die Diskussion einbezogen.

In seiner älteren Bedeutung konnte das Wort "Nation" auch einen sozialen, ständischen Charakter haben. Es bezeichnete den Status der Eltern und die von ihnen geerbte ständische Zugehörigkeit des Kindes zu einer Gruppe, die mit Hilfe von sozialrechtlichen Merkmalen kenntlich gemacht wurde. Auf diese Weise entstand ein politisches Verständnis von Nation, wie es sich beispielsweise in der Bezeichnung "Adelsnation" widerspiegelte. Infolge der Aufhebung der Ständeschranken und der politischen Statusdifferenzen verlor aber dieser Begriff seine typologischen und distinktiven Eigenschaften, heutzutage besteht die politische Nation aus allen Bürgern, was übrigens nicht selten mit Nachdruck unterstrichen wird. In den Vereinigten Staaten taucht im Namen vieler Institutionen, deren Wirkungsbereich das ganze Land umfaßt, das Wort "national" auf, niemand versucht es aber mit der ethnischen Mischung der amerikanischen Gesellschaft in Verbindung zu bringen (es sucht ja auch niemand einen solchen Sinn in der Bezeichnung "Polnische Nationalbank").

Zwischen Folklore und Beethoven

Deterministische und fatalistische Züge, die - was die Etymologie suggerierte - strikt mit der biologischen Abstammung verbunden waren, gehören gegenwärtig nicht mehr zum Begriff der Nation. Man will auf diese Weise einerseits die Assoziationen mit dem Rassismus vermeiden, andererseits läßt man so auch die ständischen Kriterien weg, die schon längst ihren nur im Rahmen einer Feudalgesellschaft erkennbaren Unterscheidungscharakter eingebüßt haben. Die die Nation und die nationale Zugehörigkeit identifizierenden Merkmale werden im Bereich der symbolischen Eigenschaften und Inhalte situiert.

In den Vordergrund stellt man kulturelle Kriterien. Das Problem der Identifizierung der Nationen und der nationalen Zugehörigkeit wird dadurch aber ganz und gar nicht gelöst, es wird nur auf eine andere Ebene verschoben, auf der wiederum Differenzierungsmerkmale und Kriterien für die Unterscheidung von Nationalkulturen gefunden werden müssen. Denn wenn wir nicht wissen, was "Nation" ist, können wir auch nicht sagen, was unter einer "Nationalkultur" zu verstehen ist. Die Gleichsetzung dieses Begriffs mit "Volkskultur", also seine Fixierung auf ethnographische Merkmale, was in der letzten Zeit vom Umkreis des polnischen Ministeriums für Kultur und Kunst propagiert wurde, trifft daneben. Zum einen bildet die Volkskultur lediglich einen Bruchteil der polnischen Kultur, der im Laufe der Zeit immer kleiner wird. Zum anderen sind die ethnographischen Differenzen zwischen den Regionen so bedeutend, daß sie eher auf übernationale Verwandtschaften verweisen. (Das gilt für fast alle Grenzgebiete: die Goralen aus den Pieniny verbindet mehr mit denen aus der Slowakei als mit den Kaschuben, die Volkskulturen des polnischen und tschechischen Schlesien stehen einander näher als z.B. der Volkskultur in Podlesien.) Zum dritten werden die nationalen Kriterien infolge der Universalisierung und Standardisierung der Weltkultur aufgeweicht und verlieren somit ihre Aktualität. Es handelt sich dabei keineswegs um einen erst für das 20. Jh. typischen Prozeß der McDonaldisierung. Beethoven war ein deutscher Komponist, in seinem genialen Erbe läßt sich aber nichts finden, was man als spezifisch deutsch bezeichnen könnte und in besonderer Weise zu dieser Kultur gehören würde. Mit seiner Musik können sich auch Menschen identifizieren, für die die deutsche Kultur als solche fremd bleibt. Dies trifft sogar auf Chopin zu, in dessen Werk ohne Zweifel polnische Tradition und vor allem polnische Volksmusik eingegangen ist, was aber überhaupt nicht ausschließt, daß es Bestandteil einer übernationalen, allgemein-menschlichen Kultur ist. Zu den leidenschaftlichsten Liebhabern seiner Musik gehören... die Japaner.

Das Phänomen einer programmatischen Nationalkultur tauchte in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s auf im Zusammenhang mit der Entwicklung nationaler Ideologien. Manche verstehen unter Nationalkultur auch Werke und Schöpfer, die unter dem Niveau einer übernationalen, allgemeinmenschlichen Kultur bleiben. All das läßt den Begriff der "Naltionalkultur" als zwiespältig erscheinen.

Welche Sprache sprach Kopernikus?

Ist für die nationale Bestimmung einer Kultur die nationale Identifizierung oder das nationale Selbstverständnis ihrer Schöpfer ausschlaggebend? Welcher Nationalität war Mickiewicz und wie steht es um Milosz oder Giedroyc?
Es wird häufig vorgeschlagen, die Sprache als das entscheidende Kriterium der nationalen Identifizierung und der Volkszugehörigkeit anzuerkennen, weil sie die objektive Grundeigenschaft einer Kultur darstelle. Aus dieser Annahme stammte auch eines der Argumente gegen den Begründer des Verbandes der Bevölkerung schlesischer Nationalität, der angeblich die schlesische Mundart nicht beherrsche.

Das sprachliche Kriterium stellt aber nicht nur die nationale Zugehörigkeit von Kopernikus in Frage, sondern auch die nahezu aller Einwohner von Danzig vor 1945, auch wenn sie sich mit dem Polentum identifizierten, aber im Alltag deutsch sprachen. So gesehen ist der Enkel von Korfanty sicherlich kein Pole. Alle sahen und hörten, welche Schwierigkeiten er während der Enthüllung des Denkmals seines Großvaters in Kattowitz beim Ablesen einiger polnischer Sätze hatte. Ein solches Kriterium eliminiert auch die irische Nation und nimmt den Schotten und Walisern das Recht auf nationale Ansprüche. Von diesem Standpunkt aus gibt es weder die Schweiz als Nation (es sei denn, daß wir darunter die kleine Gruppe derer verstehen, die Rätoromanisch sprechen) noch die argentinische oder mexikanische etc.

Frei gewählt, aber von wem?

Die Antwort auf diese und noch weitere Probleme lautet heutzutage: die Entscheidung über die nationale Zugehörigkeit solle man dem einzelnen Menschen überlassen. Jeder gehöre zu der Nation, die er selbst wähle. Wenn wir die Wahl der Nationalität als ganz frei verstehen, verlieren solche in der polnischen Sprache geläufigen Ausdrücke wie "Verrat der Nation" oder "Verleugnung der Nation" ihren Sinn. Die Entscheidung über die nationale Zugehörigkeit liegt demnach auf der gleichen Ebene wie die Wahl des Wohnorts. Es gehen dabei alle axiologischen Eigenschaften des Begriffs der Nation verloren, deretwegen er hauptsächlich gebraucht wird. Und deswegen wird eine freie Wahl der Nationalität nicht allgemein akzeptiert. Aber gerade das reizt außenstehende Beobachter und Kommentatoren zum Widerspruch.

In Polen gab es Proteste, als Vertreter der litauischen Behörden behaupteten, in Litauen gebe es keine Polen, sondern nur polonisierte Litauer. Die ganze Welt protestierte, als die Serben die nationale Eigenständigkeit der Moslems in Bosnien negierten und sie für islamisierte Serben ausgaben. Andererseits suggerieren außenstehende Beobachter den Weißrussen, eine eigenständige Nation zu bilden, obwohl die Mehrheit der Bürger Weißrußlands sich dazu gar nicht bekennt. Man kann sich schwer des Eindrucks erwehren, daß politische Gründe darüber entscheiden, ob die selbstgewählte nationale Identität als berechtigt oder unzulässig gilt.

Zu welchen absurden Praktiken das führen kann, sehen wir am Beispiel Nachkriegspolens. Auf den nach dem Potsdamer Abkommen Polen zugefallenen Gebieten führte man als Vergeltungsmaßnahme nach dem Wahnsinn des deutschen Nationalismus eine Entnazifizierung durch. Die ehemaligen Einwohner, die dort weiterhin bleiben wollten, mußten einen Antrag stellen, in dem sie sich nicht um die polnische Staatsbürgerschaft, sondern um die polnische Volkszugehörigkeit bewarben. So erhielten Danziger oder Schlesier, die kein Wort Polnisch sprachen oder verstanden, mit deutschen Namen wie z.B. Wolfgang Schmidt, nicht selten Bescheinigungen, daß sie polnischer Nationalität seien. Umgedrehte Volkslisten sozusagen. (Im übrigen kann es nicht wundern, wenn andererseits Autochthone, die Czaja oder Gasiorek heißen und gut polnisch sprechen, sich nicht nur für Deutsche halten, sondern manchmal sogar im Namen Deutschlands revisionistische Ansprüche erheben.)

Menschen aus Atlantis und vom Mars

Die Festlegung, man könne die nationale Zugehörigkeit selbst wählen, aber nur unter den tatsächlich existierenden Nationen, führt indirekt zu der Konsequenz, daß keine neuen Nationalitäten entstehen oder initiiert werden können und daß es keine nationsbildenden Prozesse mehr gibt. Viele der heutigen Nationen hat es vor einigen Jahrhunderten gar nicht gegeben und die nationsbildenden Prozesse entwickelten sich im Grunde genommen erst im 19. Jahrhundert. Anfang des 19. Jh.s kamen nur wenige auf den Gedanken, daß es eine eigenständige tschechische oder litauische Nation geben könne, geschweige denn eine weißrussische oder slowakische.
Andererseits kann die uneingeschränkte Freiheit, eine beliebige Nationalität wählen zu dürfen, zur Absurdität führen, auf die ein Einwohner des Städtchens Kety hingewiesen hat, indem er die Zulassung des Verbandes der Minderheit von Kety beantragte. Theoretisch gesehen bestünden dann keine Hindernisse mehr, wenn man seine Nationalität als Atlantis- (weil man sich als Nachfahre der Atlantiseinwohner fühlt) oder Marsmensch deklarieren würde.

Auf der Suche nach einem Selbstverständnis

Der Nationsbegriff ist mehrdeutig und verworren, er ist nicht imstande, die Wirklichkeit zufriedenstellend zu ordnen und zu erklären, und kann zu vielen Absurditäten führen sowie - was noch schlimmer ist - neue Gefahren heraufbeschwören. Dasselbe gilt für die Idee des Nationalstaats. Lohnt es sich also, diesen Begriff zu gebrauchen oder sich darauf zu berufen?
Manche behaupten, dies sei unvermeidlich, weil keine anderen Identifizierungs- und Identitätsmodelle ihn ersetzen könnten. Die Menschen empfänden nämlich ein natürliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Gruppenbindung und kollektivem Selbstverständnis. Das sagen nicht nur konservative Gegner der europäischen Integrationsprozesse und der Globalisierung der Kultur, sondern auch Wissenschaftler und Intellektuelle vom Range eines Sir Ralf Dahrendorf. Andererseits meint der ausgezeichnete Kenner der nationalen und politischen Situation auf dem Balkan, Konstanty Gebert, der sich dort mehrmals aufgehalten und viele Erfahrungen gesammelt hat, der Gedanke der nationalen Selbstbestimmung sei eine Bombe mit Spätzünder, die an vielen Orten mit der gleichen schrecklichen Kraft explodieren könne wie auf dem Balkan.
Im Gegensatz zum Regionalismus ist Nationalismus eine Doktrin der Aggression und Expansion. Das Evangelium ist universalistisch und enthält mehrere Formulierungen, die den national-ethnischen Partikularismus direkt ablehnen. ( "Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen...". Nachdem der vorliegende Artikel geschrieben worden war, veröffentlichte die "Gazeta Wyborcza" einen Vortrag von Leszek Kolakowski unter dem Titel "Das Lob des Kosmopolitismus", in dem der übernationale Charakter des Christentums hervorgehoben wird.) Das gegenwärtig in der europäischen und polnischen Kultur sichtbar zunehmende Interesse für das Mittelalter könnte deutlicher ins Blickfeld der modernen Menschen rücken, daß es in der Geschichte Epochen gegeben hat, in denen man andere Formen der individuellen und kollektiven Identitätsstiftung kannte, ohne auf den Begriff und das Konzept der Nation zurückzugreifen.

Eine Geschichtsphilosophie, die mit zweierlei Maß mißt

Kultur, Geschichtsbewußtsein, schulische und gesellschaftliche Erziehung orientieren sich in Polen am Begriff der Nation. In den meisten Schulbüchern steht der Kampf um das Polentum im Vordergrund, die geschichtlichen Prozesse werden mit zweierlei Maß gemessen. (Die polnische Ostexpansion wird als Beweis für die Lebenskraft und Attraktivität der eigenen Kultur und der politischen Fähigkeiten der Herrscher interpretiert, der Drang der Deutschen vom Westen her wird demgegenüber als Symptom ihrer Aggressivität, Eroberungssucht und Habgier gezeigt.) Die gesamte neuzeitliche Geschichte und Kultur Polens (und nicht nur die) wird als Ausdruck nationaler Tendenzen dargestellt, das 19. Jh. ist dominiert von nationalen Aufständen und dem Kampf um die Erweckung des Nationalbewußtseins. Die nationalen Ideen und Bewegungen werden ausschließlich in positiven Zusammenhängen präsentiert. Es fehlt jede kritisch-bilanzierende Reflexion über die Zeit, in der in Ostmitteleuropa nationale und nationalistische Ideologien überwogen und die für Polen katastrophal ausfiel. Die Verbreitung des Nationalismus in einer Situation, in der einige Dutzend Kilometer westlich bzw. östlich von Krakau geschlossene Siedlungsräume der deutschen und ruthenischen Bevölkerung begannen, war für Polen tödlich. Hätten sich das politische Leben und die staatlichen Strukturen in dieser Region konsequent auf nationale Kriterien gestützt, hätte Polen weder ein Recht auf die Ostmarkengebiete (Kresy Wschodnie), noch auf Ostpreußen, noch auf den Großteil von Pommern und Schlesien gehabt. Es wäre ein kläglicher Rest der alten Rzeczpospolita übriggeblieben, ein Rümpfchen mit abgeschnittenen Flügeln. Dazu ist es nur deswegen nicht gekommen, weil die Alliierten Revanche nahmen an der nationalsozialistischen Doktrin, die Millionen von Polen Vernichtung und Leiden gebracht hatte, Polen die von der deutschen Bevölkerung bewohnten Gebiete zuerkannten, und zuließen, daß man die Deutschen hinauswarf, was übrigens recht schnell durchgeführt wurde. Wenn irgendjemand in all dem irgendwelche positiven Einflüsse der nationalen Ideologie sieht oder gar Grund für polnischen nationalen Ruhm, muß sein Blick ideologisch getrübt sein.

Die Frage nach der Nationalität des Enkels von Korfanty ist vielleicht ganz unwesentlich. Sie wurde aufgeworfen, um zum Nachdenken über eine Situation zu provozieren, in der ein im Ausland lebender und nicht polnisch sprechender Mensch eine Rede vor dem Denkmal seines Großvaters hält, der ein polnischer Nationalkämpfer und Anführer antideutscher Aufstände in Schlesien war und der später von den polnischen Behörden zur Emigration gezwungen wurde.
Die Geschichte ist interessanter und vor allem komplizierter als man sie darzustellen versucht. Dies gilt übrigens auch für die Gegenwart.

 

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Das Recht auf das Anderssein

Gespräch mit Bischof Alfons Nossol, Rzeczpospolita, 17.12.1997
(Auszug aus einem Gespräch, in dem es hauptsächlich um Ökumene, am Schluß jedoch auch um das Debattenthema geht)
Aus dem Polnischen: Maria Gierlak

(...) Inwiefern liegt die Ursache dafür, daß Sie vor dem Anderssein keine Angst haben, sondern im Gegenteil aufgeschlossen und sensibel dafür sind, darin, daß Sie im Oppelner Schlesien geboren wurden?
Das hat einen gewissen Einfluß, daher kommen meine Denkkategorien. In Schlesien treffen sich die polnische, die deutsche und die mährische Kultur. Hier mußte es immer eine versöhnte Vielfalt geben. Und wie bereichernd sie ist. Vor dem Krieg gab es hier Lutheraner, evangelischuniert, und das hielten wir für normal und empfanden es nicht als störend.

Wir waren bereit, einem Andersdenkenden, zuzuhören. Ein konkretes Beispiel: In Oppeln machten die Protestanten 10% der Bevölkerung aus. Drei Amtsperioden (9 Jahre lang) war der Oppelner Bürgermeister ein Protestant, gewählt von einem Stadtrat, der zu 3/4 aus Katholiken bestand. Man hatte sich für einen Fachmann entschieden, für einen großartigen Menschen, der sich um das gemeinsame Wohl kümmerte. Für die Stadträte war nicht seine Konfession von Bedeutung, sie waren nicht daran interessiert, wo er herkam, sondern daran, wo er hin wollte, und daß es ihm tatsächlich um die Menschen ging.
Und was bedeutet es für Sie, ein Schlesier zu sein. Sie haben dieses Jahr unter anderem den Titel des "Schlesiers des Jahres" bekommen?
Ich bin stolz auf meine schlesische Herkunft, auf diese Dreidimensionalität der Kultur, auf den Reichtum der Ökumene und noch auf eine große schlesische Eigenschaft, die man als Harmonie zwischen Denken und Fühlen bezeichnen kann. Das Gefühl steht nicht vor der Ratio, vor dem Denken. Erst so kann man etwas erreichen. Und darüber hinaus das Arbeitsethos, das Verbundensein mit der Arbeit, mit dem geliebten heimatlichen Boden, den Menschen, die Ehrlichkeit bei der Arbeit, der Glaube an den Anderen, die gegenseitige Hilfe im Gegensatz zum Individualismus, der all dies entbehrt.

Das ist zu wenig, um eine Nationalität zu bilden. Was halten sie von der Initiative, einen Verband der Bevölkerung schlesischer Nationalität zu begründen?
Im Oppelner Land können wir das gar nicht beim Namen nennen, wir sprechen noch nicht einmal von einer wirtschaftlichen Autonomie Schlesiens. Das Kattowitzer Schlesien, Oberschlesien kann sich das erlauben, dort gab es eine polnische Vergangenheit in der Zwischenkriegszeit. Bei uns hier in Oppeln gab es so etwas nicht. Uns würde man sofort eines in Richtung Deutschland gehenden Separatismus verdächtigen. Und außerdem bin ich eher skeptisch, wenn es um die Nationalität geht. Es handelt sich vielmehr um eine ethnische Orientierung, um eine nationale Inklination, aber nicht in Richtung einer nationalen Autonomie. Es ist unsere Aufgabe, an der kulturellen Verschmelzung in der Wirklichkeit zu arbeiten, die triadisch aufgebaut ist und aus einem polnischen, einem deutschen und einem mährischen Element besteht. Deswegen bin ich sehr vorsichtig. Ich mag keine Alternativen, sie könnten sich als verhängnisvoll erweisen. Eine polnische, eine deutsche oder vielleicht eine mährische? Wenn ich die Wirklichkeit triadisch sehe - und so ist sie - ist es sicherer. Ich bin schon nicht mehr gezwungen, ein Lebensbekenntnis abzulegen.

Sie haben mehrmals darüber gesprochen, daß man jahrelang von Ihnen eine Erklärung verlangte, wer Sie seien: ein Pole, oder - Gott behüte - ein Deutscher, oder aber eventuell nur ein Schlesier...
... das war so demütigend.
... aber diese Zeiten sind schon vorbei?
Im Grunde, ja. Heutzutage sagen die älteren Schlesier, die die polnische Hochsprache gar nicht können: wenn unser Bischof sich nicht schämt, offiziell, im Fernsehen, die schlesische Mundart zu sprechen, die er als Kind gelernt hat, brauchen wir uns auch nicht zu schämen. Wir sollten darauf auch stolz sein, weil das wertvoll ist. Sie werden sich dessen bewußt. Sie schämen sich nicht mehr, zu bekennen, daß sie Schlesier sind. Der Schlesier macht ganz Polen reicher. Warschau blickt auf uns eigenartig, versteht unser Anderssein nicht oder will es nicht verstehen. Aber letztendlich bedeutet dieses Anderssein eine versöhnte Vielfalt, die das ganze Land bereichert, und gleichzeitig bilden wir eine Brücke, die nach Europa führt.
Die Diskussion über die Nationalität geht ein in die Debatte darüber, wie das neue Europa aussehen wird.

Das neue Europa wird ein Europa der Vaterländer sein. Mir gefällt diese Vorstellung. Auf Patriotismus brauchen wir gar nicht zu verzichten. Würden wir die Worte unseres großen Patrioten Cyprian Kamil Norwid transformieren, so könnten wir sagen, daß der Patriotismus die Gestalt der Liebe und nicht des Hasses hat. Man darf nie andere Nationen hassen, sie en bloc verurteilen. Das kann man in Bezug auf einzelne Menschen tun, aber ein Teil ist nicht mit der Gesamtheit identisch. Man sollte äußerst vorsichtig sein, vor allem wenn man Urteile fällt.
Wenn ich auf den Anderen mit dem Finger zeige und ihn für schuldig erkläre, ist ein Finger auf ihn gerichtet, drei aber zeigen auf mich selbst.

 

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Gibt es eine schlesische Nation?

Dagmir Dlugosz, Rzeczpospolita 24.9.1997
Aus dem Polnischen: Maria Gierlak

Der Autor stammt aus Siemianowice in Schlesien, studierte Politische Wissenschaften an der Schlesischen Universität und besuchte die Landesweite Schule für öffentliche Verwaltung in Warschau.

[...]
Dem Bericht über die gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen in der Woiwodschaft Kattowitz ist zu entnehmen, daß sich 63,8 % ihrer Einwohner als Polen und 1,1% als Deutsche fühlen. Zwischen diesen beiden "national reinen" Positionen gibt es ein breites Spektrum von Einstellungen, die durch verschiedene familiäre und geschichtliche Schicksale der Einzelpersonen bedingt sind. Als Schlesier bezeichnen sich 12,4% der Befragten, als Polen und Schlesier 18,4%, als Deutsche und Schlesier 2,4%, als Oberschlesier 1,4%. 0,8% entschieden sich für die Antwort "noch jemand anderer". Aus diesen Angaben geht hervor, daß das Potential des Polentums in Schlesien, das über 80% beträgt, eindeutig überwiegt.
Andererseits läßt sich eine starke Verbundenheit mit der Region beobachten. Als Schlesier bezeichnen sich insgesamt 32,9% der Einwohner [...].
Dieses "Schlesiertum" stellt eine potentielle Basis für die eventuelle Tätigkeit von regionalorientierten politischen Gruppierungen dar. Schenkt man den oben angeführten Ergebnissen der Meinungsumfragen Glauben, so fühlen sich fast 490.000 Einwohner der Woiwodschaft Kattowitz als "reine" Schlesier. Dies würde bedeuten, daß die schlesische Minderheit zahlenmäßig stärker ist als alle anderen in Polen lebenden nationalen Minderheiten, auch wenn man deren eigene optimistische Schätzungen heranzieht. [...]
Diese Information kann vielleicht schockierend sein, verdeutlicht aber das gesellschaftliche und politische Gewicht eines Problems, das keinesfalls unterschätzt werden darf. Es ist daran zu erinnern, daß man immer wieder empfahl, die Nationalitätenfragen in Schlesien durch Volksabstimmungen zu lösen. In den Jahren 1989 - 1993 wurden drei Initiativen dieser Art, die mit dem Vorschlag einer Internationalisierung dieses Gebiets verbunden waren, von Politikern ergriffen, die im deutschen politischen Leben keine marginale Rolle spielen (Otto von Habsburg, Hartmut Koschyk, Herbert Hupka).

Es wurde beispielsweise trotz der offiziellen Politik der bundesdeutschen Regierung in dieser Frage behauptet: "die jetzige Grenzlinie und ihre Anerkennung in dem deutsch-polnischen Vertrag verfestigt das Unrecht" (Herbert Hupka, 10-11 Juni 1993, Treffen der Landsmannschaft der Schlesier in Nürnberg). Wir haben es hier also mit einem mehrdimensionalen Problem zu tun, das sowohl historische als auch gesellschaftliche, verfassungsrechtliche und internationale Aspekte umfaßt. Versuchen wir diese Dimensionen näher zu betrachten, zumal die Polen aus gutem Grund in Fragen der nationalen Minderheiten überempfindlich reagieren und die Historiker betonen, daß die sich als schlesisch bezeichnenden Gruppierungen in Situationen, in denen die staatliche Zugehörigkeit Schlesiens zur Debatte stand, in der Regel für Deutschland optierten. Dies bildete den Nährboden für Vorwürfe, die den schlesischen Separatismus als Instrument zur Verstärkung der deutschen Interessen bezeichneten.

Welche Rechte garantiert der Status einer nationalen Minderheit?

Die internationalen Verpflichtungen, die Polen in Bezug auf die Rechte der nationalen Minderheiten eingegangen ist, umfassen sowohl politische Verpflichtungen (KSZE) als auch Bestimmungen des Völkerrechts (die Charta der UNO, die Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte, der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte) und bilaterale Abkommen mit den Nachbarstaaten. Diesen Dokumenten liegt die Auffassung zugrunde, daß die Wahl der Nationalität dem einzelnen Menschen überlassen bleibt. Es werden demnach den nationalen Minderheiten keine sog. Gruppenrechte zuerkannt - darin sind sich die unterzeichnenden Staaten einig - sondern lediglich individuelle Rechte, wie sie allen Bürgern des jeweiligen Staates zustehen. Dies beruht auf der Unterscheidung zwischen den Grundrechten für Personen (als Individuen), die Angehörige einer nationalen Minderheit sind, und den Rechten der nationalen Minderheiten als Gruppen.

Die bilateralen Verträge, die Polen mit seinen Nachbarn unterschrieben hat (auch die Beschlüsse der KSZE) beinhalten die sog. Loyalitätsklausel, deren Wortlaut gewöhnlich zum Ausdruck bringt, daß "die Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit die Bürger nicht von der Pflicht entbindet, sich gegenüber dem Staat, in dem sie leben, loyal zu verhalten". Von besonderer praktischer Bedeutung für die Minderheiten ist die von Polen 1964 ratifizierte UNESCO-Konvention gegen Diskriminierung im Bildungswesen. Sie garantiert den Angehörigen nationaler Minderheiten u.a. das Recht, eigene Bildungseinrichtungen zu unterhalten und zu leiten und ihre Muttersprache zu benutzen und zu unterrichten. Die Inanspruchnahme dieser Rechte darf jedoch weder die Tätigkeit der Absolventen solcher Schulen in der Öffentlichkeit beeinträchtigen noch die Souveränität des jeweiligen Staates gefährden. Der Besuch von Minderheitenschulen muß fakultativen Charakter haben.

Die polnische Gesetzgebung garantiert den Angehörigen der nationalen Minderheiten viele Rechte, die einer potentiellen schlesischen Minderheit attraktiv erscheinen können. Es handelt sich vor allem um Bürgerrechte, die alle Bürger des polnischen Staates besitzen, unabhängig davon, ob sie einer nationalen Minderheit angehören oder nicht. Die neue Verfassung garantiert im Artikel 35 den polnischen Staatsbürgern, die Angehörige einer nationalen oder ethnischen Minderheit sind, die Möglichkeit, ihre Muttersprache frei zu pflegen, eigene Bräuche, Traditionen und ihre eigene Kultur zu bewahren sowie verschiedene Bildungs- Kultur- und Religionseinrichtungen zu gründen. Sie haben auch das Recht, an Entscheidungsprozessen in Angelegenheiten mitzuwirken, die ihre kulturelle Identität betreffen.

Darüber hinaus ist in der Verfassung das Recht jedes Bürgers auf Verfassungsklage unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit verbürgt. Viele Möglichkeiten, die Interessen einer nationalen Minderheit zu artikulieren, enthält das Vereinsgesetz, das die verfassungsrechtlich verankerte Vereinigungsfreiheit konkretisiert und den Vereinigungen das Recht gewährt, in öffentlichen Angelegenheiten das Wort zu ergreifen. Dieses Recht kann nur eingeschränkt werden, wenn die äußere oder innere Sicherheit des Staates gefährdet ist, zum Schutz der Gesundheit, des öffentlichen Anstands oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten Dritter. Wichtig sind insbesondere die Bestimmungen der Wahlordnung zum Sejm, die die Wahlkomitees der nationalen Minderheiten von der Notwendigkeit befreit, 5% der abgegebenen gültigen Stimmen bei der Kreisliste und 7% bei der Gesamtlandesliste erreichen zu müssen. Sie verfügen auch über die Möglichkeit, eine Gesamtlandesliste für die Minderheiten aufzustellen. Das Rundfunk- und Fernsehgesetz verlangt die Berücksichtigung der Bedürfnisse der nationalen Minderheiten und ethnischen Gruppen in den Programmen der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten.

Haben wir es mit einer Sondersituation zu tun?

Für das Europa der 70er Jahre war die Entfaltung des Regionalbewußtseins kennzeichnend, das sich zum Ziel setzte, die sich auf einem Territorium konzentrierenden ethnischen Interessen zu schützen. Die regen Aktivitäten der ethnischen und regionalen Bewegungen erklärte man damit, daß die Kontakte zwischen dem politisch-kulturellen Zentrum und der Peripherie ähnlich wie zwischen Metropolen und Kolonien einen ausbeuterischen Charakter besitzen. Angestrebt wurde die Veränderung dieser Beziehungen und die Beseitigung des bestehenden Entwicklungsgefälles. Viele Regionen strebten eine größere Unabhängigkeit vom Zentrum an.
Die bisher im Ausland gemachten Erfahrungen zeigen, daß außer den verfassungsrechtlichen Einschränkungen, die die Unteilbarkeit eines Staates garantieren, auch solche Faktoren ausschlaggebend sein können wie: hohe Kosten einer eventuellen Sezession; die Gefahr der Zerstörung der innerhalb eines gut funktionierenden Wirtschaftsraums bestehenden Kooperationsverträge, wobei es sich häufig um Kontakte mit einem besser entwickelten Zentrum handelt (Quebec, Nordirland); die Entfaltung der Strukturen des liberalen Staates zum Schutz der politischen Interessen der Angehörigen einer nationalen Minderheit, um auf diese Weise die Entstehung von separatistischen Bewegungen zu verhindern.

Schlesier - Polen - Deutsche

Die jahrhundertelang andauernde Trennung von Polen führte dazu, daß sich ein Schlesier nie vollkommen als Pole fühlte und Deutscher mit Sicherheit nicht war. In einer solchen Situation bildete sich bei einem Teil der Einwohner polnischer Herkunft ein ethnisches Sonderbewußtsein heraus, das als oberschlesisch bezeichnet werden kann. Auch im Bewußtsein vieler Polen hörte Schlesien auf, ein Teil des polnischen Staates zu sein, und die Schlesier waren nicht mehr Bestandteil der polnischen Nation. Häufig identifizierten sich auch ethnisch Deutsche mit Oberschlesien, die durch zahlreiche Kontakte zu der polnischen Bevölkerung deren Sprache kennengelernt und deren Gebräuche angenommen hatten.

Das betraf in der Regel Vertreter der ärmeren Schichten. Die Schlesier waren in ihrer Masse nicht an Ereignissen beteiligt, die das polnische Nationalbewußtsein konstituierten, wie beispielsweise die nationalen Aufstände. Der Großteil der polnischen Schlesier lebte auf dem Lande, und in ländlichen Gegenden entwickelte sich das Nationalbewußtsein auch im Rahmen eines Nationalstaates langsamer. Die städtische Bevölkerung war seit dem Mittelalter vorwiegend deutscher oder tschechischer Herkunft. Eine bedeutsame Wende trat im 19. Jh. ein, als es zu einer nationalen Renaissance in Schlesien kam. Dieser Prozeß wurde sowohl durch die soziale und wirtschaftliche Isolierung von den eingedeutschten Eliten als auch durch die Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus begünstigt. Man sagt, die polnische Sprache der damals in diesem Gebiet lebenden Bevölkerung sei trotz deutscher und tschechischer Einflüsse dem Polnischen aus der Zeit von Rej und Kochanowski am nächsten gewesen.

Kohle und die schlesische Frage

Man muß sich klarmachen, daß die geburtenstarken Jahrgänge aus den Jahren 1970 - 1980 in der nächsten Zukunft auf den Arbeitsmarkt gelangen. In der Woiwodschaft Kattowitz wird es zu einem rapiden Zuwachs der nach Arbeit suchenden jungen Menschen kommen, was sich über ungefähr sieben bis acht Jahre erstrecken wird. Dieser Zeitraum deckt sich wahrscheinlich mehr oder weniger mit der schnelleren oder langsameren Restrukturierung im Bergbau, und wird so oder so zum Anwachsen der Arbeitslosigkeit führen. Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in der Woiwodschaft Kattowitz sinkt im Vergleich zum Landesdurchschitt. Die Netto-Rentabilität (nach der Besteuerung) der Industrie dieses Gebiets erreichte Minuswerte und betrug im Jahre 1996 -2,3%. Die Arbeitslosenrate liegt jetzt zwar unter dem Landesdurchschnitt (8,4%), absolut gemessen ist sie aber sehr hoch und betrifft 140.000 Personen. Momentan herrscht die "Stille vor der Restrukturierung". Der Anteil der die allgemeinbildenden Oberschulen besuchenden Jugendlichen ist viel niedriger als in anderen Woiwodschaften.

Vor der sich deutlich abzeichnenden Perspektive einer sozialen Krise darf nicht vergessen werden, daß sich das Familienleben der Oberschlesier um die Arbeit konzentriert, und daß eine angemessene Absicherung der Familie zu den grundlegenden Werten schlesischer Mentalität gehört. Hohe Arbeitslosigkeit in Oberschlesien kann eine ernsthafte gesellschaftliche Krise hervorrufen, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Hier wird der Mensch und seine gesellschaftliche Position nach dem Wert seiner Arbeit beurteilt. Langzeitarbeitslosigkeit würde in Schlesien zu einer gefährlichen, massenhaften Frustration führen.

Regionale Lösungen anstelle von Minderheitenstatus

Obwohl der Umbruch der Jahre 1989-1991 mit einer Wiedergeburt der demokratischen Strukturen auf zentraler und lokaler Ebene einherging, hinterließ er eine "demokratische Leere" zwischen der Gemeinde und dem Sejm. Zwar wurde die politische Fiktion der Wahlen zu den Woiwodschaftsräten in der Zeit des Kommunismus beseitigt, aber mit dem Ergebnis, daß überhaupt keine Wahlen mehr stattfanden. Somit gibt es auf der Woiwodschaftsebene keinerlei Institutionen, die die gesellschaftlichen Interessen repräsentieren. Diese Funktion können nicht von den Sejmiks (Gemeindetage) übernommen werden, die sich aus delegierten Vertretern der Gemeinderäte zusammensetzen. Da auf Wojewodschaftsebene die Gesellschaft nicht vertreten ist, kommt es z.B. zu Versuchen, in der Kattowitzer Wojewodschaft die schlesische Minderheit zu registrieren. Die Zentralisierung des polnischen politischen und und finanzpolitischen Systems ist viel stärker als in anderen demokratischen Ländern von vergleichbarer Größe. Wäre dies nicht der Fall, wäre es möglich, die lokalen Interessen und Ambitionen auf der regionalen Ebene zu verwirklichen.

Ein zu großer Zentralisierungsgrad verursacht gesellschaftliche Spannungen und führt zu einer Eskalation der Forderungen, was bei einer völligen Mißachtung der regionalen Bedürfnisse nicht wundern kann. Nicht erfüllt werden Ansprüche nach politischer Partizipation und Vertretung der regionalen Gesellschaften, die Inhalte in der Schul- und Kulturpolitik werden nicht differenziert, die Verwaltung eines Teils der öffentlichen Angelegenheiten im Interesse des eigenen Territoriums kann nicht übernommen werden. Die Regionalisierung, die einerseits die Schaffung der Bedingungen für die Entwicklung der Selbstverwaltung möglich macht, andererseits aber die verfassungsrechtlich verankerte Einheitlichkeit des Staates garantiert, würde helfen, solche Probleme zu bewältigen. Das Ausbleiben derartiger Lösungen trägt - insbesondere in wirtschaftlichen Krisensituationen - zur Entstehung einer gegen den Staat gerichteten regionalen Opposition bei.

Grundlage des Regionalisierungsprozesses sollte die Siedlungsstruktur sein, d.h. die Städte, die als starke Zentren der regionalen Entwicklung fungieren könnten. Geschichtliche und kulturelle Kriterien können hilfsweise zu Rate gezogen werden wegen der territorialen Diskontinuität des polnischen Staates in den Jahren 1772-1945. Die Entstehung von Selbstverwaltungswoiwodschaften (Regionen) im Rahmen eines unitaristischen Staates (Art. 3 der neuen Verfassung) ist sinnvoll aus politischen (Entwicklung der Demokratie), gesellschaftlichen (Erweiterung der Aktivität der Bürger sowie ihrer Identifizierungsbereitschaft mit der Region) und ökonomischen (Bildung der institutionellen Grundlagen für die regionale Entwicklung) Gründen. Aus politischen Gründen erhielt die Woiwodschaft Schlesien in der Zwischenkriegszeit eine weitgehende Autonomie (den schlesischen Sejm mit eigener Gesetzgebung und eigenem Haushalt), eine Autonomie, von der die Vertreter der schlesischen Autonomiebewegungen heutzutage träumen. Heute ist Schlesien jedoch im Unterschied zur Vorkriegszeit keine hochentwickelte Industrieregion mehr, die Zeit der Montanindustrie ist vorbei. Schlesien ist eher ein Gebiet der wachsenden strukturellen und ökologischen Krise, trotz einer gewissen Verbesserung der Umweltsituation in der letzten Zeit.

Was muß in der Wirtschaft in Schlesien passieren?

Die brennendste Frage bleibt nach wie vor die Vorbereitung eines kohärenten und modernen Restrukturierungsentwurfs für die Entwicklung dieser Region, der über die Restrukturierungsversuche einzelner Branchen hinausgehen würde. Die Unterzeichnung des "Kontrakts für die Woiwodschaft Kattowitz" war ein guter Anfang. Ein solcher Plan muß den Übergang von der immer weniger rentablen sich auf Kohle und Stahl stützenden Wirtschaft in Richtung einer vielfältigen ökonomischen Struktur mit neuen Branchen vorzeichnen, die Schlesien auf dem polnischen und europäischen Markt konkurrenzfähig machen würde. Das Image Schlesiens muß verändert werden. In Zukunft kann es nicht mehr die Region der Riesenbetriebe mit rauchenden Schornsteinen sein, sondern ein Gebiet mit kleinen und mittelgroßen Firmen, die imstande sind, sich flexibel an die Konjunkturveränderungen anzupassen und moderne Technologien in die Region zu holen.

Es ist auch ein Umbruch im Bewußtsein der jungen Generation vonnöten. Die Berufsschulen und Oberschulen sollten durch ein neues reformiertes Programmangebot diejenigen, die nicht mehr als Bergleute und Hüttenarbeiter werden arbeiten können, in die Lage versetzen, sich in der Marktwirtschaft frei bewegen zu können. Deswegen ist eine ernstgemeinte Reform des Berufs- und Oberschulwesens unabdingbar.
Angebracht wäre auch eine Erweiterung der polnisch - tschechischen Kontakte, die an die gemeinsame Geschichte Schlesiens anknüpfen würden. Zu betonen ist, daß Schlesien als die erste polnische Region in den Wirkungsbereich der westeuropäischen Kultur gelangte und als ein Musterbeispiel für den Rest des Landes fungieren könnte (Arbeitsethik, Industriekultur, Organisationssinn). Die schlesische Volkskultur kann auch einen wichtigen Beitrag zur polnischen Nationalkultur leisten.

Gibt es eine schlesische Nation?

Die gegenwärtigen Standards im Bereich der Menschenrechte sehen vor, daß jeder einzelne Bürger frei über seine Nationalitätszugehörigkeit entscheidet. Die Anerkennung dieses Prinzips kann aber nicht heißen, nicht mehr darüber nachzudenken, was das in Wirklichkeit bedeutet. Die Nationen sind in der Geschichte, in einem langandauernden Prozeß gewachsene Gebilde, und verdanken sich nicht einem Einzelereignis.
Im Prinzip entstehen heutzutage in Westeuropa keine neuen Nationen, es gibt keinen nationsbildenden Prozeß, wie wir ihn aus den postkolonialen Ländern kennen. Nationalismen kleiner Völker entstanden in Gesellschaften, die in der Vergangenheit ihre eigene Sprache, Literatur oder sogar ihren eigenen Staat besaßen (z. B. Schotten, Basken, Sizilianer, Katalaner, Waliser). In Osteuropa sieht die Situation ein wenig anders aus. Lange könnte man darüber diskutieren, ob die Bosnier ein eigenständiges Volk bilden oder ob sie zu den Serben oder Kroaten gehören. Ähnlich bei den Mazedoniern: gehören sie zur bulgarischen Nation oder sind sie Griechen?

Es stellt sich die Frage, ob im geschichtlichen Übergangsprozeß von ethnischen Gruppen zu Nationen eine schlesische Nation entstanden ist? Doch wohl nicht. Kultur, Sprache und letztendlich die slawische Religion der schlesischen Stämme zeugen von ihrer Zugehörigkeit zu den polnischen Stämmen. Die ehemaligen schlesischen Herzogtümer könnten zwar als schlesische Staaten betrachtet werden, aber wir können ganz sicher nicht von einer in der Geschichte existierenden schlesischen Nation ausgehen. Es handelte sich damals eher um ein dynastisches Elitebewußtsein als um ein Nationalbewußtsein.
Damals war man sich außerdem in Schlesien der nahen Verwandtschaft zu anderen slawischen, nicht nur polnischen, Stämmen bewußt. Vergessen wir nicht, daß gerade die schlesischen Henryks vor der Niederlage des schlesischen Rittertums bei Liegnitz 1241 als Inhaber des Seniorats den polnischen Staat wiedervereinigen wollten. Von der Entstehung einer schlesischen Nation könnten wir nur dann sprechen, wenn eine Massenbewegung auf diesem Gebiet entstehen würde, die die Bildung eines eigenen territorial konkretisierten Vaterlandes anstrebte. Auch die Intelligenz, die das ethnische Bewußtsein der Region erweckt, müßte vorhanden sein.

Damit will ich nicht sagen, daß die, die sich für Schlesier halten, keine besondere Gruppe innerhalb der polnischen Gesellschaft darstellen. Im Laufe der Geschichte entstand eine spezifische regionale sprachlich-kulturell im Polentum verwurzelte, wenn auch aus einem nationalgemischten Unterboden gewachsene Gemeinschaft. Weder Tschechen noch Deutsche oder Polen, oder aber die Mächte, die in Versailles großzügig kleinere Nationalstaaten ins Leben riefen, haben je eine schlesische Nation anerkannt.
Um eine Nation zu bilden, reichen Erklärungen von einigen Vertretern einer Organisation, die eine Minderheit gern repräsentieren möchte, sicherlich nicht aus. Notwendig ist ein massenhaft auftretendes Bewußtsein der ethnischen Zugehörigkeit, das darüber hinaus durch objektive Faktoren bestätigt wird. Es ist nicht gut, daß die Frage der schlesischen Minderheit vor den Sejmwahlen aufgekommen ist. Wäre dies während der Wahlen zu den lokalen oder regionalen Selbstverwaltungsorganen geschehen, hätten wir einen objektiven Gradmesser, um nachzuprüfen, wie populär das "Schlesiertum" unter den auf diesem Gebiet lebenden Menschen eigentlich ist, und das ohne Verdächtigungen, daß es sich bei dieser Initiative um einen Versuch handelt, die im Wahlgesetz vorgesehene 5-Prozent-Klausel zu umgehen. Wir können nicht davon ausgehen, daß Wählerentscheidungen ausschließlich durch das ethnische Selbstbewußtsein beeinflußt werden. Personen, die ihre schlesische ethnische Zugehörigkeit deklarieren, verdienen Respekt und ein gesetzlicher Rahmen muß geschaffen werden, der ihnen die uneingeschränkte Pflege ihrer eigenen Identität ermöglichen würden.

Dazu ist es nicht notwendig, eine schlesische Minderheit anzuerkennen, denn die Schlesier sind keine Nation in dem Sinne, wie Polen, Deutsche, Franzosen, Litauer oder Tschechen. Wir Polen, besonders jedoch die in Schlesien geborenen Polen verstehen intuitiv, worin die schlesische Gemeinschaft besteht und warum sie uns so nahe ist.

 

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Kann man sich sein Vaterland aussuchen?

Jan Lissowski, Rzeczpospolita 28./29.3.98
Aus dem Polnischen: Katrin Steffen

Der Autor wurde 1920 in Michalkowice geboren, Abitur machte er am Gymnasium in Kattowitz. Er nahm 1939 am Krieg teil und, als Soldat der Heimatarmee, am Warschauer Aufstand. Er beendete die Technische Hochschule in Warschau und beschäftigte sich mit der Problematik von Magnetträgern. Der Autor lebt in Warschau.

Große Probleme lassen sich zuweilen erfolgreicher erörtern, wenn man sie auf einer verkleinerten Skala betrachtet. Das Bild Oberschlesiens, sein "Image" in den anderen Teilen Polens, läßt sich am vollständigsten in den kleinen und mittleren Ortschaften erfassen. Eben dort leben die Einwohner seit Generationen, dort erhalten sich dauerhaft alte Gebräuche und lange währt die Erinnerung an die vergangenen Jahre, gekennzeichnet entweder durch Wohlstand oder durch Armut und Erniedrigung. Dort hört das Nationalitätenproblem auf, unpersönlich zu sein und verwandelt sich in Konkretes um bekannte Gesichter, Namen und Motivationen.
An der Hauptstraße in meinem Heimatort, die nach vielen Veränderungen wieder den ursprünglichen Namen Koscielna (Kirchenstraße) erhalten hat, stehen immer noch die Häuser, die mich seit meiner Geburt begleitet haben. An der Oberfläche hat sich nicht viel verändert. Michalkowice (Michelsdorf) trat nur einmal aus dem Schatten der Geschichte heraus: durch einen Ablenkungsangriff des Freikorps, der dem in den Handbüchern beschriebenen Kriegsausbruch 1939 um einige Stunden vorausging. Melchior Wankowicz hat diesen Moment beschrieben.

19 Jahre vorher eröffnete sich für mich die Welt, die auf der einen Seite von der Grube "Michal", auf der anderen Seite von den am Horizont sichtbaren Schornsteinen von Chorzow (Königshütte) begrenzt wurde. Gleich hinter den Häusern erstreckten sich bestellte Felder, für Jungen besonders attraktiv im Herbst, wenn dort Feuer aus Kartoffelkraut entfacht und im Feuer gebackene Kartoffeln mit Hering gegessen wurden. Die Felder erinnerten daran, daß Michalkowice noch bis Ende des 19. Jahrhunderts ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf war. In dem ursprünglich bäuerlichen Gebiet siedelten sich von der Industrialisierung angezogene Schichten an und es entwickelte sich der für Oberschlesien so charakteristische, in anderen Teilen Polens unbekannte Typ einer Arbeitersiedlung bäuerlicher Provenienz. Hier hatten sich die alten ländlichen Gebräuche erhalten, vor allem die ländliche Frömmigkeit. Das bezeugten feierliche Sitten, oft urslawischen Ursprungs, und schlesische Tracht, die besonders bei religiösen Feierlichkeiten von vielen Frauen getragen wurde, so auch von meiner Taufpatin Zofia Musiol.

Noch in der Zwischenkriegszeit war hier die Volkstradition lebendig und authentisch und stammte keineswegs aus dem musealen Schaukasten. Sie erfreute sich der Wertschätzung von Ethnographen und brachte gelehrte Sprachpuristen aus der Fassung, die die hiesige Mundart, reich wie kein anderes der altpolnischen Relikte, als Sprache der Ungebildeten verdammten.
In jenen Vorkriegsjahren, in denen nach sechs Jahrhunderten zum ersten Mal wieder Schlesien in das Gebiet der polnischen Republik integriert wurde (freilich nur ein kleiner Teil Schlesiens) und die damit zweifellos die Ausgangslage für alle späteren Ereignisse schufen, hatte die Nationalitätenfrage nur zwei Gesichter: Entweder war man Pole oder Deutscher. So wie bei einer Münze, die immer nur auf Kopf oder Zahl fällt. Der von beiden Nachbarstaaten ausgeübte Druck war zu groß, als daß andere Möglichkeiten hätten existieren können. In Michalkowice war bekannt, wer wer ist. Es gab schlesische Polen und schlesische Deutsche, verbunden durch das Schicksal auf dem gemeinsamen, schlesischen Land, dessen Besonderheit sie sich bewußt waren und auf dem sie in unterschiedlichem Maße ihren Regionalismus pflegten. Eine Zugehörigkeit zu einer dritten Nationalität, zu einer "schlesischen Nation", hat es jedoch niemals gegeben. Eine solche Vorstellung war damals wie heute genauso künstlich wie die Vorstellung, daß die Münze nicht auf eine der beiden Seiten, sondern auf den Rand fällt.

Dennoch entstand fünfzig Jahre nach Kriegsende die Initiative zur Gründung einer Organisation, die diejenigen um sich schart, die sich weder als Polen noch als Deutsche fühlen, sondern nur und ausschließlich als Schlesier. Gibt es denn irgendwelche neuen Umstände, die es ermöglichen, daß in der Mitte Europas am Ende des 20. Jahrhunderts eine bislang unbekannte Nation entsteht ? Welche Argumente könnten die Münze in einer solch unnatürlichen Position halten?

Schaut man von deutscher Seite auf das Problem, kann man das "schlesische Volk" natürlich wie das schon in den Grenzen des Reiches existierende Volk der Lausitzer Sorben behandeln, allerdings unter der Bedingung, die "schlesische Sprache" von der polnischen Sprache abzugrenzen. Hier bewegen wir uns auf ausgetretenen Pfaden! Die Versuche zu beweisen, Schlesier sprächen nicht polnisch, die schlesische Mundart gehöre nicht zum polnischen Stamm, sondern sei eine eigene sprachliche Gattung, kommen aus dem alten Arsenal der Propagandakniffe. Diese Gattung erhielt sogar einen speziellen Namen: Wasserpolnisch. So sprachen angeblich keine Polen, nur Wasserpolen, oder ... polnische Flößer, die das Holz auf der Oder transportierten.
Polnischerseits existiert das Problem nicht. Eine kurzer Blick auf die zwingend notwendigen Bedingungen, eine neue Nationalität zu kreieren, zeigt, daß diese Idee im Fall Schlesiens keine sachlichen Grundlagen aufzuweisen hat. Weder eine ethnische Besonderheit, noch das Kulturerbe oder der Verlauf der Geschichte, noch ein Unterschied in der Mundart - von Sprache läßt sich hier nur schwer sprechen - rechtfertigen die Absonderung einer Bevölkerungsgruppe in solch radikaler Form. Allerdings kann man nicht ausschließen, daß sich zahlreiche Liebhaber einer exotischen "Staatsbürgerschaft" finden würden. Das letzte Beispiel eines solchen Typs, nämlich das "Goralen-Volk" aus der Okkupationszeit, endete nicht sehr vielversprechend.

Wenn jedoch der Versuch, eine im Grunde unschädliche Organisation durch den Obersten Gerichtshof registrieren zu lassen, einen solchen Aufruhr nicht nur in den Medien, sondern vor allem in der Öffentlichkeit hervorruft, kann es nur einen Grund geben: Er traf auf einen empfindlichen Nerv und das an einer schmerzhaften Stelle. Schließlich kursiert im Rest Polens das häßliche Gerede, die Schlesier änderten leicht ihr Vaterland, mal sei es Polen, mal Deutschland, warum also nicht dieses dritte: nämlich Schlesien. Sollten in der geopolitisch günstigen ovalen Gestalt der Dritten Republik, von zwei aufeinanderfolgenden großen Führern ethnisch gesäubert, aufs neue Minderheitenspannungen auftreten? Warum ausgerechnet (im Original deutsch) an der Westgrenze? Und wenn in dem Gerede doch ein Körnchen Wahrheit steckt?
Die dritte, die schlesische "Nationalität" hat niemals bestanden, aber es gab und gibt weiterhin eine dritte Bevölkerungsgruppe, die man weder den Deutschen noch den Polen zurechnen kann, allerdings aus einem ganz anderen Grund. Zu ihr gehören diejenigen Bewohner Schlesiens, die sich in bezug auf ihr Vaterland bisher noch nicht endgültig entschieden haben und die vor der individuellen Wahl stehen, Pole oder Deutscher zu sein.
Diese Situation muß man richtig verstehen, denn in ihr liegt die Lösung vieler schwieriger, peinlicher, gern umgangener und schöngefärbter Probleme, die nicht selten Anlaß verbissener Attacken waren.

Die Existenz dieser dritten Gruppe von "unentschiedenen Bürgern" ist eng mit der Geschichte Schlesiens verbunden. Die Grenze, die dieses Gebiet vom Rest Polens trennte, wurde zu Zeiten von Kasimir dem Großen dicht geschlossen, es existierte in unveränderter Form unglaubliche 600 Jahre und schlug alle Rekorde in Beständigkeit. Die Isolation vom Osten und eine mächtige kolonisatorisch-zivilisatorische Welle aus dem Westen verursachten ein Abdrängen des slawischen, im wesentlichen polnischen Elementes, in die ärmsten Schichten. Ein Wunder, daß das schlesische Dorf in Teilen die polnische Sprache und polnischen Gebräuche konserviert hat. Anders verhält es sich mit dem Nationalbewußtsein, das aufgrund mangelnder Kontakte zum polnischen Volk nicht erhalten wurde.

Die Situation begann sich erst mit dem Völkerfrühling 1848 zu ändern, aber den von adligen Aktivisten entwickelten Aktionen fehlte es bis 1918 an einem Argument in Form des Staates. Dieser hätte die Landsleute zurückfordern können, die hinter der durch die Jahrhunderte versteinerten Grenze verblieben waren. Eine der Folgen der langen Isolation war das verlorene Plebiszit von 1921, in dem die Schlesier die Wahl hatten, für ein unbekanntes Land ihrer Sprache und Sitten zu stimmen oder für ein bekanntes Land guter Organisation und Ordnung, das lediglich forderte, die polnische Herkunft zu vergessen.
Die Zahlenstärke dieser Gruppe ist schwer zu erfassen, da sie aus offensichtlichen Gründen nicht als eigene Kategorie in den Statistiken erscheint. Bei plötzlichen Brüchen in der Geschichte taucht sie jedoch in Gestalt von unerwarteten Veränderungen in der zahlenmäßigen Zusammensetzung der nationalen Gruppen von Polen und Deutschen auf. Dann erlauben sich die "Unentschiedenen" durchaus, sich in die eine oder andere Gruppe einzuschreiben. Es ist schwierig, dieses Vorgehen als eindeutig unmoralisch zu beurteilen, selbst wenn die jeweilige "Wahl" nicht nur von dem Wunsch diktiert wird, unverschuldeten Repressionen zu entgehen, sondern auch Vorteile zu genießen.

Die Wahl des Vaterlandes ... Kann man sich das Vaterland wählen, oder werden wir alle als "an die Scholle Gebundene" geboren, vom Säuglingsalter an ausgestattet mit der Muttersprache und dem Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kreis von Plätzen, Personen und Gebräuchen ? Der eigensinnige Ausspruch ibi patria ubi bene (dort wo das Vaterland ist, ist es gut) verliert schnell seinen ursprünglich boshaften Sinn in unseren Zeiten, in denen die materiellen Werte und die Emigration ins "Land des Wohlstandes" die romantisch-patriotische Motivation überwiegen. Im Grunde verlassen wir hier nicht die uralte Praxis, ein besseres Vaterland zu suchen, was immer mit einer Verbesserung der Lebensbedingungen verbunden war. Für viele Ankömmlinge war auch unser Land eben so ein "besseres Vaterland". Manch ein Miller oder Szmidt kann ein hervorragender Pole sein und ein Kowalski - ein leidenschaftlicher Deutscher. Wenn wir Emigration aus materiellen Gründen gelten lassen, können wir Menschen nicht für ehrlos erklären, die sich eine "günstigere Nationalität" aussuchen während sie im eigenen Hause bleiben. Das ist, als würde man aus Polen nach Deutschland oder umgekehrt emigrieren, ohne den Wohnort zu wechseln. Es ist auch bekannt, daß edlere patriotische Gefühle für das neu gewählte Vaterland erst in den nachfolgenden Generationen auftreten können. Frisch "gebackene" Polen oder Deutsche entwickeln nicht das Eiferertum eines Neubekehrten, weil der Nationalitätswechsel nicht aus ideellen Motiven wie im Falle einer religiösen Konversion erfolgt, sondern vor einem prosaischen, materiellen Hintergrund. In kritischen Situationen, in denen im Fall der Deklaration einer bestimmten Nationalitätszugehörigkeit Repressionen drohen, steht deshalb nichts im Wege, eine andere zu deklarieren, die im gegebenen Fall erwünscht ist. Die Vermischung dieser Gruppen, schlesischer Polen, schlesischer Deutscher und Unentschiedener, von denen die letzteren im komplizierten politischen Spiel, das im Verlauf des ganzen 20. Jahrhunderts so scharfe Formen annahm (viermalige Änderung der Staatsgrenzen!), ununterbrochener Bewegung unterlagen, fügt sich zu einem Bild der Situation in Schlesien, das für einen Landsmann aus dem historischen Polen, der einfache und kompromißlose Beziehungen wie "Vaterland - Staat - Nation" gewohnt ist, nur schwer zu verstehen ist.
Eine besondere Schärfe entwickelten diese Probleme in der Okkupationszeit. Auf dem Gebiet des sogenannten Generalgouvernements war die Haltung des aktiven Widerstands verpflichtend und diejenigen, die in irgendeiner Weise die Deutschen begünstigten, wurden isoliert, gebrandmarkt, manchmal auch liquidiert. Gleichzeitig war bekannt, daß die Situation in Oberschlesien eine andere war und es nichts brachte, "selbstmörderischen Patriotismus" zu demonstrieren.

Ich erinnere mich, daß ich während des Warschauer Aufstandes auf die Frage nach meinem Geburtsort antwortete und meine Information, daß ich aus der Gegend von Kattowitz käme, mit schlecht verhülltem Erstaunen quittiert wurde ("da gibt es doch nur Volksdeutsche..."). Keinerlei Kommentar hingegen riefen die eindeutig deutschen Nachnamen zweier meiner Kommandanten aus der Heimatarmee hervor.

Am Beispiel "meines" Michalkowice kann man problemlos eine Vivisektion dreier Komponenten der schlesischen Gesellschaft im Lauf der Zeit durchführen. Verweilen wir kurz bei dem dramatischsten Moment.
Am 3. Dezember 1941 füllte sich der große Markt in dem Nachbarort Bytkow (Bittkau) mit Menschen. Sie wurden unter Begleitung dorthin geführt. Die Machthaber wußten, wer Pole ist. Wie sich zeigte, sollten sie bei der Exekution eines Michalkowicer, Jozef Skrzek, assistieren. Das war eine klare Warnung, sich nicht bei "Feindarbeit" zu engagieren. Skrzek, ein allgemein bekannter und beliebter dreißigjähriger Lehrer, Pfadfinderleiter und Oberleutnant der Reserve, hatte die schlesische Sektion der Vorläuferorganisation der Heimatarmee, des "Verbandes für den bewaffneten Kampf" (ZWZ) gegründet. Für den "Hochverrat" wurde er zum Tod durch Erhängen verurteilt. Mein Vater, der sich damals auf dem Platz befand, erzählte, daß Skrzek aus vollem Halse schrie: "Es lebe Christus der König", bevor man ihm die Schlinge um den Hals legte. An demselben Baum hatte man zwei Wochen vorher den Pfadfinderleiter Pawel Wojcik aufgehängt.

Die Deutschen... Sie waren seit langem hier, hatten sich hier angesiedelt, waren ruhig und überwiegend ziemlich wohlhabend; ein Überbleibsel aus der alten Gemeinde- und Grubenverwaltung. Deutsche Frauen ... so wie in dem bekannten Ausspruch: Kinder-Küche-Kirche. Meine Mutter traf die deutschen Frauen jeden Morgen, denn sie schlossen sich den Polinnen an und gingen gemeinsam um sechs Uhr zur Kirche. Nur am Sonntag wurden eigene Gottesdienste auf Deutsch abgehalten. Zu Hause sagte man uns, ehrliche Menschen solle man immer achten, unabhängig von ihrer Nationalität.
Nach dem September 1939 trat schlagartig eine Veränderung ein. Junge, aggressive Deutsche in braunen Uniformen begannen das Wort zu führen. Einige unter ihnen waren frühere Kollegen, man mußte also aufpassen. Die Verhaftungen begannen und wir lernten neue Worte: Gestapo, Auschwitz. Wir fürchteten um unseren Pfarrer Brandys, Schlesier, bekannter polnischer Funktionär und Senator. Aber ein Wunder geschah: Sie ließen ihn in Ruhe und er wartete das Ende des Krieges ab, eingeschlossen in der Pfarrei und nicht im KZ. Ältere Deutsche schützten ihn, eben diese ehrlichen.

Aber Michalkowice hat noch ein drittes Gesicht. Die Wehrmacht, die hier in den ersten Tagen des September 1939 einmarschierte, wurde mit einer ausreichend großen Anzahl von Hakenkreuzfahnen begrüßt, um sie in der Überzeugung zu bestätigen, daß sich die "polnische Firnis", aufgetragen in den letzten 17 Jahren, ohne Spuren wegspülen lasse. Aus vielleicht denselben Fenstern hingen am 27. Januar 1945 andere, rote Fahnen, daher kam es beim Einmarsch der Rotarmisten zu keinen größeren Verlusten, mal abgesehen vom massenhaften Verlust an Armbanduhren, den meine Schwester Anna Niedbalowa, die hier ihr ganzes Leben lang wohnte, gewissenhaft in ihren Erinnerungen aufgezeichnet hat. So hat die große Gruppe der "Unentschiedenen" dank ihrer Einstellung, sich dem Bösen nicht zu widersetzen, meinen Heimatort vor verschiedenen Verfolgungen bewahrt. Diese Art von Gewissenselastizität kann man vom idealistischen oder vom realistischen Gesichtspunkt aus beurteilen. In diesem konkreten Fall konnte zumindest die Industriesubstanz während des Vorrückens der Fronten erhalten werden. Diese Substanz war nach Beendigung der Kriegshandlungen für Polen von unschätzbarem Wert.

Das eigentliche Problem Schlesiens besteht also nicht in dem Versuch, eine "schlesische Nationalität" auszurufen, sondern darin, den gefährlichen, wankelmütigen Ballast der großen Menge von Schlesiern loszuwerden, die bis heute mit der Wahl ihres Vaterlandes zögern (und das sind bestimmt mehr als man annehmen könnte).
Sie "loswerden" meint hier, sie auf die polnische Seite hinüberzuziehen. Wenn das nicht gelingt, dann wird auf diesem strategisch wichtigen Gebiet nicht eine rätselhafte "dritte Nationalität" auftreten, sondern die andere Seite der fallenden Münze.
Die hohe Zahl an deutschen Organisationen ist eine einfache Widerspiegelung des Mißerfolgs, vielleicht sogar der Niederlage unserer Innenpolitik. Der Katalog der Fehler, die auf diesem Feld begangen wurden, beginnt mit dem Jahr 1922, dem Jahr der Übernahme Oberschlesiens.
Damals wurde keinerlei Programm vorbereitet, um Führungskräfte unter den Einwohnern dieser Region auszubilden. Erst zu Beginn der dreißiger Jahre erschienen die ersten Schlesier mit Hochschuldiplomen, in Michalkowice gab es drei. Das Durchbrechen der schlechten Regel stand nicht bevor: Leitungsposten bekamen zuerst Deutsche und dann diejenigen, die aus anderen Bezirken zugezogen waren. Zweifellos konnte Schlesien in den ersten Jahren innerhalb der polnischer Grenzen nicht ohne eine größere Injektion importierter Kader aus dem Rest des Landes auskommen, aber es wurde auch keine eindeutige Anstrengung unternommen, diesen Zustand schnellstmöglich zu ändern. Die Ingenieure wurden in Warschau, Krakau oder Lemberg ausgebildet, ziemlich weit entfernt. Einem durchschnittlichen Schlesier wurde der Zugang zum Diplom auf diese Weise erschwert, selbst wenn er es geschafft hatte, den natürlichen Widerstand seiner Umgebung zu durchbrechen, in der man nicht gewohnt war, die Söhne auf irgendeine Universität zu schicken. Diese Situation führte dazu, daß die "wahren Schlesier", die Dialekt sprachen und keinen Zugang zu höheren Posten hatten, auf der sozialen Leiter noch weiter nach unten gedrängt wurden.

Ein zweiter Fehler war es, die Schlesier in der Zwischenkriegszeit in den Parteienstreit hineinzuziehen. Der für einen Staat wichtige Prozeß der Heranbildung neuer Bürger, die sensibel auf das moralische Klima einer sich verändernden Wirklichkeit reagieren, war begleitet vom politischen Kampf zwischen Sanacja (Regierungsblock) und Chadecja (Christdemokraten). Repräsentiert wurden diese Richtungen einerseits durch den Wojewoden Grazynski, andererseits durch Wojciech Korfanty, der große Verdienste aufweisen konnte, sich aber in Opposition zum BBWR (Überparteilicher Block zur Zusammenarbeit mit der Regierung) befand. Dieser Kampf erreichte auch die Arbeiter, denn es ging darum, möglichst viele Wählerstimmen einzufangen. Bei uns zu Hause war man natürlich für Korfanty, daher empfand ich leichte Verlegenheit, als ich am Wahltag beobachtete, wie Gruppen von Bergarbeitern in geschlossener Formation zu den Wahlurnen im Sejm marschierten. Nachdem die "verordnete" Stimmkarte (soweit ich mich erinnere, gab es nur eine Möglichkeit) eingeworfen war, warteten im geräumigen Restaurant von Herrn Benk authentische Wahlwurst und gefüllte Bierkrüge. Diese Art von Lektion in Konformismus schwächte das moralische Rückgrat der "Unentschiedenen" und lehrte sie, sich jeder Regierung für kleine Annehmlichkeiten unterzuordnen.
Die über fünfjährige deutsche Okkupation im polnischen Oberschlesien und die sie begleitenden Erscheinungen in Gestalt von Terror einerseits und dem Kartensystem für Lebensmittel und andere Waren andererseits, ebenso wie der halb oder ganz erzwungene Dienst in der Wehrmacht bei wachsendem Risiko, sein Leben zu verlieren, hätten ein hervorragendes Gegengift für diejenigen sein können, die die Deutschen im September 1939 enthusiastisch begrüßt hatten, weil sie mit der polnischen Regierung unzufrieden waren.

Die Nachkriegsordnung eröffnete ganz unabhängig von moralischen Begründungen die außergewöhnliche und einmalige Chance in der Geschichte, die Einwohner dieser zerrissenen Region dauerhaft auf der polnischen Seite zu verankern und für immer den Stachel in den Beziehungen zum westlichen Nachbarn zu entfernen. Diese Chance wurde vertan. Die Zeiten der Volksrepublik vergrößerten das Kontingent der bestehenden Assimilationsschwierigkeiten. Zum Glück erbrachten bestimmte Strukturen des kommunistischen Systems auch positive Ergebnisse. Die Hindernisse auf dem Weg zu einem schnellen Zugang der Schlesier zu Universitäten und Technischen Hochschulen wurden beseitigt. In Michalkowice wimmelte es von Magistern und Ingenieuren. Unter ihnen befanden sich ein stellvertretender Ministerpräsident und mindestens ein Minister. Aus Gründen des Gleichgewichts muß man auch einen Bischof anführen. Nicht schlecht für eine bescheidene Bergarbeitersiedlung. Dieser Erfolg, der die Schlesier von ihrem Wert überzeugen und Komplexe abbauen sollte, wurde durch den Kampf gegen die Religion, der zu den Prinzipien des Systems in der Volksrepublik gehörte, weitgehend zunichte gemacht.

Indem die anerkannte Autorität bekämpft wurde, wiederholte man den Fehler, den schon die Sanacja begangen hatte, - damals Korfanty, nun die Kirche. In Verbindung mit einer vollständig der Nomenklatura untergeordneten Kaderpolitik, führte dieses Vorgehen zu ideeller Indifferenz, die auch das Nationalgefühl einschloß. Daher reisten später plötzlich Menschen nach Deutschland aus, die erst nach dem Krieg ausgebildet worden waren, darunter auch Parteiaktivisten.
Eine besondere Kategorie von Fehlern findet man im Oppelner Gebiet, das erstmalig seit Kasimir dem Großen mit dem nur von weitem bekannten Vaterland in Berührung kam. In der Zwischenkriegszeit war der "Verband der Polen in Deutschland" im Oppelner Gebiet sehr aktiv gewesen. Viele Funktionäre hatten das mit einem Aufenthalt im Konzentrationslager bezahlt. Leider traf die neue polnische Regierung keinerlei vernünftige Unterscheidung, sie sah nur "Autochthone" vor sich (dieser Begriff erinnert mich irgendwie an den der "Aborigines"), eine Abart der Einheimischen aus dem alten Polesien, ein unsicheres Element, das - im besten Fall - aufgeklärt werden mußte. Auf dem Land wurde die Situation oft so vereinfacht, daß die Aussiedlung in einer nach dem Wohlstand der Höfe geordneten Reihenfolge vollzogen wurde. Auf die Überzeugung des Besitzers oder seine Mitgliedschaft in dem "Verband der Polen in Deutschland" wurde keine Rücksicht genommen. Es kam vor, daß ein nach Deutschland ausgesiedelter polnischer Schlesier als "Repatriant" in das Vaterland zurückkehrte. Fügen wir noch hinzu, daß Janina Klopocka, die das Symbol des Verbandes erfunden hatte, während der stalinistischen Zeit im Gefängnis saß. Nach 1956 wurde sie zwar rehabilitiert, wurde aber nie wieder ganz gesund.

Die Art, wie der Staat seine fürsorgliche Rolle wahrnahm, führte unter den "Autochthonen" natürlich zu einem schlagartigen Sympathieverlust für dieses Vaterland. Ein zusätzliches Argument bildete die materielle Disproportion beiderseits der Westgrenze. Als das lang erhoffte Tauwetter in den polnisch-deutschen Beziehungen endlich eintrat und es frei stand, beliebig seine Nationalität zu deklarieren, zeigte sich, daß im "ethnisch gesäuberten" Polen eine außergewöhnlich große deutsche Minderheit lebt.

Das letzte Kapitel von Fehlern ist mit dem Jahr 1990 verbunden. In einer Zeit, in der plötzlich ein großes Interesse an den Minderheiten vorhanden war, um das frühere Scherbengericht zu kompensieren und uns Europa anzunähern, besuchte der stellvertretende Bildungsminister das Oppelner Gebiet und sprach sich anschließend für die Einführung der ...."schlesischen Sprache" an den dortigen Schulen aus. Ob das eine zufällige Bildungslücke war oder eine Ansicht, die er sich in seiner Umgebung angeeignet hatte, ist schwer zu beurteilen. Für die zweite Möglichkeit spricht ein Artikel, der in der Warschauer Presse veröffentlicht wurde (Zycie Warszawy vom 16. November 1990). Einige der interessanteren Auszüge: "Der schlesische Dialekt erinnert nicht an die polnische Sprache, ist aber auch nicht deutsch" - oder: "Die Schlesier sind ein friedliches, arbeitsames Volk, das die Regierung achtet und an Ordnung gewohnt ist. Hätte man nicht jahrelang versucht, sie mit Gewalt zu assimilieren.." usw. usw. Für die Autorin dieser Ausführungen, die übrigens nicht als Aprilscherz veröffentlicht wurden, ist die Frage der Assimilation Schlesiens und des "dort lebenden friedlichen Volks" an Polen weiterhin offen.

Schlesien als Landstrich - Ducatus Silesiae - wurde mit dem historischen Stamm Regni Poloniae von einer gemeinsamen Grenze umgeben, wie auf der alten Merian-Landkarte. Als Handlungsgrundlage sollten einige einfache Wahrheiten dienen, damit diejenigen, deren Vorfahren in schlesischer Erde begraben sind und die sich dort auch als Mit-Hausherren verstehen, sich gleichzeitig als Erben der Tradition ganz Polens fühlen.
Erstens verlief die Geschichte dieser Region anders als die Geschichte im Rest Polens; diese zweite lernen wir in der Schule im Geschichtsunterricht kennen. Die Folgen sind weiterhin spürbar, denn die örtliche Bevölkerung geht an ideelle und moralische Probleme anders heran. Das jahrhundertelange Zusammenleben mit der deutschen Bevölkerung brachte den Schlesiern bestimmte Eigenschaften, die die polnische Persönlichkeit um neue Werte bereichern können.
Zweitens fielen Nationalbewußtsein und das Bewußtsein der Sprachgemeinschaft durch die sechs Jahrhunderte, in den Schlesien von Polen isoliert war, auseinander. Diese Entwicklung verlief evolutionär und man kann das Ergebnis weder als Anomalie noch als nationalen Verrat betrachten. Verändern läßt sich dieser Zustand, wenn angemessene äußere Bedingungen geschaffen werden.

Drittens ist Schlesien Polens größte Region, in der sich eine Volkskultur erhalten hat und in der im alltäglichen Gebrauch Dialekt gesprochen wird. Ihm gebührt Achtung und ein entsprechender Platz unter den polnischen Dialekten.
Viertens erfordern die Kriegs- und Okkupationsereignisse eine nüchterne faktische Darstellung, ohne falsche Verallgemeinerungen und unter Berücksichtigung der tatsächlichen Bedingungen und Gefahren. Den Dienst in der Wehrmacht sollte man behandeln wie den Dienst von Polen in einer Armee der Teilungsmächte aus der Zeit von vor 1918.

 

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Der Streit um das Schlesiertum. Ein Kommentar.

Piotr Olszowka, Berlin

In der Schulklasse waren wir alle Polen. 1968 gingen Michal und Henryk weg. Ich habe dann erfahren, daß sie Juden sind. Seit 1971 wanderten immer mehr Kollegen aus. Aus der Schulklasse, aus der Nachbarschaft, nahe und nicht so nahe Bekannte. Ich habe dann erfahren, daß sie Deutsche sind. Nach 1981 wanderten weitere aus, sie waren sich eben damals ihres Deutschtums bewußt geworden. In meiner Stadt blieben fast nur noch Ankömmlinge aus dem Osten, wie zum Beispiel Slawek und Alek, die Repatrianten genannt wurden und mit dem Schulpolnisch ähnliche Probleme hatten wie Bernhard und Erwin.
Mein Vater, um sich der Einberufung in die Wehrmacht zu entziehen (vielleicht in das AK - Afrika Korps), floh 1940 von Schlesien in das Generalgouvernement und trat dort der AK (Armia Krajowa - Heimatarmee) bei; sein Bruder, mit dem er gemeinsam in der POP (Polskiej Organizacji Powstanczej - Vorläufer der AK - in Chorzow/ Königshütte) gewesen war, schaffte es nicht zu flüchten und kam nach Auschwitz. Das Lager überlebte er als Dolmetscher, auch deswegen, weil sich einer der SS-Männer als sein Nachbar entpuppte (zweifelsohne ein Deutscher), der später zu den Besuchen bei seiner Verlobten wertvolle Pakete aus dem Lager nach Chorzow (knappe 40 km) für die Familie des Onkels mitbrachte. Ein Schulfreund des Onkels am Gymnasium war Jan Jozef Szczepanski (zweifelsohne ein Pole) und ein Freund aus dem Lager war Jozef Cyrankiewicz, dem der Onkel einen feinen Job in der Lagerlatrine besorgte. Mein Vater und der Onkel waren Schlesier. Sie haben sich für Polen ausgesprochen und wurden also Polen. Ihre Mentalität, Charakterzüge, ihre Einstellung zum Leben und zur Arbeit haben nie daran zweifeln lassen, daß sie einer besonderen Kulturkategorie angehören.

Weder der Nationalsozialismus noch der Komunismus haben die nationale Lage in Schlesien geklärt, vielmehr haben sie sie kompliziert. Während noch die Schlesischen Aufstände, wenigstens aus der späteren Perspektive der Schlesier selbst, als ein Konflikt zwischen Deutschen und Polen verstanden wurde, dem die Schlesier mehrheitlich passiv zuschauten, hat der Identitätskonflikt, der durch den Nationalsozialismus hervorgerufen wurde, in stärkerem Maße bestimmte Handlungen aufgezwungen, z.B. durch die Einziehung in die Wehrmacht. Der Identitätskonflikt nach dem Krieg zwang zu Entscheidungen: für den Kommunismus zu sein, bedeutete eine Option für Polen, ähnlich wie früher für Deutschland zu sein, eine Option für den Nationalsozialismus bedeutete.

Ich bin mit Frau Prof. Simonides einer Meinung, daß sich eine schlesische Nation herausbilden kann, doch könnte ich nicht so kategorisch wie sie und das Gericht feststellen, daß dies noch nicht geschehen ist; für die Beantwortung dieser Frage sind die Motive der Personen, die einen Antrag auf Eintragung des "Vereins der Bevölkerung Schlesischer Nationalität" ins Vereinsregister gestellt haben, ohne Bedeutung. Wenn wir die Möglichkeit des Entstehens einer schlesischen Nation für die Zukunft nicht ausschließen und man zugleich weder über quantitative (vergl. z.B. den nicht sinnlosen Begriff "der letzte Mohikaner") noch über qualitative (der Formulierung solcher Kriterien droht rassistische Entgleisung) Kriterien verfügt, die erfüllt werden müssen, um von einer Nation im allgemeinen und von der schlesischen Nation im besonderen zu reden, sollte hier, ähnlich wie in einem Strafprozeß, das Prinzip in dubio pro reo Anwendung finden. Das umso mehr, als Polen und die Polen unumstritten zur Schaffung des heutigen status quo beigetragen haben, in dem Schlesier, (unabhängig davon, ob sie eine Nation sind oder nicht) eine Minderheit nicht nur in Polen, sondern auch in Schlesien darstellen. Man kann bezweifeln, ob die Auswanderung der Schlesier nach Deutschland in den siebziger und achtziger Jahren Merkmale der "Vertreibung" trug, in diesem Sinne "vertrieben" wären dann auch andere wirtschaftliche und politische Emigranten. Von einer Verfolgung der Schlesier in Polen, die an die Verfolgung von Juden (Pogrome in den 40ern, Entzug der Staatsbürgerschaft 1968) oder der Sinti und Roma (Pogrome wie in Mlawa) erinnern würde, kann man nur in den 40er Jahren reden, damals ging es Deutschen, Kaschuben, Ukrainern und Lemken in Polen genauso schlecht, wie Schlesiern.

Wie flexibel und an die Bedürfnisse des Bewertenden anpassungsfähig der Begriff der Nation ist, zeigt das Beispiel von Nikifor und der aus den Beskiden in der "Aktion Weichsel" vertriebenen Lemken. Die polnische Kultur vereinnahmte Nikifor gerne, bei dieser Gelegenheit behauptete man, eine Lemkennationalität existiere nicht; als man sie jedoch als Feinde Polens aussiedeln wollte ("Aktion Weichsel"), ließ sich ihre nationale Identität gut definieren. Das ist der polnische Gulliverkomplex, der uns zwingt, uns selbst als Opfer der Brombdingnagianer (Deutschland, Rußland) zu betrachten, der uns jedoch blind macht für Probleme kleinerer Nationen (Litauer, Rusnaken, Ruthenier), die im Vergleich mit uns, Liliputaner sind. Ich bin mit der Ansicht vieler Teilnehmer an der Schlesien-Diskussion einverstanden, daß es nicht gut sei, wenn über die Existenz einer Nation ein Gericht entscheidet. Die gerichtliche Auseinandersetzung um die Registrierung des "Vereins der Bevölkerung Schlesischer Nationalität" kann jedoch nicht auf eine Diskussion über universelle Fragen reduziert werden. Das Gericht, wenn es positiv entscheiden würde, könnte eine nationale Existenz nicht erschaffen! Nur für extreme Platoniker (Begriffsrealisten) folgt die Existenz des Gegenstandes aus der Existenz des Begriffs dieses Gegenstandes. Zwar hat der Skeptizismus des Gerichts auch keine ontologischen Folgen (das Gericht begeht keinen Völkermord, wenn es behauptet, das eine Nation nicht existiere), doch wenn das Gericht irrt, und Nichtexistierendes registriert, verübt es ein kleineres Übel, als wenn es dem Existierenden die Registrierung verweigert.

In einer Frage gibt es keine ontologische Auseinandersetzung zwischen den Polen und den Schlesiern: Beuthen ist ausgebeutet und geht in die Nichtexistenz über, und das ist das Resultat des Raubbaus (terminus technicus im Bergbau) der Kohle unter dieser Stadt. Den Schlesiern rutscht die Erde unter den Füßen weg und die Polen registrieren ihre Existenz nicht.
Wenn es Menschen gibt, die sich für Schlesier halten, dann hat es keine Bedeutung, in welchem Ausmaß sie Schlesier sind oder von anderen dafür gehalten werden. Es ist auch ohne Bedeutung, wie viele sie sind. Es läßt sich nicht ausschließen, daß die schlesische Nation existiert (es gibt dafür historische, linguistische, völkerkundliche und kulturelle Argumente). Wenn es zudem so ist, daß eine Menschengruppe ihre eigene Nationalität als schlesisch bezeichnet, dann sollte gemäß der Charta der Menschenrechte und auch wegen des Rechtes der Völker und der Individuen auf Selbstbestimmung anerkannt werden, daß diese Menschen (egal aus welchen Beweggründen) Mitglieder dieser Nation sind.

Eine gänzlich andere Sache sind rechtliche und politische Privilegien, die einer solchen Gruppe zugute kommen sollten. Hier könnte man, ohne irgendjemanden zu beleidigen und ohne Rücksicht auf historische Ursachen (z.B. wessen Schuld das ist ?) ein quantitatives Kriterium einführen. Man kann nicht verlangen, daß der letzte Mohikaner das Anrecht auf fünf Mandate im Parlament hat, doch kann man ihm die Fünfprozenthürde aus dem Weg räumen.
Nationen können mit Unterbrechungen existieren - z. B. hatten die Österreicher ein "blackout" von 1938 bis 1945, als sie (gerne) Deutsche waren. Nationen können entstehen, verschwinden, zusammenwachsen und sich teilen. Existiert die ukrainische Nation ? Die weißrussische ? Und die moldauische ?
Die Anerkennung einer schlesischen Identität führt zu keiner Sezession, zu keinem Separatismus. Gegen solche Befürchtungen sprechen die Zersplitterung und die Vielfältigkeit der Identitäten der Einwohner dieser Landschaft. Während in der "Oppelner Region" (ein Teil des historischen Oberschlesien) eine zahlreiche Gruppe autochtoner Schlesier präsent ist, deren Identität weitgehend deutsch oder deutsch dominiert ist, ist Oberschlesien als Ganzes ethnisch und kulturell heterogen. Die Nachkriegsbevölkerung aus Zentralpolen sowie die "Repatrianten" aus den Gebieten jenseits des Bug leben zusammen mit Schlesiern polnischer Orientierung und solchen, die sich selbst nie freiwillig national festgelegt haben, die Dialekt sprechen und davon überzeugt sind, daß Polen eine gute Option für Schlesien ist, doch nicht automatisch und nicht zu jeder Kondition. Ein völlig anderes Identitätsbewußtsein gibt es in Niederschlesien, wo ein fast vollständiger Austausch der Bevölkerung stattgefunden hat - Deutsche bzw. Schlesier, die für Deutsche gehalten wurden, hat man von hier vertrieben. Dann gibt es noch das heute so genannte Teschener Schlesien, auch ein Teil des historischen Oberschlesien, auf der polnischen und tschechischen Grenzseite. Mit einer Sprache, die eher als eine Variante polnischer Literatursprache gelten muß, als daß sie ein Grenzdialekt der Kulturen wäre. Auch auf der tschechischen Seite der Olza wird "unsere" Sprache ("po naszemu" - so nennen es ihre Benutzer) gesprochen.

Der in der Tat teuflische Trick Stalins, die polnischen Grenzen westwärts zu verschieben und zugleich die Deutschen aus den Polen zugeteilten Gebieten zu vertreiben, um sie hauptsächlich mit Vertriebenen und Flüchtlingen aus den von Polen verlorenen Gebieten zu besiedeln, hatte u.a. den Verlust der deutsch-polnischen Kulturregion zur Folge. Eine solche Grenzregion war neben Großpolen und Pommern eben Schlesien. Die "Westwand" ist keine solche Region und wird es noch eine lange Zeit hindurch nicht werden, weil sie kulturell und zivilisatorisch immer noch die "Ostwand" bleibt, mit verwüsteten Ostmark-Traditionen und noch nicht entwickelten neuen Organisationsstrukturen, die mit denen des westlichen Oderufers kompatibel wären, wo der Kommunismus im übrigen auch große Verwüstungen hinterlassen hat. Auch das beinhaltet eine der subversiven Entfremdungen der Schlesier vom Polentum: von Deutschland wurden sie zuerst durch die schlesischen Aufstände, dann durch Hitler, durch Stalin und am Ende durch die Volksrepublik Polen abgeschnitten. Jetzt, wo alles erlaubt ist, würden einige von ihnen gerne Elemente eigener Besonderheit pflegen, die die Schlesier - zumindest in ihren eigenen Augen - von Polen unterscheiden, ohne Rücksicht darauf, daß es sich dabei um Elemente handelt, die mit dem Deutschtum verwandt sind. Hierzu gehören: die Sprache (der Dialekt), die Küche, Gebräuche, der Humor, die Einstellung zur Arbeit, vielleicht auch eine andere Einstellung den Vorgesetzten gegenüber als in Polen. Im Teschener Schlesien kommt noch das Lutheranertum hinzu. Die sehr komplizierte Geschichte Schlesiens macht sogar eine geographische Abgrenzung problematisch. Deutsche bezeichnen alle die Gebiete als Schlesien, die auch in Polen so genannt werden und zusätzlich einen kleinen Fleck westlich der Lausitzer Neiße, mit der Stadt Görlitz. Zu Schlesien gehört auch der Raum westlich der Olza mit dem tschechischen Tesin.

In dem den nationalen Minderheiten Mitteleuropas gewidmeten Buch von Marek Waldenberg ("Kwestie narodowe w Europie srodkowowschodniej" / Nationalfragen in Mittelosteuropa) ist von Schlesiern nicht die Rede. Es geht hingegen um viele ethnische Gruppen, die sich selbst nach dem Niedergang des Totalitarismus in der Sowjetunion und Jugoslawien als Nationen bezeichnen. Das führte zu vielen Kriegen, noch nicht alle von ihnen gehören der Vergangenheit an. Die totalitäre Macht wirkte wie ein Kühlschrank auf die nationalen Bestrebungen, die sich nach dem Jahr 1989 in allen Ländern der Region - einschließlich der ehemaligen DDR -, in unterschiedlichster Form bemerkbar gemacht haben: von der Entstehung von Volkstanzgruppen bis zum extremen Chauvinismus und Rassisums, der Gewalt glorifiziert und anwendet. Die Entwicklung einer nationalen Identität ist nicht an sich mit einem negativen Potential belastet, ähnlich wie der Fußball nicht notwendigerweise Ursache chauvinistischer Krawalle sein muß, die in Polen - einem angeblich national homogenen Staat - die Gestalt von Kriegsersatzhandlungen zwischen (selbsternannten) Vertretern lokaler Gemeinschaften annehmen.

Daniel Cohn-Bendit nennt sich gerne einen europäischen Mischling, doch gibt er zu, Gefühle zu haben, die allgemein für nationalistisch gehalten werden: wenn es um den Fußball gehe, schlage sein Herz für Frankreich. In Schlesien machte 1974, nach einem ausgeglichenen WM-Duell der polnischen und der westdeutschen Fußballmannschaft folgender Witz die Runde: Unsere haben gestern aber gut gespielt ! Na ja, aber die Polen waren auch nicht schlecht !

Berlin, Mai 1998