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TRANSODRA 20

TRANSODRA 20, 1999/2000, Sonderausgabe: 10 Jahre Transformation in Polen, S. 21 26


Gewinner und Verlierer

Wie sich die Polen im ersten Jahrzehnt des neuen Systems verändert haben

Janusz A. Majcherek, Rzeczpospolita vom 15./16. Mai 1999


Die Dritte Republik entstand im Gegensatz zu den beiden früheren Formen polnischer Staatlichkeit, die aus den Wirren zweier Weltkriege hervorgingen, auf dem gleichen Territorium und mit der gleichen Bevölkerung, wie ihre direkte Vorgängerin; dies ist eine unbestrittene Tatsache, ganz gleich welchen Moment wir als den Beginn der Dritten Republik bzw. das Ende der Volksrepublik betrachten. Im ersten Jahrzehnt ihrer Existenz unterlag die polnische Bevölkerung jedoch einem fundamentalen Veränderungsprozeß.

Immer gesünder und immer besser ausgebildet.

In verhältnismäßig geringem Ausmaße veränderte sich die Bevölkerungszahl. Noch in den achtziger Jahren war die Bevölkerung etwa um 2,5 Millionen Personen angewachsen seit dem Jahre 1989 jedoch kamen nur einige tausend Polen hinzu, so daß es gegen Ende dieses Zeitraums etwa 38,7 Millionen Einwohner gab. Die Erwerbsemigration kam ebenso wie die politische Emigration fast völlig zum Erliegen. Im letzten Jahrzehnt hatten diese beiden Erscheinungen noch fast 300.000 Menschen umfaßt. Zugleich verringerte sich der natürliche Bevölkerungszuwachs kontinuierlich, so daß er gegen Ende der neunziger Jahre bei null Prozent angekommen war. Die polnische Gesellschaft ist dennoch weiterhin jung, das Durchschnittsalter der weiblichen Bevölkerung beträgt 36 Jahre, das der männlichen 33 Jahre. Ein Viertel aller Polen sind Kinder oder Jugendliche.
Der Gesundheitszustand der Polen hat sich verbessert. Seit dem Beginn der neunziger Jahre konnte der Prozeß des fortschreitenden Sinkens der Lebenserwartung aufgehalten werden. Dieser resultierte aus der hohen Sterblichkeit der Männer, die vor allem durch Herzkreislauf und Krebserkrankungen bedingt war. Dank eines veränderten Lebensstils und gesünderer Ernährungsgewohnheiten (darunter ein verringerter Nikotin und Alkoholkonsum) verbesserte sich der allgemeine Gesundheitszustand. Das spiegelt auch die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung wider. Männer leben etwa zwei, Frauen etwa anderthalb Jahre länger als zu Beginn des Jahrzehnts. Zwar leben die Polen im Durchschnitt noch immer einige Jahre kürzer als die Bürger der Europäischen Union (Frauen ca. 77 Jahre, Männer etwa 68,5 Jahre), doch in der Endphase der Volksrepublik war die Wahrscheinlichkeit, daß ein fünfzehnjähriger Pole das sechzigste Lebensjahr erreichte, geringer als für einen seiner Altersgenossen in Lateinamerika, China oder selbst in Indien.

Zu Zeiten der Volksrepublik wurde der Slogan propagiert, Polen sei das Land der Lernenden, doch gegen Ende der Existenz der Volksrepublik erwies sich die durchschnittliche Bildung der Polen als niedrig und die Kennziffern im Bereich des Schulwesens als fatal. Nur 6,5% der Bevölkerung besaß eine Hochschulbildung, kaum 7% eine höhere Schulbildung. Ein Viertel der Bevölkerung verfügte über einen Berufsschulabschluß und 40% hatten nur eine Grundschulausbildung (über 6% noch nicht einmal diese). Im ersten Jahrzehnt der Dritten Republik stieg das allgemeine Niveau der Schulbildung gewaltig an. Der Anteil der Jugendlichen, die eine höhere Schule besuchten, stieg von 19 auf 30% (eines Jahrgangs), der Anteil der Studierenden erhöhte sich von 12 auf 25%, d.h. von ca. 400.000 auf eine Million. Die Folgen sind schon jetzt spürbar. Der Prozentsatz der Personen mit Hochschulbildung an der Gesamtbevölkerung wuchs auf 8%, der mit höherer Schulbildung überstieg 10%, während der Anteil der Personen mit Grundschulabschluß auf 27% sank (ohne jede abgeschlossene Schulbildung sind nur noch 3%).

Nicht nur Polen und Katholiken

Sowohl die erste polnische Republik vor den Teilungen im 18. Jahrhundert wie auch der polnische Staat der Zwischenkriegszeit waren multiethnisch und multireligiös. Die Volksrepublik wurde aufgrund der Kriegsereignisse und der Umsiedlungen in der Nachkriegszeit praktisch zu einem monoethnischen Staat, was in der offiziellen Propaganda als vorteilhaft gepriesen wurde, ohne daß man dabei auf die Methoden einging, mittels derer die zahlenmäßig starken und angeblich schadensbringenden ethnischen und religiösen Minderheiten vom polnischen Territorium eliminiert worden waren. Noch zu Beginn der neunziger Jahre wurde die propagandistische These aufrechterhalten, es gäbe keine deutsche Minderheit in Polen. In den Verhandlungen mit Deutschland über den Nachbarschaftsvertrag gab Polen eine Zahl von einigen tausend Personen mit deutscher Herkunft oder deutschem Nationalbewußtsein an. Wie sich jedoch bald darauf zeigen sollte, bekannten sich über 250.000 Personen zur deutschen Minderheit, vor allem im Oppelner Schlesien. Laut aktuellen Schätzungen ist die Zahl der Ukrainer nicht geringer und beträgt ca. 250300.000 Personen (zusammen mit der Zahl der Lemken, die davon etwa 5080.000 Personen ausmachen). Daneben leben 200250.000 Weißrussen in Polen. Die übrigen Minderheiten sind zahlenmäßig bedeutend schwächer und bestehen aus Gruppen, die nicht mehr als einige zehntausend Personen umfassen (Slowaken, Litauer, Juden, Armenier und Tataren). Darüber hinaus gehören zu den Bürgern der Dritten Republik noch etwa 2535.000 Zigeuner, doch läßt sich deren genaue Anzahl am wenigsten sicher angeben. Insgesamt wird die Zahl der Personen, die einer Minderheit angehören in Polen auf 1 bis 1,2 Millionen geschätzt. Häufig decken sich ethnische und religiöse Zugehörigkeit. Die größte Gruppe nach den Katholiken machen in Polen die Orthodoxen aus (ca. 550.000), die Zeugen Jehovas haben 120.000 Anhänger, Protestanten gibt es etwa 90.000. Daneben gibt es noch einige Gruppen mit ca. 1020.000 Mitgliedern wie die der Mariaviten, der PolnischKatholischen oder der Pfingstler, wenn man nicht die Gruppe der GriechischKatholischen gesondert betrachtet, die 110.000 Personen umfaßt. Die Anhänger anderer Religionen und die Mitglieder der übrigen Glaubensgemeinschaften bilden Gruppierungen mit weniger als 10.000 Personen.

Auf hartem Grund

Die von der Volksrepubkik ererbte Sozialstruktur war aufgrund ideologisch bedingter Faktoren äußerst rückständig und deformiert. Offiziell war Polen ein Arbeiter und Bauernstaat, mit einem gewissen Prozentsatz an arbeitender Intelligenz. In der Realität war die Nomenklatura die privilegierte und dominierende Schicht. Zu Beginn der kommunistischen Herrschaft hatte man aus dem gesellschaftlichen Leben Adlige und Angehörige des Bürgertums eliminiert. Von der rückständigen Sozialstruktur zeugte am eindrucksvollsten die Anzahl und die soziale Stellung der bäuerlichen Bevölkerung. Zu Beginn der Dritten Republik lebten 38% ihrer Einwohner auf dem Lande, über ein Viertel arbeitete in der Landwirtschaft. Diese Ziffern haben sich bislang nur geringfügig verändert. Das resultiert zum Teil aus demographischen Gegebenheiten, hat aber auch ökonomische und kulturelle Ursachen. Die Geburtenziffern auf dem Land liegen bedeutend höher als in der Stadt. Die Durchschnittsfamilie auf dem Land hat 3,55, die in der Stadt nur 2,85 Mitglieder. Die veränderten ökonomischen Bedingungen, besonders das Entstehen einer relevanten Arbeitslosigkeit, schränkte den Abwanderungsprozeß in die Städte ein. Während im vorangegangenen Jahrzehnt 1,3 Millionen Personen vom Land in die Stadt abgewandert waren, wanderten im ersten Jahrzehnt der Dritten Republik nur noch halb so viele Personen in die Stadt ab, und am Ende dieses Jahrzehnts kam die Abwanderung vom Land in die Stadt fast ganz zum Erliegen.
Die Bauern sind die Gruppe, die in der Dritten Republik die schmerzlichsten Einbußen in bezug auf ihren gesellschaftlichen und ökonomischen Status hinnehmen mußte. Noch 1989, nach der Freigabe der Lebensmittelpreise, wuchsen die bäuerlichen Einkommen im Vergleich zu denen der Stadtbevölkerung gewaltig, danach setzte jedoch ein stetiger Rückgang ein, so daß das Einkommen der Landbevölkerung zuweilen nur 60% des Einkommens der Stadtbevölkerung betrug. Der Hauptgrund dafür kann in der agrarischen Rückständigkeit gesehen werden, die durch das verstreute Siedlungsnetz, das infrastrukturelle Entwicklungen erschwert, noch verstärkt wird. Zu Beginn des Jahrzehnts betrug die durchschnittliche Größe eines Hofes ca. 7 ha. Im Laufe des betrachteten Zeitraums wuchs dieser Wert nur um ca. 1 ha an. Die Kennziffern der Ernteerträge, Milchquoten und Mastvieh sowie anderer Kriterien, die die Effektivität einer Landwirtschaft widerspiegeln, sind zweimal niedriger als in den Ländern der Europäischen Union. Die Arbeitsproduktivität liegt sogar um ein vielfaches niedriger. Schätzungen zufolge haben nur ein Drittel der ca. 2 Millionen landwirtschaftlichen Betriebe die Möglichkeit, zu investieren und sich weiterzuentwickeln. Die Eigentümer der restlichen Betriebe erzielen Einkünfte, die etwa denen arbeitsloser Familien entsprechen. Die soziale und materielle Degradierung der bäuerlichen Bevölkerung in der Dritten Republik resultiert daraus, daß sie über keinerlei Ressourcen verfügt, die ihr in der neuen ökonomischen Wirklichkeit von Nutzen sein könnten, wie etwa Bildung, Kapital oder motivierende und innovative kulturelle Muster. Dennoch entwickelt sich die ländliche Infrastruktur parallel zum allgemeinen Wirtschaftswachstum. Die Ausstattung mit grundlegenden technischen Einrichtungen wie Wasser und Gasversorgung, Telefon etc. hat sich im Laufe des zurückliegenden Jahrzehnts verdreifacht.

Die Avantgarde in der Defensive

Die Arbeiter büßten ihre formelle oder zumindest in der Propaganda betonte Privilegierung, die sie in der Volksrepublik besessen hatten, in der Dritten Republik ein. Am meisten betroffen waren diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren. In dieser Gruppe, die um die zwei Millionen schwankt, dominieren entschieden Arbeiter mit einer solchen Berufsausbildung, die ihnen keine neuen Arbeitsmöglichkeiten eröffnet. Dies trifft vor allem auf Landarbeiter zu, inbesondere auf die ehemaligen Arbeitskräfte der staatlichen Landwirtschaftsgüter (PGR). Gerade sie gehörten in der Volksrepublik zu der Bevölkerungsgruppe, die in fast allen Bereichen und zu fast allen Zeiten ihres Lebens auf staatliche Einrichtungen angewiesen waren von der Wiege bis zum Grab, von der Arbeitsstelle bis zur Lebensmittelversorgung, von der Wohnung bis zur Freizeitgestaltung. Sie waren am wenigsten auf die neuen Lebensbedingungen vorbereitet, die nach dem Zusammenbruch des allgegenwärtigen und allmächtigen Staates eingetreten waren. Zur Beschreibung der von dieser Gruppe durchlebten Anpassungsprobleme prägten die Soziologen den Begriff des "Syndroms der erlernten Hilflosigkeit". Auch die Position der Arbeiter, die ihren Arbeitsplatz behalten konnten, unterlag einer relativen Verschlechterung. Die dynamischste, offensivste und innovativste Klasse der Volksrepublik, die am meisten zur Überwindung des Staates und des Systems beigetragen hatte, begnügte sich in der Dritten Republik mit defensiven Aktivitäts und Partizipationsformen und beschränkte sich auf die Verteidigung verlorener Privilegien und Statussymbole. Zu ihrer Degradierung trugen auch der Privatisierungsprozeß, die Restrukturierung großer Industriebetriebe und die technologische Modernisierung bei. Der Privatsektor schätzt den Wert physischer Arbeit weit geringer ein und honoriert demgegenüber Kompetenz und Ausbildung überproportional, also gerade solche Eigenschaften, die einfache Arbeiter in der Regel nicht besitzen. Die Reallöhne der Arbeiter, die in den achtziger Jahren das landesweite Durchschnittseinkommen übertrafen, sanken inzwischen auf etwa 9095% desselben. Das Einkommen in einer Landarbeiterfamilie betrug in der Mitte des Jahrzehnts kaum über 50% des Durchschnittseinkommens aller Haushalte, das eines unqualifizierten Arbeiters ca. 75% und eines qualifizierten Arbeiters etwas über 80%. Noch im Jahr 1989 hatte die Familie des qualifizierten Arbeiters über ein über dem Durchschnittseinkommen liegendes Gehalt verfügt und die übrigen Arbeiterfamilien über eines, das nicht viel darunter lag. Zur Verschlechterung des Status der Arbeiter und ihrer Familien trug auch das geringere Prestige der von ihnen ausgeführten Tätigkeiten bei vor allem im Vergleich zu den Blitzkarrieren begehrter Fachleute bzw. neuen Aufstiegsmöglichkeiten, die ihnen aufgrund mangelnder Qualifikation verschlossen blieben. Die Einführung demokratischer Mechanismen zur Gestaltung des politischen Lebens reduzierte die Einflußmöglichkeiten der Arbeiter auf entscheidende Richtungsveränderungen im Land, und verschlechterte dadurch auch ihre gesellschaftliche Stellung. Die Arbeiter können den Verlust ihrer Statussymbole und ihre gesellschaftliche Degradierung weder in der politischen, noch in der symbolischen oder kulturellen Sphäre kompensieren.

Die neue Rolle der Intelligenz

Eine besondere und auf ihre Weise in der sozialen Struktur der Volksrepublik bevorzugte Gruppe war die Intelligenz, die weil Bürgertum und Adel fehlten gleichzeitig die Rolle der gesellschaftlichen, intellektuellen, kulturellen und politischen Eliten ausfüllte. Im Zuge eines entstehenden demokratischen Gemeinwesens, einer pluralistischen Gesellschaft und einer marktwirtschaftlichen Ordnung verlor sie die meisten ihrer angestammten Privilegien. Ins Auge fällt die Fragmentierung und soziale Differenzierung dieser Gruppe. Ein Teil der Intelligenz nahm eine selbständige wirtschaftliche Tätigkeit auf, d.h. sie übernahm die Rolle, die traditionellerweise vom Bürgertum wahrgenommen wird. Eine zweite Gruppe zog Nutzen aus ihrem wertvollsten Kapital, der hohen Kompetenz und Qualifikation, und ist nun im Bereich des kommerziellen Dienstleistungs und Managementbereichs tätig. Dies trifft auch auf die traditionellen Kategorien der berufstätigen Intelligenz wie Anwälte, Ökonomen, zum Teil auch Ingenieure und Ärzte zu, darüber hinaus aber auch auf Künstler, Wissenschaftler, Journalisten ebenso wie auf Sozialwissenschaftler und andere in der Informationsbranche Beschäftigte, die Daten sammeln und bearbeiten. Es ist dies die Gruppe der sogenannten professionals. Diese beiden Gruppen der ehemaligen Intelligenz erlangten einen bedeutenden Statuszuwachs, was sich auch an ökonomischen Kriterien messen läßt. Spezialisten und höhere Führungskader sind heute die am besten bezahlten Berufsgruppen. Privatunternehmer erzielen Einkünfte, die weit über dem Durchschnittswert liegen. Ein weiterer Teil der Intelligenz verblieb auf seinem bisherigen Posten und besetzt weiterhin die traditionellen Positionen in den Bereichen Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kunst. Dies ist die einzige Gruppe der ehemaligen Intelligenz, deren Status sich zumindest noch teilweise aus der Erfüllung einer bestimmten gesellschaftlichen Mission herleitet. Das führt jedoch zu einer materiellen Degradierung, die alle diejenigen betrifft, deren Hauptarbeitgeber der Staat ist.

Die soziale Differenzierung der Intelligenz und ihr allmähliches Verschwinden als gesonderte, homogene gesellschaftliche Kategorie führt jedoch nicht gleichzeitig zum Zerfall der auf das alte Ethos der Intelligenz gestützten Bindungen. Diese wurden in bedeutendem Ausmaß von den aus dieser Klasse hervorgegangenen Privatunternehmern und selbständigen Spezialisten bewahrt. Sie alle kennzeichnet ein für die Intelligenz charakteristisches Merkmal: ein gewisser Bildungsgrad und ein damit verbundenes Kulturmodell, das sich im polnischen Fall in Form eines bestimmten Ethos niederschlägt. Dazu gehört vor allem die Betrachtung der Arbeit als etwas aus sich selbst heraus Notwendiges, das nicht von der persönlichen Motivation abhängig ist.

Die Klasse verschwand, die Menschen blieben

Entgegen aller ideologischen Beteuerungen über die "Diktatur des Proletariats", waren tatsächlich die Angehörigen der Nomenklatura die privilegierteste Schicht der Volksrepublik, quasi die Schicht der "Besitzer der Volksrepublik". In formellem Sinne verschwand diese Gruppe nach der Liquidierung ihrer institutionellen Grundlagen. Faktisch jedoch konnten sich ihre ehemaligen Mitglieder inzwischen in der Regel recht erfolgreich in die politische, gesellschaftliche und ökonomische Struktur der Dritten Republik integrieren. Von den Angehörigen der ehemaligen Nomenklatura hat etwa ein Viertel ein eigenes privates Unternehmen gegründet oder nimmt zumindest eine hohe Stellung in einem privaten oder privatisierten Betrieb ein. Ihr Anteil an den Privatunternehmern ist im Vergleich zur restlichen Bevölkerung überproportional hoch, d.h. ein ehemaliges Mitglied der Nomenklatura hatte um 65% bessere Chancen, zum Privatunternehmer zu werden, als eine Person, die dieser Gruppe nicht angehört hatte. Dennoch ist ihr Prozentsatz unter den privaten Unternehmern geringer als in anderen postkommunistischen Staaten (mit Ausnahme der Slowakei). In mehr als der Hälfte aller Unternehmen, die in Beteiligungsgesellschaften umgewandelt wurden, besetzen sie die Leitungs oder Vorstandspositionen. Etwa 17% der ehemaligen NomenklaturaAngehörigen behielten oder erlangten Führungspositionen in Staatsbetrieben und alles in allem befinden sich 40% dieser Gruppe in hohen gesellschaftlichen Positionen in der Dritten Republik. Ca. 15% beziehen inzwischen Rente bzw. Pensionszahlungen. Diese werden ihnen zumeist unter Berücksichtigung bestimmter Privilegien zuerkannt, so daß ihnen ein überdurchschnittlich hoher materieller Status erhalten blieb. Zählt man zusammen, so konnte in etwa die Hälfte der Mitglieder der ehemaligen Nomenklatura ihre Position und ihren gesellschaftlichen Status in der Dritten Republik bewahren oder verbessern. Nur ein Viertel übernahm eine "gewöhnliche" berufliche Tätigkeit, die ihren tatsächlichen beruflichen Qualifikationen entsprach. Nur sehr wenige (einige Prozent) blieben ohne Arbeit bzw. waren gezwungen, eine weniger qualifizierte, abhängige Beschäftigung aufzunehmen. Unabhängig davon, inwieweit diese Tatsachen die These vom Erlangen bzw. Bewahren hoher gesellschaftlicher Positionen durch die Mitglieder der ehemaligen Nomenklatura im Alltag der Dritten Republik bestätigen, halfen ihnen dabei Eigenschaften, dank derer sie auch in der Volksrepublik Karriere gemacht hatten, wie etwa Konformismus, Anpassungsfähigkeit, eine gewisse Schläue ebenso wie Verzögerungstaktiken, aber auch ein Netz von Kontakten und Beziehungen sowie eine relativ gute Ausbildung.

Eine neue Klasse und eine neue Elite

Die verhältnismäßig neueste und charakteristischste Schicht für das System der Dritten Republik ist die der Privatunternehmer. Diese Gruppe fehlte zwar nicht völlig im Alltag der Volksrepublik, gehörte es doch zu den Besonderheiten des polnischen Kommunismus, privates Eigentum nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch wenn auch in bedeutend geringerem Ausmaße im Kleinhandel und Dienstleistungsbereich zuzulassen. Vor dem Hintergrund der Mangelwirtschaft funktionierte die sogenannte Privatinitiative verhältnismäßig gut, wenn auch in abgeschlossenen Enklaven und Nischen. Im ersten Jahr der funktionierenden Marktwirtschaft gingen ca. eine halbe Million Handwerks und Dienstleistungsbetriebe bankrott. Die Zahl der selbständigen Unternehmer nahm jedoch rasch wieder zu, und schon 1994 überschritt ihre Zahl die ZweiMillionenGrenze und wuchs danach noch um einige Hunderttausend weiter! Ein Drittel davon war schon vor 1989 tätig, vor allem in der Endphase der Volksrepublik. Ungefähr genauso viele waren früher geistige Arbeiter in unterschiedlichen Intelligenzberufen, ca. 15% sind ehemalige Arbeiter und nur etwas über 2,5% waren in volksrepublikanischen Zeiten Bauern. Eine halbe Million Privatunternehmer beschäftigt Arbeitskräfte und gerade diese bilden eine herausgehobene Kategorie in der Gesellschaft der Dritten Republik. Den spektakulärsten Aufstieg erzielten jedoch nicht sie, sondern die hochqualifizierten Kader in großen Unternehmen häufig mit Beteiligung von ausländischem Kapital. Sie sind die bestbezahlten Arbeitnehmer und bilden eine Schicht von Experten und Managern (das sogenannte kognitariat oder im angelsächsischen Sprachraum die knowledge class), die faktisch die finanzielle und gesellschaftliche Elite darstellt. Ihr Aufstieg ist mit der Entwicklung des ökonomischen und gesellschaftlichen Systems der Dritten Republik hin zu einer Wissensgesellschaft verbunden. Die Ausbildung wurde zum wichtigsten Faktor in der neuen gesellschaftlichen Rangordnung. Sie hauptsächlich entscheidet über den Zugang zu den neuen gesellschaftlichen Eliten, zur neuen Mittelklasse, die sich aus drei Gruppen rekrutiert: den Privatunternehmern, der ehemaligen Nomenklatura und der Intelligenz (ehemalige Arbeiter und Bauern stellen nur einen sehr kleinen Anteil dieser neuen Mittelklasse).

Neben der Ausbildung entscheiden über gesellschaftliche Stellung und Status auch die Zahl der Kinder und der Wohnort. All diese Faktoren stehen in enger Beziehung zueinander je besser die Ausbildung, desto geringer die Anzahl der Kinder und desto städtischer der Wohnort bzw. umgekehrt. Den niedrigsten Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie der Dritten Republik nehmen daher arbeitslose, kinderreiche Familien ein, die weit entfernt von den städtischen Agglomerationen leben und über keine Ausbildung oder über keinen eigenen Betrieb verfügen. Sie sind der Beginn einer entstehenden polnischen underclass.

(Der Artikel ist ein eigens für die Beilage "Plus-Minus" der Zeitschrift "Rzeczpospolita" bearbeitetes und gekürztes Kapitel des Buches "Das erste Jahrzehnt der Dritten Republik" ["Pierwsza dekada III Rzeczypospolitej"] von Janusz Majcherek, das 1999 in Polen im Verlag "Presspublik" erschien.)

Aus dem Polnischen von Claudia Kraft