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Vielen Dank für Ihre Einladung. Das mir
aufgetragene Thema kann man kaum in einer halben Stunde behandeln,
unter anderem deswegen, weil es keine entwickelte Theorie zum
deutschen Rechtsextremismus gibt. |
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Wir wissen über einige Aspekte Bescheid. Wir
wissen, daß es mit der sozialökonomischen Umbruchs- und
Krisenerfahrung nach 1989/90 etwas zu tun hat. Aber die Ursachen
sind andererseits nicht nur sozioökonomisch. Wir wissen auch, daß es
irgendwie mit den Mentalitäten des autoritären oder diktatorischen
Systems der letzten 60 oder 65 Jahre zu tun hat - also zunächst des
Nationalsozialismus und dann einer fehlenden Aufarbeitung desselben
in der DDR in dem Sinne, daß man dort nicht frei denken und handeln
konnte. Im Westen Deutschlands hat die Aufarbeitung des
Nationalsozialismus zwischen 20 und 40 Jahre gedauert, im Osten
Deutschlands wurde sie weitgehend unterdrückt. Irgendwie ist man
sich darüber einig, aber nicht darüber, wie beides zusammenhängt.
Erst recht weiß man nicht, warum die Jugend, bzw. Teile der Jugend,
nun so darauf reagiert. Daher kann ich jetzt nur einige Aspekte
benennen und bin ganz froh darüber, daß Bernd Wagner neben mir
sitzt. Die meisten meiner empirischen Daten aus Oranienburg z.B.
stammen von ihm. Ich sollte ihm wahrscheinlich möglichst schnell das
Wort übergeben. |
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Zur ersten Frage: Was war das Neue am
Rechtsextremismus im Osten Deutschlands - sozusagen aus westlicher
Sicht? Das Neue ist die praktische Erfolgsgeschichte der
Rechtsradikalen. Die Tatsache, daß es ihnen gelungen ist, eine Szene
zu organisieren, die zentrale Elemente eines neofaschistischen neuen
Stils entwickelt hat - jedenfalls im Rahmen einer Jugendbewegung.
Die Szene ist irgendwie auch autoritär, aber nicht so wie in den
zwanziger Jahren. Es geht um das - von Bernd Wagner so genannte -
Lifestyle-Syndrom bzw. um die Bildung eines "kulturellen Blocks".
"Wir sind deutsch und rechts und gegen Ausländer", sagen diese etwa
20 bis 30% je nach Ort von vor allem männlichen Jugendlichen in
Ostdeutschland. "Die Ausländer sind kriminell, die Bosnier nutzen
unser Sozialsystem aus, Ausländer nehmen uns unsere Arbeitsplätze
weg." So argumentiert etwa ein Drittel (mal mehr mal weniger) der
ostdeutschen Jugendlichen, wie aus verschiedenen Studien hervorgeht.
Längst hat sich ein ausländerfeindlicher Code, Ausdruck einer
nationalistischen, ethnozentrischen Denk- und Verhaltensrichtung bei
großen Teilen der Jugend Ostdeutschlands durchgesetzt. Viele wählen
je nach dem auch mal rechtsextreme Parteien, aber eigentlich ist das
untypisch. Typischer ist die Auffassung, daß sich der Stärkere
durchsetzt, wenn es sein muß auch mit Gewalt, und eine Mentalität,
die besagt, "ich als Deutscher habe eine Legitimation, mich
gegenüber diesen anderen durchzusetzen, weil ich Deutscher bin."
Insgesamt handelt es sich also um eine Haltung, die im Extremfall
eine rassistische Alltagskultur genannt werden könnte.
Alltagshandlungen: Signale, Symbole, Musik, deutsch essen, deutsch
trinken usw. - Sie kennen das. Neonationalsozialistische
Jugendorganisationen - wie die nationalrevolutionären Jungen
Nationaldemokraten - setzen sich durch, nicht etwa weil sie explizit
neonationalsozialistisch auftreten, sondern weil sie national und
sozial auftreten. Es ist ihnen gelungen, verschiedene, eher
informelle Organisationsformen aufzusaugen und etwa in den Jungen
Nationaldemokraten in der NPD neu zu formieren. Der
Identifikationsgrad mit der NPD ist sehr unterschiedlich, aber in
zwei Fragen gibt es einen Kernbezug zu dem, was die NPD an Ideologie
bereitstellt: Einerseits das nationale Element, bzw. das
nationalrevolutionäre, das rebellische und andererseits das soziale
Element. Das ist eine ausgeprägte Entwicklungstendenz, die
eigentlich nicht von vornherein zu verstehen ist. |
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Bevor ich darauf genauer eingehe, möchte ich
noch einen kurzen Blick zurückwerfen. Es geht um langwirkende
Traditionen, denn die neuen Erscheinungen sind nicht einfach aus dem
Nichts heraus entstanden. Ich sprach schon vom Autoritarismus in der
DDR und von der Umbruchs- und Krisenerfahrung der Wende 1989/1990.
Ganz anders als im Nationalsozialismus war der Autoritarismus der
DDR eine Form autoritärer Anpassung an die Verhältnisse. Von Anfang
an gab es in der DDR keine Kultur der offenen Auseinandersetzung. Es
gibt eine Studie von Lutz Niethammer, die von der sogenannten
"volkseigenen Erfahrung" spricht und die beschreibt, daß die
Aufbaugeneration der DDR Anfang der fünfziger Jahre aus einer
Verbindung von Hitlerjugend (HJ)- und Freier Deutscher Jugend (FDJ)
bestand. Dies ist ein Phänomen, das es weder in Westdeutschland noch
in Polen gab. Das Spezifische der Hitlerjugend war eine Kultur der
Identifizierung mit dem, was von oben kam. Zunächst wurde es von
einem großen Teil der Jugendlichen noch mit Begeisterung angenommen,
dann aber wurde es autoritär in ein Unterordnungsverhältnis
umgeformt. Nach dem Krieg erhielten die Jugendlichen ein neues
Angebot, das besagte: "Wir geben euch etwas Neues, das ist sowieso
besser, das andere ist ja gescheitert." Das war dann die FDJ. Die
Mechanismen der Identifizierung konnten übernommen werden. Sie
mußten nur ein wenig neu angepaßt werden, autoritär aber anders,
nicht so rebellisch, und schon war man Teil der neuen
Aufbaugeneration, also einer Generation, die auch ein Stück weit
Einfluß, Macht und Vorteile hatte. Lutz Niethammer hat in dieser
Studie beschrieben, wie das funktionierte und wie ein neuer
Funktionärstyp etabliert wurde. Die Auswirkungen auf die betroffenen
Leute beschreibt Freya Klier in ihrer Biographie. Als irgendwann
Anfang der fünfziger Jahre ihre Mutter von der Straßenbahnplattform
gestoßen wurde, war ihr Vater sauer und schlug dem, der die Mutter
hinuntergestoßen hatte, ins Gesicht. Erkennbar oder nicht -
jedenfalls war das jemand aus der Staatselite, ein Volkspolizist,
ein uniformierter Funktionsträger des Systems. Innerhalb weniger
Tage fanden sich Freya Klier und ihr Bruder in einem Kinderheim
wieder, beide Elternteile waren verhaftet worden. Freya und ihr
Bruder waren damals fünf oder sechs Jahre alt. Sie mußten sich an
die Wand stellen und sagen: "Ich bin das Kind eines Verräters des
Systems". Sie verstanden nicht, was mit ihnen geschah. Von den
Eltern wurden sie systematisch getrennt, vor allem für den Bruder
hatte das eine traumatische Wirkung. Freya Klier erzählt davon sehr
beeindruckend in ihrer Biographie, aber auch im privaten Gespräch.
Für diesen Konflikt gab es keine Lösung in dem bis in die Knochen
autoritären System. Natürlich haben Einzelne diese Erfahrungen
unterschiedlich verarbeitet, es gab ja auch Nischen. Obwohl viele
diese Erfahrungen in einer Weise verarbeitet haben, die man als
antiautoritär bezeichnen kann, war das doch nicht die typische
Verarbeitungsform. Im allgemeinen führte es dazu, daß man alles
herunterschluckte. Es kam durchaus auch zu Protestaktionen, aber
eher in den erwähnten Nischen und damit nicht auf
gesamtgesellschaftlicher Ebene. Man zog sich in den privaten Raum
zurück, es entwickelte sich eine Kultur der politischen Apathie, es
siegte das Unpolitische, so wie wir es als spezifisch deutsch,
zumindest in einer bestimmten Tradition hier in Deutschland kennen.
Es gab einerseits eine resignative politische Enthaltsamkeit und
andererseits den vormundschaftlichen Staat, der alles verwaltete,
aber auch fürsorglich gewisse Gratifikationen bereitstellte. Eine
andere Autorin beschreibt die Situation als eine Konstellation eines
strengen Vaters, einer überfürsorglichen Mutter und einem unwillig
sich doch fügenden Kind. So könnte man die politische Kultur
zumindest in dominanten Teilen in der DDR-Gesellschaft beschreiben.
Natürlich gab es auch Gegenelemente zu dieser offiziellen
politischen Kultur, aber diese war doch so dominant, daß man es auch
von außen erkennen konnte. Konflikte gab es nur limitiert. In der
Regel reagierte das System mit hohen und scharfen Sanktionen. Dieses
"autoritäre Dispositiv" - wie es Niethammer einmal formuliert hat -
führte zu einem wechselseitigen Zwang zum Arrangement, der psychisch
deformierend wirkte. Es kam zu Formen der Gesinnungsmaskerade, zu
Fassadenexistenzen, zum Phänomen der doppelten Sprache, je nachdem
in welchem Kreis man sich befand. Dieses Phänomen kann man ja noch -
wenn ich mir diese Bemerkung gestatten darf - zuweilen in den
brandenburgischen Schulen antreffen. Leicht umkodiert, aber noch
erkennbar. Die Revolution in den brandenburgischen Schulen steht
meiner Meinung nach noch aus, aber das steht auf einem anderen
Blatt. |
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Anfang der 80er, vielleicht auch schon Ende der
70er Jahre - für uns im Westen fühlbar mit dem Drama um Wolf
Biermann - begannen diese Arrangements weniger attraktiv zu werden,
erst recht für die Jugend. Zugleich erfuhren sie Gewalt und
unternahmen verschiedene Ausbruchsversuche aus dem System, in die
sogenannte "Grufti-Kultur" - schön beschrieben von Bernd Wagner - in
die Punkkultur oder in die Musikkultur. Die Pointe der Entwicklung
der 80er Jahre bestand darin, daß sich spätestens Mitte der 80er
Jahre diejenigen durchsetzten, die den rebellischen Gestus hatten,
ihn aber mit Gewalt verarbeiteten. Die Fascho-Szene setzte sich
gegenüber den "Gruftis" durch. Hinzu kam, daß zum Beispiel die
Nationale Volksarmee sah, daß die Fascho-Szene ordentlicher waren
als die Punks und nicht so ein verrücktes Outfit bevorzugte. Und so
gab es eine "liaison dangereux" zwischen den NVA-Leuten und einem
Teil der Fascho-Szene, so daß diese sich erst recht durchsetzen
konnte. Sie war Ende der 80er Jahre die stärkere Szene. Nach dem
Zusammenbruch des Systems stand die rechte Jugendszene sozusagen als
Angebotsstruktur bereit. Dagegen zerfiel die FDJ, die Jugendzentren
wurden geschlossen etc. Es gab im ganzen eine schwerwiegende
Umbruchskonstellation, sowohl in sozialökonomischer als auch in
politischer Hinsicht. |
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Es wurde so getan, als ob sich Freiheit,
wiedervereinigte Nation und Wohlstand gleichsam auf einen Schlag
herstellen ließen. Symbol für diese Annahme war die D-Mark. Am
ersten Juli 1990 ersetzte sie die alte DDR-Währung. Das führte
ökonomisch gesprochen zu einer 300- bis 400-prozentigen Aufwertung.
Hätten wir das im Westen Deutschlands, mit einer der weltweit
stabilsten ökonomien mit uns machen lassen müssen, dann hätte es
auch bei uns eine weitgehende Deindustrialisierung gegeben. Keine
Volkswirtschaft der Welt hält eine 400-prozentige Aufwertung aus.
Erst recht nicht eine so schwache ökonomie wie die der DDR. Das, was
als größtes Versprechen formuliert worden war, wurde zum Todesurteil
für eine ohnehin schwache ökonomie. Man sagt, es habe keine
Alternative gegeben, aber man hätte mindestens sagen müssen, was der
DDR-ökonomie - und auch den Menschen - bevorsteht. Die Folgen sind
bekannt. Innerhalb von zwei Jahren wurden etwa 69% der Arbeitsplätze
des Jahres 1989 nicht mehr besetzt. So etwas hat es in der gesamten
kapitalistischen Industriegeschichte noch nicht gegeben, daß
innerhalb von 24 Monaten zwei Drittel der Arbeitsplätze entwertet
werden oder gar nicht mehr existent sind. |
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Wenn sie aus Ostdeutschland oder Berlin kommen,
werden sie sich daran erinnern, welches Massensterben in der
Wirtschaft einsetzte. Damit war selbstverständlich auch ein
unvorstellbarer Umbruch in der sozialen Struktur verbunden. Eine der
ersten und besten Studien der Soziologie - die Studie über die
Arbeitslosen von Marienthal - beschreibt die Situation der
Arbeitslosen beim Zusammenbruch einer Firma in einem Dorf südlich
von Wien. Sie beschreibt, wie dort innerhalb weniger Monate das
gesamte soziale Leben zerfällt. Die Menschen gehen langsamer, sie
trinken mehr, die Konflikte in der Familie nehmen zu. Eine glasklare
Studie, deren Ergebnisse immer wieder verdrängt werden, was seine
Gründe haben wird. Sie weist uns daraufhin, wie schwerwiegend diese
Sozialerfahrungen gewesen sein müssen. Das war nicht auszuhalten.
Wäre ich in der Situation gewesen, ich weiß nicht, was ich gemacht
hätte. |
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Bisher habe ich hauptsächlich von der
Jugendszene gesprochen. Jetzt möchte ich etwas zur Perspektive der
Eltern sagen. Die Eltern waren und sind zu großen Teilen
überfordert, die Belastungen sind zu hoch. Der Soziologe Schelsky
hat schon in den fünfziger Jahren beschrieben, welche Konflikte
daraus resultieren, wenn die Familien psychisch und sozial
überlastet sind. Natürlich spürt erst recht die Jugend die
Konsequenzen. Ich will damit sagen, daß es eine soziale Anomie
gegeben hat. Die alten, von mir als autoritär beschriebenen
Strukturen und Normensysteme zerfielen im Rahmen der ökonomischen
Veränderungen, aber auch durch den politischen Einigungsprozeß, in
dem das im Westen schließlich auch durch Konflikte und
Auseinandersetzungen entwickelte spezifische Demokratiesystem
einfach übertragen wurde. Es konnte nicht neu angeeignet werden. Die
Alltagsnormen, durch Gewöhnung angeeignete Lebenspraktiken, die
Nischenfreiheiten funktionierten nicht mehr. Und das alles in sehr
kurzer Zeit, sodaß viele Menschen nicht dazu in der Lage waren, sich
eine demokratische Kompetenz neu anzueignen. |
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Genau dieser Mangel an demokratischer Kompetenz,
an der Möglichkeit sich zu beteiligen, Einfluß zu nehmen ist das
Problem. Eine demokratische Kultur ist nur so gut, wie sie
tatsächlich die Chance bietet, zu partizipieren, insoweit sie eine
Interaktion zwischen dem politischen System und den Leuten
ermöglicht. Diese Interaktion ist aufgrund der beschriebenen
Tatsachen kaum in Gang gekommen. Die neuen Strukturen waren nicht so
angebotsintensiv, daß alle gleich daran hätten partizipieren können.
Und selbst wenn es der Fall gewesen wäre, bleibt immer noch die
Frage, ob die Identifizierung mit diesen neuen Normen auf autoritäre
oder nicht autoritäre Weise läuft. Mein Eindruck ist, daß es für zu
viele Menschen in zu schneller Zeit zu einem äußeren
Anpassungsprozeß gekommen ist. So würde ich jedenfalls - in aller
Vorsicht - die Umfrageergebnisse interpretieren, die besagen, daß 69
oder 70% der Befragten von einer Kolonialisierung der ehemaligen DDR
sprechen. Nun könnte man sagen, das stimmt doch so nicht, das muß
man denen ausreden, aber zunächst ist das eine Erfahrung, die die
Leute so und nicht anders wahrgenommen haben. Deswegen hat
vielleicht doch Helmut Schmidt Recht, wenn er sagt, der angestoßene
ökonomische Prozeß sei eine "Absturzökonomie" gewesen, die zum
Entstehen des Gefühls der psychischen und sozialen Kolonialisierung
beigetragen habe. Kolonialisierung ist aber natürlich das genaue
Gegenteil demokratischer Partizipation und demokratischer
Kompetenz. |
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Vor diesem Hintergrund einer autoritären
Disposition des DDR-Systems, aber auch vieler individueller
Erfahrungen und einem Umbruch, der auch ein Bruch mit den eigenen
Erfahrungen war, ohne daß es zureichende Formen der demokratischen
Verarbeitung gegeben hätte, entsteht natürlich - und das ist der
dritte Punkt - eine entsprechende, latente, schwer zu verarbeitende
Wut oder Aggression bzw. wie der Psychologe Maatz es genannt hat,
ein Gefühlsstau. Teile der Jugend, die wir als rechtsextrem
beschreiben, haben diese Enttäuschungserfahrungen in der
Gesellschaft wie in den Familien verarbeitet, indem sie sie in
Aggression umformten. Es handelt sich meiner Meinung nach um eine
rechte, autoritäre Jugendrevolte. Anfang der 80er Jahre hatte sich
die Jugend im Osten in großen Teilen und in wachsender
Geschwindigkeit den Loyalitätszumutungen des dahinsiechenden Systems
entzogen. Wie schon gesagt, setzte sich dabei die Fascho-Szene durch
Praktizierung von Gewalt und Gewaltritualen durch. Der Gewaltkult
konnte sich kaum anders als in regressiven, autoritären Formen
ausdrücken. Vorhandene andere Räume, wie z.B. Jugendzentren wurden
geschlossen, desgleichen z.B. der Rundfunksender DT 64. Der neue
Rechtsextremismus war in dieser Situation ein ideales Angebot. Zwar
bezogen sich die Neo-Nationalsozialisten auf die faszinierenden
Größen des Nationalsozialismus, aber in der Aktion mit den
Jugendlichen stand etwas anderes im Vordergrund. Sie sagten ihnen:
Ihr seid mächtig. Ihr dürft schlagen. Die von jenseits der Oder, die
Neger, die Juden. Ihr könnt das, was Euch zugemutet wird, nach außen
projizieren - auf Sündenböcke. Aber sie sagten auch: Wir sind für
Euch da, wir bieten Euch freie Kameradschaften, wir bieten Euch
einen Zusammenhang, und zwar nicht nur für den kleinen Kern, für die
Avantgarde, sondern auch für die Mitmacher. Wir machen Musik. Die
Musik hört sich im großen und ganzen nicht anders an als das, was
man sonst als antiautoritäre Jugendmusik kennt. Aber sie hat
nationalistische Inhalte. Die Neo-Nationalsozialisten liefern ein
flächendeckendes Angebot: Musik, Kneipen, soziale Zusammenhänge und
das alles unter dem Vorzeichen des Antisystems, der sozialen
Revolution, in der und durch die die heute Ohnmächtigen wieder
mächtig sein werden. Die einzige Form, in der ihnen das möglich ist,
ist das Deutsche, das Deutschnationale, das Nationalrevolutionäre.
Das zielt auf die radikalste Formation des Nationalsozialismus, den
sogenannten Strasser-Flügel. Damit haben sie die Jugend sozusagen in
einen Kokon außerhalb und gegen die Gesellschaft gebracht. |
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Das ist meine Kernthese zur Frage der Nähe des
neuen Rechtsextremismus im Osten Deutschlands zum
Nationalsozialismus. Es wurden tatsächlich
neo-nationalsozialistische Ideen angeboten. Das heißt noch lange
nicht, daß wir uns in einer der dreißiger Jahre vergleichbaren
Situation befänden. Die angesprochene Nähe beschränkt sich auf Teile
der Jugend, bzw. der Jugendbewegung. Es ist auch eine andere
Jugendszene, sie ist nicht so autoritär wie die der SA oder der SS
der dreißiger Jahre. Im ganzen funktioniert der Rechtsstaat, wir
haben keine gesellschaftliche Welle des Faschismus. Es gibt
ethnonationalistische und faschistoide Elemente im Osten wie
übrigens auch im Westen, und erst recht im Südosten Europas. Aber es
ist eine ganz andere Konstellation als in den dreißiger Jahren.
Allerdings habe ich den Eindruck, daß da, wo der autoritäre
Sozialismus, der diesen Namen nicht verdient, in einen brutalen
neoliberalen Kapitalismus umschlägt, wo eine autoritäre
Konstellation von einer brutalen "Das Recht des Stärkeren
-Erfahrung" abgelöst wird, bei beträchlichen Teilen der Bevölkerung,
vor allem bei der Jugend etwas produziert wird, was tatsächlich
neofaschistisch genannt werden muß. Insofern ist in einer begrenzten
Weise das, was wir hier in Ostdeutschland erleben, durchaus eine
ernstzunehmende Gefahr. Es läuft ein Prozeß ab, der tief verankert
ist in den gesellschaftlichen und historischen, von mir als
traumatisch beschriebenen Erfahrungen der letzten 10 Jahre, aber
auch der letzten 60 Jahre. Zugleich reagiert die Jugend aggressiv
hilflos. Sie greift auf die Ideologieangebote der
Neo-Nationalsozialisten zurück, und schließt sich der rechten
politischen Jugendkultur an, läßt sich sozusagen
infiltrieren. |
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Vielleicht noch eine Anmerkung zur
sozialpsychologischen Seite des Problems. Die Bereitschaft der 20
bis 30% Jugendlichen, je nach lokalen Bedingungen, Gewalt auszuüben,
wird verstärkt, wenn sich durch die Familiensituation - auch durch
die Umbruchserfahrungen - in den Kindern während der Kleinkindzeit
traumatische Erfahrungen eingekapselt haben. Maatz sagt, die
Angemessenheit der Reaktionen der erwachsenen Bezugspersonen auf die
jeweiligen Bedürfnisse der Kinder sei häufig gebrochen gewesen. Eine
Form von vielleicht überhaupt nicht gewollter Lieblosigkeit, die
solche eingekapselten Aggressionen hinterlassen hat, kann jenen, im
bitteren Bild des Wutstaus gefaßten, Prozeß der Nichtwahrnehmung der
eigenen Interessen produzieren. Diese sozialpsychologische Seite ist
offensichtlich von beträchtlicher Bedeutung für den hohen Grad der
Brutalität der innerhalb dieser rechten Szene ausgeübten Gewalttaten
gegen Ausländer, bzw. Fremde. |
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