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TRANSODRA 21 Seite 83-91

Umgang mit Rechtsextremismus und rechtsradikaler Gewalt in Deutschland (Brandenburg) und Polen

Wie reagieren die Medien auf Erscheinungen des Rechtsradikalismus im öffentlichen Leben?

Konferenz / Podiumsdiskussion

Burkhard Schröder Susanne Lenz
Freier Journalist Berliner Zeitung
Frank Jansen Sergiusz Kowalski
Tagesspiegel Soziologe

 

   

Burkhard Schröder

Freier Journalist

   

Ich begrüße auf dem Podium Frank Jansen vom Tagesspiegel, Susanne Lenz von der Berliner Zeitung und Sergiusz Kowalski von der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

   

Sergiusz Kowalski

Soziologe

   

Im Unterschied zu den anderen Teilnehmern dieses Podiumsgesprächs bin ich kein Journalist. Ich bin Soziologe und befasse mich mit dem öffentlichen Diskurs. Ich untersuche also u.a. die Journalisten und ihre Produktion.

   

Burkhard Schröder

Freier Journalist

   

Rafa³ Pankowski hat heute gesagt, wenn die seriösen Medien einen Rechtsextremisten interviewen, machen sie ihn hoffähig. Das ist ein Problem. Wie kann ein Journalist über das Thema berichten und gleichzeitig vermeiden, diese Leute salonfähig zu machen?

   

Frank Jansen

Tagesspiegel

   

Ein grundsätzliches Problem liegt darin, daß man, egal worüber man in dem Bereich Rechtsextremismus und Rassismus berichtet, sich vorsehen muß, keine Nachahmungstaten oder überhaupt Nachahmungsverhalten zu provozieren. Ich glaube gar nicht, daß sich das grundsätzlich vermeiden läßt, denn man schreibt ja nicht für eine homogene, sondern für eine heterogene Leserschaft. Beim besten Willen kann man sich also nicht vorstellen, wie jeder einzelne von 300.000 bis 500.000 Lesern des Tagesspiegel reagieren wird.

   
   

Generell werden im Tagesspiegel, zumindest in meinem Verantwortungsbereich, Interviews mit Rechtsextremisten nicht abgedruckt. Das heißt nicht, daß ich mit diesen Leuten nicht rede. Wenn ich mit ihnen spreche, dann ergibt sich das aus der Notwendigkeit der Recherche. Nicht weil es mir Spaß macht, oder weil ich denke, jemand könnte besonders interessant oder besonders originell sein, sondern weil es zur Aufklärung einer bestimmten Straftat oder eines bestimmten politischen Verhaltens - Beispiel Wahlkampf - unumgänglich ist. Im Laufe der Jahre, in denen ich mich mit diesem Thema beschäftige, gab es natürlich unterschiedliche Phasen. Ich habe sehr lange das Prinzip beherzigt, mit diesen Leuten so wenig wie möglich zu sprechen und sie in meinen Berichten nur am Rande mit Zitaten zu Wort kommen zu lassen. Nach dem Wahlerfolg der DVU in Sachsen-Anhalt mußte ich das ändern. Ich glaube, daß damals nicht nur mir, sondern auch noch einer ganzen Reihe von Kollegen klar geworden ist, daß man sich angesichts der bevorstehenden weiteren Wahlen, diesen Leuten anders nähern muß. Man konnte nicht mehr davon ausgehen, daß der Masse der Leser automatisch klar war, daß hier eine ganze Reihe von intellektuell eher dürftig ausgestatteten Kandidaten - egal von welcher Partei: DVU, NPD oder Republikaner - antritt. Die Gefahr war recht groß, daß sie ins Parlament einziehen. Es war also notwendig, Personenbeschreibungen, und zwar intensiver als vorher, vorzunehmen. Dazu mußte man sich zwangsläufig mit diesen Leuten auseinandersetzen.

   
   

Ich habe Dinge getan, die ich vorher vermieden hatte. Beispielsweise habe ich mich mit Manfred Röder getroffen. Das ist ein ehemaliger Rechtsterrorist, der zehn Jahre im Gefängnis saß, weil eine von ihm geleitete Terrorgruppe Brandanschläge verübt hatte, bei denen z.B. in Hamburg 1980 zwei Vietnamesen verbrannt waren. Röder trat an für die NPD in Stralsund und war sofort bereit, mir ein Interview zu geben. Er redete natürlich über mehrere Stunden hinweg unerträgliches Zeug. Aber es war auch entlarvend und - ich glaube - ganz interessant für unsere Leser zu erfahren, was das für ein Typ ist, über den plötzlich soviel geredet wird. Zumal er vorher einen Bundeswehrskandal verursacht hatte. Er war an der Führungsakademie in Hamburg aufgetreten und die Offiziere wußten angeblich oder tatsächlich nicht, wen sie vor sich hatten.

   
   

In diesem Bundestagswahlkampf und auch im Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern habe ich mich weiter als bisher und auch mit etwas anderer Zielrichtung in die Szene hineinbegeben. Ich bin auch zu Kameradschaftsabenden gegangen, wo ich als "Systemjournalist" mehr diffamiert als begrüßt wurde. Aber man hat mich nicht hinausgeprügelt. Ich denke, daß die Berichterstattung insgesamt und vor allem die der Zeitungen in Mecklenburg-Vorpommern und im Osten überhaupt, sowie die entlarvende Darstellung der Kandidaten dazu beigetragen haben, daß sich der Wahlerfolg der DVU in Sachsen-Anhalt nicht wiederholte.

   
   

Trotzdem bin ich nach wie vor zwiegespalten, wie man mit diesem Thema verfahren soll. Es wird immer eine schwierige Gratwanderung bleiben. Für mich gibt es keine schlüssige Antwort darauf, wie ich mich vor der nächsten Wahl verhalten werde.

   

Susanne Lenz

   

Ich teile die Meinung von Frank Jansen, daß es dieses Dilemma gibt, aus dem man eigentlich nicht herauskommen kann. Wenn man über Rechtsradikalismus, rechte Politiker oder Führer solcher Organisationen berichtet, bedeutet das immer auch, daß sie dadurch bekannt werden. Man bietet ihnen ein Forum. Interviews sind meiner Meinung nach völlig ausgeschlossen, weil sie die geringste Möglichkeit bieten, sich zu distanzieren. Andere Leute können dann nicht kommentierend zu Wort kommen. Trotzdem darf man sich keine Illusionen darüber machen, was man erreichen kann, auch wenn man eine andere Form der Darstellung wählt und zum Beispiel einen entlarvenden Artikel schreibt. Es gibt Untersuchungen über die Wahrnehmung der Zeitungsleser, über die Rezeption der Medien überhaupt, aus denen hervorgeht, daß Informationen grundsätzlich durch ein Raster gehen und die Leser vor allem das wahrnehmen, was sie wahrnehmen wollen.

   

Burkhard Schröder

   

Ich möchte von Ihnen, Herr Kowalski, gern hören, wie man als Journalist mit diesem Thema umgehen soll und welche Wirkung die Medienberichterstattung erzielen kann. Ich glaube, daß die Wirkung der Medien bei vielen Leuten überschätzt wird. Es gibt die These, daß Medien höchstens vorhandene Einstellungen verstärken, nicht aber vorhandene Einstellungen ändern kann.

   

Sergiusz Kowalski

   

Es kann kein universelles Rezept für alle Medien geben, denn ein Teil der Medien nimmt nicht nur keine Stellung zum Rechtsextremismus, sondern ist selbst rechtsextrem. Auch diese Medien gehören zur Presse.

   
   

Das Dilemma, von dem hier die Rede ist, existiert selbstverständlich auch in Polen und es taucht immer wieder auf. Ständig stoßen zwei Konzeptionen aufeinander. Die eine besagt, daß man schreiben und warnen soll, um dem Moment zuvorzukommen, in dem das Ganze sich unkontrolliert entwickeln kann. Die andere lautet: Man soll darüber nicht schreiben, um den Rechtsradikalen kein Forum zu bieten. Höchstens könnte man von Zeit zu Zeit solche Menschen wie Tejkowski, Lepper oder andere lächerlich machen.

   
   

Es gab vor ein paar Jahren eine große öffentliche Kontroverse zu diesem Thema, als Gazeta Wyborcza, die größte polnische Tageszeitung mit einer Auflage von ungefähr 600.000, ein zweiseitiges, sehr langes Interview mit Tejkowski, einem Anführer der polnischen Rechten, abgedruckt hatte. Es hieß, ohne die Gazeta Wyborcza hätte Tejkowski niemals ein so breites, über eine halbe Million großes Publikum erreichen können. Die Stimmen der Kritiker wurden auch in der Gazeta Wyborcza abgedruckt. Ich denke, alles hängt von der Beurteilung der Lage ab. Betrachtet man die Angelegenheit als eine Randerscheinung, als etwas Unwesentliches und ist man der Meinung, es handle sich nur um eine Handvoll von Verrückten, dann ist es richtig, darüber nicht zu berichten. Wenn wir aber zur Ansicht gelangen, daß es keine Randerscheinung, sondern eine gefährliche oder auch potentiell gefährliche Erscheinung ist, kommen wir zum gegenteiligen Schluß. Rafa³ Pankowski hat darauf hingewiesen, daß auch wenn die rechtsextremen Organisationen klein sind und über nicht viele Anhänger verfügen, trotzdem eine Gefahr besteht. Er verwies auf personelle Zusammenhänge zwischen diesen Kleinstorganisationen und einem großen - sich zur Zeit an der Regierung befindenden - Wahlbündnis. Man sollte aber auch fragen, ob es richtig ist, wenn wichtige Politiker, wichtige Staatsbeamte, öffentliche Persönlichkeiten sich von solchen Zeitungen wie Nasza Polska interviewen lassen bzw. dort ihre Artikel veröffentlichen. Ein Politiker sollte es sich gut überlegen, bevor sein Name in einer solcher Zeitung erscheint.

   

Burkhard Schröder

   

Es gibt also keine Lösung. Ich würde gern wissen, wie man die Leser oder auch das Fernsehpublikum irritieren kann? Wie erreicht man es, daß sie nachdenken und vielleicht auch ihre Meinung ändern? Muß man argumentieren, oder muß man vielleicht vor allem Mitleid mit den Opfern erzeugen?

   

Frank Jansen

   

Das Wichtigste ist eine möglichst wahrheitsgetreue Berichterstattung. Das ist das Effektivste überhaupt. Es kommt nicht darauf an, zu versuchen, Mitleid zu erhaschen, sondern das Thema Rechtsextremismus und Rassismus in seiner vollen Komplexität darzustellen. Es reicht nicht, ein paar Schlagzeilen zu produzieren, welcher Schläger wo einen Asylbewerber verprügelt oder zu Tode geprügelt hat. Die wirkungsvollste Form der Aufklärung besteht darin, zunächst genau herauszufinden, was überhaupt passiert ist. Zweitens muß man genau darstellen, wie die Behörden reagiert haben. Bereits hier läuft oft einiges schief. Eine genaue Beschreibung des Vorgangs und der Reaktion darauf trägt zur Aufklärung der Leser bei, und indirekt auch dazu, ihr Engagement zu stärken. Drittens gilt es über einen längeren Zeitraum hinweg die Opferbiographien zu verfolgen. Gerade darin sehe ich einen Schwerpunkt, aber nicht, um Mitleid zu erregen. Man muß sich klar vor Augen halten, daß Opfer nicht an sich bessere Menschen sind als andere. Nur sind sie eben diejenigen, die in einer für ihr Leben entscheidenden Situation die Schwächeren waren. Trotzdem läßt sich anhand ihres Schicksals dem Leser viel besser als über Schlagzeilen verdeutlichen, welche Folgen rassistische und rechtsextreme Umtriebe tatsächlich haben. Dann sehen die Leser, wie es einem Opfer nach drei Jahren geht, wenn eigentlich niemand mehr etwas darüber hören oder schreiben möchte. Man muß berichten, wie es sich herumquält, versucht, gehen oder sprechen zu lernen oder wie es auch, ohne daß physische Folgen zurückgeblieben sind, versucht, mit seiner Traumatisierung fertig zu werden, also mit Schlaflosigkeit oder den verschiedensten psychischen Störungen. Das wirkt für sich, da muß man auf keine Tränendrüse drücken. Die wahrheitsgetreue Berichterstattung genügt.

   

Burkhard Schröder

   

Eine Frage an Susanne Lenz. Ich habe den Eindruck, daß die Medien eine Art Definitionsmacht haben. Ich erinnere an das berühmte Titelblatt vom Spiegel, der die Asyldebatte mit der Metapher "Das Boot ist voll" anheizte. Man sah viele Leute, die beinahe ins Wasser fielen und alle in unser schönes Deutschland kommen wollten, um uns unseren Wohlstand wegzufressen. Andererseits habe ich den Eindruck, daß gerade die populären Medien einfach das wiedergeben, was das Volk denkt, und das ist häufig grauenvoll. Wie kann man aufklären, ein Ziel verfolgen und als Journalist etwas dafür tun, daß die Welt besser wird, wenn man auch darauf achten muß, daß der Leser nicht abspringt, und lieber zur Bildzeitung greift.

   

Susanne Lenz

   

Der Frage stehen wir in der Berliner Zeitung manchmal gegenüber, wenn es Leserbriefe zu Artikeln über übergriffe rechter Jugendlicher auf Ausländer gibt. Da heißt es dann, wir berichteten einseitig. Wenn ein Deutscher zusammengeschlagen würde, stünde dies nicht in der Zeitung. Mit anderen Worten, wir lieferten ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Eigentlich besteht bei uns Einigkeit darüber, daß man dieser "Stimme des Volkes" nicht folgen soll, daß man also nicht auf die Berichterstattung über rechtsradikale überfälle auf Ausländer verzichten soll, weil das vielleicht nicht so gut ankommt. Insofern besteht keine Notwendigkeit, das Gleichgewicht erhalten zu müssen zwischen "Volkes Stimme" und dem, was wir für richtig halten. Frank Jansen hat recht, man soll sich nicht fragen, wie man jemanden am besten überzeugen kann. Man soll einfach berichten, so wahrheitsgetreu und so wenig klischeehaft wie möglich. Man muß sich auf die Wirkung einer solchen Berichterstattung verlassen.

   

Ruth Henning

Transodra

   

Eine Frage an Frank Jansen. Sie sind bekannt als jemand, der kontinuierlich über diese Fragen schreibt. Es gibt andere Zeitungen, in denen das keineswegs der Fall ist. Mich würde interessieren, ob es in Ihrem Belieben steht, wieviel, wie oft und wie scharf Sie darüber schreiben? Stehen Sie in dieser Hinsicht unter Druck, sei es von seiten der Politik oder von seiten der Redaktion? Hat sich da im Laufe der Jahre etwas verändert?

   

Michael Minkenberg

   

Schade, daß kein Vertreter des Fernsehens auf dem Podium sitzt, denn die Berichterstattung findet ja nicht nur und auch nicht vor allem in Zeitungen statt. Gerade die prägende Kraft von Fernsehbildern beeinflußt die öffentliche Wahrnehmung des Phänomens Rechtsextremismus. Zum anderen wäre es auch nicht schlecht gewesen, jemanden von der Bildzeitung einzuladen, weil dort offensichtlich ein anderes Journalismusverständnis herrscht. Ich begrüße Ihre generellen Statements zu diesem Thema, aber ich sehe auch, daß Sie einen relativen Konsens in den Grundfragen haben. Eine Frage zum Interview mit Röder im Tagesspiegel. Was haben Sie denn nun eigentlich durch diese drei Stunden zutage gefördert, was Sie nicht auch durch andere Recherchen hätten tun können? Daß sich Röder dabei wichtig vorgekommen ist, liegt ja auf der Hand, gerade wenn man Dietmar Sturzbecher glauben darf, daß die Selbstüberschätzung ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal der Rechtsradikalen ist. Gibt es also journalistische Gründe, warum man diesen Kontakt suchen muß? Oder ist es eher so, daß man das nicht umgehen konnte, weil man glaubte, dem Leser so etwas bieten zu müssen?

   

Frank Jansen

   

Es war in diesem Fall nicht zu umgehen. Sicher war eine Menge über Röder bekannt, aber das war nicht so wirkungsvoll wie eine authentische Darstellung seiner Person. Das ständige Verweisen auf Sekundärquellen, Verfassungsschutz, Gerichtsurteile, Prozeßberichte etc. war in diesem Moment nicht ausreichend, zumal das Interesse an der Person Röder groß war. Insofern mußte man sich zwangsläufig mit ihm beschäftigen. Ich habe das aus freien Stücken getan, nicht weil meine Zeitung mich dazu gedrängt hätte. Ich habe auch nicht nur mit ihm gesprochen, sondern eine Reise durch Mecklenburg-Vorpommern unternommen und z.B. auch mit Leuten geredet, die in die DVU eingetreten waren, ohne zu wissen, was sie tun und dann sofort als Kandidaten antraten. Ich war auch in Schwerin beim Verfassungsschutz und habe dann das Ganze in einer größeren Reportage zusammengefaßt. Auf diese Art und Weise war es für unsere Leser vielleicht besser möglich, sich ein Bild zu machen von dem, was möglicherweise in Mecklenburg-Vorpommern bevorstand, dann aber zum Glück doch nicht eingetreten ist.

   
   

Der Tagesspiegel räumt mir einen großen Freiraum in der Berichterstattung ein. Dort gibt es die gute alte liberale Tradition, daß jeder, der sich in einem Spezialgebiet profiliert hat, darüber auch schreiben kann. Nicht für immer und ewig, aber jedenfalls solange die Notwendigkeit gesehen wird, sich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen. Die Notwendigkeit stellt bis heute niemand in Frage. Da ich nicht zur Revolution aufrufe oder mir die Argumentation der Rechtsradikalen zu eigen mache, ist auch nicht zu befürchten, daß sich daran etwas ändert.

   
   

Aber natürlich gibt es heikle Punkte. Zwei will ich nennen. Anfangs war es schon so, daß die Notwendigkeit dieser Berichterstattung nicht von allen gesehen wurde und es interne Widerstände gab. Von Zeit zu Zeit melden sie sich auch heute noch, wenn ich über Bereiche schreibe, die nicht eindeutig zuzuordnen sind. Ein Skinheadüberfall auf einen Ausländer mit den üblichen Folgen - das ist völlig unstrittig, darüber muß man berichten. Anders sieht es aus, wenn man über die Machenschaften der sogenannten intellektuellen Rechten oder der neuen Rechten berichtet, die in der Grauzone zwischen dem rechten Rand der Union oder der FDP und dem Rechtsextremismus hin und her pendeln und versuchen, eine Art Scharnierfunktion auszuüben, Stichwort Junge Freiheit. Dann wird es schon etwas heikel. Gerade in Berlin läuft man Gefahr, auf eine Art Machtkartell zu stoßen, wenn man über Christdemokraten schreibt, die der Jungen Freiheit Interviews geben, oder über einflußreiche Leute aus dem Spektrum der neuen Rechten, die wiederum noch einflußreichere Leute kennen, oder wenn man darauf hinweist, daß diese Personen bei einem Nazitreffen aufgetaucht sind. In solchen Fällen kann es schon passieren, daß bevor der Artikel geschrieben ist, einer der Herausgeber oder der Chefredakteur anruft und sich erkundigt, was denn wohl geschrieben werden soll. In einem Fall habe ich das bis zum Schluß durchexerziert. Gleichwohl hat das in diesem Fall nicht dazu geführt, daß ich meine Berichterstattung abbrechen mußte. Die Kritik wurde immer lauter und lauter, aber es fand keine Zensur statt. Ich weiß nicht, wie das bei anderen Zeitungen ist und will auch keine Prognose wagen. Der Tagesspiegel hat das - mit gewissem Vertrauen in meine Kompetenz - durchgehalten. Es gab aber auch einen Fall, in dem ich doch eine Gegendarstellung auf's Auge gedrückt bekam. Einiger Unmut wurde laut, aber es hatte keine Folgen in dem Sinne, daß ich nicht mehr darüber hätte berichten können oder daß man versucht hätte, mir das Thema auf indirekte Weise wegzunehmen.

   
   

Der Tagesspiegel hat sich zwar längere Zeit schwer getan, die Brisanz des Themas zu erkennen. Die Zeitung hat eine sehr lange westberliner Tradition, und von vielen westberliner Lesern ist lange Zeit gar nicht wahrgenommen worden, was sich in ihrer Umgebung, im übrigen auch in Westberlin tat. Auch da gibt es Kameradschaften, auch da gibt es Neonazis, wenn auch nicht in der Intensität wie im Osten. Auf makabre Weise hat mir jede Straftat von Rechten in dem Sinn geholfen, daß die Notwendigkeit der Berichterstattung irgendwann unumstritten klar wurde.

   

Burkhard Schröder

   

Wie berichten denn polnische Medien über das Problem Rechtsextremismus in Deutschland und in Polen? Kann man in polnischen Medien offen und hart über Antisemitismus schreiben, ohne daß gewisse Kreise gleich intervenieren und sagen, das sei Nestbeschmutzung?

   

Sergiusz Kowalski

   

Frank Jansen sagte, der Journalist solle wahrheitsgetreu schreiben und Stereotype vermeiden. Ich befürchte, dieser Rat bringt wenig, denn alle Journalisten werden behaupten, sie schrieben wahrheitsgemäß und vermieden Stereotype. Wie man weiß, gibt es verschiedene Zeitungen, die auch verschiedene politische und ideologische Tendenzen repräsentieren. Fast immer, wenn ein Journalist irgend etwas schreibt, verbirgt sich eine Intention dahinter. Das läßt sich nicht ausschließlich auf die Frage beschränken, auf welche Weise möglichst große Lesergruppen davon überzeugt werden können, daß Gewalttäter schlimme Typen und ihre Opfer erbarmungswürdig sind. Es gibt immer noch andere Fragen, andere Intentionen, manchmal auch unbewußt, die sich hinter einem Kommentar oder einem journalistischen Bericht verbergen.

   
   

In der polnischen Presse werden diese Themen generell heruntergespielt, bagatellisiert oder verschwiegen. Man kann das auf verschiedene Weise erklären, u.a. dadurch, daß die Journalisten selber glauben, es handle sich um eine unwesentliche Randerscheinung, über die man nicht zu berichten brauche. Mehr noch: Wenn man darüber schreiben würde, verdüstere das das Bild von Polen und den Polen. In Polen, das der NATO bereits beigetreten ist und der EU beitreten will, ist es sehr wichtig, welches Bild durch die Presseberichterstattung entstehen könnte. Es ist durchaus anzunehmen, daß es tatsächlich einen Beobachter von außen gibt.

   
   

Ein anderer Grund liegt darin, daß die Mitte-Rechts-Presse - ich rede hier nicht von den rechtsradikalen Organen - die Auffassung vertritt, die Linken oder die Mitte-Links-Kräfte seien hysterisch und übertrieben schamlos. Das Ableugnen des Vorhandenseins von Antisemitismus könnte man als die schwächste Form des Antisemitismus in Polen bezeichnen. Und das ist sehr verbreitet bei der Rechten. Es gibt eine starke Tendenz, die Bedeutung solcher Vorfälle herabzumindern und zu bagatellisieren. Es gibt eine Instrumentalisierung der Berichterstattung. Eigentlich wird jedes Ereignis zu einem Vorwand, den politischen Gegner anzuklagen.

   
   

Ich möchte hier ein Beispiel anführen. Es passierte am 1. Mai, anläßlich einer linken Manifestation. Ein Mann in einem T-Shirt von der Republikanischen Liga - eine Jugendorganisation, die als ein Teil des Solidarno??-Wahlbündnisses (AWS) im Parlament vertreten ist - bewarf einen geachteten Geschichtsprofessor, einen Sozialisten, der übrigens nie in der Kommunistischen Partei war, mit einem Knallkörper, der ihn schwer verletzte; er verlor sein Gehör und hatte eine tiefe Wunde an der Stirn. Zu diesem Vorfall ein paar Zitate aus den Zeitungen. Die Tageszeitung Rzeczpospolita versteht sich als eine sehr seriöse, objektive, unparteiische, republikanische Zeitung. In ihrem Bericht wird der Knallkörper, ein Werkzeug der rechten Gewalt, unter nicht so gefährlichen Eiern, Tomaten oder Farbeiern geschickt versteckt. Der Kommentator wollte ein symmetrisches Bild erzeugen und schrieb: "Die Linke und die Rechte klagten sich gegenseitig an." Dann geht er zur Schilderung der Konfliktparteien über, konzentriert sich auf die linke Seite und schreibt abschätzig: "Sie trugen die kubanische Fahne, rote Spruchbänder mit dem Bild von Che Guevara und sangen die Internationale. Viele trugen Abzeichen mit der Aufschrift Target (Zielscheibe), ähnliche hatten die Serben getragen." über die Republikanische Liga findet man nichts derartiges, es sind "junge Aktivisten". Scheinbar entsprach die Schilderung der Wahrheit, aber der Leser spürt doch eine gewisse Sympathie für den Täter. Vielleicht hat er ein wenig übertrieben, aber das Objekt seines Angriffs ist ja wirklich abstoßend.

   
   

In eine ähnliche Richtung ging Nasz Dziennik, eineZeitung die dem Rundfunksender Radio Maryja nahe steht. Sie schrieb von der "rechten Jugend", die richtige Parolen rief: "Nieder mit der Kommune". "SLD - KGB". "Hammer und Sichel für das rote Gesindel!" Auf der angegriffenen Seite waren die "Schlägertrupps der Polnischen Sozialistischen Partei", die "sich sehr aggressiv verhielten" und darüber hinaus rote Fahnen "mit dem Pentagramm, dem Symbol des Satans" trugen. Der Knallkörper versteckte sich wieder unter sehr weichen, nicht gefährlichen Gegenständen. Dieses Mal waren es Blumen, Eier, Tomaten und Plastikbecher mit Sahne.

   
   

Nun zu ¯ycie, einer rechtskonservativen Zeitung. Das gleiche Ereignis wurde hier so kommentiert: "Es waren nicht die Jugendlichen der Republikanischen Liga, die die Gewaltspirale in Bewegung setzten. Nicht die Republikanische Liga, sondern SLD (Bündnis der demokratischen Linken) ist die Erbin derjenigen Kräfte, die vor 1989 am 1. Mai jedes Mal die Demonstrationen von Solidarnosc zusammenschlugen. Es war nicht die Republikanische Liga, die im Jahre 1996 zur Zeit der Koalitionsregierung von SLD und PSL die rechten Gegenumzüge mit Knüppeln niederschlug." So lautete der Kommentar einer seriösen Zeitung des rechten mainstreams zu einem Ereignis, bei dem ein rechter Täter mit einem Knallkörper warf, die einen Menschen schwer verletzte.

   
   

Die größte polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza druckte auf der Seite 2 einen scharfen Leserbrief eines bekannten Historikers ab, der genau das sagte, was notwendig war. Es gab also eine Reaktion der Gazeta Wyborcza, das Richtige wurde gesagt, aber von jemand anderem. Es ist unbestritten, daß Gazeta Wyborcza die national-katholische Rechte und deren Ideologie ablehnt. In der Zeitung wird verhältnismäßig viel zu diesen Themen geschrieben, in einem ruhigen Ton und mit gewisser Zurückhaltung. Die Zurückhaltung hat wohl etwas damit zu tun, daß die Zeitung oft als - wenn nicht rot - dann doch zumindest rosa angegriffen wird. Zuweilen ist es ihr offensichtlich unbequem, über manches zu schreiben.

   
   

Die Beispiele zeigen, daß das Gebot, man solle wahrheitsgemäß berichten, schwer einzuhalten ist, denn die Wahrheit ändert sich von einer Zeitung zur anderen. Selbstverständlich behauptet jede Seite, sie schreibe die Wahrheit, während die andere Seite manipuliere, übertreibe oder die Sache einfach nicht wahrnehme. Die linke Tageszeitung Trybuna (eine postkommunistische Zeitung) berichtet verhältnismäßig viel über den Rechtsradikalismus, aber sehr hysterisch, der Faschist lauert hinter jeder Ecke. Im Grunde genommen macht sie sich dadurch selbst unglaubwürdig. Schade, denn eigentlich schreibt nur Trybuna über diese Ereignisse völlig frei. Aber auch Trybuna versucht, zu instrumentalisieren und eigene Interessen zu verfolgen. Alles, was in Polen passiert, betrachtet sie als einen vorzüglichen Vorwand, die regierende Mitte-Rechts-Koalition anzugreifen. Wenn überschwemmungen und andere Naturkatastrophen ebenso wie die Flut des Rechtsradikalismus von der gleichen verbrecherischen Schuld der Regierenden herrühren, wirkt das wenig glaubwürdig.

   

Frank Jansen

   

Wenn es wirklich so ist, wie es Sergiusz Kowalski dargestellt hat, daß versucht wird, rechtsextreme Vorfälle jeweils aus dem eigenen Blickwinkel zu instrumentalisieren, dann ist das erschreckend. Die einen berichten über Ereignisse, um auf die Linken zu schlagen und die anderen, um auf die Konservativen einzuprügeln. Für so etwas würde ich mich grundsätzlich nicht hergeben. Es geht mir bei meiner Arbeit auch nicht darum, im Tagesspiegel den Antifa-Standpunkt zu vertreten oder die Zeitung zum Antifa-Sprachrohr zu machen. Es geht einfach darum, herauszubekommen, was genau geschehen ist, wie die Behörden reagiert haben, welche Anweisungen sie haben und wie das dann in der Praxis aussieht. Insofern bin ich ein durchaus bürgerlicher Journalist, der versucht, einem - meinetwegen auch verstaubten - Objektivitätsideal zu folgen.

   
   

Wenn ich etwas zu den gesellschaftlichen Hintergründen sagen will, dazu, wie Ereignisse mäglicherweise einzuordnen sind, dann schreibe ich eben einen Kommentar. Aber auch in den Berichten läßt sich den Lesern einiges vermitteln, denn man kann versuchen, soviel wie möglich an Recherche einfließen zu lassen. Es sind dennoch keine kommentierenden Berichte. Der Kommentar steht für sich. Im Kommentar schreibe ich schon, was ich denke, wer vielleicht für ein bestimmtes gesellschaftliches Klima verantwortlich ist, in dem solche übergriffe passieren. Aber grundsätzlich geht es darum - und das ist das A und O für mich - zu versuchen, wahrheitsgetreu darzustellen, was vorgefallen ist. Ich hoffe auch, daß die Leser im wesentlichen nicht über meine Kommentare, sondern über die Berichterstattung, die ja 90 oder 95% meiner Arbeit ausmachen, begreifen, was das Thema ist und welche Gefahren sich dahinter verstecken.

   

Susanne Lenz

   

Ich würde gerne noch ein Thema ansprechen, das mich in der letzten Zeit im Zusammenhang mit der Berichterstattung oder der Wahrnehmung rechter Gewalttaten in der öffentlichkeit beschäftigt hat. Ich habe den Eindruck, daß es eine fast einstudierte Sicht- bzw. Reaktionsweise gibt: Einerseits der doofe gewalttätige Ossi, andererseits der Wessi, der mit fast voyeuristischem Interesse zuschaut, sich auch ein bißchen gruseln darf, und schließlich das Opfer, das manchmal anonym bleibt und zuweilen idealisiert wird. Das konnte man zuletzt bei der Berichterstattung über den zu Tode gehetzten Algerier in Guben beobachten. Ich kann mich daran erinnern, daß jemand zu mir sagte, er finde es nicht gut, welcher Heiligenschein diesem Menschen aufgesetzt werde. Zunächst war ich überrascht, aber dann habe ich verstanden, was er meinte. Dieser schematische oder ritualisierte Umgang mit dem Thema verhindert ein differenziertes Bild und erschwert letztendlich eine Integration. Der Ausländer ist immer das Opfer. Einem Opfer gegenüber ist man nicht gleichgültig, man bemitleidet es vielleicht, aber das heißt nicht unbedingt, daß man es auch respektiert. Ich glaube, es gibt auch bei den Linken eine Art Stammtischdenken. Damit meine ich Vorurteile oder Projektionen als Art und Weise, wie man mit Wirklichkeit umgeht. Ich kann dazu ein Beispiel aus unserer Redaktion nennen. Es ging darum, eine Veranstaltung in Brandenburg vorzustellen. Daraufhin fragte ein Kollege in der Runde: "Kann man denn da die Leute überhaupt hinschicken? Kriegen sie nicht gleich eins auf die Mütze?"

   

Sergiusz Kowalski

   

Vergleicht man die Situation in Polen und in Deutschland, so sieht man einen grundsätzlichen Unterschied: In Polen ist der Grad angewandter körperlicher Gewalt niedrig, in Deutschland ist er hoch. Bei uns gibt es eher so etwas wie einen verbalen Extremismus. Political correctness gibt es bei uns nicht. Ich bin mir sicher, daß in jedem Land Menschen anzutreffen sind, die niederträchtige Dinge äußern wollen, sei es in Polen oder Deutschland, in Holland oder anderswo. In Polen gibt es aber keine natürliche Barriere, die dafür sorgt, daß bestimmte Dinge in der öffentlichkeit nicht gesagt werden, weil es sich einfach nicht gehört, weil es gewisse Regeln des kollektiven Lebens gibt, weil politische Regeln dem entgegenwirken. Darin liegt meines Erachtens die Asymmetrie zwischen Polen und Deutschland. "Die Protokolle der Weisen von Zion" kann man bei uns am Zeitungskiosk kaufen. Paradoxerweise habe ich diese Publikation ausgerechnet in einem Zeitungskiosk in der Mordechaj-Anielewicz-Straße gesehen, die den Namen des Anführers des Warschauer Ghettoaufstandes trägt und in der ein Eingangstor zum jüdischen Friedhof liegt.

   
   

Aber es gibt noch einen anderen wichtigen Grund, den ich erwähnen möchte. In Polen wurde erst vor zehn Jahren die Zensur aufgehoben. Viele Menschen fürchten sich davor, neue Reglementierungen einzuführen. Sie verteidigen die uneingeschränkte Rede- und Meinungsfreiheit. Sie empfinden die genannten Phänomene als negativ, wissen daß sie kompromittierend für Polen sind. Sie sind der Meinung, man sollte pädagogische Methoden anwenden, Vorbild sein, jemanden beschämen und nicht zu den Methoden von Repression oder Reglementierung greifen. Deshalb wurde auch z.B. paradoxerweise das Postulat der Linken, die Republikanische Liga zu verbieten, von Gazeta Wyborcza nicht aufgegriffen.