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Burkhard Schröder
Freier Journalist
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Ich begrüße auf dem Podium Frank Jansen vom
Tagesspiegel, Susanne Lenz von der Berliner Zeitung und Sergiusz Kowalski von der
Polnischen Akademie der Wissenschaften. |
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Sergiusz Kowalski
Soziologe
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Im Unterschied zu den anderen Teilnehmern dieses
Podiumsgesprächs bin ich kein Journalist. Ich bin Soziologe und
befasse mich mit dem öffentlichen Diskurs. Ich untersuche also u.a.
die Journalisten und ihre Produktion. |
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Burkhard Schröder
Freier Journalist
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Rafa³ Pankowski hat heute gesagt, wenn die
seriösen Medien einen Rechtsextremisten interviewen, machen sie ihn
hoffähig. Das ist ein Problem. Wie kann ein Journalist über das
Thema berichten und gleichzeitig vermeiden, diese Leute salonfähig
zu machen? |
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Frank Jansen
Tagesspiegel
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Ein grundsätzliches Problem liegt darin, daß
man, egal worüber man in dem Bereich Rechtsextremismus und Rassismus
berichtet, sich vorsehen muß, keine Nachahmungstaten oder überhaupt
Nachahmungsverhalten zu provozieren. Ich glaube gar nicht, daß sich
das grundsätzlich vermeiden läßt, denn man schreibt ja nicht für
eine homogene, sondern für eine heterogene Leserschaft. Beim besten
Willen kann man sich also nicht vorstellen, wie jeder einzelne von
300.000 bis 500.000 Lesern des Tagesspiegel reagieren wird. |
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Generell werden im Tagesspiegel, zumindest in meinem
Verantwortungsbereich, Interviews mit Rechtsextremisten nicht
abgedruckt. Das heißt nicht, daß ich mit diesen Leuten nicht rede.
Wenn ich mit ihnen spreche, dann ergibt sich das aus der
Notwendigkeit der Recherche. Nicht weil es mir Spaß macht, oder weil
ich denke, jemand könnte besonders interessant oder besonders
originell sein, sondern weil es zur Aufklärung einer bestimmten
Straftat oder eines bestimmten politischen Verhaltens - Beispiel
Wahlkampf - unumgänglich ist. Im Laufe der Jahre, in denen ich mich
mit diesem Thema beschäftige, gab es natürlich unterschiedliche
Phasen. Ich habe sehr lange das Prinzip beherzigt, mit diesen Leuten
so wenig wie möglich zu sprechen und sie in meinen Berichten nur am
Rande mit Zitaten zu Wort kommen zu lassen. Nach dem Wahlerfolg der
DVU in Sachsen-Anhalt mußte ich das ändern. Ich glaube, daß damals
nicht nur mir, sondern auch noch einer ganzen Reihe von Kollegen
klar geworden ist, daß man sich angesichts der bevorstehenden
weiteren Wahlen, diesen Leuten anders nähern muß. Man konnte nicht
mehr davon ausgehen, daß der Masse der Leser automatisch klar war,
daß hier eine ganze Reihe von intellektuell eher dürftig
ausgestatteten Kandidaten - egal von welcher Partei: DVU, NPD oder
Republikaner - antritt. Die Gefahr war recht groß, daß sie ins
Parlament einziehen. Es war also notwendig, Personenbeschreibungen,
und zwar intensiver als vorher, vorzunehmen. Dazu mußte man sich
zwangsläufig mit diesen Leuten auseinandersetzen. |
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Ich habe Dinge getan, die ich vorher vermieden
hatte. Beispielsweise habe ich mich mit Manfred Röder getroffen. Das
ist ein ehemaliger Rechtsterrorist, der zehn Jahre im Gefängnis saß,
weil eine von ihm geleitete Terrorgruppe Brandanschläge verübt
hatte, bei denen z.B. in Hamburg 1980 zwei Vietnamesen verbrannt
waren. Röder trat an für die NPD in Stralsund und war sofort bereit,
mir ein Interview zu geben. Er redete natürlich über mehrere Stunden
hinweg unerträgliches Zeug. Aber es war auch entlarvend und - ich
glaube - ganz interessant für unsere Leser zu erfahren, was das für
ein Typ ist, über den plötzlich soviel geredet wird. Zumal er vorher
einen Bundeswehrskandal verursacht hatte. Er war an der
Führungsakademie in Hamburg aufgetreten und die Offiziere wußten
angeblich oder tatsächlich nicht, wen sie vor sich hatten. |
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In diesem Bundestagswahlkampf und auch im
Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern habe ich mich weiter als
bisher und auch mit etwas anderer Zielrichtung in die Szene
hineinbegeben. Ich bin auch zu Kameradschaftsabenden gegangen, wo
ich als "Systemjournalist" mehr diffamiert als begrüßt wurde. Aber
man hat mich nicht hinausgeprügelt. Ich denke, daß die
Berichterstattung insgesamt und vor allem die der Zeitungen in
Mecklenburg-Vorpommern und im Osten überhaupt, sowie die entlarvende
Darstellung der Kandidaten dazu beigetragen haben, daß sich der
Wahlerfolg der DVU in Sachsen-Anhalt nicht wiederholte. |
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Trotzdem bin ich nach wie vor zwiegespalten, wie
man mit diesem Thema verfahren soll. Es wird immer eine schwierige
Gratwanderung bleiben. Für mich gibt es keine schlüssige Antwort
darauf, wie ich mich vor der nächsten Wahl verhalten werde. |
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Susanne Lenz
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Ich teile die Meinung von Frank Jansen, daß es
dieses Dilemma gibt, aus dem man eigentlich nicht herauskommen kann.
Wenn man über Rechtsradikalismus, rechte Politiker oder Führer
solcher Organisationen berichtet, bedeutet das immer auch, daß sie
dadurch bekannt werden. Man bietet ihnen ein Forum. Interviews sind
meiner Meinung nach völlig ausgeschlossen, weil sie die geringste
Möglichkeit bieten, sich zu distanzieren. Andere Leute können dann
nicht kommentierend zu Wort kommen. Trotzdem darf man sich keine
Illusionen darüber machen, was man erreichen kann, auch wenn man
eine andere Form der Darstellung wählt und zum Beispiel einen
entlarvenden Artikel schreibt. Es gibt Untersuchungen über die
Wahrnehmung der Zeitungsleser, über die Rezeption der Medien
überhaupt, aus denen hervorgeht, daß Informationen grundsätzlich
durch ein Raster gehen und die Leser vor allem das wahrnehmen, was
sie wahrnehmen wollen. |
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Burkhard Schröder
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Ich möchte von Ihnen, Herr Kowalski, gern hören,
wie man als Journalist mit diesem Thema umgehen soll und welche
Wirkung die Medienberichterstattung erzielen kann. Ich glaube, daß
die Wirkung der Medien bei vielen Leuten überschätzt wird. Es gibt
die These, daß Medien höchstens vorhandene Einstellungen verstärken,
nicht aber vorhandene Einstellungen ändern kann. |
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Sergiusz Kowalski
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Es kann kein universelles Rezept für alle Medien
geben, denn ein Teil der Medien nimmt nicht nur keine Stellung zum
Rechtsextremismus, sondern ist selbst rechtsextrem. Auch diese
Medien gehören zur Presse. |
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Das Dilemma, von dem hier die Rede ist,
existiert selbstverständlich auch in Polen und es taucht immer
wieder auf. Ständig stoßen zwei Konzeptionen aufeinander. Die eine
besagt, daß man schreiben und warnen soll, um dem Moment
zuvorzukommen, in dem das Ganze sich unkontrolliert entwickeln kann.
Die andere lautet: Man soll darüber nicht schreiben, um den
Rechtsradikalen kein Forum zu bieten. Höchstens könnte man von Zeit
zu Zeit solche Menschen wie Tejkowski, Lepper oder andere lächerlich
machen. |
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Es gab vor ein paar Jahren eine große
öffentliche Kontroverse zu diesem Thema, als Gazeta Wyborcza, die größte polnische
Tageszeitung mit einer Auflage von ungefähr 600.000, ein
zweiseitiges, sehr langes Interview mit Tejkowski, einem Anführer
der polnischen Rechten, abgedruckt hatte. Es hieß, ohne die Gazeta Wyborcza hätte Tejkowski niemals ein so
breites, über eine halbe Million großes Publikum erreichen können.
Die Stimmen der Kritiker wurden auch in der Gazeta Wyborcza abgedruckt. Ich denke, alles
hängt von der Beurteilung der Lage ab. Betrachtet man die
Angelegenheit als eine Randerscheinung, als etwas Unwesentliches und
ist man der Meinung, es handle sich nur um eine Handvoll von
Verrückten, dann ist es richtig, darüber nicht zu berichten. Wenn
wir aber zur Ansicht gelangen, daß es keine Randerscheinung, sondern
eine gefährliche oder auch potentiell gefährliche Erscheinung ist,
kommen wir zum gegenteiligen Schluß. Rafa³ Pankowski hat darauf
hingewiesen, daß auch wenn die rechtsextremen Organisationen klein
sind und über nicht viele Anhänger verfügen, trotzdem eine Gefahr
besteht. Er verwies auf personelle Zusammenhänge zwischen diesen
Kleinstorganisationen und einem großen - sich zur Zeit an der
Regierung befindenden - Wahlbündnis. Man sollte aber auch fragen, ob
es richtig ist, wenn wichtige Politiker, wichtige Staatsbeamte,
öffentliche Persönlichkeiten sich von solchen Zeitungen wie Nasza Polska interviewen lassen bzw. dort ihre
Artikel veröffentlichen. Ein Politiker sollte es sich gut überlegen,
bevor sein Name in einer solcher Zeitung erscheint. |
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Burkhard Schröder
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Es gibt also keine Lösung. Ich würde gern
wissen, wie man die Leser oder auch das Fernsehpublikum irritieren
kann? Wie erreicht man es, daß sie nachdenken und vielleicht auch
ihre Meinung ändern? Muß man argumentieren, oder muß man vielleicht
vor allem Mitleid mit den Opfern erzeugen? |
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Frank Jansen
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Das Wichtigste ist eine möglichst
wahrheitsgetreue Berichterstattung. Das ist das Effektivste
überhaupt. Es kommt nicht darauf an, zu versuchen, Mitleid zu
erhaschen, sondern das Thema Rechtsextremismus und Rassismus in
seiner vollen Komplexität darzustellen. Es reicht nicht, ein paar
Schlagzeilen zu produzieren, welcher Schläger wo einen Asylbewerber
verprügelt oder zu Tode geprügelt hat. Die wirkungsvollste Form der
Aufklärung besteht darin, zunächst genau herauszufinden, was
überhaupt passiert ist. Zweitens muß man genau darstellen, wie die
Behörden reagiert haben. Bereits hier läuft oft einiges schief. Eine
genaue Beschreibung des Vorgangs und der Reaktion darauf trägt zur
Aufklärung der Leser bei, und indirekt auch dazu, ihr Engagement zu
stärken. Drittens gilt es über einen längeren Zeitraum hinweg die
Opferbiographien zu verfolgen. Gerade darin sehe ich einen
Schwerpunkt, aber nicht, um Mitleid zu erregen. Man muß sich klar
vor Augen halten, daß Opfer nicht an sich bessere Menschen sind als
andere. Nur sind sie eben diejenigen, die in einer für ihr Leben
entscheidenden Situation die Schwächeren waren. Trotzdem läßt sich
anhand ihres Schicksals dem Leser viel besser als über Schlagzeilen
verdeutlichen, welche Folgen rassistische und rechtsextreme Umtriebe
tatsächlich haben. Dann sehen die Leser, wie es einem Opfer nach
drei Jahren geht, wenn eigentlich niemand mehr etwas darüber hören
oder schreiben möchte. Man muß berichten, wie es sich herumquält,
versucht, gehen oder sprechen zu lernen oder wie es auch, ohne daß
physische Folgen zurückgeblieben sind, versucht, mit seiner
Traumatisierung fertig zu werden, also mit Schlaflosigkeit oder den
verschiedensten psychischen Störungen. Das wirkt für sich, da muß
man auf keine Tränendrüse drücken. Die wahrheitsgetreue
Berichterstattung genügt. |
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Burkhard Schröder
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Eine Frage an Susanne Lenz. Ich habe den
Eindruck, daß die Medien eine Art Definitionsmacht haben. Ich
erinnere an das berühmte Titelblatt vom Spiegel, der die Asyldebatte mit der Metapher
"Das Boot ist voll" anheizte. Man sah viele Leute, die beinahe ins
Wasser fielen und alle in unser schönes Deutschland kommen wollten,
um uns unseren Wohlstand wegzufressen. Andererseits habe ich den
Eindruck, daß gerade die populären Medien einfach das wiedergeben,
was das Volk denkt, und das ist häufig grauenvoll. Wie kann man
aufklären, ein Ziel verfolgen und als Journalist etwas dafür tun,
daß die Welt besser wird, wenn man auch darauf achten muß, daß der
Leser nicht abspringt, und lieber zur Bildzeitung greift. |
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Susanne Lenz
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Der Frage stehen wir in der Berliner Zeitung manchmal gegenüber, wenn es
Leserbriefe zu Artikeln über übergriffe rechter Jugendlicher auf
Ausländer gibt. Da heißt es dann, wir berichteten einseitig. Wenn
ein Deutscher zusammengeschlagen würde, stünde dies nicht in der
Zeitung. Mit anderen Worten, wir lieferten ein verzerrtes Bild der
Wirklichkeit. Eigentlich besteht bei uns Einigkeit darüber, daß man
dieser "Stimme des Volkes" nicht folgen soll, daß man also nicht auf
die Berichterstattung über rechtsradikale überfälle auf Ausländer
verzichten soll, weil das vielleicht nicht so gut ankommt. Insofern
besteht keine Notwendigkeit, das Gleichgewicht erhalten zu müssen
zwischen "Volkes Stimme" und dem, was wir für richtig halten. Frank
Jansen hat recht, man soll sich nicht fragen, wie man jemanden am
besten überzeugen kann. Man soll einfach berichten, so
wahrheitsgetreu und so wenig klischeehaft wie möglich. Man muß sich
auf die Wirkung einer solchen Berichterstattung verlassen. |
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Ruth Henning
Transodra
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Eine Frage an Frank Jansen. Sie sind bekannt als
jemand, der kontinuierlich über diese Fragen schreibt. Es gibt
andere Zeitungen, in denen das keineswegs der Fall ist. Mich würde
interessieren, ob es in Ihrem Belieben steht, wieviel, wie oft und
wie scharf Sie darüber schreiben? Stehen Sie in dieser Hinsicht
unter Druck, sei es von seiten der Politik oder von seiten der
Redaktion? Hat sich da im Laufe der Jahre etwas verändert? |
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Michael Minkenberg
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Schade, daß kein Vertreter des Fernsehens auf
dem Podium sitzt, denn die Berichterstattung findet ja nicht nur und
auch nicht vor allem in Zeitungen statt. Gerade die prägende Kraft
von Fernsehbildern beeinflußt die öffentliche Wahrnehmung des
Phänomens Rechtsextremismus. Zum anderen wäre es auch nicht schlecht
gewesen, jemanden von der Bildzeitung
einzuladen, weil dort offensichtlich ein anderes
Journalismusverständnis herrscht. Ich begrüße Ihre generellen
Statements zu diesem Thema, aber ich sehe auch, daß Sie einen
relativen Konsens in den Grundfragen haben. Eine Frage zum Interview
mit Röder im Tagesspiegel. Was haben Sie
denn nun eigentlich durch diese drei Stunden zutage gefördert, was
Sie nicht auch durch andere Recherchen hätten tun können? Daß sich
Röder dabei wichtig vorgekommen ist, liegt ja auf der Hand, gerade
wenn man Dietmar Sturzbecher glauben darf, daß die
Selbstüberschätzung ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal der
Rechtsradikalen ist. Gibt es also journalistische Gründe, warum man
diesen Kontakt suchen muß? Oder ist es eher so, daß man das nicht
umgehen konnte, weil man glaubte, dem Leser so etwas bieten zu
müssen? |
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Frank Jansen
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Es war in diesem Fall nicht zu umgehen. Sicher
war eine Menge über Röder bekannt, aber das war nicht so
wirkungsvoll wie eine authentische Darstellung seiner Person. Das
ständige Verweisen auf Sekundärquellen, Verfassungsschutz,
Gerichtsurteile, Prozeßberichte etc. war in diesem Moment nicht
ausreichend, zumal das Interesse an der Person Röder groß war.
Insofern mußte man sich zwangsläufig mit ihm beschäftigen. Ich habe
das aus freien Stücken getan, nicht weil meine Zeitung mich dazu
gedrängt hätte. Ich habe auch nicht nur mit ihm gesprochen, sondern
eine Reise durch Mecklenburg-Vorpommern unternommen und z.B. auch
mit Leuten geredet, die in die DVU eingetreten waren, ohne zu
wissen, was sie tun und dann sofort als Kandidaten antraten. Ich war
auch in Schwerin beim Verfassungsschutz und habe dann das Ganze in
einer größeren Reportage zusammengefaßt. Auf diese Art und Weise war
es für unsere Leser vielleicht besser möglich, sich ein Bild zu
machen von dem, was möglicherweise in Mecklenburg-Vorpommern
bevorstand, dann aber zum Glück doch nicht eingetreten ist. |
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Der Tagesspiegel räumt
mir einen großen Freiraum in der Berichterstattung ein. Dort gibt es
die gute alte liberale Tradition, daß jeder, der sich in einem
Spezialgebiet profiliert hat, darüber auch schreiben kann. Nicht für
immer und ewig, aber jedenfalls solange die Notwendigkeit gesehen
wird, sich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen. Die
Notwendigkeit stellt bis heute niemand in Frage. Da ich nicht zur
Revolution aufrufe oder mir die Argumentation der Rechtsradikalen zu
eigen mache, ist auch nicht zu befürchten, daß sich daran etwas
ändert. |
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Aber natürlich gibt es heikle Punkte. Zwei will
ich nennen. Anfangs war es schon so, daß die Notwendigkeit dieser
Berichterstattung nicht von allen gesehen wurde und es interne
Widerstände gab. Von Zeit zu Zeit melden sie sich auch heute noch,
wenn ich über Bereiche schreibe, die nicht eindeutig zuzuordnen
sind. Ein Skinheadüberfall auf einen Ausländer mit den üblichen
Folgen - das ist völlig unstrittig, darüber muß man berichten.
Anders sieht es aus, wenn man über die Machenschaften der
sogenannten intellektuellen Rechten oder der neuen Rechten
berichtet, die in der Grauzone zwischen dem rechten Rand der Union
oder der FDP und dem Rechtsextremismus hin und her pendeln und
versuchen, eine Art Scharnierfunktion auszuüben, Stichwort Junge Freiheit. Dann wird es schon etwas heikel.
Gerade in Berlin läuft man Gefahr, auf eine Art Machtkartell zu
stoßen, wenn man über Christdemokraten schreibt, die der Jungen Freiheit Interviews geben, oder über
einflußreiche Leute aus dem Spektrum der neuen Rechten, die wiederum
noch einflußreichere Leute kennen, oder wenn man darauf hinweist,
daß diese Personen bei einem Nazitreffen aufgetaucht sind. In
solchen Fällen kann es schon passieren, daß bevor der Artikel
geschrieben ist, einer der Herausgeber oder der Chefredakteur anruft
und sich erkundigt, was denn wohl geschrieben werden soll. In einem
Fall habe ich das bis zum Schluß durchexerziert. Gleichwohl hat das
in diesem Fall nicht dazu geführt, daß ich meine Berichterstattung
abbrechen mußte. Die Kritik wurde immer lauter und lauter, aber es
fand keine Zensur statt. Ich weiß nicht, wie das bei anderen
Zeitungen ist und will auch keine Prognose wagen. Der Tagesspiegel hat das - mit gewissem
Vertrauen in meine Kompetenz - durchgehalten. Es gab aber auch einen
Fall, in dem ich doch eine Gegendarstellung auf's Auge gedrückt
bekam. Einiger Unmut wurde laut, aber es hatte keine Folgen in dem
Sinne, daß ich nicht mehr darüber hätte berichten können oder daß
man versucht hätte, mir das Thema auf indirekte Weise wegzunehmen.
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Der Tagesspiegel hat
sich zwar längere Zeit schwer getan, die Brisanz des Themas zu
erkennen. Die Zeitung hat eine sehr lange westberliner Tradition,
und von vielen westberliner Lesern ist lange Zeit gar nicht
wahrgenommen worden, was sich in ihrer Umgebung, im übrigen auch in
Westberlin tat. Auch da gibt es Kameradschaften, auch da gibt es
Neonazis, wenn auch nicht in der Intensität wie im Osten. Auf
makabre Weise hat mir jede Straftat von Rechten in dem Sinn
geholfen, daß die Notwendigkeit der Berichterstattung irgendwann
unumstritten klar wurde. |
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Burkhard Schröder
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Wie berichten denn polnische Medien über das
Problem Rechtsextremismus in Deutschland und in Polen? Kann man in
polnischen Medien offen und hart über Antisemitismus schreiben, ohne
daß gewisse Kreise gleich intervenieren und sagen, das sei
Nestbeschmutzung? |
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Sergiusz Kowalski
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Frank Jansen sagte, der Journalist solle
wahrheitsgetreu schreiben und Stereotype vermeiden. Ich befürchte,
dieser Rat bringt wenig, denn alle Journalisten werden behaupten,
sie schrieben wahrheitsgemäß und vermieden Stereotype. Wie man weiß,
gibt es verschiedene Zeitungen, die auch verschiedene politische und
ideologische Tendenzen repräsentieren. Fast immer, wenn ein
Journalist irgend etwas schreibt, verbirgt sich eine Intention
dahinter. Das läßt sich nicht ausschließlich auf die Frage
beschränken, auf welche Weise möglichst große Lesergruppen davon
überzeugt werden können, daß Gewalttäter schlimme Typen und ihre
Opfer erbarmungswürdig sind. Es gibt immer noch andere Fragen,
andere Intentionen, manchmal auch unbewußt, die sich hinter einem
Kommentar oder einem journalistischen Bericht verbergen. |
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In der polnischen Presse werden diese Themen
generell heruntergespielt, bagatellisiert oder verschwiegen. Man
kann das auf verschiedene Weise erklären, u.a. dadurch, daß die
Journalisten selber glauben, es handle sich um eine unwesentliche
Randerscheinung, über die man nicht zu berichten brauche. Mehr noch:
Wenn man darüber schreiben würde, verdüstere das das Bild von Polen
und den Polen. In Polen, das der NATO bereits beigetreten ist und
der EU beitreten will, ist es sehr wichtig, welches Bild durch die
Presseberichterstattung entstehen könnte. Es ist durchaus
anzunehmen, daß es tatsächlich einen Beobachter von außen gibt.
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Ein anderer Grund liegt darin, daß die
Mitte-Rechts-Presse - ich rede hier nicht von den rechtsradikalen
Organen - die Auffassung vertritt, die Linken oder die
Mitte-Links-Kräfte seien hysterisch und übertrieben schamlos. Das
Ableugnen des Vorhandenseins von Antisemitismus könnte man als die
schwächste Form des Antisemitismus in Polen bezeichnen. Und das ist
sehr verbreitet bei der Rechten. Es gibt eine starke Tendenz, die
Bedeutung solcher Vorfälle herabzumindern und zu bagatellisieren. Es
gibt eine Instrumentalisierung der Berichterstattung. Eigentlich
wird jedes Ereignis zu einem Vorwand, den politischen Gegner
anzuklagen. |
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Ich möchte hier ein Beispiel anführen. Es
passierte am 1. Mai, anläßlich einer linken Manifestation. Ein Mann
in einem T-Shirt von der Republikanischen Liga - eine
Jugendorganisation, die als ein Teil des Solidarno??-Wahlbündnisses
(AWS) im Parlament vertreten ist - bewarf einen geachteten
Geschichtsprofessor, einen Sozialisten, der übrigens nie in der
Kommunistischen Partei war, mit einem Knallkörper, der ihn schwer
verletzte; er verlor sein Gehör und hatte eine tiefe Wunde an der
Stirn. Zu diesem Vorfall ein paar Zitate aus den Zeitungen. Die
Tageszeitung Rzeczpospolita versteht sich
als eine sehr seriöse, objektive, unparteiische, republikanische
Zeitung. In ihrem Bericht wird der Knallkörper, ein Werkzeug der
rechten Gewalt, unter nicht so gefährlichen Eiern, Tomaten oder
Farbeiern geschickt versteckt. Der Kommentator wollte ein
symmetrisches Bild erzeugen und schrieb: "Die Linke und die Rechte
klagten sich gegenseitig an." Dann geht er zur Schilderung der
Konfliktparteien über, konzentriert sich auf die linke Seite und
schreibt abschätzig: "Sie trugen die kubanische Fahne, rote
Spruchbänder mit dem Bild von Che Guevara und sangen die
Internationale. Viele trugen Abzeichen mit der Aufschrift Target
(Zielscheibe), ähnliche hatten die Serben getragen." über die
Republikanische Liga findet man nichts derartiges, es sind "junge
Aktivisten". Scheinbar entsprach die Schilderung der Wahrheit, aber
der Leser spürt doch eine gewisse Sympathie für den Täter.
Vielleicht hat er ein wenig übertrieben, aber das Objekt seines
Angriffs ist ja wirklich abstoßend. |
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In eine ähnliche Richtung ging Nasz Dziennik, eineZeitung die dem Rundfunksender Radio Maryja nahe steht. Sie schrieb von der
"rechten Jugend", die richtige Parolen rief: "Nieder mit der
Kommune". "SLD - KGB". "Hammer und Sichel für das rote Gesindel!"
Auf der angegriffenen Seite waren die "Schlägertrupps der Polnischen
Sozialistischen Partei", die "sich sehr aggressiv verhielten" und
darüber hinaus rote Fahnen "mit dem Pentagramm, dem Symbol des
Satans" trugen. Der Knallkörper versteckte sich wieder unter sehr
weichen, nicht gefährlichen Gegenständen. Dieses Mal waren es
Blumen, Eier, Tomaten und Plastikbecher mit Sahne. |
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Nun zu ¯ycie, einer
rechtskonservativen Zeitung. Das gleiche Ereignis wurde hier so
kommentiert: "Es waren nicht die Jugendlichen der Republikanischen
Liga, die die Gewaltspirale in Bewegung setzten. Nicht die
Republikanische Liga, sondern SLD (Bündnis der demokratischen
Linken) ist die Erbin derjenigen Kräfte, die vor 1989 am 1. Mai
jedes Mal die Demonstrationen von Solidarnosc zusammenschlugen. Es
war nicht die Republikanische Liga, die im Jahre 1996 zur Zeit der
Koalitionsregierung von SLD und PSL die rechten Gegenumzüge mit
Knüppeln niederschlug." So lautete der Kommentar einer seriösen
Zeitung des rechten mainstreams zu einem Ereignis, bei dem ein
rechter Täter mit einem Knallkörper warf, die einen Menschen schwer
verletzte. |
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Die größte polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza druckte auf der Seite 2 einen
scharfen Leserbrief eines bekannten Historikers ab, der genau das
sagte, was notwendig war. Es gab also eine Reaktion der Gazeta Wyborcza, das Richtige wurde gesagt, aber
von jemand anderem. Es ist unbestritten, daß Gazeta Wyborcza die national-katholische Rechte
und deren Ideologie ablehnt. In der Zeitung wird verhältnismäßig
viel zu diesen Themen geschrieben, in einem ruhigen Ton und mit
gewisser Zurückhaltung. Die Zurückhaltung hat wohl etwas damit zu
tun, daß die Zeitung oft als - wenn nicht rot - dann doch zumindest
rosa angegriffen wird. Zuweilen ist es ihr offensichtlich unbequem,
über manches zu schreiben. |
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Die Beispiele zeigen, daß das Gebot, man solle
wahrheitsgemäß berichten, schwer einzuhalten ist, denn die Wahrheit
ändert sich von einer Zeitung zur anderen. Selbstverständlich
behauptet jede Seite, sie schreibe die Wahrheit, während die andere
Seite manipuliere, übertreibe oder die Sache einfach nicht
wahrnehme. Die linke Tageszeitung Trybuna
(eine postkommunistische Zeitung) berichtet verhältnismäßig viel
über den Rechtsradikalismus, aber sehr hysterisch, der Faschist
lauert hinter jeder Ecke. Im Grunde genommen macht sie sich dadurch
selbst unglaubwürdig. Schade, denn eigentlich schreibt nur Trybuna über diese Ereignisse völlig frei. Aber
auch Trybuna versucht, zu
instrumentalisieren und eigene Interessen zu verfolgen. Alles, was
in Polen passiert, betrachtet sie als einen vorzüglichen Vorwand,
die regierende Mitte-Rechts-Koalition anzugreifen. Wenn
überschwemmungen und andere Naturkatastrophen ebenso wie die Flut
des Rechtsradikalismus von der gleichen verbrecherischen Schuld der
Regierenden herrühren, wirkt das wenig glaubwürdig. |
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Frank Jansen
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Wenn es wirklich so ist, wie es Sergiusz
Kowalski dargestellt hat, daß versucht wird, rechtsextreme Vorfälle
jeweils aus dem eigenen Blickwinkel zu instrumentalisieren, dann ist
das erschreckend. Die einen berichten über Ereignisse, um auf die
Linken zu schlagen und die anderen, um auf die Konservativen
einzuprügeln. Für so etwas würde ich mich grundsätzlich nicht
hergeben. Es geht mir bei meiner Arbeit auch nicht darum, im Tagesspiegel den Antifa-Standpunkt zu vertreten
oder die Zeitung zum Antifa-Sprachrohr zu machen. Es geht einfach
darum, herauszubekommen, was genau geschehen ist, wie die Behörden
reagiert haben, welche Anweisungen sie haben und wie das dann in der
Praxis aussieht. Insofern bin ich ein durchaus bürgerlicher
Journalist, der versucht, einem - meinetwegen auch verstaubten -
Objektivitätsideal zu folgen. |
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Wenn ich etwas zu den gesellschaftlichen
Hintergründen sagen will, dazu, wie Ereignisse mäglicherweise
einzuordnen sind, dann schreibe ich eben einen Kommentar. Aber auch
in den Berichten läßt sich den Lesern einiges vermitteln, denn man
kann versuchen, soviel wie möglich an Recherche einfließen zu
lassen. Es sind dennoch keine kommentierenden Berichte. Der
Kommentar steht für sich. Im Kommentar schreibe ich schon, was ich
denke, wer vielleicht für ein bestimmtes gesellschaftliches Klima
verantwortlich ist, in dem solche übergriffe passieren. Aber
grundsätzlich geht es darum - und das ist das A und O für mich - zu
versuchen, wahrheitsgetreu darzustellen, was vorgefallen ist. Ich
hoffe auch, daß die Leser im wesentlichen nicht über meine
Kommentare, sondern über die Berichterstattung, die ja 90 oder 95%
meiner Arbeit ausmachen, begreifen, was das Thema ist und welche
Gefahren sich dahinter verstecken. |
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Susanne Lenz
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Ich würde gerne noch ein Thema ansprechen, das
mich in der letzten Zeit im Zusammenhang mit der Berichterstattung
oder der Wahrnehmung rechter Gewalttaten in der öffentlichkeit
beschäftigt hat. Ich habe den Eindruck, daß es eine fast
einstudierte Sicht- bzw. Reaktionsweise gibt: Einerseits der doofe
gewalttätige Ossi, andererseits der Wessi, der mit fast
voyeuristischem Interesse zuschaut, sich auch ein bißchen gruseln
darf, und schließlich das Opfer, das manchmal anonym bleibt und
zuweilen idealisiert wird. Das konnte man zuletzt bei der
Berichterstattung über den zu Tode gehetzten Algerier in Guben
beobachten. Ich kann mich daran erinnern, daß jemand zu mir sagte,
er finde es nicht gut, welcher Heiligenschein diesem Menschen
aufgesetzt werde. Zunächst war ich überrascht, aber dann habe ich
verstanden, was er meinte. Dieser schematische oder ritualisierte
Umgang mit dem Thema verhindert ein differenziertes Bild und
erschwert letztendlich eine Integration. Der Ausländer ist immer das
Opfer. Einem Opfer gegenüber ist man nicht gleichgültig, man
bemitleidet es vielleicht, aber das heißt nicht unbedingt, daß man
es auch respektiert. Ich glaube, es gibt auch bei den Linken eine
Art Stammtischdenken. Damit meine ich Vorurteile oder Projektionen
als Art und Weise, wie man mit Wirklichkeit umgeht. Ich kann dazu
ein Beispiel aus unserer Redaktion nennen. Es ging darum, eine
Veranstaltung in Brandenburg vorzustellen. Daraufhin fragte ein
Kollege in der Runde: "Kann man denn da die Leute überhaupt
hinschicken? Kriegen sie nicht gleich eins auf die Mütze?" |
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Sergiusz Kowalski
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Vergleicht man die Situation in Polen und in
Deutschland, so sieht man einen grundsätzlichen Unterschied: In
Polen ist der Grad angewandter körperlicher Gewalt niedrig, in
Deutschland ist er hoch. Bei uns gibt es eher so etwas wie einen
verbalen Extremismus. Political correctness gibt es bei uns nicht.
Ich bin mir sicher, daß in jedem Land Menschen anzutreffen sind, die
niederträchtige Dinge äußern wollen, sei es in Polen oder
Deutschland, in Holland oder anderswo. In Polen gibt es aber keine
natürliche Barriere, die dafür sorgt, daß bestimmte Dinge in der
öffentlichkeit nicht gesagt werden, weil es sich einfach nicht
gehört, weil es gewisse Regeln des kollektiven Lebens gibt, weil
politische Regeln dem entgegenwirken. Darin liegt meines Erachtens
die Asymmetrie zwischen Polen und Deutschland. "Die Protokolle der
Weisen von Zion" kann man bei uns am Zeitungskiosk kaufen.
Paradoxerweise habe ich diese Publikation ausgerechnet in einem
Zeitungskiosk in der Mordechaj-Anielewicz-Straße gesehen, die den
Namen des Anführers des Warschauer Ghettoaufstandes trägt und in der
ein Eingangstor zum jüdischen Friedhof liegt. |
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Aber es gibt noch einen anderen wichtigen Grund,
den ich erwähnen möchte. In Polen wurde erst vor zehn Jahren die
Zensur aufgehoben. Viele Menschen fürchten sich davor, neue
Reglementierungen einzuführen. Sie verteidigen die uneingeschränkte
Rede- und Meinungsfreiheit. Sie empfinden die genannten Phänomene
als negativ, wissen daß sie kompromittierend für Polen sind. Sie
sind der Meinung, man sollte pädagogische Methoden anwenden, Vorbild
sein, jemanden beschämen und nicht zu den Methoden von Repression
oder Reglementierung greifen. Deshalb wurde auch z.B. paradoxerweise
das Postulat der Linken, die Republikanische Liga zu verbieten, von
Gazeta Wyborcza nicht aufgegriffen. |
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