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      TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 28 - 33

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

Helga Hirsch (Die Zeit)

Zur Berichterstattung über Deutschland in der polnischen Presse

Um uns bewußt zu machen, wo wir stehen, sollten wir uns erinnern, woher wir kommen. Wie sah das Deutschlandbild in Polen vor zehn, fünfzehn Jahren aus? Welche Vorstellungen verbreitete damals die - einzig allgemein zugängliche - kommunistische Presse? Welche Vorstellungen existierten in der Bevölkerung über den westlichen, in zwei Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung gespaltenen Nachbarn?

Erst der Blick zurück macht deutlich, welch tiefer Bewußtseinswandel sich östlich der Oder im Laufe nur eines guten Jahrzehnts vollzogen hat. Erst durch den Vergleich wird das wirkliche Ausmaß der Veränderung erkennbar, die auf den ersten Blick manchem eher als bescheiden und voller Unzulänglichkeiten erscheint.

Das Bild von den Deutschen - genauer gesagt von den Westdeutschen - war über Jahrzehnte einseitig verzerrt und instrumentalisiert für die Innenpolitik. Denn für die polnischen Kommunisten gab es kein geeigneteres Thema, um die eigene Nation auf ein Bündnis mit der ungeliebten Sowjetunion zu verpflichten und das sozialistische System als Voraussetzung für sichere Grenzen darzustellen. Wer, wenn nicht die russische Bruderpartei, wer, wenn nicht die sozialistische DDR, sollten denn die Oder-Neiße-Grenze gegen die revanchistischen Gelüste der Bundesrepublik verteidigen?

Polen aber konnte und wollte nicht auf Schlesien, Pommern und Ostpreußen verzichten, denn es hatte aufgrund der Vereinbarungen von Jalta im Osten selbst ein Drittel seines Vorkriegsterritoriums verloren, es hatte sechs Millionen Tote im Krieg zu beklagen, es war - obwohl auf der Seite der Sieger - geschlagen und seine Hauptstadt war geschleift. Und so stellte die kommunistische Regierung ein Junktim her zwischen der Sicherung der polnischen Westgrenze und der Aufrechterhaltung des sozialistischen Systems, ein Junktim zwischen polnischer Integrität und Zugehörigkeit zum sowjetischen Block, ein Junktim zwischen Frieden für Polen und Teilung von Deutschland.

Daß dieser staatliche Antigermanismus verfangen konnte, lag an den traumatischen Erfahrungen der Bürger im Zweiten Weltkrieg, die alles übertrafen, was die Polen in den vergangenen Jahrhunderten an übergriffen vom westlichen Nachbarn hatten erleiden müssen. Unter dem Schock der Kriegserfahrung fiel es leicht, ein Stereotyp aufzubauen, das besagte: Deutschland ist Faschismus, Deutschland ist Preußen, Deutschland ist Drang nach Osten. Eine solche Bedrohung aus dem Westen gebot das Bündnis mit der angeblichen Garantiemacht im Osten fast wie von selbst und die "deutsche Karte" wurde im Laufe der Jahre zur letzten Möglichkeit der kommunistischen Machthaber, um die Unterordnung der Bevölkerung zu erpressen.

Aus diesem Denk- und Verhaltensmuster brachen als erste die katholischen Bischöfe Mitte der 60er Jahre aus, als sie ihren deutschen Amtsbrüdern die Hände über den Eisernen Vorhang entgegenstreckten, sie um Versöhnung baten und ihnen Versöhnung anboten. Damals stieß dieser Akt noch keineswegs auf durchgängige Zustimmung, doch der moralische Durchbruch war erfolgt. Der politische erfolgte erst viel später, Ende der 70er Jahre, als die anonym im Untergrund arbeitende Intellektuellengruppe PPN (Polskie Porozumienie Niepodleglosciowe) im Laufe von zwei Jahren vier Dokumente zum deutsch-polnischen Verhältnis herausgab, die nicht nur vom Mut, sondern auch von der Weitsicht der Verfasser zeugen.

Die ständige Beschwörung sogenannter revisionistischer, d.h. auf Grenzrevision zielender Kräfte in der Bundesrepublik - so PPN - solle nur die Teilung Deutschlands und damit die Teilung des Kontinents rechtfertigen. Doch nicht die Vertriebenenverbände seien die Ursache für die Teilung Deutschlands und die Unfreiheit Polens, sondern die in Jalta und Potsdam beschlossene Aufteilung der Einflußsphären der Siegermächte am Ende des Zweiten Weltkriegs. Ausnahmsweise hätten Polen und Deutsche mit der Abschüttelung der sowjetischen Dominanz ein gemeinsames Interesse und eine Wiedervereinigung Deutschlands müsse für Polen dann nicht bedrohlich sein, wenn die deutsche Seite die polnische Westgrenze anerkenne und eventuell aufkeimenden imperialen Gelüsten durch eine starke Einbindung ins westliche Bündnis begegne. Dann hätte eine Wiedervereinigung Deutschlands für Polen sogar Vorteile.
Eine Vereinigung Deutschlands im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft brächte es mit sich, daß Polen eine direkte Berührung mit dem Westen gewönne, mit dem es durch seine Tradition und gegenwärtige Kultur verbunden ist, daß es die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft bekäme und damit schließlich die Chance einer echten Wahl von Bündnissen und Wirtschaftsgemeinschaften.

Nachdem die PPN die angeblich unumstößliche Gegnerschaft zu Deutschland erst einmal in Frage gestellt hatte, erschienen in der Untergrundpresse sofort eine große Anzahl von Artikeln, die die Grundaussagen von PPN bekräftigten und schließlich eine Haltung der Opposition formten, die in den bereits erwähnten drei Kernpunkten zusammengefaßt werden könnte:

  • Wir dürfen uns durch die Propaganda vom Deutschen als ewigem Feind nicht mehr von einer Neubewertung des westdeutschen Staates und einem neuen Verhältnis zum deutschen Nachbarn abhalten lassen.
  • Die UdSSR ist nicht der Garant der polnischen Grenzen, sondern der Garant eines aufgezwungenen Systems. Der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit trifft in Polen wie in Deutschland auf denselben Gegner.
  • Es liegt an den Deutschen, uns die Annäherung zu erleichtern, indem sie sich endlich zur vorbehaltlosen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze verpflichten und sich nicht mehr auf den Beschluß des Bundesverfassungsgerichts berufen, wonach die Bundesrepublik Deutschland einer Regelung für das vereinte Deutschland nicht zuvorkommen könne.

Damit hatte sich der Untergrund - für eine antitotalitäre Opposition gar nicht selbstverständlich - auch auf außenpolitisches Terrain begeben. Man überlegte sogar konkret, wer als Ansprech- und Bündnispartner auf deutscher Seite in Frage käme. Die Ergebnisse waren jedoch äußerst ernüchternd. Denn in den 80er Jahren hatten sich die westdeutschen Politiker parteiübergreifend an den Gedanken gewöhnt, daß a) der Frieden in Europa weit wichtiger als die Menschenrechte und b) die Wiedervereinigung in absehbarer Zeit nicht zu erreichen sei.

Wo die polnische Opposition den Einfluß kommunistischer Machthaber aus Warschau, Moskau oder Ostberlin durch Erweiterung der demokratischen Rechte an der Basis zurückzudrängen versuchte, setzte die westdeutsche Regierung auf die äußerst dialektische Taktik einer Destabilisierung durch Stabilisierung. Die kommunistischen Machthaber sollten sich sicher fühlen, daß ihnen keine Gefahr drohe - dann würden sie den demokratischen Freiheitsspielraum vielleicht erweitern.

Verbittert reagierte der Literaturwissenschaftler Jan Jozef Lipski in der Untergrundzeitung kos im September 1984: Weil sie sich um das Schicksal des Friedens in Europa sorgen und einem aus einer Destabilisierung resultierenden Konflikt in Mitteleuropa ausweichen möchten, sind in Deutschland oft Stimmen zu hören, die die Polen zur Ordnung, das heißt zur ewigen Unfreiheit rufen, so als stünden den Deutschen und vielen anderen Völkern Freiheit, Souveränität und Demokratie von Natur aus zu, während die Polen ex definitione nur die Unfreiheit verdienten.

Im Unterschied zu anderen westeuropäischen Diplomaten gingen westdeutsche und vor allem sozialdemokratische Politiker möglichst jedem Kontakt mit der Opposition aus dem Weg. Helmut Schmidt drückte während seines Besuchs bei Erich Honecker, wo ihn die Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 überraschte, sogar ein gewisses Verständnis aus, daß dies nötig war. Herbert Wehner reiste als erster westlicher Politiker bereits wenige Tage nach Verhängung des Kriegsrechts im Januar 1982 nach Warschau, um sich von den kommunistischen Machthabern direkt informieren zu lassen; drei Jahre später nahm er auch noch ausgerechnet am Jahrestag der Ausrufung des Kriegsrechts einen Orden entgegen. Noch bei Besuchen im Jahre 1985 verunmöglichten der SPD-Vorsitzende Hans-Joachim Vogel und Willy Brandt ein Treffen mit Lech Walesa, dafür schrieb Brigitte Seebacher-Brandt in der Bild-Zeitung über die reizende und in deutscher Literatur bewanderte Frau Jaruzelska.

Die augenblickliche Politik der SPD erweckt Mißtrauen, schrieb die Untergrundzeitung von Solidarnosc-Mazowsze am Vorabend des Brandt-Besuchs Ende November 1985 in sehr scharfem Ton: Die Zusammenarbeit mit der Regierung Volkspolens unter Umgehung der Erwartungen der polnischen Gesellschaft schafft den Eindruck, daß zwischen dem Feind Polens, der unser Recht auf die Westgebiete in Frage stellt, und den Haltungen sozialdemokratischer Politiker nur taktische Unterschiede bestehen.

Manche polnische Oppositionspolitiker setzten größere Hoffnungen auf die Christdemokraten, aber auch mit ihnen kamen keine Kontakte zustande. So bestand Ende der 80er Jahre die festgefahrene, geradezu tragische Situation, daß die polnische Opposition den Deutschen mit der Unterstützung der Wiedervereinigung ein Geschenk anbot, das diese nicht einmal schweren Herzens annahmen: sie lehnten es rundheraus ab. Sie wollten weder die Kontakte zum Honecker-Regime gefährden, noch die Menschenrechtsbewegungen in Osteuropa unterstützen. Sie wollten den friedlichen, auf Unrecht aufgebauten Status quo erhalten.

Umso mehr verdient Beachtung und Respekt, daß unmittelbar nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 die damals bereits amtierende Regierung von Tadeusz Mazowiecki sofort erklären ließ, daß sie das Recht der Deutschen auf Selbstbestimmung anerkenne, wenn der wiedervereinigte Staat nicht die europäische Sicherheit und Zusammenarbeit gefährde. Eine neue ära im deutsch-polnischen Verhältnis schien angebrochen.

Bereits in seiner Antrittsrede hatte Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki die Unflexibilität unter kommunistischer Herrschaft kritisiert: die Völker, so meinte er, seien sich inzwischen wesentlich näher gekommen als die Regierungen; die Regierungen hätten einiges aufzuholen. Damit hatte er zwar recht, aber in den folgenden Wochen und Monaten zeigte sich, daß seine Regierung den Abstand weit langsamer ausglich, als gemeinhin erwartet worden war. Nicht, weil sie nicht wollte, sondern weil sie nicht konnte. Mazowiecki hatte die psychologischen Möglichkeiten seiner ehemaligen Mitkämpfer, seiner Landsleute und auch von sich selbst ganz offenkundig überschätzt. Die in der 80er Jahren erarbeiteten Konzeptionen waren Gedankenspiele gewesen, die politisch und moralisch vielleicht gerade deshalb so radikal sein konnten, weil ihre Umsetzung nicht im Bereich des Möglichen schien.

Die Opposition hatte ein Prinzip hochgehalten, ohne prüfen zu müssen, wie weit sie emotional imstande war, es umzusetzen. Als sie schließlich mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Ostdeutschland konfrontiert wurde, erforderte die Annäherung an Deutschland immer noch überwindung. Vor der Enquetekommission des deutschen Bundestags bestätigte Helmut Kohl vor wenigen Tagen die Befürchtungen, die seine Gesprächspartner am 9. November 1989, dem Tag des Falls der Mauer, ihm gegenüber in Warschau geäußert hätten. Sie zogen ihr "Ja" zur Selbstbestimmung nicht zurück, aber sie setzten ein dickes "Aber" dahinter.

Zu den bestimmenden Motiven im Verhalten gegenüber Deutschland wurden in den nächsten Monaten Vorsicht, Skepsis und Mißtrauen. Ein Mißtrauen, das durch die Versöhnungsgeste zwischen Mazowiecki und Kohl in Kreisau am 12. November 1989 genausowenig beseitigt werden konnte wie durch konkrete Vereinbarungen über Jugendaustausch und finanzielle Hilfen der Bundesregierung für die polnische Wirtschaft. Die tief verankerten Vorbehalte gegenüber Deutschland konnten nicht per Beschluß aufgehoben, sie konnten nur durch eine neue Wirklichkeit entkräftet werden. Doch diese neue Wirklichkeit wollte erst geschaffen sein.

Als Mitte Februar 1990 die Zwei-Plus-Vier -Gespräche vorbereitet wurden, um zwischen den beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten von einst eine abschließende Regelung zur deutschen Frage zu treffen, reagierte die polnische Regierung allergisch. Wieder solle ohne uns über uns verhandelt werden, lautete der Tenor unisono in Presseverlautbarungen der Regierung und Kommentaren in der Presse. Polen fürchtete eine neue Demütigung und begann eine hektische diplomatische Tätigkeit. Bei Franzosen, Engländern, Amerikanern und Russen warb Mazowiecki für die Formel Zwei-Plus-Fünf und forderte sogar Stimmrecht für den polnischen Part.

Außerdem forderte er von beiden deutschen Parlamenten eine vertragliche Zusicherung über die Unantastbarkeit der polnischen Westgrenze noch vor der Wiedervereinigung. Ein wochenlanges, in der polnischen Presse weidlich ausgeschlachtetes Tauziehen begann, denn Kohl beharrte aus Rücksichtnahme gegenüber den Vertriebenenverbänden lange darauf, daß eine völkerrechtlich verbindliche Regelung nur von einem neuen gesamtdeutschen Souverän getroffen werden könne. Schließlich aber bestätigten Bundestag und Volkskammer am 21. Juni 1990 in zwei gleichlautenden Erklärungen die Unantastbarkeit der deutsch-polnischen Grenze: Mazowiecki, Polen hatte seine Genugtuung bekommen.

In der diplomatischen Offensive bei den Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen allerdings fiel der Erfolg weniger eindeutig aus. Eher symbolisch wurde Außenminister Skubiszewski bei den Gesprächen im Juli 1990 in Paris hinzugebeten, wenn über die polnische Westgrenze geredet wurde. Die Festlegung im Vertrag, das vereinte Deutschland sei zur völkerrechtlichen Klärung der deutsch-polnischen Grenze verpflichtet, hätten die ehemaligen Alliierten auch ohne polnischen Druck getroffen. Diesen Erfolg hätten wir auch leichter haben können, kommentierte sarkastisch ein außenpolitischer Berater des polnischen Senats, doch die Gazeta Wyborcza feierte die polnische Präsenz in der Schlagzeile Zwei-Plus-Vier-Plus-Polen als Triumph.

Die Hektik in der Außenpolitik und Aufregung in den Medien ließen sich mit den konkreten Fehlern und Unsensibilitäten der deutschen Seite Anfang 1990 nicht ausreichend erklären. In ihnen schlugen sich vielmehr die alten traumatischen Erfahrungen nieder: Deutschland ist Drang nach Osten. Deutschland ist Preußen. Deutschland ist Hitler. Würde das vereinte Deutschland nicht wieder eine imperiale Großmacht werden? Liefe die finanzielle Hilfe der Deutschen im Grunde nicht auf den Ausverkauf Polens hinaus? Bahnte sich mit den rechtsradikalen Gruppen, der Fremdenfeindlichkeit und den überfällen auf Polen nicht wieder eine faschistische Gefahr an? Würde eine selbstbewußt gewordene deutsche Minderheit nicht als fünfte Kolonne agieren?

Unter dem Ballast der historischen Erfahrungen hatte jede gute Tat ihre Unschuld verloren und hinter jeder vereinzelten schlechten Tat witterte man Systematik und staatliche Absicht. Vor diesem psychologischen Hintergrund wird auch verständlich, warum der heutige Botschafter Polens in der Bundesrepublik, Janusz Reiter, in der Tageszeitung Gazeta Wyborcza Mitte Februar 1990 die für Beobachter völlig überraschende Forderung aufstellte, die sowjetischen Truppen sollten besser nicht abgezogen, sondern zur Wahrung des europäischen Gleichgewichts in Polen stationiert bleiben, bis ein neues Sicherheitssystem entstanden sei. Außerdem sei die Präsenz in Polen aus logistischen Gründen notwendig, denn ohne sie könnten die sowjetischen Truppen in der DDR nicht versorgt werden. Deren Abzug aber sei auf keinen Fall wünschenswert. Denn dann - so sagte Reiter - müßte Deutschland neutral werden und diese Neutralität könne leicht zu einem Bündnis mit der Sowjetunion führen. Denn dann - so fürchteten andere - würde ganz Deutschland ins westliche Verteidigungsbündnis aufgenommen und Polen grenze direkt an die NATO. So erlangte die lange verachtete Garantiemacht bei der Opposition einen späten Ruhm. Tatsächlich führten die Polen noch immer Verhandlungen über den Abzug sowjetischer Truppen, als sich in der Tschechoslowakei bereits die letzten Soldaten verabschiedeten.

All dies wurde hier so ausführlich dargestellt, um einerseits deutlich zu machen, daß alte Vorbehalte auch unter neuen Bedingungen noch abgetragen werden müssen; andererseits sollten wir uns aber auch bewußt machen, wie schnell sich das deutsch-polnische Verhältnis seit 1989 doch in Richtung Normalität entwickelt hat. Wir hatten es nur noch mit ausklingenden Konvulsionen zu tun, während in anderen Teilen Osteuropas die Spannungen zwischen den Nationen sich erst richtig zuspitzten. Als gegen Ende des Jahres 1990 das hektische diplomatische Gerangel die ersten Früchte trug, als quasi von oben der beruhigende juristische Rahmen für das künftige Zusammenleben abgesteckt wurde, war auch die Beruhigung in der Gesellschaft nur noch eine Frage der Zeit. Denn die Bürger hatten mit der Abschaffung der Visapflicht (am 1.1.1991 für die Deutschen, am 8.4.1991 für die Polen) erkennbare Vorteile. (14.11.1990 Grenzvertrag, unterzeichnet von den Außenministern, 17.4. 1991 Vertrag über gute nachbarschaftliche Zusammenarbeit, unterzeichnet von Kohl und Bielecki in Bonn.)

Eigentlich erst seitdem begann sich das Verhältnis zu Deutschland nachhaltig zu verbessern, weil der freie Umgang miteinander eine ganz andere Möglichkeit zur überwindung von Denkklischees ermöglichte. Das Mißtrauen nahm und nimmt weiterhin sichtbar ab. Doch an die Stelle des Mißtrauens tritt nicht automatisch Interesse oder Sympathie, sondern erst einmal Gleichgültigkeit. Nicht nur allgemein in der Gesellschaft, sondern auch im Bereich der Medien. Die großen alten Deutschlandkenner - gleichgültig, auf welcher Seite sie standen - sind abgetreten. Die heute führenden 40- bis 60jährigen Journalisten beschäftigen sich - von wenigen Ausnahmen wie Adam Krzeminski abgesehen - nicht so sehr mit dem Westen wie mit dem Osten, nicht so sehr mit Deutschland wie mit Frankreich, nicht so sehr mit dem unbekannten demokratischen und kapitalistischen System wie mit der ungeliebten exkommunistischen Diktatur. Die auflagenstärkste Zeitung Gazeta Wyborcza hat zum Beispiel wesentlich mehr Berichte über Rußland, Armenien, Georgien, die Ukraine, Litauen, Tschechien oder Bosnien als über Deutschland.

Dennoch gibt es zwei positive Entwicklungen. Seit mehreren Jahren schon beschäftigt man sich mit der Aufarbeitung der weißen Flecken in der eigenen Geschichtsschreibung. Seit längerem schreibt man auch über die Vertreibung der Deutschen. Inzwischen wird ohne Probleme darüber geschrieben, was Jan Jozef Lipski in seinem Essay "Zwei Vaterländer, zwei Patriotismen" von 1981 feststellte, nämlich daß auch die Polen Schuld auf sich geladen haben, die zwar unvergleichlich geringer ist, aber auch Schuld. Es gibt inzwischen auch sehr viel Literatur über die deutsche Minderheit und zwar nicht mehr hauptsächlich von der Angst getragen, sondern eine erstaunlich objektive Berichterstattung. Auch im Zusammenhang z.B. der Auseinandersetzung um die Kriegerdenkmäler. Es gibt auch Literatur über Masuren und es ist nicht mehr einfach so, daß jeder Masure oder Schlesier Pole ist bzw. darüber gestritten wird, ob sie Polen oder Deutsche sind. Nein, es hat sich eine sehr differenzierte Geschichtsschreibung entwickelt, die die Anteile von Schuld auch auf polnischer Seite zugesteht. Man beschreibt die Besuche von Rückkehrern in ihre alte Heimat, wie z.B. die Rundreise des Grafen von Krockow, auch sein Buch wurde rezensiert.

Die Berichterstattung ist zunehmend sachlich geworden. Das hängt einerseits damit zusammen, daß jetzt eine neue Generation schreibt. Die Journalisten, die heute berichten, sind zunehmend in einem Alter von etwa 30/35 Jahren, sie sind nicht mehr belastet durch die Erinnerungen an den Krieg. Genauso wie z.B. in Deutschland diese Generation - oft zum Entsetzen der älteren - mit einer gewissen Nonchalance über den Faschismus spricht, so sind auch diese polnischen Journalisten nicht mehr innerlich so tangiert, wenn sie über Deutsche schreiben. D.h. über Rechtsradikalismus wird nicht geschrieben, um zu bestätigen, daß von Deutschland wieder die Gefahr des Faschismus ausgeht, sondern in einem erstaunlichen Maße bemüht darum, welche Bedeutung diese Erscheinung für die deutsche Gesellschaft hat. Das gleiche trifft auf die Integrationsproblematik zu. Die Integration der neuen Bundesländer. In der Wochenzeitung Wprost gab es eine ganze Interviewserie mit führenden deutschen Politikern über Kernprobleme der Politik in Deutschland.

Nach wie vor aber lassen sich die in Polen führenden Kommentatoren zu wenig auf die deutsche Problematik ein. Es erfolgt kein Rückbezug auf die früheren Thesen. Erst das Buch von Timothy Garton Ash, das sich ja vor allem mit der deutschen Ostpolitik beschäftigt und diese kritisiert wird das vielleicht ändern, obwohl diese Kritik in den 80er Jahren ja gerade von den polnischen Oppositionellen formuliert wurde. Es scheint so, als hätte man Angst, damit entsprechende Gesprächspartner in Deutschland heute zu vergraulen. Es gibt auch keine wirkliche Beschäftigung oder Auseinandersetzung mit der Frage, was denn nun die polnischen Vorschläge für eine Konzeption von Schritten hin zu EG und Nato sind oder sein könnten. Zwar gibt es einzelne Politiker wie z.B. Bielecki, der Vorstellungen entwickelt hat, aber auf der Ebene der Medien, Kommentatoren hört und liest man wenig. Der in letzter Zeit beste Kommentar zur gegenwärtigen Entwicklung stammte von Leopold Unger, der die Kurzsichtigkeit des Westens rügte, wenn sie die mitteleuropäischen Staaten nicht in die Nato aufnehmen. Aber Unger lebt seit Kriegsende in Brüssel und nicht in Polen.

Man läßt sich nur unzureichend ein auf Probleme in Deutschland, die generellerer Natur sind, weil - wie ich vermute - das Sich-Einlassen darauf eventuell eine Veränderung bei sich selbst bedingte. Dafür zwei Beispiele: Eins davon betrifft die Kirche. Ich erinnere mich, wie Adam Krzeminski versuchte, eine Diskussion über Drewermann anzuzetteln. In einer Zeit, in der die Kirche keine politische Funktion mehr hat, sondern den Zugang zu Glaubensfragen neu finden muß, versuchte er Drewermann als den katholischen Martin Luther anzupreisen. Aber darauf ist niemand in Polen eingegangen, zumindest ist mir davon nichts bekannt. Auch in diesem Fall bestünde ja die Notwendigkeit, ein anderes Verhältnis zur Kirche zu entwickeln, mit der man in der Vergangenheit ein festes Bündnis im antitotalitären Kampf hatte.

Ich sehe das auch im Zusammenhang mit der Stasi-Problematik. Wie Sie ja wissen, hat man in Polen die Archive nicht geöffnet. Gut, das kann natürlich jeder machen, wie er will. Aber auf die dahinter stehende Problematik des Umgangs mit der eigenen Vergangenheit hat man sich eben auch nicht eingelassen. Ich bin davon überzeugt, daß das noch passieren wird, weil es unumgänglich ist. Es zeigt aber meines Erachtens, daß manche Themen und Diskussionen in Deutschland in Polen nicht rezipiert werden, weil sie etwas mit der Veränderung der eigenen Position zu tun hätten.

Damit bin ich eigentlich am Schluß. Aber ich möchte noch hinzufügen, daß ich den Eindruck habe, daß sich führende polnische Kommentatoren - ich möchte Adam Michnik nennen - in der deutschen Mentalität so gut wie gar nicht auskennen. So schrieb er selbst nach einem Gespräch mit Richard von Weizsäcker: Nötig ist eine neue Perspektive im Denken über die Deutschen und über den deutschen Staat. Es reicht nicht aus, das Bewußtsein mit dem Andenken an das Martyrium zu füttern, und schon überhaupt nicht, das Interesse auf Oder und Neiße zu reduzieren. Wir müssen die fremde Biographie und fremde historische Erfahrung begreifen. Wir müssen begreifen, daß das bisherige Bild von Deutschland ein sehr ärmliches ist, daß es nicht ausreicht, sich vor den Deutschen zu fürchten.
Das schrieb er im Jahre 1990. Aber die Gazeta Wyborcza ist eigentlich das Paradebeispiel dafür, daß das bisher leider noch nicht erfolgt ist.