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TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 21 - 25

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

Michal Jaranowski (Bonner Korrepondent von Zycie Warszawy)

Das Bild Polens in der überregionalen westdeutschen Presse

Es können Wochen und Monate vergehen, ohne daß in den überregionalen Zeitungen Westdeutschlands Informationen, Artikel oder Notizen zu Polen erscheinen. Ich lese täglich vier bis fünf überregionale Zeitungen oder blättere sie zumindest durch: die links-liberale Frankfurter Rundschau, die liberale Süddeutsche Zeitung, die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt und Bild. Bild lese ich, um zu wissen, was zehn Millionen Deutsche lesen. Darüberhinaus lese ich zwei regionale Zeitungen: den Bonner Generalanzeiger und den Kölner Stadtanzeiger.

Während es in Ostdeutschland zum dramatischen Systemwechsel kam und allem, was damit zusammenhängt, veränderte sich in Westdeutschland die bis dahin vorhandene Kontinuität in der Berichterstattung über Polen. Seit den 50er Jahren gibt es eine Tradition, daß die Leute, die über Polen schreiben - und das waren und sind meistens die Korrespondenten -, mit diesem Land stark verbunden sind. Ich möchte hier ein paar Namen nennen wie z.B. Ludwig Zimmerer. Er wurde zu einer geschichtlichen Persönlichkeit, lebte und starb in Polen. Er schuf auch das größte Museum von Heiligenfiguren in Europa. Oder Gerd Baumgarten, der über 20 Jahre in Polen lebte, für viele Zeitungen schrieb und mit drei Polinnen verheiratet war. Dann gibt es Renate Marsch-Potocka, die ihre Kinder im Geiste des polnischen Adels erzieht. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß später die Kinder ihren Posten bei der DPA übernehmen. Diese schöne Tradition führt Reinhold Vetter fort. Und ich könnte noch einige Namen von Menschen nennen, bei denen die Zuneigung zu Polen gleichzeitig ein Element ihres Schreibens ist.

Es scheint jedoch, als ob das Verschwinden der bisherigen trennenden System- und Grenzbarrieren zumindest auf der deutschen Seite von einer Abkühlung des Verhältnisses begleitet wird. Dabei ist hier keineswegs die Rede von Ausbrüchen primitiver Polenfeindlichkeit bei einigen Jugendlichen in den neuen Bundesländern. Nein, die Rede ist vor allem von einer Abkühlung, die sich gerade bei denen findet, die in der "alten" Bundesrepublik bislang als deutsche Fürsprecher und Freunde Polens auftraten und wirkten. Wie Helga Hirsch, Polen-Korrespondentin der Wochenschrift Die Zeit, die in der Warschauer Polityka (6.4.1991) eingestand - so die Schlagzeile -, daß sie aufgehört hat, die Polen zu lieben. Diese Veränderung hängt offenbar damit zusammen, daß die deutschen Freunde lange Zeit hindurch Polen aus der faktischen Distanz und nur selektiv wahrnahmen. Nun, da sich Begegnungen im Alltag vervielfachen, erweisen sich die Polen als Menschen mit gewöhnlichen, darunter auch unsympathischen Eigenschaften, die das mehr oder weniger aus der Ferne geschaffene Idealbild trüben. Zu den negativen Assoziationen, die mit Polen verbunden werden, gehören etwa die konservative katholische Kirche, ihr Papst, das Auftauchen von Autodieben und Schwarzarbeitern, die populistischen Neigungen von Staatspräsident Walesa, die Unfrieden stiftenden Politiker usw.

Ganz anders erscheinen demgegenüber im Rückblick die 50er Jahre, als Polen begann, die kulturellen und politischen Eliten in Westdeutschland zu faszinieren. Der polnische Oktober stellte die erste, nicht von Panzern niedergewalzte Erhebung gegen den Stalinismus dar. Selbst wenn Gomulka sehr bald die neuen Freiheiten wieder einschränkte, so bildeten doch polnische Filme, Theaterstücke, Essays, Lyrik, und Plakate, ebenso wie Jazz und moderne Malerei aus Polen eine aufregende Absage an die Doktrin des sozialistischen Realismus.

Eine frische Welle der Polenbegeisterung brachten das Drama des Aufstiegs von Solidarność und ihre spätere Unterdrückung durch die Verhängung des Kriegsrechts. Dann kam die Wende, der Umsturz des Sozialismus. Die ehemaligen polnischen Oppositionellen haben ihre Gefängniszellen oder Verstecke verlassen, tragen die politische Verantwortung, sehen sich der Kritik aus der Gesellschaft ausgesetzt und verwickeln sich in Konkurrenzkämpfe. Die Bewunderung seitens der alten Freunde in Deutschland verwandelt sich in Ernüchterung oder gar in Enttäuschung. So kam das Ende der Faszination und es begann eine neue ära im Schreiben über Polen. Ein Anzeichen dafür ist die ziemlich starke Kälte bei der Beobachtung Polens. Nun ist Ernüchterung als solche durchaus zu begrüßen, weil sie Fehlwahrnehmungen durch zutreffende Erfassung der Wirklichkeit ersetzen kann. Man darf aber nicht von einem Extrem zum anderen springen, lieben und aufhören zu lieben. Ich bin fest davon überzeugt, daß die Vorstellung, Völker sollten einander lieben, vollkommen falsch ist. Angemessen und notwendig sind vielmehr gegenseitiger Respekt und ein waches, aufgeschlossenes Interesse füreinander. Das Interesse soll u.a. durch die Medien des jeweiligen Staates getragen werden. Und gerade das fehlt mir auf der deutschen - oder vielleicht genauer auf der westdeutschen - Seite. Ich spreche von den überregionalen Zeitungen, die westlich der Elbe erscheinen.

Eine zweite Ursache für die Veränderung in der deutschen Berichterstattung über Polen ist der Verlust eines Hauptspannungsfeldes, das die Streitereien um die Grenze bestimmten. Ein Thema verschwand und zugleich die damit verbundenen Spannungen. Ich glaube, daß ich seit der Unterzeichnung des Vertrages über die gute Nachbarschaft und des Grenzvertrages keinen einzigen Artikel zu den Grenzproblemen gelesen habe, mit Ausnahme der Zeitung des Bundes der Vertriebenen Deutscher Ostdienst. Der Verlust der Spannungen führte dazu, daß auch die Motivation zum Aufgreifen der polnischen Themen nicht mehr so groß war. Die Stellung Polens in den deutschen Medien (zumindest im Westteil des Landes) wurde geschwächt. Hinzu kam die Schwächung der Stellung Polens in der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Wie ich das von Bonn aus beobachte, konzentriert sich das Interesse zunehmend auf Rußland. Und erst in seinem Schatten sieht man Polen.

Es gibt vielleicht noch einen dritten Aspekt, der erklärt, warum vor allem in der jüngsten Vergangenheit Polen nicht in den Zeitungsspalten auftauchte. Ich erinnere mich an häufige Telefonate des ZDF-Korrespondenten Knut Terjung, der mich fragte, wie er seine Chefs in Mainz davon überzeugen soll, daß sie von ihm Beiträge zu polnischen Themen nehmen. Da sie selbst nicht verstehen, was sich in Polen ereignet, ist es umso schwieriger, dem deutschen Fernsehzuschauer etwas zu vermitteln. Die Bestätigung dieser Einschätzung fand ich auch in den Zeitungskommentaren. Zeitlich geht es in diesem Fall um die Regierungszeit von Olszewski. über die Ereignisse in Polen berichtete damals Herr Bader, ein mit Polen sehr verbundener Mann, ehemaliger Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Polen und heute Leiter der Leserbriefabteilung: Auch einem Großteil der polnischen Bevölkerung dürfte es so gehen wie den ausländischen Beobachtern: Was die demokratisch gewählten Politiker des Landes, die dringend schwierige Sachaufgaben zu bewältigen hätten, an politischen Machtspielen treiben, ist kaum zu durchschauen, geschweige denn zu verstehen. Dieses Unverständnis gegenüber der Entwicklung in Polen ist eine der Ursachen, warum wir unsere früher starke Stellung in den deutschen Medien verloren haben.

Was bleibt? Die Berichterstattung konzentriert sich vor allem auf wichtige politische Ereignisse. Die Behandlung des gesellschaftlichen Hintergrunds wurde eher zur Seltenheit. Die Faszination angesichts der polnischen Kultur ist ein Phänomen der Vergangenheit und daran ändert auch die Tatsache nichts, daß z.B. im Spiegel, in zwei Nummern nacheinander, ausführliche Beiträge über herausragende Persönlichkeiten der polnischen Kultur, Kapuscinski und Kieslowski, veröffentlicht wurden. Dabei handelt es sich um punktuelle Ereignisse.

Mit großem Interesse wird dagegen die Entwicklung der Wirtschaft Polens beobachtet, des Staates, der als erster Wettkämpfer im großen Wettlauf zur freien Marktwirtschaft gestartet ist. Die Berichterstattung ist - mit Ausnahmen - recht objektiv. Die Objektivität bezieht sich vor allem auf die Wiedergabe politischer und wirtschaftlicher Ereignisse der polnischen Entwicklung. Das hat dazu geführt, daß die Kommentare in der deutschen Presse grundsätzlich ähnlich klingen, unabhängig von der politischen Orientierung der jeweiligen Zeitung. Abweichende Kommentare findet man nur bei Problemen, die die deutschen Interessen betreffen oder die zwischen Deutschland und Polen strittig sind.

Kommentare zum Abgang der Regierung Olszewski:

Frankfurter Rundschau: Genau 3 Jahre nach dem Sieg der "Solidarnosc" über die Kommunisten mußte Ministerpräsident Olszewski abtreten - und mit ihm die erste demokratisch gewählte Regierung. Gestürzt haben sie die Geister, die sie selber rief. Wollte man den von der Regierung in Umlauf gesetzten Spitzelnamen glauben, müßte man zu dem Schluß kommen, daß der Sieg der "Solidarnosc" letztlich das Werk der polnischen Stasi war.

Die Welt: Was sich aber unter dem Stichwort "Stasi-Debatte" abspielt, ist von erschreckend niedrigem Niveau und demontiert die letzten Autoritäten des Landes, den Staatspräsidenten Lech Walesa eingeschlossen. Seine Gegner aus der abgelösten Regierung Olszewski können sich mit dem (wegen Unfähigkeit) selbstverschuldeten Machtverlust offenbar nicht abfinden und wühlen nun in der Vergangenheit des früheren Arbeiterführers.

Kommentare zum Wahlausgang in Polen am 19. September 1993:

Süddeutsche Zeitung: Die Niederlage der Rechten hat vor allem eine Ursache. Unterstützt von der katholischen Kirche wollte sie die durch die politische Wende vakant gewordenen ideologischen Positionen mit neuem, vom Klerus bestimmten Inhalt füllen. Zwar sind die Polen gläubige Katholiken, aber sie wollen in einer säkularen, laizistischen Gesellschaft leben. Eine solche Gesellschaft hat die Linke versprochen. Dennoch: Die Rückkehr des alten Systems will niemand. Viele ehemalige Kommunisten haben sich zu gut im Kapitalismus etabliert. So endet die Wahl in einem Paradoxon: Die Nachfolger jener Parteien, die Polen in den Ruin wirtschafteten, haben unter demokratischen, fast schon kapitalistischen Bedingungen erneut die Verantwortung zu tragen. Versagen sie, werden sie abgewählt - nach vier Jahren und nicht nach vier Jahrzehnten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Die Enttäuschten votierten für Veränderung. Sie stimmten nicht für eine Rückkehr zum früheren System, die von den siegreichen postkommunistischen Parteien auch nicht angestrebt wird. Sie verlangen "Reformen mit menschlichem Antlitz". Sie wollen sich von dem unglücklichen Schlagwort einer der bisherigen Regierungsparteien absetzen, das "Die Wirtschaft zuerst" lautete - einer Parole, deren Realisierung zwar für die betroffenen Menschen langfristig gesehen vermutlich segensreich sein könnte, die aber allzusehr an die menschenverachtende Praxis im Realsozialismus erinnerte, wo die Menschen dem "richtigen" System geopfert wurden.

Wenn jedoch die deutschen Interessen ins Spiel kommen, dann merkt man einen evidenten Unterschied in den Kommentaren. Die Asylfrage ist dafür ein Beispiel. In der Welt wurde ein ziemlich unangenehmer Kommentar von Herbert Kremp, einer herausragenden Persönlichkeit der deutschen Publizistik, veröffentlicht: Was hat das polnische Nein zu bedeuten? Die strengere Asylgesetzgebung, die im Mai in Kraft treten soll, kann nur funktionieren, wenn Deutschland möglichst viele Asylbewerber ohne große Umstände dorthin abschieben kann, woher sie gekommen sind. (...) Ein Land wie Deutschland braucht einen Cordon sanitaire, eine vorgeschobene Sperrzone.

In der Frankfurter Rundschau spürte man dagegen deutlich die von dem MdB Markus Meckel (SPD) repräsentierte Linie: In Warschau stößt die deutsche Asylpolitik auf kopfschüttelndes Erstaunen. Deutschland - der Eindruck drängt sich hier auf - will in übergenauer Gründlichkeit nicht nur die eigenen Probleme lösen, sondern die Sorgen der Nachbarn gleich miterledigen. Wie anders kann man verstehen, daß deutsche Politiker Polen und der Tschechischen Republik erst Probleme schaffen und ihnen dann "helfen" wollen, um schließlich - wie unlängst Innenminister Seiters - zu erklären, man werde natürlich trotzdem machen, was man will.

Jetzt möchte ich ein Beispiel nennen, das zu einem ähnlichen Kommentar hätte führen können. Als im Oktober 1992 polnische Skinheads einen deutschen Fahrer ermordeten, wäre es leicht gewesen, das Bild eines Landes zu vermitteln, das ähnliche rechtsradikale Tendenzen wie Deutschland aufweist, jedenfalls an einigen Orten. Stattdessen fand ich in allen deutschen Zeitungen zwei Meldungen, auf die ich gewartet hatte, und die mir wichtig erscheinen: Zum einen die Nachricht, daß unmittelbar nach dem schrecklichen Ereignis Tausende von Polen Blumen am Tatort niederlegten. Eine spontane Geste, auf die man in Deutschland lange warten mußte; dazu brauchte es Hoyerswerda, Rostock und Mölln. Zum anderen wurde überall gemeldet, daß die polnische Regierung unmittelbar nach dem Vorfall eine klare Stellungnahme abgegeben hatte.

Es gibt eine spezielle Art des Journalismus in Deutschland, der in Polen bereits Nachahmung findet. Ich meine den Journalismus, dem es nur um Sensationen geht, und der ansonsten Vorurteile pflegt. Zu solchen Zeitungen gehört Bild, ein Blatt, das von 10 Millionen Deutschen gelesen wird.

Der ehemalige Pressesprecher der Bundesregierung, Peter Bönisch, schrieb in Bild einen kurzen Kommentar über Kriminalität und fügte ganz nebenbei einen Satz zum Thema Autodiebstahl ein, den Wojtek Pomianowski bereits erwähnte: Kaum gestohlen, schon in Polen. Ich denke, hierbei handelt es sich um eine selten widerliche Art, Ressentiments zu erregen, und zwar gerade deswegen, weil auf das Unterbewußtsein der Leser gezielt wird.

Ein zweites Beispiel liefert ein Artikel, der unter dem Titel Ein polnischer General bekommt bei uns die Rente erschien. Die Geschichte dieses polnischen Generals wurde noch dazu später auf schamlose Art und Weise von dem CSU-Politiker Waigel benutzt, indem er im Bundestag (bevor er Finanzminister wurde) dieses Beispiel erwähnte, um zu zeigen, wie der deutsche Staat sein Geld verschwendet. Ich habe die Geschichte des polnischen Generals überprüft. Auf der Basis des damals gültigen Gesetzes übersiedelte er nach Deutschland. Hier bekam er tatsächlich eine Rente, und zwar in der Höhe, in der sie jeder übersiedler, auch ohne den Rang eines Generals, erhielt. Er bekam einfach nur das, was ihm zustand. Ein Mensch, den die Deutschen, zumindest nach dem Gesetz, für einen der ihrigen hielten, den sie auch entsprechend behandelten, wurde den Lesern als ein gemeiner Pole dargestellt, der in Polen den Rang eines Generals erlangte und es wagte, den deutschen Staat auszunutzen.

Eine solche Art der Berichterstattung gibt es leider ziemlich häufig. Dabei geht es um die Sichtweise, aus der heraus eine bestimmte Problematik betrachtet wird. Z.B. die Kriminalität: Wenn etwa gesagt wird, die meisten Verbrecher seien Ausländer. Kriminelle sind eine Randgruppe, und es geht nicht an, daß sie mit ihrer Nation identifiziert werden. Außerdem braucht man für bestimmte Verbrechen einen Partner, wie sich am Beispiel des Autodiebstahls zeigt. Denn da sind nicht nur die polnischen Banden, die Autos stehlen, um sie dann zu verkaufen. Untersuchungen haben ergeben, daß es sich bei einem Drittel der gestohlenen Fahr-zeuge um einen Vertrag über Kauf und Verkauf handelt. Zu einem Autobesitzer kommen Leute, die ihm anbieten, seinen Wagen zu stehlen. Von dem Verkaufserlös soll er dann zwischen 10 und 20 Tausend DM bekommen, eine Summe ziemlich weit unter dem tatsäch-lichen Wert. Aber der Besitzer wird noch zusätzlich von seiner Versicherung entschädigt. Es gibt nur eine einzige Bedingung. Er darf den Autodiebstahl erst 24 Stunden später bei der Polizei melden. Solche Tatsachen verlieren sich freilich bei der Konstruktion des Ausländer- und Verbrecherbildes.

Und zum Schluß: Die westdeutsche Presse widmet dem Bild Deutschlands und der Deutschen in Polen große Aufmerksamkeit. Sehr oft werden polnische Umfrageergebnisse zitiert, wobei sich hinter den objektiven Zahlen meistens der eigene Kommentar versteckt. Ich erlaube mir, Ihnen einen solchen Bericht aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu zitieren: Die Demoskopen registrieren eine Abnahme des Gefühls persönlicher Unsicherheit; ein Hinweis darauf, daß die zum Teil hysterische Züge tragende Angst vor Deutschland in hohem Maße eine Funktion innenpolitischer Befindlichkeiten war. Obwohl fast jeder dritte Pole schon einmal in Deutschland war, sind die Einstellungen zu diesem Land weniger durch eigene Erfahrung geprägt als durch überlieferungen aus der Kriegs- und Okkupationszeit. Dennoch hat die psychologische Barriere einen Riß bekommen.
Das alte polnische Sprichwort "Solange die Welt besteht, wird der Deutsche dem Polen kein Bruder sein" finden nur noch 21% zutreffend. Die Befürchtungen vor einem übermächtigen Einfluß des "deutschen Kapitals" in Polen sind aber ganz eindeutig erkennbar. Fazit der Zeitung: Die Vereinigung Deutschlands hat, entgegen den schlimmsten Befürchtungen, eher die Vorzeichen einer guten Nachbarschaft mit sich gebracht. Auch wenn sich noch nicht alle von ihren ängsten und historischen Vorurteilen gelöst haben, so verschwindet doch allmählich die unglückliche deutsche Obsession.

Übersetzung: Iwona Rydz / Ruth Henning