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      TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 15 - 18

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

Przemyslaw Konopka (Bonner Korrespondent von Glos Wielkopolski, Posen)

Über das Wirken und das Überwinden gegenseitiger Stereotype im polnisch-deutschen Verhältnis

Meine Damen und Herren, das, was ich Ihnen präsentieren möchte, ist kein ausgearbeitetes Referat, vielmehr eine Gedankensammlung zu dem uns heute interessierenden Thema. Anfangen möchte ich mit einer Geschichte, die mir selbst im Jahre 1988 passiert ist, während meines ersten Aufenthaltes in Deutschland. An der Bushaltestelle traf ich einen jungen Mann, vielleicht 25 Jahre alt, mit dem ich mich unterhielt. Nach ein paar Sätzen, in denen er meinen polnischen Akzent hörte, fragte er mich, woher ich komme. Meine Antwort unterbrach die freundliche Unterhaltung und es entstand eine längere Pause. Mein Gesprächspartner änderte seine Haltung. Ich übrigens - gegen meinen Willen - auch. Dann fragte er: Hassen die Polen uns Deutsche immer noch so sehr? Ich antwortete ihm mit der Frage, wieso ich ihn denn hassen solle? Und wen er denn meine, wenn er von uns Deutschen spreche?.

Wir waren ganz plötzlich in einer anderen Gesprächssituation als am Anfang: Wir spielten Rollen, die wir nicht geschrieben haben und die eigentlich auch nicht die unseren waren. Es war eine Szene wie aus einem Roman von Gombrowicz. Die Rollen wurden uns dadurch aufgezwungen, daß er Deutscher und ich Pole war, wir spielten sie gegen unseren Willen. Wie bei Gombrowicz hätte allenfalls eine Provokation diese Situation sprengen können. ähnlich ist es mit den Stereotypen.

Ich stimme der schon geäußerten Auffassung zu, daß es keine genaue Definition des Begriffs gibt, und im übrigen ist das auch nicht am wichtigsten. In einer alten polnischen Enzyklopädie aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts findet sich die Definition eines Pferdes. Der Autor schreibt: Was ein Pferd ist, sieht jeder. ähnlich ist es vielleicht mit unserem heutigen Thema. Auch wir könnten sagen, was ein Stereotyp ist, oder welche Stereotype in den Kontakten zwischen unseren beiden Völkern präsent sind, das sieht doch jeder. Wir könnten eine lange Liste von Stereotypen aufzählen, mehr oder weniger umfassend, mehr oder weniger umstritten. Sinnvoller erscheint mir jedoch festzustellen, daß die Stereotype auf zwei gesellschaftliche Eigenschaften hinweisen: Zunächst spiegeln sie die Komplexe einer Bevölkerungsgruppe oder auch eines ganzen Volkes wider; zum zweiten ermöglichen sie eine soziologische Analyse.

Diese Diagnose kann hilfreich sein bei der Beschreibung des Selbstverständnisses einer Gesellschaft: Das Verhältnis von Stereotypen und Informationen im kollektiven Bewußtsein bestimmt den Bewußtseinsstand der Gesellschaft, ihre innere Organisation. Dort, wo die Gesellschaft einen breiten und unbeschränkten Zugang zu Informationen hat, bestimmen nicht mehr Stereotype die Meinungen und Ansichten. Wenn dagegen unmittelbare Kontakte fehlen und der Informationsfluß begrenzt oder einseitig oder überhaupt nicht vorhanden ist, können Stereotype darüber entscheiden, wie sich die Beziehungen z.B. zwischen zwei Völkern entwickeln. Das betrifft natürlich auch Polen und Deutsche als Nachbarn in Mitteleuropa. Wenn man auf die Nachbarn stößt und keine Vorstellung davon hat, warum sie anders denken und sich anders benehmen, wenn man dann keine Chance hat, sachliche und kompetente Informationen z.B. aus der Presse zu bekommen, beginnt das Spiel mit den Stereotypen oder auch Vorurteilen.

Die Stereotype umfassen interessanterweise nicht nur negative Eigenschaften der Nachbarn. In manchen verbergen sich auch Neid oder Bewunderung. Für die Deutschen sind die Polen z.B. unfähig, die eigene Wirtschaft zu organisieren, sie werden als faul und unsystematisch bezeichnet. Dem Stereotyp folgend sind die Polen romantische Hitzköpfe, übertrieben stolz und überheblich. Gleichzeitig bewundern die Deutschen die Polen aber auch ein bißchen als überlebenskünstler, Patrioten, perfekte Improvisatoren, vor allem aber schätzen sie die polnische Herzlichkeit und Gastfreundschaft. ähnliches gilt für die andere Seite: Die Deutschen sind für die Polen unerträgliche Besserwisser, kühle und gefühlslose Menschen. Bewundernswert erscheint den Polen dagegen deutsches Organisationstalent, funktionierende Wirtschaft und gesellschaftliche Disziplin. Man könnte zu der Auffassung kommen, daß der jeweilige Nachbar für den anderen eine Art magischen Spiegel darstellt. An dem Anderen sieht man die Eigenschaften, die man selbst gern hätte, aber nicht hat.

Ich bin kein Spezialist für die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen. Es ist mir aber klar, daß diese Geschichte nicht nur reich ist an Konflikten, Animositäten und Kriegen. Die deutsch-polnische Grenze gehörte während der ersten polnischen Republik, also bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, zur ruhigsten und stabilsten in Europa. In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es ähnliche politische Ziele, gemeinsame Interessen und gegenseitige Sympathie.Es war der deutsche Kaiser, der 1916, zugegebenermaßen aus taktischen Gründen, für die Wiederherstellung eines polnischen Staates eintrat. Damit habe ich natürlich nicht alle Ereignisse aufgezählt, die die Möglichkeit der Zusammenarbeit von Polen und Deutschen beinhalteten. Man könnte auch eine Geschichte der vertanen oder nicht genutzten Chancen für eine polnisch-deutsche Annäherung schreiben.

Das trifft auch auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu. 1966 schickten die polnischen Bischöfe einen offenen Brief an die deutschen Bischöfe, in dem es hieß Wir vergeben und bitten um Vergebung. Bis heute blieb dieser Brief ohne Antwort. Jan Jozef Lipski, ein exzellenter Deutschland-Kenner, schrieb 1981 einen Essay mit dem Titel Zwei Vaterländer - zwei Patriotismen. Lipski formulierte in diesem Text u.a. die folgende These: Auch wenn die Schuld auf beiden Seiten ungleich groß ist, müssen die Polen fähig sein zu sagen: Wir sind nicht ohne Schuld. Diese moralische Haltung findet sich nur selten in der polnischen Diplomatie nach dem Umbruch von 1989. Das polnische Staatsoberhaupt vollzog den Schritt, der dem tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel, so wichtig war, bis heute nicht, nämlich zu sagen: Vertreibung war Unrecht.

In den 80er Jahren haben polnische Oppositionelle aus der Solidarnosc-Bewegung die These aufgestellt, daß die Wiedervereinigung Deutschlands auch im polnischen Interesse liege oder zumindest liegen könne. Das war ein neuer und mutiger Gedanke, der in scharfem Gegensatz zur offiziellen kommunistischen Doktrin stand. Heute kann man leider nicht sagen, daß diese Politik von den ehemaligen Oppositionellen und heutigen Politikern konsequent weiterverfolgt würde. Gazeta Wyborcza, die größte und einflußreichste Zeitung in Polen, geleitet von Adam Michnik, dem Autor der zitierten These, ist bis heute nicht in der Lage, eine eigene Deutschlandpolitik zu formulieren oder auch nur sachlich und kompetent über das Nachbarland zu informieren. Es fehlt eine durchdachte Strategie. Vielleicht ist eine der Ursachen aber auch das Vorhandensein von Stereotypen und Vorurteilen.

Das trifft in ähnlicher Weise auf die polnischen Reaktionen nach der Veröffentlichung des Stolpe-Plans zu. In Warschau wurde dieser Vorschlag verurteilt und abgelehnt, bevor man ihn überhaupt gelesen hatte. Der Grund war einfach: auf der Karte des Deckblatts war das deutsch-polnische Grenzgebiet abgebildet, ohne die Grenze zu markieren; darüberhinaus war das zur Zusammenarbeit bestimmte Gebiet auf polnischer Seite viel breiter als auf deutscher. Mit der Interpretation war man schnell bei der Hand: preußische Annektionsabsichten gegenüber den polnischen Westgebieten.

Ein anderes polnisches Stereotyp besagt, was für Deutschland gut ist, kann für Polen nur schädlich sein und umgekehrt (Solange die Welt besteht, wird der Deutsche dem Polen kein Bruder sein). In manchen Pressekommentaren und Artikeln, leider auch in den Aussagen einiger Politiker, findet sich die Auffassung, unter den Regierungen Mazowieckis, Bieleckis und Suchockas sei es zum Ausverkauf Polens an die Deutschen gekommen. Gleichzeitig beweisen die offiziellen Statistiken, daß die Deutschen unter den größten ausländischen Investoren nur den vierten Platz einnehmen. Dabei ist es schon absurd, wenn diese Meinung von den gleichen Leuten geäußert wird, die sich andererseits darüber beschweren, daß der Westen in Polen zu wenig investiert. Den Vogel schoß der Stettiner Wojewode im Jahre 1992 ab, als er öffentlich erklärte, wenn er zwei ausländische Investoren zur Auswahl habe, einen deutschen und einen anderen, dann bekäme bestimmt nicht der deutsche Investor seine Zustimmung.

Nach dem bisher Gesagten erheben sich zwei Fragen: Soll man die Stereotype bekämpfen? Und wenn ja, wie? Ich bin mir keineswegs sicher, ob die Antwort auf die erste Frage so einfach ist. Es gibt in Deutschland stereotype Bilder der Franzosen, der Holländer, Engländer, Amerikaner usw. Kaum jemand beschäftigt sich jedoch mit der Frage, wie man sie bekämpfen sollte. Vielleicht deshalb, weil sie schon seit langem keine wichtige Rolle mehr im deutsch-französischen oder deutsch-amerikanischen Verhältnis spielen. In den letzten vierzig Jahren hat wahrscheinlich jeder deutsche Schüler mindestens einmal seine Ferien in Frankreich verbracht und tausende von deutschen Schülern und Studenten haben mehrere Monate in Amerika gelernt und studiert. Kontakte zwischen Firmen, Städten und Vereinen aus Frankreich, Holland, Belgien und Deutschland sind alltägliche und selbstverständliche Erscheinungen.

Als Folge des Verschwindens der Grenzen zwischen den Staaten Westeuropas und ihrer engen Kooperation verschwinden auch - fast automatisch - die Vorurteile. Vermutlich werden bestimmte Stereotype, auch die negativen, nie ganz verschwinden, selbst bei bester Zusammenarbeit. Aber das ist auch gar nicht das Wichtigste. Viel wichtiger erscheint es mir, Alternativen zum Denken in Vorurteilen und Stereotypen zu schaffen. Eine solche Alternative existiert in den deutsch-französischen Kontakten und Beziehungen, im deutsch-polnischen Verhältnis ist sie noch kaum spürbar.

Ich möchte sagen: je mehr Normalität im Alltagsleben, desto weniger Raum für Ideologien, Komplexe und Vorurteile. Normalität ist für mich der Schlüsselbegriff.

Wie kann man sie erreichen? Zunächst muß die Politik dafür die Bedingungen schaffen. In dieser Richtung ist auch tatsächlich schon viel getan worden. Trotzdem habe ich dazu eine kritische Anmerkung. Das Abkommen zwischen Deutschland und Polen aus dem Jahre 1991 trägt die Bezeichnung: Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Das klingt so, als könnten die Regierungen die gute Nachbarschaft und die Freundschaft verordnen.

Diese Formulierungen erinnern zwangsläufig - zumindest jeden Polen - an die Orwellsche Sprache in Trybuna Ludu und Neues Deutschland und an die offiziellen Umarmungen der Sekretäre der Bruderparteien an den Grenzbrücken. Gleichzeitig sollten es jedoch nicht zu viele Brücken sein, und zu breit durften sie auch nicht ausfallen; das belastet uns noch heute durchaus schmerzlich. Erich Honecker soll einmal gesagt haben: Freundschaft hin, Freundschaft her, aber ein Panzer muß in der Lage sein, eine Grenzbrücke an der Oder zu sperren. über eine tatsächliche Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen werden jedoch weniger die Unterschriften und Beschwörungen von Politikern entscheiden, als solche Tatsachen wie z.B. die Länge der LKW-Staus an den Grenzübergängen.

Man spricht oft über den Modellcharakter der deutsch-französischen Beziehungen. Zweifellos sollte man sich anstrengen, die deutsch-polnischen Beziehungen auf dieselbe Ebene zu heben. Es lohnt sich auch, die Beziehungen zwischen Bonn und Paris zu analysieren, um daraus praktische Konsequenzen ziehen zu können. Bei der Gelegenheit möchte ich daran erinnern, daß der erste deutsche Bundeskanzler Adenauer bereits am Ende der 40er Jahre drei Hauptziele der deutschen Außenpolitik formuliert hat: Die Deutschen müssen eine Versöhnung mit Frankreich, Israel und Polen erreichen. Auch die SPD/FDP-Koalition zielte in die gleiche Richtung. Dabei muß man allerdings die Besonderheiten des Verhältnisses zwischen Frankreich und Deutschland einerseits und zwischen Deutschland und Polen andererseits berücksichtigen.

Die deutsch-französische Vergangenheit ergibt insgesamt eine ausgeglichene Bilanz gegenseitiger Vorwürfe. Deutschland und Frankreich befanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg in einer vergleichbaren Situation. Sie konnten und mußten sich parallel im Rahmen des westeuropäischen Wiederaufbaus und des westlichen Wertesystems entwickeln. Und ich möchte Ihnen auch ein aktuelles praktisches Beispiel für den Unterschied im deutsch-französischen und im deutsch-polnischen Verhältnis geben: Dem deutsch-französischen Jugendwerk steht z.B. jährlich ein Etat von 20 Millionen DM zur Verfügung, dem deutsch-polnischen Jugendwerk jedoch nur etwa ein Fünftel dieses Betrags.

Deutsche und Polen sind Nachbarn und sind sich trotzdem weitgehend fremd. Sie kennen sich nicht, sie wissen nichts voneinander. Kennen die Polen z.B. die ehemalige DDR? Die Realität in den 70er und 80er Jahren sah doch so aus, daß man die DDR kennenlernte, indem man aus dem Zugfenster blickte, während man nach Westberlin fuhr, um einen Videorekorder zu kaufen. Mit unserer Kenntnis von Westdeutschland sah es auch nicht viel anders aus. Wir lasen Heinrich Böll und Günter Grass, sahen Filme von Volker Schlöndorff und Wim Wenders, aber den westdeutschen Alltag kannten wir nicht. Das gilt auch umgekehrt. Die westdeutsche Presse interessierte sich von Zeit zu Zeit für bestimmte Ereignisse in Polen bereits in den 50er Jahren. Man konnte am Rhein etwas über polnischen Jazz lesen, polnische Literatur und Theater, der Alltag in Polen war gänzlich unbekannt. Vor kurzem erschien ein Buch mit dem Titel Feinde werden Freunde, in dem die Geschichte der deutsch-polnischen Annäherung beschrieben ist. In diesem wertvollen, 600 Seiten starken Buch gibt es nur einen einzigen Beitrag zu dem Verhältnis zwischen DDR und Polen.

Informationsfluß und Kontakte waren also insgesamt sporadisch. Kein Wunder also, daß es viel Spielraum gab für Stereotype und Vorurteile, verstärkt auch noch durch die kommunistische Propaganda. Die letzten vier Jahre haben diese Informationslücken keineswegs ausgefüllt. über die Gazeta Wyborcza habe ich schon gesprochen, übrigens eine Zeitung, die ich schätze. Aber bei den deutschen überregionalen Zeitungen und Zeitschriften sieht es auch nicht besser aus. Daß gegenwärtig das Thema Polen nicht mehr auf der ersten Seite erscheint, ist verständlich. Daß man dagegen über wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse in Polen nicht ausreichend informiert, schon viel weniger. Ausnahmen in dieser Hinsicht sind - jedenfalls aus meiner Sicht - die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit. Besser, so erscheint es mir, erfüllen diese Rolle bestimmte regionale Zeitungen, die nah der Grenze herausgegeben werden wie z.B. die Märkische Oderzeitung in Frankfurt/Oder und die Gazeta Lubuska in Grünberg.

Vor kurzem sprach ich mit dem neu ernannten Generalkonsul in Stettin und fragte ihn, was er dort als erstes tun werde? Ich werde versuchen zu erreichen, daß die Schlange vor dem Konsulat kleiner wird und daß die Wartenden schneller, kompetenter und unbürokratischer bedient werden, antwortete er. Zunächst war ich verblüfft, weil ich etwas ganz anderes erwartet hatte, nämlich große Worte, auch Zukunftspläne und ähnliches. Später habe ich verstanden, daß vielleicht gerade in dieser Sachlichkeit die Lösung liegt: mehr Normalität im täglichen Leben.

Einen ähnlichen Eindruck hatte ich während des Besuchs des brandenburgischen Ministerpräsidenten Stolpe in der Redaktion meiner Zeitung in Posen, ziemlich genau vor einem Jahr. Damals sprachen wir nicht über Freundschaft und Komplexe, sondern über konkrete Probleme: Grenzübergänge, grenzüberschreitende Kooperation, ostdeutsche Zusammenarbeit mit westpolnischen Firmen. Zu einer Diskussion über Stereotype hatten wir damals in Posen weder Zeit noch Lust.