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      TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 38 - 40

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

Andrzej Kotula (Morze i Ziemia, Stettin)

Die deutsch-polnische Grenze in der polnischen Presse

Anknüpfend an das Thema meiner Vorredner möchte ich aus der Veröffentlichung Die Väter des gegenwärtigen Europa zitieren. Es handelt sich um die Unterlagen einer Konferenz, die von der Adenauer-, der Schumann- und der De Gasperi-Stiftung in Warschau organisiert wurde. Dort wird auch das Thema Medien behandelt und wir werden wie folgt beurteilt:

Auch von den Medien wird das stereotype Weltbild reproduziert. In den 1993 durchgeführten Untersuchungen wurde der Inhalt ausgewählter Zeitungen und Periodika zum Thema Polen, Europa und polnisch-europäische Beziehungen analysiert. Folgendes wurde festgestellt: Die polnische Presse

  • mißt der Integrationsproblematik keinen hohen Stellenwert zu,
  • veröffentlicht minimale Sachinformationen,
  • zeichnet ein sehr beunruhigendes Bild von Europa und von Polen in Europa,
  • schafft eine emotional negative Atmosphäre um die europäische Problematik,
  • begreift politische Vermittlung in Kategorien von Intrigen und persönlichen Beziehungen.
Die in der journalistischen Praxis vorhandene Neigung zur Politisierung von Informationen und das niedrige professionelle Niveau finden ihren Niederschlag auch in der Überbewertung von Sensationen auf Kosten von Informationen. Das fördert nicht gerade ein rationales Verständnis der beobachteten Prozesse im Sinne einer Abfolge von Ursache und Wirkung. Es hilft auch nicht, das Wissen über die europäischen Nachbarn zu vermehren und zu überprüfen...

Dieses Urteil bedrückte mich. Ich versuchte, darüber nachzudenken, wie unsere Berichte über das Thema Grenze einzuschätzen sind. Ganz so schlimm ist es vielleicht nicht, obwohl einige der zitierten Urteile auch hier zutreffen.

In den regionalen Zeitungen des Grenzgebietes wird sehr viel über die Grenze geschrieben. Wenn ich mir aber die Struktur dieser Meldungen anschaue, dann erinnere ich mich an den Titel einer Reportage eines deutschen Journalisten, die in der Ziemia Gorzowska nachgedruckt wurde: Oder und Neiße - eine Schmerzensgrenze? Tatsächlich, wenn man die polnischen Tageszeitungen liest, bekommt man den Eindruck, die deutsch-polnische Grenze sei ein einziger Streifen von Gewalt, verstärkter Kriminalität und psychischem Stress. Sie ist abstoßend, spannungsgeladen, bedrohlich.

Das schnelle Tempo des journalistischen Alltags und die Aktualitätsanforderungen einer Tageszeitung führen dazu, daß hauptsächlich über Ereignisse berichtet wird und wenig über den Zusammenhang, in dem sie zu bewerten wären. Das Repertoire an Themen über die Grenze ist ziemlich bescheiden. Das spezifische und für die ganze Presse charakteristische Verständnis von Attraktion und Aktualität spielt dabei natürlich eine große Rolle: Der Sensations-Kriminalitäts-Komplex dominiert; Überfälle auf Polen (zum Glück immer seltener), Schmuggel, Amphetamine, Grenzvorfälle. Das sind die Themen, die auf der ersten Seite stehen.

Wenn einmal ein anderes Thema behandelt wird, geschieht das oft so, daß man daraus nichts lernen kann. Nicht anders war es kürzlich mit der Meldung über eine Konferenz polnischer, deutscher, holländischer und schweizer Politologen zum Thema Politische Bildung in einem demokratischen Staat. Man schrieb zwar über die Konferenz, aber nichts über das Thema. über politische Bildung konnte der Leser, der an der Konferenz nicht teilgenommen hat, nichts erfahren. Ein eigenartiges Beispiel solcher nichtssagenden Meldungen ist auch eine Rubrik mit dem Titel An der Grenze in einer der polnischen Tageszeitungen. In dieser Rubrik wird täglich auf folgende Art und Weise berichtet: ...gestern wurden so und so viele Rumänen, Kroaten, Ukrainer, Polen und Deutsche festgenommen.... Punkt, Ende der Rubrik. Auf diese Weise kann der Zeitungsleser Jahre lang informiert werden und er wird nie etwas über die Grenze erfahren.

Spezielles Interesse finden die an der deutsch-polnischen Grenze liegenden Einkaufsmärkte. Auch sie werden unter dem Stichwort Kriminalität und Affären beschrieben. Man bekommt den Eindruck, daß die Märkte und die von ihnen lebenden Menschen und Gemeinden so etwas wie ein polnisches Dodge City bilden. Die Tatsache, daß sich die Journalisten auf solche Streitereien einlassen und oft als Anhänger der sich einander bekämpfenden Lager auftreten, verbessert diese Situation auch nicht. Sie benutzen die Zeitungen wie Revolver, um den Gegner zu bekämpfen. Dadurch geht das wahre Bild, diese Mischung aus ökonomischen, psychologischen und zivilisatorischen Elementen, das die Grenzeinkaufsmärkte darstellen, verloren.

Ein anderes Beispiel bzw. eine Anekdote, die zwar das deutsche Fernsehen betrifft, die aber auch hervorragend den Mechnismus der Arbeit polnischer Journalisten illustriert: Vor etwa einem halben Jahr besuchte mich ein Journalistenteam eines deutschen Fernsehsenders. Sie wollten ein Programm über die Folgen des neuen Asylgesetzes in Deutschland für die polnische Seite drehen. Den ganzen Tag liefen wir in den grenznahen Wäldern herum. Wir suchten nach Rumänen oder anderen Ausländern aus dem Osten, um die These zu bestätigen, daß die Grenze auf der polnischen Seite voll von ihnen ist und sie nur auf den Augenblick warten, zu fliehen, über die Grenze zu schwimmen, sie zu überqueren. Wir fanden einen. Natürlich filmten wir ihn. Am Tag zuvor hatte diese Gruppe das gleiche auf der deutschen Seite der Grenze versucht, allerdings mit noch weniger Erfolg. Das einzige, was sie in den deutschen Wäldern fanden, war eine Gruppe japanischer Journalisten, die sich dort zu dem gleichen Zweck aufhielten. Kann man daraus Schlußfolgerungen ziehen? Ich denke schon.

Ein weiteres Thema ist die Zusammenarbeit des Grenzschutzes, betrachtet unter verschiedenen Gesichtspunkten, je nach den laufenden Ereignissen. Das neue Asylgesetz in Deutschland und seine Folgen für Polen weckte ein starkes Interesse an der Arbeit des polnischen Grenzschutzes, an seiner Ausstattung und seiner Vorbereitung auf die neue Situation. Wenig wurde über die Einzelheiten des deutsch-polnischen Vertrages zur Regelung der Asylfragen geschrieben, dagegen viel über vermeintliche Folgen. Ein häufiges Motiv bildete in diesem Zusammenhang der Neid des polnischen Grenzschutzes auf die bessere Ausstattung des Bundesgrenzschutzes. Klar, auch wir hätten gern Wärmebildgeräte, Hubschrauber, schnelle Wagen usw. Aber wir haben sie nicht.

Häufiger werden jetzt auch ökologische Themen, die mit der Grenze zusammenhängen, berücksichtigt. Meistens werden sie jedoch erst dann behandelt, wenn ein Konflikt ausbricht. In letzter Zeit wurde viel über den Streit um den geplanten Grenzübergang in Dobieszczyn/Hintersee geschrieben, nördlich von Szczecin, in der Puszcza Wkrzanska (Naturschutzpark). Diejenigen, die Geschäfte machen wollen, sind dafür, diejenigen, die den Wald lieben, dagegen.

Was kommt dabei heraus, wenn über das Grenzthema auf diese Art und Weise geschrieben wird? Zuallererst, daß der polnische Zeitungsleser relativ wenig über seinen nächsten Nachbarn weiß. Z.B. wird viel über das deutsch-polnische Gymnasium in Gartz geschrieben, ein gutes Beispiel für Zusammenarbeit. Nur leider erfährt der polnische Leser nichts über diese Gemeinde, diesen Kreis, die Umgebung und die deutschen Familien, die ihre Kinder auf dieses Gymnasium schicken. Welche Meinungen und Probleme haben sie? Wen wählen sie und warum? Das Thema des deutsch-polnischen Gymnasiums wird losgelöst aus seinem gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Zusammenhang. Liegt das an der Inkompetenz der Journalisten, an Zeitmangel oder an ungenügender technischer Ausrüstung? Sicher auch, aber es lohnt sich, genauer über die Ursachen nachzudenken.

Selbstverständlich stellt sich das Problem in verschiedenen Zeitungen und Massenmedien unterschiedlich dar. Z.B. hängt es davon ab, ob die Redaktion über einen Journalisten verfügt, der seine Aufmerksamkeit auf die deutsch-polnische Problematik konzentriert oder sich darin spezialisiert und ob er dazu Zeit und Lust hat. Darüberhinaus ist es wichtig, ob er bei der Realisierung dieser Themen von seinen Vorgesetzten zumindest nicht behindert wird, von eventueller Hilfeleistung gar nicht zu sprechen. über die deutsch-polnischen Beziehungen schreiben Journalisten aus eigenem Interesse, eigener Leidenschaft. Sie müssen sich selbst darum kümmern, auf dem laufenden zu sein. Entscheidend dabei sind persönliche freundschaftliche Kontakte, denn auf institutioneller Ebene gibt es nur wenige, und erst recht gibt es keine programmatische Informationspolitik. Eine Ausnahme in dieser Hinsicht bildet nur die Märkische Oderzeitung.

Unsere Art der Berichterstattung führt dazu, daß sich die Leser kein eigenes Bild machen und entstehende Probleme bzw. Komplikationen nicht einordnen können. Nach wie vor beobachte ich z.B. eine gewisse Psychose in der polnischen Gesellschaft. Obwohl die Überfälle auf Polen zurückgehen, ist die Angst geblieben. Ostdeutschland sieht man als ein Land der Skinheads, in dem die Leute auf den Straßen überfallen und ausgeraubt werden, in dem neonazistische Schläger nicht verfolgt und bestraft werden, kurz als ein gefährliches und feindliches Land. Und jetzt stellt sich die Frage, ob man die Entstehung dieses Bildes hätte vermeiden können? Die polnische Presse mußte natürlich auf die Überfälle scharf reagieren, besonders angesichts einer ziemlich auffälligen Passivität der Polizei. Aber die heutige Psychose ist ein Nebeneffekt der starken journalistischen Konzentration auf dieses Thema. Immer noch haben viele Polen Angst, nach Deutschland zu fahren.

Welche Schlußfolgerungen ziehen wir aus dieser Situation? Ich denke, wir müssen zunächst gemeinsam über Methoden, Mittel und Institutionen diskutieren, die wir brauchen, um die bereits bestehende Zusammenarbeit polnischer und deutscher Journalisten zu unterstützen und auszubauen.

Übersetzung: Iwona Rydz / Ruth Henning