[Zurück] [www.dpg-brandenburg.de] [www.transodra-online.net]

      TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 52 - 54

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

llza Kowol (Universität Kattowitz)

Umgestaltung des Pressesystems in Polen

Die über Jahrzehnte leicht überschaubare polnische Medienlandschaft - mit einem staatlichen Rundfunk, einer überwiegend parteilichen, bzw. der Partei unterstellten Presse und waltender Zensur - war so lange unerschüttert, wie sich das politische System behaupten konnte. Als es ins Schwanken geriet, begann auch das Mediensystem zu bröckeln. Die Gespräche am "Runden Tisch" der Kommunisten mit der Opposition im Frühjahr 1989 beschleunigten nur noch die sich anbahnenden Systemveränderungen. Damals wurden nicht nur die ersten quasi freien Wahlen beschlossen, sondern es wurde auch die Gründung der ersten freien Tageszeitung Gazeta Wyborcza ausgehandelt. Diese "Schwalbe" machte wahrhaft einen Sommer in der polnischen Medienlandschaft und sie fliegt bis heute hoch am Firmament und ist nicht zu überholen oder auch nur einzuholen.

Im Herbst des gleichen Jahres kündigte der erste nicht-kommunistische Premierminister Tadeusz Mazowiecki seine Philosophie des "dicken Strichs" an, des Strichs unter der bisherigen Entwicklung und einen Neubeginn. Das ist insofern erwähnenswert, als in der Folgezeit der "dicke Strich" immer wieder verantwortlich gemacht wurde für alle negativen Erscheinungen, deren der polnische Journalismus beschuldigt wird.

Das Jahr 1990 brachte weitere Fortschritte auf dem Weg zur Wiederherstellung freier Medien: Das Parlament hob die Zensur auf und beschloß, den Pressekonzern "RSW" abzuwickeln. Es wurde die sog. "Liquidationskommission" - ein polnisches Pendant der deutschen "Treuhand" - zur Durchführung des Transformationsprozesses der Printmedien ins Leben gerufen. Die Kommission sollte u.a. dafür Sorge tragen, daß das Auslandskapital, gemeint war damit vor allem das deutsche, nicht allzu großen Einfluß auf die Presse in Polen gewinnt. (1) Die Strategie der Liquidationskommission wurde von allen Seiten herber Kritik unterzogen, aber sie hat es geschafft, bereits 1991 ihre Arbeit abzuschließen. Etwa 70 Tages- und Wochenzeitungen wurden an journalistische Genossenschaften übergeben und etwa 80 Titel - darunter fast alle Parteizeitungen - verkauft.

Als große Gewinner aus dem Liquidationsprozeß des Parteipressekonzerns gingen "Solidarnosc" und der französische Verleger Robert Hersant hervor. Im Gefolge der Auflösung des Konzerns erwarb Hersant Anteile an acht Tageszeitungen. Damit dominiert er die Lokal- und Regionalpresse in den großen Agglomerationen Kattowitz, Krakau, Danzig und Lodz. Außer der Tatsache der Koexistenz verschiedener Eigentumsformen, der genossenschaftlichen und der privaten, gibt es auch eine inhaltliche Vielfalt in der Presse. Neben Zeitungen, die sich als unabhängig und überparteilich erklären, gibt es Titel, die der Demokratischen Union, den linken Parteien oder der katholischen Kirche nahestehen.

Seit der Aufhebung der Zensur und der Ermöglichung von Zeitungsneugründungen wurden in Polen 7.000 neue Titel registriert, von denen jedoch viele nie am Kiosk erschienen oder längst wieder vom Pressemarkt verschwunden sind. Die Lage auf dem polnischen Pressemarkt ist gekennzeichnet durch eine hohe Instabilität, und niemand weiß ganz genau, wie groß das Angebot auf dem Markt tatsächlich ist. In diesem Frühjahr gab es 21 überregionale und 57 regionale und lokale Tageszeitungen, ferner etwa 300 überregionale und lokale Wochenzeitungen und eine Menge Anzeigen- und Amtsblätter - ein Novum auf dem polnischen Pressemarkt.

Wegen der strengen Geheimhaltung ist es heute sehr schwer, die Auflagenhöhe oder gar die Höhe der verkauften Auflage der einzelnen Tageszeitungen zu erfahren. Es werden unterschiedliche Zahlen genannt, in der Regel höhere als die tatsächlichen. Die Werbeagenturen besorgen sich die wahren Daten auf eigene Faust. Meistens werden die Auflagen der Wochenendausgaben angegeben, weil sie bedeutend höher liegen. Auf dem polnischen Pressemarkt nehmen die alten, heute privatisierten Parteiblätter weiterhin einen festen Platz ein, während die Neugründungen, mit wenigen Ausnahmen, um das überleben kämpfen. Den gnadenlosen Kampf um Marktanteile hielten viele Tageszeitungen nicht aus. (2)

Die Auflagenhöhe der mit Abstand größten Tageszeitungen beträgt: Gazeta Wyborcza, Warschau: 590.000 werktags / 800.000 am Wochenende; Trybuna Slaska, Kattowitz: 155.000/750.000; Dziennik Zachodni, Kattowitz: 110.000/600.000. Die Gazeta Wyborcza, gegründet im Frühjahr 1989, eine überregionale Tageszeitung mit etwa 20 Regional- und Lokalausgaben, ist allen anderen weit voraus. Sie ist aus der Untergrundpresse hervorgegangen und wird von der Aktiengesellschaft "Agora" herausgegeben. Ihr Chefredakteur ist der bekannte frühere Oppositionelle und Bürgerrechtskämpfer Adam Michnik. Gazeta Wyborcza ist eine moderne, leider nicht immer zuverlässige Tageszeitung mit mehreren Beilagen und einem farbigen Magazin. Ihre Wochenendausgabe hat einen stark intellektuellen Charakter. Einmal als Solidarnosc-Zeitung gegründet, steht sie heute der Demokratischen Union von Tadeusz Mazowiecki nahe.

Die beiden folgenden Titel, die regionalen Tageszeitungen Trybuna Slaska und Dziennik Zachodni, erscheinen im oberschlesischen Kattowitz und haben die gute Kondition, in der sie immer waren, über die Wende hinaus beibehalten. Trybuna Slaska stand zunächst dem Liberal-Demokratischen Kongreß nahe. An Dziennik Zachodni, einer Solidarnosc-Zeitung, ist Hersant beteiligt.

Die überregionale Tageszeitung Rzeczpospolita nimmt in der polnischen Presselandschaft eine Sonderstellung ein. Gegründet im Jahre 1982 als Regierungszeitung, ist sie heute unabhängig und überparteilich. 49 Prozent der Anteile des polnischen Qualitätsblattes gehören Hersant. Rzeczpospolita vertreibt 70 Prozent seiner Auflage (230.000) im Abonnement - für Polen, wo die Tagespresse in der Regel am Kiosk gekauft wird, etwas äußerst Ungewöhnliches.

Auch nach der vollzogenen Umgestaltung herrscht auf dem Pressemarkt große Bewegung. Es werden weiterhin neue Zeitungen und Zeitschriften gegründet, die aber meistens von kurzer Lebensdauer sind. Auch die Anteilseigner ändern sich laufend. In Kattowitz hat Hersant heute nicht nur Anteile am Dziennik Zachodni, sondern auch an der Trybuna Slaska. Er ist außerdem beteiligt an je zwei Tageszeitungen in Danzig und Lodz. Das sind bereits deutliche Anzeichen einer Pressekonzentration und in weiterer Perspektive einer Medienverflechtung, da manche der Verlage sich um Rundfunklizenzen bemühen.

Die dritte Kattowitzer Tageszeitung, Dziennik Slaski, eine Neugründung, erscheint in einer Auflage von 6.000 Exemplaren, ist also keine nennenswerte Konkurrenz für die beiden ersten. Neben der überregionalen Gazeta Wyborcza mit ihrer Kattowitzer Beilage etabliert sich jetzt auch eine 6-Personen-Redaktion des Warschauer Super Express.

In Journalistenkreisen munkelt man, Hersant wolle alle seine Anteile an der polnischen Presse verkaufen. Deshalb wecke der ohnehin stark umworbene und lukrative oberschlesische Pressemarkt erneut großes Interesse. Ein anderer großer Verlag, Fibak Noma Press, verkaufte zwar seine Anteile am Kattowitzer Dziennik Slaski, erwarb dafür aber Anteile am Warschauer Express Wieczorny, der sich ebenfalls in Kattowitz zu etablieren versucht.

Einige Worte zur Entwicklung und Struktur der polnischen Presse. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Polen in 17 Wojewodschaften eingeteilt. Die neugeschaffene Pressestruktur entsprach etwa der Verwaltungsstruktur, d.h. die Hauptstädte der Wojewodschaften waren zugleich Medienstandorte dieser Gebiete. Ende der 50er Jahre entstand ein Klima für kleinere regionale und lokale Blätter, die außerhalb der Wojewodschaftshauptstädte erscheinen konnten. Diese Städte bilden bis heute den Kern der Pressestruktur in Polen, die sich weder nach der Verwaltungsreform in den 70er Jahren noch nach 1989 wesentlich geändert hat. Das trifft auch auf das Gebiet Westpolens entlang der Oder zu, wo es früher drei Wojewodschaften gab: Stettin, Grünberg und Breslau. Die Verwaltungsreform der 70er Jahre machte daraus vier Wojewodschaften: Stettin, Landsberg, Grünberg, Hirschberg. In diesen Städten erscheinen auch die größten Tages- und Wochenzeitungen des Gebietes.

Auf der rechten Oder-Neiße-Seite gibt es nicht so viele Zeitungen wie in Warschau oder im dichtbesiedelten Oberschlesien. ähnlich wie in den anderen Regionen Polens behaupteten sich hier im allgemeinen die alteingesessenen ehemaligen Parteizeitungen. Für Stettin und die Wojewodschaft ist das die Tageszeitung Glos Szczecinski. Das im Jahre 1947 gegründete Tageblatt wurde 1991 von einer Journalistengenossenschaft übernommen und erscheint heute in einer Auflage von 70.000 Exemplaren. In der Wojewodschaft Landsberg erscheint weiterhin die ehemalige PVAP-Wochenzeitung Ziemia Gorzowska, gegründet 1960; sie wurde 1991 ebenfalls einer Genossenschaft übergeben und hat eine Auflage von 40.000 Exemplaren.

In Grünberg erscheint die Gazeta Lubuska (mit 6 Ausgaben und 90.000 Exemplaren), die auch in den Wojewodschaften Landsberg und Hirschberg vertrieben wird. Die seit 1952 erscheinende Tageszeitung wurde von der Liquidationskommission 1991 an die Gesellschaft Lubpress verkauft, an der auch die Journalistengenossenschaft einen Anteil hat. An der Grenze zu Sachsen und Tschechien, in der Wojewodschaft Hirschberg, erscheint die Wochenzeitung Nowiny Jeleniogorskie. Sie existiert seit 1958 und wurde 1991 einer Journalistengenossenschaft übergeben. Heute erreicht sie eine Auflage von 30.000 Exemplaren.

Es kamen in den letzten Jahren auch neue Zeitungen auf den Markt: Dziennik Szczecinski, seit 1992 mit 30.000 Exemplaren; Gazeta Nowa in Grünberg, seit 1990, Auflage 40.000, inzwischen wieder eingegangen.

Neben diesen Tages- und Wochenzeitungen gibt es noch kleine Blätter mit Lokalberichterstattung, Werbung und Kleinanzeigen. Das ist etwas Neues und dient ohne Zweifel der Demokratisierung unseres gesellschaftlichen Lebens. Die Kommunikationswissenschaftler der Universität Kattowitz führen diesen Trend in der Presseentwicklung auf die Demokratisierung des Alltags in den lokalen Gemeinschaften zurück. In letzter Zeit beobachteten sie sogar einen leichten Wechsel der Leser von den großen Tageszeitungen zu den kleineren lokalen Blättern, ein Trend, der ihrer Meinung nach zunimmt, je besser die lokale Selbstverwaltung funktioniert und je stabiler die lokalen Blätter werden. Viele lokale Zeitungen entwickelten sich von ursprünglich monatlichen Ausgaben zu 14tägigen oder sogar Wochenausgaben. Vielleicht hat die Zuwendung zu den lokalen Blättern ja auch etwas mit der Politikverdrossenheit zu tun, bestimmt aber mit dem Anwachsen lokaler Aktivitäten.

Ein anderes Element des Demokratisierungsprozesses in der polnischen Medienlandschaft ist das Entstehen einer Presse der nationalen Minderheiten. Soweit die nationalen Minderheiten vorher zugelassen waren, verfügten sie auch über eine eigene Presse, die jedoch von staatlichen Stellen kontrolliert wurde. Heute gibt es Zeitschriften der deutschen und der ukrainischen Minderheit sowie der in Polen lebenden Juden.

Zur Verbreitung: Jeder fünfte Zeitungsleser in Polen liest Gazeta Wyborcza, jeder fünfte Pole liest überhaupt keine Tageszeitung und viele lesen nur die Wochenendausgabe, hauptsächlich wegen des Fernsehprogramms. Laut Schätzungen erscheinen in Polen ca. fünf Millionen Exemplare von Tageszeitungen bei ca. 12 Millionen 200.000 Haushalten. Nur etwa jeder dritte kauft eine Tageszeitung. Nach der Wende und der Transformation des polnischen Pressesystems nahm zwar die Zahl der Nichtleser ab, aber die der Ab-und-Zu-Leser stieg an. (3)

(1) Andrzej Grajewski: Bitwa o prase, in: Wiez, Heft 11, 1992, S. 43-60
Zurück zum Text

(2) Vgl. Marian Gierula, Marek Jachimowski: Manipulacja z reklama, in: Rzeczpospolita, Nr.77, 1993; Marian Gierula, Marek Jachimowski: Katalog Prasy-Radia-Telewizji '93, Katowice 1993; Estimator: Polacy a Media, Warszawa 1992
Zurück zum Text

(3) Vgl. Pawel Reszka, Renata Wrobel: Tajemniczy rynek prasowy, in: Reczpospolita, Nr. 26, 1993; Alina Slomkowska (Hrsg.): Transformacja Prasy Polskiej 1989 - 1992, Warszawa 1992; Alina Slomkowska (Hrsg.): Kontrowersje wokol transformacji prasy polskiej 1989 - 1992, Warszawa 1993