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      TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 34 - 35

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

Jacek Kubiak (Poznan)

Kommentar zum Vortrag

Ich stimme mit Helga Hirsch vollkommen darin überein, daß es ein gewisses Defizit in der Deutschlandberichterstattung der polnischen Medien gibt. Sie ist oft lückenhaft oder oberflächlich. Viele Entwicklungen in der ehemaligen DDR, die für Polen eigentlich von Interesse sein sollten - ich meine z.B. den Streit um die Stasi-Akten, die Arbeitslosigkeit oder den Verlauf der Privatisierung -, finden kaum einen Niederschlag in den polnischen Medien. Das gilt auch für eine so große, einflußreiche und intellektuell sensible Zeitung wie die Gazeta Wyborcza.

Ich glaube, Helga hat auch recht, wenn sie weit in die 70er Jahre zurückgreift, wenn sie noch einmal die damalige Position der demokratischen Opposition bewußtmacht. Dadurch wird vielleicht die heutige gewisse Ratlosigkeit der aus der Oppositionszeit stammenden Eliten gegenüber Deutschland verständlicher.

Andererseits teile ich aber nicht Helgas eindeutig positive Einschätzung der Deutschland-Reflexionen der polnischen Opposition. Heute müssen wir nicht mehr die von der Opposition in polemischem Eifer aufgestellte These vorbehaltlos wiederholen, die offizielle Stellung des Staates oder der Medien zu Deutschland in der KP-Zeit, unter anderem das Festhalten an der Zweistaatlichkeit oder das überbetonen von revanchistischen Elementen in der BRD, sei ausschließlich von propagandistischen Zwecken bestimmt gewesen, um die Bürger des realsozialistischen Staates mit dem Schreckgespenst Deutschland in Schach zu halten.

Dadurch wird der bereits in den 70er Jahren erkennbare und in den 80ern erst recht deutliche Unterschied zwischen dem Zolnierz Wolnosci, einer echten Reptilienzeitung, und der Polityka, die differenziertes und ausgewogenes Material über Deutschland veröffentlichte, verkannt. Oder anders gesagt: Es sollte auch einmal die Frage behandelt werden, inwieweit die offiziellen deutschlandpolitischen Positionen (etwa im Stile eines M.F. Rakowski oder der offiziellen Deutschlandexperten) zu der Verständigung zwischen Polen und Deutschland bzw. zu einem besseren Verständnis der polnischen Öffentlichkeit für Deutschland beigetragen haben. Nebenbei bemerkt war es General Jaruzelski - daran erinnert sich heute niemand mehr -, der bereits 1985 in einer offiziellen Ansprache Worte des Mitleids für die deutschen Vertriebenen fand.

Die polnische Opposition konzentrierte sich darauf, in verschiedenen Schattierungen ihr für die Deutschen damals bestürzendes Engagement für die Wiedervereinigung auszusprechen. Polen sollte im Namen des gemeinsamen deutsch-polnischen Interesses an der überwindung der Jalta-Ordnung und im Namen moralischer Werte und geschichtlicher Gerechtigkeit - der eigenen Teilungszeit gedenkend - die Wiedervereinigung Deutschlands unterstützen. Aus heutiger Sicht war dies nur eine emotional-moralische Haltung, der es an politischer Substanz fehlte.

Die meisten polnischen Intellektuellen kennen sich seit Generationen in den deutschen Angelegenheiten sehr wenig aus und das gilt ganz besonders für die Warschauer Intellektuellenkreise, die in der Opposition tonangebend waren und es heute in der Öffentlichkeit sind. Polen ist auch in dieser Hinsicht ein durchaus zentralistisches Land; was in den Warschauer Salons gesagt oder verschwiegen wird, wiederholt sich in der Provinz. Die intellektuelle Schicht Polens orientierte sich immer vorwiegend auf England, Frankreich oder Rußland, selten auf Deutschland. Daher verstand man nicht, daß das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Zweistaatlichkeit nicht unbedingt mit dem der Polen zu ihren Teilungen im 19. Jahrhundert vergleichbar war, bzw. daß es unfruchtbar sein mußte, in einem Diskurs mit der liberalen deutschen Öffentlichkeit an die konventionelle nationale Identität zu appellieren.

Diese mangelnden Deutschland-Kenntnisse waren eine Ursache für die Verbitterung und Enttäuschung der Opposition, als diese feststellen mußte, daß ihre germanophile Einstellung, ihre ausgestreckte Hand, kein positives Echo unter deutschen Politikern und Intellektuellen fand. Die Haltung vieler Oppositioneller, die in den 80er Jahren noch zusätzlich durch die Zurückhaltung der Bonner Politiker gegenüber der Verhängung des Kriegsrechts und der Unterdrückung von Solidarnosc aufgebracht waren, schlug dann ins Gegenteil um, die Bundesrepublik erschien nicht mehr als potentieller Verbündeter des polnischen Freiheitskampfes, sondern als Komplize der Jalta-Ordnung.

Die demokratischen Eliten Polens, sowohl Politiker als auch Journalisten, sind oft nicht imstande, ein differenziertes, emotional neutrales, auf unmittelbarer Deutschlanderfahrung beruhendes Deutschlandbild zu entwickeln.

Das gilt auch für die breitere Öffentlichkeit in Polen. In einer landesweiten Umfrage von 1990 wurde gefragt, ob die Versöhnung zwischen den Deutschen und den Polen überhaupt möglich sei. 52 Prozent der Polen hielten es für möglich, 46 Prozent für unmöglich. Ein vollkommen anderes Bild ergaben vergleichbare Umfragen des West-Instituts in Posen, einer Stadt also, wo die Erinnerung an das jahrhundertelange Zusammenleben der beiden Nationen noch wach ist und die Deutschen auch heute stärker präsent sind als in den Zentral- oder Ostgebieten. 35 Prozent - wesentlich weniger als in der landesweiten Umfrage - hielten die Versöhnung für möglich, 45 Prozent für möglich, zugleich aber sehr schwierig und 8 Prozent für unmöglich. In Posen hegt man also weniger optimistische, dafür aber differenziertere und deshalb vielleicht auch realistischere Vorstellungen von der Zukunft des deutsch-polnischen Verhältnisses.

Noch ein anderes Beispiel aus den von dem West-Institut durchgeführten Umfragen: in der Grenzstadt Slubice hat man eine Schulklasse gefragt, in welchem Land die Schüler wohnen möchten, wenn sie die freie Wahl hätten. Keiner von den 40 Schülern nannte Deutschland, während in den landesweiten Umfragen die Bundesrepublik an dritter Stelle, hinter den USA und Frankreich, genannt wurde. Ist es vielleicht so, daß nähere Kontakte und genauere Kenntnisse von dem Nachbarn desillusionierend wirken?

Auch wenn das Deutschlandbild der Polen - u.a. durch unsere journalistische Arbeit - ausgewogener und differenzierter wird, wenn wir einander besser kennenlernen, wird das nicht unbedingt bedeuten, daß wir einander mehr mögen, daß zwischen uns ein emotional positives Verhältnis entsteht, das von moralischen Werten und idealistischen Vorstellungen einer Interessengemeinschaft geprägt ist, wie es einst die demokratische Opposition anstrebte.Und das ist vielleicht auch besser so. Man kann sich viele Enttäuschungen und Desillusionierungen ersparen.