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      TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 7 - 14

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

Dr. Albrecht Lempp (Deutsches Polen Institut, Darmstadt)

Über das Wirken und das Überwinden gegenseitiger Stereotype im deutsch-polnischen Verhältnis

Ich weiß bis heute nicht genau, warum Stereotypen seit einiger Zeit einen so schlechten Ruf haben. Ursprünglich war das ja nur eine technische Bezeichnung aus dem Buchdruck und wurde dann für feststehende, sich wiederholende, sozusagen auf Abruf bereitstehende, schon vorher bekannte Urteile verwendet. So weit so gut. Immer häufiger, und der Duden tut es auch, steht nicht mehr die Wiederholbarkeit und Vorhersagbarkeit im Vordergrund, sondern heißt es gleich: Stereotypen sind eingebürgerte Vorurteile.

Seit den Stereotypen der Ruch des Negativen anhängt, sind sie zu einem Problem geworden, das uns nun beschäftigt. Das war nicht immer so: Mangel an innerer Sicherheit und Ausgewogenheit sind Kennzeichen des polnischen Charakters geworden heißt es frisch von der Leber weg bei Harald Laeuen (S.13) in seinem 1955 erschienenen Buch Polnische Tragödie. Und das ist gar nicht böse gemeint. Der Autor hat großes Verständnis für die Schwierigkeit Polens, sich in seiner Lage zwischen dem Osten und dem Westen zurechtzufinden:
Die Geschichtsbetrachtung erzog den Polen zum Romantiker. Und wenn die Romantik keine Realität werden wollte, so erfüllte sich der Romantiker mit der Sehnsucht nach Macht. - schreibt Laeuen. (S.12).

Die Leichtigkeit, mit der hier pauschale Urteile über den polnischen Volkscharakter formuliert werden, ist fast erfrischend. Stereotypen im Sinne verfestigter Urteile sind das allemal; ob es auch verfestigte Vorurteile sind, ist eine andere Frage.

Keinen Zwang tut sich auch der Däne Georg Brandes an, der 1885 und 1886 nach Warschau reiste. In seinem schlicht Polen betitelten Buch heißt es zum Beispiel: So erhielt man sofort von der Grenze an das Gefühl, daß man sich von jetzt an außerhalb des Bereichs der eigentlichen europäischen Civilisation befand. (S. 8) Gemeint ist natürlich die Grenze zwischen österreichisch-Polen und Russisch-Polen - wir befinden uns in der Teilungszeit.

Brandes ist ein kritischer Beobachter, der den damals bestehenden Stereotypen seine Eindrücke gegenüberstellen will. So heißt es weiter: In älteren Schilderungen der Polen heißt es auch gerne, daß man auf ihre Ritterlichkeit und persönliche Tapferkeit unter allen Umständen rechnen könne, aber daß etwas Eitelkeit in ihrer Großmut, etwas Flüchtigkeit in ihrem Edelmut liege, daß sie eigensinnig, streitlustig und zanksüchtig seien, nicht imstande irgend ein höheres Gesetz als ihren eigenen Willen anzuerkennen, und nicht fähig, diesen Willen lange zu konzentrieren. Man betont gern, daß sie schlechte Haushälter sind, allzuleicht in Geldverlegenheit geraten, so große Einkünfte sie auch haben mögen. Daß sie tausend Bücher durchblättern und kein Buch studieren, sich allzu stark zersplittern und ihre Zeit und Anlagen vergeuden. Man hat sie beschuldigt, daß sie gleichzeitig für freie Ideen schwärmen und bei ihren Bauern die Selbstherrscher spielen, gleichzeitig zärtliche Ehemänner sind und neben ihrer angebeteten Frau noch einige Geliebten haben. Man hat, kurz gesagt, ein Gemisch von westländischen und morgenländischen Eigenschaften bei ihnen gefunden. Wahrscheinlich ist in dieser älteren Auffassung viel richtiges und wahres gewesen. Es ist nun interessant zu verfolgen, welche dieser Charaktereigenschaften die Fremdherrschaft entwickelt und welche sie verwischt hat. (S. 36)

Seine eigenen Beobachtungen zusammenfassend stellt der Autor nun fest: Der aristokratische Grundzug besteht noch, aber er ist sehr modifiziert. Der Pole hat keinen angeborenen Hang zu bürgerlichen Tugenden; sein Ideal ist und bleibt das eines grand seigneur. Der Abscheu, zu zählen und sparen, rechnen, berechnen und Rechenschaft ablegen ist durchgehend. (S. 38)

Und weiter: Viel haushälterischer als früher ist der Pole unter der Fremdherrschaft kaum geworden, es müßte denn in Posen sein, wo das deutsche Vorbild sich geltend gemacht hat. (S. 40) Die Gastfreiheit ist eine tiefliegende Eigenschaft bei dem polnischen Volke; sie ist sicher seit der Zeit erhöht, wo selten Fremde nach Polen kommen, aber die Hauptursache ihrer heutigen vollen Blüte unter den Eingeborenen ist augenscheinlich, daß das gesellschaftliche Zusammenleben so vollständig das öffentliche Leben ersetzen muß. (S. 41)

Sind diese akribisch gesammelten Belege für den polnischen Charakter nun alle überholt und gehören sie auf den Misthaufen der Vorurteile seit wir eine Stereotypenforschung haben? Mitnichten, würde ich sagen. Ob Urteil oder Vorurteil: Wir reagieren immer auf den beobachteten Einzelfall, vergleichen ihn mit dem, was wir gehört oder gelernt haben, legen unsere Vorstellung von der Welt als Maßstab darüber und erheben das Gesehene auf dieser Schablone zum Normfall. Was herauskommt, kann stimmen oder auch nicht, in jedem Falle ist unsere Welt wieder in Ordnung, weil wir das Fremde in Relation zum Vertrauten gesetzt haben.

Ich bin kein Stereotypologe. Im Gegenteil, ein Buch, in dem versucht wurde, den Unterschied zwischen Stereotypen, Bildern, Vorurteilen usw. zu erklären, hat mich durch seine Unklarheit so erschreckt, daß ich es nie zu Ende gelesen habe. Und das scheint vielen von uns so zu gehen: Auf einer Konferenz kürzlich in Krakau, mit internationaler Besetzung und klugen, angesehenen Köpfen, ging es drunter und drüber was den Gebrauch des Wortes Stereotypen angeht. Am schönsten waren die Anekdoten aus der Beziehungsgeschichte verschiedener Völker, die da zum besten gegeben wurden und sich wie Puzzleteile zu einem Ganzen fügten, das jedem irgendwie angenehm vertraut vorkam.

Häufig wird Stereotyp ja einfach das genannt, was als Beobachtung verallgemeinert wird, weil man zwar weiß, daß es nicht auf alle zutrifft, aber annimmt, daß es für eine Mehrheit charakteristisch ist.

Auf der anderen Seite stehen die Statistiker. Auch die kommen auf Konferenzen und werfen statt mit Anekdoten mit Prozentzahlen um sich, die sich zu Kurven fügen. Heraus kommen dann so Ungebilde wie das Eindrittel-Kind, das jede deutsche Familie im statistischen Falle hat. Ich weiß nicht, ob die Zahl hier stimmt, und bitte sie mir als Beispiel durchgehen zu lassen.

Der Durchschnittsmensch, wenn er von dem Polen oder dem Deutschen spricht, verhält sich wie der Statistiker - nur weniger wissenschaftlich. Bis auf die extremen Fälle, wo ein kannibalischer Familienvater gerade das letzte Drittel seines zweiten Kindes auf dem Teller liegen hat, trifft das Statistiker-Urteil außerhalb des statistischen Rahmens auf kein Individuum zu. So ähnlich ist es wohl auch mit unseren Bildern von anderen Völkern: Irgendwo ist immer etwas dran, nur meist ist das Bezugssystem schief.

Ganz egal, ob wir von Stereotypen oder Vorurteilen sprechen oder sie gar zum aggressiven Popanz erheben und Feindbilder nennen, im Grunde genommen handelt es sich in der Verkürzung, Verallgemeinerung und Vergröberung offensichtlich einfach um Falschbilder. Und Falschbilder sind so etwas wie Falschgeld.

Solange die gefälschte Banknote nur genußvoll in den eigenen vier Wänder bewundert und befingert wird, tut sie niemandem weh, erst wenn sie in den Geldumlauf einfließt, als echt ausgegeben wird, richtet sie Schaden an.

Wenn ein New Yorker sagt, die Europäer sind arme Schlucker, dann hat er, aus der Entfernung gesehen genauso recht, wie wenn ein Berliner sagt, die Amerikaner sind naiv. Mit dem nötigen Abstand verschwimmt jedes Land, jede Kultur zu einem Strich am Horizont. Da gibt es keine Rillen und Riefen, keine Unterschiede in der Oberflächenstruktur, es ist ein gerader Strich und mehr läßt sich darüber nicht sagen. Erst die Nähe macht eine Differenzierung möglich.

Häufig sind Falschbilder deshalb gar nicht so schlimm, weil sie niemandem wirklich weh tun. Wenn ich von Völkern in fernen Ländern nur eine vage Ahnung habe, bediene ich mich, so ich über sie spreche, in jedem Falle stereotypischer Vereinfachungen. Von alters her waren die Bewohner jenseits der Grenze die Barbaren, die Un-Menschen, die Stummen oder was weiß ich. Schlecht ist nur, daß wir uns noch heute mit dem Telefon in der Hand und der Satellitenantenne auf dem Dach so verhalten, als wäre der nächste Nachbar Welten von uns entfernt.

Das deutsch-polnische Verhältnis ist deshalb häufig so irritierend, weil hier Menschen Wand an Wand wohnen und sich doch kaum wahrnehmen. Wir behandeln Polen häufig wie den Strich am Horizont. Das zeugt von Arroganz und Dummheit. Schlimmer noch: oft nehmen wir nicht einmal den Strich wahr. Und aus diesem Grunde wäre es mir manchmal lieber, es gäbe mehr und nicht weniger Stereotypen über Polen. Sind Stereotypen doch immerhin Ausdruck einer ersten Wahrnehmung.

Es soll mir jetzt niemand mit polnischer Wirtschaft kommen: Schon für meine Generation und für die jüngeren noch viel mehr ist das kein Schlagwort mehr, und wenn, dann wird es losgelöst von Polen gebraucht, so wie ich beim Schneidersitz längst nicht mehr ans arme Schneiderlein denke.

Auch Slogans aus der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte vom Typ Drang nach Osten oder stereotypisch behandelte Ereignisse wie das Hambacher Fest geben wenig her, um die heutige deutsche Einstellung oder gar die deutsche Wahrnehmungslücke gegenüber Polen zu erklären. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß der Versuch, deutsch-polnische Einstellungen über die ältere Geschichte zu erklären, wenig überzeugend ist. Vor allem dann, wenn wir von Deutschen reden, die nach dem Krieg geboren wurden und für die Polen in der Familiengeschichte keinen persönlichen Bezug hat. Wie dem auch sei: Zu recht wird doch kritisiert, daß Polen und die Neuzeit im Schulunterricht kaum oder überhaupt nicht behandelt werden. Das galt zu meiner Zeit und, wie mir gesagt wurde, gilt noch heute - zumindest in den Ländern Westdeutschlands.

Also lassen wir die schönen, alten Geschichten, bevor ich mich darin benehme wie der Elefant im Porzellanladen. Auch dieses Bild ist, notabene, ein gutes Stück Stereotypie, das wie die meisten Falschbilder, wie unsere ganze Falschmünzerei wenig über Elefanten, aber viel über uns selbst aussagt. Denn ich bin es, der sich nicht vorstellen kann, daß ein dickes Tier elegant an Meissner Porzellan vorbeilavieren kann.

Erst wenn ich mich in die Lage des Anderen hineindenken kann, bin ich in der Lage, auch mich selbst zu erkennen. Das ist kein Liebesdienst am Nächsten, sondern entspricht dem Grundprinzip europäischer Vielfalt. Bei Jean-Marie Domenachs Europa: Eine Herausforderung für die Kultur heißt es deshalb gleich zu Beginn: Erst muß man die andere Kultur kennenlernen, ihre Weltsicht in sich aufnehmen und auf sich selbst mit ganz neuen Augen schauen: Das ist die Propädeutik Europas. (S. 5)

Erst diese Sicht schafft die nötige Toleranz und das notwendige Verständnis dafür, daß für Polen wie selbstverständlich Jan Sobieski der Retter Europas vor den Türken ist, während dieser Verdienst hierzulande viel eher dem edlen Prinzen Eugen zugeschrieben wird. . .

Wenn polnische Zeitungen in langerworbener Tradition und familiärem Geist in einem Artikel über die Verdienste der polnischen Fluggesellschaft LOT dauernd von nasz LOT, unsere LOT, sprechen, dann mag das ein Beispiel für polnischen Nationalstolz und polnisches Wir-Gefühl sein, ob es ein Stereotyp ist, ein Falschbild, wäre zu prüfen.

Vielleicht sind Wir-Gefühl und Nationalstolz in Polen tatsächlich stärker und in jedem Falle anders ausgeprägt als unter den Deutschen. Die Frage ist, ob in beiden Fällen die gleiche Meßlatte verwendet werden darf: Im Kommentar zu den Ergebnissen der Emnid-Pentor-Umfrage über das deutsch-polnische Verhältnis, die in Auszügen 1991 vom Spiegel abgedruckt und kommentiert wurde, heißt es zum Beispiel: Sehr stolz darauf, ein Pole zu sein, ist mehr als die Hälfte der dortigen Bevölkerung. Sehr stolz, Deutsche zu sein, sind nicht mal halb so viele Bundesbürger.

Was dem Leser suggeriert werden soll, ist dies: Die Polen waren und sind stolze Nationalisten. Sieht man sich die Umfrageergebnisse genauer an, so zeigt sich, daß immerhin 67 Prozent der Westdeutschen und 66 Prozent der Ostdeutschen 1991 stolz (nämlich sehr stolz und ziemlich stolz) waren, Deutsche zu sein. Nach demselben Maßstab waren 88 Prozent der Polen stolz, Pole zu sein. Das ist tatsächlich deutlich mehr als bei den Deutschen, doch von nicht mal halb so viele kann keine Rede mehr sein. Die Tendenz stimmt, aber in der Pointierung liegt der Fehler, und dieser Fehler hat Methode: Wo möglich soll sich das bestätigen, was man sowieso für wahr hält.

Macht man sich dann noch die Mühe, ein bißchen in der Geschichte zu bohren und zu fragen, was bedeutet Nationalstolz für einen Polen, dessen Nation sich über Jahrhunderte qua Literatur, Sprache, Kirche und Oppositionsgefühl gegenüber ungeliebten Fremdherrschern und als fremd empfundenen Systemen manifestiert hat, und was bedeutet dagegen Nationalstolz für Deutsche, die, kaum daß sie Zeit hatten, sich klar zu werden, was es heißt, einer deutschen Nation anzugehören, sich und andere stolz in zwei Weltkriege stürzten, die, kaum daß ihnen gesagt werden konnte, sie hätten das mit dem Nationalstolz übertrieben, zerteilt wurden und wenig Chancen hatten, ein nationales Wir-Gefühl zu entwickeln, macht man sich also diese Mühe, dann zeigt sich schnell, daß hier Birnen mit äpfeln in einen Korb geworfen werden. Was daraus gepreßt wird, mag trinkbar sein, doch eine Aussage darüber, in welchem Volk die Nationalisten steifer aufgerichtet (so die ursprüngliche Bedeutung von stolz) sind, ist es nicht.

Auf die Frage, wer stolzer und nationaler ist, kommt es eben eigentlich nicht an. Worauf es ankommt ist, daß wir verstehen und akzeptieren, daß es verschiedene Traditionen sind, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Und keine dieser Traditionen ist automatisch höherwertiger, besser oder edler als die andere.

Wlodzimierz Borodziej umriß das Problem in einem Vortrag in Mainz kürzlich so: Wir brauchen nicht näher auf die Frage einzugehen, wie schief (die) Bilder sind; viel interessanter sind sie als Beleg für die These, daß beide Nationen ihre eigene und die beziehungsgeschichtliche Vergangenheit nicht bewältigt haben - denn einen anderen Grund für die Beharrungskraft dieser Häufung von Lügen und Halbwahrheiten kann man sich wahrlich schwer vorstellen. (S. 72) Borodziej spricht hier nun nicht etwa über schiefe Bilder, wie sie zwischen Deutschen und Polen vorkommen, und das mag uns angesichts seines harten Urteils sogar beruhigen. Er spricht von polnisch-jüdischen Stereotypen. Doch die Feststellung paßt für die polnisch-deutschen Falschbilder gleichermaßen. Genauso wie ein anderer Satz Borodziejs über das polnisch-jüdische Verhältnis auch für das polnisch-deutsche gilt: Das Erbe scheint sehr schwer zu wiegen - ein Erbe von fast tausend Jahren Nachbarschaft, das sich im Blick der heutigen Nachwelt auf knapp hundert Jahre Mißgunst, Feindschaft und Haß verkürzt. (S. 71)

Den ganzen Kontext zu sehen, damit tut man sich häufig schwer. In der bereits zitierten Emnid/Pentor-Umfrage beispielsweise wird zu wenig auf die Verzerrung durch den engen eigenen Blickwinkel Rücksicht genommen. Was heißt denn positiv und negativ in solchen Untersuchungen? Laut Umfrage wurden 16 positiv-negativ Eigenschaftspaare angeboten. Wohin es führt, wenn man sein eigenes Wertesystem zum Nabel der Welt erhebt, zeigen die ach so positiven Eigenschaften gründlich und diszipliniert. So nämlich werden die Deutschen von den Polen gesehen, während Ost- wie Westdeutsche 1991 die Polen eher für oberflächlich und disziplinlos hielten. Das ist nicht weiter überraschend. überraschend ist, daß niemand die Befragten zu fragen scheint, ob denn diszipliniert und gründlich auch in der polnischen Werteskala als positive Eigenschaften gelten. Auch die deutschen KZ-Schergen in Auschwitz, die SS in Krakau oder sonstige berufene und unberufene subalterne Exekutivorgane des deutschen Reichs im besetzten Polen waren sehr diszipliniert und gründlich bis zur Menschenverachtung. Diese Erfahrungen haben viele noch lebende Polen gemacht und sicher an ihre Kinder weitergegeben. Ob sie auch weitergegeben haben, daß diese Eigenschaften als positiv zu bewerten seien, mag ich bezweifeln.

Bestätigt werden diese Zweifel durch die Ergebnisse einer Umfrage unter polnischen Schülern. Da heißt es: Die Deutschen werden von den Polen als arbeitsame, sparsam wirtschaftende, saubere, ordentliche, tatkräftige Organisationstalente gesehen. Diese fast einstimmige Meinung wird nur von wenigen als positiv gewertet. (Gruszczynski, Piotr: Szkolne wyobrazenia. In: RES PUBLICA, 1-2/1992, S. 11-17, hier S. 11)

Eine Dokorantin aus Polen, die in Deutschland studiert und eine Reihe von Untersuchungen zu Einstellungen deutscher und polnischer Jugendlicher gemacht hat, erzählte mir in diesem Zusammenhang über eine Umfrage, in der in Polen nach den bekanntesten deutschen Persönlichkeiten gefragt wurde. Die Liste enthielt eine Reihe von Namen, die angekreuzt werden konnten. Ich weiß nicht mehr, wer die meisten Kreuze bekam, Adenauer oder Brandt. Als die Doktorantin eine offene Liste mit derselben Frage anbot, wurde am häufigsten, wer hätte es erwartet, Bismarck genannt. Keiner der Umfragesteller war offensichtlich auf die Idee gekommen, Bismarck überhaupt in die geschlossene Liste aufzunehmen...

Die Crux mit all diesen Untersuchungen und Ergebnissen faßt der Volksmund kurz und bündig so zusammen: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus ...

Woran liegt es nun, daß sich Polen im toten Blickwinkel der Deutschen befindet? Daß wir, meiner Einschätzung nach, heute nicht so sehr unter einem übermaß an Falschbildern denn vielmehr unter einem Mangel an irgendwelchen Bildern zu leiden haben? Liegt es am Entwicklungsindikator IDH, den die UNO erfunden hat, um eine zivilisatorische Plazierung der Völker vornehmen zu können, und der Lebenserwartung, den Grad der Alphabetisierung, die durchschnittliche Schuldauer und den Wohlstand der Bevölkerung einschließt? Der EG-Durchschnitt beträgt 0.97, der von Polen 0.86. Damit befindet sich Polen weiter von der EG entfernt als Ungarn, die Slowakei, Zypern oder wer auch sonst. Einzig die Türkei dreht ihre Kreise noch weiter entfernt um die dominierende EG-Kugel.

Sicher ist dieses zivilisatorische Gefälle verbunden mit dem Wirtschaftsgefälle ein wichtiger Grund. Hier kann die Kultur, hier kann der Journalist wenig ändern. Das sind Fragen des Handels, des Geldwerts und der technischen Infrastruktur eines Landes. Was der Journalist jedoch tun kann, ist, daß er neben den Skandalen auch die Wirtschafts- und Handelszahlen wahrnimmt und die sind für Polen im Augenblick gar nicht so schlecht. Trotzdem klingen die Pressenachrichten aus Polen häufig noch so, als stünde das Land kurz vor dem Absturz in die Zahlungsunfähigkeit.

In den vierzig Artikeln, die von 1990 bis 1992 in der Neuen Züricher Zeitung zum Thema Polen erschienen sind, läßt sich aus den überschriften eine interessante Stichwortliste zusammenstellen: Ich zitiere im Zeitraffer: Skandal, Skandal, Skandal, Betrug, Fälschung, Schwarzhändler, Kampf , radikal, brutal, Mord und Träume. Weitere Titel und Untertitel lauten Der lange Weg in die neue Zeit, Sehnsucht als Maßstab, Erfolge und Irrtümer, Demütigung des Parlaments, Mühsal des späten Neuanfangs, Polens Fehlstart in die Demokratie, Unter die Räuber gefallen, Schwache Politiker und skrupellose Ganoven.

Nun geht es natürlich nicht darum, Prinz Charles den langgehegten Wunsch zu erfüllen, eine Zeitung gedruckt zu bekommen, in der nur Erfreuliches berichtet wird. über angebliche Ernteerfolge und dergleichen wurde schon viel zu viel Tinte vergossen. Die Frage, die sich stellt, ist, ob die Berichterstattung denn auch wirklich auf Veränderungen reagiert, oder ob sie an liebgewonnenen Vorstellungen von Chaos und Rückständigkeit festhält? Wenn das so ist, dann drehen wir uns in einem Teufelskreis: Negative Berichte über ein Land, das eh kaum ernstgenommen wird, verstärken das Gefühl, es handle sich um eine vernachlässigenswerte Größe.

Die polnische Zeitung Rzeczpospolita hat vorgestern einen ausführlichen Bericht über Beurteilungen der wirtschaftlichen Lage Polens durch deutsche Industrie- und Bankleute gebracht. Da war von großen Investitionszuwächsen die Rede und davon daß Polen viel mehr Eigeninitiative zeigen als ihre ehemaligen sozialistischen Brüder in den neuen Ländern. Wenn ich das lese, frage ich mich, ob ich in Deutschland die falschen Zeitungen lese, oder warum ich hier wenig derartig Positives finde. Es macht eben manchmal einen Unterschied, ob es heißt, das Glas sei halbleer oder eben halbvoll.

Was bei der Berichterstattung aus Polen hängenbleibt sind Stichworte wie: Straßenhändler, Steuerhinterziehung, Tolerierung illegaler Praktiken. Kurz: Chaos sowie Recht- und Gesetzlosigkeit. Das Chaos des übergangs wird zum schnell haftenden Etikett, weil es sich mit den Erwartungen deckt, daß Polen und Ordnung zwei verschiedene Dinge sind. Und was steht dem an Positivem gegenüber? Kulturelle Ereignisse von höchster Qualität: Herbert, Szymborska, Wajda, Kieslowski, Gorecki und Lutoslawski. Auch wenn wir einmal davon absehen, ob denn die Leser der Skandale auch das Feuilleton lesen, sofern die Zeitung denn ein Feuilleton hat, so darf man kaum erwarten, daß so hochgeistige Kost unbedingt gleich das Bild einer Mehrheit prägt, wo nachgewiesenermaßen nur eine Minderheit Büchern liest, ins Konzert geht oder anspruchsvollere Filme anschaut.

Ein zweiter Grund für die gestörte Wahrnehmung ist deshalb auch, daß sich Polen durch zwei Extreme präsentiert: auf der einen Seite die autoklauenden Gangs, auf der anderen die musizierenden und dichtenden Schöngeister. Das Bild, das dabei entsteht, ist irgendwie unverdaulich. Vor einiger Zeit gab es im deutschen Fernsehen in kurzem Abstand einen Film über die Menschen entlang der deutsch-polnischen Grenze mit ihren Nöten und ängsten sowie eine exzellent gemachte Reportage über Musik in Auschwitz mit Reich-Ranicki als Kommentator. Wie gesagt, ausgezeichnete Programme. Wenn Grenze und Auschwitz jedoch die einzigen Themen sind, mit denen Polen hier präsent ist, dann entsteht ein schwerverdauliches Bild eines ansonsten heiteren Landes, daß einem ganz Angst werden kann. Niemand wird nach solchen Beiträgen zum Telefon greifen und im Reisebüro nach der nächsten Möglichkeit fragen, in Polen Urlaub machen zu können.

Ein dritter Grund für die beklagte Wahrnehmungslücke ist das deutsche Schuldgefühl. Um dieses schwarze Loch aus der Zeit ihrer Groß- und Urgroßväter machen die jüngeren Generationen oft lieber einen Bogen, denn dahinter lauern Schuldgefühle und die Schrecken des Holocaust. Die Instrumentalisierung deutscher Schuld und Kriegsverbrechen, die Isolierung im Ostblock, die parteipolitische Emotionalisierung der Themata Polen, Oder-Neiße-Grenze und deutsche Ostgebiete, all dies hat Polen zu etwas gemacht, dem sich häufig nur die Motivierten, die Engagierten freiwillig nähern, jedenfalls im Westen Deutschlands.

In der DDR war die Situation teilweise anders. Man sah einander nicht unbedingt positiver, aber man war einander näher. Die Gemeinschaft im sozialistischen Block bewirkte bei den Deutschen aus der DDR und den Polen, trotz aller Vorbehalte, Sym- und Antipathien, ein gewisses Gemeinschaftsgefühl. Weit war es damit meist nicht her, denn von polnischer Seite wanderte der Blick schnell über die ostdeutsche Grenze weiter zur westdeutschen. Und daß die sozialistischen Deutschen, die sich selbst von jeder Schuld an den Nazi-Verbrechen freigesprochen hatten, davon wirklich frei waren, glaubte niemand in Polen so schnell und war bei aller staatsverordneten Freundschaft auch niemandem so leicht zu vermitteln, galt die DDR doch als der eigentliche Nachfahr des ungeliebten Preußen.

Ein Blick in die deutschsprachige Literatur bestätigt aber, daß die Wahrnehmungslücke in der DDR jedenfalls nicht so groß war: Die Liste der westdeutschen Schriftsteller, die sich mit dem Thema Polen beschäftigen, besteht zu 90 Prozent aus Personen, die aus den deutschen Ostgebieten stammen oder in ihren Biographien sonstige Bezüge zu Polen haben. Fast immer ist das eigentliche Thema in diesen Büchern deshalb eher die deutsche Geschichte, nicht die polnische. Anders in der DDR. Dort war Polen, gerade in der Dichtung, viel eher ein Thema. Wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil Polen für manche ostdeutschen Intellektuellen wegen der relativen Freiheit, die sie dort fanden, besonders reizvoll war.

Wie sieht das heute aus? Ich fürchte nicht sehr rosig. Denn erstens hat Polen den Reiz der verbotenen Frucht verloren, zweitens bot sich gleich nach der Wende den von Wessis psychisch getretenen Ossis die Chance, ihren Frust durch Tritte gegen Polen abzureagieren, was im übrigen nur ein Glied in einer Kettenreaktion zu sein schien, denn die Polen traten ihrerseits wieder die als Händler und Touristen in ihr Land einreisenden Russen, Ukrainer, Litauer usw. Eine zur Zeit in der Gegend von Plock grassierende Gelbsuchtepidemie kommentierte eine Frau laut Zeitungsberichten schlicht mit den Worten: Das kommt alles von den dreckigen Russen, die hier einreisen. Nicht anders also, als wenn sich jemand beklagt, daß aller Dreck auf Berlins Straßen von den handelnden Polen stamme.

Diese drei Gründe zusammenfassend läßt sich sagen: Polen ist stolz auf seine anspruchsvolle Literatur und Kultur, und das zu recht. Wird aber auf eine Darstellung der populäreren Kultur verzichtet, bleibt das ein Geheimtip für den Kenner.

Polen ist sich des Unrechts, das ihm von Deutschland angetan wurde, sehr bewußt, und das zu recht. Folgerichtig ist der Blick auf den dunkelsten Teil der polnisch-deutschen Vergangenheit immer noch eines der stärksten Bindeglieder und Antriebsmoment für viele, die sich in Deutschland für Polen engagieren.

Und zuletzt hat Polen immer noch ein bißchen Angst, daß seine Westgrenze so fest nicht ist, wie man sich das wünschen könnte. Und durch EG und Asyldebatte ist diese Grenze als EG-Außengrenze wieder in die Schlagzeilen gekommen. Folgerichtig ist die Frage der Oder-Neiße-Linie immer noch und wieder ein Dauerthema im deutsch-polnischen Dialog.

Faßt man das nochmals zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Hochkarätige Kultur für eine kleine Elite, unmenschliches Unrecht in der Geschichte und Grenzfragen sind der Stoff, aus dem die deutsch-polnischen Beziehungen sind. Seien wir ehrlich: Das alles ist historisch nachvollziehbar und moralisch begründet. Aber es ist bestimmt nicht das, wofür sich ein breiteres Publikum interessieren lassen könnte.

Und dann Europa: Kürzlich sah ich im polnischen Fernsehen einen Bericht. Da stauten sich an der Grenze Lastwagen. Ein polnischer Fahrer empörte sich, daß, wenn dies nun Europa sein solle, er nichts damit zu tun haben wolle. Warum gäbe es, fragte er aufgebracht, denn keine solchen Staus an der Grenze nach österreich oder in die Schweiz? Das seien doch auch EG-Außengrenzen. In Polen gibt es nun wahrlich genug Anti-Europäer. Wenn die Abschottung der EG nun auch noch dieser Gruppe Argumentationshilfen bietet, weil alle, die östlich der Oder wohnen, wie die wilden Horden aus dem Osten behandelt werden und Polen als das Tor zur asiatischen Steppe mit all ihren Unwägbarkeiten, dann haben wir durch unsere kurzsichtige und sterotype Politik ein Eigentor geschossen. Wenn der Europa-Gedanke weiterhin allein von der EG und ihren Schutzzöllen für Bananen beherrscht wird, dann gehen auch mir langsam die Argumente zur Verteidigung Europas aus.

Sie sehen, die Ausgangssituation ist schwierig, katastrophal ist sie in keinem Falle. Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag hat eine Reihe von sehr wichtigen Möglichkeiten eröffnet, einige der hier aufgezählten Stolpersteine in den deutsch-polnischen Beziehungen zu umschiffen. Vor allem regt er den direkten Kontakt zwischen Deutschen und Polen an - und das ist wichtig: Die direkte Erfahrung im Kontakt mit den anderen ist das sicherste Mittel, Falschgeld als falsch zu erkennen und Toleranz zu lernen. Dies wird auch durch eine Umfrage zum heute so aktuellen Thema des Umgangs mit Fremden im eigenen Land bestätigt (durchgeführt vom Zentrum für Europäische Bildungsforschung Berlin und dem Warschauer Instytut Badan Edukacyjnych im Frühjahr 1992, zit. nach POLITYKA 43/1992 vom 24.10.92, S. 10). Danach nimmt eine negative Einstellung gegenüber Fremden deutlich zu, je weniger direkte Erfahrungen die Befragten mit Ausländern im eigenen Land hatten. Die Gegentendenz zeigen Schul- und andere Jugendkontakte, für die mittlerweile das Jugendwerk in Potsdam und Warschau eingerichtet ist und das langsam auch Tritt zu fassen scheint.

Die Rahmenbedingungen für einen Austausch zwischen Zeitungsredaktionen, zwischen Schulen und Betrieben sind da. Es liegt an jedem von uns, sie zu nutzen. Sehr positive Initiativen im deutsch-polnischen Grenzbereich von Frankfurt an der Oder bis nach Görlitz machen von einer Kompetenz und einer Bereitschaft zur Zusammenarbeit Gebrauch, die in den neuen Ländern genauso vorhanden ist wie in den alten, und die durch den Vertrag und die langsame Erweiterung Europas nicht nur abgedeckt, sondern geradezu erwünscht ist.

In diesem nicht nur zweck-optimistischen Sinne halte ich eine gleichberechtigte Partnerschaft, in der die Polen den deutschen Ordnungssinn und Glauben an des Kaisers Autorität und die Deutschen den polnischen Hang zur Romantik und zur Selbstüberschätzung nicht nur murrend ertragen, sondern weise lächelnd durchgehen lassen, für durchaus möglich.