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      TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 41 - 42

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

Susanne Lenz (Berliner Zeitung)

Berichterstattung über die Bildung von Euroregionen an der deutsch-polnischen Grenze in deutschen Zeitungen

Angesehen habe ich mir die Märkische Allgemeine Zeitung in Potsdam, die Märkische Oderzeitung in Frankfurt/Oder, die Lausitzer Rundschau in Cottbus und drei Berliner Zeitungen: Tagesspiegel, Berliner Morgenpost und Berliner Zeitung. Die Tageszeitung (taz) habe ich nicht etwa absichtlich ausgelassen, sondern es hat sich - jedenfalls in unserem Archiv - einfach kein Stoff zu diesem Thema gefunden. Mit der Märkischen Allgemeinen bin ich schnell fertig, denn ich fand nicht mehr als drei oder vier Agenturmeldungen. Die Lausitzer Rundschau dagegen geht das Thema ganz praktisch an und veröffentlicht einmal im Monat eine Seite, die den Titel "Euroregionen" führt. Dort wird inhaltlich, sehr konkret, darüber berichtet, was alles an der Grenze passiert. Dabei geht es um Schüleraustausch, um die Zusammenarbeit der Bundeswehr mit polnischen und tschechischen Soldaten, um Grenzkriminalität, Tourismus, ein Weinfest in Zielona Gora/Grünberg usw. In der Märkischen Oderzeitung findet sich die ausführlichste und kontinuierlichste Berichterstattung zum Thema. Seit fast genau einem Jahr gibt es dort einen Redakteur für deutsch-polnische Nachbarschaft. Das allein zeigt schon, welchen Stellenwert die deutsch-polnischen Beziehungen in dieser Zeitung einnehmen.

Ich möchte die Überschrift eines Artikels zitieren, der dort im November 1992 erschienen ist. Dort heißt es: Deutsch-Polnische Euroregion Pomerania gegründet. Fast genau ein Jahr später: Euroregion Pomerania gründungsreif. Daran kann man recht gut das Informationsdefizit eines deutschen Journalisten in Bezug auf die polnische Seite der geplanten Euroregionen erkennen. Im November 1992 handelte es sich nämlich um die Gründung des deutschen Kommunalverbandes, der sich später einmal mit einem ebensolchen Träger auf polnischer Seite zu der geplanten Euroregion zusammenschließen soll. Was sich im einzelnen abspielte, wußte der Journalist damals nicht, weil er einfach nicht die entsprechenden Verbindungen nach Polen hatte.

Noch ein Beispiel für das wiederkehrende Defizit in dieser Berichterstattung. Am 28. August 1993 geht es in der Märkischen Oderzeitung noch einmal um die Europaregion Pomerania. Es wird darüber berichtet, daß sich nun endlich die polnische Kommunalgemeinschaft in Stettin gegründet habe. Allzu viel weiß der Pasewalker Wirtschaftsamtsleiter noch nicht von der polnischen Kommunalgemeinschaft, nur daß sie gegründet wurde und wie der Vorstand heißt. Wenn ich diesen Artikel redigieren müßte, würde ich sagen, es kann mir doch egal sein, was der Pasewalker Wirtschaftsamtsleiter weiß oder nicht weiß, wir möchten die Informationen von der polnischen Kommunalgemeinschaft direkt haben, ruf dort an. Das hätte sich der Journalist vielleicht auch selbst überlegt, wenn er polnisch spräche und wenn er eine Idee gehabt hätte, wen er in Stettin ansprechen könnte.

Bevor ich daraus meine Schlußfolgerungen ziehe, komme ich noch einmal kurz zu den drei Berliner Zeitungen. Hier ist die Berichterstattung eher sporadisch und im Unterschied zu den regionalen Zeitungen sehr stark an terminliche Ereignisse gebunden. D.h., ein Redakteur in diesen Zeitungen kommt selten auf die Idee, einmal den Stand der Entwicklung nachzurecherchieren oder aber durch die eigene Berichterstattung auch mal etwas anzuregen oder anzuschieben. Wahrscheinlich liegt das u.a. daran, daß es eine solche regionale Verbindung bei den Berliner Zeitungen nicht gibt. Andererseits muß man aber auch feststellen, daß dann, wenn ein Bericht erscheint, über das Thema auch umfangreicher informiert wird.

Ein paar Schlußfolgerungen. Es fiel heute schon einmal das Stichwort von einer "paternalistischen", also pädagogischen, zu positiven Berichterstattung. Meiner Meinung nach trifft das speziell auf die Berichterstattung der regionalen Zeitungen über die Euroregionen zu. Es wird kaum auf all die Probleme eingegangen, die es ja durchaus und auch auf beiden Seiten gibt: politische, organisatorische, absichtliche und unabsichtliche Mißverständnisse usw. über die Gleichgültigkeit, die jedenfalls auf der deutschen Seite bei der breiteren Bevölkerung vorhanden ist, wird überhaupt nicht berichtet. Problematisiert wird lediglich das Fehlen von EG-Geldern. Die Berliner Zeitungen berichten etwas kritischer, vor allem auch bezogen auf Kritik, die aus Polen kommt, wie z.B. die Angst vor einer erneuten Vereinnahmung durch die Deutschen.

An diesem Thema Euroregionen zeigen sich besonders die Probleme derjenigen deutschen Journalisten, die über die Beziehungen an der Grenze berichten. In der Regel sprechen sie nicht polnisch, im Unterschied zu den Korrespondenten, die aus Warschau berichten. Sie schreiben über ein Thema, für das sie aus journalistischer Sorgfaltspflicht unbedingt auf beiden Seiten recherchieren müßten. Ihre Recherche endet aber in der Regel eben an der Grenze. Ich selbst versuche das auszugleichen, indem ich einen mir bekannten polnischen Journalisten (der deutsch spricht) in Polen anrufe und mir ein bißchen erzählen lasse. Das ist natürlich auch nicht sauber, aber für mich oft die einzige Möglichkeit, an Informationen über die polnische Seite zu kommen.