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      TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 45 - 46

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

Dr. Grazyna-Maria Peter (Universität Leipzig)

Berichterstattung über Europa in den deutschen und polnischen Zeitungen

Seit zwei Jahren leite ich Europa-Seminare für Journalisten. Das Ziel dieser Seminare ist einerseits, den Studenten die Möglichkeit zu geben, kompetente Gesprächspartner aus Brüssel, Straßburg oder Bonn kennenzulernen und andererseits, ihnen Informationsquellen und Recherchemöglichkeiten zum Thema Europa vorzustellen sowie Reisen zu den Orten des europäischen Geschehens zu veranstalten.

Wir führen regelmäßig Inhaltsanalysen von deutschen, polnischen, tschechischen und ungarischen Zeitungen durch. Gegenstand der Studie in diesem Jahr waren: Elf regionale Zeitungen aus den neuen Bundesländern, zwei polnische (Gazeta Wyborcza und Polityka) und zwei tschechische Zeitungen (Mlada Fronta Dnes und Respekt). Der Analysezeitraum ist jedes Jahr derselbe, nämlich die Monate Dezember/Januar und Mai/Juni, vor allem deswegen, weil in diesen Monaten die EG-Gipfel stattfinden.

Die fünf wichtigsten Themenbereiche in dieser Studie betreffen:

  • EG-Politik allgemein
  • Europäische Institutionen und Organisationen
  • Wirtschaft
  • Grenzüberschreitende Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Gemeinschaft, sowie zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn
  • Kultur, Bildung und Soziales.

Generell läßt sich auch in diesem Jahr feststellen, daß die journalistische Behandlung des europäischen Integrationsprozesses immer noch den Charakter einer laufenden Berichterstattung über relevante Ereignisse und Meinungsäußerungen von Politikern trägt. Das läßt sich daran ablesen, daß z.B. 82 Prozent der Gesamtberichterstattung auf reine Nachrichten entfielen. Dem Leser werden zwar kontinuierlich aktuelle Einzelinformationen vermittelt, hingegen kommen sowohl die Interpretation des Geschehens als auch die Darlegung von Zusammenhängen und Folgen erheblich zu kurz. Und dies auf dem Hintergrund fehlender Kenntnisse in der Öffentlichkeit über Sinn, Inhalt und Formen des Weges zur Einheit Europas.

Da ich mich kurzfassen muß, nehme ich hier nur zu einigen Aspekten unserer Untersuchung Stellung. Zunächst etwas zur Rangfolge bestimmter Themen in den deutschen und polnischen Zeitungen. Die deutschen regionalen Tageszeitungen behandelten zu 40 Prozent an erster Stelle Beiträge zur EG-Wirtschaftspolitik. 31 Prozent waren Beiträge, die sich mit Grundsatzfragen der Europapolitik beschäftigten. 12 Prozent der Beiträge entfielen auf Kultur, Bildung und Soziales, 9 Prozent auf die europäischen Institutionen und Organisationen und an letzter Stelle in den deutschen Zeitungen stand das Thema der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit (allerdings stieg der Prozentsatz gegenüber dem Vorjahr erheblich, nämlich von 4 Prozent in 1992 auf 8 Prozent in diesem Jahr). Allerdings betrifft das nur einzelne Zeitungen, die sich akzentuiert grenzüberschreitenden Problemen zuwenden: Vor allem die Berliner Zeitung, die Leipziger Volkszeitung und die Märkische Oderzeitung.

Generell ist der Grad an Sachkunde im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Gleichzeitig ist jedoch zu betonen, daß die größere Vertrautheit mit dem Thema ihren Ausdruck zu sehr in kritischen Tönen fand. Natürlich kann nicht, was noch unvollkommen ist, durch schöngefärbte Berichterstattung aus der Welt geschafft werden. Wir wissen ja auch, daß in der Regel für Journalisten erst die schlechte Nachricht eine gute Nachricht abgibt. Dennoch: ein realistisches Bild der EG im Prozeß der Entwicklung gewinnt man nur durch eine umfassende, alle Elemente berücksichtigende Berichterstattung.

Jetzt zu den beiden polnischen Zeitungen. Bei der Behandlung des Themas Beziehungen zu den Nachbarn in Europa fällt eine sehr starke Diskrepanz zwischen den Tages- und den Wochenzeitungen auf. Die Wochenzeitungen (auch in Tschechien) widmen dem Thema viel mehr Raum. Vielleicht hängt das damit zusammen, das sich zur Behandlung des Themas vor allem Hintergrundanalysen und Reportagen eignen, die bereits aus Platzgründen in den Tageszeitungen seltener untergebracht werden können. Auch wenn die Gazeta Wyborcza nur eine kleine Anzahl von Beiträgen brachte (d.h. 2,3 Prozent des Gesamtaufkommens) so veröffentlichte sie dennoch einen sehr aufschlußreichen Beitrag zu diesem Themenkomplex. Am 19. Dezember 1992 erschien in dieser Zeitung ein langes, fast zwei Seiten umfassendes Interview mit dem Schriftsteller A. Szczypiorski: Sollten wir Angst vor den Deutschen haben?

In der Polityka erschienen die meisten Beiträge, sie machten insgesamt 75 Prozent des Gesamtaufkommens im Analysezeitraum aus. Alle elf Beiträge in der Polityka haben eine durchschnittliche Länge von einer Druckseite. Die Autoren sind meistens eigene Redaktionsmitglieder.

Bei der Analyse der polnischen Zeitungen ist mir aufgefallen, daß dort die Themen Kultur, Bildung, Soziales kaum eine Rolle spielen, sowohl in Bezug auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit als auch im gesamten europäischen Maßstab. In den Tageszeitungen gibt es dazu nur kurze Meldungen und in den Wochenzeitungen fand diese Thematik überhaupt keine Beachtung.

Es gibt doch z.B. das Tempus-Programm über das auch Hochschulkooperationen gefördert werden. Wir haben polnische Studenten aus Krakau in Leipzig gerade im Rahmen dieses Programms. Aber in der polnischen Presse kann man darüber überhaupt nichts lesen. Ich möchte gern wissen: Kennen diese Zeitungen solche Aktivitäten überhaupt nicht? Oder was ist der Grund dafür? Sicher werden polnische Journalisten im Unterschied zu den deutschen nicht so gut mit Materialien über die Europapolitik versorgt. Polnische und tschechische Vertreter arbeiten selbst aktiv in den einschlägigen europäischen Gremien in Brüssel und in Straßburg. Sie müßten auch die Tätigkeit der Journalisten ihrer Länder stärker unterstützen. Eine verstärkte Eigeninitiative der polnischen und der tschechischen Journalisten bei Recherchen zu Europa-Themen und die Entsendung von eigenen Korrespondenten nach Brüssel oder Straßburg ist die positive Kehrseite der sonst ungenügenden Versorgung der Redaktionen mit speziellem Informationsmaterial.