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      TRANSODRA 4/5, Winter 1993/94, S. 19 - 20

Dokumentation zur Konferenz
Das Bild der Nachbarn in der deutschen und polnischen Presse des Grenzgebiets
12. - 14. November, Werder/Havel

Wojciech Pomianowski (Berliner Korrespondent von Rzeczpospolita)

Das Bild Polens in der ostdeutschen und Berliner Presse

In den Berliner und in den ostdeutschen Zeitungen wird relativ viel über Polen geschrieben, jedenfalls mehr als über andere Länder Mittel- und Osteuropas, wie z.B. über Tschechien oder Ungarn. Die Berliner Zeitungen haben in der Regel eigene oder kooperierende Korrespondenten und eine eigene Berichterstattung aus den grenznahen Regionen; darüberhinaus gibt es redaktionelle Informationen, Artikel und Kommentare zum Thema Polen.

Unter politischen Gesichtspunkten präsentiert der Tagesspiegel das vollständigste Bild Polens; das betrifft sowohl die innenpolitische Situation als auch die Außenpolitik Polens sowie die deutsch-polnischen Beziehungen.

Viele Zeitungen berücksichtigen die polnischen Argumente in solchen Fragen wie z.B. der Mitgliedschaft der mittelosteuropäischen Staaten in NATO und EG. über die wichtigeren Staatsbesuche wird berichtet (übrigens hatte Walesa in Deutschland eine bessere Presse als in Polen).

Die ostdeutsche Presse, auch die Boulevardpresse, verzichtet in ihrer wirtschaftlichen Berichterstattung über Polen auf die Verwendung des Stereotyps polnische Wirtschaft. In den letzten Jahren herrscht eine eher positive Beurteilung der polnischen Wirtschaft vor. Das gesellschaftliche Bild Polens wird immer seltener durch das Klischee Polen - das Land der Madonna und der Pferdefuhrwerke geprägt; dafür taucht es häufig als Foto auf.

Relativ viel wird über polnische Kultur sowohl in Polen selbst als auch in Deutschland und in Berlin geschrieben.

Zum Thema der deutsch-polnischen Beziehungen erscheint eine Vielzahl an Berichten. Sie umfassen Politik, Wirtschaft, den Jugendaustausch; behandeln die Situation in den grenznahen Regionen und an den Grenzübergängen, Initiativen wie den Stolpe-Plan und Kontakte zwischen den Bundesländern und den Wojewodschaften. Dabei handelt es sich oft um kritische, aber gleichzeitig auch objektive Berichterstattung.

Stark vertreten ist der Komplex Sensationen/Kriminalität und insbesondere der Anteil der Polen daran, sowohl an der Grenze als auch in Berlin. Durch solche Berichte zeichnen sich die populären Boulevardzeitungen aus, aber auch die Berliner Zeitung und die Berliner Morgenpost.

In der Berliner Presse finden sich nicht wenige touristische und landeskundliche Artikel, die vor allem die ehemaligen deutschen Gebiete betreffen, meistens jedoch ohne nostalgischen Unterton.

Unter den regionalen Zeitungen zeichnen sich die Märkische Oderzeitung und die Sächsische Zeitung dadurch aus, daß sie - qualitativ und quantitativ gesehen - die meisten Berichte zu polnischen Themen veröffentlichen. Die mecklenburg-vorpommersche Presse schreibt dagegen wenig oder gar nichts über Polen, jedenfalls soweit ich das - nach sicherlich unzureichenden Kenntnissen - beurteilen kann. Die regionalen Zeitungen konzentrieren sich auf Grenzfragen, kommunale grenzüberschreitende Zusammenarbeit, Grenzübergänge, Verkehrsprobleme, Euroregionen und Zusammenarbeit im Bildungsbereich. Darüber wird sehr viel geschrieben, mit Interesse und überzeugung, oft mit Sympathie, manchmal auch ohne. Die beiden oben erwähnten Zeitungen haben auch eigene Informationsquellen und Artikel zu überregionalen Themen.

In den meisten hiesigen Tageszeitungen und Zeitschriften findet man oft Stereotype und Klischees über Polen, die das Bild unseres Landes sowohl in der Presse als auch in der Mentalität ihrer Leser bestimmen. Ein Beispiel dafür sind die Grenzübergänge und das Verkehrschaos, für das ausschließlich Polen verantwortlich gemacht wird. Alles wird erklärt mit schleppender Abfertigung auf der polnischen Seite, obwohl es weit mehr und andere Ursachen für die Staus an der Grenze gibt.

Das zweite Beispiel betrifft die Kriminalität, die, angeblich von Polen dominiert, das Land Brandenburg und andere ostdeutsche Bundesländer überflutet. In gleichem Maße wird die hiesige Presse von den Berichten darüber überschwemmt. So entsteht das Bild einer Grenze, die von Automafia, den Zigarettenschmugglern und Händlern aus Polen beherrscht wird. Es wird der Eindruck erzeugt, an dem kriminellen Unwesen seien ausschließlich Polen beteiligt. Einen zusätzlichen Effekt erzielt man dadurch, daß die geschmuggelten Zigaretten einzeln gezählt werden und unentwegt der Spruch Kaum gestohlen, schon in Polen wiederholt wird. Das alles, obwohl nicht nur Polen Autos stehlen und schmuggeln, Polen sogar oft nur als Transitland dient und als Terrain für illegale Transaktionen mit deutscher Beteiligung. In einigen Berliner Zeitungen konnte man neulich von polnischen Banden und polnischen Gangstern lesen, die mit dem Morgenzug nach Berlin kommen, Hauptstadtwohnungen ausplündern und mit dem Nachmittagszug zurückfahren. Dieses Bild färbt ab auf die deutsch-polnischen Beziehungen und ruft negative Einstellungen gegenüber den Polen hervor. Es sind nicht immer die Eliten, die nach Deutschland kommen, trotzdem sind nicht alle Polen Gangster und Schmuggler, genausowenig, wie alle Deutschen Nazis sind.

Im Bild der Grenze dominieren einerseits die Menschenschlepper und andererseits der Grenzschutz mit seiner modernen Ausstattung. In der gesamten hiesigen Presse erschien das Foto eines Grenzschutzbeamten, der die Grenze mit Hilfe eines "Wärmebildgerätes" überwacht. Es wird der Eindruck erweckt, daß die Grenze - und damit auch Deutschland - bedroht ist und von unerwünschten Gästen aus dem Osten überschwemmt wird. Am Beispiel Sachsen zeigt sich, daß man damit eine Psychose hervorrufen kann: Dort werden sog. Selbstverteidigungsgruppen gebildet, d.h. Einwohner der grenznahen Regionen organisieren und bewaffnen sich als freiwillige Bürgerwehr. Der Asylkompromiß und seine Folgen werden im allgemeinen eher einseitig dargestellt. Es gab schon journalistische Stimmen der Verwunderung darüber, daß Polen Beweise fordert, daß die zurückgeschickten Flüchtlinge auch wirklich aus Polen nach Deutschland gekommen sind, obwohl eine solche Forderung doch durchaus verständlich ist. Die Darstellung der anderen Seite der Medaille - die polnischen Probleme mit den potentiellen oder schon aus Deutschland ausgewiesenen Asylsuchenden - fehlte bis auf wenige Ausnahmen in der hiesigen Presse.

Zum Schluß eine kleine Geschichte, die charakteristisch ist für diese Denkweise. Neulich schrieb die Märkische Oderzeitung von einem Vorfall an der Grenze in Frankfurt. Eine deutsche Zollbeamtin führte in der Mitte der Oderbrücke eine Durchsuchung von zwei jungen Polen durch. Danach fragte sie sie, wieviel Geld sie bei sich hätten. Als sich herausstellte, daß sie nur zwei Mark oder noch weniger hatten, schickte sie sie mit den Worten zurück: Ab, nach Hause. Der Bundestagsabgeordnete Konrad Weiss schickte mir eine Kopie seiner Anfrage an die Bundesregierung. Darin stand u.a.: Ist es im Sinne der Bundesregierung, wenn insbesondere jugendlichen Polen die Einreise in die deutschen Nachbarstädte derartig erschwert und die Begegnung zwischen jungen Menschen aus Polen und Deutschland unmöglich gemacht wird? Die Märkische Oderzeitung, die bisher einen guten Ruf hatte im Zusammenhang mit den deutsch-polnischen Beziehungen, kommentierte dagegen den Zwischenfall auf der Stadtbrücke in Frankfurt so: Im Ton hat sich die Beamtin sicher vergriffen, in der Sache jedoch nicht. Die Zurückweisung war nach dem Ausländergesetz zulässig.
Also: Gesetz ist Gesetz.

Übersetzung: Iwona Rydz / Ruth Henning