[Zurück] [www.dpg-brandenburg.de] [www.transodra-online.net]

TRANSODRA 6/7, Frühjahr 1994, S. 46 - 47

Polen und Juden - Öffentliche Debatte über ein dunkles Kapitel des Warschauer Aufstandes im August/September 1944

   
    

»zur Seitenübersicht«

Mitte Februar hieß es in einem Leserbrief an die Gazeta Wyborcza, Polens größte Tageszeitung: Einen solchen Beitrag hätten Sie in Ihrer sonst so hervorragenden Zeitung nicht veröffentlichen dürfen. Als ehemaliger Soldat der Heimatarmee würde ich den Verfasser, diesen Schuft, gerne erschießen, weil er recht tendenziös den Juden schmeichelt. Und in einem zweiten Brief stand zu lesen: Den Beitrag empfinde ich nicht als Angriff auf den Warschauer Aufstand oder dessen Legende. Vielmehr handelt es sich um eine wichtige Stellungnahme zur Geschichte dieser Erhebung. Wirkliche Geschichte ist nie nur sauber und schön, weil auch Menschen, die etwas schaffen, etwas zuwege bringen, nicht nur sauber und schön sind.

Stein des Anstoßes war ein Text des jungen polnischen Publizisten Michal Cichy, den die Gazeta Wyborcza Ende Januar abgedruckt hatte. Dieser Text wurde zum Ausgangspunkt für eine breite Diskussion über ein Thema, das bislang tabuisiert worden war: das Verhältnis der Aufständischen, genauer: der Heimatarmee (Armia Krajowa - AK), zu den Juden. Cichy nannte die Zahl von etwa 60 Juden, die im August/September 1944 durch Aufständische aus dem rechtsextremen Lager ermordet worden seien. Außerdem, so Cichy, seien wiederholt jüdische Frauen vergewaltigt worden, es habe regelrechte Hetzjagden gegeben, jüdische Mitkämpfer in verschiedenen Gruppen der Aufständischen seien diskriminiert worden. Zum Beweis zitierte er eine Vielzahl bislang öffentlich nicht bekannter Dokumente, Zeugenaussagen und Berichte. Cichy verwies aber auch auf das solidarische Verhalten vieler Kämpfer der Heimatarmee gegenüber den Juden. Der Veröffentlichung dieses Artikels war eine Rezension (ebenfalls in der Gazeta Wyborcza) vorausgegangen, in der Cichy den Bericht Calel Perechodniks, eines jüdischen Überlebenden des Warschauer Aufstands, vorgestellt hatte. Dieser Bericht mit dem Titel Bin ich ein Mörder?, geschrieben 1944, zuerst in Auszügen in Israel und 1993 erstmals in Polen veröffentlicht, enthielt viele Details antisemitischen Verhaltens seitens der Teilnehmer des Warschauer Aufstands. Einen Auszug aus dem Bericht von Calel Perechodnik übersetzte und kommentierte Helga Hirsch in der ZEIT (Nr. 5/1994). Der Rezension Cichys folgte eine Kontroverse in der Gazeta Wyborcza, die wir im folgenden dokumentieren.

Zum fünfzigsten Mal jährt sich in diesem Sommer der Warschauer Aufstand vom 1. August bis zum 2. Oktober 1944. Dieser 63tägige Aufstand war das letzte, verzweifelte Aufbäumen einer vom Tod bedrohten Stadt. Militärisch richtete er sich gegen die deutsche Besatzungsmacht, politisch aber gegen die vor den Toren der Stadt stehende Rote Armee und die Sowjetunion, deren Herrschaft über Polen sich bereits abzeichnete. Die Warschauer Bevölkerung hatte allein in diesen 63 Tagen etwa 150 000 Tote zu beklagen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurden fast alle, die dann noch lebten, aus der Stadt vertrieben. Anschließend gingen Sprengkommandos der SS ans Werk. Ende 1944 war die polnische Hauptstadt zu 85% zerstört.

Schon seit einiger Zeit zeichnete sich ab, daß dieser Jahrestag neue Diskussionen auslösen würde. Immerhin hatte die kommunistische Führung Polens in den Nachkriegsjahrzehnten versucht, entweder den Aufstand insgesamt als Abenteuer verantwortungsloser Kräfte abzustempeln oder aber das Hauptverdienst des Kampfes den aus linken Gruppen kommenden Aufständischen zuzuschreiben. In Wirklichkeit aber reichte das politische Spektrum der Aufständischen von ganz links bis ganz rechts, wobei die eher bürgerliche Heimatarmee die Hauptlast des Aufstandes trug. Diese Heimatarmee, stand auch in Verbindung mit der polnischen Exilregierung in London. Gedenkfeiern, die den damaligen Ereignissen entsprochen hätten, wurden in sozialistischen Zeiten fast vollständig verhindert. Ebenso das Aufstellen von Denkmälern. Im Gegenzug haben viele Polen den Warschauer Aufstand idealisiert. Auch in den ersten Jahren nach dem politischen Umschwung von 1989 gab es keine breite Diskussion über dieses Thema und damit in Zusammenhang stehende wichtige Fragen.

In einem Vorwort zu dem Text von Michal Cichy hatte Adam Michnik, Chefredakteur der Gazeta Wyborcza geschrieben: Über jedem Gespräch zum Thema Heimatarmee und Warschauer Aufstand lag der Schatten des Heldentums der Aufständischen, aber auch der verleumderischen Bekanntmachungen und Plakate der kommunistischen Machtorgane. Ohne Verständnis dessen ist es unmöglich, über polnische Denkklischees und die aus Schmerzen und Demütigung erwachsene polnische Sensibilität zu sprechen. Man kann dann auch nicht die Gründe verstehen, warum Polen ihre eigene Vergangenheit idealisieren und bestimmte Themen verheimlichen.

In der folgenden Diskussion, ebenfalls weitgehend in der Gazeta Wyborcza abgedruckt, gab es dann zunächst vor allem Stellungnahmen von Historikern: unter ihnen Teresa Prekerowa, Tomasz Strzembosz und Wlodzimierz Borodziej. Alle Wissenschaftler, die zu Wort kamen, waren sich darin einig, daß es Morde, Übergriffe und Diskriminierungen gab. Aber bei den nachweisbaren Zahlen gingen die Meinungen schon auseinander, ebenso wie bei der Frage, ob die Morde ausschließlich auf das Konto von Aufständischen aus dem rechtsextremen Lager gehen. Kontrovers wurde außerdem diskutiert, ob derartige Vorfälle in erster Linie Ergebnis des damals in der polnischen Bevölkerung ziemlich weit verbreiteten Antisemitismus oder nur Ausdruck "normaler" Kriminalität und Demoralisierung in Kriegszeiten gewesen seien. Über die damalige Führung der Heimatarmee hieß es übereinstimmend, ihr sei keine Schuld zuzuweisen, sie habe vielmehr dafür gesorgt, daß Juden befreit und unterstützt worden seien. Verschiedene Historiker wiesen auch daraufhin, daß man die Relationen beachten müsse, 40 oder 60 ermordeten stünden 300 andere Juden gegenüber, die durch Aufständische aus Nazigefängnissen befreit worden seien. Wer über Verfehlungen der Heimatarmee spreche, müsse auch auf die Verbrechen jüdischer Kommunisten im stalinistischen Sicherheitsapparat der 40er und 50er Jahre hinweisen. Alles in allem zeigte sich, daß die historische Forschung zum Thema Polen und Juden während des Warschauer Aufstandes erst ganz am Anfang steht.

Interessant und wichtig war die Fülle der Leserbriefe, die vor allem in der Gazeta Wyborcza, aber auch in der regierungsnahen Tageszeitung Rzeczpospolita und in dem katholisch-konservativen Blatt Slowo Powszechne abgedruckt wurden. Diese Leserbriefe zeigten die ganze Palette von Meinungen, die beim jetzigen Stand der Erkenntnis möglich sind. Da gab es jene, die mit aller Kraft Legenden über den Aufstand bewahren wollen, während andere vehement forderten, nun müsse die ganze Wahrheit auf den Tisch. Polen und auch Juden schilderten ihre damaligen schrecklichen Erlebnisse und widersprüchlichen Erfahrungen. In diesen Schilderungen kamen Juden als Gestapoagenten ebenso vor wie deutsche Gefängnisärzte als Retter, ehrenwerte Bürger als Denunzianten ebenso wie konservative katholische Pfarrer als Helfer.

Mit dieser Diskussion sind natürlich noch lange nicht alle offenen Fragen auf dem Tisch, die den Warschauer Aufstand des Jahres 1944 betreffen. Bis zum Jahrestag des Beginns am 1. August werden mit Sicherheit weitere öffentliche Diskussionsbeiträge und Analysen folgen. Eine der offenen Fragen betrifft z.B. das damalige Verhalten der Roten Armee, der wiederholt vorgeworfen wurde, den polnischen Aufständischen nicht zu Hilfe geeilt zu sein, obwohl sie militärisch dazu in der Lage gewesen wäre. Adam Michnik schrieb in seinem schon erwähnten Vorwort: Unter Polen wie unter Juden gab es Verräter und Schurken. Sowohl Polen als auch Juden wollen sie vergessen, und das ist menschlich. Sollte also heute daran erinnert werden? Darf man heute über schändliche Episoden des Aufstands schreiben, wo uns der 50. Jahrestag dieses Aufbegehrens bevorsteht, dessen Heldentum wir so hoch würdigen? Ich nehme diese Fragen ernst. Ich denke aber, daß die Fähigkeit, sich mit den schwarzen Episoden des eigenen Erbes auseinanderzusetzen, für jede Nation eine demokratische Reifeprüfung ist. Meiner Meinung nach sind die Polen reif für die Demokratie, und das bedeutet auch, daß sie ein Recht auf die vollständige Wahrheit über ihre eigene Vergangenheit haben.

Reinhold Vetter


Adam Michnik (Gazeta Wyborcza vom 29./30.1.1994)

Polen und Juden - schwarze Kapitel des Warschauer Aufstandes

»zur Seitenübersicht«

(. . .) Des Warschauer Aufstands zu gedenken heißt, der gefallenen Dichter zu gedenken: Krzysztof Kamil Baczynski und Tadeusz Gajcy, wohl die herausragendsten Talente jener Zeit. Der Aufstand, das ist auch die Erfahrung der Einsamkeit, des Bewußtseins, von den Alliierten im Stich gelassen worden zu sein, des Heldentums in einer hoffnungslosen Situation, woran Johannes Paul II. im Juni 1979 in seiner denkwürdigen Homilie auf dem Zwyciestwa-Platz in Warschau erinnert hat. Das ist schließlich die Erinnerung an die Ruinen. Als Kind spielte ich auf Trümmern, von denen es in dem nach dem Aufstand zerstörten Warschau viele gab.

Das Schicksal hatte die Warschauer Aufständischen vor keiner Grausamkeit bewahrt. Sie vergossen viel Blut, mußten eine bittere Niederlage hinnehmen und zusehen, wie ihre geliebte Stadt, aus der sie vertrieben worden waren, niederbrannte. Später waren sie jahrelang Repressalien und Diskriminierung ausgesetzt und des Rechts beraubt, auf ihren Kampf stolz zu sein. Nur am 1. August legten sie Blumensträuße auf den Gräbern ihrer gefallenen Mitkämpfer auf dem Powazki-Friedhof nieder. (. . .)

In seiner ausgezeichneten Chronik der Hauptstadt während der Besatzungszeit (1859 Tage Warschaus) berichtet Wladyslaw Bartoszewski über eine Meldung des Oberstleutnants "Wachnowski" (Karol Ziemski), der im August die Verteidigung der Altstadt befehligte, an Oberst "Monter" (Antoni Chrusciel): Völlige Gleichgültigkeit gegen materielle Werte. Nur das Leben hat hier einen Wert, der jedoch nicht höher ist als die Behauptung eines Wachpostens. Diese Meldung liest man mit zugeschnürter Kehle. Doch großen Ärger empfindet man bei der Lektüre von Meinungen, die Kommunisten damals zum Aufstand äußerten. Tadeusz Zenczykowski zitiert in seinem Buch Der einsame Kampf Warschaus die Bekanntmachung des ZK der PPR vom August 1944: Eine Bande von Sanacja- und ONR-Draufgängern und -Aufwieglern erhebt heute ihre schmutzige Hand gegen das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung, gegen die Polnische Armee, die heldenhaft und aufopferungsvoll für die Befreiung Warschaus kämpft. Eine kleine Gruppe von wahnsinnigen Führern der Heimatarmee (AK) hat auf Befehl Sosnkowskis, im Namen der niederträchtigen politischen Machenschaften der Sanacja-Clique, die Bevölkerung Warschaus in einen Kampf gestürzt, der allen militärischen Grundprinzipien und der elementaren politischen Ehrlichkeit zuwiderläuft.
(. . .)

Über jedem Gespräch zum Thema der Heimatarmee und zum Warschauer Aufstand lag der Schatten des Heldentums der Aufständischen, aber auch der verleumderischen Bekanntmachungen und Plakate der kommunistischen Machtorgane. Ohne Verständnis dessen ist es unmöglich, über polnische Denkklischees und die aus Schmerzen und Demütigung erwachsene polnische Sensibilität zu sprechen. Man kann dann auch nicht die Gründe verstehen, warum Polen ihre eigene Vergangenheit idealisieren und bestimmte Tatsachen verheimlichen.

Denjenigen, die als Gegenleistung für ihre tapfere Erfüllung der patriotischen Verpflichtungen mißhandelt und verleumdet wurden, fällt es schwer, ihre eigenen Erfahrungen und Fehler nüchtern zu analysieren. Ihr natürlicher Instinkt ist die Selbstverteidigung durch Selbstidealisierung. Kein Wunder also, daß die Polen gerade diesen Weg eingeschlagen haben. Im Gefängnis oder über einem frischen Grab rechnet man mit niemandem kritisch ab. Man sagt nur: gloria victis - Ruhm den Besiegten. (. . .)

Der Aufstand, der verzweifelte Kampf für die Freiheit Polens, paßte niemandem ins Konzept. Er war militärisch gegen Hitler und politisch gegen Stalin gerichtet und verletzte auch die Logik des Bündnisses der westlichen Demokratien mit dem Kreml-Diktator; er war ein Protestschrei gegen die Behandlung Polens als Kriegsbeute Stalins. Die Verteidigung des Aufstands und des Sinns der Opfer der Aufständischen, die Verteidigung der Heimatarmee und der ganzen AK-Legende war das Geheimnis des polnischen unglücklichen Bewußtseins. Es enthielt ein Bekenntnis - daß sich die Polen mit ihrer Unterdrückung nicht abgefunden hatten, sondern nur einer fremden Gewalt unterlegen waren.

Alle Debatten über den Aufstand erregten sehr starke Emotionen, denn sie paßten zum Kontext der schwarzen, den Aufstand verleumdenden Propaganda. (. . .) Als Tadeusz Borowski seine grausamen Auschwitz-Erzählungen veröffentlichte, Jan Jozef Szczepanski seine berühmte Erzählung Die Schuhe über die Degeneration der Partisanen im Kampf gegen die Hitlerfaschisten schrieb und Miron Bialoszewski sein Tagebuch aus dem Warschauer Aufstand verfaßte, erhob sich die immer gleiche Stimmung der Weigerung, den Aufstand im Namen der historischen Wahrheit und der Abrechnung mit den eigenen Fehlern zu entmythologisieren. Ich verfolgte diese Diskussion innerlich zerrissen. Mit meinem Verstand war ich Borowski, Szczepanski, Bialoszewski nahe, aber ein Stück meines Herzens verstand ihre Widersacher und Kritiker gut. Ich war verärgert, als das mythologisierte, heroische Bild des Aufstandes und der AK-Legende von Augenzeugen, Schriftstellern und Historikern kritisch beurteilt wurde. Die Legende des Aufstands ist ein Teil des polnischen Heiligtums geworden; jede andere Meinung wurde - auch durch mein eigenes Unterbewußtsein - als Angriff auf das Heiligtum betrachtet. (. . .)

Doch die Aufständischen waren gewöhnliche Menschen. Der tägliche Kontakt mit der Grausamkeit und dem Tod machte sie unempfindlich; sie unterschieden sich voneinander wie die Bewohner von Warschau vor und nach dem Aufstand. Sie waren kämpferisch und solidarisch, doch auch zerstritten und kleinlich, vernünftig und unvernünftig, edel und niederträchtig. In dieser dramatischen Zeit, als Straßenerschießungen und Razzien an der Tagesordnung waren, das Menschenleben seinen Wert verlor, der Abschaum und jeder Scherge leicht an eine Waffe kommen konnte, kam es nicht selten zu schrecklichen Vorfällen. Das veranschaulichen umfassend die Materialien der Justizorgane im Untergrund. (. . .)

Nach dem Krieg nahm die kollektive Erinnerung, was sehr menschlich ist, eine Auswahl aus den Ereignissen vor. Helden wurden in Erinnerung behalten, und vergessen wurde all das Wertlose im Leben des Menschen. Wir betrachteten uns selbst als unschuldige Opfer der fremden Gewalt und Gemeinheit. Von einer wirklichen politischen oder historischen Debatte konnte in einer Welt des totalitären Terrors und der totalitären Propaganda keine Rede sein. (. . .)

Die Aufdeckung schwarzer Kapitel der eigenen Vergangenheit führte zu Schockreaktionen, denn diese Vergangenheit sollte unbefleckt, rein und heroisch sein. Es genügt, litauische und ukrainische, serbische und kroatische, ungarische und rumänische, tschechische und slowakische Debatten zurückzuverfolgen. In Polen folgen auf Themen wie die "Weichsel-Aktion", Einmarsch in Zaolzie oder das Lager Lambinowice (Lambsdorf) Schockreaktionen. Das gleiche gilt auch für die polnisch-jüdischen Beziehungen. (. . .)

Der Einmarsch der Roten Armee in Polen bedeutete für die Juden das Ende des Holocausts, für einen AK-Soldaten den Anfang neuer Repressalien, Verschleppungen und Lager. Und umgekehrt: Für einen AK-Soldaten war ein auf die Juden lauernder Szmalcownik (Ausdruck für einen Judenerpresser) eine gemeine und verachtungswürdige, aber doch eine Randerscheinung, für einen sich versteckenden Juden war das Auftauchen eines Szmalcowniks ein Alptraum in jeder Minute.

Die polnische Untergrundbewegung war differenziert und pluralistisch. Vertreten waren hier alle Orientierungen der polnischen politischen Szene. In der Untergrundpresse kann man Ideen finden, die die polnische demokratische und Unabhängigkeitstradition mit dem Gebot einer realen Hilfe für die Verfolgten verbinden, aber auch antisemitische Texte. Bezeichnenderweise entschieden sich die meisten faschistischen, chauvinistischen und antisemitischen Organisationen in Polen für den Kampf gegen Deutschland und nicht für die Kollaboration. Mitglieder dieser Organisationen betrachteten die Juden, die überlebt hatten, als Feinde Polens und als potentielle Mitarbeiter der künftigen bolschewistischen Machtorgane. Manchmal verübten sie Verbrechen an Juden, aber zugleich kämpften sie heldenhaft während des Aufstandes. Unter Polen wie unter Juden gab es Verräter und Schurken. Sowohl Polen als auch Juden wollen sie vergessen, und das ist menschlich. Wer will sich denn an Momente seiner Demütigung oder der Erniedrigung seiner Nächsten erinnern? Sollte also heute daran erinnert werden? Wäre das nicht ein weiteres Argument für die Feinde meiner Nation, wäre das nicht eine weitere Schändung der AK-Gräber? Würde damit nicht all jenen recht gegeben, die Schnaps brannten und mit Deutschen Geschäfte machten, anstatt Barrikaden für die Aufständischen zu errichten? Würde eine solche Publikation nicht von all jenen ausgenutzt, die den Patriotismus mit Kritiklosigkeit und nationalem Größenwahn identifizieren? Darf man heute über schändliche Episoden des Aufstands schreiben, wo uns der 50. Jahrestag dieses Aufbegehrens bevorsteht, dessen Heldentum wir so hoch würdigen?

Ich nehme diese Fragen ernst. Ich denke aber, daß die Fähigkeit, sich mit den schwarzen Episoden des eigenen Erbes auseinanderzusetzen, für jede Nation eine demokratische Reifeprüfung ist. Meiner Meinung nach sind die Polen reif für die Demokratie, und das bedeutet, daß sie ein Recht auf die vollständige Wahrheit über ihre eigene Vergangenheit haben.


Michal Cichy (Gazeta Wyborcza vom 29./30.1.1994)

Polen und Juden - schwarze Kapitel des Warschauer Aufstands

          (. . .)

»zur Seitenübersicht«
  1. Ich versuche nicht, worauf ich nachdrücklich hinweisen möchte, eine Synthese der polnisch-jüdischen Beziehungen im Warschauer Aufstand zu schreiben. Ich sammle Unterlagen (manche davon wurden früher nicht veröffentlicht) lediglich über ein Teilstück dieser Beziehungen. Ich stelle die schwärzesten Episoden dar und versuche, sie zu erklären.

  2. Bekannt sind mir Berichte, Dokumente und Ausarbeitungen über die Ermordung von rund 60 Juden durch die Aufständischen, davon 44 oder 45 in zwei Massenmorden, von denen einer (30 Opfer der Nationalen Streitkräfte [NSZ])nur schwach dokumentiert ist. Einige Dutzend ermordete Juden sind statistisch gesehen nur eine geringe Zahl angesichts von 200.000 Opfern des Aufstandes, doch sind in der Geschichte nicht nur Statistiken von Bedeutung.
    (. . .)
  3. Bislang befaßten sich Historiker nicht eingehend mit der Geschichte der Juden im Warschauer Aufstand. Es gibt nur einzelne Kapitel darüber in umfassenderen Abhandlungen. Über die schwarzen Seiten dieser Epoche schrieb von den polnischen Historikern allein Andrzej Zbikowski vom Jüdischen Historischen Institut (ZIH) in seinem Vorwort zu den Erinnerungen von Samuel Willenberg.
    (. . .)
    Wir haben die wichtigsten Informationen nicht und werden sie möglicherweise nie haben. Die Zahl der Juden, die sich nach dem Ausbruch des Aufstands in Warschau versteckten, wird von 7.000 bis 30.000 geschätzt. Ich weiß nicht, woher die oft wiederholte Information stammt, daß unter den Aufständischen 1.000 Juden waren, von denen 500 fielen. Diese Zahlenangaben sind schwer zu überprüfen. Das gleiche gilt auch für die vom Holocaust-Historiker Martin Gilbert genannte Zahl von über 100 Mordtaten, die während des Aufstands von Polen an Juden verübt worden sein sollen.

  4. Für die Polen war der Beginn des Aufstands die ersehnte Befreiung, für die Juden, die sich versteckt hatten, war er hingegen ein Schock, wie ihn jemand erlebt, der aus der Tiefe an die Oberfläche kommt. Viele Juden hatten jahrelang ihre Verstecke nicht verlassen. In so strenger Konspiration hatten nicht einmal die Führer des polnischen Untergrund-Staates gelebt. Wir wissen eigentlich nicht, was aus den Juden im Chaos der ersten Tage des Aufstands wurde. Die nachfolgend zitierten Berichte betrachte ich nicht als Informationsquellen über die Morde, sondern als Zeugnisse des Klimas jener Tage. Am Anfang des Aufstands wurden Juden liquidiert, heißt es in dem Yad Vashem (YV) vorgelegten Bericht von Mieczyslaw Fuks (YV 0-16/450). Später war die Einstellung der Polen etwas besser und so konnte man Juden wieder auf den Straßen sehen. Die Bevölkerung zeigte mit dem Finger auf sie, hatte kein Mitleid mit ihnen, verhielt sich eher gleichgültig, zeigte sogar Befremden, daß sie überlebt hatten und machte sich über sie lustig.
    (. . .)
    Die polnische Adlige Helena Krukowiecka, die in ihrer Wohnung in der Mokotowska-Straße Juden versteckte, mußte ihnen am 1. August in den Luftschutzkeller folgen. Der Hausmeister spuckte in meine Richtung und sagte: Ich hielt Sie für ein anständiges Fräulein, und Sie verstecken Juden bei sich, heißt es in ihrem Bericht (YV 0-3/2518). Gleich danach schickte er mir das Glas mit Honig, das ich ihm für sein Töchterchen gegeben hatte, mit den Worten zurück, von einer Person wie mir werde er nichts entgegennehmen. (...) In unser Stadtviertel kam eine Aufständischengruppe aus dem Stadtteil Wola. Sie erfuhren schnell, welche "illoyale" Polin ich war. Zwei von ihnen brachen in unsere Wohnung ein und begannen, sie zu plündern. (...) Außerdem drohte mir einer, er werde mich bei einbrechender Dämmerung erschießen, weil ich Juden versteckt habe. Seitdem mied ich sie.
  5. Aus dem Bericht von Staszek Aronson, AK-Soldat während des Aufstandes (der Brief ist im Besitz von Teresa Prekerowa), habe ich erfahren, daß die Aufständischen bereits am 1. August aus Baracken auf dem früheren Umschlagplatz in der Stawki-Straße einige Dutzend jüdische Häftlinge befreit hatten.
    Es begannen mehrtägige Kämpfe um Gesiowka, ein Gefängnis und Konzentrationslager auf den Ghetto-Ruinen, wo die Deutschen mehrere hundert, vor allem ungarische, griechische und französische Juden gefangenhielten. 348 Juden wurden am 5. August vom AK-Bataillon Zoska befreit. Viele Überlebende wollten sich den Aufständischen anschließen. Einige, die technisch bewandert waren, wurden in den Panzerzug des Bataillons Zoska aufgenommen, andere kämpften in den ebenso berühmten AK-Bataillonen Parasol und Wigry. Die wohl größte Gruppe trat der Volksarmee (Armia Ludowa, AL) bei.
    Aus dem Bericht eines der Freigelassenen, Bronislaw Anlen (AZIH, Bericht 259), wissen wir, daß es im Gefängnis Gesiowka einen tragischen Vorfall gegeben hatte: Die Aufständischen erschossen drei deutsche Juden in der Annahme, es handle sich um SS-Männer in Häftlingskleidung.

  6. Am Vortag des Sturms auf das Gefängnis Gesiowka entstand das einzige mir bekannte Dokument der zentralen Führung der Aufständischen, in dem direkt von den Juden die Rede ist. Am 4. August schickte der Stabschef des AK-Hauptquartiers, General Tadeusz Pelczynski ("Grzegorz"), an den Kommandanten des Warschauer AK-Bezirks, Oberst Antoni Chrusciel ("Monter"), folgende Meldung: Ich teile Ihnen mit, daß im Stadtteil Wola die aus Jugoslawien, Griechenland usw. internierten Juden ein Problem darstellen. Ein Teil dieser Juden wurde von uns aus den Händen der Deutschen befreit. Sorgen Sie für die Einrichtung eines provisorischen Lagers, wohin alle befreiten Juden und andere unerwünschte Elemente geschickt werden können. Die Abteilungen sollten Anweisungen bekommen, die mögliche Exzesse den Juden gegenüber ausschließen. (AWIH III/40/12, 25). Diese Meldung ist zweideutig. Einerseits kümmert sich General Pelczynski darum, daß den befreiten Juden kein Unrecht geschieht, und andererseits schlägt er vor, sie zu isolieren. Es ist auch nicht klar, wer nach Ansicht von General Pelczynski "Exzesse" verursachen könnte: Zivilisten oder AK-Abteilungen (falls sie keine Sonderanweisungen bekommen). Einen schlechten Eindruck macht die Formulierung die Juden und andere unerwünschte Elemente, doch darf man andererseits nicht vergessen, daß hier von Bürgern fremder, besetzter Staaten die Rede ist und die Führung der Aufständischen besondere Verfahrensweisen Ausländern gegenüber vorsah.

  7. Unerwünschte Elemente wurden von den Aufständischen in Lagern interniert. Dorthin wurden Deutsche, Volksdeutsche sowie Ukrainer und Belorussen als Vertreter der mit den Deutschen kollaborierenden nationalen Minderheiten gebracht. Juden wurden in den Lagern nicht gefangengehalten. (. . .) Alle Ausländer mußten in Polizeikommissariaten der Aufständischen - des Staatlichen Sicherheitskorps (PKB) - eingetragen werden. Ich erkläre, daß unter Ausländern alle Personen einer anderen Nationalität als der polnischen zu verstehen sind, selbst wenn sie die polnische Staatsangehörigkeit aus der Zeit vor dem 1. September 1939 besitzen, wies der Leiter des Sicherheitsreferats im Stadtteil Warschau-Mitte am 25. August 1944 die Chefs der PKB-Kommissariate (AAN 202/XX-24, 149) an. Laut Anweisung sollten die polnischen Juden als Ausländer behandelt und erfaßt werden. (. . .) Diese Diskriminierungsmaßnahme hatte wahrscheinlich formalen Charakter. Ich las Dokumente, die davon zeugen, daß den Juden genauso wie der polnischen Bevölkerung von der Führung der Aufständischen Nahrungsgüter und Unterkunft zugeteilt worden waren. Dabei kam es übrigens zu Konflikten. (. . .) Die zivile Führung der Aufständischen behandelte die Juden gut, doch waren sie außerstande, sie vor der Abneigung oder der Aggression einiger Zivilisten zu schützen.
    (. . .)

  8. In den Erinnerungen Willenbergs heißt es, die meisten in der AK kämpfenden Juden hätten es nicht gewagt, sich zum Judentum zu bekennen und hätten einen neuen Namen angenommen. Von der Tatsache, daß sich die in der AK kämpfenden Juden als Polen ausgaben, handeln auch andere Unterlagen, u.a. die Erinnerungen von Hauptmann Waclaw Zagorski und Simcha Rotem, die Berichte von Alina Grelewska (YV 0-3/1617) und Mieczyslaw Fuks (YV 0-16/450). Vieles muß von konkreten Umständen abhängig gewesen sein, zum Beispiel dem mehr oder weniger jüdischen Aussehen oder dem jiddischen Akzent.
    In den einzelnen Stadtbezirken und Abteilungen muß es unterschiedlich gewesen sein. Schließlich sind auch Berichte bekannt, in denen Juden (darunter AK-Mitglieder) feststellen, sie hätten während des Aufstands keinen Antisemitismus erlebt. Efraim Krasucki ("Kazimierz") schrieb 1946 (AZIH, Bericht 1539): In unserer Kompanie in der Altstadt gab es ein gutes Dutzend Personen (Juden) mit ausgesprochen jüdischem Aussehen, doch war dies für niemanden wichtig. Es kam nie vor, daß eine solche Person anders oder schlechter behandelt wurde. Ich und mein Freund A. Rotrubin wurden, obwohl unsere Herkunft dem Kompanieführer, Hauptmann Kalinowski, bekannt war, von ihm ausgezeichnet. (...) Als am 7. August 1944 (...) zwei zuverlässige Personen als Schutz für Delegierte der Londoner Regierung zugeteilt werden sollten, die in einer wichtigen Mission von der Altstadt in die Innenstadt gehen sollten, wählte Hauptmann Kalinowski mich und Rotrubin als die zuverlässigsten Kämpfer aus. Es ist unmöglich, eine allgemeine Aussage über die Einstellung der polnischen AK-Soldaten ihren jüdischen Kampfgenossen gegenüber zu treffen. Außer subjektiven Berichten gibt es keine Unterlagen. In einem im Institut für das Militärgerichtswesen erhaltenen Dokument, das wahrscheinlich von der AK-Spionageabwehr stammt, heißt es aber: In der Armee wird allgemein geklagt, jüdische Soldaten arbeiteten vor allem in der Küche beim BIP (Informations- und Propagandabüro) oder übten andere Drückeberger-Funktionen aus. (AWIH III/43/72 Bd. III, 128)
  9. Samuel Willenberg, im August 1943 einer der Teilnehmer am Aufstand im Konzentrationslager Treblinka, trat ein Jahr später in der Innenstadt der Abteilung von Hauptmann Debski ("Lodecki") im AK-Bataillon "Ruczaj" bei und beschloß, nicht zu verheimlichen, daß er ein Jude war, und seinen richtigen Namen anzugeben. Anfänglich ging alles gut, bis ihn eines Tages eine mit ihm befreundete Meldegängerin warnte: Igo, hier sind einige NSZ-Typen, die dich erschießen wollen, weil du ein Jude bist. Mir drohten sie auch, weil ich mit einem Juden Umgang habe.
    Ich konnte das kaum glauben, doch als ich am selben Tag auf einer Barrikade in der Marszalkowska-Straße in Richtung des Zbawiciela-Platzes schoß, fiel ein Schuß. Eine Kugel sauste an meinem Ohr vorbei. Als ich mich erschrocken umdrehte, sah ich einen Gewehrlauf in einer Maueröffnung verschwinden. Ich konnte nicht glauben, daß meine Kollegen, die zusammen mit mir ihr Blut vergossen, nach all dem, was wir gemeinsam durchgemacht hatten, mich nur deshalb ermorden wollten, weil ich ein Jude war.
    Willenberg wechselte zu den Sozialistengruppierungen - der Polnischen Volksarmee (PAL) über. Aus den gleichen Gründen, und nicht unbedingt als Ausdruck ihrer politischen Sympathien, schlossen sich viele Juden der kommunistischen Volksarmee (AL) an.

  10. Am 3. August rief der Kommandant der Jüdischen Kampforganisation (ZOB), Icchak Cukierman ("Antek"), ein Zionist, die Warschauer Juden auf, sich den Aufständischen anzuschließen, ohne dabei eine konkrete Organisation zu nennen. "Antek" wollte die ZOB-Abteilung der Heimatarmee (AK) unterordnen, aber schließlich trat die aus 22 Teilnehmern des Ghetto-Aufstands bestehende Einheit der Volksarmee (AL) in der Altstadt bei.
    Ich war in der AL deshalb, weil die AK mich erschießen wollte, denn sie sagte, ich hätte eine falsche Kennkarte und sei ein Jude und Spion (...), schrieb das Mitglied der ZOB-Abteilung Marek Edelman. Es gelang mir, aus dem Keller einen Zettel hinauszuwerfen und Kaminski kam mir zu Hilfe. (...) Dann wollte mich die AK noch mehrmals erschießen, denn "die Juden seien ein Fehler". Außerdem gehörte die Gendarmerie in der Altstadt der ONR an, die reine Falange. (s. Grupinska)
    (. . .)
  11. Das Motiv Jude - deutscher Spion ist in zahlreichen Berichten und Dokumenten zu finden, so auch in den Aussagen von Pnina Grynszpan-Frymer im Buch von Grupinska sowie bei Vladka Meed, Marian Berland und Samuel Willenberg, die ich später bei der Beschreibung des Mordes in der Prosta-Straße anführen werde. Demnach kann man annehmen, daß die Juden während des Aufstands nicht selten der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt wurden. Sie überlebten, weil sie kollaborierten, nach Bronislaw Anlen (AZIH 259) war diese Meinung allgemein verbreitet. In den Unterlagen werden die Juden seltener wegen prosowjetischer Sympathien angeklagt. Der Verdacht der Kollaboration mit den Deutschen konnte im Aufstand die Erschießung ohne Gericht bedeuten: Und diesem Verdacht setzten sich die Juden absurderweise wegen des Besitzes von falschen Dokumenten, den sog. arischen Papieren, aus. Einige Personen, Christen, darunter eine Frau, brachten einige Personen, darunter 3 Frauen, unter dem Verdacht der Spionage in das Delegationsbüro (Innenstadt) in der Zlota-Straße 7. (...) Der Vorwurf der Spionage wurde damit begründet, daß sie sich mit arischen Personalausweisen auswiesen, während sie doch als Juden bekannt waren, erinnerte sich Stefan Sendlak. Sie hatten Glück, daß sie auf ein "Zegota"-Mitglied trafen. Der von der Gendarmerie inhaftierte Edelman hatte auch Glück, weil jemand seinen Zettel fand, so daß die Hilfe rechtzeitig kam. Pech hatte aber ein anderer Jude, ein PAL-Mitglied, von der AK im Stadtteil Czerniakow festgenommen, dem Willenberg aus dem Quartier in der Okrag-Straße heraushelfen wollte. Bei dem Festgenommenen wurde eine Liste von jüdischen Namen gefunden, die ein im Stab anwesender AK-Oberst (zitiert nach Willenberg) als Liste aller jüdischen Polizeispitzel in Warschau bezeichnete, bei der es sich in Wirklichkeit aber um eine Liste von Schutzempfohlenen der jüdischen Vormundschaftsorganisationen handelte. Die Adjutantin des Obersten, die Willenberg aus dem Zimmer folgte, gestand ihm im Flüsterton ein, sie sei eine Jüdin, und sagte, daß der Verhaftete erschossen worden sei. (. . .)

  12. Chaim Goldstein beschreibt in seinen Erinnerungen, die ich nach Reuben Ainsztein zitiere, drei Mordtaten, bei denen er Zeuge war. Eine Gruppe von früheren Gesiowka-Häftlingen, die in der Miodowa-Straße eine Barrikade errichteten, wurden von nicht identifizierten Aufständischen überfallen. Sie schrien: Erschießt sie alle! Wir wollen hier keine Juden! und erschossen zwei von der Gruppe, die noch ihre Häftlingsbekleidung anhatten. Später, als ihre Gruppe an einem anderen Ort Gräben aushob, hörte Goldstein viele Schüsse fallen und sah einen Juden in Agonie, über dem ein AK-Soldat mit Maschinenpistole stand. Zum Teufel mit ihm, er ist ein Jude!, soll der Mörder gesagt haben und unbehelligt weggegangen sein. Was kann ich machen? Er ist nicht von meiner Abteilung, entschuldigte sich der Kommandant der Arbeitsgruppe, ein AK-Oberleutnant.

  13. Wie oben erwähnt, ist in den Unterlagen von zwei Massenmorden die Rede. Ein Massenmord wird in einem nicht dokumentierten Auszug aus der Monographie "Kampf und Vernichtung des Warschauer Ghettos" von Bernard Mark geschildert. Darin heißt es: Eine NSZ-Abteilung aus der Altstadt hat während des Aufstands in der Dluga-Straße 25 eine Gruppe von 30 Juden ermordet, die sich dort während der ganzen Kriegszeit versteckt und jetzt zum erstenmal ihr Versteck verlassen hatten. Hätte Mark den Fall erfunden, so hätte er die Hausnummer nicht angegeben, denn die läßt sich leicht überprüfen, doch ist eine solche Information, auch wenn sie richtig sein kann, ohne weitere Quellen für einen Historiker unzureichend.
    Der zweite Massenmord, verübt am 11. September 1944 an 14 oder 15 Juden, die sich in der Prosta-Straße versteckten, war bisher aus drei Berichten bekannt. Alle stammten aus zweiter Hand. Ich habe die Archive des ZK der PVAP (heute Archiv Neuer Akten) und des Instituts für Militärgerichtswesen erforscht, wo nach dem Krieg die meisten in Polen erhaltenen AK-Archive zusammengetragen wurden. Ich fand den Bericht eines Augenzeugen, eines überlebenden Opfers des Massakers und noch weitere Unterlagen der Aufständischen. Darunter befinden sich Unterlagen eines Untersuchungsverfahrens der AK-Gendarmerie (AAN 203/X-32, AWIH III/43/72). Die Dokumente und Berichte ermöglichen eine ziemlich genaue Rekonstruktion der Mordtat in der Prosta-Straße bzw. der vorausgegangenen Morde sowie die Ermittlung von Straftätern und Anstiftern.

  14. Hauptmann Waclaw Stykowski ("Hal"), (Jahrgang 1912, fünf Semester Handelshochschule), im Untergrund aktiv seit Februar 1940, war zu Beginn des Aufstands Befehlshaber des III. Abschnitts im Stadtteil Wola und nach dem Rückzug aus Wola in der Innenstadt stationiert. Er befehligte eine selbständige Abteilung, die in den Unterlagen "Hal-Gruppierung", "III. Abschnitt" oder "Sowinski-Bataillon" genannt wird . Die Gruppierung operierte im September auf einem Gelände, das die Walicow-, Prosta-, Twarda- und Ceglana-Straße (heute Perec-Straße) umfaßte, wo "Hal" im Lagerhaus der Brauerei "Haberbusch und Schiele" sein Quartier hatte. Dies war ein Eldorado der Aufständischen, voller Nahrungsmittel und Alkohol. Von hier aus wurden Abteilungen in der ganzen Innenstadt versorgt. "Hal" übernahm ein Gelände, auf dem sich bis zum Herbst 1942 das sog. kleine Ghetto befunden hatte. Nach Ausbruch des Warschauer Aufstands versteckten sich dort viele Juden. Auf dem Gebiet des Ghettos, in der Twarda- und Grzybowska-Straße sind rund 150 Juden konzentriert, heißt es in einer AK-Meldung (AWIH III/43/72 Bd. III, 167). Ein Teil dieser Juden wird der Kollaboration verdächtigt. Diese Informationen haben wir von einem Kaplan bekommen, erfahren wir aus einem anderen Bericht (AWIH III/43/72 Bd. IV, 159).

  15. Der Gerber Dawid Zimler, der den Holocaust überlebt hatte, diktierte einen Bericht, der im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts (Nr. 470) aufbewahrt wird. Nach Ausbruch des Aufstands verließ Zimler sein Versteck und wurde Friseur im Quartier der Aufständischen in der Panska- und dann in der Ceglana-Straße.
    Acht Tage lang rasierte und schnitt ich die Haare der Aufständischen, die mich ziemlich gut behandelten, obwohl sie wußten, daß ich ein Jude war. Bis eines Tages ein Stabssoldat kam , meine Papiere sehen wollte und fragte, ob ich ein Jude sei. Ich sagte "Ja". Dann führte mich dieser Soldat zum Tor, wo Hauptmann Haller stand, der aus Posen stammte. Der Hauptmann zwinkerte dem Soldaten zu, das war eine Aufforderung, mich zu erschießen. Der Befehl lautete: "Zu Haberbusch, dort kriegst du Wein und Bonbons." Ich wußte, was das bedeutete, denn früher waren auf diese Weise 17 Juden getötet worden. Ich sagte "Nein". Daraufhin wurde ich mit Fäusten und Gewehrkolben geschlagen. Ich hatte blaue Flecken und Blut am ganzen Körper. Doch ich gab nicht auf, denn ich wollte um keinen Preis zu Haberbusch gehen. Ich wurde in die Twarda-Straße gebracht, wo ein geschlossenes Restaurant war. Der mich bewachende Oberleutnant und zwei Soldaten suchten einen Keller, wo sie mich umbringen könnten. Auf der Straße versammelten sich Menschen und manche von ihnen sagten, man dürfe jetzt die Juden nicht ermorden, diese Arbeit sei gut für die Deutschen, nicht für ehrliche Polen. Der Oberleutnant sagte aber, er hätte einen Befehl erhalten, der ausgeführt werden müsse. Dann kam ein Hauptmann, ein grauhaariger Mann, der die Soldaten zu überzeugen versuchte, daß es Scham und Schande für die Polen wäre, einen Juden umzubringen, der sich mehrere Jahre lang vor den Nazischergen versteckt hätte. Der Oberleutnant hörte auf den Hauptmann und ließ Zimler gehen.
    (. . .) In diesem Fall haben wir es mit einer offensichtlichen Jagd auf einen Juden und nicht mit einem Raubüberfall zu tun. Hierbei handelt es sich um keine spontane Aktion. Erteilte Hauptmann Haller ("Hal") doch dem Oberleutnant einen Befehl, der ausgeführt werden muß.

  16. Als nach dem Mord in der Prosta-Straße 4 die Gendarmerie ein Ermittlungsverfahren einleitete, gestand Leon Walicki, Kommandant der Fliegerabwehr im Haus an der Twarda-Straße 30: Etwa am 23.8.1944 informierten mich die in der Prosta-Straße 4 und 6 versteckten Juden über einen vermißten Hausbewohner, einen Mann namens Jagodzinski, gekleidet in eine helle Jacke, dunkle Hose, langes Gesicht. Ich erfuhr von der Familie des Vermißten, daß er ins Gebäude von Haberbusch, Ceglana-Straße 4 oder 8 (Lagerhäuser) verschleppt wurde und nicht zurückgekommen war. Jagodzinski sei, wie man mir sagte, von Leuten in AK-Uniformen verschleppt worden.(AAN 203/32, 70) In den Unterlagen des Ermittlungsverfahrens heißt es weiter, daß acht oder elf Männer mit AK-Binden aus dem Luftschutzkeller in der Walicow-Straße eine Frau namens Sokolowska, eine getaufte Jüdin, herausschleppten. Ihre Leiche wurde von ihrem Schwager gefunden, der den im Luftschutzkeller Versteckten davon berichtete.
    Am 11. September kamen drei AK-Soldaten, um den Schwager zu holen. Alle drei Männer kamen zum Schwager der Ermordeten und verlangten von ihm, mitzugehen, aber er zögerte, dann sagte einer der Männer: "Hab keine Angst, dir passiert nichts", und er entlud seine Waffe, "wir gehen nur zur Kommandantur, sagte die Zeugin Jadwiga Bokitko der AK-Gendarmerie gegenüber aus. Daraufhin schlug der Schwager vor, daß jemand mit ihm gehen möge. Die Männer waren damit einverstanden und ein Mann ging mit, doch kam dieser Mann, dessen Name mir unbekannt ist, danach zurück, er war sehr aufgeregt und gab keine Erklärungen. Am 12. d. M. habe ich erfahren, daß "der Schwager" ermordet worden war. (AAN 203/X-32, 67, der Auszug auch in AWIH III/43/72 Bd. III, 259)
  17. Am 11. September (Datum entsprechend den Untersuchungsakten) gegen 8.30 Uhr kam eine Gruppe von AK-Mitgliedern in die Ruinen des Hauses in der Prosta-Straße 4, wo sich ein gutes Dutzend Juden versteckte. In zwei Berichten heißt es, daß die acht bis zehn Mann starke Gruppe von einem Oberleutnant befehligt worden sei. Jonas Turkow, der dem Ereignis nicht direkt beiwohnte, sondern von einem Informanten darüber gehört hatte, nannte ihn Oberleutnant "Okrzeja". Es kann sich bei ihm um den Oberleutnant "Ostoja", Kommandant eines Bataillons in der "Hal"-Gruppe, gehandelt haben, über den es in der Meldung der AK-Spionageabwehr heißt: Dem Leutnant "Ostoja" wird von den Bewohnern der umliegenden Häuser vorgeworfen, er habe einen Juden umgebracht, der sich stets in Luftschutzkellern versteckt und jegliche Arbeitsaufträge abgelehnt habe. (AWIH III/43/72 Bd. IV, 23) Die AK-Soldaten holten die Männer aus dem Luftschutzkeller heraus, die Frauen wurden im Keller bewacht. Hier ein bisher nicht veröffentlichter Bericht des damals 29jährigen Janek Celnik ("Celinski"), der als einziger das Massaker überlebt hat. Während des Untersuchungsverfahrens sagte er aus: Wir wurden zu einem unbekannten Kommando geführt. Als wir das Haustor in der Prosta-Straße 4 verließen, mußten wir unsere Ausweise auf einen Haufen werfen, sie nahmen uns unsere persönlichen Sachen aus den Taschen heraus und behielten alle wertvollen Sachen für sich. Nach einer genauen Leibesvisitation wurde jeder von uns einzeln verhört, wo wir im Flüsterton folgende Fragen beantworten mußten: Gibt es hier Löcher, wo sich Juden verstecken? Verstecken sich noch mehr Juden hier? Wo versteckten wir uns während des Krieges? Stehen wir mit anderen Juden in Kontakt? Ich antwortete, daß ich hier seit dem Verlust meines Hauses lebte und daß andere aus demselben Grund hierher gekommen seien. Sie fragten alle, ob sie Juden seien. Die Antwort lautete "Ja".
    Sie fragten, ob wir Spaten hätten, andernfalls müßte ich mit einem von ihnen einen Spaten holen. Die anderen fünf würden umgebracht, der letzte müßte diese fünf begraben und den letzten würden sie selbst verscharren. Man ließ uns alle vorwärts in Richtung der Zelazna- und der Panska-Straße auf ein offenes Gelände gehen. Wir wurden einer nach dem anderen erschossen.
    Als ich die Leute neben mir fallen sah, begann ich nach rechts in Richtung der "Zgromadzenia Kupcow"-Handelsschule zu flüchten. Als ich ca. 50 Meter entfernt war, rannte mir ein Mann nach und schoß aus seinem Revolver auf mich. Mein Schulterblatt wurde verwundet und ich fiel zu Boden. Der Mann stand über mir und schoß auf mich, er gab etwa sieben Schüsse ab, von denen drei mich trafen, einer in den Hals und zwei in die Schulter. Er dachte, ich wäre tot, und ließ mich liegen, doch kam er nach einer Weile zurück, um zu prüfen, ob ich noch lebte. Ich lag ruhig und kroch erst zu den Ruinen, als er zu seiner Gruppe weggegangen war, damit mich niemand sehen konnte. Den Rest der Nacht versteckte ich mich in den Ruinen der "Zgromadzenie-Kupcow"-Schule. Dann vernahm ich weitere Schüsse und Schreie anderer Personen in meiner Nähe.
    (AAN 203/X-32, 64-65)
  18. (. . .) Ich zitiere den Bericht eines Überlebenden, niedergeschrieben in den Erinnerungen Willenbergs, der einen Tag nach dem Massaker Herszbajn und Bursztyn in der Prosta-Straße traf: Sie zerrten Frauen mit Kindern in den Keller. Gleich danach hörten wir Frauen schreien, die von Aufständischen vergewaltigt wurden. Darauf folgten Schüsse.
  19. Jonas Turkow und Henryk Bursztyn (AZIH, Bericht 1106) zählen die Ermordeten auf: Jerzy Gutman, seine Frau Melanie, geborene Haspel, ihr zehnjähriger Sohn Ryszard Gutman. Ignacy Bursztyn ("Philips"-Direktor in Lodz), seine Frau Estera, geborene Knaster, ihre elfjährige Tochter Noemi, die Schwester von Estera Bursztyn Anka Knaster, die Schwester von Ignacy Bursztyn Celina Ackerman, ihre siebzehnjährige Tochter Estera (oder Marysia). Tadeusz Orlanski, Tecia Szklar, ein zehnjähriges Mädchen (Name unbekannt), der Zahnarzt Szenfeld und seine Frau.
    Man sollte anmerken, fügt Turkow an, daß Szenfeld während des Mordes nicht im Bunker war. Als er zurückkam und von dem Unglück hörte, begab er sich in die Ceglana-Straße 7, wo sich der Stab der "Chrobry"-Gruppierung befand. (Irrtum. In der Ceglana-Straße 3 war der Stab der "Hal"-Gruppierung - Anm. MC). Empfangen wurde er von Hauptmann "Hal", dem er das von seinen Soldaten begangene Verbrechen schilderte. Danach ließ der Hauptmann Szenfeld von einigen Soldaten wegbringen, angeblich um den Fall zu untersuchen. Unterwegs wurde auch Szenfeld erschossen.
  20. Denselben Massenmord vom 11. September dürfte der nachfolgende Auszug aus den 1957 in London herausgebrachten Erinnerungen von Hauptmann Waclaw Zagorski ("Lech Grzybowski"), Kommandant des 2. Bataillons der AK-Gruppierung "Chrobry II", das mit der "Hal"-Gruppe benachbart war, betreffen. Auf einmal knallten scharfe Schüsse in den Ghetto-Trümmern, in seinem östlichen Teil, also irgendwo in der Nähe der Twarda-Straße. (...) Ein Feuerstoß folgte auf den anderen. Was ist los? Schlafen denn alle bei "Hal" oder haben sie die Deutschen durch Kanäle an ihren Rücken herankommen lassen? Alarm! Alaaaarm!! (...) Wir nähern uns dem Ende des Ghettos. (...) In einem Graben führt eine niedrige Tür aus rohem Holz in den dunklen Eingang eines unterirdischen Bunkers. An der Tür steht eine alte Frau, in ein Spitzentuch gewickelt. Sie lacht in sich hinein. (...) Wir steigen einige steile Treppen ohne Geländer in einen dunklen Keller herunter. Links auf Decken liegt eine junge Frau mit ausgebreiteten Armen. Auf ihrem hellen Perkalkleid sind große Blutflecken zu sehen. In einer Ecke hinter ihr krümmt sich eine ältere Frau vor Schmerzen, ihre durchschossene Schläfe und ihr Hinterkopf bluten stark. Die Tür rechts führt in einen zweiten Raum, in den etwas Licht durch einen schmalen Spalt im Gewölbe dringt. Im Zwielicht fällt es schwer, alle an der gegenüberliegenden Wand zusammengepferchten Menschen zu zählen. Es sind lauter Frauen. Auf dem Boden liegen geöffnete leere Koffer und deren Inhalt in großer Unordnung. (...) "Oma, konnten Sie sehen, wer schoß?" "Ich sah, ich sah. Das waren Soldaten." "Welche Soldaten?" "Unsere, unsere Soldaten, Gute Soldaten. He, he, he ... Sie gaben mir goldene Rubel." Sie breitet ihre Finger aus und zeigt eine Goldmünze. (...) Wir sind einige dutzend Meter vom Quartier von Hauptmann "Hal" entfernt. Vor dem eisernen Tor, das in die Haberbusch-Lagerhäuser führt, stand immer ein Wächter. Er muß die Schüsse gehört und mag die Flüchtenden gesehen haben. Wir gehen dorthin. Neben dem Wächter steht "Hal" in seiner weiten, knöchellangen Pelerine. "Ich grüße meinen tapferen Nachbarn." Aus den freundlichen Worten ließ sich aber Ironie heraushören. (...)
    "Haben Sie die Schießerei im Ghetto gehört?"
    "Ja. Wen habt ihr dort erschossen?"
    "Wir? Wir sind hierher gekommen, um zu sehen, was los ist. Ist es Ihnen denn nicht in den Sinn gekommen, einige Leute loszuschicken, um die Sache zu überprüfen?"
    "Nerven, Nerven, Herr Hauptmann ... Würde ich meine Leute überall hinschicken, wo ich Schüsse höre, dann müßten sie pausenlos hin- und herlaufen. Ich dachte, ihr wolltet wieder mal jemanden erschießen oder Eurem Harem einen Besuch abstatten."
    "Das ist doch Ihr Abschnitt, nicht meiner!" - sage ich trotz seiner boshaften Bemerkung.
    "Jedermann darf meinen Abschnitt betreten. Und jedermann ist willkommen. Ausgenommen die Deutschen."
    "Es zeigt sich, daß das nicht für alle zutrifft. Sehen Sie sich Ihre Gäste an! Im Bunker liegen die Leichen von sieben beraubten und ermordeten Jüdinnen."
    "Leichen können nicht flüchten. Was geht uns das an? Kommen Sie besser herein. Es ist an der Zeit, etwas zu essen. Jüdinnen, sagen Sie? Dann sollte sich ihrer der "Letzte Dienst" annehmen."
    "Es geht nicht um die Beerdigung. Man muß den Fall untersuchen und die Mörder fangen."
    "Dafür ist die Gendarmerie oder das Sicherheitskorps zuständig. Gehen wir, Herr Hauptmann, denn mir knurrt der Magen."
    "Vielen Dank, aber ich habe weder Zeit noch Appetit. Auf Wiedersehen!"
    "Auf Wiedersehen!"
    Wir gehen die Ceglana-Straße zurück. Hinter der Walicow-Straße kommt "Czes" (Czeslaw Kuczera) zu mir. Er will etwas sagen. "Leszek, hör zu", sagt er schließlich halblaut, "ich bürge mit meinem Kopf dafür, daß es die Burschen vom Schlägertrupp "Hals" gewesen sind. Sie haben bereits mehrere Jungen wegen einer Kleinigkeit erschossen und auf dem Innenhof hinter dem Tor begraben. Jeder weiß es, doch alle haben Angst. Sie sagen, dies sei ihr Kriegsrecht. Wenn jemand sich auflehnt, dann sagen sie, er habe einen Befehl nicht ausgeführt und fertig. Er kann später vor Gericht gehen, nachdem er ins Gras gebissen hat."

  21. In der Twarda-Straße 30 wurden Männer von der nahegelegenen Prosta-Straße 4 erschossen. Hauptmann Dr. Roman Bornstein ("Born"), ein Jude, im Aufstand der Chefarzt der AK-Gruppierung "Chrobry II", gab in seinem Nachkriegsbericht für das Institut Yad Vashem (0-33/1157) an, daß in der Twarda-Straße 30 am 11. September 30 Juden ermordet worden seien (diese Zahl zitieren Historiker, u.a. Krakowski und Gilbert). Meiner Meinung nach ist das ein Mißverständnis. Bornstein, der nicht am Tatort gewesen war, hatte zwei Adressen und mag die Opfer ein und derselben Mordtat zweimal gezählt haben.

  22. Hauptmann Zagorski und Hauptmann Dr. Bornstein setzten die Behörden sofort über den Mord in Kenntnis. Bornstein traf sich sogar mit General Antoni Chrusciel ("Monter"), dem Kommandanten des Warschauer AK-Bezirks und dem faktischen Kommandanten des Aufstands. Die schriftliche Meldung und eine mündliche Erklärung machten einen starken Eindruck auf ihn, heißt es im Bericht Bornsteins für Yad Vashem. Er war entrüstet (...) Er machte viele Notizen. Er befahl der Gendarmerie, unverzüglich ein Untersuchungsverfahren einzuleiten. Die Schuldigen sollten vor das Militärgericht gebracht werden. Das Untersuchungsverfahren wurde eingeleitet, doch niemand mußte sich - laut Dokumenten - vor Gericht verantworten, obwohl nach einigen Tagen des Untersuchungsverfahrens zwei Soldaten von der "Hal"-Gruppierung verhaftet wurden (dies waren aber nicht diejenigen, die in den Untersuchungsprotokollen belastet worden waren). Es fehlte der Hauptzeuge, denn Janek Celnik ("Celinski") flüchtete am 14. oder 15. September, also zwei bis drei Tage nachdem ihm aus der Schulter eine Kugel herausgenommen worden war, aus dem Krankenhaus.
    Während des Untersuchungsverfahrens gab es viele Vermutungen. Im Rapport eines Offiziers der AK-Spionageabwehr vom 13. September heißt es sogar: Die Juden begingen selbst oder mit Hilfe anderer Elemente vom 11. zum 12 d. M einen Massenmord, nur um die AK zu kompromittieren. (AWIH III/43/72 Bd. III, 167) Bestätigt wird also damit der schockierende Bericht Willenbergs: Nach einigen Stunden kam von der Zlota-Straße die Gendarmerie der Aufständischen von der "Chrobry"-Abteilung (eigentlich "Chrobry II" - Anm. MC) an. Sie schrieben einen Rapport, den sie uns dann vorlasen. (...) Darin hieß es, daß Juden andere Juden zwecks Raub ermordet hätten.
  23. In den Untersuchungsakten hat sich die Meldung von Hauptmann "Hal" vom 13. September (AAN 203/X-32, 62) erhalten, nach dem Ukrainer oder verkleidete Volksdeutsche die Mörder gewesen seien. (. . .)
    Erst am 20. September erinnerte sich Hauptmann "Hal" daran, was aus dem Schwager von Frau Sokolowska aus der Walicow-Straße geworden war (bei früheren Verhören schwieg er darüber), und der für das Untersuchungsverfahren zuständige Gendarm schrieb folgendes auf: Wie heute, am 20. d.M. Hauptmann Hal, Kommandant des Abschnitts, mündlich erklärte, war der vorgenannte Jude beim Spionieren ertappt worden. Beweis dafür sind die in seiner Jacke eingenähten und gefundenen Papiere, mit denen er auf die deutsche Seite passieren durfte, deshalb wurde er von seinen Leuten erschossen. (AAN 203/X-32, 80) Die Beteiligung der "Hal"-Soldaten an der Mordtat wurde bereits viel früher erwähnt. Bereits am 12. September morgens meldete Stabsgefreiter "Dmowski" (AAN 203/X-32, 61), daß gegen 1.00 Uhr in der Nacht vom 11. September eine fünf Mann starke Streife von der "Hal"-Gruppierung am Tatort in der Prosta-Straße einen Soldaten von dieser Gruppierung, den Stabsgefreiten "Unrug" ("Mat") ertappt habe. Im Rapport eines Offiziers der AK-Spionageabwehr vom 21. September heißt es: Bei ihm ("Unrug") wurden goldene Gegenstände und 6.000 Zloty gefunden. Als einer von der Streife, der Schütze "Kotek", die massakrierten Leichen der Juden sah, erschoß er "Unrug" spontan. Dann begrub er zusammen mit dem Oberfeldwebel "Nowina", dem Stabsgefreiten "Nosek" und dem Stabsgefreiten "Mucha" die Leiche von "Unrug" im Ghetto. Die Schmucksachen und das Geld wurden an Hauptmann "Sep" (von der Gruppierung Chrobry II") geschickt. (AWIH III/43/72 Bd. IV, 23) Ich stelle die Hypothese auf, daß die Ermordung des Stabsgefreiten "Unrug" und das Wegschicken der Schmucksachen ein Versuch der Mörder gewesen sein könnte, die Spuren zu verwischen und einen Sündenbock zu präsentieren. Vielleicht hatte ihnen der Besuch von Hauptmann Zagorski im "Hal"-Quartier Angst eingejagt? Vielleicht stellten sie bei der Beerdigung der Leichen der Männer im Trichter fest, daß ein Opfer überlebt hatte? Das schließt keinesfalls aus, daß "Unrug" einer der Mörder gewesen sein könnte. (. . .)

  24. Der Stabsgefreite "Mucha", sein Bruder, der Schütze "Wrona" (am 11. September soll er bereits tot gewesen sein), der Stabsgefreite "Dmowski", der Schütze "Kotek" und wohl die Stabsgefreiten "Nosek" und "Unrug" gehörten dem Zug des Oberfeldwebels "Nowina" an. Der Stabsgefreite "Mucha" war in diesem Zug Gruppenführer. "Mucha", "Dmowski" und "Kotek" hatten vor dem Aufstand gemeinsam eine Schnapsbrennerei geführt. Über "Mucha" lesen wir auch im Rapport des Gendarmen "Klos" vom 17. September: Ich habe ermittelt, daß der Stabsgefreite "Mucha" (sein richtiger Name ist auch Mucha) von der Abteilung des Hauptmanns "Hal" in der Umgebung der Mirowska-Hallen als Händler und dafür bekannt ist, daß er von den Juden, als sie im sog. Ghetto waren und in den "polnischen" Stadtbezirk kamen, Schmiergelder annahm, und auch von jenen, die Nahrungsmittel in das jüdische Stadtviertel lieferten, Tribut verlangte. (AAN 203/X-32, 73)
    "Mucha", "Wrona" und andere nahmen häufig an verschiedenen Requisitionen teil, denn sie waren in einer Sonderabteilung, die Aufträge des Kompanieführers auszuführen hatte (so wird in diesem Dokument "Hal" bezeichnet)", sagte einer der beiden in dieser Sache Verhafteten, der Schütze "Francuz", aus und betonte, er selbst gehöre einem anderen Zug an und hätte mit der "Mucha"-Gruppe nichts zu tun. (AAN 203/X-32, 76)
    Einige Stunden vor der Mordtat in der Prosta-Straße 4 nahmen "Nowina", "Mucha", "Dmowski" und "Kotek" den Oberfeldwebel "Blazej" von der Gruppierung "Chrobry II" fest, den "Mucha", "Dmowski" und "Kotek" wiedererkannten und erklärten, der Vorgenannte hätte vor Ausbruch des Aufstands als Angehöriger der Polnischen Polizei von ihnen Schmiergelder wegen Führung einer illegalen Schnapsbrennerei angenommen und ihnen mit einer Anzeige bei der Gestapo wegen Zugehörigkeit zu einer Unabhängigkeitsorganisation gedroht. (Aussage des Oberfeldwebels "Nowina", AAN 203/X-32, 54). Bei der Festnahme bekannte sich der Oberfeldwebel "Blazej" schuldig und versuchte, an der Kreuzung der Sienna- und der Twarda-Straße zu entfliehen. Dann gab der Stabsgefreite "Mucha" etwa drei Schüsse auf ihn ab, und als der Oberfeldwebel "Blazej" fiel und in Agonie lag, feuerte ich einen Schuß auf ihn ab, sagte der Stabsgefreite "Dmowski" aus. (AAN 203/X-32, 55)
  25. Abram Bursztyn hat 1945 die sterblichen Überreste seiner Nächsten auf dem Warschauer Jüdischen Friedhof beerdigt. Hauptmann Waclaw Stykowski ("Gorczyc", "Hal") starb 1981 und wurde auf dem Friedhof Powazki begraben.

Archivalische Quellen:

  • AAN - Archiv Neuer Akten in Warschau, früher Zentrales Archiv des ZK der PVAP
  • AWIH - Archiv des Militärhistorischen Instituts in Rembertow
  • AZIH - Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau
  • YV - Archiv des Instituts der Märtyrer und Helden des Holocausts Yad Vashem, Jerusalem

Tomasz Strzembosz (Gazeta Wyborcza vom 5./6.2.1994)

Polen und Juden: ein schwarzes Blatt der "Gazeta Wyborcza"

»zur Seitenübersicht«

(. . .) Am 26. Januar rief mich ein "Gazeta"-Redakteur an und bat mich um eine möglichst schnelle Bewertung des Beitrags von Michal Cichy. Ich habe den Text am 27. Januar mittags erhalten und einige Stunden später eine mündliche Antwort darauf gegeben. Die Antwort war negativ. Dennoch ist der Beitrag zwei Tage später erschienen. Ich möchte fragen: Warum hat man denn nicht eine Woche gewartet, um noch die Meinung anderer einzuholen und um über den Text Cichys dann vielleicht ruhiger und kompetenter nachdenken zu können - u.a. auch darüber, ob eine derartige Publikation gerade 1994, zum 50. Jahrestag des Aufstands, zweckmässig ist?
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die "Gazeta" unbedingt als erste diesen Jahrestag auf die für sie spezifische Weise "ehren" wollte. Handelt es sich hierbei doch um den Jahrestag des größten Aufstands im besetzten Europa gegen den Totalitarismus, eines Aufstands, bei dem mehr als 200.000 Menschen ums Leben gekommen sind.

  1. Das Kernstück der Rezension von Cichy über das Buch von Calel Perechodnik bestand eigentlich in der Feststellung, daß Perechodnik "sogar den Aufstand" überlebt hat, "als AK und NSZ einen großen Teil der Ghetto-Überlebenden umbrachte". Diese These wurde dann trotz der redaktionellen Anmerkung, daß dies eine "unzulässige Verallgemeinerung" gewesen sei (akzeptiert von der "Gazeta"-Redaktion selbst, hat Cichy doch seine Rezension nirgendwo anders veröffentlicht), unverändert in dem jetzigen, umfangreichen Beitrag wiederholt. Denn der Autor, der die Informationen über die während des Warschauer Aufstands an polnischen Bürgern jüdischer Herkunft verübten Verbrechen zusammenträgt, läßt einen Gedanken nicht aufkommen: daß Menschen in "Aufständischen-Uniformen" (sic!) oder einfach aufständische, bewaffnete Menschen (wir wissen nur, daß sie Waffen hatten) keine AK- oder NSZ-Soldaten, sondern Angehörige des Sicherheitskorps, der Volksarmee (AL) oder der Kampforganisation des Polnischen Syndikalistenverbandes usw. hätten sein können. Unter dieser Voraussetzung müssen all diese - angeblichen oder wirklichen - Mordtaten der AK oder der NSZ zugeschrieben werden. Unabhängig davon, ob der Autor die Straftäter einer konkreten Abteilung "zuordnen" kann oder nicht (generell kann er das nicht!).
    (. . .)

  2. Der Beitrag von Cichy basiert nur in geringem Maße auf unwiderleglichen, nachgewiesenen Tatsachen. Wenn er also über Geschehnisse schreibt, die ihm aus nur einem, von niemandem bestätigten, unpräzisen und unsicheren Bericht bekannt sind, dann merkt er das nie an, er hält gegenüber dem, was sich als Erfindung, Fehler oder Unklarheit erweisen mag, keinerlei Distanz. Nie flicht er die Worte "wie es scheint", "nach Meinung des Berichterstatters", "bestimmt", "wie von ... behauptet wird" usw. ein. Kommt es ihm doch hier nicht auf Tatsachen an. Cichy arbeitet an der Herstellung eines Klimas. Er bewirkt, daß sich über dem Warschau des Aufstands Wolken des Antisemitismus und des Verbrechens auftürmen. (. . .)
    Die Tatsache z.B., daß 348 Juden aus dem Gefängnis "Gesiowka" befreit und damit vor dem sicheren Tod durch die Gestapo gerettet wurden, schildert er ohne Emotion, ganz allgemein, so daß das Gesamtbild nicht gestört wird. (. . .) Cichy stellte dieses Faktum in seinem Beitrag, der nicht nur von Mordtaten handelt, in keinen umfassenderen Bezugsrahmen. Für ihn war es wichtiger, sich dem Antisemitismus namentlich nicht bekannter Menschen oder Räuberaktionen von Warschauer Schurken zuzuwenden.

  3. Die Ermordung von über zehn Juden durch den Sturmtrupp der "Hal"-Abteilung, die einzige wirklich belegte Tatsache, illustriert gut eine andere Eigenschaft der "Methodologie" von Cichy. Die Verbrechen von "Hal"-Leuten interessieren ihn nur unter einem Aspekt: der Einstellung der jüdischen Bevölkerung gegenüber. Daß der aus Abschaum zusammengesetzte Schlägertrupp Menschen unabhängig von ihrer Nationalität ermordete, daß Bewohner aus diesem in andere Abschnitte flüchteten, um ihr bedrohtes Hab und Gut sowie ihr Leben zu retten, daß auch AK-Soldaten getötet wurden, ist für ihn nicht von Bedeutung und er verschweigt das. Wichtig ist eins: Jene AK-Soldaten haben Juden ermordet. Warum gerade Juden? War der Grund nur deren zoologischer Antisemitismus? Oder ermordeten sie die Juden vielleicht deshalb, weil diese sich in Löchern verstecken mußten und keiner größeren Gemeinschaft angehörten, die sie verteidigen konnte? Oder auch deshalb, weil man erwartete, bei ihnen Gold und andere Kostbarkeiten zu finden (das bestätigt der Bericht von W. Zagorski), weil sie vollständig eingeschüchtert waren und man nicht befürchten mußte, daß sie Widerstand leisten werden? So wurden die Mordtaten von Kriminellen vor allem als Ausdruck des Antisemitismus dargestellt, wie auch jene Banditen vor allem als AK-Soldaten vorgestellt wurden.

  4. (. . .) Ich habe nie davon gehört, daß in der "Gazeta" (ebenso in "Tygodnik Powszechny") ein Beitrag zum Thema des Holocaust an den Zigeunern veröffentlicht worden wäre. Es ist ja gar nicht wichtig, ob Juden, Zigeuner, Indianer oder australische Ureinwohner umgebracht wurden. Ermordet wurde eine Nation, ein Volk, ein Stamm, eine Gemeinschaft. Das Desinteresse am Schicksal der Polen bei demselben "Hal"-Abschnitt, einem Schicksal, von dem dieselben Quellen berichten, ist für mich eine bedeutungsvolle und zum Nachdenken Anlaß gebende Tatsache.

  5. Von den ca. 60 Mordtaten, "darunter 44 oder 45 in zwei Massenmorden" (Punkt 2), über die Cichy schreibt, hat er in seinem umfangreichen Beitrag (er war übrigens nicht der erste) den Tod von 14 oder 15 Personen nachgewiesen. Informationen über drei weitere Mordtaten können als glaubwürdig gelten. Andere Informationen sind historisch nicht belegt, mitunter geht es nur um zweifelhafte Indizien. Ähnlich verhält es sich mit anderen Beschuldigungen der NSZ wegen Attentaten auf Juden. Sind die Warnung an Samuel Willenberg durch eine Meldegängerin vom "Ruczaj"-Bataillon, daß "es hier einige Typen gibt, die dich erschießen wollen" und die über dem Kopf sausende Kugel, von irgend jemandem abgefeuert, doch kaum eine Vermutung, geschweige denn ein Beweis! Der Autor der Erinnerung bringt nur die beiden Fakten zusammen. Es steht nicht fest, wer geschossen hat, ob es im "Ruczaj"-Bataillon überhaupt NSZ-Angehörige gegeben hat. (. . .) In meinem Seminar ist eine Arbeit über das "Ruczaj"-Bataillon entstanden, in dem die NSZ mit keinem Wort erwähnt wird. Das war ein Bataillon der AK, während des Aufstands hätten sich ihm verschiedene Menschen anschließen können, waren sie aber gerade von der NSZ? Heute wissen wir ziemlich viel über diese Organisation, aber zu jener Zeit konnte man sehr leicht die Organisationszugehörigkeit von Menschen verwechseln. (. . .) Warum hätte die Meldegängerin eines AK-Bataillons genau wissen sollen, welcher Organisation ihre Mitkämpfer angehörten? (. . .)
    Auch die Äußerung von Marek Edelman, der allgemeines Ansehen genießt, daß die Gendarmerie in der Altstadt von der ONR kam, die reine Falange war ist noch kein Beweis. Zumal die Situation in der Altstadt sehr kompliziert war.
    Die Funktionen, die gewöhnlich der Gendarmerie zugeteilt wurden, sollte in der Altstadt die von Hauptmann Wlodzimierz Kozakiewicz ("Barry") befehligte Abteilung des Staatlichen Sicherheitskorps (PKB) erfüllen. Doch sie konnte anfänglich diesen Auftrag nicht erfüllen, denn sie war an der vordersten Front aktiv, wo sie übrigens große Erfolge hatte. Die Rolle des Ordnungshüters und des Sicherheitsdienstes spielte also in der Altstadt die PPS-Miliz mit Sitz an der Ecke Dluga/Barokowa-Straße (sie machte dadurch von sich reden, daß sie General "Bor" mit dem Stab nicht hereinlassen wollte, nachdem sich dieser aus dem Stadtteil Wola zurückgezogen hatte). Im selben Stadtbezirk wirkten das PKB-Kommando der Hauptstadt und das Kommando des PKB-Bezirks Innenstadt, doch führte das PKB bis zum 9. August 1944 so gut wie keine spektakulären Aktionen durch. Später entstanden schwache PKB-Kommissariate und dann das Untersuchungsamt, das sämtliche Kriminalfälle an das Militärsondergericht weiterleitete (es hat 32 Todesurteile gefällt). Die Polizeifunktionen erfüllte demnach nach wie vor das 4. Bataillon der WRN-PPS-Miliz (d.h. eigentlich eine Kompanie, befehligt von Hauptmann Aleksander Kaczynski ["Pomian"]). Schließlich tauchte die seit einiger Zeit bestehende Feldgendarmerie auf, die formal von Major Wladyslaw Drzymulski ("Walczak"), Chef der Gendarmerie des AK-Hauptquartiers und in Wirklichkeit von Major "Barry" vom PKB befehligt wurde. Nur ca. 80 Angehörige seiner 320 Mann starken Abteilung erfüllten strikte Funktionen der Gendarmerie: der Zug von Oberleutnant "Rys" (Name unbekannt), der "Mlot"-Zug der NSZ und ein Zug des AL-Sicherheitsdienstes sowie die Sektion der Berufsgendarmerie von Wachtmeister "Brodaty" (Name unbekannt). Der Stellvertreter von "Barry" wurde der Kommandant des AL-Sicherheitsdienstes (früher Volksgarde GL), Stanislaw Kurland ("Krzeminski"), ein "starker Mann" im GL-Oberkommando, der zweifelsfrei Beziehungen zu Sonderdiensten der UdSSR hatte und in der GL weitgehende Befugnisse besaß. Wer war also beinahe bis zum Schluß Kommandant der Gendarmerie in der Altstadt? Eines steht fest: die ONR-Falange war es bestimmt nicht.
    Ich schreibe darüber so ausführlich, um darauf hinzuweisen, wie leicht es ist, Fehler zu machen, sich von Eindrücken beeinflussen zu lassen und nicht bestätigten Berichten Glauben zu schenken, auch wenn sie aus glaubwürdigen Quellen kommen mögen. Im Falle des NSZ-Mordes in der Altstadt handelt es sich um den größten von Cichy angeführten Massenmord, die Hälfte aller von ihm aufgeführten (angeblichen) Verbrechen, die an der jüdischen Bevölkerung begangen wurden.

  6. Der Autor macht sich keine Gedanken über Proportionen. Wenn es seinen Angaben zufolge in dem vom Aufstand erfaßten Warschau 7.000 bis 30.000 Menschen aus dem Getto gab, von denen ein gutes Dutzend ermordet wurden, wie steht es dann um die in der Rezension des Buches von Perechodnik enthaltene These von der "Niedermetzelung" von Juden während des Aufstands? Wie verhält sich dies zu dem Satz über Perechodnik, der "sogar den Warschauer Aufstand" überlebt hat, wo ihn nicht die Wehrmacht, die SS, die Polizei oder die Wlassowisten usw., sondern die Aufständischen von der AK und der NSZ bedroht hatten? Wo ist hier die Verantwortung für das geschriebene Wort, wo die Aufrichtigkeit des Forschers? Selbst wenn diese Verbrechen nachgewiesen worden wären - hier ist schließlich die Rede von einem Tausendstel.

  7. Wenn man über die Sicherheit und die öffentliche Ordnung in Warschau während des Aufstandes schreibt, und eben hier finden die Verbrechen statt, nach denen der Autor sucht, dann sollte man wohl die Demoralisierung der ganzen Bevölkerung während des Krieges und des Aufstandes in Betracht ziehen, einer Bevölkerung, die fünf Jahre lang in einem Klima von Blutvergießen, Grausamkeit, Gewaltanwendung und Verbrechen leben mußte. Es herrschte eine Situation des legalisierten Unrechts, auch den Juden gegenüber, die man - mit Zustimmung der Besatzungsmacht - töten und Henkern ausliefern konnte. Dies konnte selbstredend nicht ohne Einfluß auf den Charakter und das Ausmaß der Kriminalisierung bleiben, die auch während des Warschauer Aufstands in Erscheinung trat. Insbesondere wenn wir das Chaos an den ersten und letzten Tagen in Betracht ziehen, als keine einzige Polizeiformation effektiv funktionierte und alle Verbrechen unbestraft blieben. In dem Beitrag von Cichy, in dem all dies mit keinem einzigen Satz erwähnt wird, bleiben zahlreiche Verbrechen unverständlich, und zwar nicht nur jene, die an polnischen Bürgern jüdischer Herkunft begangen wurden.
    (. . .)

Zum Abschluß noch einige Bemerkungen, etwas anders formuliert:

Bemerkung 1.

  • Ich bin nicht dagegen, daß über den polnischen Antisemitismus geschrieben und gesprochen wird; ich bin auch nicht dagegen, daß über Antagonismen, ja sogar nationale Chauvinismen gesprochen wird, die es in aller Welt gibt. Ich bin aber dagegen, daß auf eine Weise darüber geschrieben wird, die sowohl Antisemitismus als auch Polenfeindlichkeit provoziert und die Beziehungen nicht nur zwischen Staaten oder Völkern, sondern auch zwischen Menschen stört, die einander vertrauen und Freunde sind. Ich bin gegen Manipulationen, in die "historische Wahrheiten" eingeflochten werden.

Bemerkung 2.

  • Die "Methodologie" im Beitrag von Cichy ließe sich bildlich folgendermaßen darstellen: Ich greife zu Polizeimaterialien über die Kriminalität in Warschau 1993, finde darin zwei Vergewaltiger von der Demokratischen Union und schreibe einen Beitrag mit der Überschrift "Vergewaltiger von der Demokratischen Union" oder "Mitglieder der Demokratischen Union vergewaltigen Frauen in Warschau". Was würde der Chefredakteur der "Gazeta" zu solch einem Beitrag sagen?

Bemerkung 3.

  • Viel Lärm wurde um jene gemacht, die über Juden als Angehörige des kommunistischen Sicherheitsdienstes geschrieben haben, wo diese übrigens die leitenden Posten bekleideten und für das Foltern und den Tod von Hunderten von Mitbürgern mitverantwortlich waren: über Feigin, Rozanski, Bristyger, Swiatlo ... und damit nicht über Schurken aus Wola, sondern über Menschen, die einen wesentlichen Teil der Machtelite in der VR Polen bildeten.
    Würde ich einen Beitrag über ihre Verbrechen (deren Zahl bestimmt viel höher war) schreiben, ohne mich für die Verbrechen der Polen im Sicherheitsdienst zu interessieren, so dürfte ich als widerlicher Antisemit abgestempelt werden, der Menschen nach Rassenkriterien unterscheidet. Aber umgekehrt darf man so schreiben!!!

Bemerkung 4.

  • Ich kann mich seit langem des Eindrucks nicht erwehren, daß die Toleranz, die der "Gazeta"-Kreis verkündet und realisiert, eine Toleranz ist, die absolut keinen Antisemitismus duldet, während sie Polenfeindlichkeit und jüdische Feindlichkeit gegenüber Nicht-Juden für etwas ganz Natürliches hält, die mit Intoleranz nichts zu tun haben. Das ist eine "einseitige" Toleranz, die dazu dient, die einen mit der vollen Aggression der anderen zu bezwingen. So etwas hat man uns in diesem Beitrag beschert.

Tomasz Strzembosz, (Professor der Neueren Geschichte, Leiter der Selbständigen Abteilung für Geschichte der Ostgebiete der Zweiten Republik Polen am Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Lehrbeauftragter an der Katholischen Universität Lublin)


Andrzej Paczkowski (Gazeta Wyborcza vom 5./6.2.1994)

Ist es eine Sünde, die Wahrheit zu sagen?

»zur Seitenübersicht«

  1. Die Gegenwart beschreibt die Vergangenheit, die Vergangenheit ist ein Teil der Gegenwart. Das ist ein für den Historiker schwer zu lösendes Problem. (. . .) So kommt es vor, daß ein Historiker einem schwierigen, oft unlösbaren Dilemma gegenübersteht: Soll er gegenüber der Wahrheit oder gegenüber der Gemeinschaft, der er angehört, loyal sein?
  2. Die Kämpfe, die die Polen während des Zweiten Weltkrieges ausgefochten haben, gehören zu den wichtigsten Bestandteilen der nationalen Tradition. Der Warschauer Aufstand war die Quintessenz dieser Kämpfe. Seine Bedeutung ist um so größer, als er noch in den Erinnerungen lebt und nicht nur ein Teil des Kulturerbes ist wie der Januaraufstand von 1864.
    (. . .)
  3. Es fällt schwer, über alte Zeiten zu schreiben, wenn nur wenige Fakten festgehalten worden oder überprüfbar sind. Die jüngste Geschichte läßt sich noch schwerer schreiben, denn wir wissen darüber zu viel. Oft auch das, was wir lieber nicht wissen wollen. Es gibt Ereignisse, die uns nicht ins Konzept passen, weil sie mit unseren eigenen, einstmals geäußerten Meinungen nicht übereinstimmen. Oder auch weil sie im Widerspruch zu der allgemein akzeptierten Vorstellung von der Vergangenheit der Gemeinschaft stehen, mit der wir uns identifizieren. In diesen Fällen gibt es nur zwei Möglichkeiten: vergessen (mitunter auch einfach unbewußt verdrängen) oder darüber sprechen; ich bin für das Sprechen. Ich bin dafür als Historiker. Doch ich bin auch dafür, weil ich mich als Bürger eines freien Staates und als Mitglied einer nationalen Gemeinschaft fühle und fühlen will, die sich von demokratischen Prinzipien leiten läßt, bzw. von der ich möchte, daß sie sich von ihnen leiten läßt.
  4. Die Anerkennung einer Tatsache muß nicht die Zustimmung dazu bedeuten, daß davon in aller Öffentlichkeit gesprochen wird. Das Problem ist auch nicht nur, "ob", sondern "wie" man darüber sprechen sollte.
  5. Das ist gar nicht einfach, ja sogar höllisch schwierig, wenn man sich dessen bewußt ist, daß die Wahrheit, die man sagen will, einem allgemein akzeptierten großen Symbol widerspricht.
  6. Vor der Veröffentlichung des Beitrags von Michal Cichy fragte mich die "Gazeta", ob ich diese Veröffentlichung für richtig hielte. Ich machte einige Detailbemerkungen zum Text und sprach mich dafür aus. Nach der Lektüre "Polen und Juden - schwarze Kapitel des Warschauer Aufstands" bin ich noch immer dieser Meinung. Als die Redaktion über ein gutes Dutzend Polen schrieb, die ein gutes Dutzend (von anderen Polen) aus der Nazi-Hölle geretteter Juden ermordet hatten, handelte sie entsprechend dem Gebot, die Wahrheit zu sagen. Sie war dazu verpflichtet, auch wenn es sich zeigen sollte, daß sie Korrekturen vornehmen oder einiges präzisieren müßte. Meiner Ansicht nach hat sie dies auch in der richtigen Form getan, ohne die Größe des Aufstandes und der Kämpfenden angetastet zu haben.
  7. Es ist etwas Trauriges und zugleich etwas Natürliches, daß wir beim Schreiben der Wahrheit unsere guten Absichten erklären müssen.

Andrzej Paczkowski ist Professor am Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN). Er beschäftigt sich mit Neuerer Polnischer Geschichte.)


Wlodzimierz Borodziej (Gazeta Wyborcza vom 5./6.2.1994)

Großes Risiko

»zur Seitenübersicht«

(. . .) Die polnisch-jüdischen Beziehungen sind emotionell sehr belastet. Das Grundprinzip, von dem man sich bei Äußerungen über sie leiten lassen sollte, sind Sachlichkeit und Objektivität. Aus diesem Grunde ist die Veröffentlichung von ersten Informationen über unbekannte, besonders dramatische Episoden der polnisch-jüdischen Beziehungen in 780.000 Exemplaren zumindest riskant. Selbst wenn der Autor bemüht ist, sich im Rahmen des gewählten Themas an die Handwerksregeln der Geschichtswissenschaften zu halten, muß er mit starken Vorwürfen rechnen, die sowohl den Inhalt selbst als auch seine Absichten betreffen können. Versuchen wir also festzustellen, worum es sich bei den "schwarzen Kapiteln des Aufstands" handelt.
Der Text von Michal Cichy bestätigt, was Historikern bereits seit langem bekannt ist: daß der Antisemitismus als eine der Haltungen von Polen den Juden gegenüber den Holocaust überlebt hat. Die Ursachen dieses Sachverhalts sind bekannt. Interessierte sollten vor allem den Essay von Aleksander Smolar in "Aneks" (Nr. 41/42, 1986) und die letzten Arbeiten von Krystyna Kersten studieren.

Dieser Text bestätigt auch die schon immer bekannte Wahrheit, daß es unter den Hunderttausenden Zivilisten und Tausenden Soldaten im Warschauer Aufstand sehr unterschiedliche Menschen gab, auch Ex-Szmalcowniks, und daß die letzteren für die Juden fortwährend eine große Gefahr darstellten.

Aus dem Text von Cichy geht hervor, daß von den rund 200.000 Opfern des Aufstands ca. 25-30 Juden waren, die von Polen erschossen wurden. (...) Sicher waren die ermordeten Juden nicht die einzigen Opfer des Aufstands, die ohne Mitwirkung Deutschlands und seiner Verbündeten gefallen sind.

Nach dem Beitrag von Cichy steht aber fest, daß die Untergrundführung auf Meldungen über die an Juden begangenen Mordtaten sofort reagierte und daß die Täter versuchten, die Spuren ihrer Verbrechen zu vertuschen. Das heißt auch, daß diese Mordtaten - trotz des Eindrucks, der durch manche Berichte entstehen mag - im Warschau des Aufstands weder moralisch noch juristisch akzeptiert wurden. So viel könnte man zusammenfassend schreiben, wenn der Beitrag in einer Situation erschiene, in der die Bedingungen für eine ruhige Diskussion gegeben sind, und in der Bekundungen des guten Willens, der Ehrlichkeit und des Patriotismus überflüssig wären. Der Text von Cichy ist wichtig als Beitrag zum besseren Kennenlernen der gemeinsamen Vergangenheit von Polen und Juden. Dieser Vergangenheit kommen wir nicht durch Proklamationen näher, sondern nur durch mühselige, langwierige Forschungen. Und man muß sehr auf die richtige Reihenfolge achten: Zuerst die Information, dann der Kommentar. Doch das brauche ich Journalisten wohl nicht zu sagen.

Wlodzimierz Borodziej ist Professor am Historischen Institut der Warschauer Universität.)


Andrzej Friszke (Gazeta Wyborcza vom 12/13.2.1994)

Worte eilten den Mordtaten voraus

»zur Seitenübersicht«

In den Diskussionen über die Beziehungen zwischen Polen und Juden während der Okkupationszeit fehlt es an Kenntnis über Anschauungen und Klischees, die damals von der illegalen Presse verbreitet worden sind. Vor einigen Jahren las ich Jahrgänge von ca. 30 wichtigen illegalen Zeitschriften, die die ganze politische Bandbreite repräsentierten - von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken. Anhand dieser Lektüre kann ich sagen, daß die Einstellung gegenüber Juden zu den wichtigsten Merkmalen der Identität der verschiedenen Verbände, Organisationen, Gruppen und Kreise gehörte.

Die Untergrundbewegung war - obwohl in ihrem Verhältnis zu Deutschland und zu Rußland fast einheitlich - in anderen Fragen tief gespalten. Das betrifft auch das Verhältnis zu jüdischen Fragen und zur Ausrottung der Juden.

Die nationalistische Rechte, insbesondere die Nationale Konföderaton (KN), die "Szaniec"-Gruppe (das radikal-nationalistische Lager ONR-"ABC" vor dem Krieg) und ein bedeutender Teil von Zeitschriften der Nationalen Partei (SN) verbreiteten ständig judenfeindliche Schemata. In den Juden sahen sie die Träger jeglichen Übels: des Kommunismus und des plutokratischen Kapitalismus, der Idee des Klassenkampfs und des Liberalismus. Sie wurden der Sittenlosigkeit, der mangelnden Solidarität (zur Ghetto-Zeit) und zugleich rastloser - die ganze Welt umcitenender - Tätigkeit zum Nachteil der "Goim" bezichtigt. Für extrem nationalistische Publizisten war Vorkriegspolen kein unabhängiger Staat, weil es sich ihrer Meinung nach unter jüdischer Besatzung befand. Solche Meinungen wurden zuweilen in recht aggressiver Form geäußert.

Man wiederholte, daß die Juden während des Krieges den Bolschewiken Dienste leisteten und "wo sie nur konnten" mit den Deutschen gegen die Polen zusammenwirkten: von Hitlerfaschisten gefangen, denunzierten sie die Bauern, die ihnen geholfen hatten. (. . .) Solche Artikel erzogen und formten die Leser, rechtfertigten Taten, über die Michal Cichy berichtet.

Die Verbreitung des Antisemitismus war vor allem für die polnische Rechte kennzeichnend. In der Presse der Bauernpartei, der Sozialisten, der Pilsudski-Anhänger, verschiedener demokratischer und natürlich kommunistischer Gruppen finden sich keine judenfeindlichen Beiträge. Es gibt dort im Gegenteil viele Beiträge, deren Verfasser dazu aufrufen, den Juden Hilfe zu leisten, und den Antisemitismus, darunter auch den Antisemitismus der polnischen Rechten, zu brandmarken. Den Antisemitismus verurteilten auch, was noch wichtiger ist, Publikationen der Heimatarmee (AK). "Biuletyn Informacyjny", die illegale Zeitschrift mit der größten Auflage, offizielles AK-Organ, dokumentierte laufend die Tragödie der Juden. Den dort veröffentlichten Kommentaren läßt sich nichts vorwerfen. Ähnlich sind die Artikel der zweiten zentralen AK-Zeitschrift, "Wiadomosci Polskie", (Polnische Nachrichten) einzuschätzen. In AK-Verlagshäusern erschienen Broschüren über die Ausrottung der Juden: "Liquidierung des Warschauer Ghettos" (1942) von Antoni Szymanowski und "Vor den Augen der Welt" (1943) von Maria Kann. Nicht zufällig wurde das Informations- und Propagandabüro der Hauptkommandantur der AK von extremen Nationalisten für den Sitz der "Judenkommunisten" (Zydokomuna) gehalten, und einige seiner hervorragenden Mitarbeiter, darunter Jerzy Makowiecki, Marceli Handelsman und Ludwik Widerszal wurden 1944 von Polen ums Leben gebracht. (. . .)

In Warschau, einer Stadt mit über einer Million Einwohner, lebten edle und gemeine Menschen, Heilige und Banditen. An großen Erhebungen der Völker, an bewaffneten Aufständen, beteiligen sich Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen von Aufrichtigkeit und Moral. Sogar ein gewisser Prozentsatz der Soldaten regulärer Armeen raubt, mordet, vergewaltigt. Der in Vorkriegspolen ungewöhnlich weit verbreitete Antisemitismus kam sicher auch in Reaktionen sog. gewöhnlicher Menschen zum Vorschein, die keine Zeitschriften, weder in der Art eines "Szaniec" noch eines "Biuletyn Informacyjny", lasen.

Es stellt sich die Frage nach der Einstellung des AK-Kommandos. Sicher war die Judenfrage für das AK-Kommando keine Schlüsselfrage. Anders konnte es auch nicht sein. Das zivile und das Militärkommando führten während der 63 Tage des Warschauer Aufstands Operationen durch, sorgten für die Versorgung von Aufständischen, Zivilisten und Krankenhäusern, interessierten sich für russische Truppen am rechten Weichselufer (Stadtteil Praga), appellierten an die Alliierten um Hilfe, befaßten sich mit polnisch-sowjetischen Beziehungen, weil Mikolajczyk eben zu dieser Zeit in Moskau weilte. Ferner führten sie Verhandlungen auf der Schiene Warschau - London über die Frage der Aufnahme von Beziehungen mit dem Kreml. Trotz dieser Flut von Problemen war die AK imstande, elementare Existenzbedingungen für die "auftauchenden" Juden zu schaffen, und sie versuchte, solche Verbrechen, wie Cichy sie beschreibt, zu verfolgen. Ich sehe also keine Schuld auf Seiten des AK-Kommandos und der Vertretung der polnischen Exilregierung.

Den Artikel von Cichy empfinde ich nicht als einen Angriff auf den Warschauer Aufstand oder die Legende, die dieser begründete. Meines Erachtens ist der Artikel ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des Aufstands. Wirkliche Geschichte ist nie nur sauber und schön, weil die Menschen, die sie gestalten, auch nicht nur sauber und schön sind.

Andrzej Friszke, Historiker und Jurist. Institut für Politische Studien (PAN), Redaktion "Wiez"


Teresa Prekerowa (Gazeta Wyborcza vom 12/13.2.1994)

Nichts wird die Legende des Aufstands vernichten!

»zur Seitenübersicht«

(. . .) 2. In Cichys Beitrag haben wir es mit zwei Kategorien von Tatsachen zu tun: erstens mit der Abneigung gegen die Juden: sie wurden aus polnischen Gesellschaftskreisen ausgeschlossen, Rechte der "echten" Polen, die für alle gleichermaßen galten, wurden ihnen im Alltag verweigert (man stieß sie z.B. aus den Schlangen zu Sozialküchen oder Kellerschutzräumen); zweitens mit der Ermordung der Juden durch Aufständische, wahrscheinlich Angehörige der Heimatarmee (AK) oder der Nationalen Streitkräfte (NSZ). Cichy führt die erste Tatsachenkategorie ein, um die Atmosphäre jener Tage wiederzugeben, die - wenn ich ihn richtig verstanden habe - Gewalttaten sozusagen psychisch erleichterte. Prof. Tomasz Strzembosz hingegen meint, daß Cichy "diese Atmosphäre selbst aufbaut und über dem aufständischen Warschau Wolken aus Antisemitismus und Verbrechen auftürmt".
Die "Tatsachen der ersten Kategorie" sind demnach also weniger wichtig und dienen nur zur Verdunkelung des Bildes. Ich sehe das anders. Beide Kategorien von Tatsachen sind wesentlich, das einzige, was sie miteinander verbindet, ist ihr judenfeindlicher Charakter. Niemand bewies jedoch, daß zwischen ihnen ein Kausalzusammenhang bestand. Darüberhinaus unterschieden sich die Täter: in weiten Kreisen der Warschauer Bevölkerung - und nicht nur dort - waren mehr oder weniger aggressive Einstellungen den Juden gegenüber anzutreffen. Morde dagegen übten Verbrecher aus. Ob sie der AK angehörten? Waffen hatten doch nur Aufständische. Gibt es in der Welt eine Armee, die in ihren Reihen nur "Engel" hätte, oder die unter so schwierigen Bedingungen wie die AK im Warschauer Aufstand (nach fünf Jahren Knechtschaft) gekämpft hätte, ohne daß sie zum Teil, präziser gesagt an ihren Rändern, von der Demoralisierung erfaßt worden wäre?

3. Man muß jedoch untersuchen, in welchem Umfang die von Cichy beschriebenen Morde tatsächlich stattfanden. Die am 11. September 1944 von der AK-Abteilung unter Kommando des Hauptmanns "Hal" (Waclaw Strykowski) in der Prosta-Straße begangenen Mordtaten sind vollständig bewiesen worden. Cichy widmet ihnen mehr als die Hälfte seines Beitrags, indem er umfassende Auszüge aus Berichten über das Untersuchungsverfahren, das von der AK-Gendarmerie geführt wurde, zitiert. Prof. Strzembosz stellt diese Informationen nicht in Frage. Sie sind offensichtlich und werden nicht bezweifelt.
Anders steht es mit dem zweiten Massenmord, der - nach Bernard Mark - wohl von NSZ in der Dluga-Straße 25 begangen worden sein soll. Prof. Strzembosz zweifelt nämlich an Marks Glaubwürdigkeit als Historiker, und darin bin ich mit ihm einig, insbesondere bezüglich seiner früheren Arbeiten. Mark belegte die Information über diesen Mord mit keinem Quellennachweis und nannte kein Datum. Überdies scheint mir die Ermordung von 30 Juden in der Dluga-Straße 25 kaum möglich gewesen zu sein, wenn man bedenkt, daß sich in dieser schmalen Straße auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter der Nummer 26 ein Krankenhaus für Aufständische befand. Eine ziemlich unbequeme Nachbarschaft für ein derartiges Verbrechen. Die Zweifel daran werden nach der Lektüre des Tagebuches von "Antek" Cukierman, Befehlshaber der jüdischen Abteilung des dritten in der Altstadt kämpfenden Bataillons der Volksarmee AL, noch bestärkt. Dort heißt es: Zu dieser Zeit (Kampfzeit - Anm. T.P.) kannte ich die bittere Wahrheit nicht, daß die AK-Soldaten damals viele Juden ermordet hatten. Ich erfuhr es erst nach dem Aufstand. Cukierman versichert, daß er sich in seinem Bericht nur auf Gebiete beziehe, die er im "Blickfeld" gehabt hätte, d.h. auf die Altstadt und dann auf den Stadtteil Zoliborz. Die Dluga-Straße befindet sich aber in der Altstadt, und die Nachricht über so eine große Tragödie hätte ihn erreichen müssen.
Meiner Meinung nach wäre es besser, jene 30 Juden zu den Mordopfern so lange nicht hinzuzurechnen, bis Marks Informationen durch einschlägige Dokumente bestätigt werden. Cichy zweifelte auch daran, rechnete dann aber die 30 jüdischen Opfer mit. Hierzu trug, wie ich meine, die Achtung vor Mark, Professor und Direktor des Jüdischen Historischen Instituts, bei. Hingegen fällt es schwer, darin, daß Cichy Marks Text anführt, eine "gemeine" Wiederbelebung von Thesen aus der Stalin-Zeit durch diesen jungen Historiker und die "Gazeta" zu sehen, wie das Professor Strzembosz tut. (. . .)

4. Ich komme jetzt zu der anderen Kategorie judenfeindlicher Ausfälle, die - obwohl mit Mordtaten unvergleichbar - ein, wenn nicht schwarzes, so doch bestimmt dunkles Kapitel des Aufstands bilden. Es geht um die Diskriminierung der Ghetto-Flüchtlinge. Wenn sie "auftauchten", stießen sie, wenngleich nicht immer, auf die Abneigung der Mitwelt. Sie wurden als Fremde und Unerwünschte behandelt, man wollte mit ihnen nicht zusammenarbeiten oder in gemeinsamen Räumen weilen und machte Bemerkungen wie: "Wir wollen ein Polen ohne Juden!"
Über solche Tatsachen erfahren wir ausschließlich aus Berichten von Juden, andere Dokumente scheint es einfach nicht zu geben. Und Berichte sind subjektiv, ungenau und können sogar, teilweise oder ganz, unwahr sein, weil sie sich oft auf ein unzuverlässiges Gedächtnis stützen. Die Historiker dürfen diese Berichte jedoch nicht unbeachtet lassen, weil sie oft die einzige Wissensquelle sind. Zur Zeit des Warschauer Aufstandes sind Dutzende Berichte über das Leben der jüdischen Bevölkerung entstanden. Viele davon erschienen bereits in Büchern und der Presse, viele werden noch in Archiven in Polen und andernorts aufbewahrt. Die meisten jüdischen Zeitzeugen beschreiben negative Erlebnisse, bedeutend weniger haben gute Erinnerungen an diese Zeit. Die Zahl der Berichte spricht aber für sich: Es gibt keinen Rauch ohne Flamme.
In die Heimatarmee wurden Juden in der Regel nicht aufgenommen und das hielten sie für eine Diskriminierung. Eine Ausnahme bildeten diejenigen, die nicht semitische Gesichtszüge hatten und als Polen gelten konnten. Die nach dem Krieg herausgegebene jüdische Zeitung "Opinia" (Meinung) veröffentlichte 1946 eine Liste von Juden, die als Polen kämpften und als Polen ums Leben kamen. Sie hatten darunter gelitten, daß man ihnen nicht erlaubt hatte, Juden zu sein. (vgl. M. Tauchner)

5. Cichy schreibt über die schwarzen Kapitel des Aufstands und hebt sie hervor, weil sie bis heute nur wenigen Menschen bekannt waren. Er vergißt aber nicht, an die hellen Seiten zu erinnern: an die Befreiung jüdischer Häftlinge aus der Schule in der Niska-Straße (unweit des einstigen Umschlagplatzes) und aus dem "Gesiowka"-Gefängnis, an ihre Aufnahme in AK-Eliteeinheiten ("Zoska", "Parasol" u.a.), ihre Unterstützung durch Zivil- und Militärbehörden des Aufstands usw. Der Verfasser des Artikels brauchte darüber nicht ausführlich zu schreiben, weil es andere schon vor ihm getan hatten (u.a. über das "Gesiowka"-Gefängnis: A. Borkiewicz-Celinska, J.B. Deczkowski ("Laudanski"), H. Latowski) ( . . .)
Diejenigen, die befürchten, daß das verbrecherische Verhalten einiger Inciteiduen mit AK-Armbinden einen Schatten auf eine so große patriotische Erhebung wie den Warschauer Aufstand werfen könnte, möchte ich noch einmal auf das von Cichy zitierte Buch "Wicher wolnosci. Pamietnik powstanca" [Freiheitswind. Tagebuch eines Aufständischen] von Waclaw Zagorski aufmerksam machen. Das Buch enthält die schärfste Anklage gegen die Abteilung von "Hal". Zagorski war AK-Hauptmann, Befehlshaber des benachbarten Abschnitts. Das Buch erschien in London 1957 (das Manuskript war schon 1955 fertiggestellt) auf Betreiben des Polnischen Kombattantenverbandes und dank finanzieller Unterstützung künftiger Leser. (. . .)
Der Polnische Kombattantenverband weigerte sich nicht, dieses Buch herauszugeben, obwohl der Verfasser auch über die Diskriminierung der Juden in den AK-Abteilungen schreibt. Höchstwahrscheinlich war man sich dessen bewußt, daß das Ethos der Heimatarmee dadurch nicht beeinträchtigt wird.

Teresa Prekerowa, Historikerin, Autorin zahlreicher Arbeiten über die polnisch-jüdischen Beziehungen.


LESERZUSCHRIFTEN ZUR DEBATTE

»zur Seitenübersicht«

Verfälschte Wahrheit

Slowo Powszechne vom 8.2.1994

Der Weltverband der AK-Soldaten verabschiedete auf der Hauptvorstandsversammlung am 1.2. d.J. eine Resolution. In ihr wird gegen die einseitige Darstellung protestiert, die Michal Cichy mit seinem Artikel "Polen und Juden - schwarze Kapitel des Warschauer Aufstands" zum Problem der Einstellung der Heimatarmee (AK) gegenüber polnischen Staatsbürgern jüdischer Herkunft gibt. Ohne Kriminalfälle ausschließen zu wollen, die es während des Aufstandes gegeben haben kann und die nicht nur die jüdische, sondern auch die polnische Bevölkerung betrafen, wollen wir verantwortungsvoll feststellen, daß die Befehlshaber der AK-Abteilungen nie und in keinem Fall Exzesse und Diskriminierungsmaßnahmen gegen die Bevölkerung jüdischer Abstammung tolerierten. Juden, die sich in der Hauptstadt, in den meisten Fällen bei polnischen Familien, versteckten, verließen während des Aufstands ihre Verstecke und nahmen oft Schulter an Schulter am Kampf mit den Aufständischen bzw. an Aktionen der Zivilverteidigung teil. In der Zeit der Vorbereitungen zum 50. Jahrestag der "Sturm"-Aktion und des Warschauer Aufstandes erregt ein Artikel mit derart hetzerischer Absicht, abgedruckt in einer Zeitung mit hoher Auflage, unnötig Emotionen, die die guten Beziehungen zwischen Bürgern polnischer und jüdischer Herkunft schädigen. Die Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Ghetto-Aufstands 1993 in Warschau fand Verständnis und Akzeptanz der polnischen Bevölkerung und wurde von Veteranen als Erinnerung an den gemeinsamen Kampf gegen den hitlerfaschistischen Totalitarismus betrachtet. Es hat sich so gefügt, daß sich die totalitären Machtorgane im Nachkriegspolen in ihrem Terror gegen die polnische Bevölkerung oft Bürger jüdischer Herkunft bedienten. Wir waren aber nie der Meinung, daß die Anwesenheit der Juden im Repressionsapparat den Charakter von organisierten polenfeindlichen Aktionen hatte.

Tadeusz Filipkowski,
Pressesprecher des Weltverbandes der AK-Soldaten



Ein AK-Unteroffizier schoß auf mich

Gazeta Wyborcza vom 12/13.2.1994

Ich bin Jude und versteckte mich auf der "arischen" Seite unter einem fremden Namen. Gleich nach dem Ausbruch des Aufstands meldete ich mich zum Dienst und wurde der Hilfsspionagemannschaft des "Kilinski"-Bataillons zugeteilt. Ich diente unter dem Decknamen "Chemiker". Den Aufstand halte ich für die wichtigste und glücklichste Periode meines Lebens. Ich war begeistert, berauscht von der Freiheit, von der weiß-roten Armbinde und dem ersehnten Kampf gegen die Deutschen. So reagierte ein 17jähriger Einzelgänger nach schrecklichen, unendlich langen Jahren der deutschen Besatzung, der sich jederzeit der Todesgefahr bewußt war. Jeder Deutsche bedeutete für mich den Tod. Der Tod steckte auch in den Blicken meiner Mitmenschen-Katholiken. Ihre Augen verrieten oft, daß sie mein Geheimnis erkannt hatten und ich aus ihrem Blickfeld sofort verschwinden mußte. Auch während des Aufstands hielt ich meine Identität geheim, weil ich diese Augen stets in Erinnerung hatte, obwohl seitens der Gestapo keine Gefahr drohte. Menschen, die diese Okkupation nicht miterlebt haben, wissen es nicht, und viele Menschen, die sie überlebt haben, sind sich dessen nicht bewußt oder erinnern sich nicht daran, wie destruktiv die systematische judenfeindliche Propaganda für das Unterbewußtsein unserer, den Deutschen sonst feindlich gesinnten Bevölkerung war. Äußerst negativ wirkte sie sich vor allem auf weniger vernünftige, kleingläubige Menschen aus, die daraus lernten, wie man den Nächsten verachten, demütigen, straflos töten oder ihn für einen kleinen Profit dem Tod preisgeben kann. Fast die Hälfte der Warschauer Bevölkerung - mit oder ohne Davidstern -, die dem Tod zu entrinnen suchte, wurde nicht nur mit einer Mauer umgeben und nicht nur durch Hunger, Krankheiten und Massenmorde ausgerottet. (. . .)
Ich möchte hier zwei Vorfälle aus der ersten Augusthälfte 1944 nennen. Unter Beschuß baute ich Befestigungen an der Ecke der Marszalkowska-Straße und der Jerozolimskie-Allee, dort wo heute die PKO-Rotunde steht. Mir näherte sich ein Unteroffizier - auch er mit einer AK-Armbinde - schaute mich an, zog eine Pistole heraus und schrie: Du Jude, die Deutschen haben dich nicht liquidiert, aber ich werde dich liquidieren! Zum Glück war er betrunken und ich zweimal jünger als er. Es gelang mir, in den Ruinen zu verschwinden und seine Schüsse verfehlten das Ziel. Aber es gab sie! In einer Nacht bauten wir den ersten Durchgang (anfangs zwischen Säcken mit Sand) quer durch die Jerozolimskie-Allee, der den Bereich der Stadtmitte-Nord mit Stadtmitte-Süd verband. Dazu noch die Beschießung von der Ecke der Nowy-Swiat-Straße, von der Bank der Landeswirtschaft BGK und vom Café-Club aus. Damals kamen zu uns drei abgezehrte und zerlumpte junge Menschen und sagten, sie seien Juden und wollten gegen die Deutschen kämpfen. Ein AK-Oberleutnant unter dem Decknamen "Leszek" oder "Szary", der unsere Arbeit leitete, beauftragte sie gleich mit einer sehr gefährlichen Aufgabe, was er folgendermaßen begründete: Zeigt, daß ihr, obwohl Juden, keine Feiglinge seid. Euer Leben als Juden ist doch so wenig wert, daß ihr euch vor dem Tode nicht zu fürchten braucht. Dank uns habt ihr überlebt, geht also als erste, dann wird das Leben anderer Jungen gespart. Diese Verachtung und dieses unbegründete Überlegenheitsgefühl (durch das Beispiel und die Propaganda der Deutschen eingeimpft), tauchte bei Menschen auf, die sonst tapfer und anscheinend unbescholten waren.
Meinen Vater denunzierte 1943 ein Gestapo-Agent - ein Jude! Im Gefängnis in der Szucha-Allee rettete ihm ein Gestapo(!)-Offizier das Leben, der in ihm seinen Regimentskameraden aus dem ersten Weltkrieg erkannte. Wie ich später erfuhr, war er Chef der "Jüdischen Abteilung", von dem andere Gestapo-Leute sagten, er lasse keinen Juden lebend heraus. Einige Monate später holte der Hausmeister von der Zielna-Straße 45 - ein Pole und Katholik - die Gestapo gegen meine Eltern, nachdem all seine Erpressungsversuche fehlgeschlagen waren. Und dieser oben genannte Henker ließ sie aus kollegialem Solidaritätsgefühl, das Frontkämpfer verbindet, erneut frei.
Mich rettete unser Nachbar, der Pfarrer Stanislaw Kowalski, der in der illegalen antisemitischen Rechtsorganisation "Pflug und Schwert" (oder vielleicht "Kreuz und Schwert") sehr aktiv war. Ich versteckte mich bei seinem Bruder Andrzej Kowalski, Pfadfinder-Instrukteur, in Henrykowo viele Wochen lang. Beide halfen mir aus Herzensbedürfnis, obwohl sie ihre Familien in Gefahr brachten.
Kutno. Winter 1944/45. Ein Pole sagte einem Deutschen bei der Gestapo, daß ich Jude sei, was einem Todesurteil gleichkam. Dieser Deutsche, ein Gefängnisarzt, rettete mich aber und unterwies mich noch dazu, wie ich diesem Zuträger ausweichen sollte. Es ist eine triviale Wahrheit, daß es in jedem Volk gute und böse, edle und gemeine Menschen gibt. Wer davon nichts wissen will, der begreift auch nichts.
15 Jahre lang nach dem Krieg riß mich mein Geschrei aus dem Schlaf, weil ich vom Untersuchungsverfahren im Gefängnis in Kutno träumte. Dann fuhr ich für einige Monate nach Deutschland, lernte an einer Universität ganz andere Deutsche kennen, nämlich Wissenschaftler aus dem Kreise des Pastors Bonhöffer, der von Hitlerfaschisten durch das Beil hingerichtet wurde. Bis heute bin ich mit diesen Menschen befreundet. Und von da an träumte ich nicht mehr von der Gestapo. Zum Schluß: In den sechs Schuljahren vor dem Kriege kannte ich die Entgegenstellung "Pole" - "Jude" nicht. Man unterschied "Katholik" - "Jude". Die Nationalitätskriterien (Rassenkriterien) führten Deutsche ein. Die mir bekannten Juden fühlten sich als Polen. Sie kämpften für dieses Land und viele opferten ihr Leben. Wenn mich jemand gefragt hätte, ob ich Jude oder Pole sei, hätte ich die Antwort nicht gewußt, weil ich das eine und das andere zugleich bin. Solche Fragen sollten der Zeit der deutschen und der sowjetischen Okkupation vorbehalten bleiben.

Professor Zbigniew Ryszard Grabowski
Warschau



Wir kamen doch schon so gut mit den Juden aus . . .

Gazeta Wyborcza vom 12./13.2.1994

Herr Redakteur, Sie hätten diesen Beitrag in Ihrer wunderbaren Zeitung nicht veröffentlichen sollen. Und diesen Schuft Michal Cichy würde ich als AK-Soldat gern erschießen, weil er recht tendenziös den Juden schmeichelt (er tut es bestimmt in der Hoffnung, ein Almosen aus Israel zu bekommen). Mein Onkel Franz, der in den Ostgebieten Polens lebte, gewährte mehr als 30 Juden Zuflucht. Eine ukrainische Bande folterte ihn, damit er den Bunker im Wald zeigte, wo sich Juden versteckten. Als sie sich dem Bunker näherten, schrie der Onkel: "Rettet euch!" Nur einem jungen Juden ist es gelungen zu fliehen, die übrigen und mein Onkel wurden verwundet.
Mein Vater bezeichnete sich vor dem Krieg als Antisemiten und dies nicht ohne Grund. Als er sieben Jahre lang in Sibirien "weilte", taten ihm Politinstrukteure viel Unrecht an. Sein Antisemistismus beschränkte sich darauf, Juden zu verjagen, die sonntags in unserem Dorf handelten. Er war damals Schulze und erlaubte, an allen Wochentagen, außer sonntags, Handel zu treiben. Aber als mein Onkel erkrankte, brachte mein Vater den Juden im Bunker das Essen. Und als ich ihn einmal fragte, ob er bei den Juden gewesen wäre, schrie er mich an: Halt die Klappe! Wenn du darüber irgend jemandem einen Mucks sagst, jage ich dich weg.
Sicher wurden hie und da bestialische Taten verübt, aber unter dem Strich trugen die Juden zur Stalin-Zeit zur Liquidierung polnischer Patrioten bedeutend mehr bei. Ich erfuhr es am eigenen Leibe, als ich sieben Monate in einem Breslauer Gefängnis des Sicherheitsamtes UB verbrachte, wo ich zwar nicht direkt von einem Juden, aber unter dessen Kommando gefoltert wurde. Dieser Offizier stürzte herein, als er mein Geschrei hörte, um "genug" zu sagen und mir mit 15 Jahren Freiheitsentzug zu drohen.
Dieser Pseudoschriftsteller Cichy müßte über so zweifelhafte Informationen, wie z.B. die am Ende des Beitrags über den Massenmord, hinweggehen oder wenigstens betonen, daß sie aus zweiter Hand - ich sage, aus tausendstem Munde - stammen, wenn er nicht bewußt auf die Verleumdung der AK abzielen würde. Wie ein begabtes Kind erzählt er ein Märchen und ist so gerührt, daß er daran glaubt. Sie, Herr Redakteur, könnten auch ein ähnliches Abenteuer aus Ihrer Kindheit in Erinnerung zurückrufen, da Sie doch sicher ein begabtes Kind waren. Auch andere Informationen über AK-Morde an Juden kamen wohl nicht von Polen, sondern von Leuten wie einer Prekerowa, sicherlich Ukrainerin, wovon ihr Name zeugt. Von solchem Gesindel, das einen Schatten auf die Polen wirft, gibt es hier mehr.
Ich bitte Sie, Herr Redakteur, Beiträge unglaubwürdiger Schriftsteller vorher zu analysieren, denn diese fügen Polen einen großen Schaden zu. Und das jetzt, wo sich schon alles mit den Juden so gut zu gestalten begann. Der Papst versöhnt sich mit ihnen, und es gibt viele andere Momente, die von einer echten Versöhnung zeugen.
PS.: Nebenbei gesagt, ist Perechodnik auch ein stinkechter Ukrainer.

Waclaw Szlachetko
Gliwice



Elender Zwerg der Reaktion

Gazeta Wyborcza vom 11.2.1994

Herr Redakteur, die "Gazeta" will den 50. Jahrestag des Aufstands auf kuriose Weise ehren. Den Beitrag "Polen und Juden - Schwarze Kapitel des Warschauer Aufstands" ist eine Ergänzung zur Charakterisierung der Heimatarmee als "elender Zwerg der Reaktion". (. . .) Ich verstehe, warum die "Gazeta" den polnisch-jüdischen Beziehungen so große Bedeutung beimißt. Mitunter identifiziere ich mich mit ihr, mitunter will ich mich mit ihr auseinandersetzen, und immer häufiger frage ich mich: Wozu dient das alles? Wie hätten Sie und die durch die Mäander der Geschichte dezimierten "Polen jüdischer Herkunft" (entschuldigen Sie diese geschmacklose Formulierung) reagiert, wenn vor den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Ghetto-Aufstands auf fünf Seiten einer auflagenstarken Zeitung ein Beitrag erschienen wäre, der die Juden angeprangert hätte, die 1944-56 im Sicherheitsdienst Polen folterten und töteten? Ausschließlich Juden. Oder ein anderer Beitrag z.B. über Greueltaten der sog. jüdischen Hilfspolizei in Ghettos, oder über Juden, die Gestapo-Spitzel waren. Denn es hat auch sie gegeben. Meiner Ansicht nach hätten Sie derartige Beiträge als antisemitisch und provokativ bezeichnet. Und sie hätten Recht gehabt. Die Formulierung von Herrn Cichy: Die AK hat eine große Anzahl von Ghetto-Überlebenden umgebracht, die er einen Monat später mit der Feststellung: Ich habe nicht die Organisation, sondern einige ihrer Mitglieder gemeint, richtigstellen wollte, ist einfach unzulässig. Ich habe - leider - Grund, zu vermuten, daß weder die erste "Rezension" von Cichy noch der nächste Text zufällig erscheinen. Hierbei handelt es sich um programmatische Texte, die die Legende der Heimatarmee untergraben sollen.

Ich kann mich an folgende Szene aus der Vorkriegszeit erinnern. Ich fahre mit dem Auto zusammen mit meinem Vater von Lemberg nach Warschau. In Lublin platzt ein Reifen und mein Vater läßt ihn vulkanisieren. Als siebenjähriger Knirps bleibe ich im Auto. Auf einmal bin ich von einer geschlossenen, in jüdische Trachten und Mützen gekleideten Menschenmenge umgeben, die in einer mir unbekannten Sprache gestikuliert und schwätzt. Ein halbwüchsiger Junge zeigt mir mit dem Finger, wie man den Hals durchschneidet. Ich habe Angst. Nein, ich habe keine Angst vor den Juden! Ich habe einfach Angst vor Fremden. Dann verfolgt mich diese Szene noch lange wie ein Alptraum. Und in der Schule sitzen vor mir meine jüdischen Klassenkameraden, wir sind Freunde und besuchen einander zu Hause.

Es ist Krieg. Mein Onkel, der Rechtsanwalt Stanislaw Bleszynski, ist Anhänger der nationaldemokratischen Partei. Im Frühjahr 1940 verhaftet, wird er bereits im November im Lager Oranienburg erschossen. Als das Ghetto geschlossen wird, wohnt in seiner Wohnung in der Poznanska-Straße eine Freundin meiner Mutter, die Journalistin Maria Michajmerowa. Sie arbeitet später im Büro meiner Mutter bis zu ihrem Tod Ende 1943, als sie - erkannt - von Gendarmen auf der Straße nach Pyry erschossen wird.

Zwei Jahre lang versteckte meine Tante Jozefa Dambska, die Malerin war, in ihrer Wohnung eine jüdische Familie. Selbstverständlich uneigennützig. Alle waren sehr arm. Diese Familie hat überlebt. Nach dem Krieg ging sie in die Ferne, und wir hörten nichts mehr von ihr. Meine Tante ist vor Jahren verstorben und besitzt keinen eigenen Baum in der Gerechten-Allee. Niemand spricht ein gutes Wort über sie, worum sie auch nie bat.

Das Ghetto steht in Flammen. Ich stehe an der Straßenbahn-Haltestelle an der Kreuzung der Hoza- und der Marszalkowska-Straße und betrachte braun-schwarze Rauchwolken, die die Aussicht verdecken. Auf einmal packt mich ein Junge im braunen Hemd der Hitlerjugend am Arm und schreit: "Du bist Jude!" Rund um mich wird es menschenleer. Und dann konnte ich eine Weile lang erleben, was es bedeutete, ein Jude zu sein. Ich fühlte mich noch mehr gehetzt als ein gewöhnlicher Untertan von Gouverneur Frank. Ich hatte eine illegale Zeitung in der Tasche. Ich dachte mir: Sie werden feststellen, daß ich kein Jude bin, doch hilft mir das dann nicht mehr. Plötzlich begann eine mutige Frau den Jungen auf Deutsch anzuschreien. Mir flüsterte sie zu: "Hau ab!" Und ich verschwand. (. . .)

Hat es in Polen Antisemitismus gegeben? Ja. Wurde er von Nazibesatzern noch geschürt? Ja. Betraf er alle? Nein. Wer von den Juden hatte in der besetzten Stadt bis zum Aufstand überlebt? Nur wenige. Assimilierte oder betuchte Menschen, die den Kriegshyänen hohe Tribute zahlten. Eingeschüchterte, niedergeschlagene und verarmte Menschen sind für Kriminelle eine leichte Beute. Meine Mutter arbeitete während des Aufstands bei der Militärstaatsanwaltschaft in der Innenstadt. Sie sprach nur ungern darüber. Ich habe nur einige Erinnerungen und Notizen aus jener Zeit.

Herr Redakteur! Während des Aufstands wurden auch Todesurteile vollstreckt. An gewöhnlichen Banditen und Deserteuren. An jenen, die ihre Ämter mißbrauchten und an Erpressern. Manche von ihnen hatten - legal oder illegal - Armbinden der Aufständischen. Auch das Denunziationssystem funktionierte. Und es gab Versuche, alte Rechnungen zu begleichen. Ich weiß nicht, ob im Laufe des Kampfes Fehler begangen wurden. Ich weiß, daß in Anwesenheit meiner Mutter das Todesurteil an einer jungen Jüdin vollstreckt wurde, die ihre Landsleute bei der Gestapo angezeigt hatte, was ihr auch nachgewiesen worden war. Sie soll zynisch, mit stolz erhobenem Kopf gestorben sein. Ich weiß, daß auch Polen, die sog. "Szmalcowniks", und Aufständische, denen Diebstahl nachgewiesen worden war, erschossen wurden. All diese "schwarzen Kapitel des Aufstands" waren meiner Mutter wohlbekannt. Sie wollte aber nie darüber sprechen oder schreiben. Denn die ganze Wahrheit über das Drama und den Heroismus des Aufstands war eine andere. Diese Wahrheit sind wir jenen AK-Soldaten schuldig, die nicht mehr imstande sind, die Verleumdungen Lügen zu strafen; deren Aussagen in Archiven nicht aufbewahrt werden, denn sie hatten keine Chance, welche zu machen, wie sie auch keine Möglichkeit hatten, Proteste veröffentlichen zu lassen. Heute sind sie nicht mehr unter uns. Indessen werden sie als Banditen abgestempelt! Aus diesem Grunde schreie ich lauthals: Die AK hat ehrlich gehandelt. Es gibt keinen einzigen Befehl oder Beschluß, der die Juden diskriminiert hätte, nur weil sie Juden waren. (. . .) Ich bestreite nicht, daß es Fälle, wie sie Herr Cichy beschreibt, gegeben hat. Doch nicht nur Juden waren von Anzeichen des Banditentums und der Verwilderung betroffen. Die ganze Bevölkerung der Hauptstadt machte eine Hölle durch. Die fünf Jahre der Kriegsdemoralisierung konnten nicht wirkungslos bleiben. (. . .)

Herr Cichy schreibt, daß für den Haß in hohem Maße jene verantwortlich sind, "die alles vergessen wollen". Das stimmt nicht! Haß säen wollen diejenigen, die anstelle der ganzen Wahrheit nur einen Teil davon sagen, der dazu noch tendenziös manipuliert wird. Gerade im Namen der Zukunft möchte ich die Tatsache vergessen oder sie zumindest nicht publik machen, daß Ende September 1939 ein Kerl mit roter Armbinde Wohnungen in der Grecka-, Pelczynska- und Obertynska-Straße in Lemberg in Begleitung einer Rotarmisten-Streife betrat, wo er nach polnischen Soldaten und Offizieren suchte, die sich versteckt hielten. Dieser Kerl war ein gemeiner Schurke, obwohl er Jude war. Zum Glück habe ich vergessen, ob der SD-Agent, der mir 1946 in der Cyryl- und Metody-Straße einen Zahn ausgeschlagen hat, Jude oder Pole war (ich entfernte Plakate, auf denen ein PSL-Esel schrie "Nein!"). Das war unwichtig, aber so etwas konnte jedenfalls nur ein gemeiner Schuft machen.

Müssen wir denn stets gespalten sein? Die Worte von Herrn Cichy über die AK, die "eine große Anzahl von Ghetto-Überlebenden umgebracht hat" und sein letzter Beitrag bilden schwer überbrückbare Kluften.

Tadeusz Filipkowski,
Warschau



Es wird immer ein "aber" geben . . .

Gazeta Wyborcza vom 11.2.1994

Vielen Dank für den Beitrag von Michal Cichy.

Es gibt keine historischen Ereignisse, die sich eindeutig bewerten lassen. (. . .) Für so manche, speziell die Beteiligten, ist das wohl noch verfrüht. Sie sehen das so, als ob man ihnen einen Teil ihres Lebens, wo sie Blut vergossen und gelitten haben, wegnehmen wollte. (. . .) Ich weiß nicht, ob wir das Recht haben, die historischen Wunden wieder aufzureißen, die viele Menschen so sehr schmerzen. Ist der Wille, die historische Wahrheit zu sagen, ausreichendes Argument und ausreichende Rechtfertigung? Wie lange sollen wir aber andererseits auf die Wahrheit warten? Bis der letzte Aufständische gestorben ist? Und was ist mit ihren Familien, die im Aufstandsmythos aufgewachsen sind? Es gibt keine mehr oder weniger richtigen Zeitpunkte für Veröffentlichungen dieser Art. Es wird immer ein "aber" geben, immer irgendwelche Proteste. (. . .) Der Beitrag von Cichy, das sind für mich nichts anderes als Fakten. Ich denke, er hat das Andenken an die AK-Helden nicht verunglimpfen wollen. Sein Text ist für mich ein sachlicher historischer Rapport.

Julita Szwaracka,
Szczecin


Literaturverzeichnis zu allen vorangegangenen Texten:

  • Calel Perechodnik, Czy jestem morderca? Warszawa 1993. [Bin ich ein Mörder?]
  • Wladyslaw Bartoszewski, 1859 dni Warszawy. Krakow 1974. [1859 Tage Warschaus.]
  • Tadeusz Zenczykowski, Samotny boj Warszawy Paris 1985. [Der einsame Kampf Warschaus.]
  • Tadeusz Borowski, Bei uns in Auschwitz. München 1987. (früher: Steinerne Welt)
  • Jan-Jozef Szczepanski, Buty i inne opowiadania. Krakow 1956. [Die Schuhe und andere Erzählungen.]
  • Miron Bialoszewski, Pamietnik z powstania warszawskiego. Krakow 1970. [Erinnerungen an den Warschauer Aufstand.]
  • Samuel Willenberg, Bunt w Treblince. Warszawa 1991. [Der Aufstand in Treblinka.]
  • Martin Gilbert, Holocaust. Glasgow 1986.
  • Waclaw Zagorski ("Lech Grzybowski"), Wicher wolnosci. Dziennik powstanca. London 1957. [Freiheitswind. Tagebuch eines Aufständischen.]
  • Simcha Rotem ("Kazik"), Wspomnienia bojowca ZOB. Warszawa 1993. [Erinnerungen eines Mitglieds der Jüdischen Kampforganisation.]
  • Marek Edelman in: Anka Grupinska, Im Kreis. Gespräche mit jüdischen Kämpfern. Frankfurt 1993.
  • Marek Edelman, Das Ghetto kämpft, Berlin 1993. [Getto walczy. Warszawa 1945.]
  • Jonas Turkow, In Kamf farn Lebn. Buenos Aires 1949. Zit. nach Icchak Rubin, Zydzi w Lodzi pod niemiecka okupacja 1939-1945. London 1988. [Juden in Lodz unter deutscher Besatzung 1939-45.]
  • Vladka Meed, On both sides of the wall. Beit Lohamei Hagetaot 1972. [Kibbuz im Namen der Ghetto-Helden.]
  • Marian Berland, Dni dlugie jak wieki. Warszawa 1992. [Tage, so lang wie Jahrhunderte.]
  • Reuben Ainsztein, The Warsaw Ghetto Revolt. New York 1979.
  • Bernard Mark, Walka i zaglada warszawskiego getta. Warszawa 1959. [Kampf und Vernichtung des Warschauer Ghettos]
  • Chaim Goldstein, Zibn in a bunker. Warszawa 1962. (zitiert nach Ainsztein)
  • Shmuel Krakowski, The War of the Doomed. Jewish Armed Resistance in Poland 1942-1944. London/New York 1984.
  • Aleksander Smolar, Unschuld und Tabu. Antisemitismus in Polen. In der Zeitschrift: Babylon, Beiträge zur jüdischen Gegenwart, Heft 2, Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main
  • Krystyna Kersten, Polacy, Zydzi, Komunizm: anatomia polprawd 1939 - 1968. Warszawa 1992. [Polen, Juden, Kommunismus: die Anatomie von Halbwahrheiten 1939 - 1968.]
  • Antoni Szymanowski, Likwidacja getta warszawskiego. 1942.[Liquidierung des Ghettos.]
  • Maria Kann, Na oczach swiata. 1943.[Vor den Augen der Welt.]
  • Y. Zuckerman ("Antek"), A Surplus of Memory, Chronicle of Warsaw Ghetto Uprising. Berkeley 1993.
  • M. Tauchner, W druga rocznice Powstania Warszawskiego, in "Opinia" vom 20.8.1946. [Zum zweiten Jahrestag des Warschauer Aufstandes]
  • A. Borkiewicz-Celinska, Bataillon Zoska. Warszawa 1990.
  • J.B. Deczkowski ("Laudanski"), Pod dwoma pomnikami. [Unter zwei Denkmälern.] und: Polska zbrojna. 1993. [Das bewaffnete Polen.]
  • H. Latowski, Bohaterowie Gesiowki. [Die Helden des Gesiowka-Gefängnisses] und: Na barykadach powstania warszawskiego, in: Folks-Sztyme 1980, Nr. 29. [Auf den Barrikaden des Warschauer Aufstandes.]




Verzeichnis der verwendenten Abkürzungen

  • AK - Armia Krajowa [Heimatarmee];
  • AL - Armia Ludowa [Volksarmee];
  • PAL - Polska Armia Ludowa [Polnische Volksarmee];
  • BIP - Biuro Informacji Politycznej [Büro für politische Information];
  • GL - Gwardia Ludowa
  • [Volksgarde];
  • NSZ - Narodowe Sily Zbrojne [Nationale Streitkräfte];
  • ONR - Oboz Narodowo-Radykalny [National-Radikales Lager];
  • ONR-ABC - Zeitschrift der ONR in der Zwischenkriegszeit;
  • Szaniec -Gruppe - Teil der ONR, verbunden mit der Zeitschrift ONR-ABC;
  • PAN - Polska Akademia Nauk [Polnische Akademie der Wissenschaften];
  • PKB - Panstwowy Korpus Bezpieczenstwa [Staatliches Sicherheitskorps];
  • PPR - Polska Partia Robotnicza [Polnische Arbeiterpartei];
  • PPS - Polska Partia Socjalistyczna [Polnische Sozialistische Partei];
  • PPS-WRN - Polska Partia Socjalistyczna Wolnosc-Rownosc-Niepodleglosc [Polnische Sozialistische Partei - Freiheit, Gleichheit, Unabhängigkeit];
  • PSL - Polskie Stronnictwo Ludowe [Polnische Volkspartei];
  • PVAP - Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PZPR);
  • SN - Stronnictwo Narodowe [Nationale Partei];
  • KN - Konfederacja Narodu [Nationale Konföderation], konspirative Nachfolgeorganisation der Falange. Ab 1943 der Heimatarmee (AK) untergeordnet;
  • Szmalcownik - Erpresser der Juden, die versuchten, aus dem Ghetto zu fliehen oder sich auf der "arischen" Seite zu verstecken. [Die Bezeichnung kommt höchstwahrscheinlich von "szmal" = Geld.];
  • UB - Urzad Bezpieczenstwa [Amt für Sicherheit];
  • Akcja Wisla - Weichselaktion [Zwangsweise Umsiedlung der ukrainischen Bevölkerung];
  • ZOB - Zydowska Organizacja Bojowa [Jüdische Kampforganisation];
  • Zegota - Rady Pomocy Zydom, konspirative gesellschaftliche Organisation "Hilfe für die Juden", existierte von 1942 bis 1945 als Fortsetzung des "Komitees zur Hilfe für Juden".