Konferenz zur "Konzeption der Nachbarschaftssprachen" 2004

Konferenz "Zur Konzeption der Nachbarschaftssprachen in Grenzregionen - im europäischen Vergleich" vom 27.-29. August 2004

Insgesamt 145 Personen, vor allem deutsche und polnische Lehrerinnen und Lehrer-, hatten sich eingefunden. Aus den „westlichen“ Grenzregionen waren elf

Referentinnen und Referenten gekommen (aus der deutsch-französischen, der deutsch-holländischen und der deutsch-dänischen Grenzregion), aus Sachsen war eine Lehrerin und Mentorin des „bilingualen-binationalen Zweigs“ (deutsch-tschechisch) des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Pirna anwesend, die restlichen Referentinnen und Referenten bzw. Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus der deutsch-polnischen Grenzregion Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns. Die deutsch-polnischen Schulprojekte in Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern waren vertreten (Heringsdorf, Löcknitz, Gartz, Schwedt, Angermünde, Storkow, Müncheberg, Frankfurt (Oder), Neuzelle, Guben, Cottbus), oft auch ihre polnischen Partnerschulen (Świnoujście, Szczecin, Gryfino, Chojna, Słubice, Gubin) und weitere polnische Schulen (Bolesławiec, Głógów, Dębno, Sulechów, Cedynia, Górzyca). Das Projekt „Spotkanie heißt Begegnung“ der Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen, das im Rahmen der Konferenz sein zehnjähriges Bestehen feierte, war mit 15 deutschen und polnischen Grundschullehrerinnen und Grundschullehrern vertreten, das Grenzüberschreitende Zentrum für Fremdsprachenvermittlung (GZF) der Europauniversität Viadrina mit 10 Personen. Vonseiten deutscher Schulbehörden waren vertreten: der Staatssekretär im brandenburgischen Bildungsministerium und weitere Vertreter des Bildungsministeriums, das brandenburgische Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) und das Schulamt Cottbus. Einige wenige JournalistInnen waren anwesend (MOZ, Kurier Szczeciński, Gazeta Chojeńska, Polskie Radio Szczecin, die taz).

Drei Tage lang wurden Projekte aber auch bereits institutionalisierte Lösungen in verschiedenen europäischen Grenzregionen vorgestellt und diskutiert. Damit diese interessanten Vorträge und Diskussionen über den Teilnehmerkreis hinaus bekannt werden, wird eine ausführliche Dokumentation der Tagung erstellt, die Anfang 2005 erscheinen wird.

Als Nicht-Regierungs-Organisation beschäftigen wir uns seit dem Jahre 2001 im Rahmen unserer Möglichkeiten mit der Frage des Erlernens der Nachbarsprache in der deutsch-polnischen Grenzregion. Seit 2003 betreuen wir selbst „Deutsch-Polnische Sprachclubs – Lernen im Tandem“ an der deutsch-polnischen Grenze. Im Verlauf dieser Tätigkeit sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass es notwendig und sinnvoll ist, sich auf die Erfahrungen des Europäischen Projekts Fremdsprachendidaktik für Grenzregionen zu stützen, an einer Konzeption der Nachbarschaftssprache mitzuarbeiten und diese den in der deutsch-polnischen Grenzregion existierenden deutsch-polnischen Schulprojekten und anderen interessierten Personen vorzustellen. Diesem Ziel sollte die Konferenz dienen. Prof. (em.) Albert Raasch, Universität Saarbrücken und Ulrike Schwarz, Kreisschulamt Borken eröffneten die Tagung mit ihren Vorträgen „Zur Mehrsprachigkeit in Grenzregionen“ bzw. „Zur Entwicklung einer spezifischen Fremdsprachendidaktik für Grenzregionen“. Ihre Thesen und Erfahrungen kann man in der Broschüre „Nachbarsprachenlernen – Von der modernen Fremdsprachendidaktik zu ihren spezifischen Ausprägungen in Grenzregionen“ (ISBN 3-937432-02-7) nachlesen. Interessierte können diese im Jahre 2004 erschienene Broschüre bestellen bei: Ulrike Schwarz, Schulamt Kreis Borken, Burloer Str. 93, D-46325 Borken.

Aus der deutsch-französischen Grenzregion hörten die Anwesenden vor allem etwas über das frühe Fremdsprachenlernen, das dort bereits weitgehend institutionalisiert ist und wissenschaftlich begleitet wird (Sabine Rohmann / Richard Stock). Erstaunt und ein bißchen neidisch hörten deutsche und polnische Lehrerinnen und Lehrer von dem deutsch-französischen integrierten Studiengang zur grenzüberschreitenden Ausbildung von Euregiolehrerinnen bzw. -lehrern für die Grundschulen (Prof. Albert Hudlett, Universität Mulhouse). In Niebüll und Tondern kooperieren zwei Schulen bei der inzwischen ständigen Einrichtung einer dreijährigen bilingualen Europaklasse, die zum deutschen und dänischen Abitur führt. Ein erprobtes, gut durchdachtes Projekt, das durchaus Vorbildcharakter für andere Schulen in Grenzregionen haben könnte. Die niederländische Talenacademie (Maastricht) betreut den Internet-Auftritt des internationalen Fremdsprachenprojekts Nachbarschaftssprache (siehe www.cicero-net.nl) und arbeitet am Aufbau eines Netzwerks.

Von der Vorgehensweise der Schulprojekte in Niebüll/Tondern und in Heringsdorf/Świnoujście positiv beeinflußt, waren sich die brandenburgischen Lehrerinnen und Lehrer und die anwesenden Vertreter des Bildungsministeriums darin einig, dass es in Zukunft darauf ankommt, den Stellenwert der Nachbarsprache an den Schulen zu stärken, dabei eine gemeinsame und partnerschaftliche Kooperationsbasis zwischen deutschen und polnischen Schulen anzustreben und die Eltern der Kinder dafür zu gewinnen. Der bisherige, einseitige Weg der brandenburgischen „deutsch-polnischen Schulprojekte“ (polnische Schüler machen an brandenburgischen Schulen das deutsche Abitur, studieren danach in Deutschland – und bleiben dann auch dort) wird nicht mehr als modellhaft angesehen. Diese Projekte werden weiter existieren, auch weiter unterstützt, aber neue Schulprojekte werden nicht mehr nach diesem Modell entstehen. Das schon aus demographischen Gründen (auch in Polen geht die Zahl der Schülerinnen und Schüler zurück) aber auch und vor allem, weil es darum geht, partnerschaftliche Projekte auf gleicher Augenhöhe zu schaffen und das Erlernen der Nachbarsprache in beiden Ländern zu intensivieren und damit früher zu beginnen.
Die meisten Anwesenden folgten der Lieblingsformel von Professor Raasch aus Saarbrücken und antworten auf die Frage der Sprachenfolge folgendermaßen:

Muttersprache plus Nachbarsprache plus Englisch und wenn möglich weitere Sprachen.

Das frühe Fremdsprachenlernen (Kindertagesstätten / Grundschulen ab Klasse 1), wie es in der deutsch-französischen Grenzregion bereits praktiziert wird, wäre dabei eine große Hilfe. Dafür fehlen zur Zeit in den an Polen angrenzenden Bundesländern noch die bildungspolitischen Grundvoraussetzungen. Manche Schritte können partnerschaftliche, nachbarschaftliche Schulprojekte oder Initiativen vorwegnehmen (siehe u.a. Projekt „Spotkanie heißt Begegnung“), aber ohne Änderung der bildungspolitischen Vorgaben bleiben sie sporadisch, können sich nicht im Schulsystem verankern, drohen zur Alibiveranstaltung zu werden und erreichen keine Nachhaltigkeit. Es ist die Aufgabe der Bildungsministerien, die gesetzlichen Grundlagen bzw. Verordnungen, die dem frühen Lernen der Nachbarsprache entgegenstehen oder entgegenwirken, zu ändern.

Thesen zur Notwendigkeit des Erlernens der Nachbarsprache

(überarbeitet nach Abschluß der Konferenz)

1. Mehrsprachigkeit ist im allgemeinen, erst recht in den Mitgliedsländern der Europäischen Union, eine wesentliche Voraussetzung für Kommunikation und gegenseitiges Verständnis. Reduziert man die Mehrsprachigkeit auf das Erlernen einer allen gemeinsamen Verständigungssprache (einer lingua franca - z.B. Englisch), zerstört man die kulturelle und sprachliche Vielfalt, ignoriert die besonderen regionalen Bedingungen und verwehrt den unmittelbaren Nachbarn die Anerkennung. Nach der EU-Ost­erwei­terung sollte das Erlernen der Nachbarsprache in der deutsch-polnischen Grenzregion aus gesellschaftlichen und politischen Gründen, wie auch unter wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten als ein wichtiges Ziel definiert werden.

2. Fremdsprachenkenntnisse, insbesondere Kenntnisse in der Sprache des Nachbarlandes, spielen in Grenzregionen eine besondere Rolle im Rahmen

* des täglichen grenzüberschreitenden Personenverkehrs;

* des täglichen Einkaufstourismus und der Nutzung von Dienstleistungen im Nachbarland;

* der grenzüberschreitenden wirtschaftlichen Kooperation;

* der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit von Personen, Organisationen, Institutionen, Schulen, Kommunen, Verwaltungseinrichtungen, Ministerien usw.

3. Das Erlernen der Sprache des Nachbarlandes, das sich Vertrautmachen mit der Landeskunde und damit das Erwerben von Grenzkompetenz ist nicht nur eine wichtige Voraussetzung für Kommunikation und Kooperation, sondern auch das wichtigste Hilfsmittel zur Überwindung von Vorurteilen, Minderwertigkeits- oder Überheblichkeitskomplexen aller Beteiligten. Heutzutage ist viel von der Notwendigkeit interkulturellen Lernens die Rede, ohne Erlernen der Nachbarsprache wird das in der Grenzregion jedoch nicht ernsthaft zu verwirklichen sein. Die Einrichtung von Gastschuljahren im Nachbarland kann (ähnlich wie die Freiwilligendienste) bei der Herausbildung von Grenzgängern mit der nötigen Grenzkompetenz behilflich sein, deren möglichst zahlreicher Einsatz in der Praxis grenzüberschreitender Kooperation unabdingbar ist.

4. Die Beherrschung der Sprache des Nachbarlandes ist darüber hinaus auch unerläßlich als berufliche Qualifikation für die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Akteure in der Grenzregion. Die Beherrschung der polnischen bzw. deutschen Sprache ist vor allem im Grenzraum eine Basisqualifikation, die sich auch auf dem Arbeitsmarkt auszahlt.

5. Mehrsprachigkeit ist verhältnismäßig leichter zu erzielen, wenn man so früh wie möglich mit dem Fremdsprachenlernen beginnt (Kindergarten, Grundschule). Bereits in den Kindergärten kann und soll man sich spielerisch mit der Nachbarsprache beschäftigen. In den Grundschulen der Grenzregion soll die Möglichkeit geschaffen werden, ab der ersten Klasse mit dem Erlernen der Nachbarsprache (zusätzlich, also außerhalb der Sprachenfolge) zu beginnen. Das schadet nicht beim späteren Englischlernen. In allen weiterführenden Schulen der Grenzregion soll es möglich sein, die Nachbarsprache als Fremdsprache zu wählen.

6. Während auf der polnischen Seite Kenntnisse über Deutschland und deutsche Sprachfertigkeiten recht verbreitet sind (wenn auch nicht das frühe Fremdsprachenlernen), im schulischen Bereich gefördert werden und als gesuchte Qualifikationsmerkmale bei der Besetzung von Arbeitsplätzen gelten, beschränkt sich ein entsprechendes Angebot auf der deutschen Seite noch auf vereinzelte Schulen („Deutsch-Polnische Schulprojekte“). Demgegenüber nimmt bereits jetzt die Nachfrage nach einer derartigen Basisqualifikation in den an Polen angrenzenden Bundesländern zu. So haben Schulabsolventen mit Polnischkenntnissen bessere Chancen auf Lehr- und Arbeitsstellen in Handel, Gewerbe und Verwaltung. Aus brandenburgischen Industrie- und Handwerkskammern wird vermehrt angemahnt, Polnisch als zweitwichtigste Fremdsprache zu behandeln. In der Berufsausbildung gibt es wachsende Anstrengungen, die Nachbarsprache zu lernen.

7. Das Erlernen der Sprache des Nachbarlandes in Grenzregionen erfolgt am besten und erfolgversprechendsten in partnerschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Schulen der Nachbarländer. Um eine Nachhaltigkeit der entsprechenden Anstrengungen zu erzielen, wird versucht, ein Netzwerk solcher Schulen einzurichten, die Projekte im Rahmen des Erlernens der Nachbarsprache realisieren oder realisieren wollen. So können Anfangsfehler vermieden, positive Erfahrungen berücksichtigt und gegenseitige Beratung und Unterstützung gewährleistet werden. Darüber hinaus kann auf diese Weise eine organisierte Interessengemeinschaft entstehen, die sich jeweils im eigenen Land dafür einsetzt, dass die Bildungspolitik die notwendigen Regelungen und Voraussetzungen schafft, um ein frühes Erlernen der Nachbarsprache in der Grenzregion zu ermöglichen.

8. Ein systematisches schulisches Angebot zum Erlernen der Nachbarsprache verlangt:

- Ansiedlung der Nachbarsprache außerhalb der Sprachenfolge;

- Anstrengungen zur Überzeugung der Eltern, dass das Erlernen der Nachbarsprache kein Hindernis darstellen muß für die Erlernung der englischen Sprache als lingua franca;

- Unterstützung der Einrichtung von Polnisch als Fremdsprache durch zusätzliche Unterrichtsstunden für die Schulen;

- Anstrengungen zur Ausweitung und Konsolidierung der grundständigen Ausbildung von Polnischlehrerinnen und Polnischlehrern an den Hochschulen;

- Stärkere Unterstützung des Erweiterungsstudiums Polnisch als Fremdsprache (z.B. durch die Gewährleistung von Abminderungsstunden für praktizierende Lehrer);

- Grenzüberschreitende fremdsprachendidaktische Ausbildung von Grundschullehrerinnen und Grundschullehrern in Anlehnung an das integrierte deutsch-französische Studium zur Euregiolehrerin bzw. zum Euregiolehrer;

- Angebot einer systematischen Lehrerfortbildung (Fremdsprachendidaktik, spezifische Fremdsprachendidaktik für Grenzregionen, Einbeziehung der neuen Medien, Tandemmethode, Organisierung von Schulpraktika für Lehrer im Nachbarland etc.);

- Erarbeitung von Lehrbüchern, Lehrmaterialien etc. für Polnisch als Fremdsprache im Schulunterricht. (Laut Pressemitteilung des Deutschen Polen Instituts v. 5.4.2004 arbeitet eine Expertengruppe an der Publikation eines neuen Lehrwerks für Polnisch als dritte Fremdsprache.)

DPG Brandenburg, Oktober 2005

Veranstalter: Deutsch-Polnische Gesellschaft Brandenburg, Potsdam; Deutsch-Polnisches Jugendwerk, Potsdam; Grenzüberschreitendes Zentrum für Sprachvermittlung, Europauniversität Viadrina, FfO; Instytut Niemiec i Europy Polnocnej, Szczecin; Kolleg für polnische Sprache und Kultur, Potsdam; Projekt „Spotkanie heißt Begegnung – Wir lernen für Europa“ der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule e.V. (RAA); Deutsch-Polnischer Journalistenklub „Unter Stereo-Typen / Pod Stereo-Typami“, Potsdam/Szczecin.
Die Veranstaltung wird gefördert von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, Warschau.

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