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TRANSODRA 17, Oktober 1997, S. 14 - 28

Breslau - das Zuhause von Pawel und Malgorzata

Wlodzimierz Kalicki*

In der Mitte des 19. Jahrhunderts war Breslau - nach Berlin - die zweitgrößte Stadt Preußens. Eine schöne, reiche und schon damals mit Gaslaternen erleuchtete Universitätsstadt. Die Ankömmlinge aus dem Osten fanden in Breslau nach dem Krieg fremde Mauern, fremde Aufschriften und auch eine fremde Sprache von Hausbesitzern vor, deren Häuser die ihren sein sollten. Erst für ihre Enkelkinder ist diese Stadt tatsächlich ein Zuhause geworden und nicht mehr nur ein Wartesaal.

Die schönen Fenster gehen hinaus auf einen Innenhof mit einem kleinen Brunnen. Sie sind aber so groß, daß es in jedem der drei hohen Zimmer sehr hell ist. Dennoch würde der Rentner Pawel Jago-dzinski seine im Zentrum von Breslau gelegene, nur zwei Schritte vom Markt entfernte, Wohnung verlassen, ohne es zu bereuen. Wenn er nur die Möglichkeit dazu hätte, führe er in die Ukraine und dort in Skalat in der Nähe von Tarnopol kaufte er sich ein Häuschen und unter seinen alten Bekannten, Ukrainern, verlebte er seine letzten Jahre.

Im Jahre 1947 siedelte er sich für immer in Breslau an. Pawel Jagodzinski, Absolvent einer militärischen Fachschule für Autotechnik bei Moskau und Soldat der Heimatarmee, war nach dem Krieg viele Jahre als Taxifahrer tätig. Mit Behaglichkeit und Stolz kann er von der Stadt erzählen. Er fragt mich, ob ich wisse, wie viele Bahnhöfe und Brücken es in Breslau gebe? Bitte sehr: 22 Bahnhöfe und über 100 Brücken. Gleich nach dem Krieg gab es in jedem übriggebliebenen Haus, sogar noch 15 km vom Zentrum entfernt, Gas und elektrische Beleuchtung. Die Breslauer sind, wie nirgendwo sonst in Polen, höflich, nett und freundlich. Und doch sehnt sich das Herz dorthin, wo man die Kindheit verbrachte, wo man zur Schule lief, an den Zbrucz ging, um die polnischen Grenzwachtürme anzugucken oder sich einfach mit den Mädchen verabredete. Jene Erinnerungen verdrängen die Kriegserinnerungen nicht aus dem Gedächtnis: nicht den Tod der drei, von den Banderatruppen getöteten Klassenkameraden und die wachen Nächte in den polnischen Häusern, in Erwartung des Angriffs ukrainischer Partisanengruppen.

Aber, erinnert sich Pawel Jagodzinski, viele Ukrainer hatten Mitlied mit den Polen und warnten sie manchmal. 1969 lud ihn eine ukrainische Nachbarin aus der Vorkriegszeit in seine Heimat ein. Es gab Besuche in den noch in so guter Erinnerung behaltenen ukrainischen Höfen (nur drei Polen waren dort geblieben), es gab große Gastfreundschaft und beleidigte Enttäuschung in den Häusern, in die er nicht eintrat. Später, in den 70er Jahren reiste Pawel Jagodzinski noch zweimal in die Gegend von Tarnopol, beherbergte auch bei sich zu Hause Vorkriegsbekannte aus Skalat. Jetzt kann er sich die Reise nicht mehr leisten. Er weiß, er wird schon in Breslau bleiben.

Pawel Jagodzinski ist keine Ausnahme. Viele Polen lebten in Breslau wie auf einem Bahnhof. Gleich nach dem Krieg packten manche von ihnen monatelang ihre Koffer nicht aus, andere reparierten absichtlich die kaputten Klinken und tropfenden Wasserhähne nicht. Sie waren nur Durchreisende in einer fremden Stadt und wollten es bleiben. Noch nach vielen Jahren fühlten sie sich in den fremden Wänden, unter fremden Gegenständen mit fremden Aufschriften und fremder Seele als einquartierte Untermieter. Das Sich-an-Breslau-Gewöhnen dauert schon ein halbes Jahrhundert, und für viele ist es noch nicht zu Ende.

Deutsch, also vogelfrei

Flucht

Als am 6. Mai, zwei Tage vor Kriegsende, die deutschen Truppen, die Breslau verteidigt hatten, kapitulierten, erinnerte die Stadt in nichts mehr an die einst blühende Metropole.

Die Zeit um die Jahrhundertwende und das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts waren einer der besten Abschnitte in der Stadtgeschichte. Es wurde viel und eindrucksvoll gebaut. Damals war Breslau ein angesehenes wissenschaftliches und kulturelles Zentrum Europas, ein wichtiger Wirtschaftsmittelpunkt. Die Grenzveränderung nach dem Ersten Weltkrieg bewirkte, daß die Stadt in der Zwischenkriegszeit stagnierte. Dennoch wurde weiter viel gebaut, vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zählte Breslau fast 630.000 Einwohner. Dann folgte eine kurze Kriegskonjunktur. Bis Ende 1944 wurde Breslau nicht bombardiert. Also wurde die Kriegsproduktion hierher verlagert und hierher zogen die Einwohner der bombardierten westlichen Städte des Dritten Reiches. 1944 hatte Breslau ungefähr eine Million Einwohner.

Noch im August 1944 erklärte die deutsche Führung die Stadt zur Festung; Hitler befahl, sie bis zum letzten Soldaten zu verteidigen. Nach Beginn der russischen Offensive im Januar 1945 gab der Breslauer Gauleiter Karl Hanke den Befehl, die Stadt zu evakuieren. Die Evakuierung war überhaupt nicht vorbereitet. Schon am ersten Tag herrschten auf den Bahnhöfen Chaos und Panik. Die Züge konnten die einander zertretenden Volksmassen nicht aufnehmen. Da ordnete die NSDAP-Führung den Fußmarsch von Frauen und Kindern nach Westen an. Während der panischen Flucht bei Frost und Schnee kamen Tausende von Kindern und alten Leuten um. Bis Mitte Februar, als sowjetische Truppen den Belagerungsring um die Stadt schlossen, wurden die meisten Behörden und Institutionen, darunter Schulen, Museen und Krankenhäuser evakuiert. 600 - 700.000 Einwohner verließen Breslau.

Belagerte und Belagernde einte die Besessenheit der Zerstörung. Die Russen beschossen und bombardierten die Stadtteile nicht nur, um ihre Fußtruppen zu unterstützen und taktische Erfolge zu erzielen, sondern auch, um das "lebendige Stadtgewebe" zu zerstören. Der deutsche Befehlshaber von Breslau - General Niehoff - versuchte, die Russen aufzuhalten, indem er nacheinander die Häuserviertel in Brand setzte. Nach dem Verlust des Flugplatzes, entschied er sich, einen zweiten Landeplatz in der Gegend des heutigen Grunwald-platzes zu bauen. Die Deutschen zerstörten die wunderschöne Bebauung des fünfeckigen Platzes und der Umgebung, darunter ein Kloster, zwei Kirchen und ein Archivgebäude.

Von 30.000 Gebäuden lagen 21.600 in Trümmern. Zwei Drittel der Industriebetriebe und die Mehrzahl der wertvollsten Architekturdenkmäler wurden völlig zerstört. Als drei Tage nach der deutschen Kapitulation die ersten Gruppen der polnischen Verwaltung in Breslau eintrafen, stand die Stadt in Flammen.

Beute

Die polnische Staatsmacht beschloß, die Westgebiete noch vor den endgültigen Beschlüssen der Großmächte über die deutsch-polnische Nachkriegsgrenze, zu übernehmen und zu bewirtschaften. Schon im März 1945 wurde der bekannte sozialistische Aktivist Boleslaw Drobner in Krakau zum zukünftigen Breslauer Stadtpräsidenten ernannt. Aus Krakauer Spezialisten organisierte er eine Gruppe, die die Stadt übernehmen sollte. Die polnische Stadtverwaltung organisierte sehr schnell städtische Dienste und ein effektives Aufnahmesystem für die neuen Einwohner. Die Stadt sollte vor der Konferenz der Großmächte bewirtschaftet und die eigene Anwesenheit unterstrichen werden. Unterstützt von Moskau verfolgte die polnische Staatsmacht in den ersten Nachkriegswochen eine Politik der vollendeten Tatsachen - formal gehörte Breslau immer noch zu Deutschland. Deshalb verzichtete man bis zur Potsdamer Konferenz auf eine offizielle und massenhafte Aktion zur Besiedlung der Stadt. Es kamen vor allem Spezialisten, die von der Stadtverwaltung aus Zentralpolen zusammengeholt wurden, es kamen nach Polen zurückkehrende Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, demobilisierte Soldaten, jene, die im großen, reichen Ort die Goldader witterten, den "Schaber", d.h. die Plünderung des deutschen Besitzes. Es plünderten fast alle.

Die Russen demontierten und verluden ganze Industriebetriebe, Teile der städtischen Installation und Lebensmittel aus deutschen Magazinen auf Waggons. Die Stadtverwaltung ging gegen die Plünderungen vor, jedoch mit geringem Erfolg. Sie selbst mußte übrigens bei den Plünderungen mit Hand anlegen. Auf Anforderung vieler Institutionen aus Zentralpolen schickten die Breslauer Behörden ununterbrochen - kostenlos, versteht sich - alles was dort fehlte: Kunstwerke, Möbel, Musikinstrumente, Industrie- und Büromaschinen, Autos, Straßenbahnen. Im Dezember 1945 übergab die Stadtverwaltung an Warschau kostenlos 25 Straßenbahnwagen und 35 Anhänger.

Die größte Zerstörung bewirkte die amtliche Plünderung von Baumaterialien. Während der verordneten Enttrümmerung mußten die Einwohner Ziegelsteine und erhaltene Teile von Bauinstallationen bergen. Jahrelang wurden täglich Millionen von Ziegeln für den Wiederaufbau der Hauptstadt nach Warschau geschickt. Wenn Rohre und Leitungen fehlten, riß man sie aus den besser erhaltenen Gebäuden heraus. Unter den amtlichen Plünderern tummelten sich Plünderer, die auf eigene Rechnung tätig waren. Besser Organisierte schafften die Beute selbst weg, kleinere Fische verkauften sie den Händlern auf dem Grunwaldplatz, dem in ganz Polen berühmten "Schaberplatz". Der vom Bahnhof bis zum Grunwaldplatz fahrende Bus hieß in Breslau der "Schaberbus". Bis auf Beamte und idealistische Heißsporne glaubte damals kaum jemand, daß die Deutschen nach Breslau nicht zurückkämen. Nicht selten rissen die Mieter alles, was irgendwie ging, aus ihren Wohnquartieren heraus und verkauften es auf dem "Schaberplatz", danach meldeten sie sich für die nächste Wohnungszuweisung. Die städtischen Behörden beurteilten die Absichten der zugereisten Polen danach, ob sie allein oder mit der ganzen Familie gekommen waren, ernsthaft wurden nur diejenigen mit Familien behandelt.

Im September 1945 schätzte eine Breslauer Zeitung, daß mindestens jeder dritte in Breslau wohnende Pole Plünderer sei.

Gutshof

Als in Breslau die ersten Gruppen polnischer Beamter ankamen, wohnten hier noch 150-200.000 Deutsche, hauptsächlich ältere Leute, Frauen und Kinder. Es scheint, daß in den ersten Nachkriegsmonaten mehr Deutsche als Polen in der Stadt eintrafen. Zurückkamen die zwangsweise Evakuierten, entlassene Kriegsgefangene, Familien auf der Suche nach Angehörigen.

Nach der Potsdamer Konferenz begannen in Breslau die organisierten Transporte polnischer Repatrianten einzutreffen; aber Ende 1945 gab es unter den Einwohnern nur 50.000 Polen - mindestens dreimal so viele sprachen Deutsch.

Der Hauptbahnhof war zerstört. Die Polen stiegen am Oderbahnhof aus und bezogen die Häuser rund um die Grünanlage am Bahnhof. Das war das erste Nachkriegszentrum des polnischen Breslau. Der Historiker Dr. Michal Kaczmarek (dessen Eltern sich gleich nach dem Krieg in der Nähe des Oderbahnhofs niederließen) erinnert sich daran, daß die damalige polnische Kolonie sehr eng miteinander verbunden war. Die Ankömmlinge wollten sich lieber in den engen Arbeiterwohnungen um die Bahnhofs-Grünanlage herum zusammenpferchen, als die großen Wohnungen und Villen in entfernten Stadtteilen beziehen. Der Oderbahnhof war damals "Mutter" und "Ernährerin", gab den Polen Arbeit und Nahrung. Am Bahnhof hielt die Polen jedoch vor allem die Angst vor den Deutschen. Deutsche Marodeure, die nachts Überfälle verübten, wurden innerhalb einiger Wochen pazifiziert.

Einige Monate lang dauerte der Kampf mit den deutschen Kommunisten. Sie bildeten antifaschistische Komitees in Breslau und organisierten nach Verständigung mit dem russischen Militärkommandanten eine der Roten Armee unterstehende Verwaltung. Doch im Kampf um den Erhalt des deutschen Charakters der Stadt waren die breslauer Deutschen nicht so erfolgreich wie die deutschen Kommunisten in Stettin. Es gelang ihnen aber, ein deutsches Arbeitsamt, eine Jugendorganisation und mehrere Wohnungsbüros auf Stadtteilebene zu organisieren. Nach Unterzeichnung des Potsdamer Abkommens wurden jedoch alle deutschen Organisationen aufgelöst.

Die ersten polnischen Bewohner trugen weiß - rote Binden an den Ärmeln. Im Sommer 1945 hörte diese Sitte auf; aber die Idee - die viele Anhänger unter den Polen hatte -, die Deutschen zum Tragen weißer Armbinden auf der Straße zu verpflichten, setzte sich nicht durch. Ohnehin waren sie Bürger zweiter Kategorie. Der Stadtpräsident ordnete an, daß die Lebensmittelrationen für Polen dreimal so groß sein sollten wie für Deutsche. Polen erhielten ihre Zuteilungen regelmäßig, Deutsche je nach Möglichkeit.

Unter den Ruinen tauchten bald deutsche Bettler, deutsche Prostituierte und Händlerinnen auf, die Kleidung und Hausrat gegen Lebensmittel eintauschten. Es sieht so aus, als sei die hohe Todesrate unter den deutschen älteren Leuten und den Kindern damals hauptsächlich auf Unterernährung zurückzuführen. Schon in den ersten Wochen wurden, aus Mangel an polnischen Arbeitern, gerne Deutsche beschäftigt. Theoretisch bezahlten ihnen die staatlichen Betriebe so viel wie den Polen, aber bei der Auszahlung zogen sie manchmal bis zur Hälfte des Lohns für den Wiederaufbau Warschaus und den Hilfsfonds für Opfer des Nationalsozialismus ab. Private Arbeitgeber zahlten den Deutschen Groschen.

Für deutsche Frauen gab es im Prinzip keine Beschäftigung. Sie waren einverstanden, so billig zu arbeiten, daß sogar Lehrer und besser situierte Arbeiter sich ausgezeichnete deutsche Haushälterinnen leisten konnten.

Den Deutschen untersagte man, selbständig die Arbeit zu wechseln. Wer die Arbeit aufgab, wurde wie ein Saboteur bestraft. Nach einigen Monaten wurde für sie die Arbeitspflicht eingeführt.

Breslau war jedoch für die Deutschen kein riesiges Arbeitslager, obwohl es in der Kriegszeit eine solche Rolle für 50.000 Zwangsarbeiter aus Polen und anderen besetzten Ländern gespielt hatte. Rachegelüste und Haß, die in sechs Jahren Okkupation gepflegt worden waren, wichen schnell aus den polnischen Köpfen. Es gab keine Pogrome gegen Deutsche, keine Handlungen kollektiver Rache. Der Pionier Jerzy Janicki notierte, daß der Pole "(...) den Besiegten mit schweigsamer Nachsichtigkeit und Gleichgültigkeit behandelte, er verlangte nur, daß man sich um ihn herum tummele, wie es sich gegenüber einem Herrn gehört, und daß man ihn bediene, als wäre er erschöpft."

Und die Deutschen tummelten sich. Polnische Direktoren und Firmenbesitzer beschäftigten sie lieber als ihre Landsleute (besonders die unqualifizierten von jenseits des Bug). Arbeitsmangel quälte die Siedler nicht besonders. Von Beamten und idealistischen Pionieren abgesehen, träumten sie von schnellen, günstigen Geschäften.

Deutsche Straßenbahnfahrer in Mützen mit polnischen Adlern fuhren die Straßenbahnen, deutsche Schaffner in Mützen mit polnischen Adlern entwerteten die Fahrscheine. Verwaltungsangestellte in polnischen Ämtern brachten keinen polnischen Satz zustande und unterschrieben mit "Führer" (das sollte Verwaltungschef und nicht Reichsführer bedeuten). Polnische Ladenbesitzer stellten Verkäuferinnen hinter den Ladentisch, die kein Polnisch verstanden - also mußten polnische Arbeiter ihre deutschen Dienstmädchen zum Einkaufen schicken. Im Theater traten deutsche Schauspieler mit Begeisterung als Statisten in Komödien von Fredro auf. Nur Zeitungen und Hurrapatrioten regten sich auf, daß ein deutsches Orchester in einer polnischen Kneipe "Lili Marleen" spielte, daß sich Breslauer Modepuppen nach deutscher Art den Kopf mit Turbanen aus Handtüchern umwickelten und Polen in Uniform mit deutschen Mädchen spazierengingen.

Man sagte damals in Breslau, "Jeder Pole hat seinen Deutschen". Freiwillige Ausreisen der Deutschen in den Westen, die Umquartierungen der Deutschen von einem Stadtteil in den anderen (um an ihre Wohnungen zu kommen), wurden im Oktober 1945 von den ersten behördlich organisierten Deportationen abgelöst. Im Februar 1946 lief die zentral vorbereitete Massenaussiedlung an. Polnische Arbeitgeber wollten die deutschen Arbeiter und deren Familien vor der Aussiedlung schützen. Das half nicht viel. Die Aussiedlungsaktion dauerte bis Oktober 1947. In der Stadt blieben kaum mehr als 3.000 Deutsche.

Die Aussiedlung selbst verlief unterschiedlich. Oft konnten die Ausgesiedelten ihren Hausrat nicht mitnehmen, manchmal wurden sie überstürzt, brutal vertrieben. Plünderungen waren keine Seltenheit. Die Vertriebenen erlebten die Reise unter sehr schweren Bedingungen. Die polnische Bevölkerung der Stadt hatte jedoch nicht viel damit zu tun.

In den drei Jahren, in denen man mit den Deutschen in Breslau unter einem gemeinsamen Dach gelebt hatte, hatte man Groll und Vorurteile aus der Kriegszeit abreagiert. Wichtiger ist noch, daß während der Jahre des gemeinsamen Zusammengepferchtseins in den Breslauer Ruinen nichts geschah, was einen Schatten auf die Zukunft hätte werfen können. Die lauten Drohungen kommunistischer Zeitungen vom Jahre1945, wie z.B. "(...) Jeder Deutsche hat ein Verbrechen begangen, für das er nicht ungestraft davonkommt", blieben nur Papier. Man trennte sich von den Deutschen ohne Haß, häufig mit Sympathie und Bedauern. Berichte und Erinnerungen bezeugen, daß viele Polen von jenseits des Bug den ausgesiedelten Deutschen wirkliches Mitgefühl entgegenbrachten. Sie kannten den Geschmack der Vertreibung bereits.

Piastisch, also erzpolnisch

Der Mythos von Lemberg

In den ersten beiden Nachkriegsjahren wohnte in Breslau fast eine Viertelmillion Polen. Die Ankömmlinge aus Polen landeten in einer anderen Zivilisation. Vierzig Prozent von ihnen kam vom Lande, noch mal so viele aus Kleinstädten. Alles war neu - Straßenbahnen, Telefone, warmes Wasser aus den Hähnen. An die zivilisatorische Fremdheit der Stadt gewöhnte man sich, indem man sie ignorierte. Die Siedler gruben Brunnen aus in den Gärten von Villen, die funktionierende Badezimmer besaßen. In den Parks und auf den Höfen der Mietshäuser tauchten Kühe, Schweine und Ziegen auf. Man hielt sie auch in höheren Stockwerken. Nach ein paar Jahren paßten sich Menschen und Stadt einander an. Das Kleinvieh verschwand von Gehwegen und Hinterhöfen, die trocknenden Unterhosen von den über die Straßen gespannten Wäscheleinen. Die nicht gewarteten Installationen fingen an, kaputt zu gehen, die Häuser bedeckte der graue Schmutz der Verwahrlosung.

Anfang 1948 stellte sich heraus, daß drei Viertel der Breslauer aus Zentralpolen stammte. Am zahlreichsten waren ehemalige Posener und Warschauer, hinzu kamen auch viele aus dem Gebiet von Krakau, Rzeszów und Kielce. Von jenseits des Bug kamen nach Breslau 20 % seiner Einwohner. Nur jeder zehnte Breslauer stammte aus Lemberg. Es gab also deutlich weniger Lemberger als ehemalige Posener und Warschauer, doch von Anfang an gaben sie der Stadt die Tönung. Aus Lemberg kam die Elite - Universitätsprofessoren, Lehrer, Journalisten von Presse und Rundfunk. Sie kreierten den Mythos der umgesiedelten Stadt - eines zweiten Lemberg (obwohl das zweite Lemberg formal das damalige niederschlesische "Lwów", das heutige "Lwówek" [Klein-Lemberg] war, in dem der Anteil ehemaliger Lemberger bedeutend größer war). Der Umzug des Ossolineum, des Fredro-Denkmals schufen die Illusion von der Übertragung des Lemberger genius loci.

In den ersten Nachkriegsjahren förderten die Behörden die Entstehung dieser Legende sehr. Über die Repatrianten von jenseits des Bug, die in sehr großem Umfang nicht aus eigener Wahl nach Breslau gekommen waren, schrieb das Wojewodschaftsamt für Information und Propaganda: "... in erdrückender Mehrheit waren sie mit dem bestehenden Zustand unzufrieden. Voreingenommen gegen das politische und wirtschaftliche System Polens, teilweise unaufgeklärt und desorientiert, teilweise unsicher und schwer zu überzeugen." Die Legende vom zweiten Lemberg sollte sie zähmen, sie von Breslau überzeugen und den Schmerz über den Verlust der Heimatstadt lindern. Unter dem Druck Moskaus wurde in der polnischen Propaganda zwar nicht davon gesprochen, daß die Westgebiete einfach die Rekompensation für die von der UdSSR weggenommen Ostgebiete seien, und Breslau der Ausgleich für das verlorene Lemberg. Mit der häufigen offiziellen Berufung auf die Lemberger Wurzeln versuchten die Behörden gerade den Repatrianten "schöne Augen zu machen": Lemberg ist jetzt in Breslau, das heißt, Breslau haben wir für Lemberg bekommen. In den ersten Jahren nach dem Krieg schrieb sich die Breslauer Presse die Finger krumm über die Notwendigkeit, das Panorama Raclawicka in die Stadt zu holen. Ein offizielles Komitee mit General Poplawski an der Spitze sammelte Geld für die Errichtung eines Gebäudes für das Panorama. Öffentlich wurde die Frage erörtert, ob der noch lebende Dritte der Autoren des Panoramas es konservieren würde. Die Behörden unterstrichen, daß die Breslauer Universität Erbe der Johann-Kasimir-Universität sei, öffentlich feierten sie den Umzug des Ossolineum als eigenständige Institution.

Anfang der fünfziger Jahre verschwanden die Anspielungen auf Lemberg aus der Presse und den offiziellen Auftritten. 1952 wurden per Präsidenten-Dekret die Stiftungen beseitigt, darunter auch die Ossolineum-Stiftung. Das Nationale Ossolineum-Institut wurde verstaatlicht und auseinandergerissen in den Verlag und die Bibliothek, die der Akademie der Wissenschaften zugeordnet wurde. Es blieb die Erinnerung, später die Volkslegende von Lemberg. Die Erinnerung an die reizenden Lemberger Straßenbahner, die die Bahnen dort anhielten, wo es den Passagieren bequemer war. Der Mythos, daß die Lemberger sich vor allem in Breslau ansiedelten. Und die Lieder. Noch in den siebziger Jahren sang ich auf Studentenausflügen Batiaren-Couplets ("batiarskie przyspiewki" - Lieder Lemberger Barden). Keinem meiner Freunde war bewußt, daß es sich um Lemberger Folklore handelte. Für uns war es Studentenfolklore.

Der Piastenmythos

Nach dem Schock der Vertreibung aus der Heimat erwartete die Repatrianten in Breslau die nächste Erschütterung. Die Stadt war zerstört, zugeschüttet mit Ruinen. Das aber, was heil geblieben war, war ästhetisch fremd, bedrückend unpolnisch. Der Vorsitzende des Clubs der Katholischen Intelligenz Prof. Kazimierz Czaplinski, der nach dem Krieg zunächst nach Danzig, dann nach Breslau gelangte, erinnert sich daran, daß er von der Fremdheit der hiesigen Architektur schockiert war. "Demgegenüber erschien mir Danzig vertraut, fast heimatlich."

Die Ankömmlinge versuchten vom ersten Tag an, den Raum zu polonisieren, in dem sie leben sollten. Die erste polnische Kirche in Breslau war die Kirche neben dem Oderbahnhof. Das kanonische Recht verbietet, die Patrone der Pfarrgemeinden zu wechseln, also beteten die polnischen Siedler aus der Pionierkolonie um den Oderbahnhof in der Kirche, die dem Heiligen Bonifatius geweiht war, dem Missionar der germanischen Länder, den deutsche Katholiken und Protestanten als ihren Nationalheiligen ansehen. Der Heilige blieb, sein Gotteshaus veränderte sich. Der erste Pfarrer, der aus dem Lemberger Gebiet stammte, änderte das Kircheninnere vollständig: Die neugotische Ausschmückung wurde zerstört und durch eine fast orthodoxe ersetzt. In den außen unbeschädigten neugotischen Mauern schufen die Repatrianten ihr ostpolnisches Gotteshaus.

In den ersten Nachkriegsjahren hielt die Kirche die Breslauer Polen zusammen. Die Gotteshäuser sollten das wichtigste Zeichen des Polentums sein und deshalb wurden sie mit Hammer und Pinsel polonisiert. Priester und Gläubige entfernten deutsche Epitaphe und Verzierungen und bauten das Innere um. Zum Symbol des Deutschtums wurde damals die Breslauer Neugotik. Heute können Kunsthistoriker gerade mal drei, vier Kirchen aufzählen, in denen eine unbeschädigte neugotische Ausstattung überdauerte.

Symbol des Deutschtums war die Neugotik, zum Symbol des Polentums wurde die Gotik erklärt. Hier waren sich Politiker und Historiker einig.

"Nach dem Krieg nahmen wir an, daß das Mittelalter in Breslau polnisch war, daß die Kirchen polnische Gründer hatten", sagt der Breslauer Wojewodschaftsarchitekt, Prof. Jerzy Rozpedowski. Daher kam das ungeschriebene Gebot der Liebe zur Gotik, solidarisch respektiert von allen, die Kirche eingeschlossen. Beim Wiederaufbau von Kulturdenkmälern, vor allem Kirchen wurden obsessiv gotische Ausstattungen wiederhergestellt, spätere, nicht selten ungewöhnlich wertvolle Schichten, wurden zerstört. Wie besessen wurde der Putz abgeschlagen, da man in Wänden aus nackten Ziegeln ein Zeichen des Polentums erblickte. Bis zum Ende der sechziger Jahre wurde Geld vor allem für die Renovierung der Gotik zur Verfügung gestellt. Prof. Rozpedowski erinnert sich, daß die Konservatoren von Denkmälern, um Geld für die Konservierung eines jüngeren "deutschen" Objektes zu erhalten, in den Anträgen an die Behörden seine Einordnung fälschten, indem sie das Wort "gotisch" oder noch besser "romanisch" hinzufügten. Spätere Architektur war mit wenigen repräsentativen Ausnahmen, wie Universität oder Rathaus, zum Zerfall aus Altersgründen verurteilt - oder wurde schnell zerstört.

Die Polonisierung der Stadtlandschaft mit Hilfe des Hammers fing bei den Denkmälern an. Im Laufe von nicht ganz drei Nachkriegsjahren wurde Breslau, die Stadt der Denkmäler, völlig von ihnen befreit. Die Liquidierung des Denkmals von Wilhelm I. an der Swidnicka [Schweidnitzer Str.] wurde begleitet von einem Festzug mit Fahnen und Transparenten. Den von den Deutschen versteckten Bismarck fand man erst 1947 wieder und zerstörte ihn. Der Haß auf die deutschen Monumente war so groß, daß man drei Gauner, die illegal das mächtige Denkmal Friedrichs des Großen, das auf dem Marktplatz stand, als Schrott verkauft hatten, nur zu symbolischen Gefängnisstrafen verurteilte und ihre Mittäter freisprach, obwohl Plünderer damals sehr hart bestraft wurden.

Nach den Denkmälern waren die deutschen Aufschriften an der Reihe. 1947 schrieb die Breslauer Zeitung "Slowo Polskie" [Das polnische Wort] einen Wettbewerb aus: Die Leser sollten den Behörden melden, wo sich noch deutsche Aufschriften und Andenken erhalten hätten. Als Preis bekamen sie Bücher.

Auch die Gebäude kamen an die Reihe. Mit leichter Hand zerstörten die städtischen Behörden Denkmäler. Es fanden sich prominente Kunsthistoriker, die urteilten, es handele sich dabei um "konventionelle Werke von geringem Wert" oder sogar um "abscheuliche, preußische Architektur". Abgetragen wurden die herrlichen Gebäude der Kunstmuseen, das Kunstgewerbe- und das Altertumsmuseum. Abgetragen wurde das preußische Königsschloß. Zerstört wurde das herrliche Barockpalais der Familie Hatzfeldt. Man unterließ es, einige interessante neugotische Kirchen zu retten. Beim - übrigens sinnlosen - Umbau des Verkehrssystems des Stadtzentrums wurden ganze Straßenzüge niedergerissen. So zerstörte man u.a. die historische Bebauung der Veit-Stoß-Straße und einen Teil der Bebauung der Straße Kasimir des Großen. Anstelle der zerstörten historischen Gebäude innerhalb der Stadtmauern errichtete man häßliche Betonblocks mit Flachdächern. Auf diese Weise wurden nicht nur der Salz- und der Dominikanerplatz verunstaltet.

In Breslau wurden keine Konservierungsrichtlinien erarbeitet. Achthundert damalige Architekten und Stadtplaner konnten bauen, was ihnen ihr Ehrgeiz nur eingab - Betonblocks, Estakaden, Schnellverkehrsstraßen, die nirgendwohin führten. "Nach 1945 wurde die Stadt degradiert. Ihre städtischen und architektonischen historischen Werte wurden zerstört", sagt der Wojewodschaftsdenkmalspfleger Wawrzyniec Kopczynski.

Grobschlächtig polonisiert wurden bis hinein in die siebziger Jahre nicht nur die Mauern sondern auch die Vergangenheit der Stadt. Aus den sechs Jahrhunderten, in denen Breslau sich außerhalb Polens befand, machten die Breslauer Historiker ein schwarzes Loch. Ausschließlich die mittelalterliche Geschichte wurde erforscht, überall suchte man piastische Wurzeln. Bei diesem Werk half die Zensur. Warschauer Historiker, die sich auf deutsche Quellen aus dem 19.Jh. beriefen, konnten in den Anmerkungen "Breslau" als Erscheinungsort angeben. In Breslau war dies unmöglich - es gab kein "Breslau", hier war immer Wroclaw gewesen. Einige Historiker korrigierten die Vergangenheit, wenn sie sich als nicht polnisch genug erwies.

Eine eigene touristische Historiographie blühte auf. Sorgfältig, mit vollem Ernst wurde erforscht, welche bekannten Polen im 18., 19., und 20. Jahrhundert in Breslau logierten, und wer auf dem Weg nach oder von Europa damals an der Oder eine Tasse Kaffee getrunken hatte. Die Historiker, die obsessiv das jahrhundertealte Polentum der Stadt erforschten und es bewiesen, taten dies weder aus Angst noch für Geld. Mehrheitlich glaubten sie wirklich an das, was sie taten. Nicht nur sie. In den vierziger und fünfziger Jahren leisteten die Breslauer Bischöfe eine ungeheure Integrationsarbeit. Sie reisten wie Missionare von Pfarrgemeinde zu Pfarrgemeinde und hielten Predigten im gleichen Geist wie die Universitätsprofessoren: "Wir waren hier, wir sind hier, und wir werden hier sein."

Die wenigen Historiker, die die damaligen Homilien durchgesehen haben, sagen, daß sie in Bezug auf die deutsche Vergangenheit der Stadt wie die Ansprachen von Parteisekretären klingen. "Das war ein gemeinsames Bedürfnis der damaligen Zeit, man mußte die Anwesenheit hier mit etwas mehr als Stalins Urteil begründen", meint der Ossolineumsdirektor Dr. Adolf Juzwenko.

Gemeinsam war auch das Bedürfnis, das wichtigste Zeichen deutscher Anwesenheit zu zerstören - die Friedhöfe. An ihre Beseitigung machten sich die Behörden Anfang der siebziger Jahre, als der Ablauf eines Vierteljahrhunderts nach den letzten Begräbnissen den formalen Anlaß dazu lieferte. Sie wurden so schnell zerstört, daß man nicht einmal mehr dazu kam, sie zu fotografieren. Die Liquidierungsaktion war 1972 beendet. Alle waren zerstört. Unversehrt blieben nur einzelne Gräber auf kirchlichen und städtischen Friedhöfen. Die Asche der Toten wurde zerstreut, die Erde gepflügt. Skulpturen und Grabsteine wurden mit Bulldozern umgestoßen. Mit deutschen Grabplatten wurde die Rinne des Stadtgrabens verstärkt. Man verwendete sie zum Bau der Tribüne des Sportstadions an der Wisniowastraße. Die Freigehege im neuen Teil des Breslauer Zoo wurden damit ausgelegt. Für die Öffentlichkeit sind die Grabsteine unsichtbar. "Nur die Tiere können die Epitaphe deutscher Bürger betrachten", erzählt der Historiker Maciej Lagiewski, der einst an der Wand eines Geheges den Grabstein eines "Königlichen Kommerzienrates" erblickte. Auf dem Grabiszynski-Friedhof wurden die wunderschönen Grabplatten und Skulpturen mit der Planierraupe an den Zaun geschoben und vergraben. Nach Jahren wurden Tausende deutscher Grabplatten auf das Gelände des ehemaligen deutschen Friedhofs in Osobowice gebracht. 1984 spazierten Steinmetze mit Farbeimern auf den Halden deutscher Grabsteine hin und her. Mit weißer Farbe markierten sie die Platten, die sie später als Rohmaterial für ihre Produktion kaufen wollten. Anstelle der Friedhöfe wurden Parks oder neue kommunale Friedhöfe angelegt. Niemand protestierte. Weder Historiker, noch Intellektuelle, weder die Kirche, noch die Gläubigen. Noch heute, erzählt Prof. Kazimierz Czaplinski, behaupten im übrigen anständige Katholiken, der nahegelegene Park an der Stelle des ehemaligen evangelischen Friedhofs, sei nur ein Park. Bis heute protestieren viele Pfarrgemeinden, wenn wieder der Vorschlag gemacht wird, dort Informationstafeln anzubringen, daß sich hier ein deutscher Friedhof befand.

Der letzte Akkord im Werk der Polonisierung der Stadt durch Zerstörung war die Sprengung der mittelalterlichen Mühlen der Heiligen Klara Anfang der siebziger Jahre. "Ironie des Schicksals" sagen Historiker, denn an ihnen hatte unser Krakauer Wierzynek Anteil. Dieses Mal erhoben sich in Breslau laute Proteste. Es gab einen gesamtpolnischen Skandal. Die verantwortlichen Amtsträger wurden entlassen und von da an wurde, wenn schon etwas deutsches aus Breslau verschwinden sollte, es sich selbst überlassen, der Vernachlässigung und dem Alter.

Der Mythos von der Jugend

Transporte mit Repatrianten wurden anfangs einem amtlichen Verteiler folgend nach Breslau gelenkt, aber die Mehrheit der Siedler kam, um ihre Chance zu suchen. Die Ankömmlinge vom Dorf und aus Kleinstädten suchten gesellschaftlichen Aufstieg - in den ersten Monaten siedelten gerade sie sich beharrlich in den Mietshäusern des zerstörten Zentrums an, und nicht in den gut erhaltenen Villen der Vorstädte. Beamte, Intelligenz und Erfinder reizte die Erschaffung großer Dinge vom Nullpunkt an, die Perspektive eines blitzartigen beruflichen Aufstiegs. Leute ohne Geld zog die Möglichkeit hoher Einkünfte im Handel an. Die neuen Breslauer verband eines - sie waren sehr jung. In den ersten Nachkriegsjahren war die Hälfte der Einwohnerschaft zwischen 15 und 29 Jahre alt. Die Einwohner waren stolz auf ihre Jugend, aber schnell begannen auch die Behörden dies zu unterstreichen. Man förderte Lieder über das Jungsein und feierte es bei jeder Gelegenheit. Die reale Jugendlichkeit der Einwohner diente der Legende von der Stadt der Jugend. Die Gleichsetzung des Alters der Stadt und ihrer Einwohner suggerierte, daß diese die einzige Geschichte der Stadt gerade jetzt schaffen. Breslau sollte eine Stadt ohne Geschichte sein, es gab nur eine Vorgeschichte - die piastische. Wichtig waren nur der heutige Tag und die Zukunft. Die Vergangenheit füllte man mit dem, was jetzt war. Die große Architektur hatte keine Schöpfer - also, irgendjemand hatte die Volkshalle, die Grunwaldbrücke oder das Kaufhaus erbaut.

Völlig in Anspruch genommen von den Mühen der Enttrümmerung wollten die Breslauer nicht über die Vergangenheit nachdenken. Das Bewußtsein über die Geschichte blieb draußen. Die deutschen Aufschriften auf den gußeisernen Kanalisationsdeckeln, die Wasserhähne im Bad, die man jeden Tag aufdrehte, mit den Buchstaben "K" (kalt) und "W" (warm), wurden zu Zeichen ohne Inhalt, zu abstrakten Ornamenten.

Auch die Intelligenz wollte sich der Vergangenheit nicht zuwenden. Der Umbruch des Oktober 1956 hatte in Breslau zur Folge, daß die junge Intelligenz sich mit Begeisterung auf die Entdeckung und Verbesserung der Welt stürzte. Aber auf die Entdeckung der fernen weiten Welt des Westens, nicht auf die Vergangenheit der eigenen Stadt; auf die Verbesserung dessen, was nach dem Kriege geschaffen worden war, nicht dessen, was man nach der Ankunft angetroffen hatte.

Fünfzehn Jahre lang brodelte Breslau. Man kann kaum die Festivals, Veranstaltungen und Initiativen aufzählen, die das kulturelle Polen elektrisierten. Unmöglich ist es, Dutzende hervorragender Kulturschaffender aufzuzählen, die in Breslau wirkten. Dies alles machte die Generation der Zwanzig- und Dreißigjährigen, die schon in dieser Stadt aufgewachsen waren. Für die polnische Kultur wurde Breslau ebenso wichtig wie Krakau oder Warschau. Es schien so, als erfülle sich der Traum des Breslauer Publizisten Tadeusz Galinski aus den ersten Nachkriegsjahren: "Wir werden nie den Einfluß der deutschen Kultur in den Wiedergewonnenen Gebieten überwinden, wir werden nie ihre Spuren verwischen obwohl wir die Geschichte der Vergessenheit entreißen, und wir werden diese Gebiete Polen nicht wirklich wiedergeben, wenn wir hier dem Land nicht neue Denkmäler errichten."

Später, in den Siebzigern kamen die mageren Jahre. Viele Veranstaltungen welkten dahin, dutzende der hervorragendsten Künstler und Wissenschaftler zogen weg. Der Mythos der Stadt, die mit ihrer Jugendlichkeit, mit ihren Möglichkeiten lockt, die Anziehung ausstrahlt, wurde ersetzt durch den Mythos der Stadt, die abstößt, die austreibt. Über diese große kulturelle Emigration stritt man sich lange und leidenschaftlich. Den Schuldigen suchte man am liebsten in der kommunistischen Staatsgewalt. Das kulturelle Feuerwerk der sechziger Jahre erfror unter administrativen Schikanen und Zensureingriffen. Aber es gab vielleicht auch andere Ursachen.

Dr. Adolf Juzwenko, der sich in den letzten Jahren um eine Reaktivierung des Ossolineum in Form der Vorkriegsstiftung bemüht, klopfte an verschiedene Türen in Warschau. Die ehemaligen Breslauer, einflußreiche und meinungsbildende Leute, lobten höflich die Bemühungen, aber konkret halfen sie nicht. Von der großen Zahl von Menschen, die aus Breslau weggegangen waren, bekam die Stadt keine solche Förderung, wie sie Krakau, Posen oder Danzig ihrer Warschauer Lobby verdanken. Vielleicht mußte das nur Nach-Vorn-Schauen der Enthusiasten des "Nachoktober", ihre Abkehr von der Vergangenheit, mit dem Weggehen enden. Vielleicht ist es schwer, an einem Ort zu leben, an dem man keine Wurzeln treibt, an dem man immer nur nach vorn schaut.

Schlesisch, d.h. tatsächlich unser

Sich-Gewöhnen an die Stadt

25 Jahre lang strengten sich die Kommunisten an, die Quadratur des Kreises zu lösen. Sie ersehnten soziale Stabilität in den Wiedergewonnenen Gebieten. Das brachte ihnen die politische Legitimation. Den wichtigsten politischen Triumph der Kommunisten, die Verschiebung der Grenzen nach Westen, stellte in Polen im Prinzip niemand infrage. Die Kommunisten wollten jedoch in ihrer Politik und Propaganda nicht auf das deutsche Schreckgespenst verzichten. Zuerst benutzten sie es zur Bekämpfung der Opposition, besonders der PSL (polnische Bauernpartei). Später begründeten sie damit die Abhängigkeit Polens von Moskau. Schließlich versuchten sie die Polen mithilfe der Angst vor den Deutschen zu integrieren. Aber die Angst zerstörte vor allem. Im Oktober 1945, brach in Breslau aufgrund der Einschränkung der Zugfahrten nach Osten große Panik aus. Die Züge fuhren nicht, weil man damals zehntausende Deutsche in die schlesischen Bergwerke brachte, aber die Breslauer glaubten, die Behörden wollten angesichts der Gefahr des Verlustes der Stadt mit einem Ausreiseverbot der drohenden Panik Herr werden.

Die Angst vor der Rückkehr der Deutschen verstärkte sich im Jahre 1946, als Churchill, und später der amerikanische Staatssekretär James Byrnes, die Westgrenzen Polens in Frage stellten. Unsicherheit, manchmal auch Panik, kehrten alle paar Jahre wieder. 1949, nach Entstehung der Bundesrepublik, stürmten die Breslauer die Geschäfte. Krieg in Korea, Remilitarisierung der BRD, Aufstand in Berlin, Aufnahme der BRD in die NATO und später, im Jahre 1961 die Berlin-Krise wurden an der Oder als direkte Gefahr und Vorzeichen der Katastrophe betrachtet. Man kannte sich auch nicht - in den übrigens nicht tiefen - Nuancen der Deutschlandpolitik der PVAP (Polnische Vereinigte Arbeiterpartei) aus. Nur die ständigen propagandistischen Anklagen, die Deutschen wollten die Westgebiete wegnehmen, drangen in die Vorstellungswelt ein.

Die Zeit tat das ihre. Die Industrie wurde ausgebaut, neue Wohnblocks "nach Gomulka-Art" errichtet, Schulen gestärkt; das kulturelle Milieu blühte auf, die zweite Generation wuchs heran. Jemand, der Mitte der 60er Jahre die Stimmungen der Breslauer am besten verstand, meinte, die Polen fühlten sich in Breslau, in den Wiedergewonnenen Gebieten schon sicher. Bischof Boleslaw Kominek kam 1956 aus dem Oppelschen nach Breslau. Er kannte die komplizierten Probleme des deutsch-polnischen Grenzgebiets, verstand ausgezeichnet die Stimmungen in Breslau. Wenn er sich entschloß, den Brief an die deutschen Bischöfe zu schreiben, wenn er sich dafür entschied, daß die Polen als erste die Hand zur deutsch-polnischen Versöhnung ausstrecken sollten, ging er auch davon aus, daß sich die Einwohner schon damals an Breslau als an ihre eigene Stadt gewöhnt hatten.

Den Brief der polnischen an die deutschen Bischöfe nahmen die Breslauer nicht so auf, wie es die Kirche erwartet hatte. Mehrheitlich verstanden die Gläubigen - wie übrigens auch viele Priester - den Brief nicht und stimmten mit ihm nicht überein. Besonders die Formulierung "Wir verzeihen und bitten um Verzeihung" rief Widerspruch hervor. Nur sehr wenige wußten etwas über das Lager in Lamsdorf und andere Nachkriegslager für Deutsche. Fast niemand von den Älteren war sich wegen der Aussiedlung der Deutschen einer Schuld bewußt - die Deutschen wurden doch in Breslau anständig behandelt, sie lebten mitten unter uns, kein Haar wurde ihnen gekrümmt. Den Mißton zwischen den Stimmungen der Gläubigen und den Absichten der Kirchenhierarchie beseitigten die Kommunisten.

Die erbitterte Propagandakampagne gegen den Brief und die Kirche überhaupt, vereinte Gläubige und Priester. Es brauchte noch 15 Jahre, um unwiderruflich in diese Stadt hineinzuwachsen, um auch die Stadt in den Seelen der Einwohner wachsen zu lassen.

"Solidarnosc" in Breslau - das war eine politische Bewegung, aber auch eine Selbstverwaltungsbewegung. Zeichen dieses Wachstumsprozesses war in der Zeit der Wende das Sich Kümmern um das in der eigenen Reichweite Liegende, war die rührige Sorgfalt um den Mikrokosmos, in dem das Alltagsleben eingefangen ist. Zeugnis dafür wurde der Kriegszustand. Der Solidarnosc-Untergrund in Breslau war der größte und der stärkste. Noch vielsagender waren jedoch die Demonstrationen vom August 1982: zehntausende Menschen, die bei wahnsinnigem Applaus tausender Zuschauer in den Fenstern und auf den Balkonen, im Zug mitgingen, nahmen die Stadt in ihren Besitz. Der Angriff auf die Milizkolonne auf der Grunwaldbrücke, die nächtlichen Schlägereien und die Benzinflaschen hatten etwas an sich von der Befreiung der eigenen Stadt durch die Einwohner.

Charakteristisch ist, daß die Breslauer sich die Stadt auch mit Vergnügen und absurden Witzen zu eigen machten. Über die "Orangen Alternative" von Waldemar Fydrych wurde schon manches geschrieben, jedoch das Wichtigste blieb unbeachtet, nämlich, daß sie nur in Breslau entstehen konnte. Oder in Krakau. Eine bezeichnende Zusammenstellung.

Ich meine, daß die "Orangen Alternative" eine überraschend getreue Widerspiegelung der besonderen Eigenschaften der Breslauer war. In ihr kam der wiedergeborene Geist der ostpolnischen Grenzstadt zum Ausdruck, der Humor, das Gefühl für das Absurde alles Extremen, die Offenheit und Sympathie gegenüber anderen, gegenüber den Fremden. Und es war ein besonderes Freiheitsgefühl, das aus dem allereinfachsten Grund erwuchs: "Wir dürfen das, weil wir bei uns zu Hause sind."

Sich-Gewöhnen an die Deutschen

30 Jahre brauchte man, um in Breslau vor dem Deutschen von jenseits der Elbe nicht mehr zu erschrecken. Das erste Eis brachen die Bischöfe mit ihrem Brief. Ihre Stimme war ein Hinweis darauf, daß man in einem Deutschen nicht den Feind, sondern seinen Nächsten sehen kann und sollte. Viele Ängste zerstreute die Unterschrift unter das Grenzabkommen mit der BRD im Jahre 1970.

Jedoch als wirklich wichtig erwies es sich, die Menschen kennenzulernen. Professor Czaplinski erwähnt, Anfang der 70er Jahre seien Mitglieder der Dresdner katholischen Organisation Familienkreis in seine jesuitische Klemens-Dworzak-Pfarrgemeinde gekommen. Der Pfarrgemeinderat entschied damals, daß die Gäste aus Dresden während des Sonntagsgottesdienstes die Heilige Schrift auf deutsch lesen sollten. Nach dem Gottesdienst, erinnert sich Professor Czaplinski, meinte ein Teil der Mitglieder der Pfarrgemeinde, es sei gut gewesen, ein anderer Teil hingegen, vielleicht sogar die Mehrheit, war empört.

Später nahmen die Breslauer Katholiken Kontakt mit den westdeutschen Gruppen Bensberger Kreis und Aktion Sühnezeichen auf. Nachdem Gäste aus Dortmund, noch vor dem Kriegszustand das Elend in den Breslauer Geschäften gesehen hatten, schickten sie den ersten Wagen mit Spenden zur Klemens-Dworzak-Pfarrgemeinde. Von Dortmund nach Breslau kamen während des Kriegsrechts 100-Tonnen-schwere Spendentransporte zweimal jährlich, zu Palmsonntag und Allerheiligen. Sie gelangten zu jeder Pfarrgemeinde und jeder sah, daß die Deutschen keine Gegenleistung erwarteten, sagt Dr. Michal Kaczmarek. Später verwandelte sich die spontane, karitative Aktion der Dortmunder Kirchengemeinde in die Dortmund-Breslauer Stiftung der Heiligen Hedwig.

"Heute sind Angst und Abneigung gegenüber den Deutschen je näher der Grenze, desto geringer", so der Soziologe Dr. Stefan Bednarek. Je näher der Grenze, umso mehr Menschen fuhren schon in den 70er Jahren in die DDR und BRD. Es ist unwichtig, ob sie fuhren, um zu studieren, schwarz zu arbeiten oder Handel zu treiben. Deutschland, aus der Nähe kennengelernt, erwies sich als Land normaler Menschen. Nach Meinung von Dr. Bednarek zerstreute sich auch die Angst vor der Macht des vereinigten Deutschland, fühlbar in Breslau kurz nach dem Fall der Berliner Mauer.

Die Deutschen hörten auch deshalb auf schrecklich zu sein, weil wirklich schrecklich die Russen wurden. Nach 1980 tauchte Literatur über das Martyrium der Polen in der UdSSR auf. Es stellte sich heraus, daß Millionen von Polen, besonders Bewohner des östlichen Grenzlands, bei den Sowjets ermordet und vernichtet wurden. Das hatte seine Bedeutung, besonders in Breslau.

Seit ein paar Jahren lädt die Klemens-Dworzak-Pfarrgemeinde deutsche Pfarrer, die zu Besuch kommen, ein, auf deutsch zu predigen. Während eines solchen Gottesdienstes wurde Professor Czaplinski gebeten, zu übersetzen. Er plagte sich mit der Übertragung langer, komplizierter, blumiger Sätze der alten deutschen Sprache. Und dann begann ihm zunächst einer, dann ein zweiter und dritter der Gläubigen zu helfen. Das Ende der Predigt übersetzte bereits die halbe Kirche gemeinsam.

Sich-Gewöhnen an Schlesien

Es kam plötzlich. Neugier darauf, wie es vorher war, wie es ausgesehen hat, wer hier lebte. "Wir spürten einfach, daß wir darüber schon schreiben sollten", sagt der "Odra"-Redakteur Mieczyslaw Orski. Mitte der 80er Jahre begann die Redaktion "Odra", Materialien über die Vergangenheit der Stadt, dieser am wenigsten bekannten, deutschen Stadt zu veröffentlichen. Es stellte sich heraus, daß die Breslauer sich eben dafür sehr interessieren.

Maciej Lagiewski, von der Ausbildung her Jurist, Historiker aus Vorliebe, stand 1982 ohne eine - wie er sagt - sinnvolle Arbeitsstelle da. Er fand seinen Platz hinter den Mauern des verwüsteten jüdischen Friedhofs - einer der größten und wichtigsten der erhaltenen jüdischen Friedhöfe Europas. Von den alten Friedhöfen in Breslau blieb er als einziger erhalten. Zehn Jahre lang restaurierte der Verwalter des jüdischen Friedhofs, Maciej Lagiewski Grabsteindenkmäler. Im Jahre 1990 gewann er die Ausschreibung und wurde Direktor des Stadtmuseums. Dann begann er die zweite Schlacht, um die Vergangenheit der Stadt zu retten. Das Wappen von Breslau wurde vor über vier Jahrhunderten von Ferdinand I. von Habsburg bestimmt. Als eines der wenigen Wappen repräsentierte es das multikulturelle Erbe der Stadt. In einem von fünf Feldern befand sich der tschechische Löwe, Zeugnis des tschechischen Einflusses und der Abhängigkeit vom Prager Thron. Der schwarze Vogel in einem anderen Feld war der piastische Adler, fürstliches Zeichen der Breslauer Linie der schlesischen Piasten. Der Buchstabe "W" stammte von dem legendären Wrocislaw (Vratislawa), dem Begründer der Stadt. Auch der Kopf Johannes des Täufers auf dem Tablett in einem anderen Feld zeugte von den slawischen Anfängen der Stadt. Er ist auf den ältesten städtischen Siegelzeichen zu sehen. Nicht slawisches Element war in diesem Wappen die Gestalt von Johannes dem Evangelisten, dem Beschützer der städtischen Ratsherren, das Symbol der deutschen Kolonisation.

Zum ersten Mal wurde das vierhundert Jahre alte Breslauer Wappen von den Nationalsozialisten geändert, weil sie der Buchstabe "W" störte, als Zeugnis des Slawentums der in ihren Augen erzdeutschen Stadt Breslau. Zum zweiten Mal wurde das Wappen von der Stadtverwaltung im Jahre 1948 geändert. Ihr gefielen die Anwesenheitsspuren von Nicht-Polen nicht. Professor Karol Maleczynski, Vater der Breslauer Historikerschule, beschäftigt mit der Suche nach polnischen Spuren in Breslau, entwickelte ein neues slawisches Wappen, ein ziemlich phantasievolles nach Meinung von Heraldikern: auf zwei Feldern, zwei zusammengesetzte Hälften je eines polnischen und schlesischen Adlers. Zum dritten Mal wurde das Wappen im Juni 1990 von den Breslauer Ratsherren geändert. Nach einer langjährigen publizistischen Kampagne von Maciej Lagiewski, der die Wiedereinführung des historischen Stadtwappens verlangte, stimmte der neu gewählte Stadtrat der Wiederherstellung des Wappens mit den fünf Feldern zu, das durch Ferdinand I. von Habsburg festgelegt worden war. Dafür stimmten 31, dagegen 19 Ratsherren.

"Am wichtigsten ist heute", wiederholt der Wojewodschaftsdenkmalschützer Wawrzyniec Kopczynski, "zu verstehen, daß Breslau nicht zuerst polnisch und dann deutsch war. Breslau war piastisch, tschechisch-ungarisch, österreichisch, deutsch. Die Einflüsse kreuzten sich und die aufeinanderfolgenden Eroberer zerstörten zuerst und bauten dann wieder auf. Und nach Jahrhunderten zeigt es sich, daß Breslau historisch und kulturell keinem gehört, Breslau ist 'von hier', schlesisch."

Dr. Michal Kaczmarek führte in diesem akademischen Jahr (1995, d.Red.) das Thema "Regionalismus Schlesiens" ein. Er fragte die Studenten, ob sie sich als Niederschlesier verstehen. Sie antworteten: "Nein. Als Waldenburger,

Liegnitzer, Hirschberger, das ja. Aber Niederschlesier?" "Zu wenig Zeit, zu wenig Gräber", sagt Dr. Juzwenko. "In der Erde verankert man sich mit den verstorbenen Generationen. Es ist schon unser Haus aber noch nicht unsere kleine niederschlesische Heimat."

Was tun, damit Niederschlesien unsere Heimat wird? Damit man sich im eigenen Haus, in Breslau so fühlt, wie sich der Posener in Posen, der Krakauer in Krakau fühlt? Warten, bis sich die früheren deutschen Friedhöfe mit den Grabsteinen unserer Enkelkinder und Urenkel füllen? Oder lieber zurückschauen, und in denen, die hier waren, keine Usurpatoren, keine Feinde, sondern Vorfahren sehen? Einfach Landsleute?

Im Jahre 1991 war die 200-Jahrfeier der Breslauer plastischen Schule, die von König Friedrich Wilhelm II. im Jahre 1791 gegründet worden war, eine Sensation. Der Rektor bestand darauf, daß man kein 40-jähriges Jubiläum der Schulgründung feiern könne, wenn die Schule schon 200 Jahre alt sei. Der hervorragende Breslauer Graphiker Eugeniusz Get-Stankiewicz entwarf zu diesem Anlaß ein Plakat - wie es aus Tradition jährlich getan wird. Um sein Gesicht herum, malte er verschiedenfarbigen Flächen und unterschrieb sie mit: "zólty, gelb", "czerwony, rot", "zielony, grün". "Die Wörter sind unterschiedlich, aber sie bedeuten dasselbe", sagt er.

Im November vorigen Jahres (1994, d.Red.) tauchten an dem Universitätsgebäude Tafeln mit den Namen von zehn Breslauer Nobelpreisträgern auf.

Es gibt schon Interessierte, die die Schützengilde aus der Vorkriegszeit reaktivieren wollen.

Boguslaw Litwiniec, vor Jahren Begründer des internationalen Festivals des Offenen Theaters, stöberte im letzten Jahr durch Erforschung der Archivalien die bürgerliche, deutsche Tradition des "Pelz-Damenrennens" auf. Also gibt es das "Pelz-Damenrennen" (Studentinnen und Kellnerinnen), finanziert von einer privaten Firma. Und dazu die "polskie herody" (ein Umzug zum Tag der Heiligen Drei Könige, d.Red.) Maciej Lagiewski zieht eine Miene, bei dem Gedanken daran, daß es sich dabei früher um "leichtfertige Damen" handelte. Er selbst hat Probleme mit den städtischen Traditionen. Mit seinen Mitarbeitern sucht er nach Breslauer Bräuchen, die man wieder ins Leben rufen könnte. Aber was soll man hier wiederbeleben? Die einstmaligen Trinkgelage nach der Weinernte? Wo die Weinberge waren, wachsen heute Obstbäume. Also - eine Feier anläßlich des "Sedantages"?

Die Breslauer sind gegenüber der Vergangenheit der Stadt aufgeschlossener, das Bedürfnis, ihr Polentum zu dokumentieren, wird immer schwächer. "Das ist ein Fehler", meint Dr. Juzwenko. "Die größte Gefahr für die Breslauer von deutscher Seite liegt in unseren eigenen Komplexen". Alle Verteidigungsmauern aus Mythen, Stereotypen und kollektiven Vereinfachungen seien zusammengefallen, die politischen "Krücken", die es erlaubten, die Deutschen auf Distanz zu halten, seien verschwunden. "Heute stehen wir ihnen nackt gegenüber, so wie wir tatsächlich sind."

"In der Herstellung von Autos können wir mit den Deutschen nicht gleichziehen. Nur in der Sphäre der Kultur sind wir heute Partner und können ihnen etwas Wertvolles geben." Das Ossolineum, das vor zwei Jahren als einzige Breslauer Institution den Mut hatte, eine deutsche, dem Kanzler Konrad Adenauer gewidmete, Ausstellung zu zeigen, will in zwei Jahren anläßlich des Eucharistischen Weltkongresses eine große Ausstellung von Schätzen der polnischen Nationalkultur organisieren - mit Blick auf die Gäste aus Deutschland.

Eugeniusz Get-Stankiewicz, vor kurzem ausgezeichneter Laureat des deutschen Kulturpreises Schlesien, bemalte einen, noch vor Jahren aus Metall gegossenen Vogel mit schwarzer Farbe, und darauf achtend, daß es niemand bemerkt, versteckte er ihn hoch oben auf den Ästen einer der Breslauer Eichen. Ein anderes Mal meißelte er sein Gesicht in einen "post"deutschen Pflasterstein und setzte den Stein dann mit der glatten Seite nach oben wieder ein in eine der Breslauer Straßen. Niemand, außer dem Künstler hat eine Ahnung, wo sich seine Werke befinden. Ihn selbst stört das nicht. Sie bezeugen den Bund des Künstlers mit der Stadt. In seinem curriculum vitae schrieb er: "Ich bin in Oszmian geboren, jetzt wohne ich in Breslau und hier möchte ich sterben."

Die "große Platte" erwies sich als Glück und Unglück für Breslau. Die fernliegenden Vorstädte wurden mit Betonblockbauten verunstaltet, auch das Zentrum wurde durch ein paar von ihnen verunziert. Es lohnte sich jedoch nicht, einzelne Betonblocks anstelle jedes zerstörten ehemaligen deutschen Mietshauses zu stellen. Erst jetzt ist die Zeit gekommen eine Menge Lücken in der Bebauung zu schließen. Die Zeit der Plomben. Niemand hat das "von oben" angewiesen. Die zukünftigen Bewohner bezahlen und stellen Forderungen; die Architekten projektieren und es stellt sich heraus, daß die postmodernen Plomben der verschiedenen Breslauer Planer hervorragend in die Breslauer Mietshausarchitektur passen. Breslau war schon immer für seine ausgezeichnet exponierten Eckwinkel berühmt. Die Architekten projektieren heute eine Reihe von ausgebauten und mit Erkern versehenen Eckwinkelplomben. Sie sind der Stolz der Bewohner und der Projektanten. Die Breslauer Architektengesellschaft (SARP) verleiht jedes Jahr einen Preis für die beste Plombe. Der Preis ist nicht hochdotiert, genießt aber sehr großes Ansehen im Milieu.

Am 9. Mai dieses Jahres (1995 d.Red.) wurde das in Kriegszeiten zerstörte, wieder restaurierte, Denkmal von Friedrich Schiller im Szczytnicki-Park enthüllt. Die Idee, der Stadt das Denkmal des deutschen Dichters anläßlich des fünfzigsten Jahrestages des Kriegsendes und des 190. Geburtstags Schillers zurückzugeben, kam von der von Breslauer Intellektuellen gegründeten Gesellschaft "Das Theater an der Oder". Das Schiller-Denkmal ist erst der Anfang - die Gesellschaft will in Breslau ein deutsch-polnisches Theaterfestival organisieren. Die polnischen Theater sollen deutsche Stücke und die deutschen Theater polnische Stücke spielen. Zur Enthüllung des Schiller-Denkmals wurde ein Kompromißwerk aufgeführt - das Libretto aus "Don Carlos" von Verdi entstand nach Motiven des Dramas von Schiller.

Die "Gesellschaft der Freunde Breslaus" entstand im Jahre 1956, um den polnischen Charakter der Stadt zu propagieren. Seit kurzem erforscht sie die zur Zeit der Volksrepublik Polen tabuisierte Geschichte. Sie gab einen Breslauer Stadtplan mit den Vorkriegs- und den heutigen Straßennamen und einen sehr interessanten Führer über Breslauer Ereignisse heraus. Im Bewußtsein vieler Breslauer, die die Deutschen nicht mögen und/oder Angst vor ihnen haben, ist die "Gesellschaft der Freunde Breslaus" jedoch noch immer das Symbol der früheren guten Zeiten, als Breslau nur piastisch war, und Schluß! Also beschweren sie sich auch, daß die Cafés und Restaurants ihre Menüs in deutscher und polnischer Sprache aushängen. Sie beschweren sich über die Schilder in deutscher Sprache, über "Die Westzeitung" (Gazeta Zachodnia) mit der deutschen Mutation, über das Hotel "Panorama" in der Stadtmitte, das im Sommer fast ein deutsches Hotel ist , über die Herbstausstellung "Schlesische Künstler" im Rathaus, in der - wie sie sagen - kein einziger Pole ausgestellt sei. Sie schreiben, wenn das so weitergehe, würden die Deutschen die Stadt aufkaufen. (Elwro [eine Fabrik] hätten sie schon gekauft und die Belegschaft gehen lassen.). "Es ist schwer, Ausgewogenheit zu bewahren, solche Zeiten haben wir jetzt", sagt Wieslaw Geras, seit 50 Jahren in der "Gesellschaft der Freunde Breslaus" aktiv.

Malgorzata Murawa-Swiatkiewicz, MBA, Consultant, International Busisness & Strategic Management. Groß, schlank, elegant. Verheiratet, ein Kind. Im Jahre 1983 beendete sie das Informatikstudium an der Breslauer Technischen Hochschule und arbeitete wissenschaftlich. Dann erhielt sie ein Stipendium der österreichischen Regierung und beendete im Jahre 1993 als einzige Polin die hochangesehene zweijährige Schule für europäische Manager - MBA Krems in Österreich - mit Auszeichnung. Zuerst arbeitete sie selbständig als "Consultant" in der Elektronikbranche, danach band sie sich per Vertrag an die Consultingfirma "Company Assistance". Company Assistance bildet mit PKO SA (polnische Sparkasse) und der britischen Bank Barclays ein Konsortium für die Verwaltung des Fonds Nr. 3 im "Programm für Allgemeine Privatisierung". Malgorzata Murawa-Swiatkiewicz arbeitet in Warschau. Jeden Freitag fährt sie nach der Arbeit zum Flughafen und fliegt nach Breslau. Zur Familie. Zu den Freunden. Zu den Pflichten. Im Stadtrat hat sie angefangen sich ehrenamtlich mit der internationalen Promotion der Stadt zu befassen. Montagfrüh fliegt sie nach Warschau, zur Arbeit. Fünf Tage in Warschau, zwei Tage in Breslau. Sie wollte aus Breslau nicht wegziehen. Der Chef, ein Amerikaner, verstand das. Wohnen in der einen und arbeiten in der anderen Stadt - ok. An einen Umzug denkt sie nicht. Nur in Breslau, sagt sie, fühle sie sich wirklich wohl. Hier hat sie Freunde. Hier hat sie ein Haus.

Im Text wurden u.a. folgende Ausarbeitungen herangezogen: "Polacy wobec Niemców" [Die Polen gegenüber den Deutschen], Hrsg. Anna Wolff-Poweska; "Zycie codzienne we Wroclawiu 1945-1948" [Das Alltagsleben in Breslau 1945-1948] von Marek Ordykowski; "Niemcy na Dolnym Slasku w latach 1945-1970" [Die Deutschen in Niederschlesien 1945-1970] von Beata Ociepka.

* Der Artikel von Wlodzimierz Kalicki erschien im Magazin (Nr. 36 (132) der Gazeta Wyborcza am 8. September 1995. In Transodra Nr. 8/9 druckten wir seinen Artikel "Streit um die Rinne" ab, in dem er versucht, die Etappen des Streits zu rekonstruieren, der zwischen der DDR und der VR Polen um die Kontrolle der Fahrrinne in der Pommerschen Bucht ablief. Kalicki wurde am 28.7.1997 in Dresden mit dem deutsch-polnischen Journalistenpreis, gestiftet von den Regierungs- und Wojewodschaftssprechern der Grenzregion, für eine Artikelserie über den langen Weg der deutsch-polnischen Versöhnung ausgezeichnet, die auch als Buch herauskommen wird.

 

Übersetzung aus dem Polnischen:

Agnieszka Pufelska / R.H.