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TRANSODRA 23, 2001

Die "Jedwabne-Debatte" in polnischen Zeitungen und Zeitschriften

herausgegeben von Ruth Henning

Dokumentation

von 53 Texten aus:

Dziennik Baltycki, Gazeta Polska, Gazeta Pomorska, Gazeta Wyborzca, Glos Szczecinski, Kontakty, Kurier Poranny, Polityka, Res Publica Nowa, Rzeczpospolita, Tygodnik Powszechny, Tygodnik Solidarnosc, Wiez, Wprost, Znak, Zycie




Kalendarium

Das Kalendarium stützt sich auf die Presseberichterstattung in Rzeczpospolita und Gazeta Wyborcza sowie auf die beiden dort veröffentlichten Kalendarien vom 10. Juli 2001.

22.6.1941 Am 22. Juni überfällt die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Die sowjetische Armee zieht sich aus den Gebieten um Lomza und Bialystok zurück. Am 23. Juni marschieren die Deutschen in Jedwabne ein. Der Wehrmacht folgen Sondereinheiten, die "Einsatzgruppen" zur Erfüllung "besonderer sicherheitspolizeilicher Aufgaben im rückwärtigen Armeegebiet". Am 2. Juli bekommen die Höheren SS- und Polizeiführer (Einsatzgruppenkommandeure) von Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes schriftliche Instruktionen, kommunistische Funktionäre, Juden und "sonstige radikale Elemente" sofort zu exekutieren. Dieser Befehl bezog sich entweder bereits zu diesem Zeitpunkt auf alle in der Sowjetunion lebenden Juden, oder er wurde einige Wochen nach Feldzugbeginn auf alle jüdischen Bewohner ausgeweitet. Ein wichtiger Hinweis darauf ist die Einsatzgruppenmeldung Nr. 111 vom 12. Oktober 1941, aus der hervorgeht, daß es von Anfang an das Ziel war, alle Juden zu töten. Ende Juni/Anfang Juli erließ Reinhard Heydrich einen Befehl, die Polen zu sog. Selbstreinigungsaktionen (Pogrome gegen die Juden) zu provozieren. (Vgl. Enzyklopädie des Holocaust, Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Stichworte Einsatzgruppen und Reinhard Heydrich.)
27.6.1941 Hunderte Juden werden von einem Einsatzgruppenkommando in der Synagoge in Bialystok bei lebendigem Leib verbrannt. Bereits in den ersten beiden Wochen der Besatzung werden von den Deutschen in den verschiedensten Orten tausende Juden ermordet.
Ende Juni/Anfang Juli Teile der örtlichen polnischen Bevölkerung überfallen Geschäfte der jüdischen Mitbürger, schlagen und plündern. Es gibt Tote. So geschieht es in: Tykocin, Stawiski, Goniadz, Grajewo, Kolno, Suchowola, Szczuczyn, Trzcianny, Wizna, Zaremby Koscielne. In Wasosz, Radzilów und Jedwabne kommt es zur fast vollständigen Vernichtung der ansässigen jüdischen Bevölkerung.
5.7.1941 Zeugenberichten zufoge zerren in Wasosz Einwohner ihre jüdischen Mitbürger aus den Wohnungen und überfallen sie mit Beilen. Die Ermordeten und Verletzten werden auf Fuhrwerke verladen und außerhalb der Stadt in die dort zur Panzerabwehr ausgehobenen Gräben geworfen.
7.7.1941 Zeugenberichten zufolge treiben in Radzilów Nachbarn die jüdische Bevölkerung in eine Scheune und verbrennen sie. Die Entkommenen werden gejagt und in der Nähe der Scheune erschossen und vergraben.
10.7.1941 In Jedwabne wird Zeugenaussagen zufolge die jüdische Bevölkerung gezwungen, den Marktplatz zu säubern. Ein Teil von ihnen muß das von den Sowjets errichtete Lenindenkmal demontieren und wegtragen. Gemordet wird an verschiedenen Stellen des Ortes. Später wird die Menge zur Scheune getrieben und und bei lebendigem Leib verbrannt. Seit Anfang Juli gibt es in Jedwabne einen deutschen Gendarmerieposten. Die Ermordung der Juden geschieht auf Befehl oder mit Zustimmung der Deutschen bzw. auf deren Anstiftung hin. Zeugenberichten zufolge sind es jedoch polnische Nachbarn die die jüdische Bevölkerung in einer Scheune verbrennen.
Frühling 1945 Nachdem bekannt wird, daß Antonina Wyrzykowska während des Krieges sieben Juden aus Jedwabne, unter ihnen Szmul Waserstajn, versteckt hatte, kommen polnische Partisanen und verlangen die Herausgabe "des" Juden. Sie würden ihn umbringen, den Wyrzykowskis selbst aber nichts antun. Frau Wyrzykowska sagt, "er" sei bereits weggefahren. Daraufhin wird sie zusammengeschlagen.
5.4.1945 Szmul Waserstajn berichtet der Jüdischen Historischen Kommission in Bialystok über die Ermordung der Juden in Jedwabne. Auf diesen Bericht stützt sich Jan Tomasz Gross in seinem Buch "Nachbarn": "Den Befehl gaben die Deutschen, aber die polnischen Rowdys griffen ihn willig auf und führten ihn in der grauenhaftesten Art und Weise aus."
  Zusammen mit anderen geretteten Juden und Antonina Wyrzykowska flieht Waserstajn über die grüne Grenze nach Österreich. Von dort fahren sie in die USA. Antonina Wyrzykowska kehrt nach Polen zu ihrer Familie zurück. Aber sie muß mehrmals ihre Adresse ändern. Mit Szmul Waserstajn bleibt sie befreundet. Er stirbt im Februar 2000 in Costa Rica.
1945/1946 Weitere vor der Ermordung gerettete Juden berichten als Zeugen vor der Jüdischen Historischen Kommission in Bialystok.
Mai 1949 12 Personen, unter ihnen Zygmunt Laudanski (12 Jahre Gefängnis, abgebüßt 6) und sein Bruder Jerzy (15 Jahre Gefängnis, abgebüßt 8) werden von einem Gericht in Lomza wegen Beteiligung an der Ermordung der jüdischen Bevölkerung von Jedwabne verurteilt.
1949 bis 1956 Es finden weitere Prozesse statt, in denen Personen angeklagt werden, an Verbrechen in Radzilów, Wizna, Goniadz, Szczuczyn und Wasosz beteiligt gewesen zu sein.
60 er Jahre Im Institut Yad Vashem in Jerusalem berichten Awigdor Kochav und Boleslaw Lewin aus Wizna sowie Chaja Wasersztajn aus Radzilów als Zeugen.
  Der Verband der Kämpfer für Freiheit und Demokratie (ZBoWiD, offizielle, einzige erlaubte Organisation der polnischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs), Abteilung Lomza, errichtet in Jedwabne einen Gedenkstein mit der Inschrift: "Ort der Hinrichtung der jüdischen Bevölkerung. Gestapo und Nazi-Gendarmerie verbrannten 1.600 Personen bei lebendigem Leib.10.7.1941".
1966 Szymon Datner verfaßt für das Bulletin des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau den Artikel "Die Vernichtung der Juden im Bezirk Bialystok". Aus dem Text geht hervor, daß der kollektive Mord an den Juden in Wasosz, Radzilów und Jedwabne von polnischer Hand begangen wurde, allerdings bezeichnet der Autor die Täter nicht als "Polen", sondern spricht von "Banden" und Abschaum". Der Band wird jedoch erst im Jahre 1969 veröffentlicht, kurze Zeit nach der antisemitischen Kampagne von 1968. (Vgl. dazu Andrzej Kaczynski und Andrzej Zbikowski in Rzeczpospolita vom 3.3.2001)
1967 Am Vorabend der von der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei entfesselten Welle des Antisemitismus in Polen nimmt die Bezirkskommission zur Erforschung der nationalsozialistischen Verbrechen in Bialystok das Verfahren von 1949 wieder auf. Stanislaw Ramotowski aus Dziewiecin bei Radzilów, berichtet, der ihn verhörende Staatsanwalt habe ihm eine Strafe für Falschaussagen angedroht, als er aussagte, Polen hätten die Juden von Radzilów verbrannt. Staatsanwalt Waldemar Monkiewicz publiziert später die Untersuchungsergebnisse. Er behauptet, in Jedwabne hätte ein deutsches Todeskommando von über 200 Personen (das Kommando Bialystok unter Führung von Wolfgang Birkner) die Juden auf unbeschreiblich grausame Weise umgebracht, allerdings ohne Belege für diese These vorzulegen.
1980 Das Erinnerungsbuch der Jedwabner Juden "Yedwabne: History and Memorial Book" erscheint.
10.7.1988 Die Regionalzeitung Kontakty aus Lomza druckt eine Reportage von Danuta und Aleksander Wroniszewski ab, in der die Journalisten versuchen mit den Einwohnern von Jedwabne über das Verbrechen zu sprechen. Sie schenken dem Bericht von Szmul Waserstajn selbst keinen Glauben, zitieren ihn aber ausführlich. Am 4. März 1993 erscheint eine Reportage über die Ermordung der Juden in Radzilów und am 15. Juni 1995 eine weitere über Wasosz. Diese Veröffentlichungen bleiben jedoch ohne Echo.
1995 Im Jahre 1995 wird in Wasosz eine Gedenktafel mit einer neuen Inschrift aufgestellt. Die frühere Inschrift "Hier ruhen von den Faschisten ermordete Juden" wird entfernt und ersetzt durch den Text "Hier ruht die Asche von 250 Juden, die im Juni 1941 bestialisch ermordet wurden. Ehre ihrem Andenken."
18.4.1999 Das polnische Fernsehen zeigt den Dokumentarfilm "Wo ist mein älterer Sohn Kain?" von Agnieszka Arnold. Der Film zitiert aus dem Bericht Szmul Wasersztajns über die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Jedwabne durch ihre polnischen Nachbarn.
Februar 2000 In der Festschrift für den Historiker Tomasz Strzembosz "Europa nieprowincjonalna" (Nichtprovinzielles Europa) veröffentlicht Jan Tomasz Gross den Zeugenbericht Szmul Wasersztajns. Anders als Danuta und Aleksander Wroniszewski schenkt Gross dem Bericht Glauben und fordert dazu auf, weitere Fälle polnischer Beteiligung an der Judenvernichtung zu untersuchen.
Anfang Mai 2000 In Rzeczpospolita erscheinen am 5. und am 19.5. Reportagen von Andrzej Kaczynski über den Mord in Jedwabne und Radzilów.
  Die rechtskatholische, nationalistische ZeitungNasz Dziennik (Unser Tageblatt) erklärt die Berichte umgehend für eine Fälschung, die nur dazu dienen solle, von Polen Entschädigungszahlungen zu erpressen.
  Gazeta Wyborcza schweigt ü ber ein halbes Jahr hartnäckig zu diesem Thema.
8.5.2000 Vertreter der Jedwabner Stadtverwaltung, des Verbandes der Jüdischen Gemeinden und der Kanzlei des Ministerpräsidenten vereinbaren eine Zusammenarbeit bei der Aufklärung der Wahrheit über die Ermordung der jüdischen Bevölkerung im Juli 1941 und bei der Festlegung der Aktivitäten zum Gedenken an die Opfer des Verbrechens.
Mitte Mai 2000 Der Verlag Pogranicze in Sejny bringt das Buch "Nachbarn. Die Geschichte der Vernichtung einer jüdischen Kleinstadt" von Jan Tomasz Gross in polnischer Sprache heraus. Gross übernimmt in seinem Buch die Zahl von 1.600 ermordeten Juden, die auf dem Gedenkstein in Jedwabne steht.
19.5.2000 Auf Initiative des Außenministeriums findet eine Konferenz von Historikern und Mitarbeitern der Hauptkommission zur Erforschung der Verbrechen gegen das polnische Volk (die Kommission wurde kurz darauf in Hauptkommission zur Verfolgung der Verbrechen gegen das polnische Volk umbenannt), sowie Vertretern der Kanzlei des Ministerpräsidenten und des Außenministeriums statt.
10.7.2000 Der Bürgermeister von Jedwabne, Krzysztof Godlewski, und der Vorsitzende des Stadtrats, Stanislaw Michalowski, legen am 59. Jahrestag des Verbrechens einen Kranz am Ort der niedergebrannten Scheune nieder. Die Schleife trägt die Aufschrift "Den ermordeten Einwohnern Jedwabnes jüdischer Nationalität zur Erinnerung und zur Mahnung - die Bevölkerung."
Juni 2000 In der polnisch-jüdischen Zeitschrift Midrasz erscheint eine Reportage von Jaroslaw Lipszyc über die Reaktion der heutigen Einwohner von Jedwabne auf die Berichte über den Massenmord. Sie zeigen sich verschlossen und verhalten sich abwehrend.
1.9.2000 Das Institut zum Nationalen Gedenken (IPN) eröffnet ein Ermittlungsverfahren zur Aufklärung des Verbrechens in Jedwabne. Vorsitzender des IPN ist Professor Leon Kieres. Das Untersuchungsverfahren leitet Staatsanwalt Radoslaw Ignatiew. Die historisch-wissenschaftliche Begleituntersuchung führt Edmund Dmitrów, Leiter des regionalen Büros für öffentliche Bildung des IPN in Bialystok, durch.
18.11.2000 Nach sechsmonatigem Schweigen erscheinen die ersten Artikel zum Buch von Jan Tomasz Gross bzw. zum Mord an der jüdischen Bevölkerung in Jedwabne in Gazeta Wyborcza. Jacek Zakowski spricht mit dem Historiker Tomasz Szarota und schreibt einen eigenen Artikel, in dem er eine kollektive Verantwortung für früher begangene Verbrechen verneint und Gross vorwirft, er spreche die "Sprache des Unheils, der ethnischen Kriege". Tomasz Szarota wirft Gross vor, er habe nicht alle Quellen untersucht, insbesondere sei die Frage ungeklärt, ob nicht deutsche Einsatzgruppen den Mord angestiftet und durchgeführt hätten, wenn auch unter Mithilfe polnischer Nachbarn. Damit ist das Schweigen gebrochen, nicht nur in Gazeta Wyborcza. In fast allen polnischen Zeitungen entfaltet sich eine breite Debatte über die Frage der Verantwortung für dieses Verbrechen, über die polnisch-jüdischen Beziehungen, über polnischen Antisemitismus, "jüdische Kollaboration" mit den Sowjets, über den Anteil von Juden am Kader des polnischen Sicherheitsapparats usw. Als Hauptgegner von Gross erweist sich der Historiker Tomasz Strzembosz. Er schreibt über die "jüdische Kollaboration mit den Sowjets" als Ursache späterer Rache seitens der polnischen Bevölkerung. Später (nach Lektüre der Prozeßmaterialien) stellt er die von Gross vorgestellten Fakten und die Glaubwürdigkeit der überlebenden jüdischen Zeugen in Frage, vor allem in Rzeczpospolita und Tygodnik Solidarnosc. Auf ihn beruft sich auch die nationalistisch-katholische (Nasz Dziennik, Niedziela) sowie die gesamte rechtsextreme Presse (Nasza Polska, Mysl Polska u.a.). Bezweifelt wird dort nicht nur die Anzahl der Ermordeten, sondern auch die Beteiligung der polnischen Bevölkerung an dem Mord. Die Aufklärung über den Massenmord qualifizieren diese Zeitungen als antipolnische Kampagne und als Versuch, von Polen Geld zu erpressen.
  Im Unterschied zu der im Jahre 1994 in Gazeta Wyborcza von Michal Cichy (vgl. Transodra 6/7 vom Frühjahr 1994) entfachten Diskussion über den Mord an überlebenden Juden des Warschauer Ghettoaufstandes während des Warschauer Aufstandes gelingt es dieses Mal nicht, die Debatte zu ersticken. In Gazeta Wyborcza entfaltet sich eine ausführliche und vielstimmige Polemik.
24.11.2000 Im Historischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften organisiert Professor Jerzy Jedlicki eine Diskussion über das Buch von Gross. Dabei kommt es zu heftigen auch emotionalen Auseinandersetzungen. Tomasz Szarota spricht von teuflischen Details, die Gross nicht aufgeklärt hätte, Jedlicki erklärt demgegenüber, der Teufel sitze nicht im Detail, sondern in der Verallgemeinerung dessen, was in Jedwabne passiert sei. Dozent Jerzy Eisler teilt mit, wenn ihm einer seiner Studenten eine solche Arbeit wie die von Jan T. Gross als Magisterarbeit eingereicht hätte, hätte er ihn hinausgeworfen. Marek Edelman erklärt: "Der Mord von Jedwabne ist nicht der erste und auch nicht vereinzelt. Es begann nicht 1941. Von dem Moment an, als die Deutschen in Polen einmarschierten, herrschte eine Atmosphäre zur Ermordung der Juden." (Vgl. Kurier Poranny, vom 1.12.2000)
6.1.2001 Ryszard Bugaj, ehemaliger Vorsitzender der Arbeitsunion, befürchtet in Gazeta Wyborcza die Devatte über Jedwabne könnte zur Verstärkung des polnischen Antisemitismus und des jüdischen Antipolonismus führen. Nicht die Wahrheit, sondern die Frage "Wem nutzt es?" interessiert ihn. Halte man die These vom antisemitischen Polen aufrecht, so diene das auch der Begründung von Rückerstattungsforderungen gegenüber Polen. Wenn New Yorker Anwälte im Namen einer Gruppe von Juden deren früheres Eigentum zurückforderten, müßten sie beweisen, daß diese Juden ihr Eigentum nach dem Krieg wegen ethnischer Verfolgung nicht zurückbekommen konnten. Die Überzeugung, daß das arme Polen unter dem Druck jüdischer Kreise eine schwere materielle Last auf seine Schultern nehmen müsse, könnte den polnisch-jüdischen Beziehungen sehr schaden, ja eine reale neue antisemitische Welle erzeugen.
24.1.2001 Auf einer Pressekonferenz des IPN, Abteilung Bialystok, erklärt Staatsanwalt Ignatiew, in Bezug auf das Verbrechen in Jedwabne gebe es eine "deutsche Spur". Edmund Dmitrów, Leiter des Büros für öffentliche Bildung des IPN in Bialystok weist daraufhin, daß der Mord in Jedwabne ohne Einverständnis und Wissen der Deutschen nicht möglich gewesen wäre (was niemand behauptet hatte). Dmitrów wird im Auftrag des IPN nach Deutschland fahren und nach Dokumenten im Ludwigsburger Archiv suchen.
2.2.2001 Der Historiker Bogdan Musial erklärt in einem Interview für Zycie auf die Frage, welcher Zusammenhang zwischen der sowjetischen Besatzung (1939-41) und dem Antisemitismus bestehe: "Die Sowjets vernichteten das alte bourgeoise und kapitalistische System zusammen mit ihren Repräsentanten, als sie in diese Gebiete einmarschierten. Sie kannten sich jedoch in Personalfragen nicht aus und mußten sich deshalb auf örtliche Quellen stützen. Wer kam in Frage? In Polen herrschten vor dem Krieg zwischen Polen und Juden Spannungen. Das lud geradezu dazu ein, diese Auseinandersetzungen zu instrumentalisieren. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung, die sich nach links orientierte, vor allem die Jugend, begann tatsächlich mit den Sowjets zusammenzuarbeiten. Dadurch begannen die Polen die Juden als Verräter und Verbündete der Sowjets wahrzunehmen. Es war allgemeine Auffassung, daß die kommunistischen Juden die Deportationslisten nach Sibirien vorbereitet hätten. Das ist teilweise wahr." Auf den Hinweis des Interviewers, Tomasz Strzembosz argumentiere ähnlich, erklärt Musial, er stimme vollkommen mit den Thesen von Prof. Tomasz Strembosz (Die verschwiegene Kollaboration, Rzeczposplita 27./28.1.2001) überein.
22.2.2001 Leon Kieres, IPN-Vorsitzender, reist in die USA. Auf einem Treffen mit jüdischen Organisationen erklärt er, zwar kenne man noch nicht den genauen Verlauf der Ereignisse, aber es stehe fest, daß die jüdische Bevölkerung in Jedwabne durch polnische Hand umgekommen sei und bittet dafür als Person Leon Kieres um Vergebung. In Polen wird er angegriffen mit dem Argument, er habe kein Recht sich so zu äußern, bevor nicht das von IPN eingeleitete Verfahren zum Abschluß gekommen sei.
24.2.2001 In seinem Artikel "Mythische Geschichte" in Rzeczpospolita schreibt Bogdan Musial: "Ich glaube nicht, daß Polen die deutsche Version der Vergangenheitsbewältigung oder das amerikanische Herangehen an die Geschichte des Zweiten Weltkriegs braucht." Polen brauche redliche wissenschaftliche Forschung und nicht solche wie die der Wehrmachtsausstellung, der "willigen Vollstrecker Hitlers" (Goldhagen) oder der "Nachbarn" (Gross). Zur Wehrmachtsausstellung: "Nach genauer Analyse der präsentierten Photos und Dokumente stellte sich heraus, daß diese Ausstellung eine primitive Manipulation der Quellen war. Ein Beispiel, wie oft Tatsachen dem ideologischen Druck unterliegen. Daran sollte man denken bei der Diskussion darüber, was sich in Jedwabne ereignet hat."
2.3.2001 Staatspräsident Aleksander Kwasniewski äußert in einem Interview für die israelische Zeitung "Yediot Ahoronot": "Das war ein von Polen in Jedwabne verübter Völkermord an ihren jüdischen Nachbarn....Deswegen müssen wir uns verneigen und um Vergebung bitten." (Rzeczpospolita, Gazeta Wyborcza, 10.7.01) Er kündigt an, er werde am 60. Jahrestag des Mordes in Jedwabne die jüdische Nation im Namen der Polen um Entschuldigung bitten. Diese Äußerung ruft eine monatelange heftige und kontroverse Debatte darüber hervor, ob Präsident Kwasniewski das Recht habe sich zu entschuldigen und in wessen Namen.
4.3.2001 Gazeta Wyborcza und Rzeczpospolita berichten über die Absicht einiger Einwohner von Jedwabne, ein Komitee zur "Verteidigung des guten Namens der Stadt" zu gründen. Diese wollten damit u.a. gegen die ihrer Meinung nach einseitige und ungerechte Berichterstattung protestieren. Für die Gründung des Komitees engagiert sich der örtliche Pfarrer Edward Orlowski und Michal Kaminski, ZChN-Abgeordneter aus Lomza. Den Vorsitz übernimmt Bürgermeister Godlewski. Zwei Konzeptionen stehen sich gegenüber, die des Dialogs und die des Widerstands gegen die "antipolnische Weltkampagne". Bürgermeister Godlewski plädiert für Dialog, Kaminski für Protest gegen die "Kampagne gegen Jedwabne". Einige Tage später wird die Konzeption des Bürgermeisters zurückgewiesen. Dieser zieht sich daraufhin aus dem Komitee zurück.
  Pfarrer Orlowski erklärt, sein Vorgänger Józef Kemblinski habe ihm berichtet, die Deutschen hätten den Mord präzise geplant, vorbereitet und angeführt. Es hätten auch Polen teilgenommen, aber das seien einzelne Verbrecher gewesen und nicht "die Gesellschaft". Deshalb sei es nicht richtig, sich im Namen der Nation zu entschuldigen. Die Einwohner von Jedwabne hätten von dem Verbrechen gewußt und die Wahrheit nicht erst aufdecken müssen. Sie hätten das Recht zu fragen, warum die ganze Sache gerade jetzt an die große Glocke gehängt würde.
5.3.2001 Als Antwort auf einen Brief des Rabbiners von Warschau und Lódz, Michael Schudrich, verbreitet Primas Kardinal Józef Glemp eine Erklärung, in der es heißt, der Episkopat werde Gott für die unbestreitbare Beteiligung von Polen am Verbrechen von Jedwabne um Vergebung bitten. Zu diesem Gebet sollten sich Polen und Juden treffen. Gleichzeitig erklärt er, er werde am 60. Jahrestag des Pogroms nicht nach Jedwabne fahren, denn es komme nicht auf eine "oberflächliche und lauthals vorgetragene Sühne an". Zuvor hatte Priester Professor Michal Czajkowski im polnischen Fernsehen geäußert, er würde sich freuen, wenn der Primas am 10. Juli nach Jedwabne führe. Auf den Satz von Schudrich, der Mord an unschuldigen Menschen sei keine lokale (so Glemp), sondern eine Tragödie für die ganze Welt antwortet Glemp: "Ja, als Menschheit betrauern wir jedes unschuldig vergossene Blut. Die Morde an den Unschuldigen in Jedwabne, in Katyn, in Dachau, in Auschwitz schmerzen uns als Mitglieder der menschlichen Gattung genauso wie die Morde in Ruanda, auf dem Balkan und zwischen den Nachbarn in Palästina."
6.3.2001 Ministerpräsident Jerzy Buzek erklärt, die Beteiligung von Polen am Verbrechen in Jedwabne sei unbestreitbar und fügt hinzu, der Mord sei jedoch weder im Namen der Nation noch im Namen des polnischen Staates verübt worden. Er sei nicht damit einverstanden, wenn der Fall von Jedwabne dazu diene, die falsche These über eine polnische Mitverantwortung für den Holocaust und einen angeborenen polnischen Antisemitismus zu verbreiten.
9.3.2001 In Rzeczpospolita äuß'ert sich Edward Klein, einer der Anwälte, die in Vertretung von etwa einem Dutzend in den USA lebenden jüdischen Personen, eine Klage gegen Polen eingereicht haben und die Rückgabe jüdischen Eigentums fordern. Klein kritisiert das vom Sejm verabschiedete Reprivatisierungsgesetz (gegen das später Staatspräsident Kwasniewski ein Veto einlegt), weil es eine Klausel enthält, daß Anspruch auf Entschädigung nur haben soll, wer heute Staatsbürger der Republik Polen ist. Seiner und seiner Klienten Meinung nach, wäre die Rückgabe des Eigentums an die vor dem Holocaust geretteten Juden der beste Beweis dafür, daß Polen mit der Vergangenheit abrechnen wolle. Sie könnten sich nicht vorstellen, daß Polen das Recht auf Eigentum ignoriere. (Vgl. auch Krzysztof Darewicz, Rzeczpospolita, 2.4.2001)
10.3.2001 Rzeczpospolita veröffentlicht ein Interview mit Rabbiner Jacob Baker. Baker emigrierte im Jahre 1938 aus Jedwabne. "Polen und Juden lebten in Polen fast tausend Jahre zusammen. Natürlich gab es antisemitische Vorfälle, es kam manchmal zu Pogromen und antijüdischen Ausschreitungen. Aber das machten dumme Leute. Solche findet man überall. Noch unter Pilsudski war unser Leben im großen und ganzen gut, denn er hielt das Land in Ordnung und ließ keine Eskalation des Antisemitismus zu. Erst nach seinem Tod verschlimmerte sich alles. Es begannen Verdächtigungen und Feindseligkeiten. Die Leute erlagen der antisemitschen Propaganda der Endecja (Narodowa Demokracja - Nationale Demokratie/ND - gesprochen: EnDe, nationalistische und antisemitische Partei der Vorkriegszeit)." Auf die Frage, was er von den heutigen Polen erwarte, antwortet er: "Reue ist die beste Entschuldigung. Daß eventuell noch lebende Mörder bestraft werden. Daß man den Kindern beibringt, was tatsächlich in Jedwabne geschah, damit sich so etwas nie wiederholt. Daß die Erinnerung an die unschuldigen Opfer wachgehalten und jüdische Friedhöfe gepflegt werden."
11.3.2001 Stanislaw Stefanek, Bischof von Lomza in einer Predigt in Jedwabne: "Meine Freunde in Warschau ... haben mir schon früher gesagt, daß es einen Angriff auf Jedwabne geben wird, und daß es dabei um Geld geht. Die Inspiratoren wollen eine neue Spirale des Hasses in Gang setzen. Derselbe Haß befahl Nero Rom anzuzünden und die Verantwortung dafür den Christen anzulasten. (...) Mit dem unschuldigen Blut der ermordeten Juden werden gegenwärtig die besten Geschäfte gemacht." Er versichert den Einwohnern, daß er sich im Angesicht einer bisher nicht gekannten Propagandaattacke auf Jedwabne mit ihnen in ihrem Leid vereine. Vor und während dieser Messe verteilt Leszek Bubel (berüchtigter Antisemit) die rechtsradikalen Zeitungen Tylko Polska und Kwartalnik Narodowy sowie "Die Protokolle der Weisen von Zion" und ein "Werk" von Bubel "Polnisch-jüdischer Krieg um das Kreuz und nicht nur darum".
11.3.2001 Jan Nowak-Jezioranski, legendärer Kurier der Heimatarmee (der Londoner Exilregierung unterstellte Untergrundarmee im besetzten Polen) fordert in einer Erklärung dazu auf, sich möglichst schnell für das Verbrechen in Jedwabne zu entschuldigen. "Individuell verantwortlich für ihre Taten vor Gott und den irdischen Gerichten sind nur die Verbrecher. Wenn wir aber kollektiven Stolz fühlen wegen der Errungenschaften individueller Polen, dann müssen wir auch ein kollektives Schamgefühl entwickeln. Eine Scham für den ungewöhnlich bestialischen Mord an Frauen, Männern, Kindern und alten Menschen in Jedwabne, ausgeführt von polnischer Hand. (...) Wenn wir das Verbrechen rechtfertigen, herunterspielen oder die Verantwortung auf die Opfer schieben ... kann die polnische Nation in den Augen der Welt zum Komplizen des Verbrechens werden."
14.3.2001 Jesuitenpater Stanislaw Musial antwortet Bischof Stanislaw Stefanek: "Ich hätte von den Seelsorgern der katholischen Kirche in Polen erwartet, daß sie nicht Zeit damit verlieren, mildernde Umstände für das Verbrechen in Jedwabne zu suchen, sondern daß sie den Polen-Katholiken helfen, deren Vorfahren ihre Hände mit unschuldigem jüdischem Blut besudelt haben, den Weg zu Gott und zur Bürger-Gesellschaft, zum Frieden und zu sich selber zu finden. Leider hat die Kirche in Polen diese seelsorgerische Arbeit nicht geleistet, nicht unmittelbar nach dem Krieg und auch später nicht. Ich hätte auch erwartet, daß Sie mit ihrer Autorität alle Äußerungen von Haß, wie sie in den katholischen Massenmedien anzutreffen sind, entgegentreten, denn der geäußerte Haß verschwindet nicht, sondern endet früher oder später in einem Verbrechen - das hat uns Jedwabne überdeutlich gezeigt." (GW)
  Auf seiner 310. Plenarkonferenz beschließt der polnische Episkopat keine Erklärung zu Jedwabne. Der Sprecher des Episkopats, Adam Schulz, erklärt, es brauche noch Zeit, um die Wahrheit kennenzulernen. Die Bischöfe würden ihren Standpunkt formulieren, wenn die ganze Wahrheit über Jedwabne aufgedeckt sei.
  In Jedwabne wird der Gedenkstein zur Erinnerung an die am 10. Juli 1941 ermordete jüdische Bevölkerung, auf der als Täter ausschließlich Deutsche genannt werden, beseitigt.
15.3.2001 Das IPN verbreitet eine offizielle Stellungnahme zu Jedwabne: " (...) Die Aufgabe des IPN ist es, alle Umstände des Verbrechens in Jedwabne aufzuklären und die Täter zu benennen. Das IPN ist davon überzeugt, daß die Ermordung der jüdischen Nachbarn nicht im Namen der polnischen Nation erfolgte. (...) Wir müssen das Verbrechen mit seinem eigenen Namen bezeichnen. Die Zugehörigkeit zur Familie der zivilisierten Nationen schließt jede Art von Rechtfertigung der Ermordung von Kindern, Frauen und Männern aus nationalen, politischen, sozialen, rassischen oder religiösen Gründen aus ... Nach Beendigung des Verfahrens wird der tatsächliche Verlauf dieser Tragödie aufgezeigt, alle heute noch zugänglichen Beweise werden zu Rate gezogen. (...)" Nach Abschluß des Verfahrens sollen die Untersuchungsmaterialien in einem Weißbuch veröffentlicht werden.
15.3.2001 Der Historiker Tomasz Strzembosz teilt der polnischen Presseagentur PAP mit, sein Studium der Ermittlungs- und Prozeßakten aus dem Jahre 1949 in Lomza habe gezeigt, daß Deutsche die Einwohner von Jedwabne gezwungen hätten, sich an der Aktion zu beteiligen, vor allem an der Bewachung der Juden auf dem Marktplatz. Jan T. Gross, der sich auf dieselben Akten stütze, habe diese Fakten nicht berücksichtigt, als er behauptete, der Mord an den Juden sei von der polnischen Bevölkerung selbständig und freiwillig verübt worden.
15.3.2001 Bronislaw Geremek, damaliger Vorsitzender der Freiheitsunion, schlägt vor, zusammen mit dem Staatspräsidenten eine gemeinsame Haltung der wichtigsten politischen Kräfte zu Jedwabne zu formulieren. Diesen Vorschlag unterstützt Leszek Miller vom Bündnis der Demokratischen Linken. Der ZChN-Vorsitzende, Stanislaw Zajac, und der stellvertretende Vorsitzende der Bauernpartei PSL, Marek Sawicki, ziehen es vor, den Abschluß des IPN-Verfahrens abzuwarten.
16./17.3.2001 Adam Michnik äußert sich zeitgleich in Gazeta Wyborcza und New York Times zu Jedwabne ("Der Schock von Jedwabne")
17.3.2001 Der Rat zum Schutz des Gedenkens an Kampf und Martyrium (Rada Ochrony Pamieci Walk i Meczenstwa) stellt seine Konzeption zum Gedenken an die ermordete jüdische Bevölkerung in Jedwabne vor: Der Ort, an dem die ermordeten Juden begraben sind, die frühere Scheune also, soll den Status eines Kriegsfriedhofs erhalten und unter staatlichen Schutz gestellt werden. Ein neues Denkmal mit zweisprachiger (polnischer und hebräischer) Inschrift soll errichtet werden; nach genauer Untersuchung soll eine Namensliste der Opfer hinzugefügt werden. Der alte jüdische Friedhof soll in Ordnung gebracht und gepflegt werden. Der Grundriß der Scheune soll sichtbar gemacht werden. Auf einer Tafel soll über den jüdischen Friedhof und die jüdische Gemeinde in Jedwabne informiert werden. Im Zentrum der Stadt soll der Ort gekennzeichnet werden, an dem die seit 1770 existierende Synagoge stand, die während des ersten Weltkriegs von den Deutschen niedergebrannt worden war, dann in den 30er Jahren wiederaufgebaut und im September 1939 von den Deutschen erneut niedergebrannt wurde.
20.3.2001 Rzeczpospolita zitiert Umfrageergebnisse vom 10./11.3.2001 (durchgeführt von PBS in Sopot). 40% der Befragten erklären ihre Zustimmung zur Absicht des Staatspräsidenten, wegen der Beteiligung von Polen an dem Verbrechen in Jedwabne um Vergebung zu bitten. 35% sind dagegen und 25% haben keine Meinung. Die Hälfte der Befragten hat davon gehört, daß die Jedwabner Juden vernichtet wurden, und daß sich daran polnische Nachbarn beteiligt hatten.
26.3.2001 In der Warschauer Direktion des Staatsarchivs werden den Journalisten neue Dokumente vorgestellt. Es sind Gerichtsakten aus Lomza, hauptsächlich aus dem Jahr 1947. In 28 Fällen ging es um die gerichtliche Feststellung des Todes von Personen, deren Erben diese Feststellung beantragt hatten. Es handelte sich um 19 Zeugen, davon 5 jüdischer Nationalität. In den Zeugenaussagen wird davon gesprochen, daß die Deutschen in Jedwabne die jüdische Bevölkerung in einer Scheune verbrannt hätten, von Polen ist in diesem Zusammenhang keine Rede. Nach Meinung der Archivdirektorin ist bei der Einschätzung dieser Akten Vorsicht angebracht. Gegenstand des Verfahrens sei nicht das Verbrechen in Jedwabne gewesen. Eine Beteiligung Deutscher an dem Verbrechen sei durch diese Dokumente wahrscheinlicher geworden.
28.3.2001 Pressekonferenz im Staatsarchiv, Abteilung Bialystok: Der Historiker Jan Jerzy Milewski, Mitarbeiter des IPN in Bialystok, stellt statistische Daten aus einer Volkszählung im Jahr 1940 vor, die er im Archiv der Kommunistischen Partei des westlichen Weißrußland entdeckt hatte. Danach lebten 1940 in Jedwabne 562 Personen jüdischer Nationalität, in Radzilów etwa 500, in Wizna 467, in Wasosz 154.
30.3.2001 Radoslaw Ignatiew, Staatsanwalt der Bialystoker Bezirkskommission zur Verfolgung der Verbrechen gegen das polnische Volk gibt bekannt, das Verfahren zur Untersuchung der Ermordung von 800 Juden am 7. Juli 1941 in Radzilów werde wiederaufgenommen.
31.3.2001 In ihrer Reportage "Bitte kommen Sie nicht mehr hierher" berichtet Anna Bikont in Gazeta Wyborcza über einen erneuten Besuch in Jedwabne (sie hatte bereits am 10./11.3.01 die Reportage "Wir aus Jedwabne" veröffentlicht). Die Einwohner Jedwabnes seien eingeschüchtert und wollten nicht mehr mit ihr reden. Der Ort werde mit antisemitischen Zeitungen und Broschüren überschüttet. Verwandte hätten ihr den Zutritt zu einer alten Frau, mit der sie vor der ersten Reportage gesprochen hatte, verweigert. Andere Zeugen bäten um Anonymität. Mit einem Verzeichnis ehemals deutschen und ehemals jüdischen Grundbesitzes vom 3.9.1946 in der Hand geht sie durch die Kleinstadt. In der zum Markt führenden Przytulskastraße gehörten fast alle Häuser jüdischen Bewohnern
  In Rzeczpospolita erscheint ein weiterer Artikel von Tomasz Strzembosz unter dem Titel "Ein anderes Bild der Nachbarn". Tomasz Strzembosz beschuldigt Jan T. Gross, er habe nur diejenigen Aussagen aus den Akten von 1949 aus Lomza zitiert, die in seine vorher feststehende Meinung gepaßt hätten, daß nicht Deutsche, sondern polnische Nachbarn ihre jüdischen Mitbürger bei lebendigem Leib verbrannt hätten. In dem Artikel werden eine Unmenge von Zeugenaussagen während des Untersuchungsverfahrens und vor Gericht zitiert und gegenübergestellt. Strzembosz zufolge sollen die Aussagen vor Gericht (in denen in der Regel eine Beteiligung an dem Verbrechen abgestritten wird) der Wahrheit näher kommen, als die während der Ermittlung. Strzembosz "zählt" aus den Akten 23 polnische Täter, die an irgendeiner Phase des Verbrechens teilgenommen hätten und zwar hauptsächlich an der Bewachung der Juden auf dem Marktplatz. Das sei nicht die polnische Bevölkerung von Jedwabne, sondern eine Gruppe von Männern gewesen, unter ihnen Karol Bardon (der nicht als Vertreter des Polentums bezeichnet werden könne, da er im Teschener Schlesien geboren, deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg und außerdem seit Beginn der deutschen Besatzung in der Gendarmerie gewesen sei), zwei weitere ortsbekannte Säufer und ein bekannter Bandit. Der Bericht von Szmul Waserstajn, auf den sich Gross u.a. in seinem Buch stütze, sei somit nicht durch andere Quellen bestätigt.
  In der nationalistischen und antisemitschen Wochenzeitung Glos [Stimme]schreibt Herausgeber Antoni Macierewicz, seit den Wahlen im Herbst 2001 mit der Partei Liga Polskich Rodzin [Liga polnischer Familien] im Sejm vertreten: "Gross und der sich auf dessen Thesen stützende Kwasniewski führen die UB-Linie [UB - Amt für Sicherheit] der Anklagen gegen Polen fort. Ihr Standpunkt hat nichts mit der Wahrheit oder historischer Analyse zu tun. Es handelt sich um eine politische Fälschung, die gegen die polnische Nation gerichtet ist."
3.4.2001 Das polnische Fernsehen zeigt an zwei aufeinanderfolgenden Abenden den Film "Nachbarn" von Agnieszka Arnold. Im Film treten Zeugen des Verbrechens auf; solche die an dem Verbrechen beteiligt waren, Personen, die damals Juden gerettet hatten sowie Juden, die überlebten bzw. deren Nachkommen.
  Jan T. Gross antwortet auf die Vorwürfe von Tomasz Strembosz in Gazeta Wyborcza. Die sogenannten Enthüllungen seien leere Worte, die nur dazu dienen sollten, die Leute zu verunsichern. Daß Deutsche anwesend und Herren der Situation gewesen seien, nur sie die Entscheidung hätten treffen können, die Juden zu ermorden, habe er selbst in seinem Buch geschrieben. Strzembosz tue alles, um die Sache so hinzustellen, als ob sich der Mord in Jedwabne von anderen Morden in der Gegend nicht unterscheide. Strzembosz habe sich jahrzehntelang mit der Regionalgeschichte von Bialystok beschäftigt und nichts über das Schicksal der dortigen jüdischen Bevölkerung geschrieben. Es kompromittiere ihn, wenn er jetzt nicht zeigen könnte, daß sich in Jedwabne nichts Besonderes ereignet hätte.
6.4.2001 Höchstwahrscheinlich habe das in Ciechanów stationierte Einsatzkommando des SS-Obersturmführers Hermann Schaper die Mordaktionen gegen die Juden in Radzilów am 7.7.41 geleitet, ebenso wie die in Jedwabne, Lomza, Rutki, Wizna und Zambrów, erklärt Edmund Dmitrów nach Recherchen in Ludwigsburger und Freiburger Archiven. Dieses Kommando sei den polnischen Historikern bisher nicht bekannt gewesen. Dmitrów stellt auch fest, das Kommando Bialystok von Wolfgang Birkner hätte nicht im Gebiet von Lomza agiert (das war von Staatsanwalt Monkiewicz behauptet und von einigen polnischen Historikern nahegelegt worden). 1963 hatten zwei Zeugen (Icchak Feler aus Tykocin und Chaja Finkelstein aus Radzilów) das Foto von Hermann Schaper unter zwanzig vorgelegten Fotos identifiziert. Das Verfahren gegen Schaper war in Deutschland 1965 eingestellt worden, da die Staatsanwaltschaft zu der Auffassung gekommen war, die Beweise reichten nicht aus, um Schaper anzuklagen. 1976 wurde Schaper wegen Beteiligung an der Ermordung von mindestens 150 Personen in Ciechanów zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. In diesen Prozeßakten gibt es keinerlei Hinweise auf Radzilów und Jedwabne. Über das Kommando Schaper ist nicht viel bekannt. Zeugen hatten davon gesprochen, daß es in zwei PKWs gepaßt hätte. Dmitrów verweist außerdem auf einen Befehl von Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, von Ende Juni/Anfang Juli, die Polen zu sog. Selbstreinigungsaktionen (Pogromen) zu provozieren.
  Unter der Überschrift "Virus in der Kanzlei des Staatspräsidenten" berichtet Rzeczpospolita über drei Personen, denen die Zeitung Gazeta Polska nachgewiesen hatte, sich an der antisemitischen Kampagne im März 1968 beteiligt zu haben. Alle bieten ihren Rücktritt an. Präsident Kwasniewski nimmt jedoch nur einen Rücktritt (von Kazimierz Morawski) an.
  Außenminister Wladyslaw Bartoszewski lädt Rabbiner Jacob Baker bei seinem Besuch in den USA offiziell zu den Gedenkfeierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Mordes in Jedwabne ein.
11.4.2001 In Rzeczpospolita erscheint eine Antwort von Jan Tomasz Gross "Aber eben doch Nachbarn" auf den Artikel von Tomasz Strzembosz "Ein anderes Bild der Nachbarn", in dem Gross die gegen ihn erhobenen Anwürfe zurückweist. Darüberhinaus erklärt Gross, die Nachrichten, die Edmund Dmitrów aus Ludwigsburg mitgebracht hätte, ließen keine Schlußfolgerungen zu, die über die von Szmul Wasersztajn gemachten Angaben hinausgingen.
16.4.2001 Gazeta Wyborcza berichtet, Pfarrer Edward Orlowski habe nach der Ostermesse in Jedwabne das Buch "Operation Jedwabne - Mythen und Fakten" eines antisemitischen Verlags (Nortom) verkauft. Lech Niekrasz hatte es auf der Grundlage von Texten zusammengestellt, in denen das Buch von Gross angegriffen worden war. Eigenes Quellenstudium habe er nach eigenen Aussagen nicht betrieben. Pfarrer Orlowski kündigte das Erscheinen weiterer Bücher an.
2.5.2001 Umfragen des Meinungsforschungsinstituts CBOS (vom 6.-9.4.01) zufolge, die in Gazeta Wyborcza zitiert werden, haben 83% der Befragten von dem Verbrechen in Jedwabne gehört. 48% sind der Meinung, die Polen sollten sich nicht bei der jüdischen Nation entschuldigen, 30% befürworten eine Entschuldigung.
4.5.2001 Der polnische Episkopat beschließt, am 27. Mai in der Allerheiligenkirche in Warschau einen Bußgottesdienst abzuhalten. Gemeinsam werde man beten und Gott um Vergebung bitten. Primas Glemp erklärt, zu dieser Feierlichkeit solle auch Rabbiner Michael Schudrich eingeladen werden. Er erwarte, daß auch die jüdische Seite sich bei den Polen für ihre Mitwirkung an der Einführung des Kommunismus in Polen entschuldige. Das wisse auch Rabbiner Schudrich.
Mai 2001 Henryk Biedrzycki aus Jedwabne, dessen Großvater die Scheune zur Verbrennung der jüdischen Bevölkerung zur Verfügung gestellt hatte, entscheidet sich nach längeren Verhandlungen, dem Staat das Grundstück, auf dem der Gedenkstein steht, zu verkaufen, obwohl ihm Leszek Bubel, Herausgeber antisemitischer Schriften, eine erheblich höhere Kaufsumme angeboten hatte als der Staat. Bubel ist in Jedwabne häufiger Gast und besucht den örtlichen Priester. Dem Stadtrat schlägt er vor, Edward Moskal, Präsident des Kongresses der amerikanischen Polonia und berüchtigter Antisemit, die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. Ratsvorsitzender Stanislaw Michalowski schließt Bubel aus der Ratssitzung aus.
  Personen, die in Jedwabne offen über die Ereignisse des 10.7.1941 gesprochen hatten, fühlen sich bedroht. Nach einer Serie von Drohungen kehrt Leon Dziedzic, der während des Krieges half, Szmul Wasersztajn zu verstecken, in die USA zurück. Er war nach Jedwabne gekommen, um an den Gedenkfeierlichkeiten am 10. Juli teilzunehmen. Auch sein Sohn Leszek Dziedzic, der offen über den Massenmord von 1941 und über die Nachkriegsatmosphäre gesprochen hatte, verläßt mit seiner Familie Jedwabne.
12.5.2001 Pawel Machcewicz, Leiter des Büros für öffentliche Bildung des IPN, informiert auf einer Pressekonferenz, daß weitere Gerichtsakten aus vier Nachkriegsprozessen gefunden wurden, die die Ermordung der Juden in Radzilów betreffen. Nach dem Krieg habe es auch eine ganze Reihe von Prozessen gegeben, die vergleichbare Ereignisse in Wizna, Goniadz, Szczuczyn und Wasosz zum Gegenstand hatten.
15.5.2001 In einem Interview für die katholische Presseagentur KAI äußert sich Primas Glemp dazu, wofür und bei wem sich der Episkopat entschuldigen wird. Auf die Frage, ob er der Feststellung von Jan Tomasz Gross zustimme, daß es in der Osterwoche oft zu antisemitischen Stimmungen gekommen sei, weil die Priester von der Kanzel das Bild der Juden als Gottestöter in Erinnerung gerufen hätten, antwortet er: "Diese Behauptung erscheint mir unwahrscheinlich. Davon habe ich zum ersten Mal im Buch von Gross gehört. Dieses Buch ist offensichtlich auf Bestellung geschrieben. (...) Es gab damals polnisch-jüdische Antagonismen, aber auf wirtschaftlichem Hintergrund. Die Juden waren schlauer und verstanden es, die Polen auszunutzen - so wurde es jedenfalls empfunden. Ein anderer Grund für die Abneigung den Juden gegenüber war ihre Sympathie für die Bolschewiken. ... Religiöse Gründe spielten im Polen der Vorkriegszeit keine besondere Rolle. Man konnte die Juden wegen ihrer merkwürdigen Folklore nicht leiden. (...)"
22.5.2001 Der Leiter der Abteilung des Staatsarchivs in Lomza, Leszek Kocon, teilt mit, es sei gelungen, die Daten von 900 Personen jüdischer Nationalität festzustellen, die vor dem Krieg in Jedwabne lebten und in dem Pogrom umgekommen sein könnten. Die jüdische Bevölkerung habe den Dokumenten zufolge 40% der Bevölkerung von Jedwabne umfaßt.
  Minister Lech Kaczynski und Rabbiner Michael Schudrich einigen sich, daß in Jedwabne eine vorsichtige Exhumierung der Opfer in Anwesenheit von Rabbinern vorgenommen werden kann. Schudrich hatte sich zuvor gegen eine Exhumierung ausgesprochen, weil die Totenruhe nach jüdischem Glauben nicht gestört werden darf.
24.5.2001 Konstanty Gebert, Mitherausgeber der Zeitschrift Midrasz, kritisiert Art und Ort der beabsichtigten Messe des polnischen Episkopats am 27.5. in Warschau. Rabbiner Schudrich werde trotz Einladung nicht daran teilnehmen. Dafür gebe es mehrere Gründe. 1. Auf den 27. Mai falle der jüdische Feiertag Schawuot, den die religiösen Juden Warschaus in der Synagoge begingen. Sie könnten nicht gleichzeitig an einem christlichen Gottesdienst in der Kirche teilnehmen. 2. Der Verlauf der religiösen Feierlichkeit sei mit keinem jüdischen Vertreter besprochen worden. 3. In der Allerheiligenkirche befinde sich seit längerer Zeit die Buchhandlung Antyk, die eine große Auswahl an antisemitischer Literatur verkaufe. 4. Die Forderung von Primas Glemp, die Juden sollten sich für ihre Zusammenarbeit mit den Kommunisten und für die Mithilfe bei der Deportation von Polen nach Sibirien entschuldigen, sei absurd. Oder ob man das so verstehen solle, daß sich Glemp bei ihm für Boleslaw Bierut entschuldigen wolle, wenn er, Gebert, sich bei dem Primas für Jakub Berman entschuldige.
26.5.2001 In einem Interview mit Jacek Kuron "Unbequeme Wahrheiten" in Rzeczpospolita heißt es: ".. Probleme mit der eigenen Geschichte haben alle Nationen. ... Für uns würde ich sagen, daß ich eine gewisse Chance sehe, daß Jedwabne Ausgangspunkt einer weitergehenden Debatte wird. Aber ich glaube nicht, daß es einen spektakulären Umbruch geben wird. Die Mentalität ändert sich nur langsam, mit kleinen Schritten. Bestimmt ist jetzt ein guter Augenblick um in der Diskussion über schwierige Fragen unserer Geschichte weiterzugehen. Das Problem besteht darin, daß man uns, wir uns selbst als Märtyrernation ausgebildet haben und Schwierigkeiten damit haben, anzuerkennen, daß es noch andere Märtyrernationen gibt. ... Deswegen können sich unbequeme Wahrheiten, wie die, daß wir ähnlich wie andere Nächste gemordet haben, nur schwer durchsetzen, weil sie unser idealisiertes Selbstbild in Frage stellen." Auf die Frage nach der Rolle des Einflusses der Endecja bei dem Massenmord in Jedwabne, dem zeitgenössischen polnischen Antisemitismus und den Beziehungen zu den nationalen Minderheiten antwortet Kuron: "Das Denken von Roman Dmowski traf bei uns auf fruchtbaren Boden, wahrscheinlich weil wir eine Nation waren, die viel erlitten hatte. In dem Werk "Gedanken eines modernen Polen" von 1903 war eine der wichtigsten Ideen, daß die christliche Ethik nur in den individuellen zwischenmenschlichen Beziehungen verpflichtet, während in den Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen und Nationalitäten der nationale Egoismus erlaubt, sogar angebracht ist. Wahrscheinlich triumphierte das Denken Dmowskis wegen dieser Idee. Den politischen Triumph trug Pilsudski davon, den ideellen, erzieherischen Triumph erzielte Dmowski." Vorkurzem habe Wieslaw Chrzanowski (ehemaliger Vorsitzender der Christlich-Nationalen Vereinigung ZChN) erklärt, in Podlachien habe das Denken der Endecja triumphiert. Aber Chrzanowski sehe gar nicht, daß es eben um diese Region gehe, da es dort ja nicht nur in Jedwabne zum Massenmord an Juden durch Polen während des Krieges gekommen sei. "Es fällt schwer, hier keinen Zusammenhang zu sehen." ... "Es bleibt das Problem unserer Verantwortung. Im Grunde genommen war seit langem bekannt, daß Polen Verbrechen an den Juden begangen haben, aber wir haben damit nicht abgerechnet, so wie jetzt. Aber besser spät als nie."
27.5.2001 In der Allerheiligenkirche in Warschau, die während des Krieges an die Ghettomauern grenzte, beten polnische Bischöfe um Vergebung für die Verbrechen, die im Juli 1941 in Jedwabne und anderswo begangen wurden. "Juden wurden zu Opfern und unter den Tätern waren auch Polen und Katholiken, getaufte Personen."  Zum Ende des Gottesdienstes verlas Primas Glemp zwei Gebete, die der Papst am Umschlagplatz in Warschau und an der Klagemauer in Jerusalem gesprochen hatte. Im allgemeinen wird dieser Bußgottesdienst in Polen positiv aufgenommen. Kritik daran äußert u.a. Stanislaw Krajewski. Er kritisiert (Rzeczpospolita, 16.6.01), daß den Worten keine Taten folgen. So habe sich am Verkauf der antisemitischen Literatur durch die Buchhandlung Antyk in dem Gebäude der Allerheiligenkirche nichts geändert. Darüberhinaus bedauert er, daß diejenigen, die in Jedwabne Juden gerettet hätten und über den Mord in Jedwabne offen sprächen, nicht eingeladen waren. Gerade weil sie bis heute angefeindet würden, wäre es notwendig gewesen, sie als Vorbilder für andere herauszustellen.
28.5.2001 Andrzej Przewoznik, Sekretär des Rates zum Schutz des Gedenkens an Kampf und Martyrium, stellt den Text vor, der auf dem neuen Gedenkstein in Jedwabne angebracht werden soll und der (angeblich) mit den Vertretern jüdischer Organisationen konsultiert worden sei: "Zur Erinnerung an die Juden aus Jedwabne und Umgebung, Männer, Frauen, Kinder, Mitbewohner dieser Erde, ermordet, lebendig verbrannt an diesem Ort am 10. Juli 1941. Zur Mahnung an die Nachkommen, daß die durch den deutschen Nationalsozialismus entfachte Sünde des Hasses nie mehr die Bewohner dieser Erde gegeneinander aufbringe."
30.5.2001 Rabbiner Michael Schudrich erklärt, zwar habe Minister Przewoznik ihm den bekanntgewordenen Text für die Inschrift auf dem Gedenkstein in Jedwabne früher vorgestellt, aber er habe sich niemals damit einverstanden erklärt. Das gelte auch für alle übrigen Vertreter jüdischer Organisationen und für die Familienangehörigen der Opfer. Der Text führe in die Irre, da er zum einen die Täter nicht benenne und zum anderen die "Sünde des Hasses" allen zuschreibe, auch den Opfern.
  Während der Exhumierungsarbeiten in Jedwabne wird unerwartet ein Massengrab innerhalb der Scheunenfundamente gefunden. Dort liegen sowohl Teile des Lenindenkmals als auch Gebeine und Asche der Ermordeten. Nach Zeugenaussagen hätte sich dieses Grab auf dem bzw. am Rand des jüdischen Friedhofs befinden sollen. Das zweite Massengrab, 17 mal 9 Meter groß, liege außerhalb der Fundamente der Scheune. Die Exhumierungsarbeiten ließen keine genaue Schätzung der Opfer zu. Die Gebeine der Opfer würden nicht bewegt. Es würde nur die oberste Erdschicht entfernt und dann in die Tiefe gegraben um in etwa die Höhe der Schicht zu bestimmen, in der die Überreste der Opfer liegen.
5. 6.2001 Nach Beendigung der Exhumierungsarbeiten erklärt Justizminister Kaczynski auf einer Pressekonferenz, in Jedwabne seien nicht 1.600 Juden ermordet worden, sondern eine wesentlich niedrigere Zahl. Eher könne man von Hunderten sprechen, genauer von 200 Opfern. Mit der Exhumierung sei das Verbrechen in Jedwabne unbezweifelbar bestätigt worden. Die Experten schätzten die Anzahl der Opfer auf 150 bis 250. Witold Kulesza, Direktor der Hauptkommission zur Verfolgung der Verbrechen gegen das polnische Volk, unterstreicht, die genannten Zahlen beträfen die beiden gefundenen Massengräber und seien nicht identisch mit der Zahl aller am 10.7.1941 in Jedwabne ermordeten Juden. Innerhalb der Grenzen des steinernen Fundaments der Scheune seien etwa 100 Patronenhülsen von bisher ungeklärter Herkunft und ca. 600 persönliche Gegenstände der Opfer gefunden worden: Schlüssel, Nägel, Schmuck, Uhren. Jan T. Gross hatte von 1.600 Opfern gesprochen, eine Zahl, die auch auf dem bisherigen Gedenkstein gestanden hatte. Er forderte vergeblich eine genaue und vollständige Exhumierung - auch gegen jüdischen Protest. Später spricht einer der beteiligten Experten, Prof. Andrzej Kola, in einem Interview in Rzeczpospolita von vermutlich 300 bis 400 Opfern (Rp v. 10.7.2001).
6.6.2001 Pfarrer Orlowski wird in einer von Leszek Bubel verbreiteten Broschüre zitiert: "Ich werde mich nicht entschuldigen, denn das wäre gegen mein Gewissen, weil das nicht Polen getan haben. (...) Gross hat sich auf die Angaben eines Mitarbeiters des Sicherheitsdienstes gestützt, den Polen als Juden versteckt haben." (Damit ist Szmul Wasersztajn gemeint, den zuvor auch Tomasz Strzembosz als Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes bezeichnet hatte, ohne jedoch für diese Behauptung einen Beweis vorzulegen.)
8.6.2001 Ein Teil der Einwohner von Jedwabne und Pfarrer Orlowski propagieren einen Boykott der Trauerfeier am 10. Juli. Der Plan, eine Gegendemonstration zu veranstalten, wird dagegen fallengelassen.
  Der Warschauer Klub der Katholischen Intelligenz (KIK) beschließt, mit einer Delegation an der Trauerfeier am 10. Juli in Jedwabne teilzunehmen.
15.6.2001 Aufgrund des Protestes jüdischer Organisationen und Familienangehörigen der Opfer wird entschieden, die geplante Inschrift auf dem Gedenkstein zu ändern. Nur der erste Satz zur Erinnerung an die Ermordeten soll stehen bleiben. Zur Benennung der "Nachbarn" als Täter ist das Denkmalkomitee nicht bereit.
16.6.2001 Anna Bikont publiziert in Gazeta Wyborcza eine weitere Reportage über den Mord in der Nachbarstadt Radzilów.
20.6.2001 Norman G. Finkelstein schreibt in Rzeczpospolita "Goldhagen für Anfänger": "Das Buch von Gross gehört zur Standard-Literatur des Holocaust-Unternehmens. (...) Anstatt entschieden die Frage des Antisemitismus von der Frage der Entschädigung zu trennen, verbindet Gross sie miteinander. ‘Die Nachbarn’ sind eine weitere Waffe des Holocaust-Unternehmens, um von Polen Geld zu erpressen."
6.7.2001 Am 60. Jahrestag des Verbrechens in Jedwabne nach jüdischem Kalender, findet in der Warschauer Nozyk-Synagoge ein Trauer- und Gedenkgottesdienst für die Ermordeten und die Gerechten unter den Völkern aus Jedwabne, die den Mut hatten, Juden zu retten, statt. An der Feier nehmen die aus Amerika und Israel angereisten Familienangehörigen teil, unter ihnen Chaja Kubran, die eine bewegende Rede hält, schon wissend, daß sie auf der offiziellen Trauerfeier in Jedwabne nicht würde sprechen dürfen. Chaja Kubrans Eltern hatte Antonina Wyrzykowska gerettet. Anwesend ist auch Stanislaw Ramotowski, der seine spätere Frau vor den Mördern hatte retten können. Nach der Ausstrahlung des Films "Nachbarn" von Agnieszka Arnold hatte das Ehepaar die Jedwabner Gegend verlassen. Heute leben sie zusammen in der Nähe Warschaus.

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10.7.2001    Trauerfeier in Jedwabne. Die Ansprache des Staatspräsidenten Aleksander Kwasniewski
  "Vor 60 Jahren, am 10.7.1941wurde hier auf dieser damals von den Nationalsozialisten geschundenen und besetzten Erde ein Verbrechen an Juden begangen. Das war ein schrecklicher Tag. Ein Tag des Hasses und der Grausamkeit. Wir wissen viel über dieses Verbrechen, wenn auch noch nicht alles. Vielleicht erfahren wir die ganze Wahrheit nie. Das hat uns jedoch nicht daran gehindert, heute hier zu sein und mit klarer Stimme zu sprechen. Wir wissen genug, um uns der Wahrheit zu stellen - dem Schmerz, dem Schrei und den Leiden derer, die hier ermordet wurden - vor den heute hier anwesenden Familien der Opfer und vor dem eigenen Gewissen. Es war ein Verbrechen. Nichts kann dieses Verbrechen rechtfertigen. Unter den Opfern, den Verbrannten waren Frauen und Kinder. An den schrecklichen Schrei der in der Scheune eingeschlossenen und bei lebendigem Leib verbrannten Menschen erinnern sich immer noch diejenigen, die Zeugen dieses Verbrechens waren. Die Opfer waren hilf- und schutzlos. Die Verbrecher fühlten sich straffrei, weil die deutschen Besatzer zu diesen Taten aufgerufen hatten. Wir wissen mit vollständiger Sicherheit, daß unter den Verfolgern und Tätern Polen waren. Wir können nicht daran zweifeln - hier in Jedwabne sind Bürger der Republik Polen durch andere polnische Bürger ermordet worden. Menschen bereiteten Menschen und Nachbarn Nachbarn dieses Schicksal.
  Damals vor sechzig Jahren sollte Polen von der europäischen Landkarte verschwinden. In Jedwabne gab es keine polnischen Behörden. Der polnische Staat war nicht in der Lage, seine Bürger vor dem von den Nationalsozialisten erlaubten und inspirierten Mord zu schützen. Aber die Republik Polen hätte in den polnischen Herzen und Gedanken leben sollen. Und ihre Bürger waren den Normen eines zivilisierten Staates, eines Staates mit jahrhundertelanger Tradition der Toleranz und des würdigen Zusammenlebens unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen verpflichtet, bzw. hätten ihnen verpflichtet sein sollen. Diejenigen, die sich an dieser Treibjagd beteiligten, die schlugen, töteten, Feuer legten, richteten sich mit diesem Verbrechen nicht nur gegen ihre jüdischen Nachbarn, sie sind auch gegenüber der Republik Polen schuldig, gegenüber ihrer großen Geschichte und Tradition.
  Wir stehen hier auf dieser unglücklichen Erde. Der Name Jedwabne wurde für die heutigen Einwohner Jedwabnes tragischer Weise zu einem Begriff, der die Dämonen des Brudermordes in die menschliche Erinnerung zurückruft.  Nicht nur in Jedwabne entfachten abergläubische Vorurteile die mörderische Flamme des Hasses in der "Epoche der Verbrennungsöfen". Für den Tod, das Unrecht und das Leiden der Juden in Jedwabne, in Radzilów und anderen Orten, für alle diese schmerzhaften Ereignisse, die einen dunklen Schatten auf die Geschichte Polens werfen, tragen die Täter und die Anstifter die Verantwortung. Man darf nicht von einer Kollektivschuld aller Einwohner irgendeines Ortes oder der ganzen Nation sprechen. Jeder Mensch ist für seine eigenen Taten verantwortlich. Die Söhne erben die Schuld ihrer Väter nicht. Aber ist es erlaubt zu sagen: Das war damals, das waren Andere? Die Nation ist eine Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Individuen und von Generationen. Und deswegen müssen wir der Wahrheit ins Auge blicken. Jeder Wahrheit. Wir müssen sagen: So war es, das ist geschehen. Unser Gewissen wird rein sein, wenn wir in der Erinnerung an diese Tage das Entsetzen und die moralische Empörung in unseren Herzen bewahren. Wir stehen hier, um kollektiv mit unserem Gewissen abzurechnen. Wir verneigen uns vor den Opfern und sagen - nie wieder. Laßt uns heute alle Einwohner von Jedwabne sein. Laßt uns mit ihnen fühlen. Laßt uns gemeinsam das Gefühl der Trauer, der Verzweiflung, der Scham und der Solidarität empfinden. Kain hätte Abel an jedem Ort umbringen können. Jeder Gemeinschaft hätte eine ähnliche Prüfung auferlegt werden können. Gerecht ist derjenige, der im Angesicht des menschlichen Leidens fähig war, barmherzig zu sein. Wie viele Polen, auch Einwohner dieser Gegend, auch Jedwabnes, haben es verdient, Gerechte genannt zu werden. Laßt uns an all diese heute mit größter Dankbarkeit und höchster Achtung denken.
  Durch die große landesweite Debatte über dieses Verbrechen im Jahre 1941 hat sich in unserem Leben viel verändert, in diesem Jahr 2001, dem ersten Jahr des nächsten Jahrtausends. Das heutige Polen ist mutig genug, der Wahrheit über das Grauen, das einen Teil unserer Geschichte verdüstert, ins Auge zu sehen. Wir sind uns unserer Verantwortung für den Umgang mit den dunklen Flecken in unserer Vergangenheit bewußt geworden. Wir haben verstanden, daß diejenigen der Nation einen schlechten Dienst erweisen, die dazu aufrufen, diese Vergangenheit zu leugnen. Eine solche Haltung führt zu moralischer Selbstvernichtung. Gemeinsam mit allen Menschen in unserem Land, die ein empfindsames Gewissen haben, gemeinsam mit den weltlichen und geistlichen moralischen Autoritäten, die unser Verbundensein mit den grundlegenden Werten stärken, ehren wir, die wir uns hier versammelt haben, die Ermordeten und empfinden tiefen Schmerz angesichts der Niederträchtigkeit derjenigen, die diesen Mord begangen haben. Wir bringen unseren Schmerz und unsere Scham zum Ausdruck und wir sind entschieden, die Wahrheit zu suchen, wir wollen mutig sein und die schlechte Vergangenheit überwinden, wir wollen Verständnis und Eintracht erzielen. Wegen dieses Verbrechens sollten wir die Schatten der Toten und ihre Familien um Vergebung bitten. Deswegen bitte ich heute als Mensch, als Bürger und als Staatspräsident der Republik Polen um Vergebung - in meinem Namen und im Namen der Polen, deren Gewissen vom Verbrechen in Jedwabne in Aufruhr versetzt wurde - im Namen derer, die meinen, daß man nicht auf die Größe der polnischen Geschichte stolz sein kann ohne zugleich Schmerz und Scham wegen des Bösen, das Polen Anderen angetan haben, zu fühlen. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß der Name dieser Stadt nicht nur an das Verbrechen erinnert, sondern daß er auch zu einem Zeichen der Gewissensprüfung wird, zu einem Zeichen der Versöhnung. Die polnischen Bischöfe haben am 27. Mai für all diejenigen gebetet, ´die Abneigung und Ressentiments gegenüber der jüdischen Nation hegen’, dafür, ‘daß sie die Gnade der Umstimmung des Herzens’ annehmen. Diese Worte drücken das Gefühl der großen Mehrheit der Polen aus. Also soll diese Umstimmung eintreten. Strengen wir uns an. Die Tragödie, zu der es hier gekommen ist, läßt sich nicht rückgängig machen. Das Böse können wir nicht ungeschehen machen, die Leiden nicht vergessen. Die Wahrheit über das Geschehene ändert nichts an dem, was stattgefunden hat. Eine solche Macht hat die Wahrheit nicht. Aber nur sie, wenn sie auch noch so schmerzt, erlaubt es, die Wunden des Gedächtnisses zu reinigen. Dieser Hoffnung sind wir. Deswegen sind wir hier. Wir äußern unsere Trauer und unsere Bitternis nicht nur deswegen, weil dies der gewöhnliche menschliche Anstand verlangt; nicht deswegen, weil andere das von uns erwarten; nicht als Genugtuung für die Ermordeten; nicht deswegen, weil die Welt uns zuhört. Trauer und Bitternis bringen wir zum Ausdruck, weil wir so fühlen. Am meisten brauchen wir das selbst. Wir tun das, um besser zu werden, um unsere moralische Kraft zu stärken, um uns von Vorurteilen, Wut und Haß zu befreien. Um den Menschen zu achten und die Leute zu lieben. Um das Böse in Gutes zu verwandeln."
 (Aus dem Polnischen von RH)

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10.7.2001 Weder die polnische Regierung noch der polnische Episkopat entsenden offizielle Vertreter zu der Trauerfeier nach Jedwabne. Anwesend sind Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, weitere Politiker und Geistliche. Die örtliche Bevölkerung boykottiert mehrheitlich die Feierlichkeit.
16.7.2001 Nasza Polska, eine nationalistisch-antisemitische Zeitung, druckt eine Erklärung von Edward Moskal, Präsident des Kongresses der amerikanischen Polonia "Demütigung der polnischen Nation" ab. Darin heißt es u.a.: "Die Neigung der polnischen Regierung, die Kriegsverbrechen der eigenen Nation zuzuschreiben, die während der deutschen Besatzung gelitten hat wie keine andere, und deren Angehörige ihr Leben riskierten, um Juden zu retten, ist an sich strafwürdig und verbrecherisch. Handelt es sich dabei nur um einen kurzsichtigen Versuch, sich fremden Interessen anzubiedern, um größere Investitionen anzuziehen und den polnischen EU-Beitritt abzusichern, oder ist es der hinterhältige Beginn einer Aktivität zur 4. und letzten Teilung Polens? (...) Warum kommen die Vorwürfe über angebliche Verbrechen der Polen erst jetzt - sechzig Jahre nach Kriegsende - ans Tageslicht? Vielleicht, weil es jetzt wesentlich schwieriger ist, zu beweisen, daß diese Vorwürfe nicht stimmen?"
6.8.2001 Die Stadtverordneten von Jedwabne nehmen das Rücktrittsangebot des Bürgermeisters Krzysztof Godlewski an (12 dafür, 6 dagegen), ebenso das des Vorsitzenden des Stadtrats Stanislaw Michalowski. Beide hatten die Stadt bei der Trauerfeier am 10. Juli gegen den erklärten Willen der Mehrheit der Stadtverordneten, vertreten. Diese Entscheidung wird später vom Wojewoden für ordnungswidrig erklärt.
23.11.2001 Stanislaw Ramotowski verstirbt 87jährig an Lungenkrebs.
19.12.2001 Staatsanwalt Radoslaw Ignatiew gibt die Untersuchungsergebnisse der in Jedwabne bei der Exhumierung gefundenen Munitionsreste bzw. Patronenhülsen bekannt. Die Untersuchung führte das Zentrale Kriminalistiklabor der Polizeihauptkommandantur in Warschau. IPN gab bekannt, daß weder die Patronenhülsen noch sonstige gefundene Munitionsteile aus dem Jahr 1941 stammten. Der größte Teil stamme aus dem ersten Weltkrieg, ein anderer Teil sei erst ab 1942 benutzt worden. Es gebe keinen Hinweis darauf, daß außer den Gendarmen, eine bewaffnete deutsche Einheit am 10.7.1941 in Jedwabne gewesen sei. Die Anzahl der Opfer des Mordes schätzt IPN inzwischen auf etwa 500 (an drei verschiedenen Orten).

Kalendarium von RH


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